Hürlimann für Anfänger und Fortgeschrittene
Der von Fedora Wesseler herausgegebene Band „Der Wanderer und sein Koffer“ versammelt prägnante Texte, Bilder und Dokumente aus sechs Jahrzehnten literarischen Schaffens eines der wichtigsten Schweizer Gegenwartsautoren
Von Dietmar Jacobsen
Mehr als 500 Seiten aus veröffentlichten und bisher unveröffentlichten Texten von Thomas Hürlimann hat die Herausgeberin Fedora Wesseler zusammengestellt, um den Leserinnen und Lesern des vorliegenden Bandes einen Eindruck von Leben und Werk eines der bedeutendsten Autoren der Deutschschweizer Gegenwartsliteratur zu vermitteln. Der 1950 in Zug geborene und mit zahlreichen Preisen und Ehrungen für sein umfangreiches Werk bedachte Hürlimann debütierte 1981 mit dem vielbeachteten schmalen Erzählband Die Tessinerin. Es folgten Romane, Theaterstücke, Essay-Bände, Reden und zuletzt der Roman Der Rote Diamant (2022). Auch in ihm verarbeitete sein Autor sowohl Autobiographisches als auch sein nicht selten kritisches Verhältnis zur jüngeren und jüngsten Geschichte seines Heimatlandes.
Wesseler, die gemeinsam mit Hürlimann im S. Fischer Verlag 2019 Das große Lesebuch über Gottfried Keller – einen von Thomas Hürlimanns Hausheiligen – herausgegeben hat und seinen Roman Vierzig Rosen (2006) ins Französische übertrug, ordnet die von Ihr getroffene Textauswahl zunächst chronologisch, in der zweiten Buchhälfte dann eher thematisch. Die Sammlung beginnt dementsprechend mit einem Kapitel über die Kindheit des späteren Schriftstellers, folgt den Spuren seiner Eltern, begleitet den Heranwachsenden durch seine Gymnasialjahre in der Einsiedelner Klosterschule und widmet sich ausführlich jenem Trauma, das der Krebstod seines neun Jahre jüngeren Bruders Matthias Hürlimann im Jahre 1980 für ihn bedeutete.
Dass Katzen geradezu omnipräsent sind in den Büchern Thomas Hürlimanns weiß jeder, der nur wenigstens zwei seiner Texte gelesen hat. Ob in der Novelle Das Gartenhaus (1989) oder dem großen Roman Heimkehr (2018) – Katzen sind immer dabei. Bei der Titelfigur des 1998 erschienen Romans Der große Kater handelt es sich dann zwar nicht um ein Exemplar der Gattung Felidae, sondern der Autor entwirft das Charakterbild eines Schweizer Bundespräsidenten, hinter dem man unschwer den als Student den Spitznamen „Kater“ tragenden Vater des Schriftstellers, Hans Hürlimann (1918–1994), erkennt, der von 1973 bis 1980 dem Schweizer Bundesrat angehörte und im Jahr 1979 gar als Bundespräsident wirkte.
Doch spätestens mit dem Kater Mufti, der Hürlimann in Zürich zugelaufen war, um ihn nach seinem Umzug in die Innerschweiz auf seinen Abendspaziergängen zu begleiten und zu Gedanken zu inspirieren, aus denen danndie Essays des Bändchens Abendspaziergang mit dem Kater (2020) entstanden, ist man wieder in den Gefilden des heimlichen Wappentiers des Autors angekommen. Und weil es auch in den restlichen Büchern des Autors ziemlich regelmäßig miaut und maunzt, empfand es die Herausgeberin wohl mehr als angemessen, einen ganzen Abschnitt ihres Lesebuches jenen Wesen zu widmen, die, wie es in der Geschichtensammlung Die Satellitenstadt von 1992 heißt, „Göttinnen der Melancholie“ sind.
Ein nicht nur in den Texten Thomas Hürlimanns, sondern in den Werken zahlreicher seiner Landsmänner und Landsfrauen aufzufindendes Thema ist jenes von Weggehen und Wiederkommen, Heimweh und Heimkehr, Drinnen und Draußen. Über die Probleme eines „Diskurses in der Enge“ (Paul Nizon) und wie man sein Schreiben aus dieser nicht nur geografischen – die Schweiz ist nicht unbedingt ein großes Land – Begrenztheit hinausführen und welthaltiger machen konnte, haben viele Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller nachgedacht. Man entschied sich für innere und äußere Emigration, es gab radikale Lösungen und zornig-verzweifelte Aktionen. Auch Hürlimann, im Grunde eher einem bodenständigen Konservatismus zuneigend, hat sein Heimatland mehrmals für längere Zeit verlassen – aber immer wieder zurückgefunden. Ein eigenes Kapitel widmet das vorliegende Buch in diesem Kontext jener mehrmonatigen Reise, die ihn gemeinsam mit drei Freunden aus der Einsiedelner Stiftsschule im Anschluss an ihre Matura nach Afrika führte, einer Tour, die etliche Spuren in Hürlimanns Werken hinterließ, unter anderem auch in dem bisher nicht veröffentlichten Roman Die unsichtbare Stadt .
Zu den erstmals öffentlich zugänglichen Texten, die der Band enthält, zählen im Übrigen auch die Nachrufe auf Hürlimanns beide Eltern sowie seine Erinnerungen an Marcel Bertschi, den besten Freund seiner Kindheit, einen Nachbarjungen, dem sich der Jüngere bewundernd unterordnete. „Bertschis Marcel war größer, stärker und älter als ich und herrschte über den Sandkasten wie ein König […] Ich wäre gern wie er gewesen“, heißt es in einem Beitrag des Schriftstellers für die anlässlich des 175. Jubiläums der Schmiede von Walchwil herausgegebene Festschrift Heimliches und Unheimliches vom Zugersee (2009). Und nur ein paar Jahre später kommt es bei einem Literaturfestival, nachdem man sich ein halbes Jahrhundert nicht gesehen hat, zu einem unverhofften Wiedersehen der alten Freunde, von denen einer Schriftsteller geworden ist, während der andere den gemeinsamen Kindertraum von einem Leben als Abenteurer in Afrika tatsächlich wahr machte. Dass es das letzte Mal ist, dass man hier gemeinsam der alten Zeiten gedenkt und Hürlimann eine Einladung des Freundes annimmt, ohne zu ahnen, dass der Tod einen rigorosen Strich durch dieses späte gemeinsame Vorhaben machen würde, ähnelt ein wenig jjenen Pointen, denen man in Thomas Hürlimanns Werken allenthalben begegnen kann.
Mit dem titelspendenden Wanderer und seinem Koffer sind übrigens zunächst einmal Hürlimanns Großvater mütterlicherseits und das schwere Gepäckstück gemeint, sein „jüdischer Fluchtkoffer“, mit dem der Ahn einst aus Galizien in die Schweiz einwanderte. Später nutzten ihn Hürlimanns Mutter und der Dichter selbst. Heute steht er im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern „zwischen den Wanderschuhen von Kurt Marti und dem Überseekoffer von Hermann Hesse“, wie Fedora Wesseler in ihrem informativen Vorwort hervorhebt. Das hat er auch verdient, denn in Hürlimanns literarischen Werken hat er genug Spuren hinterlassen. Und wenn er am Anfang seiner Odyssee „eine Schere, eine Klarinette, fromme Bücher und Gebetsriemen“ enthielt, so wurde er später von den Nachkommen des ursprünglichen Besitzers mit den für sie auf ihren Reisen notwendigen Dingen angefüllt.
In dem den Band abschließenden kleinen Text Lesen aus dem Jahr 2007 bringt es Hürlimann schließlich noch einmal auf den Punkt: An eine Veränderung der Welt durch Bücher glaubt er nicht. „Bücher richten sich nie an die Welt, das überlassen sie Predigten, Manifesten, Lehrmitteln, Kommuniqués und Fahrplänen“, heißt es da zugespitzt. Wozu Lesen aber durchaus fähig sei: Gespräche zwischen Menschen in Gang zu bringen und hin und wieder für den Eindruck zu sorgen, dass man „die Lektüre mit dem Leben eingeholt“ hat.
Friedrich Nietzsches Der Wanderer und sein Schatten (1880), veröffentlicht als zweiter und letzter Nachtrag zur Gedankensammlung Menschliches, Allzumenschliches des Philosophen, stand Fedora Wesseler für den Titel des Sammelbandes Pate. Wie sich an Nietzsches 350 Aphorismen dessen komplexes Weltbild ablesen lässt, so kann man sich als Leserin oder Leser mit der von der Autorin getroffenen Textauswahl in die Schreib- und Gedankenwelt Thomas Hürlimanns mitnehmen lassen. Das ist interessant und unterhaltsam zugleich, regt zur Erstlektüre der Werke an, aus denen die Textausschnitte stammen, oder inspiriert sogar zu einem neuen Blick auf scheinbar Altbekanntes. Und mehr können sich Verlag und Herausgeberin wohl wirklich nicht wünschen.
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