Terra incognita

Miles Harvey schreibt eine "Geschichte kartographischer Verbrechen"

Von Petra PortoRSS-Newsfeed neuer Artikel von Petra Porto

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Gilbert Bland ist ein Kartendieb. Ausgestattet mit einem kleinen Notizbuch, das ihm als "Bestellliste" dient, reist er durch die USA und Kanada, um sich in Bibliotheken einzuschleichen und in einem unbeobachteten Moment alte, kostbare Landkarten aus Atlanten zu schneiden. Später verkauft er diese Karten dann an Sammler. Entdeckt wird er lediglich durch die Beobachtungsgabe einer zufällig anwesenden Leserin in der Peabody Bibliothek, Baltimore.

Miles Harvey, Korrespondent und Literaturkritiker für das Magazin "Outside" macht sich, angestachelt durch die merkwürdige Fähigkeit dieses Mannes, sich vollkommen unauffällig zu verhalten, sich jeder Situation anzupassen und so nichtssagend auszusehen, dass sich niemand mehr an ihn erinnern kann, auf die Suche nach Gilbert Bland.

Die Geschichte dieses Mannes dient Harvey als Aufhänger, um über die Entstehung der Kartographie zu erzählen, über die Bedeutung von exakten Land- und Seekarten in früheren Jahrhunderten, als ihre Detailgenauigkeit die Grundlage von Handelsnationen wie Portugal darstellten. Damals wurden die Karten scharf bewacht und ihr Diebstahl hart bestraft; Kapitäne mussten darauf achten, Kartenmaterial bei Kaperung ihrer Schiffe sofort zu vernichten. Besonders interessiert den Autor dabei die Kunstfertigkeit der Kartographen, die Terra inkognita durch phantasievolles Bevölkern der Weltkarten mit Seeungeheuern und Sagengestalten zu verbergen.

Die Recherche, die Suche nach der Person Gilbert Bland, zieht sich über vier Jahre hin. Harvey taucht ein in die Welt der Kartensammler und -hersteller, lernt die kennen, deren Sammelleidenschaft in Sucht übergegangen ist, und diejenigen, die diese Sucht befriedigen - die seriösen Kartenhändler, für die die Taten des Kartendiebs unverzeihliche Verbrechen darstellen. Er spricht mit Bibliothekaren aus halb Amerika über die Sicherheitsvorkehrungen in ihren Lesesälen und die Möglichkeiten, zwischen Sicherheit und Offenheit gegenüber wissenshungrigen Lesern zu vermitteln. Schließlich "trifft" er sogar den Meisterdieb persönlich.

Harvey versucht, mit seinen Worten eine eigene Karte zu zeichnen - die des "wahren" Gilbert Bland, der Person hinter dem Pseudonym. Stück für Stück versucht der Autor, den Menschen zu fixieren, die Linien seines Lebens festzuhalten, die freien Flächen mit Informationen über die Gedankenwelt des Kartendiebs zu füllen. Da Bland jedoch ein Mann mit vielen Gesichtern, Namen und Lebensgeschichten ist, gelingt ihm das nur bedingt. Die Lebendaten des Diebs, gleichsam "Küstenlinien", sind relativ genau gezeichnet, doch einige Stellen bleiben trotz genauer Rekonstruktion der Lebensgeschichte Blands unbekanntes Land, eine Art weißer Fleck auf der Landkarte Harveys. "Ich merkte, dass ich wie die alten Entdecker immer weiter in fremde Gewässer vorstieß, nie ganz sicher, ob ich gefunden hatte, was ich gesucht hatte, aber unermesslich verwirrt und verwundert." Harvey ent-deckt zwar einen Teil Gilbert Blands, er deckt etwas auf, doch ein Teil von dessen Persönlichkeit bleibt im Dunkeln.

You can't judge a book by its cover: Dies trifft nicht nur auf den Kartendieb zu, der die Bibliothekare und Kartensammler Amerikas mit seinem unscheinbaren Äußeren getäuscht hat, sondern auch auf "Gestohlene Welten". Den Untertitel der Originalausgabe korrekter als "eine wahre Geschichte kartographischer Verbrechen" zu übersetzen, wäre vermutlich ehrlicher gewesen. Die einzig wirkliche Kriminalgeschichte des Buches, die Geschichte der Kartendiebereien Gilbert Blands, gerät angesichts der Flut von Informationen über die Kartographie, die Kartensammler, die Entdecker und Abenteurer verschiedener Jahrhunderten, nach deren oft auch "abenteuerlichen" Schilderungen Kartographen Küstenlinien zeichneten und Fabelwesen auf ihren Pergamenten eintrugen, vollkommen ins Hintertreffen. Im Grunde genommen erzählt das Buch die Geschichte der Recherchearbeiten Miles Harveys, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, Gilbert Bland und den Grund für seine Verbrechen zu durchschauen. Die Recherche wird dabei zu einer persönlichen Entdeckungsreise - nicht nur durch Blands Leben, sondern auch durch die Geschichte der Kartographie und der Entdeckungsreisen.

Ärgerlich sind dabei - neben der gewissermaßen falschen "Etikettierung" - besonders drei Dinge: Erstens die Tatsache, dass der Autor nicht vor der psychologischen Analyse Gilbert Blands halt macht, die er, da sich der Dieb einem Gespräch verweigert, auf Informationen aus zweiter Hand aufbaut. Zweitens scheint es manchmal so, als habe sich Harvey zu viel vorgenommen, wolle zu viele Informationen auf einmal vermitteln, verliere seinen roten Faden, die Geschichte des Kartendiebs und seines Diebesgutes, aus den Augen. Vor allem jedoch ist es schade, dass der Autor seinen eigenen Worten nicht zu trauen scheint. Immer wieder lässt Harvey Zitate in den Text einfließen, ganz so, als hätten seine Aussagen keine Gültigkeit, belege er sie nicht mit den Worten anderer. Teilweise sind diese Verweise auf andere unnötig, sogar störend. Vor allem dann, wenn sie lediglich wiederholen, was der Autor dem Leser einige Zeilen zuvor bereits mitgeteilt hatte, oder, vielleicht noch ärgerlicher, wenn Harvey Zitate nutzt, um etwas zu erzählen, das er selbst sicher treffender hätte ausdrücken können. So entwickelt die "Kriminalgeschichte der Kartographie" ab und an den angestaubten Charme eines Lexikonartikels. Etwas mehr Entdeckermut hätte da gut getan.

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Miles Harvey: Gestohlene Welten. Eine Kriminalgeschichte der Kartographie.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Andrea Ott.
Blessing Verlag, München 2001.
322 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-10: 3896670794

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