Von betrunkenen Barbaren, königlichen Dummköpfen und pittoresken Landschaften

Frauke Geyken über die Deutschlandbilder der Briten im 18. Jahrhundert

Von Tilman FischerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Tilman Fischer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Deutschen sind trunksüchtig und unkultiviert, ihre zahllosen Fürsten voller Standesdünkel und stets auf der Jagd nach Vergnügungen, sie lieben das Militärische, sprechen eine abstoßende Sprache und sind darüber hinaus phlegmatisch und abergläubisch - was ist von Katholiken auch anderes zu erwarten. Solche und ähnliche Meinungen zirkulierten in englischen Schriften über die Bewohner der aberhundert deutschen Kleinstaaten im 18. Jahrhundert. Ihr stereotyper Charakter formt sich für die Göttinger Historikerin Frauke Geyken in ihrer Dissertation zu einem relativ stabilen "Deutschlandbild" der Briten. Dass dabei auf einer deskriptiven Ebene wenig Neues zu erwarten ist, auch wenn das 18. Jahrhundert noch ungleich seltener als spätere Zeiträume unter einer solchen Fragestellung betrachtet wurde, weiß die Autorin auch. So stellt sie zwar zunächst das kursierende Wissen über die deutschen Verhältnisse, wie sie es in englischen Enzyklopädien, Wörterbüchern und Reiseberichten fand, auf rund 80 Seiten zusammen. Der Hauptteil ihrer Studie besitzt jedoch weiter gehende Ambitionen.

Zu den vier Themenbereichen Politik, Religion, Geschichte und Kultur analysiert Geyken mit Hilfe einer Vielzahl unterschiedlicher Quellen diverse Kommunikationskontexte, in denen 'deutsche' Themen in Großbritannien verhandelt wurden. So setzte sich eine umfangreiche Pamphletliteratur, die im Anhang von Geyken ausführlich dokumentiert wird, zu Beginn des Jahrhunderts in einer heftigen Debatte mit dem Thronfolger Georg I. und später in den 1740er noch intensiver mit dem Hause Hannover und seinem Militär auseinander. Spielten hier tagespolitische Ereignisse die zentrale Rolle bei der Beurteilung und Darstellung deutscher Verhältnisse, so bildeten politische Interessen auch die Grundlage für die britische Geschichtsschreibung über die einst eingewanderten bzw. eingefallenen germanischen Vorfahren. Die von Geyken ausgewerteten historiographischen Texte zeigen ein ambivalentes Bild. Mal treten die Germanen als rohe und kriegerische Barbaren, mal als prädemokratische, angelsächsische Freiheitskämpfer und 'gute Wilde' auf und beides färbte ab auf die zeitgenössischen Vorstellungen über die Deutschen. Dass die Modellierung vergangener germanischer und britischer Geschichte hier vom Selbstverständnis des jeweils Schreibenden und seinen causa scribendi abhing, ist ein Befund, der sich analog auch in den anderen Kapiteln zeigt. Weniger kontrovers als bei den Germanen fällt dies bei der religiösen Frage aus. Die Oppositionsbildung zwischen gutem englischen Protestantismus und schlechtem deutschen Katholizismus ist unumstritten und trug entscheidend zur positiven Selbstbildkonstitution der Briten bei.

Es ist eine Generalthese von Geyken, dass sich dieser Prozess der kollektiven Identitätsbildung besonders gut anhand der in einer Öffentlichkeit gängigen Fremdbilder (hier: derjenigen über die Deutschen) zeigen läßt. Die dazu von ihr herangezogenen Pamphlete, Reisebeschreibungen, Enzyklopädien, Wörterbücher oder eine Zeitschrift wie das "Gentleman´s Magazin" liefern ihr dazu reichhaltiges Anschauungsmaterial. Sie bilden auch die Grundlage für das Kapitel über deutsche Kultur, in dem Sehenswürdigkeiten, die Kultiviertheit der Bevölkerung sowie Landschaft verhandelt werden. Hier gelingt es der Autorin, einen Aufmerksamkeitszuwachs und einen allmählichen Wandel in der Bewertung des geschilderten Gegenstandes zu zeigen. Durch sich verändernde ästhetische Maßstäbe konnten die reisenden Briten der pittoresken Rheinlandschaft und den vorher so geschmähten Wäldern zunehmend attraktive Seiten abgewinnen. Deutschland etablierte sich so als lohnenswerte Reisestation auf der obligatorischen Europareise, der Grand Tour, der gebildeten und vermögenden Engländer.

Die Stärke von Geykens Buch liegt zweifellos in dem aufgezeigten Facettenreichtum des "Deutschlandsbildes", das als Singular damit aber auch kaum mehr haltbar ist. Durch die Berücksichtigung verschiedener, äußerst heterogener Quellengattungen, die geradezu beiläufig, aber treffend in ihrer jeweiligen Besonderheit charakterisiert werden, werden die vielfältigen Abhängigkeiten des Schreibens über Deutschland im Großbritannien des 18. Jahrhunderts durchsichtig. Lesererwartungen, Gattungskonventionen, politische Interessen, tradierte Vorstellungen, Leittexte wie Tacitus' "Germania" und eigene Beobachtungen bestimmten in je unterschiedlicher Gewichtung den einzelnen Text. So öffnet sich bei der Lektüre der Studie ein weiter Horizont politischer und kultureller Selbstverständigung innerhalb der britischen Öffentlichkeit des 18. Jahrhunderts. Geyken zeigt, wie sehr dieser Prozeß durch eine reziproke Dynamik aus Fremd- und Selbstbildern geprägt war. Dass sich daraus nur ein "scheinbar einheitliches Bild" gewinnen läßt, weiß die Autorin am Anfang ihrer Studie noch, am Ende ist dann allerdings doch nur wieder "von einem britischen Deutschlandbild" die Rede.

Der anschauliche Stil der Autorin, der durch eine Vielzahl eingeschobener Fragen, seien es eigene oder die den Zeitgenossen unterstellten, auf die weitere Lektüre neugierig macht, entschädigt dabei zunächst für manche Wiederholung der zentralen Thesen und einige terminologische Unbestimmtheit. Dass die Begriffe Stereotyp, Klischee und Vorurteil annähernd synonym gebraucht werden und der Bildbegriff lediglich als Addition von Stereotypen gefaßt wird, mag dabei noch angehen. Problematisch wird die Arbeit jedoch dort, wo Geyken hinter ihr eigenes theoretisches Niveau zurückfällt. Behauptet sie einleitend noch ausdrücklich, am Wahrheitsgehalt des Dargestellten nicht interessiert zu sein, sondern die Funktion und Wirkung der Texte in den historischen Kommunikationszusammenhängen bestimmen zu wollen, so insinuiert sie im weiteren Verlauf der Studie zweierlei: einmal, dass die Verwendung eines Stereotyps letztlich eine verzerrte Darstellung der Wirklichkeit bedeute; zum anderen, dass sie selbst in der Lage sei, die "korrekten Passagen" von den falschen zu unterscheiden. Undurchsichtig bleibt dabei zu häufig, auf welcher Grundlage solche Urteile über die "Diskrepanzen zwischen Realität und Darstellung" gewonnen werden.

Zu behaupten, die "konkrete Wahrnehmung" der Schreibenden werde stets "überformt", und diesen Prozeß auch noch als "nicht willentlich" oder "unbewußt" zu imaginieren, setzt ein Wissen voraus, das die Autorin aus ihren Quellen kaum haben kann. Auch hier liegt ein begriffliches Problem vor. Denn statt von Darstellungen, um die allein es hier gehen konnte, spricht die Autorin beständig von "Wahrnehmungen" und überschreibt sogar den zweiten Teil ihrer Studie so. Unter einen solchen Begriff lassen sich schon Reisebeschreibungen nur schwer subsumieren, noch weniger aber die dokumentierten Zuschreibungen der politischen Pamphletisten. Ähnlich irreführend ist die Betitelung des ersten Teils der Studie mit "Bilder". Tatsächlich geht es dort um die Rekonstruktion der in Großbritannien verbreiteten Wissensbestände über die deutschen Staaten wie Klima und Topographie, sowie um Reiserouten, Unterkünfte und Reisemotivationen der Berichterstatter. Und auch der Titel des Buches selbst, "Gentlemen auf Reisen", ist unglücklich gewählt, denn er verschleiert den originellen Zugang der Autorin, der ja gerade in dem fruchtbaren Bezug unterschiedlichster Quellengattungen aufeinander besteht. Reisebeschreibungen bilden dabei nur einen kleinen Teil in ihrem umfangreichen Textcorpus. Und zum Glück geht sie auch an den berühmten Reisebriefen der Lady Mary Wortley Montagu, die gewiss kein Gentleman gewesen ist, nicht achtlos vorüber.

Kein Bild

Frauke Geyken: Gentlemen auf Reisen. Das britische Deutschlandbild im 18. Jahrhundert.
Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
357 Seiten, 34,90 EUR.
ISBN-10: 3593371308

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