Der prekäre Zusammenhang von Subjektivität und Medien

Friedrich W. Blocks Untersuchung zu experimenteller Poesie und avancierter Medienkunst

Von Oliver JahrausRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Jahraus

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Stand die Diskussion konstruktivistischer und systemtheoretischer Adaptionen in der Literaturwissenschaft bislang unter der Frage, inwieweit diese Ansätze der immer noch dominierenden Hermeneutik Konkurrenz machen, so kann die Arbeit über die Beobachtung der Subjektivität als konstitutives Moment der Medien in der Tat ein neues Paradigma anstoßen. In seiner Dissertation geht es dem Kasseler Literatur- und Medienwissenschaftler Friedrich W. Block, der seinerseits als Künstler im Bereich intermedialer Poesie tätig ist, nicht mehr um eine Interpretation von Texten; er will vielmehr am Beispiel experimenteller Poesie zeigen, wie sich Subjektivität in Literatur und Kunst symbolisch entfaltet und medial materialisiert. Er fragt daher: Wie kommt es zur Entstehung von Subjektivität; inwiefern ist diese Subjektivität konstitutiv für Literatur und Kunst und wie wird diese Subjektivität gerade in und durch die Experimente moderner, avancierter und avantgardistischer Poesie (seit den 70-er Jahren) problematisiert?

Die Arbeit geht davon aus, dass gerade in experimenteller Literatur jene Momente symbolisiert und medial umgesetzt werden, die für Subjektivität konstitutiv sind. Experimentelle Poesie wird damit als Bereich behandelt, an dem sich "der prekäre Zusammenhang von Subjektivität und Medien" besonders gut erhellen läßt.

Mit Rückgriff auf zentrale konstruktivistische und systemtheoretische Vorstellungen wird Subjektivität als reflexiver Selbstbezug begriffen, der aber nicht mehr, wie in der Transzendentalphilosophie (Block nennt Hegel als Gewährsmann), auf Identität mit sich selbst, sondern auf Differenz beruht. Erst durch Differenzierung stellt sich die Identität des Subjekts, des Ichs, ein. Block geht also davon aus, dass Subjektivität im Zusammenspiel der Differenzen von Bewusstsein und Kommunikation, von Medium und Form, von Beobachtung erster und zweiter Ordnung und von Semantik und Material zu situieren ist. Bewusstsein und Kommunikation sind miteinander vermittelt - technisch gesprochen: strukturell gekoppelt, und diese Kopplung wird durch Medien geleistet, d. h. im Medium bilden sich entsprechend symbolische Formen aus. Literatur und Kunst werden daher als soziale, d. h. kommunikative Systeme behandelt, an denen symbolische Formen der ästhetischen Vermittlung von Kommunikation und Bewusstsein auszumachen sind, die Subjektivität überhaupt erst erzeugen.

Experimentelle Poesie besitzt zudem den immensen heuristischen Vorteil, dass hier die problematische und differentielle Konstitution von Subjektivität quasi im Prozess, in laufender Operation, sozusagen auf dem Prüfstand des Experiments, beobachtet werden kann.

Am Beispiel der Poetiken von Oskar Pastior, Oswald Wiener oder Ferdinand Schmatz geht Block der Frage nach dem Zusammenhang von Poesie, Poetik und Subjektivität in der Instanz des Ichs und Autors nach. Die poetische und poetologische Reflexion stellt nicht nur die Frage: Wer spricht?, sondern zugleich: Wie wird verstanden? Sie situiert damit Subjektivität im Kontext von poetischer Selbst- und Fremderfahrung. Am Beispiel von Gerhard Rühms Schriftzeichnungen wird die Diskussion auf das Verhältnis von Semantik und Material weitergeführt, um schließlich avancierte Formen der Interaktivität und Intermedialität (z. B. in "The legible City" von Jeffrey Shaw) vor diesem Problemhorizont zu untersuchen. Damit folgen die drei mittleren, objektbezogenen Kapitel einer ausgreifenden Linie immer radikalerer Fragestellungen, die mit der Form der Medien auch die Situierung des Ichs angesichts des Ästhetischen in Inter- und Hypermedia ausweitet. Ein umfangreicher Bildteil mit 27 Tafeln erlaubt es dem Leser, die thematisierten Erfahrungen zumindest ansatzweise nachzuvollziehen und rundet daher den Band ab.

Die Arbeit stellt die wechselseitigen Erhellung von Theorie und Kunst heraus. Das werde an der Tendenz zur Verwischung von Gattungs- und Stilgrenzen zwischen beiden Bereichen und in beiden Bereichen spürbar. Die Arbeit fokussiert den Konvergenzpunkt, an dem die Ästhetisierung der Theorie (z. B. der Bewusstseinsphilosophie) und die Theoretisierung des Ästhetischen zusammenlaufen. Hier werden auch die Grenzen zwischen Gegenstand und Herangehensweise durchlässig. So leitet die zu Beginn gestellte Frage "Ist Subjektivität ausschließlich ein Effekt der Sprache, der Medien oder der Kommunikation?" zur Darstellung problematischer Aspekte der Konstitution von Subjektivität in experimenteller Poesie über. Diese Darstellung wird aber zurück verwiesen an die "Fragen nach den Bedingungen und Abläufen symbolischer (Selbst-)Vermittlung des Menschen, des Individuums, des Subjekts, seines 'Geistes', 'Inneren', 'Ichs' in Abhängigkeit von seinem Körper und seinen Sozialformen".

Die Arbeit stellt somit die 'Frage nach dem Subjekt' (Manfred Frank) auf dem Umweg über die Literaturwissenschaft neu. Damit kann sie der Literaturwissenschaft eine Perspektive für die Zukunft eröffnen. Dies bedeutet nicht, dass Systemtheorie in der Literatur ihre Bestätigung findet oder Literatur Systemtheorie illustriert. Es geht aber auch nicht um Literatur als hermeneutischen Interpretationsfundus, sondern es geht um die Bedingungen, die jeder Interpretation, jeder Kommunikation, jeder Medialisierung vorausliegen. Es geht darum, Literatur als Phänomen wiederzugewinnen, an dem diese Mechanismen - unter Rückgriff auf die entsprechenden theoretischen Vorgaben - herausragend zu beobachten sind. Den immensen Wert der vorliegenden Arbeit mag man in diesem Kontext schon daran ersehen, welche innovativen Aspekte sie allein schon in die Diskussion um die Materialität der Kommunikation einzubringen vermag.

Dass weitere immense Theorieanstrengungen notwendig sind, steht außer Frage; die Notwendigkeit hierzu wird durch Anstrengungen, wie sie dieses Buch unternimmt, nicht geringer, sondern größer. Der exemplarische Charakter elitärer, wenn auch hochgradig reflektierter Medienformen wie der experimentellen Poesie und der avancierten Medienkunst läßt sich gewiß bestreiten. Für mich steht jedoch fest: Hier ist eine neue Form literaturwissenschaftlicher Forschung im Rahmen gegenwärtiger Theoriebildung zu beobachten.

Friedrich W. Block: Beobachtung des 'Ich'. Zum Zusammenhang von Subjektivität und Medien am Beispiel experimenteller Poesie.

Titelbild

Friedrich W. Block: Beobachtung des "Ich". Zum Zusammenhang von Subjektivität und Medien am Beispiel experimenteller Poesie.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 1999.
343 Seiten,
ISBN-10: 3895282510

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