Zentrum und Peripherie

Provinz und Krise im Leben und Werk von Hans Fallada

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Unsere Gemeinplätze vom "Wesen" des Autors laufen auf das immergleiche Bild hinaus:

"Seine Existenz heißt Schreiben.
Er existiert als Schreiber.
Er existiert nur, wenn er schreibt."

Für eine populäre Biografie mag das hinreichen - das Publikum kennt es nicht anders, erwartet es nicht anders. Doch welchen Erkenntniswert haben solche Befunde, die sich auf jede, aber auch jede Schriftstellerexistenz münzen lassen? "Nur die Flucht vor sich selbst, diesem existentiellen Ausgeliefertsein an das Schreiben, die gelang ihm nicht", schreibt Werner Liersch über Hans Fallada und greift damit erneut in die Mottenkiste biografischer Topik, die freilich weder Fallada-spezifisch noch sonderlich Fallada-tauglich erscheint: Man muss dieses "Selbst" erst konstruieren, muss erst alles, was nicht zum Schreiben zählt, als "Flucht" definieren, damit sich ein solches Dichterbild plausibilisieren lässt. Aber wird es plausibel, bleibt es nicht Phrase, oft und oft und an Tausenden von Schriftstellerbiografien durchexerziert? Ein Allerweltsbefund, der schon feststeht, ehe man sich aufgemacht hat, die Spezifika eines Autorenlebens auszubreiten und auszuwerten?

1981 hat Werner Liersch seine Hans-Fallada-Biografie vorgelegt, eine wichtige Arbeit mit einem stark anti-bürgerlichen Affekt, der vermutlich weniger Fallada als seinem Biografen zuzurechnen ist. Offenbar benötigt Liersch ein Bild, um es zu bestätigen oder aufzuheben. Das gilt auch für die Opposition von Zentrum und Peripherie oder Stadt und Land. Diesbezüglich erschafft er sich die schlichte Imago des "ländlichen Idylls", die zugleich beschworen und zertrümmert wird: "[D]as ländliche Idyll grinst", die moralische Destruktion gewinnt "städtisches Ausmaß" - aber die Opposition ist bloß ein Dualismus und versteht sich von selbst.

Auch Geoff Wilkes' Beitrag verfehlt das Thema Provinz gründlich. Wilkes analysiert Falladas Romane "Bauern, Bonzen und Bomben" (1931) und "Wer einmal aus dem Blechnapf frißt" (1934), doch gipfelt das dürftige Ergebnis seiner biografischen Parallelisierung von (authentischer) Autor- und (fiktiver) Figuren-Typologie in der These, dass Fallada "sein an die Vergangenheit gefesseltes Ich" in Person von Max Tredup "literarisch erschlagen" habe, um sich in der Person von Willi Kufalt wieder auf das eigene Selbst zurückgeworfen zu sehen.

Wilkes hat über "Hans Fallada's Crisis Novels 1931-1947" geforscht, eine Arbeit, die sich also der großen Krisen der Zwischen- und Nachkriegszeit in ihren Auswirkungen auf den "kleinen Mann" und sein Wertesystem annimmt. Dabei gelingen Wilkes einige schöne Beobachtungen darüber, auf welch ausgesprochen differenzierte Weise die Texte ihr Werte- und Normenkonzept jeweils etablieren, etwa durch die Spannung von Erzähler- und Figurenrede und der Faktizität der Ereignisse - sprich der Handlungsweise der Protagonisten. So wird das Bild, das wir von Johannes Pinneberg gewinnen, gleichermaßen durch seine Herkunftslegende, durch Lämmchens idealisierenden Blick auf den "Jungen", durch Pinnebergs Selbstbild und durch seine tatsächliche Handlungsweise modelliert - und in seiner Konsistenz vielfach infrage gestellt. Gerade die Vergleichsfälle, Heilbutt, Jachmann usw.) zeigten, dass Fallada selbst nicht überzeugt sei von Pinnebergs Rigorismus, und weil vermutlich schon den Autor die "einfache Wahrheit" der schlichten Lauterkeit Pinnebergs nicht überzeugen konnte, unterwerfe der Text seinen Protagonisten einer sophistisch gestuften Wahrheitsfindung, in deren Zuge behauptete Prinzipientreue und faktische Regelverletzung konfligierten.

Als Beispiel dafür dient Pinnebergs Verstoß gegen Auflagen der Meldebehörden in der Zeit seiner Arbeitslosigkeit - sie sollen belegen, dass die moralischen Standards des Protagonisten schon eingebrochen sind, während das "Lämmchen" noch darauf insistiert, dass sie für sein psychisches Überleben von zentraler Bedeutung seien. Wilkes kann zeigen, dass sich mit dem Universum der Rede auch das Wertesystem des jeweiligen Textes wandelt - wobei er, gelegentlich ohne Not, auf externe Beweggründe (Falladas kompromisslerische Haltung gegenüber dem Hitler-Regime, seine Rücksichtnahme gegenüber der Sowjetischen Militäradministration etc.) ausweicht.

Ein anderer Topos literarischer Autorschaft begreift Schreiben als Identitätsfindungs- und Problemlösungsstrategie. An diesen Aspekt rührt Jenny Williams, wenn sie Fallada ein "instinktives" Wissen darüber attestiert, wie man sich dichtend zu einer "eigenen Ich-Identität" verhelfen könne. Demzufolge hätte Fallada im "Schreiben" die "Lösung für seine Probleme" gefunden. Freilich, auch das ist nur ein Klischee. Genauso gut ließe sich ein Gegenbild entwerfen und behaupten, dass an Fallada ein vorzüglicher Gutsverwalter verlorengegangen sei: Musste er sich durch Schreiben Probleme einhandeln und den Selbstverlust riskieren? Kaum belastbar jedenfalls erscheint mir Williams These, Ditzens Persönlichkeitskrise und der erweiterte Selbstmordversuch von 1911 gingen, quasi schon im Vorgriff auf die spätere Autorschaft, auf das Konto einer narzistischen Kränkung: "Seine frühen literarischen Versuche blieben aber im privaten Kreis, wurden Familienmitgliedern, Mitschülern, Bekannten, Hausherren und Ärzten gezeigt. Dort stieß er auf wenig Unterstützung, ja Unverständnis, was zu der Krise beitrug, die in dem doppelten Selbstmordversuch am 17. Oktober 1911 gipfelte, in dem Ditzen schwer verwundet und sein Freund Hanns Dietrich von Necker getötet wurde".

Die Nationalsozialisten betrieben die Provinzialisierung des Schriftstellers Hans Fallada, indem sie die Vergabe von Übersetzungslizenzen verhinderten. Übersetzungsaufträge, die Hans Fallada in der Provinz an Land zog, führten ihn aus der "literarischen Isolation" heraus, begründeten oder erneuerten seine Kontakte zu Verlegern und machten ihn mit dem Genre Memoirenliteratur vertraut, das er 1941 mit dem Erinnerungsband "Damals bei uns daheim" bediente.

Als "Schulung für den Dichterlehrling" fasst Williams die Übersetzungsübungen, die Rudolf Ditzen 1912 mit seiner Tante Adelaide unternimmt - und zwar am prominenten Beispiel von Romain Rollands Romanbiografie "Michel-Ange" (1905). Ihre bemüht und gesucht wirkende Argumentation läuft auf die These hinaus, Ditzen habe durch das Übersetzen "Distanz zur eigenen Situation" gewonnen und seine "literarische Isolation" überwunden. Williams gelingt dabei nur mühsam die Anbindung an das Thema "Provinz", etwa durch den Hinweis auf Rolland, der seinem Möchtegern-Übersetzer "in der tiefsten Provinz" (!) eine "Lebensphilosophie" geliefert habe (eine Philosophie übrigens, die sich auf die schlichte Formel "Seid nett zueinander" bringen lässt). Die Krücken, derer Williams sich bedient, um ihr Thema an den Aspekt der Provinz anzuschließen, sind freilich eher hinderlich, wie etwa die behauptete Genese von "Anton und Gerda" demonstriert: "[D]er Gedanke an Gudderitz, an die Natur, an einen Lieblingsort erinnert an ein Lieblingsgedicht, was zum Übersetzen dieses Gedichts führt. Mit dem Übersetzungsversuch unzufrieden, wünscht sich der Autor in seinen Lieblingsgarten zurück, der zum Ausgangspunkt des neuen Romans wird". Hier könne man "das Zusammenspiel von Provinz, übersetzen und Roman genau verfolgen", meint Williams, doch kann man vor allem eines: Sehen, wie hier ein großes Thema verschenkt wird.

Nicht die Provinz, sondern die Sprechsituation des Romans "Bauern, Bonzen und Bomben" stellt Reinhard K. Zachau ins Zentrum seines Aufsatzes. Zachau, der 1989 eine streckenweise vorzügliche Arbeit zur wissenschaftlichen Fallada-Rezeption vorgelegt hat, diskutiert verschiedene Realismuskonzepte (Feuchtwanger, Hemingway, Joseph Roth), um zu zeigen, dass die "traditionellen Erzählformen mit dem Zusammenbruch des traditionellen Weltbildes" abgelöst worden seien. Die neusachlichen, "neutral" bleibenden Erzähler hätten vom Film gelernt, der "Stil" der Neuen Sachlichkeit habe seine Wurzeln im Journalismus und betreibe die "Neutralisierung der Erzählerrolle". Abgesehen von seinem vagen, operational wenig tauglichen "Stil"-Begriff rückt der Beitrag - insoweit ganz erfreulich - einige Fehlleistungen der Forschung zurecht, indem er der Figurenperspektive zurechnet, was diese der Autorperspektive zurechnen wollte. Freilich handelt er sich dabei Probleme mit seinem Beschreibungsinventar ein, wenn er die interne ("auktoriale") Fokalisierung der erzählten Figur Tredup als Medium "aktorialer Distanzierung" des Autors begreift - denn dadurch werden erneut textexterne Realität und textinterne Fiktion kurzgeschlossen und dem Autor zugerechnet. Derlei Ebenenkonfusion sollte eigentlich - spätestens seit den Arbeiten von Kristin Morrison (1961) und Gérard Genette (1972) - der Vergangenheit angehören.

Die Provinz wird von Zachau allgemein als "Schauplatz gesellschaftlicher Vorurteile" gewertet, wobei die Gegenprobe unterbleibt, ob dieser Oberflächenbefund nicht auch für Berlin oder Hamburg zuträfe: Weder die Provinz noch die Metropole werden hinsichtlich ihres semantischen Raumes (bzw. ihres Werte- und Normensystems) systematisch befragt. Das ist mehr als eine Unterlassungssünde, denn nach allem, was wir über Falladas Œuvre und über vergleichbare Werke vergleichbarer Autoren (etwa Döblins "Berlin, Alexanderplatz") wissen, wird das Spannungsfeld von Zentrum und Peripherie im Literatursystem der Frühen Moderne neu bestimmt und individuell semantisiert - prima facie ist es daher ohne Belang, wo das Subjekt strauchelt.

Thomas Bredohl beschäftigt sich wie Zachau mit der Rezeption. Er beschreibt Falladas Versuch, mit seinem Bauernroman "Wir hatten mal ein Kind" (1934) ein "urdeutsches" Thema zu besetzen - sowie die Reaktionen der nationalsozialistischen, der völkischen und der exilierten Kritik darauf. Fallada konnte bekanntlich weder hier noch dort punkten - positive Stimmen blieben die Ausnahme und gerieten wie Karl Rauch selber in die Schusslinie des ästhetisch-ideologischen Kreuzfeuers: Während die Exilkritiker den Roman der Blubo-Literatur zurechneten, störten sich die Nazikritiker an Falladas Sprache und Menschenbild. Auch Bredohl gelingt es nicht, seine Beobachtungen zum Roman und zur Rezeption desselben halbwegs überzeugend mit dem Kolloquiums-Thema zu harmonisieren. Die Aussage, die Romanhandlung spiele fast ausschließlich in der Provinz (und das Buch sei auch in der Provinz geschrieben worden), wirkt ebenso alibihaft wie der - nicht belegte - Zusatz, nirgendwo bei Fallada sei der Zwiespalt zwischen der Provinz als Refugium und als Ort der Rückständigkeit schlüssiger beschrieben worden als dort. Der einzige, der überhaupt einen Definitionsversuch von "Provinz" unternimmt, der Weimarer Literaturwissenschaftler Bernhard Heinrich, unterscheidet zurecht zwischen ländlicher und kleinstädtischer Provinz (im Gegensatz zum "Hauptstädtischen") und konstatiert für Falladas Nachkriegsromane "Der Alpdruck" (1947) und "Jeder stirbt für sich allein" (1947) ein Konstrukt von "Humanität" und "Helligkeit" der Dorfstruktur, die "hart an der Grenze zur Unglaubwürdigkeit zu liegen" komme.

Kaum Neues und wenig Überzeugendes in der Fallada-Forschung also? Freilich, es gibt ja noch den verlässlichen Werner Liersch, auf den man zählen kann. Seine Essays zum Büchersammler und Literaturkritiker Hans Fallada sind im besten Sinne einsichtsvoll, eröffnen einen Blick auf bislang vernachlässigte Aspekte des Œuvres und sind noch dazu mit leichter und eleganter Hand geschrieben. Recht plausibel gelingt ihm beispielsweise der Nachweis, dass Falladas Rezension von Peter Martin Lampels Erfolgsdrama "Giftgas über Berlin" (1929) Aspekte einer Selbstbiografie enthalte. Und wenn es stimmt, was Liersch als These in den Raum stellt, dass Schriftsteller keine "selbstlose[n] Rezensionen" schreiben, sondern "ihre eigenen Erfahrungen" hinzunehmen und "ihre Sprache probieren", dann gibt es auf diesem Feld noch einiges zu entdecken und zu bearbeiten.

Werner Liersch hat seine Meriten - und er ist auf der anderen Seite ein Problemfall und ein Ruhestörer in Sachen Fallada, wenngleich nicht der einzige: Denn beide Bände aus dem Individuell-Verlag enthalten, mentalitätsgeschichtlich wie literarhistorisch bemerkenswert, persönliche Abrechnungen mit der "sozialistischen Erbepflege" der Fallada-Gesellschaft und des Neubrandenburger Literaturzentrums, greifbar in Person des Fallada-Biografen Tom Crepon. Crepon, eine Art "Sascha Anderson" der DDR-Kulturbürokratie und jahrelang als IM "Klaus Richter" für die politisch-ideologische Ausrichtung und Arrondierung des Literaturzentrums verantwortlich, hat seinerzeit seine Schlüsselposition missbraucht, um die konkurrente Arbeit von Liersch zu behindern. Die Dokumente, die Liersch aufbietet und die durch Sabine Langes Ausführungen im "Provinz"-Band positiv gespiegelt werden, belegen (auch wenn sie nur die Hälfte der Wahrheit wiedergeben mögen), dass, wer sich mit Fallada beschäftigt, mit großen Empfindlichkeiten ehemals SED-höriger Personen und Institutionen zu rechnen hat, die teils - wie augenscheinlich Crepon selber - von keinerlei Unrechtsbewusstsein angekränkelt sind, sondern ihre Verfehlungen kleinreden, ihre dubiose Rolle verharmlosen und ihre ehemaligen Untergebenen mundtot und lächerlich zu machen suchen, wenn diese bemüht sind, Licht ins Dunkel ihrer Instrumentalisierung zu DDR-Zeiten zu bringen. Ein trauriges Dokument eines solchen Einschüchterungs- und Bagatellisierungsversuches druckt Liersch im Anhang seines Buches ab.

Abschließend noch ein Schlusswort zur Textgestalt: Es kann angesichts der Rechtschreibwirren der vergangenen Jahre nicht überraschen, dass mittlerweile auch Literaturwissenschaftler ein nachlässiges, holpriges und gelegentlich auch irreführendes Deutsch schreiben und die Kommatisierung ihrer Texte mit der Streubüchse vorzunehmen scheinen - dass sie aber auch Namen und Zitate nicht korrekt wiedergeben, stimmt bedenklich.


Titelbild

Geoff Wilkes: Hans Fallada´s Crisis Novels 1931-1947. Australian and New Zealand Studies in German Language and Literature.
Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
167 Seiten, 33,80 EUR.
ISBN-10: 390677032X

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Kein Bild

Thomas Bredohl / Jenny Williams (Hg.): Die Provinz im Leben und Werk von Hans Fallada. Vorträge und Lesungen.
Individuell Verlag, Schöneiche 2005.
132 Seiten, 12,50 EUR.
ISBN-10: 3935552130

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Werner Liersch: Fallada. Der Büchersammler - Der Literaturkritiker - Der Photographierte - Der Missbrauchte.
Individuell Verlag, Schöneiche 2005.
112 Seiten, 8,50 EUR.
ISBN-10: 3935552122

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch