Der Perlentaucher und die 'fermenta cognitionis'

Unterwegs zu einem 'neuen' Lessing

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für Wilfried Barner

zum 65. Geburtstag

Gotthold Ephraim Lessing gilt seit langem als Vorbild des geistig unabhängigen Intellektuellen. Was der Intellektuelle jedoch an materiellem Kapital entbehrt, das muss er, wie es Pierre Bourdieu 1979 in "La distinction. Critique sociale du jugement" treffend beschrieben hat, durch symbolisches Kapital ausgleichen. Das symbolische Kapital des typischen Intellektuellen umfasst, neben fundiertem Bildungswissen, vor allem künstlerisches Können und hermeneutische Kompetenz. Auf dieser immateriellen Grundlage entwickelt er einen ästhetischen Sinn, der, für gewöhnlich mit dem Begriff des "Geschmacks" verbunden, die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe mit ähnlichen Normen repräsentiert und diese zugleich von anderen Gruppen, Klassen und Schichten mit anderen Normen scharf abgrenzt. Mit dieser sozialen, unter Berufung auf den ästhetischen Sinn vollzogenen Distinktion beanspruchten die schreibenden Intellektuellen schon bei der Geburt dieses Karrieretyps im 18. Jahrhundert einen privilegierten Status innerhalb des Sozialraums. Frappierend ist nun, mit welch unglaublicher Energie Lessing sich zeitlebens von anderen zu unterscheiden suchte: Nach oben von der französisierten Geschmacksdespotie, nach unten vom illiteraten Pöbel und auf ebenbürtiger Ebene nicht nur vom "barbarischen" Geschmack des bürgerlichen Publikums, sondern auch von der arroganten Borniertheit, die er in der res publica litteraria wahrnimmt. Lessings Kraft der Negation und Destruktion führt auf dem Höhepunkt seiner Federkriege - im Kampf gegen die schlechten Horazübersetzungen Langes, gegen den anmaßend unwissenden Altertumsforscher Klotz und gegen den orthodoxen Theologen Goeze - zu einer Verabsolutierung der Differenz, die für das 18. und auch weite Teile des 19. Jahrhunderts singulär ist. Sich der weitsinnigsten Unabhängigkeit zu verschreiben, bedeutet für Lessing auch, dort Irrtümer und Fälschungen aufzuspüren, wo es um die Sache der Gelehrsamkeit geht: in allen Wissensprovinzen des Ästhetischen, der Philologie, der Geschichte und der Religion.

Die Beziehungen Lessings zur "Gelehrsamkeit" sind fundamental. In der Biographie seines Bruders spricht Karl Gotthelf Lessing häufig von ihm als dem "Gelehrten", er verwendet die Bezeichnungen "Schriftsteller" und "Gelehrter" als Synonyme, sogar das barocke Gelehrtenideal scheint ihm noch für den Bruder verwendbar: "Polyhistorie" habe dieser betrieben. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das gelehrte Moment ein wesentlicher Bestandteil von Lessings Literaturkonzept ist. Aspekte aus dem Bereich der Gelehrsamkeit bilden zentrale Themen seines Schaffens, wobei das Spektrum denkbar groß ist. Lessing veröffentlicht Schriften zur Altphilologie, zur Altertumskunde, Mediävistik, zur Literatur- und Kunstgeschichte und nicht zuletzt zur Theologie. Die Texte bestechen vor allem durch einen gelehrten Habitus, mit dem Lessing prinzipiell an jede Fragestellung herangeht. Das Denken ist dabei vom Wissen nicht losgelöst, vielmehr sucht er immer, wie Monika Fick im neuen "Lessing-Handbuch" zu Recht hervorhebt, "die philosophische Orientierung mit der historischen Kenntnis des Gegenstandes, mit dessen 'gelehrter' Erschließung, zu verbinden". Eines der auffallendsten äußeren Merkmale dieses Habitus ist der überbordende Anmerkungsstil seiner Texte. Lessing kreist seine Themen dadurch ein, dass er sich in Anmerkungen zu verlieren scheint. Sichtbar wird dabei ein Selbstverständnis, das mitunter quer steht zu den Bildungsidealen der Aufklärung. Sein Anspruch zielt nicht darauf, das Wissen der Zeit sprachlich reizvoll einzukleiden - das obliegt dem "poeta doctus" - oder den bürgerlichen Alltag mit Gelegenheitsdichtung poetisch zu begleiten, sondern darauf, Literatur und Kunst als Erkenntnisquellen sui generis zu erschließen. Ein später Ausspruch Lessings bringt das neue Ideal genau zum Ausdruck. Er schreibt in den "Briefen an verschiedene Gottesgelehrte", dass die Lektüre aller Bücher fruchtlos wäre, wenn wir am Ende nicht auch das verstünden, was nicht in den Büchern steht. Das Wissen über die Bücher hinaus verweist auf die Neuorientierung: wichtiger als der gelehrte Gegenstand sind die Energien, mit denen der Mensch ihn aufnimmt, sowie das Denken und Empfinden des einzelnen.

Die Kritik wie die Polemik sind feste Bestandteile seiner theoretischen Schriften. Lessings Überlegungen vollziehen sich stets in der Auseinandersetzung mit vorliegenden Texten, in der Aneignung und produktiven Beschäftigung mit antiken ebenso wie mit zeitgenössischen Arbeiten bei den jeweils zur Diskussion stehenden Fragen und Problemen. Hinzu kommt, dass Lessing in der Kommunikation bzw. in der Symphilosophie seine Gedanken zu klären versucht. Dadurch erhalten seine Texte einen dialogischen Charakter; sie argumentieren einerseits polemisch, wo Lessing vermeintlich unhaltbare Annahmen, Behauptungen und Thesen sieht, andererseits fordern sie dadurch gerade wieder zur Replik heraus. Niemals handelt es sich dabei um die Formulierung gültiger wissenschaftlicher Sätze, um systematisch klare Darlegungen, in denen etwa akkurat eine Terminologie eingeführt und die thematisierten Gegenstände hinreichend expliziert werden, sondern um induktiv gewonnene Einsichten, die jederzeit wieder revidierbar sind. Kein Geringerer als Friedrich Nietzsche ist oft voller Bewunderung, gepaart mit sanftem Spott, dann auch wieder mit rigoroser Ablehnung auf Lessing zu sprechen gekommen. In einer der meistzitierten Passagen seiner Abhandlung über "Die Geburt der Tragödie" bezeichnet er Lessing als die Inkarnation des "theoretischen Menschen" und rühmt weiterhin, "daß ihm mehr am Suchen der Wahrheit als an ihr selbst gelegen sei: womit das Grundgeheimnis der Wissenschaft, zum Erstaunen, ja Ärger der Wissenschaftlichen, aufgedeckt worden ist". Aber sofort erfolgt im Nachsatz schon die tödliche Abrechnung: Es handle sich, so Nietzsche, um "eine tiefsinnige Wahnvorstellung, welche zuerst in der Person des Sokrates zur Welt kam, - jener unerschütterliche Glaube, daß das Denken, an dem Leitfaden der Kausalität, bis in die tiefsten Abgründe des Seins reiche, und daß das Denken das Sein nicht nur zu erkennen, sondern sogar zu korrigieren imstande sei." Ob nun Lessing tatsächlich in diesem "erhabenen metaphysischen Wahn" befangen gewesen ist oder nicht, sei dahingestellt, scharfsinnig jedoch erkennt Nietzsche Lessings rastlosen Erkenntnistrieb, stellt er jene berühmte Stelle Lessings aus dessen "Duplik" von 1778 mit einigem Recht in den Vordergrund seiner Rezeption. Darin heißt es: "Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgend ein Mensch ist, oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz - Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke, und sagte: Vater gieb! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein."

Hannah Arendt nannte diese Bewegung in ihrer Lessing-Preis-Rede von 1959 das "unermüdlich denkende Überallhingehen" des Intellektuellen im öffentlichen Raum. Lessing habe erkannt, so Arendt, "dass die Wahrheit, sobald sie geäußert wird, sich sofort in eine Meinung unter Meinungen verwandelt, bestritten wird, umformuliert, Gegenstand des Gesprächs ist wie andere Gegenstände auch". Mit einer für seine Zeit ungewöhnlichen Technik des Widersprechens ("Ahnherr und Meister aller Polemik in deutscher Sprache") habe er das seit Platon als ständige Versuchung präsente Bündnis zwischen Geist und Macht ignoriert. Ein Rückzug des Intellektuellen aus der Welt und der Verantwortung ihr gegenüber, so Hannah Arendt weiter, sei immer eine problematische Haltung. Mit ihrer mahnenden Erinnerung an die Tradition Lessings hat sie bequeme Mythen der Vergangenheit und Gegenwart zerstört. So unausweichlich "finstere Zeiten" dazu zwingen könnten, sich aus dem öffentlichen in den privaten Raum zurückzuziehen, von der "inneren Emigration" aus lasse sich keine Brücke der Menschlichkeit über die Schrecken der Realität spannen. In der "inneren Emigration" drohe die kritische geistige Haltung "durch die Trennung von der Welt ihre Realitätshaftigkeit zu verlieren und ins Unverbindliche zu mutieren". Ins Unverbindliche sei Lessing nie mutiert. Zwar habe er den "Einklang in die Welt und die Öffentlichkeit nie gefunden", doch auf seine Weise habe er sich ihnen "immer verpflichtet" gefühlt.

Die Kritik sucht im 18. Jahrhundert als Kunst des Unterscheidens nach neuer Klarheit und ist letztlich aber nichts anderes als ein Produkt der 'Krise'. Zieht man die Wortbildung zu Rate, so sind "Kritik" und "Krise" kaum voneinander zu unterscheiden. Beide Wörter schreiben sich vom griechischen Wort krinein her, ein Verb, dessen Grundbedeutung "trennen, absondern, scheiden" lautet und auf die Destruktion einer organischen oder anderswie beschaffenen Einheit zielt. Kritik und Krise sind also, erinnert man sich dieser semantischen Gemeinsamkeit, als irritierende Supplemente des aufklärerischen Optimismus zu begreifen. Berühmt ist die Stelle der "Hamburgischen Dramaturgie", an der Lessing dieses Verfahren mit dem Hinweis kommentiert, er habe nur fermenta cognitionis, d. h. Gärstoffe der Erkenntnis, liefern wollen. Lessing wollte keine endgültigen, keine apodiktischen Behauptungen aufstellen, sondern die Leser zu eigenem Nachdenken, zu eigenen Erkenntnissen anregen. Der kritische Diskurs erhält auf diese Weise eine sprachliche und gedankliche Offenheit, die durch Lebendigkeit und Problemfülle besticht. Berichtigen und Widerlegen sind die hauptsächlichen Ziele aller kritischen Mühen. Allem was er selber schreibt, liegt Kritik zugrunde: seinen Prosaschriften, in denen er ausdrücklich gegen andere Köpfe und Meinungen kämpft, und seinen poetischen Werken, in denen er der anschauenden Erkenntnis zu zeigen hofft, wie es besser zu machen sei. Und das ist geradezu Lessings 'Lust am Text', nicht zuletzt deshalb vergleicht er an vielen Stellen seine Schreibweise mit Gärstoffen, "unordentlichen Collectanea", Zufällen und tumultuarischen Gedanken.

Vor allem der Begriff der "Rettung" gehört zu den zentralen Kategorien in Lessings Denken. "Rettungen" nannte Lessing eine Reihe von Schriften, in denen er Autoren aus ganz verschiedenen Zeiten und Literaturgattungen öffentlich verteidigte, die das Unglück hatten, von der Mit- oder Nachwelt verfolgt oder verdammt zu sein. Der Titel "Rettungen" passt aber auch auf viele andere seiner Schriften, in denen für den ersten oberflächlichen Blick nur gelehrte "Pedanterien", wie Lessing selbst sagt, zur Verhandlung zu stehen scheinen. Diese vielfältigen "Rettungen" knüpfen in Form und Zielsetzung an eine damals noch junge und riskante Tradition des häretischen Diskurses an, die Gottfried Arnolds "Unpartheyische Kirchen- und Ketzer-Historie" und vor allem die biographischen Artikel in Pierre Bayles "Dictionnaire historique et critique" am Ende des 17. Jahrhunderts begründet hatte. "Rettung" bezeichnet hier von alters her eine fest umrissene Gattung, die sich nach dem Muster einer polemischen juristischen Streitschrift die Verteidigung eines bestimmten Autors oder einer bestimmten Lehrmeinung gegen das Missverständnis der Nachwelt zum Ziel setzt. Vor diesem Hintergrund der aufklärerischen Vorurteilskritik wird dieses Genre vor allem im 18. Jahrhundert zu einer verbreiteten Textsorte. Monika Fick erinnert in diesem Zusammenhang zu Recht an Ernst Cassirers Charakteristik von Bayles Leistung. Bayle, so Cassirer, habe die Überlieferung der kritischen Methode unterworfen. Seine Lexikonartikel spiegelten genau seinen Anspruch. Der Haupttext werde von ausufernden Anmerkungen begleitet, in denen Bayle sein Material der kritischen Prüfung unterziehe, Fehler der Überlieferung korrigiere, Vorurteile wegräume und neue Sichtweisen erprobe. In diesem Zusammenhang bringe er nicht allein die Bedeutung der Tatsachen zur Geltung, gewinne nicht allein den Boden der empirischen Wirklichkeit, sondern demonstriere darüber hinaus die Abhängigkeit der Tatsachen von den Prämissen der Forschung, für Cassirer die Geburtsstunde der Geisteswissenschaften.

Unmittelbar an Bayle knüpft, angeregt durch seinen Leipziger Lehrer Johann Friedrich Christ, der junge Lessing mit seinen insgesamt fünf "Rettungen" an, die er 1753/54 in der Ausgabe seiner "Schrifften" veröffentlicht. In ihnen geht es Lessing darum, im Streit mit den Autoritäten seiner Zeit die Wirkungsgeschichte von Schriftstellern und Gelehrten von überkommenen Missverständnissen zu befreien und auf diese Weise zum Dogma geronnene Fehlurteile der Überlieferung zu widerlegen. In der Vorrede seiner "Rettungen des Horaz", die den antiken Dichter gegen den Vorwurf der Feigheit, Gottlosigkeit und Lüsternheit in Schutz nehmen, findet die Gattung ihre programmatische Begründung: "Sie [die Vorsehung] erweckt von Zeit zu Zeit Leute, die sich ein Vergnügen daraus machen, den Vorurtheilen die Stirne zu biethen, und alles in seiner wahren Gestalt zu zeigen, sollte auch ein vermeinter Heiliger dadurch zum Bösewichte, und ein vermeinter Bösewicht zum Heiligen werden. [...] Ich selbst kann mir keine angenehmere Beschäftigung machen, als die Namen berühmter Männer zu mustern, ihr Recht auf die Ewigkeit zu untersuchen, unverdiente Flecken ihnen abzuwischen, die falschen Verkleisterungen ihrer Schwächen aufzulösen, kurz alles das im moralischen Verstande zu thun, was derjenige, dem die Aufsicht über einen Bildersaal anvertrauet ist, physisch verrichtet." Lessings "Rettungen" zeigen in Stil und Argumentationsweise deutlich den Einfluss "der juristischen vindicationes" und sind zugleich von einer theologisch fundierten Geschichtstheorie getragen. Geschichte wird in ihnen als Wirkungsgeschichte im Horizont einer "Vorsehung" verstanden, die auf lange Sicht alle Irrtümer, die den Wert einer Sache für den Betrachter schmälern müssen, auflösen wird. So kann der Kritiker als Statthalter (und Wegbereiter) einer verständigeren Nachwelt fungieren. Auch später schreibt Lessing "Rettungen", das heißt, er nimmt Partei für angegriffene Persönlichkeiten, indem er die strittigen Punkte neu perspektiviert. In allen "Rettungen" ist das historische Detail eingeordnet in eine philosophische Perspektive. Lessings explizites Ziel ist es, Bewegung in das Denken der Gegenwart zu bringen.

In der jüdischen und christlichen Theologie sowie in den von ihr beeinflussten eschatologischen Geschichtsvorstellungen wird "Rettung" mit Erlösung und Erlangung überweltlichen Heils gleichgesetzt. Auch bei Lessing und den Frühromantikern steht der Terminus im Zusammenhang einer letztlich theologisch inspirierten Geschichtsphilosophie, ganz zu schweigen von der Wiederbelebung verwandter Vorstellungen in den sehr heterogenen Messianismen und Erlösungsvorstellungen, die für Texte deutsch-jüdischer Intellektueller zwischen 1918 und 1933 charakteristisch sind. Lessings Einschreibungen in den häretischen Diskurs des 18. Jahrhunderts zeigen auffallende Parallelen zu Walter Benjamins Konzeption der "rettenden Kritik", die, ohne den Glauben des deutschen Aufklärers an eine gütige Vorsehung zu teilen, in der geschichtsphilosophischen Perspektive der ausstehenden Befreiung des Vergangenen gründet. Auffällig ist auch die Nähe zu Benjamins literaturkritischer Praxis, die sich immer wieder darum bemüht, vergessene oder falsch beurteilte Objekte der Tradition in ein neues Licht zu rücken. Wenn Benjamin etwa in einem Rundfunkbeitrag davon spricht, "daß der tiefer Blickende gerade in den Niederungen des Schrift- und Bildwerks die Elemente findet, die er in den anerkannten Kulturdokumenten vergeblich sucht", und als Beispiel "die Rettung des verrißnen Karl May" durch Ernst Bloch nennt, dann hat er exakt jenen literarischen Typus der "Rettung" im Blick, der seine erste wichtige Ausprägung in der Literaturkritik des 18. Jahrhunderts gefunden hat. Ob und in welchem Maße Benjamin mit den Texten Lessings vertraut war, soll an anderer Stelle erörtert werden.

Umso genauer lässt sich dafür der Weg bezeichnen, auf dem der Literaturkritiker des 20. Jahrhunderts den Ansatz seines berühmten Vorgängers rezipiert haben dürfte. Für das Frühwerk Benjamins ist insbesondere an die Vermittlung durch Friedrich Schlegel zu denken, dessen Essay "Über Lessing" von 1797, der Benjamin bestens vertraut war, selbst als eine Art Rettungsversuch für den Literaten der Aufklärung angelegt ist. Der Theoretiker der Frühromantik verfolgt hier die Absicht, "den Namen des verehrten Mannes von der Schmach zu retten, daß er allen schlechten Subjekten zum Symbol ihrer Plattheit dienen sollte, [...] ihn wegzurücken von der Stelle, wohin ihn nur Unverstand und Mißverstand gestellt hatte." Die Wirkung von Schlegels Essays beruht allerdings auf der Geschichte eines Missverständnisses. Man hat Schlegel so gelesen, als ob er den kritischen Geist Lessings aus dem Reich der "echten" Poesie" verbanne, als ob er von einer romantischen Dichtungsauffassung aus Lessing nur als "unpoetischen" Dichter wahrnehme. In Wahrheit jedoch will Schlegel gerade umgekehrt die poetische Qualität von Lessings Intellektualität erschließen. Er will das Paradoxe und Fragmentarische, Bruchstückhafte in dessen Werk freilegen, das für ihn das Wesen der romantischen Poesie ausmacht: "Das Beste was Lessing sagt, ist was er, wie erraten und erfunden, in ein paar gediegenen Worten voll Kraft, Geist und Salz hinwirft; Worte, in denen, was die dunkelsten Stellen sind im Gebiet des menschlichen Geistes, oft wie vom Blitz plötzlich erleuchtet, das eiligste höchst keck und fast frevelhaft, das Allgemeinste höchst sonderbar und launig ausgedrückt wird." In diesem Kontext entwickelt Schlegel einige bemerkenswerte Überlegungen zum grundsätzlichen Verhältnis von Rezeptionsanalyse und Rezeptionskritik, die in Benjamin zweifelsohne einen aufmerksamen Leser gefunden haben: "Der Glaube wächst mit dem Fortgang, der Irrtum wird fest durch die Zeit und irrt immer weiter, die Spuren des Besseren verschwinden, vieles und vielleicht das Wichtigste sinkt ganz in Vergessenheit. So bedarf es oft nur eines geringen Zeitraums, um das Bild von seinem Originale bis zur Unkenntlichkeit zu entfernen, und um zwischen der herrschenden Meinung über einen Schriftsteller, und dem was ganz offenbar in seinem Leben und in seinen Werken daliegt, [...] den schneidenden Widerspruch zu erzeugen."

Für Benjamins späte Schriften wird vor allem der marxistische Literaturkritiker Franz Mehring relevant, den Benjamin bei aller Distanz zu dessen literaturästhetischen Grundsätzen im Zusammenhang seiner eigenen Überlegungen zu einer konkret-historischen Rezeptionsforschung mehrfach gewürdigt hat. Sein Interesse gilt dabei vor allem Mehrings Buch über die "Lessing-Legende", das sich polemisch mit der Rezeption des Schriftstellers in der Germanistik des 19. Jahrhunderts auseinandersetzt. Dieses Werk trägt, in Anknüpfung an den durch Lessing in Deutschland eingebürgerten Gattungsbegriff, bei seinem Vorabdruck im Feuilleton der "Neuen Zeit" sowie bei der ersten Buchausgabe (1893) bezeichnenderweise den Untertitel "Eine Rettung". Die Aufgabe, die sich Lessing seinerzeit bei seinen Arbeiten über Horaz, Cochläus, Lemnius, Cardanus und den Ineptus Religiosus selbst zum Ziel gesetzt hat, wird hier in der Retrospektive des Literarhistorikers noch einmal auf ihn selbst angewandt: "dies Bild [Lessings] selbst von allen Entstellungen und Verunzierungen der Legende zu befreien und es, soweit möglich, in seiner wirklichen Gestalt wiederherzustellen". So spannt sich, vermittelt durch so unterschiedliche Gestalten wie Friedrich Schlegel und Franz Mehring, der Bogen zwischen den Versuchen des 18. Jahrhunderts, verkannte oder missachtete Traditionsbestände für die Erinnerung in Form einer "Rettung" wiederzugewinnen, und Benjamins Programm einer kritischen Revision der Überlieferungsgeschichte, das sich in der Hinwendung zu scheinbaren Randfiguren der Tradition wie Jochmann oder Bachofen ebenso niederschlägt wie in der Umwertung fälschlich abgewerteter Kunstformen oder in dem Versuch von "Deutsche Menschen", dem in der Gegenwart vergessenen Teil der bürgerlichen Tradition im Eingedenken - und sei es nur im Zitat - die Treue zu bewahren. Der Begriff scheint meines Erachtens aber auch geeignet, die spezifische Darstellungsform des Literaturkritikers Benjamin zu charakterisieren, denn nicht wenige seiner Schriften sind selbst als "Rettung" fremd gewordener oder scheinbar peripherer Gegenstände konzipiert. Erinnert sei neben dem "Trauerspiel"-Buch und der Rehabilitation der allegorischen Ausdrucksweise, der "Baudelaire"-Studie, die ausdrücklich als Versuch der materialistischen Rettung eines "Lyrikers im Zeitalter des Hochkapitalismus" gelesen werden will, nur an das "Passagen-Werk", in dem die rettende Rekonstruktion der Erscheinungswelt einer ganzen Epoche ansteht, und an die geschichtsphilosophischen Thesen, dem letzten Text-Bruchstück Benjamins, die sich nichts Geringeres zum Ziel gesetzt haben als die revolutionäre Rettung des Subjekts und der ihm im Moment der Gefahr zufallenden Traditionsbestände, wobei - ähnlich wie bei Lessing - "Rettung" und "Destruktion" dialektisch verklammert sind. "Rettung" bezeichnet in diesem Kontext ein Doppeltes: Sie meint die konkrete soziale Befreiung der Individuen und zugleich den exemplarischen Akt der Aneignung jener verstreuten Spuren des Gewesenen, die in der bisherigen Überlieferung unterdrückt und eliminiert worden sind. Mit diesem Konzept setzt Benjamin die in der Zeit der Aufklärung aufkommende Tradition der "Rettung" auf seine spezifische Weise fort - trotz aller erkenntnistheoretischen und geschichtsphilosophischen Differenzen, die eine klare Grenze zwischen seiner Position und der Aufklärungstradition ziehen. Anders als bei Lessing liegt der Akzent auch weniger auf der Korrektur von Vorurteilen über die Person eines Autors als auf der Neubewertung von Strukturelementen der Werke, was zur Folge hat, dass Benjamins "Rettungen" stärker textzentriert als subjektzentriert sind. Zudem gewinnt Benjamin seine eigene Position nicht in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem Vorgänger aus dem 18. Jahrhundert, sondern entfaltet seinen rezeptionstheoretischen Ansatz in Abgrenzung von den Überlegungen, die Forscher wie Julian Hirsch, Franz Mehring oder Leo Löwenthal zu dieser Frage angestellt haben. Aufgabe der "Rettung" ist es, "das Bild der Sache, wie sie in die gesellschaftliche Überlieferung einging", seinerseits zum Gegenstand theoretischer Reflexion zu machen und es durch die Anstrengung des Begriffs umzukehren: "Denn die Platte kann nur ein Negativ bieten. Sie entstammt einer Apparatur, die für Licht Schatten, für Schatten Licht setzt". Rettende Kritik setzt die Sache dagegen in ein neues Licht. Ihr geht es darum, wie Benjamin in seiner "Baudelaire"-Studie unterstreicht, das "von der Überlieferung unbestochene Bild des überlieferten Baudelaire" zu gewinnen und "den Dargestellten als Zeugen gegen die Überlieferung aufzubieten, die sein Bild auf die Platte rief".

"Rettung" hält sich gerade an die Brüche, Risse und Lücken des scheinbar kontinuierlichen Überlieferungsgeschehens. Ihre Aufmerksamkeit gilt denjenigen Elementen der Werke, "die in ihre unmittelbare Nachwirkung nicht eingegangen sind", den "Stellen, an denen die Überlieferung abbricht" und für die folglich eine Rezeption im strengen Sinn allererst noch herzustellen wäre. Indem sie die Wirkungsgeschichte gegen den Strich bürstet, deckt sie auf, was sich dem Ganzen nicht fügt, was sich nicht ohne weiteres einordnen und erklären lässt und was aus diesem Grund in der herrschenden Tradition marginalisiert, vollständig vergessen oder aber in seinem Gehalt verkannt worden ist. Lessings und Benjamins Haltung zur Überlieferung als Gesamtprozess kultureller Vermittlung ist grundsätzlich traditionskritisch. Das bewahrende Element der Erinnerung, das einzelne Gegenstände aus der Vergangenheit zurückruft, und das kritische Element, das mit nüchternen Argumenten (bei Lessing allerdings nicht selten auch mit zornigem Gestus) die Weise in Frage stellt, in der diese Gegenstände von Geschichte sprechen und in der sie selbst historisch überliefert worden sind, stehen für beide nicht in Gegensatz zueinander. Vielmehr sollen Destruktion und Rettung in der gelingenden Kritik doch gerade zur Synthese gelangen. Treffend hat Hannah Arendt in ihrem Benjamin-Essay diesen mit einem "Paläographen vor einem Pergament" verglichen, "dessen verblichener Text überdeckt wird von den Zügen einer kräftigeren Schrift, die auf ihn sich bezieht." Mit einigem Recht könnte man diese Passage auch auf Lessing beziehen. Noch einmal Hannah Arendt: "Dies Denken, genährt aus dem Heute, arbeitet mit 'Denkbruchstücken', die es der Vergangenheit entreißen und um sich versammeln kann. Dem Perlentaucher gleich, der sich auf den Grund des Meeres begibt, nicht um den Meeresboden auszuschachten und ans Tageslicht zu fördern, sondern um in der Tiefe das Reiche und Seltsame, Perlen und Korallen, herauszubrechen und als Fragmente an die Oberfläche des Tages zu retten, taucht es in die Tiefen der Vergangenheit, aber nicht um sie so, wie sie war, zu beleben und zur Erneuerung abgelebter Zeiten beizutragen. Was dies Denken leistet, ist die Überzeugung, daß zwar das Lebendige dem Ruin der Zeit verfällt, daß aber der Verwesungsprozeß gleichzeitig ein Kristallisationsprozeß ist; daß in der 'Meereshut' - dem selbst nicht-historischen Element, dem alles geschichtlich Gewordene verfallen soll - neue kristallisierte Formen und Gestalten entstehen, die, gegen die Elemente gefeit, überdauern und nur auf den Perlentaucher warten, der sie an den Tag bringt: als 'Denkbruchstücke', als Fragmente oder auch als immer währende 'Urphänomene'."

Hannah Arendt war es auch, die sich am 28. September 1959, als sie in Hamburg den Lessing-Preis entgegennahm, in öffentlicher Rede mit der Funktionalisierung Lessings im Nachkriegsdeutschland zu einem kulturpolitischen Alibi auseinander setzte. Schon der Titel ihrer Rede "Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten" gibt zu erkennen, dass es nicht um eine auf humanistisch getrimmte Feier zeitloser Werte gehen konnte. Arendt kritisierte, dass Lessing in der kulturpolitischen Landschaft der Bundesrepublik zu einer festen Bastion des "Allgemeinmenschlichen" vermauert worden sei, in deren Schutz und Schatten von Demokratie, Toleranz und Menschlichkeit geredet werden konnte, ohne sich der Vergangenheit und ihrer andauernden Gegenwart zu stellen. Um sich aber neu zu orientieren, komme es für die Deutschen darauf an, sich das Geschehene zu vergegenwärtigen, "zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist". Erst auf dieser Grundlage sei an ein Gespräch zwischen Deutschen und Juden überhaupt wieder zu denken.

In ihrer Rede verschiebt Hannah Arendt Lessing vom Zentrum aus an den Rand der deutschen intellektuellen Kultur, in einen Grenzbereich, den sie für sich und alle deutsch-jüdischen Intellektuellen reklamiert, einen Bereich, der es ihr erst erlaube, die Texte Lessings 'korrekt' zu lesen: "In unserem Jahrhundert hat selbst das Geniale sich nur im Widerspruch und Streit mit der Welt und ihrer Öffentlichkeit entfalten können, wiewohl es natürlich wie eh und je den ihm eigenen Einklang in die Menschengesellschaft findet. Aber die Welt und die Menschen, welche sie bewohnen, sind nicht dasselbe. Die Welt liegt zwischen den Menschen, und dies Zwischen [...] ist heute der Gegenstand der größten Sorge und der offenbarsten Erschütterungen in nahezu allen Ländern der Erde. Selbst wo die Welt noch halbwegs in Ordnung ist oder halbwegs in Ordnung gehalten wird, hat die Öffentlichkeit doch die Leuchtkraft verloren, die ursprünglich zu ihrem eigensten Wesen gehört." Zu Beginn des zweiten Abschnitts expliziert sie diese Gedanken: "In der Geschichte sind die Zeiten, in denen der Raum der Öffentlichkeit sich verdunkelt und der Bestand der Welt so fragwürdig wird, daß die Menschen von der Politik nicht mehr verlangen, als daß sie auf ihre Lebensinteressen und Privatfreiheit die gehörige Rücksicht nehme, nicht selten. Man kann sie mit einigem Recht 'finstere Zeiten' (Brecht) nennen." Hannah Arendt betont, dass nicht nur Lessing, sondern auch "der Generation und der Menschengruppe, der ich angehöre", die Unsichtbarkeit und das Dunkel der Paria-Existenz vertraut seien: "Weil Lessing ein so durchaus politischer Mensch war, hat er darauf bestanden, daß es Wahrheit nur geben kann, wo sie durch das Sprechen vermenschlicht wird, nur wo ein jeder sagt, nicht was ihm gerade einfällt, aber was ihm gerade 'Wahrheit dünkt'. Ein solches Sagen aber ist in der Einsamkeit nahezu unmöglich; es ist an einen Raum gebunden, in dem es viele Stimmen gibt und wo das Aussprechen dessen, was 'Wahrheit dünkt', sowohl verbindet wie voneinander distanziert, ja diese Distanzen zwischen den Menschen, die zusammen dann die Welt ergeben, recht eigentlich schafft. Jede Wahrheit außerhalb dieses Raumes, ob sie nun den Menschen ein Heil oder ein Unheil bringen mag, ist unmenschlich im wörtlichsten Sinne, aber nicht, weil sie die Menschen gegeneinander aufbringen würde und voneinander entfernen, sondern eher umgekehrt, weil sie zur Folge haben könnte, daß alle Menschen sich plötzlich auf eine einzige Meinung einigten, so daß aus vielen einer würde, womit die Welt, die sich immer nur zwischen den Menschen in ihrer Vielfalt bilden kann, von der Erde verschwände." Man mag an der Gesellschaft teilhaben oder gegen sie protestieren, was alleine zählt, ist das menschliche Engagement, das, was Hannah Arendt den "Zwischenraum" zwischen Menschen nennt, den Raum, der das bedeutungsvolle Wort überhaupt erst möglich macht. Die Welt, die "zwischen den Menschen" existiert, wird erst dann "menschlich", wenn sie "Gegenstand des Gesprächs" wird. Das Bewusstsein der Vergangenheit muss notwendiger Weise polyphon sein, in jeder einzelnen Stimme sammeln sich die Reste, die Bruchstücke der Erinnerung, die erst zusammen ein Ganzes ergeben: "Sofern es überhaupt ein 'Bewältigen' der Vergangenheit gibt, besteht es in dem Nacherzählen dessen, was sich ereignet hat; aber auch dies Nacherzählen, das Geschichte formt, [...] bewältigt nichts endgültig. Vielmehr regt es [...] zu immer wiederholendem Erzählen an." Was übrig bleibt, ist "eine zerstückelte Vergangenheit, die ihre Bedeutungsgewißheit verloren hat". Die Bestände der Tradition, die wie Augen zu Korallen und Gebein zu Perlen durch die Veränderung durch das Meer verwandelt werden, sind "vielleicht nur als Bruchstücke zu retten". Arendts aus Shakespeares "Sturm" entlehntes Bild für die Haltung gegenüber diesen Beständen, unterstreicht die Nähe dieses Gedankens zu Lessings Auffassung der "Rettung".

In der Bundesrepublik Deutschland hat sich nach 1945 kein einheitliches Lessing-Bild als Strukturelement des kulturellen Gedächtnisses etabliert. In der Forschung der letzten Jahr(zehnt)e lassen sich vielmehr zwei differente Ansätze zu einem 'neuen' Lessing erkennen: der literatursoziologische und der anthropologische. Dasjenige Werk, das den Impuls der Literatursoziologie für die Interpretation Lessings am nachhaltigsten fruchtbar gemacht hat, ist das von Wilfried Barner, Gunter E. Grimm, Helmuth Kiesel und Martin Kramer bearbeitete Lessing-Arbeitsbuch von 1975 (6. Aufl. 1998). Der Hauptakzent liegt hier auf der Beleuchtung der gesellschaftlichen und sozialen Hintergründe von Lessings Texten. Dieser gewinnt Profil, anders als im 19. Jahrhundert, nicht primär als Gründerheros einer deutschen Nationalliteratur, als 'Reformator' oder als Herold des Irrationalismus, sondern als Schriftsteller und Aufklärer. Lessing begegnet hier "als herausragender - wenn nicht gar in Deutschland bedeutendster - Vertreter der Ideale und Aktivitäten der Aufklärung in ihrem Eintreten für Vernunft, Moral, Toleranz, Freiheit, Menschlichkeit, gegen Vorurteile, kirchliche Despotie, Fürstenwillkür." Immer wieder betonen die Bearbeiter die Notwendigkeit, Lessings Texte zu kontextualisieren und diese als dialektische zu verstehen, besonders im Hinblick auf die roten Fäden, die sein Werk durchziehen: von der 'Halsstarrigkeit der Tugend' über die scheinbar unversöhnlichen Polaritäten von 'Herz' und 'Witz', von 'Genie' und 'Regel' bis zur späten Dichotomie von 'Vernunft' und 'Offenbarung'. Wie oben gezeigt, lässt sich auch der Zentralbegriff der 'Rettung' in Lessings Denken nur dialektisch verstehen, als Destruktion und Konstruktion. Zu den weiteren Kernpunkten des von den Bearbeitern zugrunde gelegten Lessing-Bildes gehört auch "der innere Zusammenhang der einzelnen Werkbereiche und Werkphasen", wobei das bisweilen Sprunghafte von Lessings Denken nicht überdeckt wird. Die evidenten Vorteile dieser Verklammerung von Texten und Werkbereichen nutzt auch die neue Lessing-Ausgabe des Deutschen Klassiker Verlags, die durch die Anordnung der Texte nach Schaffensphasen diese Zusammenhänge auch in der Kommentierung deutlicher erkennbar zu machen sucht. Im Rahmen dieses Schwerpunkts bespricht Gerhart Pickerodt die neu erschienenen Bände 7 ("Werke 1770-1773") und 10 ("Werke 1778-1781") dieser Ausgabe.

In der anthropologischen Forschung geht es um ein Bild des Menschen, für das die Integration seiner Körperlichkeit konstitutiv ist. Im 18. Jahrhundert bezeichnet "Anthropologie" vor allem die Wissenschaft vom leib-seelischen Zusammenhang. Es kristallisieren sich hierbei zwei konträre Sichtweisen heraus, zwei unterschiedliche Möglichkeiten, das Verhältnis von ("irrationalem") Gefühl und Vernunft zu interpretieren. Der erste Ansatz führt, unter Rekurs auf Panajotis Kondylis' Standardwerk "Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus (1981), zu dem Ergebnis, dass die Rehabilitation der Sinnlichkeit, die Aufwertung der leiblichen Sphäre und physischen Natur des Menschen Charakteristikum der Aufklärung sei. Im Rahmen einer Dialektik von Rationalem und Irrationalem müssten nach Kondylis auch die irrationalen Momente in dem Moment, in dem sie mitgeteilt werden sollen, in eine rationale, verständliche Form gebracht werden. Rationalität fungiert als notwendiger Vermittlungsmodus irrationaler Entscheidungen, Wertsetzungen und Inhalte. Unter dieser Voraussetzung entdeckt Kondylis in den philosophischen Diskursen der Aufklärungen inhaltliche Positionen, die eine Aufwertung der (nicht-rationalen) Sinnlichkeit implizieren. Diese Kartierung des "ganzen Menschen" (einen guten Querschnitt bieten der Band von Peter-André Alt ["Aufklärung. Lehrbuch Germanistik", 1996] und der von Hans-Jürgen Schings herausgegebene DFG-Tagungsband "Der ganze Mensch. Anthropologie und Literatur im 18. Jahrhundert" (1994) auf dem Gebiet der Psychologie und Physiologie der Ästhetik, Literatur und Schauspielkunst könnte sich nicht ganz zu Unrecht auch auf einen weiteren berufenen Vor-Denker berufen.

Gemeint ist Thomas Mann, der mit seiner "Rede über Lessing" im Rahmen der Lessing-Feier in der Preußischen Akademie der Künste am 21. Januar 1929 den Aufklärer in den Dienst des Kampfes gegen die völkischen und irrationalistischen Bewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellt (vgl. hierzu vor allem Wilfried Barner: "Lessing 1929. Momentaufnahme eines Klassikers vor dem Ende einer Republik"). Ein zweiter Essay, "Zu Lessings Gedächtnis", erschien einen Tag zuvor im "Berliner Tageblatt". Beide Beiträge dienen einerseits der Würdigung eines Klassikers, andererseits und in ihrem Grundgedanken setzen sie sich mit Manns aktuellem Anliegen der Dichter-Schriftsteller-Position in einer antirationalen und geistfeindlichen Zeit auseinander. Thomas Mann verweist auf Lessings Aktualität als Schriftsteller und operiert zu Beginn des Textes "Zu Lessings Gedächtnis" mit Begriffspaaren, die den Aufklärer Lessing, der "das Licht geliebt" hat, in Opposition zu den Dunkelheiten der wachsenden Intoleranz auftreten lassen: "Ein Rationalist und ein Aufklärer. Was er uns Heutigen zu bieten, zu sagen, denen der Weg zu den Müttern ein alltäglicher Spaziergang geworden? Uns, die wir der Vernunft nicht nur mißtrauen, sondern mit Vergnügen, mit äußerster Genugtuung mißtrauen, das Irrationale boshaft vergöttern, den Geist als Henker des Lebens verschreien [...]? Was er euch zu sagen hat? Nichts, fürchte ich - unbeschadet dessen, was er auch euch und gerade euch zu sagen hätte, wenn eure Ohren nicht zu 'lang' wären für eine Sprache wie seine."

Thomas Mann umkreist die Symbiose von "Verstand", Besonnenheit und "Enthusiasmus", die ihm als ausgezeichnetes Merkmal Lessings gilt. Zudem polemisiert Mann gegen den Vorwurf rationalistischer Flachheit. Leben und Werk zeugten von "Dämonie" und "Besessenheit", "Naturtiefe" und "Leidenschaft". Diese Merkmale dürften jedoch nicht von Lessings Trieb nach gedanklicher Durchdringung abgetrennt werden, vielmehr würden sie bei ihm zum Movens der Versprachlichung. Seine 'Rettung' Lessings ist dem "Dichter" gewidmet: "Eine andere Bestimmung des Dichterischen als: sprachverbundene Leidenschaft, der Affekt der Sprache - ich finde sie nicht." Thomas Mann wendet sich gegen populäre ästhetische Meinungen, die Lessing mit kritisch-polemischen und vor allem politischen Intentionen ablehnten, ihn zum bloßen Schriftsteller oder Literaten degradierten und stattdessen einem Dichtertyp huldigten, der seine Werke aus "volkhafter Urkraft" und aus einem "dunklen Gemütsgrunde" erschuf. Ein solches "Stimmungsurteil", das in Deutschland 1929 in Mode sei, stelle das "bloße profane Schriftstellertum" einer "heiligen Sphäre dichterischen Ingeniums" gegenüber. Dem profanen Schriftsteller werde angelastet, dass er sich den nationalistischen Tendenzen der Zeit verschließe und eine "unvaterländische" Rolle spiele. Dieses "Stimmungsurteil" wurde damals bekanntlich auch über Thomas Mann selbst gefällt. Und wenn er Lessings Dichterkonzeption verteidigte, dann meinte er auch seine eigene. Er rühmte daher Lessing als "Klassiker des dichterischen Verstandes", als "Erzvater alles klugen und wachen Dichtertums". Auch Thomas Mann verstand sich als Schriftsteller, in dem die beiden gegensätzlichen Prinzipien der genialen Inspiration und der vernünftig abwägenden Kritik dialektisch vereinigt waren zum "dichterischen Verstand" oder zum "klugen und wachen Dichtertum". Deshalb verwundert es nicht, wenn im vorletzten Absatz seiner Lessing-Rede davon die Rede ist, "daß die Aufklärung, deren rechter Sohn und Ritter Lessing trotz kleiner musischer Unzuverlässigkeiten allzeit blieb, heute geistig veraltet ist und einem blutvolleren, tieferen, tragischeren Lebensbegriff Platz gemacht hat". Lessings Aufklärertum erscheint als Gegengewicht zum modischen Irrationalismus, als nützliche Hilfe bei der Aufgabe, "das chthonische Gelichter, das allzu viel Wasser auf seine Mühlen bekommen hat, in sein mutterrechtliches Dunkel zurückzuscheuchen". Die Vermittlungsbasis zwischen "Aufklärung" und "blutvollerem Lebensbegriff" besteht vordergründig in einem Gleichgewichtsdenken: Rationalismus und Irrationalismus sollen sich die Waage halten. Ziel ist "Humanität" als "Bund von Vernunft und Blut". Sich auf Lessing stützend erklärt Thomas Mann dem Faschismus eine Absage und seine Lessing-Verehrung gipfelt 1929 in dem Aufruf: "Der Geist des historischen Lessing hat seine Aufgabe heute, deren Lebenswichtigkeit trotz aller antirationalen und geistfeindlichen Modernität nicht unterschätzt werden soll [...]. In Lessings Geist und Namen gilt es hinauszugelangen über jede Art von Faschismus zu einem Bunde von Vernunft und Blut, der erst den Namen voller Humanität verdiente."

Doch zurück zu dem anthropologischen Forschungsinteresse innerhalb der Lessing-Philologie. Die zweite Sichtweise führt explizit zu einem konträren Ergebnis: Die Epoche der Aufklärung könne nur als Epoche der Repression der Sinnlichkeit, der Abspaltung der Sinne vom Körper, der Entfremdung vom Körpergefühl, des Verlusts der "Ganzheit" interpretiert werden. Referenzpunkt dieses Ansatzes ist Michel Foucaults einflussreiches Werk "Les mots et les choses" (1966), das zu zahlreichen diskursanalytischen Interpretationen von Lessings Texten Anlass gab. Die Rationalität der Vermittlung wird als Strategie der Ausgrenzung und Marginalisierung analysiert, die für Foucault gerade da am Werk ist, wo "Sinnlichkeit" im 17. und 18. Jahrhundert primär konstituiert wird: in der sinnlichen Wahrnehmung. Den Rahmen, innerhalb dessen die Sinnlichkeit Bedeutung und Wert gewinnt, bilden dabei die philosophischen, theologischen und ethischen Vorgaben der Epoche, mit denen Lessing sich auseinandersetzt. Aus der kritischen Perspektive heraus, die die Fragen der Diskursanalyse weiter entwickelt, führt Lessing besonders in seinen Dramen, aber auch in der kunsttheoretischen Schrift "Laokoon: oder über die Grenzen der Malerei und Poesie" (1766), die Repression der Sinnlichkeit vor. Seine Figuren zeigen aus dieser Sicht die Techniken der Diskursivierung, in denen die Impulse der erotischen Leidenschaft abgespalten werden und der Körper zum Fremd-Körper wird.

Das neue Handbuch zu Lessing von Monika Fick ist in dieser Hinsicht ein Maßstäbe setzender Idealfall, da dessen Analysen an der Schnittstelle angesiedelt sind, an der die alternativen anthropologischen Sichtweisen sich kreuzen. Primär geht es Monika Fick darum, die historischen Kontexte zu rekonstruieren und über sie zu informieren, wobei die Distanz zur Gegenwart nicht aufgehoben wird, sondern das Vergangene als "wirklich vergangen, fern und fremd" erscheint. Innerhalb dieses Rahmens wird die Einordnung der "sinnlichen Natur" des Menschen in Sinnhorizonte gestellt. Gleichzeitig wird zwischen den Zeilen auch die Frage virulent, ob Lessing durch die Art und Weise, wie er formuliert und gestaltet, etwas auszudrücken sucht, was jenseits der fassbaren, mitteilbaren Inhalte liegt. Im ersten Teil, der der "Zeit und Person" gewidmet ist, versucht sich Monika Fick mit einigem Erfolg an der gewiss nicht leichten Frage, ob sich die beiden differenten Ansätze bündeln lassen, um nunmehr auch ein anthropologisch fundiertes Bild vom Menschen Lessing in seiner Zeit zu entwerfen. Dabei verbindet sie die Erweiterung des Menschenbildes um die dunklen Schichten, den Einbezug von Sinnlichkeit und Leidenschaft, Gefühl und Trieb, die Lessing fraglos auch besessen hat. Neben Lessings Biographie im Kontext des 18. Jahrhunderts finden sich auch Überblicke zu den kontrastierenden Lessing-Bildern im Laufe der Rezeptionsgeschichte dieses Autors und zur philosophischen, theologischen und ideengeschichtlichen Situierung des Autors sowie zu seiner Stellung innerhalb des 18. Jahrhunderts. Der zweite Teil des Handbuchs, der dem Werk Lessings gewidmet ist und rund vier Fünftel des Buches ausmacht, weist in allen Abschnitten dieselbe Gliederung auf: Zunächst informiert die Autorin über Entstehung, Quellen und Kontext eines einzelnen Werks oder einer Werkgruppe, referiert dann wichtige Positionen der Forschung, trägt unter der Rubrik "Analyse" eigene, zum überwiegenden Teil neue und sehr erhellende Deutungen vor und beendet den jeweiligen Abschnitt mit Ausführungen zu Aufnahme und Wirkung. Es mutet kaum glaublich an, dass dieses Opus maximum nicht, wie sonst üblich, von mehreren MitarbeiterInnen, sondern von einer einzigen Gelehrten verfasst wurde, was der Qualität des Buches indes keinen Abbruch tut - ganz im Gegenteil: Monika Fick ist mit ihrem Lessing-Handbuch ein großer Wurf gelungen, der die Lessing-Forschung der nächsten Jahre zweifelsohne auf eine neue Basis stellen wird. Zusammen mit dem Lessing-Arbeitsbuch von Wilfried Barner u. a., das ausdrücklich nicht ersetzt werden soll, und der neuen Lessing-Ausgabe im Deutschen Klassiker Verlag liefert Monika Fick den dritten Meilenstein der Lessing-Philologie der letzten Jahre. Der Lessing, der hier zu entdecken ist, ist der Aufklärer und skeptische Melancholiker, der sachliche Kritiker und zornige Polemiker, der Liebhaber der Vernunft, der die Sprache des Gefühls zu kultivieren sucht und mitunter die Bereiche jenseits der Vernunft und Sprache interessanter zu finden scheint. Das neue Lessing-Bild, das sich in der jüngeren Forschung seit längerem abzeichnet, nimmt allmählich Konturen an, ohne dass man sich darum sorgen müsste, nicht auch zukünftig neue Aspekte entdecken zu können.

In diesem Zusammenhang überrascht auch so manche alte Perle, die in neuem Licht erscheint. So darf sich der an Lessing interessierte Leser auch über den Reprint der ersten umfassenden Lessing-Biographie aus der Feder seines Bruders Karl Gotthelf im Rahmen der "Klassischen Biographien" bei Olms freuen, die die Wirkungsgeschichte und das Bild Lessings in Deutschland lange Zeit mitbestimmt hat. Zu beklagen ist aber, dass diesem Initialtext der Lessing-Biographie weder ein Nachwort noch ein Register beigegeben ist. Zudem bedürfen die zuweilen anekdotischen Ausschmückungen und Halbinformationen von Lessings Bruder dringend eines prägnanten Zeilenkommentars, der vor dem Hintergrund gerade auch der neuen Forschungsergebnisse die nötigsten Klarstellungen und Hinweise bieten müsste. Leider hat der Verlag darauf verzichtet, was die Freude über die nun wieder gegebene leichtere Zugänglichkeit der Biographie doch arg dämpft. Uneingeschränkte Freude verursacht die Faksimilierung und Transkription des Marbacher Manuskripts von Lessings "Kleinigkeiten", die Jochen Meyer besorgt und kenntnisreich kommentiert hat.

Weiterhin werden in diesem Schwerpunkt der von Wolfgang Albrecht neu herausgegebene und kommentierte Briefwechsel Lessings mit Eva König, die von Vera Forester geschriebene Parallelbiographie zu Lessing und Mendelssohn, Wilfried Barners Studie über die "Vergegnung" Goethes und Lessings und Eun-Ae Kims Untersuchung von "Lessings Tragödientheorie im Licht der neueren Aristotelesforschung" besprochen.


Titelbild

Karl Gotthelf Lessing: Gotthold Ephraim Lessings Leben. Nebst seinem noch übrigen litterarischen Nachlasse. Teil I. Nachdruck Berlin 1793.
Georg Olms Verlag, Hildesheim 1998.
452 Seiten, 62,00 EUR.
ISBN-10: 3487106493

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Monika Fick: Lessing Handbuch. Leben - Werk - Wirkung.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2000.
517 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 3476016854

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Kein Bild

Lessing Society: Lessing Yearbook / Jahrbuch XXXII. Proceedings of the Lessing Society Conference "Lessing International - Lessing Reception Abroad” held at Vanderbilt University, Nashville, Tennessee, 28-31 October 1999.
Herausgegeben von John A. McCarthy, Herbert Rowland, Richard E. Schade.
Wallstein Verlag, Göttingen 2001.
431 Seiten, 24,50 EUR.
ISSN: 00758833

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Kein Bild

Lessing Society: Lessing Yearbook/ Jahrbuch XXXIII.
Herausgegeben von John A. McCarthy, Herbert Rowland, Richard E. Schade.
Wallstein Verlag, Göttingen 2002.
399 Seiten, 24,00 EUR.
ISSN: 00758833

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch