Rubine aus Glas

In „Träume aus Feuer“ erzählt Florien Illies die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Alchemisten Johannes Kunckel

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man schreibt das Frühjahr 1686. In Potsdam regiert seit 47 Jahren Friedrich Wilhelm aus dem Hause Hohenzollern als Großer Kurfürst von Brandenburg und König von Preußen. Der bekennende Calvinist, technisch-wissenschaftlich interessiert, hatte den am sächsischen Hofe zu Dresden wenig erfolgreichen Alchemisten Johannes Kunckel 1678 ins Brandenburgische geholt, weil er von dessen Verdiensten auf dem Gebiet der Glasherstellung in Kenntnis gesetzt wurde. In Potsdam ließ er sich von Kunckel dessen Versuche mit Phosphor demonstrieren, zeigte sich beeindruckt von dem 1635 auf der Glashütte Ascheberg bei Plön Geborenen und ernannte ihn zu seinem geheimen Kammerdiener.

Schon bald übernahm Kunckel die Verantwortung für die Hälfte der Glashütten im Lande. Im Oktober 1685 schließlich, zwei Tage bevor der Große Kurfürst sein berühmtes Toleranzedikt den französischen Hugenotten gegenüber erlässt, hebt er das Kunckelsche Unternehmen auf ein völlig neues Level. Er übereignet dem vom Alchemisten allmählich zum Chemiker Gewordenen die Pfaueninsel in der Havel zwischen Potsdam und Berlin. Kunckel soll dort mit einigen handverlesenen Arbeitern in Ruhe und Abgeschiedenheit jenes Glas herstellen und verbessern, das inzwischen zu einem brandenburgischen Exportschlager geworden ist.

Mit der Ankunft Kunckels im Februar 1686 auf „seiner“ Insel – einem „Ort absoluter Tristesse“, der noch auf seine Erweckung zu warten scheint – setzt das neue Buch von Florian Illies ein. In fünf Kapiteln, deren Überschriften – von KALT über WÄRMER, WARM und HEISS bis ZU HEISS – nicht nur an den Prozess der Glasherstellung in eigens dafür konstruierten Öfen, sondern auch an das wechselvolle Schicksal des Glasmachers Johannes Kunckel in den zwei Jahren bis zum Tod seines fürstlichen Gönners am 9. Mai 1688 gemahnen, erzählt er die spannungsvolle Geschichte von Aufstieg und Fall einer historischen Persönlichkeit.

Wer sich auf einen Text des 1971 geborenen Florian Illies einlässt, weiß inzwischen, was ihn erwartet. Seit im Jahr 2012 sein Buch 1913: Der Sommer des Jahrhunderts erschien, gilt der neben seiner schriftstellerischen Arbeit auch als Kunsthistoriker, Kurator, Journalist und Herausgeber tätige Illies als Erfinder eines neuen Tons in der künstlerischen Vermittlung historischer Gegenstände. Der Kniff dabei ist das scheinbare Verschwinden der Distanz zwischen Erzähler und Erzähltem. So, als sei der Autor selbst in jedem Fall unmittelbar anwesend, nehmen Illies‘ Bücher ihre Leserinnen und Leser mit in die Welt seiner Figuren – zuletzt zu Caspar David Friedrich und seinen Bildern (Zauber der Stille, 2023) und zur Familie Mann an deren Exilort Sanary-sur-Mer (Wenn die Sonne untergeht, 2025). Ein metapherngesättigtes Präsens vermittelt Gegenwärtigkeit. Und weil sie durchgängig dabei sind, obliegt Illies Erzählinstanz auch nicht dem Zwang von Historikerinnen und Historikern zur Interpretation des Rekonstruierten.

Dass sich Illies zu seinen Büchern gern von Perioden des Übergangs und Figuren, in deren Schicksalen sich diese wechselvollen Zeitläufte besonders deutlich spiegeln, inspirieren lässt, wird auch in Träume aus Feuer schnell deutlich. Denn dieser Johannes Kunckel gehört keineswegs mehr zu jenen Alchemisten, auf deren Versprechen, aus Silber Gold machen zu können, so mancher deutsche Landesherr fest vertraute. Umso enttäuschter war man dann, wenn die sogenannte "transmutatio metallorum" nicht gelang und man den jeweiligen „Hexenmeister“ wieder vom Hof jagen musste.

Auch Kunckel muss seinen neuen Herrn, Friedrich Wilhelm, und dessen Gier nach schnellem Reichtum für sein seit dem Dreißigjährigen Krieg noch nicht wieder zu wirtschaftlicher Größe gekommenes Land zunächst enttäuschen. Als Chemiker und Naturwissenschaftler aber weiß er den Potentaten und dessen Gattin Dorothea – wunderbar, mit wieviel Witz Illies das Verhältnis zwischen dem preußischen Herrscherpaar zu beschreiben weiß – davon zu überzeugen, dass auch Glas ein Gegenstand sein kann, mit dem sich gute Geschäfte machen lassen, und es an Sand zur Glasherstellung gerade in Brandenburg nicht mangelt. Nur ein besonderes Glas muss es halt sein, eines wie das, welches Kunckel bei den italienischen Glasmachern in Murano bewundern durfte. Nur seines soll rot sein statt blau. Rubinrot leuchten soll es und mit einem betörenden, nie nachlassenden Glanz die Augen bestechen.

Nachdem Johannes Kunckel die Pfaueninsel als Ort zum Forschen und Experimentieren zugesprochen wird, bleiben ihm etwas mehr als zwei Jahre, um seine „Träume aus Feuer“ zu verwirklichen. Das erste, 1686, wird fast vollständig vom Bau der Produktionsstätten und eines mit allem Notwendigen ausgestatteten Laboratoriums in Anspruch genommen. Überdies braucht es Unterkünfte für Kunckels Arbeiter und deren Familien, die auf dem Eiland völlig autark leben und sich selbst mit allem Notwendigen versorgen sollen, damit niemand die Insel verlassen muss und geheim bleiben kann, was Kunckel dort treibt.

Im zweiten Jahr dann wird geliefert: korallenrotes, leuchtendes Glas, begehrt an den prunkliebenden Höfen in ganz Europa, und jene „Glas-Corallen“, die der Große Kurfürst als Zahlungsmittel für den Handel auf seinen westafrikanischen Besitzungen benötigt, von Geschenken für die Großfürstin und andere Persönlichkeiten, die sich Friedrich Wilhelm gewogen machen will, einmal ganz abgesehen.

Im dritten Jahr, 1688, aber ist der Traum vorbei. Was bleibt sind Ascheberge – welch Ironie des Schicksals, bedenkt man, dass Kunckel einst auf der Glashütte Ascheberg das Licht der Welt erblickte –, Rückzahlungsforderungen, die ihn ruinieren, und der schäbige Triumph seiner Feinde am Potsdamer Hof. Mit dem Tod seines Fürsten, Gönners und Mäzens am 9. Mai und der Thronbesteigung Friedrichs I., seines dritten Sohnes aus erster Ehe, erlangen all jene Kräfte am Hof die Oberhand, denen Johannes Kunckel schon immer ein Dorn im Auge war, die ihn um seine herausgehobene Stellung am Hof beneideten und alles versuchten, um dem Glasmacher zu schaden und seinen Ruf zu beschädigen. Schließlich muss er Brandenburg sogar mittellos und tief gedemütigt verlassen. Sein Weg führt ihn zunächst nach Stockholm, wo er zum Königlichen Bergrat ernannt, in den Adelsstand erhoben und jener Anerkennung teilhaftig wird, die ihm nach dem Tod des Großen Kurfürsten versagt blieb. Sein letztes Lebensjahrzehnt – er stirbt am 20. März 1703 – verbringt er mit seiner Familie wieder im Brandenburgischen, auf seinem Gut Dreißighufen in der Nähe des nördlich von Berlin gelegenen Bernau.

Träume aus Feuer erzählt die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Johannes Kunckel auf knapp anderthalb hundert Seiten. Florian Illies nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf jene kleine Insel inmitten des Havelstroms, die vor 2.500 Jahren zum ersten Mal besiedelt wurde und heute zum UNESCO-Welterbe gehört. In einer klaren, poetischen, nur gelegentlich etwas altertümelnden Sprache bringt er uns einen Mann nahe, in dessen Person und Schicksal eine Epoche lebendig wird, die sich im Übergang zum Zeitalter der Aufklärung befindet. Entsprechend den sich wandelnden Ansichten in allen Wissensgebieten, entwickelt sich auch der „Alchemist“ Kunckel mehr und mehr zum Chemiker und Naturwissenschaftler. Dass er in Friedrich Wilhelm, dem Großen Kurfürsten, auf einen Mann trifft, der allem Neuen aufgeschlossen gegenübersteht, ist ein großes Glück für beide Männer. Die Tragik seines letztendlichen Scheiterns am Potsdamer Hof nach dem Tod seines Gönners aber zeigt auch, wie stark noch jene Kräfte sind, die sich allem Neuen verweigern.

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Florian Illies: Träume aus Feuer. Der Alchemist von der Pfaueninsel.
Pfaueninsel, Berlin 2026.
144 Seiten , 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783691310054

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