New Media Poetry

Ein Aufsatzband zur Medialität von Kunst und Poesie

Von Michael LentzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Lentz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der von Sigrid Schade und Georg Christoph Tholen im Verbund mit komplementärer CD-ROM herausgegebene, sinnvoll in die beiden Rubriken »Theorie und Geschichte der Medialität« und »Die Medialität der Kunst im Widerstreit« untergliederte Band "Konfigurationen. Zwischen Kunst und Medien" liefert ein vielgestaltiges und theoretisch differenziertes Panorama der aktuellen Irritationen und auszuhaltenen Schwebezustände, die sich mit der wuchernden Verbreitung und Anwendung digitaler Medien und ihren Auswirkungen zum Beispiel auf die Diskussion von Autorschaft, Subjektbildung und Körperlichkeit verbinden und eine fundamentale Neuorientierung nicht zuletzt in den Künsten und (Kultur-)Wissenschaften zur Folge haben. Insgesamt 39 Einzelbeiträge von profunden Theoretikern (darunter die beiden Herausgeber und Wolf Kittler) und theoretisch versierten Künstlern (Victor Burgin u.a.) thematisieren mit einer impliziten Aufarbeitung des Forschungsstandes zur Mediengeschichte und zur Definition von Medialität Fragestellungen, die die Künstlichkeit der Medien oder z. B. die Medialisierung der Kunst ebenso betreffen wie den begleitenden Diskurstransfer. Die Beiträge sind hervorgegangen aus dem gleichnamigen internationalen Begleit-Kongress zur documenta X 1997 in Kassel.

Friedrich W. Block z.B., der erst jüngst die wichtige, system- und medientheoretisch abgestützte Arbeit "Beobachtung des ›Ich‹. Zum Zusammenhang von Subjektivität und Medien am Beispiel experimenteller Poesie" vorlegte, geht in seinem Essay »New Media Poetry« unter anderem anhand der »Holopoetry« Eduardo Kacs und der inzwischen zum Klassiker avancierten, interaktiven »Legible City« von Jeffrey Shaw und Dirk Groeneveld mit ihren impliziten Thematisierungen der »Prozesse des Hervorbringens und Verstehens ästhetischer Formen« und Konzepten eines ›neuen‹ Rezipienten als Alter ego des Produzenten der entscheidenden Frage nach, »wie sich die Option der Neuen Poesie in den elektronischen, zumal digitalen Medien darstellt«.

Das vielbeschworene Ende des Gutenbergschen Buchzeitalters und anderer analoger Medien im Zeitalter des Computers vollzieht der Band "Konfigurationen" sehr begründet nicht mit, zeitigen doch Verhandlungen des (digital integrierenden, transmedialen) ›Neuen‹ über das (analoge) ›Alte‹ eine neue Sicht auf Mediendifferenzen und aktualisieren auch in Neudefinitionen des zeitgenössichen, nämlich aktiven (Selbst-)Beobachters von (Medien-)Kunst althergebrachte Konkurrenzen in den Bereichen Literatur, (digitale) Poesie, Theater, Musik, Malerei (bildende Kunst), Photographie, Film, Videokunst, Radio, Computer(-kunst) und Netzkultur. Wie weitreichend diese Thematik ist, zeigt Tholens grundlegender Beitrag »Überschneidungen. Konturen einer Theorie der Medialität« auf: Die »mit dem digitalen Code möglich gewordene Beliebigkeit der Konfigurationen« kann in der »neuerdings umworbenen ›Verschmelzung‹ von Fernsehen, Computer und globaler Telekommunikation« auch »quasi-religiöse Utopien einer globalen Gemeinschaft« bis hin zum abermalig verkündeten Topos vom Ende der Geschichte annehmen.- Diese Pflichtlektüre wird sicherlich auch die zukünftige Diskussionslandschaft »zwischen Kunst und Medien« mitbestimmen: Niemand, der auf dem medientheoretischen Feld zukünftig arbeitet, wird an diesem Standardwerk vorbeikönnen.

Titelbild

Friedrich W. Block: Beobachtung des "Ich". Zum Zusammenhang von Subjektivität und Medien am Beispiel experimenteller Poesie.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 1999.
343 Seiten,
ISBN-10: 3895282510

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Titelbild

Sigrid Schade / Georg Christoph Tholen (Hg.): Konfigurationen. Zwischen Kunst und Medien.
Wilhelm Fink Verlag, München 1999.
544 Seiten, 50,10 EUR.
ISBN-10: 3770533488

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