Vergangene Epochen?

Zeev Sternhells Untersuchung faschistischer Ideologie

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie die Ideologie jeder erfolgreichen politischen Bewegung ist die des Faschismus von seiner Praxis zu unterscheiden. Der israelische Historiker Zeev Sternhell hat sich immer wieder darum bemüht, erstere zu erhellen. In Deutschland vor allem durch sein 1999 erschienenes Buch "Die Entstehung der faschistischen Ideologie" bekannt, liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung eine sprachlich prägnante frühere Arbeit von 1976 vor, die wesentliche Ideen des späteren Werks in konzentrierter Form entwickelt.

Weniges wirkt angestaubt. Die Akzentuierung geistesgeschichtlicher Entwicklungslinien erscheint heute vielleicht überzogen. Sie ist verständlich angesichts der Wirkungsmacht materialistischer, ökonomistischer Erklärungsansätze vor 25 Jahren - doch würde man nun angesichts des vagen Geredes von rechtem und linkem Totalitarismus gerne etwas mehr von materiellen Interessen erfahren, die hinter dem Erfolg oder Misserfolg bestimmter Politikkonzepte stehen. Insgesamt überzeugt Sternhells Erklärung der faschistischen Ideologie, trotz ihrer zeitbedingten Fokussierung, auch heute.

Zu Recht geht Sternhell von einem jahrzehntelangen Vorlauf aus, während dem von Denkern wie Sorel, Langbehn oder Barrès alle wesentlichen faschistischen Ideologeme entwickelt wurden, weitgehend als Vulgarisierung von Gedanken Nietzsches oder Bergsons. Antiliberalismus, Antirationalismus, Vitalismus, Körper- und Technikkult schienen im Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft durch den Ersten Weltkrieg ihre Rechtfertigung zu finden. Mit der Masse der Frontkämpfer, die in der Nachkriegsgesellschaft keinen sicheren Platz mehr fanden, erschloss sich dem faschistischen Denken ein personelles Reservoir; in der Abwehr einer linken Revolution, wie sie 1917 in Russland erfolgreich gewesen war, wuchs der Ideologie und ihren Repräsentanten in den Augen der rechten Eliten eine Funktion zu. Damit beginnt die Geschichte der politischen Erfolge des Faschismus. Dabei gilt es drei miteinander verbundene Bezüge zu durchdenken: das Verhältnis der Faschisten zur reaktionären Rechten, das zum Liberalismus und das zur Linken.

Einfach scheint das Verhältnis zur Reaktion: Sie holt den Faschismus zur Hilfe, wenn sie alleine mit der Linken nicht fertig wird; danach mag sie ihn nicht mehr. Für Sternhell reduziert sich deshalb die Zahl der faschistischen Regimes auf nur eines: das italienische. Sogar das Spanien Francos erscheint ihm als nur reaktionäres System, das sich seiner faschistischen Unterstützer sobald als möglich entledigte. Hier aber bezieht sich Sternhell doch wieder auf die Praxis, auf eine fragwürdig die Ideologie verabsolutierende Weise: Nie aber ist in der Praxis das Gedachte rein verwirklicht; und dass Leute, die die Ideale allzu wörtlich nehmen, von den Trögen der Macht verdrängt werden, gehört zur Geschichte jeder erfolgreichen Bewegung.

Entgegen Sternhells Beschränkung wäre eine Ausweitung sinnvoll; besonders im Hinblick auf den deutschen Faschismus, den er allzu entschieden von den Faschismen anderer Länder abgrenzt. Zwar trat der deutsche Faschismus deutlich aggressiver als der anderer Länder auf, und seine Vertreter akzentuierten das biologistische Element Volk gegenüber dem politischen Element Staat. Doch gewinnt Sternhell zahlreiche seiner geistesgeschichtlichen Belege aus Deutschland, er zeigt zudem, wie die deutschen militärischen Erfolge von 1939/40 eine Orientierung der Faschisten auch anderer Länder am deutschen Modell nach sich zogen. Im ideologischen Ursprung und in der Praxis der 40er Jahre ist die Differenz der NS-Politik zur Mehrzahl der Faschismen geringer, als Sternhell meint.

Ebenfalls unkompliziert ist, auf der Ebene der Ideologie, der Bezug sämtlicher faschistischer Denker auf Demokratie und Liberalismus. Die strikte Abgrenzung ist leicht mit einer Vielzahl von Zitaten zu belegen. Doch sollte die immanente Darstellung faschistischer Denkmuster nicht verdecken, dass erst das politische, ökonomische, soziale und emotionale Desaster, der bürgerlichen Gesellschaften um 1900, die falschen Lösungen der Faschisten als attraktiv erscheinen ließ. In der Krise schließlich bleibt von Liberalität meist nur Wirtschaftsliberalimus übrig; selbst dort, wo Faschisten an der Macht mit Wirtschaftsplänen operierten, ging es ihnen dann nicht darum, private Wirtschaftsmacht zu brechen, sondern darum, sie für gemeinsame Ziele zu operationalisieren. Vor einem Vierteljahrhundert war dieses Wissen fast Gemeingut, und Sternhell brauchte auf diese Aspekte nicht einzugehen. In den gegenwärtigen Ruinen politischen Denkens hausen Extremismusforschung und Totalitarismustheorie; nur wenige Sätze markieren eine Distanz Sternhells von derart affirmativer Wissenschaft. Hier zeigt sich erneut das Problem, einen politischen Text in einen völlig veränderten Diskurs zu versetzen.

Das Verhältnis der Linken zum Faschismus ist auf der Ebene des handelnden Personals nicht minder komplex. Benito Mussolini ist nur das bekannteste Fall eines Sozialisten, der zum Faschisten wurde; Oswald Mosley in Großbritannien, Marcel Déat und der frühere Kommunist Jacques Doriot in Frankreich, Henri de Man in Belgien sind nur weitere Beispiele für zahlreiche Konvertanten. Viele dieser Männer - es sind tatsächlich Männer, und Sternhell vergisst nicht, die patriarchale sexuelle Metaphorik der faschistischen Propaganda herauszustellen - gehörten sogar zum linken Flügel ihrer Parteien. Es war die Verbürgerlichung des Reformsozialismus, der sie abstieß. Sie hassten die parlamentarische Arbeit, das dauernde Ringen um Kompromisse, den gemäßigten Habitus, den sich die karrieristischen Funktionäre zugelegt hatten. Gegen die zumindest scheinbare Rationalität der parlamentarischen Argumentation stellten sie den Mythos der direkten Aktion, von Georges Sorel herkommend auch den Mythos der Gewalt. Da sie den Kampf der Klasse nur in seiner parlamentarischen Schwundform sehen konnten, suchten sie einen wirkmächtigeren Mythos und meinten ihn in der Verbindung von Klasse und Nation zu finden. In der Praxis jedoch verdrängte das nationale Kollektiv mit seiner Feinderklärung gegen jedes Fremde das Kollektiv der Klasse; der Kampf gegen jede Variante der Linken war unabwendbare Folge.

Daraus ergeben sich mehrere mögliche Schlussfolgerungen. Eine wäre die Dummheit, dass die Extreme sich eben gleichen: Hier sind die Probleme vergessen, die die Politik des bürgerlichen Kompromiss unweigerlich hervorbringt, und dass die radikal rechten und die radikal linken Antworten sich theoretisch widersprechen und praktisch fast stets in heftigen Konflikt gerieten. Eine andere Antwort gibt der Autor des - aktualisierenden - Vorworts, Anton Landgraf, zu Recht: Eine Linke, die sich aufs nationale Kollektiv stützt, gibt sich selbst auf. Eine Verbindung sozialer mit nationalen Gedanken stellt keine Alternative dar, sondern es verdeckt Klasseninteressen, wer auf völkische Identitäten setzt. Der gegenwärtige Widerstand gegen eine in der Tat zerstörerische Globalisierung, der seine Kraft auch durch den Bezug auf zumindest scheinbar traditionale Einheiten gewinnt, ist deshalb bei aller Sympathie nicht ohne Skepsis im Detail zu betrachten.

Im Vorwort begründet Landgraf die Aktualität der Überlegungen Sternhells auch mit den gegenwärtigen Erfolgen rechtspopulistischer Parteien in Europa. Er verweist darauf, dass die FPÖ in Österreich wie auch die Alleanza Nazionale in Italien sich unmittelbar aus Sammelbewegungen für die Verlierer von 1945 herleiten. Doch gilt das Argument für ein Buch über Ideologie nur bedingt: Schon diejenigen, die nach 1945 die rechte Kameradschaft suchten, waren Leute der Praxis, nicht der Ideologie. Ob Nietzsches Appell, gefährlich zu leben, ob der antibürgerliche Mythos der Gewalt die Wähler für Haider und le Pen, für Fini, Berlusconi, für Schill, Frey und für die Nutznießer von Pim Fortuyns Tod mobilisierte, darf bezweifelt werden. Im Gegenteil wollen sie durchaus bürgerliche Sicherheit bewahren, vor in ihren Augen suspekten Einwanderern, vor Drogenhandel, dem Islam und staatlichen Sozialabgaben. Um mit Gewalt die Macht zu fordern, fehlt der bedrohliche linke Feind der 20er Jahre. Es bleibt eine bürgerliche Kompromisspolitik, wie sie die FPÖ zerreibt, die eine Minderheitenposition in der Regierung akzeptierte, die ein Hitler oder Mussolini stets zurückgewiesen hätten. Die Klientel fordert wirtschaftsliberal, nichts an den Staat zu zahlen, und ist sicherheitsbedacht enttäuscht, wenn ihr eine staatliche Leistung weggekürzt wird.

Der Widerspruch ist nicht zu vermitteln, die heroisierende Wirkung eines latenten Bürgerkriegs unerreichbar - und so mag nur ein Medienunternehmer wie Berlusconi ohne Verluste regieren, einfach weil er in der Lage ist, jede andere Meinung abzuschalten. Doch bei allem Unheil, das er anrichtet: Der erfolgreiche Konzernchef als Ministerpräsident ist eine wesentlich bürgerliche Figur. An die Stelle von Sorels Mythos der Gewalt tritt der Mythos vom erfolgreichen Geschäftemacher, der dann auch den Staat als Unternehmen zu leiten in der Lage sei. Sternhells geistesgeschichtliche Arbeit, so zeigt sich hier, hat über ihre Entstehungszeit hinaus historischen Wert und ist deshalb lesenswert. Die Gegenwart zu begreifen, hilft sie wenig - zu verbürgerlicht ist die Neue Rechte, sofern sie Wahlerfolge zu feiern vermag.

Titelbild

Zeev Sternhell: Die Entstehung der faschistischen Ideologie. Von Sorel bis Mussolini.
Hamburger Edition, Hamburg 1999.
480 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN-10: 3930908530

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