Weibliche Lebenswelten und Frauenemanzipation um 1900 - Einige Hinweise auf neuere Publikationen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Fin de Siècle war nicht nur die hohe Zeit sich wissenschaftlich gebender misogyner Publikationswut, die ihren extremsten Ausdruck in Otto Weiningers Dissertation "Geschlecht und Charakter" und Paul Julius Möbius' Pamphlet "Über den psychologischen Schwachsinn des Weibes" fand, sondern auch die Blütezeit der ersten Frauenbewegung mit so radikalen und scharfzüngigen Protagonistinnen wie Hedwig Dohm und Anita Augspurg. Auch Helene Lange und Gertrude Bäumer gehörten zu den herausragenden Persönlichkeiten der damaligen Frauenbewegung. Unter dem Titel "Macht und Eros" hat Margit Götter den Führerinnen des gemäßigten Flügels der Frauenbewegung eine Untersuchung gewidmet. Kennzeichnend für die "bürgerlichgemäßigte" Frauenbewegung, so die Autorin, wären zum einen das "Führerin/Jüngerin-Verhältnis" und zum anderen die "Freundschaften und Lebensgemeinschaften" der Frauen. Repräsentativer und symbolischer Ausdruck von beidem war das Paar Lange/Bäumer. Göttert gelingt es am Beispiel des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins und der Sozialen Frauenschule in Hamburg nachzuweisen, dass in der gemäßigten Frauenbewegung um Bäumer und Lange das "Prinzip persönlicher Gefolgschaft" dazu diente, den Mangel an politischen Konsens zu verschleiern und ihn zu substituierten. Die politischen Gemeinsamkeiten unter den Gemäßigten bestanden in nicht mehr als der Überzeugung einer "essentialistisch gefassten Differenz der Geschlechter" und der "Notwendigkeit der Hervorbringung einer weiblichen Kultur". Diese Kultur sollte in einem "höhere[n] Ganze[n]" eingefasst sein, wahlweise der Staat, die Volksgemeinschaft oder die Nation. Diese "höhere" Einheit sollte die disparate Frauenbewegung mit ihren unterschiedlichen Kulturen zusammenhalten. Bei aller Kritik an solchen Bestrebungen zeigt sich die Autorin doch von der engen Verwobenheit des Privaten und des Politischen fasziniert, die in dem Versuch zum Ausdruck kam, 'Weiblichkeit' und Macht zu verbinden. Zurecht weist Göttert auf die enge Verwandtschaft der Bestrebungen Langes und Bäumers mit dem seit längerem von Mailänder Philosophinnen propagierten Konzept des "affidamento" hin. Eine feministische Politik essentialistischer Geschlechterdifferenz, die glaubt, auf politische Konzeptionen und Gesellschaftsentwürfe verzichten zu können, so resümiert die Autorin die Geschichte der von Lange geführten Frauenbewegung, führe sich "trotz aller emphatisch beschworenen Liebe und Solidarität unter Frauen" letztlich selbst "ad absurdum". Hiermit ist auch das Konzept des "affidamento" gemeint.

Zwei Sammelbände jüngeren Datums befassen sich ebenfalls mit Protagonistinnen der ersten Frauenbewegung, beziehen jedoch auch nicht dezidiert feministische Politikerinnen und Kulturschaffende ein. Während in dem von Katharina Kaminski herausgegebenen Band "Die Frau als Kulturschöpferin" neben der Pädagogin Ellen Kai, der kommunistischen Politikerin Rosa Luxemburg oder der Bohème-Literatin Franziska zu Reventlow etwa auch Lou Andreas-Salomé behandelt wird, konzentrieren sich die in Frauke Severits Band "Das alles war ich" versammelten, meist auf dem Gebiet der Psychoanalyse oder der Psychologie tätigen Autorinnen ganz auf die Wiener Moderne und deren Politikerinnen, Künstlerinnen und Exzentrikerinnen, darunter etwa die Sozialdemokratin Adelheid Popp, die bekannte Photographin Madame d'Ora, die Berta Zuckerkandl, Karl Kraus, Arthur Schnitzler und Gustav Klimt auf Platte bannte, aber auch die fast vergessene Bildhauerin Elza Kövesházi Kalmár. Nina Weser geht anhand von Bertha Eckstein-Diener alias Sir Galahad der "weibliche[n] Identitätsbildung unter männlichem Pseudonym" nach, und Brigitte Spreitzer unternimmt es, die als Modell Max Klingers bekannten Lyrikerin Elsa Asenijeff gegen den Vorwurf des Antifeminismus zu verteidigen.

Weniger einzelnen Persönlichkeiten weiblichen Geschlechtes, sondern der "Neuordnung von Kultur und Geschlecht um 1900" widmet sich das von Hannelore Bublitz, Christine Hanke und Andrea Seier verfasste Buch "Der Gesellschaftskörper". Unter Anwendung des methodischen Ansatzes von Foucaults Diskursanalyse untersuchen sie die um 1900 erfolgte Konstitution einer Gesellschaft, die ihre Einheit auf das Geschlecht des Körper gründete. Das "Phantasma der 'Verweiblichung' der Kultur" um 1900, so führen sie aus, deutet auf einen "Paradigmenwechsel der Geschlechterdifferenz" hin, in den auch das männliche Geschlecht einbezogen gewesen ist. Aufgrund seiner 'Feminisierung' sei der Mann in eine "'hysterisierte' Struktur" eingebunden worden, die bis dahin allein der Frau auferlegt gewesen sei. Somit stehe 'das Weibliche' für "das Phantasma der Selbstauflösung des männlichen Subjekts". Ihr diskursanalytisch geschärfter Blick führt die AutorInnen zu der zentralen These, dass die Konstitution des Geschlechts und der Geschlechterdifferenz zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein "elementarer Bestandteil" der Bevölkerungs- und Geschlechterpolitik der Humanwissenschaften gewesen ist, die die "Gesellschaft als kohärenten 'Volks'- und 'Gesellschaftskörper" hervorgebracht hat.

Über die Zeit um die Jahrhundertwende hinaus verweist die im Jahre 2000 von Waltraud Wende herausgegebene Sammelschrift "Nora verlässt ihr Puppenheim". Nora ist nicht länger die sich emanzipierende Figur in einem 1878 von einem Mann verfassten Drama. Im 20. Jahrhundert verfassen die 'Noras' ihre emanzipatorischen Stücke, Erzählungen und Romane selbst. Der Band geht auf ein Symposion an der Universität Siegen im Jahre 1999 zurück und untersucht ästhetischen Innovationen verschiedener deutschsprachiger, aber auch englischer, französischer und südamerikanischer Schriftstellerinnen. Beleuchtet werden unter anderem Werke von Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek, Clarice Lispector oder der Dramatikerin Caryl Churchill. Renate Möhrmann und Angela Krewani verlassen in den beiden abschließenden Aufsätzen das Gebiet der Literatur und wenden sich der feministischen Filmtheorie in Deutschland beziehungsweise der Konstruktionen von Weiblichkeit im Internet zu.

R. L.

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Frauke Severit (Hg.): Das alles war ich. Politikerinnen, Künstlerinnen, Exzentrikerinnen der Wiener Moderne.
Böhlau Verlag Wien, Wien 1998.
269 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3205989228

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Hannelore Bublitz / Christine Hanke / Andrea Seier: Der Gesellschaftskörper. Zur Neuordnung von Kultur und Geschlecht um 1900.
Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2000.
300 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3593366134

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Katharina Kaminski: Die Frau als Kulturschöpferin. Zehn biographische Essays.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2000.
238 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 3826018451

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Margit Göttert: Macht und Eros. Frauenbeziehungen und Kultur um 1900 - eine neue Perspektive auf Helene Lange und Gertrud Bäumer.
Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2000.
320 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 3897410443

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Waltraud 'Wara' Wende (Hg.): Nora verläßt ihr Puppenheim. Autorinnen des 20. Jahrhunderts und ihr Beitrag zur ästhetischen Innovation.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2000.
250 Seiten, 25,60 EUR.
ISBN-10: 3476452395

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