Berühmt und doch verborgen

Roberto Zapperi begibt sich auf die Spur des 'Haarmenschen' Pedro Gonzalez und seiner Kinder

Von Mathis LeibetsederRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mathis Leibetseder

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Keine Frage, das Kuriose hat Konjunktur. Seit mehreren Jahren schon bringen die Geisteswissenschaften den frühneuzeitlichen Kunst- und Wunderkammern ein gesteigertes Interesse entgegen. Da die darin gesammelten Objekte nicht nur hohen kunsthandwerklichen Ansprüchen genügen, sondern darüber hinaus auch Aufschluss über die Weltdeutung und das Ordnungsdenken zwischen Renaissance und Barock gewähren, sind sie zu einem Lieblingsfeld für interdisziplinäre Forschungsansätze geworden. Stellvertretend genannt seien an dieser Stelle nur Horst Bredekamps "Antikensehnsucht und Maschinenglauben" und "Wunder und die Ordnung der Natur" von Lorraine Daston und Katharine Park. Dass derartige Sammlungen auch eine breite Öffentlichkeit in ihren Bann zu schlagen vermögen, beweist gegenwärtig das Grüne Gewölbe in Dresden, das seit seiner Wiedereröffnung im Sommer letzten Jahres ein großer Publikumsmagnet ist.

Die Leidenschaft für das Außergewöhnliche erstreckte sich jedoch nicht nur auf unbelebte Materie und künstlerisch Gestaltetes, sondern auch auf Tiere und Menschen. Einer Familie, deren Schicksal durch diese Leidenschaft entscheidend geprägt wurde, widmet Roberto Zapperi sein neues Buch. Die Rede ist von jener des Pedro Gonzalez, die aufgrund einer besonders starken und dichten Körperbehaarung im Europa des späten 16. Jahrhunderts als Familie von 'Haarmenschen' bekannt wurde. Zapperis Buch ist das Ergebnis einer Spurensuche in den Archiven und Kunstsammlungen Frankreichs, Deutschlands und Italiens. Da Selbstzeugnisse nicht vorhanden sind, stützt er sich dabei auf Aussagen anderer über die Familie Gonzales - seien es schriftliche oder auch bildliche Aussagen - sowie auf Rechnungs- oder Kirchenbücher. Diesen Quellen ringt er die biografischen Daten, aber auch die Beziehungsgeflechte, die das Geschick der Familie und ihrer Bildnisse beeinflussten, mühselig ab. Es ist Zapperi hoch anzurechnen, dass er dieses Ringen in seinen Text einfließen und auch die vielen kleinen Ungereimtheiten und Leerstellen in der Geschichte von Pedro und seiner Familie nicht einfach unter den Tisch fallen lässt.

Der Beschaffenheit des Quellenmaterials entsprechend, gibt es in Zapperis Buch zwei Erzählstränge. Auf der einen Seite rekonstruiert er die Lebenswege von Pedro Gonzales und seinen Kindern, die dadurch geprägt waren, dass sie als Kuriositäten von einem Herrscher zum anderen weitergereicht wurden; die Erzählung beginnt auf der Insel Teneriffa, auf der Pedro 1537 das Licht der Welt erblickte, und führt über den französischen Königshof nach Italien an den Hof der Farnese in Parma. Dem zweiten Erzählstrang liegt die mediale Verwertung der Familie Gonzalez zugrunde. Vom französischen Königshaus aus verbreitete sich nämlich die Kunde über die "Haarmenschen" an andere Fürstenhöfe und weckte das Bedürfnis, diese zu sehen. So 'reisten' die Bildnisse der Familie über den Hof des bayerischen Herzogs zu der Wunderkammer auf Schloss Ambras und gelangten schließlich sogar im Prager Kaiserhof an. Aber auch das gelehrte Europa wurde aufmerksam auf die Gonzalez, wie imaginäre Bildnisse einzelner Familienmitglieder in der "Monstrorum historia" von Ulisse Aldrovandi beweisen.

Zapperi begnügt sich freilich nicht mit der Rekonstruktion der dürren Fakten, sondern interpretiert diese auch vor dem Hintergrund zeitgenössischer literarischer und wissenschaftlicher Diskurse. Im Zentrum seiner Interpretation steht die These, dass die starke Behaarung der Gonzalez im 16. und 17. Jahrhundert nicht, wie heute, als Krankheit betrachtet wurde, sondern als Zeichen von Wildheit und Animalität; so sahen sich die Zeitgenossen durch die Existenz der Familie Gonzalez vor die Frage nach der Grenze zwischen Tier und Mensch, zwischen Wildnis und Zivilisation gestellt. Zapperi versetzt sich immer wieder in seine Protagonisten hinein und versucht nachzuempfinden, wie diese sich gegen die Zuschreibungen ihrer Umwelt, die nie aufhörte, sie als Tiere oder 'Wilde' zu betrachten, widersetzten und welche Strategien sie anwandten, um ein Leben frei von Diskriminierung zu führen.

Im Eifer des Gefechts scheint Zapperi jedoch gelegentlich zu vergessen, dass seine Quellen eben keine Selbstzeugnisse sind. So etwa bei der Interpretation eines Gemäldes von Agostino Carracci: Enrico ist darauf als naturverbundener Bewohner der Kanaren dargestellt, der mit dem tamarco, dem Volkskostüm der Guantschen, bekleidet ist. Zapperi reicht diese Bekleidung als Indiz dafür, dass es sich um ein authentisches Bildnis handelt. Wem außer Enrico, so fragt er, wäre in Italien diese Gewandung bekannt gewesen? Zapperi folgert, dass Enrico sich von Carracci bewusst als naturverbundenen Eingeborenen darstellen ließ, um den Kardinal Odoardo als Auftraggeber des Bildes zu veranlassen, ihn von seinem Hof in Rom zu entfernen und auf den Landsitz der Farnese nach Capodimonte zu schicken. Der naturliebende Kardinal, so Zapperi, habe dafür Verständnis aufgebracht und Enricos Wunsch entsprochen. Auf diese Weise sei Enrico dem Hofleben und dem Schicksal, als Kuriosität herumgezeigt zu werden, schließlich entkommen - eine Interpretation, die freilich im Reich der Spekulationen angesiedelt ist.

So deutet Zapperi die Geschichte von Pedro Gonzalez und seinen Kindern als Versuch, der Rolle lebendiger Kuriositäten, die ihnen von ihren Zeitgenossen zugeschrieben wurde, zu entfliehen. Es ist Zapperis Verdienst, dass dank seiner akribischen Recherchen aus den seltsamen Wesen, die uns aus einer Reihe von Bildnissen und Porträts entgegenblicken, wieder Personen mit eigenem Lebenslauf geworden sind. Dennoch bleibt die starke Behaarung das hervorstechende Merkmal dieser Familie, zu deren 'Innenleben' uns der Schlüssel fehlt. Der seltsame Widerspruch zwischen der Berühmtheit, die durch die körperliche Gestalt der Gonzalez erzeugt wurde, und dem Dunkel, das das Leben der einzelnen Familienmitglieder umgibt, kann letztlich nicht aufgelöst werden. Dies kann freilich nicht Zapperi angelastet werden. Bedauerlich ist allenfalls, dass die wissenschaftliche Aneignung, die Pedro Gonzalez in der Moderne gefunden hat, in die Fußnoten verbannt bleibt. Ein kurzer Forschungsabriss zu Beginn des Buches oder ein Schlusskapitel über das 'Nachleben' des 'Haarmenschen' hätte hier Abhilfe geschaffen. So bleibt die Grenze, die zwischen der Faszination, die die Familie Gonzalez auf ihre Zeitgenossen ausübte, und jener, die noch uns vierhundert Jahre später in ihren Bann zieht, zu scharf gezogen.

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Roberto Zapperi: Der wilde Mann von Teneriffa. Die wundersame Geschichte des Pedro Gonzalez und seiner Kinder.
Verlag C. H. Beck, München 2004.
220 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3406447929

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