Der Philosoph als Politiker der Wahrheit

Michel Foucaults Vorlesungen über die "Geschichte der Gouvernementalität I und II"

Von Thilo RissingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thilo Rissing

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Doch, alles in allem, das, was ich tue - ich sage nicht, dass ich dafür geschaffen bin, denn darüber weiß ich nichts -, doch was ich schließlich mache, das ist, alles in allem, weder Geschichte noch Soziologie noch Ökonomie. Aber es ist wohl etwas, das auf die eine oder andere Weise, und einfach aus faktischen Gründen, mit der Philosophie zu tun hat, das heißt mit der Politik der Wahrheit, denn ich sehe kaum eine andere Definition des Wortes 'Philosophie' als diese. Es handelt sich um die Politik der Wahrheit."

In den am Collège de France gehaltenen Vorlesungen aus den Jahren 1977/78 und 1978/79 über "Gouvernementalität", die letztes Jahr auf Deutsch im Suhrkamp Verlag erschienen sind, entfaltet Michel Foucault eine interdisziplinär und diachron angelegte "Politik der Wahrheit". In diesen auf zwei Bände angelegten Vorlesungen mit den Titeln "Sicherheit, Territorium, Bevölkerung" und "Die Geburt der Biopolitik" handelt es sich aber nicht nur um die Aufdeckung der mannigfaltigen Verknüpfungen zwischen Philosophie, Ökonomie, Staatstheorie und Geschichte, sondern zugleich auch um einen Selbstverständigungsprozess des Ichs. Die als Analyse der "Biomacht" und "Biopolitik" geplante Vorlesungsreihe ändert daher im Laufe der Vortragssitzungen ihren thematischen Schwerpunkt, um sich den verschiedenen Formen der gouvernementalen Vernunft, in Foucaults Worten der "Gouvernementalität", zuzuwenden. In dieser Verschiebung des Interessenschwerpunktes kristallisiert sich in Foucaults Denken eine Neuausrichtung heraus, die ihn im Folgenden von der Untersuchung der diversen Mikro- und Makromächte wegführt, um dem Aspekt der "Regierungskunst" in ihren verschiedenen Ausprägungen bis hin zur "Ästhetik des Selbst" als einer Form der Selbstregierung nachzugehen. Als Bindeglied zwischen zwei Schaffensphasen bietet die Lektüre der Vorlesungen deshalb nicht zuletzt auch die Möglichkeit, nachzuvollziehen, auf welche Weise Foucault sein methodisches Vorgehen und seine Interessen in Abstimmung zu den Debatten der Gegenwart je neu justiert, um die Metamorphose seines Denkens (von der Machtanalyse zur Lebenskunst) voranzutreiben.

Zu Beginn der Vorlesung greift Foucault auf seine bisherigen Forschungen zurück, in denen das Verhältnis zwischen Souverän und Untertanen im Zentrum steht. Insbesondere das kontingente Band zwischen dem Herrscher und seinem Territorium bedarf des andauernden Schutzes mittels eines Netzes aus Disziplinar- und Überwachungsmaßnahmen. Wie in seinem Buch "Überwachen und Strafen" beschrieben, beruht diese Regierungsform auf einem Denken, das mit Begriffen des Machterhalts und der Statik operiert. Der Herrscher verfügt über ein genau festgeschriebenes Gebiet, in dessen Grenzen alles - also sämtliche Menschen, Tiere, Güter und jeglicher Grundbesitz - seiner Kontrolle unterliegt.

Dieses starre Regierungsmodell gerät mit dem Auftauchen der neuen Koordinate "Bevölkerung" ins Wanken: Während die Disziplin auf Einschränkung und Kontrolle angelegt war, erlaubt die Beweglichkeit der Bevölkerung durch ihre multikausalen Bezüge nicht mehr den direkten Zugriff des Herrschers. Durch den Einsatz von "Sicherheitsdispositiven" werden nunmehr auf indirekte Weise die natürlichen und sozialen Rahmenfaktoren für die Bevölkerung verändert, um Einfluss auf ihre Entwicklung zu nehmen: "Sie sehen, dass die Sicherheitsdispositive, wie ich sie versucht habe nachzuzeichnen, im Gegenteil zentrifugal sind und die Tendenz haben, sich auszudehnen. Es werden ohne Unterlass neue Elemente integriert, man integriert die Produktion, die Psychologie, die Verhaltensweisen, die Arten wie man Produzenten, Käufer, Konsumenten, Importeure, Exporteure macht, man integriert den Weltmarkt. Es handelt sich also darum, immer weiträumigere Kreisläufe zu organisieren oder sich jedenfalls entwickeln zu lassen." Die Sicherheitsdispositive sind Reaktionen auf ein deterritorialisiertes Denken, das die Bevölkerung als eine Zusammenballung aus Kräften, Interessen, Wünschen und Werten versteht, die nicht konstant ist, sondern sich immer wieder neu konstituiert.

Foucault verdeutlicht diese neuartige Auseinandersetzung mit dem Phänomen "Bevölkerung" anhand der nun einsetzenden Stadtplanung. Gerade weil die Bevölkerung nicht als gleichbleibend in der Zeit angenommen wird, kommt jetzt dem planvollen Umgang mit dem Zufall und dem Zukünftigen Relevanz zu. Die entscheidende Idee im Hintergrund bildet hierbei diejenige der "Kraft". Die Entwicklung der Bevölkerung hängt von verstärkenden oder aber hemmenden Kräften ab, durch welche die Zirkulation (z.B. die der Waren) gefördert oder blockiert wird. Eine effektive Regierung nimmt Einfluss auf die diversen Rahmenfaktoren, welche für die Anregung dieser Zirkulation zuständig sind. Durch entsprechende Regulationen bahnen sich diese Kräfte dann auf "natürliche" Weise ihren Weg: "Wir haben eine Bevölkerung, deren Natur so beschaffen ist, dass der Souverän im Innern dieser Natur, mit Hilfe dieser Natur, wegen dieser Natur durchdachte Regierungsprozeduren aufbieten muss." Die Bevölkerung bildet nach dieser Ansicht ein "natürliches" Verhalten aus, dass man auf indirekte Weise lenken kann, indem man die inneren Antriebe der Individuen kennt, die sich gegenseitig beeinflussen: "Die Bevölkerung ist eine Gesamtheit von Elementen, in deren Innerem man Konstanten und Regelmäßigkeiten bis in die Ereignisse hinein feststellen kann, in deren Innerem man das Universelle der Begierde orten kann, die regelmäßig den Nutzen aller hervorbringt und für die man eine gewisse Anzahl von Variablen ausweisen kann, von denen sie abhängt und die geeignet sind, sie zu modifizieren."

Vor dieser Folie erforscht Foucault das Auftauchen eines neuen Regierungstyps, der die Form der Souveränität, deren alleiniges Ziel im Machterhalt besteht, ablöst. In kritischer Absetzung von Machiavelli entsteht seit dem 16. Jh. eine Regierungskunst, die ihre Aufmerksamkeit auf den Zusammenhang zwischen der Regierung, der Bevölkerung und der politischen Ökonomie richtet. "Und dieser Regierungsstaat, der sich im wesentlichen auf die Bevölkerung stützt und sich auf die Instrumente des ökonomischen Wissens beruft und sie gebraucht, entspräche einer durch die Sicherheitsdispositive kontrollierten Gesellschaft." Diese "Gouvernementalisierung des Staates" führt zu einer Verschiebung der die Politik leitenden Ideen, indem nicht mehr die Herrschaft über Untertanen im Zentrum steht, sondern das Regieren von Menschen zu deren Bestem unter Verwendung der zu jener Zeit auftauchenden Disziplinen Pastoral, Diplomatie, Militär und Polizei.

Dieses Verständnis von Regierung, das von Fürsorge geprägt ist, entstammt der jüdisch-christlichen Tradition und findet sich als Narrativ vom Hirten und seinen Schafen sowohl in der Bibel als auch in den Schriften der Kirchenlehrer wieder. Von Interesse ist, dass im griechischen Denken diese Metapher für das Verhältnis von Herrscher und Untertanen bis auf unbedeutende Ausnahmen fehlt. Die Metapher vom Hirten und seiner Herde impliziert die Verantwortung des Regenten sowohl für die Bevölkerung insgesamt als auch für jedes Individuum. Im Anschluss an die jüdisch-christliche Einrichtung des Pastorats entsteht eine Regierungskunst, deren Kernmerkmal die Sorge darstellt. Parallel zu der kirchlichen Aufgabe, die Gläubigen auf den Weg des Heils zu geleiten, ergeht der Anspruch an die Regierung, die sich den Leitideen des Pastorats verpflichtet fühlt, dafür zu sorgen, dass es der Bevölkerung gut geht. Da das Pastorat an eine bestimmte Wahrheit geknüpft ist, die sich über Seelenleitung und tägliche Übung mitteilt, erfordert es zugleich einen unbedingten Gehorsam. Diese in der Geschichte des Christentums kontinuierlich entfaltete "Ökonomie der Seelen" gerät im 16. Jh. in eine Krise, die zu "Gegen-Verhalten", also zu Widerstand und Dissidententum führt. Das erwachende Krisenbewusstsein, das langsame Verblassen der Orientierungspunkte "Kirche" und "Reich", führt nach Ansicht Foucaults eine intensive Auseinandersetzung um eine veränderte Form der Regierung mit sich, wobei der Ideenkomplex des Pastorats transformiert und den neuen Umständen angepasst wird. Allerdings bedürfen die veränderten Begleitumstände eines neuen Typs von Rationalität, so dass sich für Foucault die Leitfrage stellt: "Was muss, im Unterschied zur ratio pastoralis, die ratio gubernatoria sein?"

Der Bruch mit der bestehenden kosmologisch-theologischen Ordnung lässt eine plausible Unterwerfung der Welt unter eine "Ökonomie des Heils" nicht mehr zu. Zur Legitimation der Regierung muss auf "Gott" verzichtet werden, ohne dass dadurch schon alles erlaubt ist, wie es bei Dostojewskij heißt. Die durch die Ablehnung einer Souveränität Gottes über die Natur und die Menschen erzwungene Autonomie der Regierung wird nun durch die Entwicklung einer Staatsräson aufgefangen und positiv gewertet. Die Staatsräson trägt konservative Züge, weil ihr Ziel eine beständige und krisensichere Regierung ist. Durch ein gewandeltes Geschichtsverständnis, aus dem jegliche Teleologie, Eschatologie und Linearität verdrängt sind, wird die Staatsräson von der Legitimität des Ursprungs und von der Finalität eines Endpunktes entlastet, so dass ihr einziges konservatives Bestreben im Erhalt des Bestehenden liegt. Ist die Zeit der Geschichte aber unbegrenzt, dann fällt die Idee einer teleologisch zugespitzten Reichslehre weg, um ihren Platz für ein durch Pluralität gestütztes Staatengleichgewicht zu räumen, das durch Kräftebalance, Bündnis und Diplomatie einer Idee des ewigen Friedens im Sinne Kants verpflichtet ist (wie es exemplarisch im Westfälischen Frieden von 1648 oder im Wiener Kongress von 1815 als Reaktion auf die Reaktivierung der Reichsidee durch Napoleon festgeschrieben wurde). Geschichtsphilosophisch ersetzt die Staatsräson die Idee der christlichen Eschatologie durch die säkularisierte Form des perpetuierten Fortschrittsbegriffs.

Damit entsteht ein neues "Wahrheitsfeld des Regierens", das die Kenntnis der Elemente des Staates und ihres Verhältnisses zur Bevölkerung unter die alleinig bestimmende Prämisse der Aufrechterhaltung des Staates stellt. Die Staatsräson lässt sich als "Beziehung des Staates zu sich selbst" definieren. Dies konstituiert eine spezifische Rationalität, die zum einen eine bestehende Wirklichkeit rational durchdringt und zum anderen Ziel ihrer selbst ist. Die bisherigen regulativen Ideen "Reich" und "Kirche" werden durch die Konkurrenz der einzelnen Staaten zueinander, die nun in einem Kräfteverhältnis beschrieben werden, ersetzt. Auf der Basis dieser zerbrechlichen, immer gefährdeten Machtbalance zwischen den Staaten ersteht die Idee vom Gleichgewicht Europas. Zur Sicherung des Kräfteausgleichs und zum gleichzeitigen Wachstum dieser Kräfte bedarf es eines diplomatischen Gerüsts, eines ständigen militärischen Dispositivs und einer Polizei, die im Innern der einzelnen Staaten die Entfaltung der Kräfte optimiert. Foucault nennt dieses Geflecht aus Beziehungen und Konkurrenzen eine "Physik der Staaten", in deren Innern sich die neue Regierungskunst entfaltet.

Zum Schluss des ersten Bandes geht Foucault detailliert auf die Rolle der Polizei ein, um die herum sich eine ganze "Polizeiwissenschaft" entwickelt. Der Polizei kommt die Aufgabe zu, die Kräfte des Staates im Innern zu maximieren, zugleich aber zu gewährleisten, dass dieser Anreicherungsprozess nicht aus dem Ruder läuft. Damit bildet die Polizei ein Scharnier zwischen der Außen- und Innenpolitik des Staates, indem sie durch Anreizung aller zur Verfügung stehenden Kräfte innerhalb eines Staates dafür Sorge trägt, dass das Gleichgewicht unter den Staaten erhalten bleibt. Als Ventil im Innern muss sie die Ordnung aufrechterhalten, die Bevölkerung in ihren Tätigkeiten im Verhältnis zum Staat verwalten und jeweils per Verordnung intervenieren, wenn eine kritische Situation droht. Die Polizei als eine von vier Säulen der Regierung trägt einem Bevölkerungsbegriff Rechnung, der durch Natürlichkeit, Wechselseitigkeit, Interaktion und Spontaneität umrissen ist. Neben der ökonomischen Praxis, der Verwaltung der Bevölkerung und der Achtung und Stützung der Freiheiten der kooperierenden Individuen, bemüht sich die Polizei um die Eindämmung einer Überhand nehmenden Unordnung. Dieser zunehmenden Entfaltung einer gouvernementalen Vernunft, die auf die Bereiche Ökonomie, Gesellschaft, Bevölkerung, Sicherheit und Freiheit übergreift, stellt sich eine revolutionäre Eschatologie entgegen. Sie propagiert eine bürgerliche Gesellschaft, deren Anliegen in der Einschränkung staatlicher Reglementierungssucht liegt. Ihr Anspruch kommt am stärksten in der Polizeiwissenschaft zum Ausdruck. In Foucaults Worten handelt es sich dabei um die "[...] Behauptung einer Eschatologie, nach der die bürgerliche Gesellschaft über den Staat siegen wird."

In der zweiten Vorlesungsreihe greift Foucault die Gedanken zur Staatsräson wieder auf, wobei insbesondere deren Begrenzung im Mittelpunkt steht. Im Widerstreit von Regierung und Markt entwickelt sich ein wirtschaftspolitischer Standpunkt, dessen Anliegen in der Minimierung der Regierung liegt. "Quieta non movere" (Walpole) ist der Leitspruch einer Beurteilung von Politik, die sich am ökonomischen Erfolg oder Misserfolg orientiert. Diese Neupositionierung der Regierungskunst im Verhältnis zur Marktwirtschaft trägt utilitaristische und liberale Züge. Der Markt wird für die Regierung zu einem "Platz der Wahrheit", der per Veridiktion die Legitimität des Staates in seinem Umfang und in seinem Entscheidungsspielraum definiert, indem er die jeweilige Nützlichkeit der Regierung anfragt: "Die Grenze der Regierungskompetenz wird durch die Grenze der Nützlichkeit einer Regierungsintervention bestimmt werden." Der Liberalismus als Denkform verfolgt somit aufs Ganze gesehen eine "Logik der Strategie", die Markt und Regierung in ihrer Differenz nicht hegelianisch synthetisiert, sondern bewahrt, um durch Aktivierung von Konkurrenz wettbewerbsbelebend zu wirken.

Der Liberalismus definiert die Ökonomie als ein Spiel, das durch bestimmte Interessen der Individuen in Gang gehalten wird und durch Spielregeln gelenkt werden muss. Während auf ökonomischem Gebiet eine "Produktion der Freiheit" propagiert wird, droht gesellschaftlich die Zunahme von Unfreiheit durch die expansive Einführung von Disziplinartechniken: "Man garantiert die demokratischen Freiheiten nur durch einen ökonomischen Interventionismus, der als eine Bedrohung der Freiheiten angeprangert wird." Ziel des Liberalismus ist der kalkulierte Umgang mit Risiken und Gefahren, um über die Gewinnmaximierung des Individuums eine kollektive Bereicherung Europas zu erreichen. Dieses Prinzip funktioniert nur auf der Prämisse der ökonomischen Expansion und der abschließenden Einrichtung eines Weltmarkts. Die fortschreitende wirtschaftliche Erschließung aller Weltregionen soll zugleich die Idee des ewigen Friedens verwirklichen helfen: "Die Idee des ewigen Friedens ist also tatsächlich die Globalisierung des Handels."

Im deutschen Neoliberalismus wird diese Hoffnung auf den freien und globalen Handel durch die geschichtlichen Erfahrungen während der NS-Zeit gestützt. Die für die "Soziale Marktwirtschaft" unter Ludwig Erhard verantwortliche neoliberale "Freiburger Schule" verfolgt die Strategie, den nach dem Krieg in Deutschland neu entstehenden demokratischen Staat über die Entfaltung eines freien Marktes zu legitimieren. Die freie, international agierende Marktwirtschaft soll zum Garant und Motor einer demokratischen Ordnung werden, wobei das "Wirtschaftswunder" zur Identitätsbindung der Bevölkerung an die neue ökonomische und vor allem politische Ordnung beitragen soll. Foucault sieht im "Wirtschaftswunder-Deutschland" das Musterbeispiel eines radikal ökonomischen Staates, wobei die boomende Wirtschaft zum einen den Staat in seinen Einflussmöglichkeiten begrenzt und zum anderen gesellschaftspolitisch über die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit hinweghilft. "Die Unterbrechung der Geschichte wird also als Unterbrechung der Erinnerung erlebt und akzeptiert werden können, insofern in Deutschland eine neue Dimension der Zeitlichkeit begründet wird, die nicht mehr die der Geschichte sein wird, sondern die des Wirtschaftswachstums." Diese Unterbrechung der Geschichte bedeutet für die Vertreter der Freiburger Schule, dass es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg keine tragende demokratische Tradition gibt, auf welche eine dauerhafte politische Ordnung gestellt werden kann. Zudem ist dem deutschen Neoliberalismus eine Staatsphobie zu eigen, die in seinen Augen alleinig die Ökonomie als Garanten der politischen Stabilität erscheinen lässt: "Das Problem war folgendes: Angenommen, wenn ich so sagen darf, es gibt einen Staat, der nicht existiert. Die Aufgabe sei nun, einen Staat zu schaffen. Wie kann man diesen zukünftigen Staat gewissermaßen im voraus legitimieren? Wie kann man ihn auf der Grundlage einer wirtschaftlichen Freiheit akzeptierbar machen, die zugleich seine Begrenzung gewährleistet und seine Existenz ermöglicht?"

Während im deutschen Neoliberalismus die atomisierende Wirkung des freien Marktes durch eine Sozial- oder Vitalpolitik kompensiert wird, welche die Teilnahme aller am Spiel der Ökonomie gewährleistet, sich also das berühmte Modell der "Sozialen Marktwirtschaft" (Müller-Armack) herausbildet, radikalisiert sich die Staatsphobie im amerikanischen Neoliberalismus, der die Marktgesetzlichkeiten auf alle gesellschaftlichen Bereiche auszudehnen intendiert. Indem schon in den Anfängen des amerikanischen Neoliberalismus die Differenz zwischen ökonomischem Verhalten und menschlicher Rationalität im Allgemeinen eingeebnet wird, kommt es zu einer systematischen Ausrichtung alles Menschlichen an den Erfordernissen des freien Marktes. Der Mensch wird zur "Ressource", dessen angeborene und erworbene Fähigkeiten sein "Humankapital" bilden. Die genetische oder erzieherische Verbesserung oder Entfaltung dieser Fähigkeiten stellt eine Investition für das Individuum dar, das im amerikanischen Neoliberalismus als Unternehmen gesehen wird, also als "Ich-AG", die durch Humankapitalsakkumulation ihren Marktwert und damit die Innovationskraft eines ganzen ökonomischen Bereichs steigert.

Diese Ausdehnung der marktwirtschaftlichen Gesetze auf alle sozialen Bereiche im amerikanischen Neoliberalismus führt nach Foucault zu einem neuen Verhältnis von Staat und Ökonomie. Mit Verweis auf Adam Smiths Diktum von der "unsichtbaren Hand" wird im amerikanischen Neoliberalismus die massive Verfolgung des Einzelinteresses mit dem Gemeinwohl in einen Kausalzusammenhang gebracht. Auf unsichtbare, und damit durch den Staat nicht kontrollierbare Weise beeinflussen sich in der Ökonomie Partikulares und Allgemeines zu ihrem wechselseitigen Vorteil. Der "Homo oeconomicus" entzieht sich durch sein wirtschaftliches Handeln jeglicher politischen Souveränität, die der Komplexität des Marktes ohnmächtig gegenübersteht. Der Widerstreit zwischen dem Individuum als Rechts- und als Wirtschaftssubjekt führt zu einer liberalen Regierungskunst, deren komplementäre Einrichtung die "bürgerliche Gesellschaft" darstellt. Ihre Mitglieder formen sich zu einer Gemeinschaft, die gegen die Überhand nehmenden Eingriffe der Regierung in den freien Markt aufbegehren und zugleich die "Kälte" dieses globalen Wirtschaftsraums durch "warme Werte" zu kompensieren versuchen: "Der Homo oeconomicus und die bürgerliche Gesellschaft sind also zwei unzertrennbare Elemente. Der Homo oeconomicus ist, wenn Sie so wollen, der abstrakte, ideale und rein ökonomische Punkt, der die dichte, volle und komplexe Wirklichkeit der bürgerlichen Gesellschaft bevölkert. [...] Die bürgerliche Gesellschaft also als Element der transaktionalen Wirklichkeit in der Geschichte der Regierungstechniken, eine transaktionale Wirklichkeit, die mir völlig der Form der Regierungstechnik zu entsprechen scheint, die man den Liberalismus nennt, d.h. eine Regierungstechnik, die ihre eigene Begrenzung zum Ziel hat, insofern sie sich an der Besonderheit der Wirtschaftsprozesse ausrichtet." Der freie Markt und die bürgerliche Gesellschaft liegen aber auch im Widerstreit zueinander, weil die bürgerliche Gesellschaft in der Erzeugung von "Gesellschaftsgewebe" durch das auf Individualität und Einzelgängertum ausgerichtete Prinzip der Ökonomie unterwandert wird. "Ein Prinzip der Trennung, insofern die wirtschaftliche Bindung im Hinblick auf die aktiven Bindungen des Mitgefühls, des Wohlwollens, der Nächstenliebe, des Gemeinschaftsgefühls der Individuen - indem sie gewissermaßen das egoistische Interesse der Individuen betonen, unterstützen und verschärfen wird - dazu tendiert, stets aufzulösen, was die spontane Bindung der bürgerlichen Gesellschaft verbunden hat."

Mit traumwandlerischer Sicherheit entfaltet Foucault in diesem Vorlesungszyklus die gesellschaftspolitischen Reizthemen unserer Gegenwart von ihren Anfängen an. Die geradezu prophetisch erscheinende Gabe des Autors, Problemkonstellationen vorwegzunehmen, die erst jetzt, Jahrzehnte später, ihre volle Aktualität gewonnen haben, erklärt sich dabei durch das umfangreiche und genaue Studium historischer, politischer, sozialer und ökonomischer Quellen. Besonders beeindruckend ist auch die Umkehrung des methodologischen Vorgehens, indem er die Universalien aus dem Reichtum des Quellen- und Faktenmaterials hervortreten lässt. Erst durch diese Verschiebung in der Herangehensweise eröffnet sich Foucault und damit auch den heutigen LeserInnen die Perspektive auf eine sich genealogisch entfaltende Gouvernementalität, die sich nicht durch die starre Begrifflichkeit einer Staatstheorie einfangen lässt. Daraus folgt in Foucaults eigenen prägnanten Worten: "Der Staat ist kein Universale, der Staat ist an sich keine autonome Machtquelle. Der Staat ist nichts anderes als die Wirkung, das Profil, der bewegliche Ausschnitt einer ständigen Staatsbildung oder ständiger Staatsbildungen, von endlosen Transaktionen, die die Finanzierungsquellen, die Investitionsmodalitäten, die Entscheidungszentren, die Formen und Arten von Kontrolle, die Beziehungen zwischen den lokalen Mächten und der Zentralautorität usw. verändern, verschieben, umstürzen oder sich heimtückisch einschleichen lassen. Kurz: Der Staat hat keine Innereien [...]. Der Staat ist nichts anderes als der bewegliche Effekt eines Systems von mehreren Gouvernementalitäten."

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Michel Foucault: Geschichte der Gouvernementalität I. Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Vorlesung am Collège de France 1977-1978.
Herausgegeben von Michel Sennelart.
Übersetzt aus dem Französischen von Claudia Brede-Konersmann und Jürgen Schröder.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2004.
600 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-10: 3518583921

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Michel Foucault: Geschichte der Gouvernementalität II. Die Geburt der Biopolitik.
Herausgegeben von Michel Sennelart.
Übersetzt aus dem Französischen von Jürgen Schröder.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2004.
517 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-10: 351858393X

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