Patriarchaler Mythos und feministische Mythopoiesis

Ein deutsch-französisches Kolloquium über das Geschlecht des Mythos

Von Sandra KluweRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sandra Kluwe

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Der Mythos ist männlich; das Geschlecht ist ein Mythos. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis ist die Zielsetzung des zweisprachigen Bands "Mythos und Geschlecht", der die Vorträge eines 2004 abgehaltenen Kolloquiums an der Universität Rouen versammelt, eine doppelte: Zum einen soll der europäische Mythenvorrat aus deutsch-französischer Perspektive beleuchtet werden, zum anderen geht es um die Freisetzung neuer Impulse für die Gender Studies, die gerade in Frankreich mit hartnäckigen institutionellen Widerständen zu kämpfen haben - trotz prominenter Vorkämpferinnen wie Simone de Beauvoir und Hélène Cixous.

Folgt man der durch Beauvoir initiierten Gendertheorie in der Annahme, dass 'der' Mann und 'die' Frau soziale Mythen sind, so muss erstens die Geschlechtsidentität als fiktiv-narratives Konstrukt und zweitens der Mythos als "Gründungsgeschichte der patriarchalischen Ordnung" (Inge Stephan) aufgefasst werden. Auf der anderen Seite figurieren die Göttinnen und starken Frauen des antiken Mythos in feministischer Literatur häufig als Verkörperungen weiblicher Macht und Aggression, als Personifikationen einer urtümlich ungebrochenen, chthonisch-maternalen Weiblichkeit, kurz als emanzipatorische Vorbilder.

Moderne Autorinnen haben einen Ausweg aus dieser Ambivalenz gefunden, indem sie den antiken Mythos dekonstruierten, statt ihn als schicksalhafte Naturpoesie zu konservieren, und indem sie die "dérèglement des représentations" (Geneviève Fraisse) darüber hinaus in eine genuin weibliche Mythopoiesis überführten. Folgerichtig liegt der Akzent des Sammelbands nicht auf den Mythen der Antike, sondern auf deren Umdeutungen und Umschreibungen in der Moderne und Postmoderne.

Als weiblicher Pionier auf dem Gebiet einer dekonstruktiven Mythopoiesis wird Ingeborg Bachmann von verschiedenen Autorinnen des Bands angeführt - Françoise Rétif spricht in ihrem Beitrag von der "révolution bachmannienne". Der Roman "Malina" erscheint unter diesem Vorzeichen als Ent-Täuschung, also Entlarvung ("démystification") einer Mimesis des Opfers. Diese Deutung leuchtet nicht zuletzt deshalb ein, weil sie dem Postulat von Bachmanns Hörspielpreisrede entspricht: Die "Wahrheit", so sagt Bachmann in dieser Rede, ist dem Menschen "zumutbar". Wahrheit aber bedeutet bei Bachmann, dass man "enttäuscht, und das heißt, ohne Täuschung zu leben vermag".

Enttäuscht, also enthüllt wird bei Bachmann vor allem jene Mythisierungsstrategie des Patriarchats, die ein weihevolles Opfer vortäuscht, wo ein seelischer oder körperlicher Mord vorliegt, und die den Mann als belebenden Pygmalion, die Frau hingegen als versteinernden Anti-Pygmalion (Medusa) imaginiert. Gegen solche mythische Täuschungen hilft, wie jüngst durch Johanna Bossinade gezeigt wurde, nichts als die "paradoxe Verkehrung" des Verkehrten: Indem Bachmann den täuschenden Pygmalion-Mythos ent-täuscht, vermag sie die Wahrheit über die Geschlechterverhältnisse ans Licht zu bringen. Statt die weibliche Statue zu beleben, petrifiziert der Mann des Romans "Malina" die lebendige Frau: Das weibliche Ich mauert sich ein und bezeugt so, was noch in der Moderne mit einer Frau geschieht, die es wagt, nicht nur die genitale Treue, sondern auch die mentale fides einer feudalen Geschlechterordnung zu brechen.

Bachmanns "Undine" ist das Gegenbild solcher Versteinerung: Die Wasserfrau wird von Rétif als Inkarnation einer ursprünglich weiblichen Logik und Kunst gelesen, einer Logik des Übergangs ("passage") und der Aufhebung von Widersprüchen ("non-contradiction"), die der Identität der Frau eine sozusagen polyphrene (Wolfgang Welsch) Wandelbarkeit auch in sexueller Hinsicht ermöglicht. Weibliche Transgressivität wäre demnach auch im Sinne einer "Doppelgeschlechtlichkeit der Seele" zu verstehen, wie sie Barbara Agnese anhand von Werken Robert Musils und Ingeborg Bachmanns nachzeichnet.

Auch Annette Runte geht der Auflösung starrer Geschlechterrollen nach. Am Beispiel des Zentauren zeigt sie die genealogische Funktion des Mythos für ein "Geschlecht der Moderne" auf, "das den Übergang von einer wesensphilosophisch untermauerten Alteritätskonzeption der Geschlechter zum positivistischen Kontinuum-Modell dynamischer Zwischenstufen, d.h. tendenziell unendlicher Misch- und Kombinationsformen von Geschlechtsmerkmalen, markiert."

Ortrun Niethammers Versuch, die Figur des indefiniten 'Niemand', jene "karnevaleske Variante des Odysseus", im Hinblick auf die Zuschreibung definiter Geschlechtscharaktere zu untersuchen, bewegt sich ebenfalls an der Schnittstelle psychosexueller Identitäten. Der weibliche Plural der Sirenen und der Gorgonen, den Françoise Rétif dem männlichen Singular von Pygmalion und Narziss gegenüberstellt, könnte in diesem Sinne als innerer Plural und somit als Potenzierung - und nicht nur als Nivellierung - weiblicher Subjektivität verstanden werden.

Die mythische Verkörperung einer nivellierten weiblichen Subjektivität ist Echo, der selbstlose Spiegel selbstverliebter Männlichkeit. Derlei Selbstlosigkeit als Geschlechterrollendiktat im Dienste des männlichen Herrschaftserhalts zu kritisieren, bedeutet eine feministische Umwertung patriarchaler Werte, die auch narrative Implikationen hat: Herta Luise Ott zeigt anhand der Lebens- und Werkgeschichte Marguerite Duras', Ingeborg Bachmanns und Marguerite Yourcenars, wie weibliches Erzählen den Weg von der Selbstmaskierung hinter einem männlichen Erzähler zu einem selbstbewussten "je narrateur féminin" findet.

Dass auch und gerade jene mythischen Frauenfiguren, die das Geschlechterrollendiktat über Bord werfen, einer patriarchalen Ontologisierung unterliegen, belegt Hans-Peter Preusser, der einzige männliche Beiträger des Bands. Das männliche Urbild subversiver Weiblichkeit ist Medea. Ingeborg Rabenstein-Michel zufolge instrumentalisierte das Patriarchat die mythische Kindermörderin als Negativfolie einer normativen Mutterliebe, von der fortan die gesellschaftliche "évaluation" der Frau abhing. Zugleich ist Medea, die keine geschlechtslosen Wesen, sondern ihre Söhne tötet und damit - ähnlich wie Gerti in Jelineks "Lust" - die Genealogie des Vaters zerstört, das männliche Schreckbild einer Frau, die den sozialen Pakt aufkündigt und von den Meinungsmachern der Gegenwart erst wieder auf die "Urgewalt" der Natur (Frank Schirrmacher) und die "Schöpfungsnotwendigkeit"' der Fortpflanzung ('Der Spiegel') verwiesen werden müsste.

Dass die "Urgewalt" der "Natur" mit der gewalttätigen Durchsetzung des patriarchalen Selbsterhaltungstriebs zusammenfallen kann, zeigt der Mythos Philomelas. Diese wird von ihrem Schwager Tereus nicht nur körperlich und seelisch vergewaltigt, sondern auch ihrer Zunge beraubt - ein Bild, das mit Tanja Schwan als Kastration autonomer weiblicher Sprache und als Kastration autonomer klitoraler Lust gedeutet werden kann.

Das methodische Postulat der Herausgeberin Rétif, die Mythen des Abendlands nicht isoliert, sondern im Netzwerk ihrer Beziehungen, als "constellation" zu lesen, wird durch die Interdisziplinarität des Sammelbands eingelöst: Neben dem literarischen Mythos werden der Geschlechtermythos der "Zauberflöte" (Anne-Marie Corbin), Hermann und Germania als Figuren des nationalpolitischen Mythos (Marie-Claire Hoock-Demarle), der Zentaurenmythos in der Malerei (Annette Runte) und die mediale Transformation des Mythos in der digitalen Fotografie (Tanja Schwan) beleuchtet. Nicht alles in diesen und anderen Beiträgen des Bands ist neu. Indessen mag jener "Creative Imperative" (World Economic Forum), der ständige Innovationen fordert und sich mit bloßen Umdeutungen nicht begnügen will, auch wieder nur ein Mythos sein: der Mythos des Neokapitalismus.


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Françoise Rétif / Ortrun Niethammer (Hg.): Mythos und Geschlecht - Mythes et Différences des Sexes. Deutsch-französisches Kolloquium.
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2005.
226 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-10: 3825350401

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