Körper, Schuld und Schönheit im Blick der Kunst
In “Geschlecht und Krankheit in der Kunst” zeigt Johanna Johnen, wie Bilder von Krankheit zwischen Moral, Begehren und Geschlecht oszillieren – und bis heute nachwirken
Von Silvio Barta
Kaum ein Motiv der Kunstgeschichte ist so durchzogen von Spannungen wie das der Krankheit. Sie erscheint selten eindeutig, fast nie bloß als medizinischer Zustand, sondern als Projektionsfläche kultureller Deutung: als Strafe Gottes, als Zeichen moralischer Verfehlung – und zugleich als Bühne für Tugend, Standhaftigkeit und Erlösung. Zwischen körperlicher Devianz und idealisiertem Ertragen entfaltet sich ein Bild, das weniger über den kranken Körper selbst aussagt als über die Ordnung, die ihn beurteilt. Krankheit markiert Abweichung, aber auch Bewährung; sie isoliert und erhebt zugleich. In dieser Ambivalenz liegt ihre eigentliche ästhetische und kulturelle Sprengkraft.
Uralt ist diese Thematik ohnehin. Lepra etwa, jene vielleicht wirkmächtigste Krankheit der Vormoderne, steht exemplarisch für die Gleichzeitigkeit von Ausstoßung und Aufladung. Sie ist Bild des Verfalls, Chiffre der „lebenden Toten“ – und zugleich Prüfstein christlicher Nächstenliebe und Anlass für Fürbitte, Barmherzigkeit und spirituelle Bewährung. Krankheit markiert hier nicht nur das Ende sozialer Zugehörigkeit, sondern eröffnet paradoxerweise auch einen Raum moralischer und religiöser Aufwertung.
Solche Deutungen sind eng verwoben mit vormodernen Wissensordnungen. In der antiken Vier-Säfte-Lehre des Hippokrates etwa erscheint Krankheit nicht als isolierter Defekt, sondern als Ungleichgewicht körperlicher und zugleich charakterlicher Dispositionen. Körper, Temperament und Moral sind hier untrennbar verschränkt – eine Verbindung, die über Jahrhunderte hinweg fortwirkt.
Erst um 1800 verschiebt sich dieser Blick grundlegend. Mit der Entstehung moderner Kliniken, wie sie Michel Foucault beschrieben hat, rückt der Körper als Objekt empirischer Beobachtung in den Fokus. Krankheit wird zunehmend vermessen, klassifiziert, sichtbar gemacht. Doch die vermeintliche Nüchternheit dieser neuen Perspektive bleibt nicht frei von normativen Einschreibungen. In Disziplinen wie der Physiognomik – prominent vertreten durch Johann Caspar Lavater (1772) – oder später in Kraniologie und Eugenetik wird der Körper erneut zum Träger von Bedeutung überhöht: als Oberfläche, an der sich Charakter, Wert und Abweichung ablesen lassen sollen.
Im Fin de Siècle verschiebt sich der Fokus erneut – und mit ihm die Deutungshoheit über den kranken Körper. Neben biologischen Erklärungsmodellen gewinnt nun die Psychiatrie an Gewicht; Krankheit wird nicht mehr nur am Körper, sondern zunehmend an Psyche, Nervosität und Verhalten festgemacht. Die bestehenden Zuschreibungen werden dadurch jedoch nicht aufgehoben, sondern verlagert und verfeinert. Besonders deutlich zeigt sich dies in der Pathologisierung von Weiblichkeit: Was zuvor als körperliche Schwäche galt, erscheint nun als seelische Labilität, Überreizung oder emotionale Abweichung.
Wenn der Körper zum Zeichen wird
So zeigt sich, dass das Thema Krankheit keineswegs erst mit der Moderne an analytischer Schärfe gewinnt. Vielmehr hat Foucault bereits herausgearbeitet, wie eng Wissen, Macht und Körper in historischen Diskursen miteinander verflochten sind. Krankheit erscheint damit durch alle Epochen hindurch weniger als bloßes biologisches Faktum denn als kulturell codierte Kategorie – als ein Ort, an dem sich Ordnungsvorstellungen ebenso verdichten wie ihre Brüche.
Genau an diesem Punkt setzt Johanna Johnen an und verschiebt die Perspektive entscheidend. Sie interessiert sich nicht primär für Krankheit als medizinisches oder diskursives Phänomen, sondern für ihre Darstellung in der Kunst. Wie Krankheit sichtbar gemacht wird, wie sie ästhetisiert wird – selbst (oder gerade) in ihrer Hässlichkeit –, erweist sich dabei als Spiegel gesellschaftlicher Wahrnehmungen und Haltungen. Bilder von Krankheit sind nie neutral; in ihnen verdichtet sich, was eine Gesellschaft als abweichend, bemitleidenswert, bewundernswert oder bedrohlich begreift.
Johnen geht jedoch einen Schritt weiter, der zunächst irritieren mag: Sie liest Krankheit konsequent durch die Kategorie Geschlecht. Was zunächst wie ein erwartbarer Zugriff der Gender Studies wirkt, erweist sich bei näherem Hinsehen als überraschend schlüssig. Denn tatsächlich sind Krankheit und Geschlecht historisch eng verschränkt – von der sprichwörtlichen „Männererkältung“ bis zur pathologisierten „Hysterie“ reicht ein Spektrum an Zuschreibungen, das bis in die Gegenwart fortwirkt. Krankheit ist ebenso sozial codiert wie körperlich erfahrbar – und Geschlecht gehört zu ihren wirkmächtigsten Ordnungskategorien.
Exemplarisch verdichtet Johnen diese Zusammenhänge an drei Krankheitsbildern: Syphilis, Tuberkulose und Gicht. An ihnen lässt sich zeigen, wie unterschiedlich Krankheit inszeniert wird – als moralischer Makel, als ästhetisierte Schwäche oder als Zeichen von Lebensstil und Status. Die Lektüre ist dabei stellenweise anspruchsvoll, nicht zuletzt aufgrund der dichten Bildanalysen und theoretischen Bezüge. Gerade darin liegt jedoch ihr Reiz: Wer sich darauf einlässt, wird mit einem ebenso präzisen wie faszinierenden Blick auf die Verschränkung von Körper, Bild und gesellschaftlicher Ordnung belohnt.
Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Syphilis. In der Renaissance erscheint sie häufig als sichtbares Zeichen moralischer Verfehlung, ihre körperlichen Symptome – die Geschwüre – werden schonungslos dargestellt. Zugleich etabliert sich ein Bild der Frau als Überträgerin, als „Täterin“ venerischer Krankheiten, als Projektionsfläche für Dekadenz und gesellschaftlichen Verfall. Krankheit wird hier zur moralischen Erzählung, in der Schuld geschlechtlich verteilt ist.
Doch diese Deutungsmuster geraten ins Wanken. In den Arbeiten von Käthe Kollwitz verschiebt sich die Perspektive: Der Fokus liegt nun auf Leid, Verletzlichkeit und sozialer Realität. Weibliche Figuren erscheinen nicht länger primär als Verursacherinnen, sondern als Opfer struktureller Bedingungen – Armut, Ausbeutung, Krieg. Johnen zeigt, dass Krankheit hier moralisch neu ausgerichtet wird: Das Feindbild verschiebt sich von der erkrankten Frau auf die sozialen Bedingungen ihres Leidens.
Gerade in solchen Verschiebungen zeigt sich ein zentrales Argument: Zwischen normativen gesellschaftlichen Vorstellungen und „wissenschaftlichen“ Erkenntnissen besteht keine klare Trennung. Beide stehen in einer wechselseitigen Beziehung, stabilisieren und verändern einander zugleich. Was als Krankheit gilt, wie sie dargestellt und bewertet wird, ist nie nur Ergebnis objektiver Erkenntnis – sondern immer auch Ausdruck kultureller Ordnungssysteme, die sich im Bild ebenso einschreiben wie im Diskurs.
Von der Schuld zur Zartheit
Ein besonders aufschlussreicher Gegenpol zeigt sich in der Darstellung der Tuberkulose. Während Syphilis moralisch aufgeladen und stigmatisiert wird, erscheint die „Schwindsucht“ im 19. Jahrhundert geradezu als ästhetisierte Krankheit des Weiblichen: Blässe, Zartheit, Vergeistigung – Symptome werden hier in Zeichen von Sensibilität und innerer Tiefe umgedeutet. Krankheit verliert ihren Makel und wird zum Ausdruck einer vermeintlich höheren, fast schon edlen Konstitution.
Diese Verschiebung setzt sich auch in den sozialen Praktiken fort. Sanatorien avancieren zu Orten des Rückzugs, aber auch der kulturellen und geistigen Verfeinerung – zumindest für jene, die es sich leisten können. Krankheit wird hier nicht nur behandelt, sondern inszeniert; sie wird Teil eines Lebensstils, der Distinktion erzeugt. Kaum ein Werk hat diese eigentümliche Zwischenwelt so prägnant verdichtet wie Thomas Mann in seinem Roman Der Zauberberg, in dem das Sanatorium zum abgeschlossenen Kosmos wird – ein Ort der Entschleunigung, der Reflexion und zugleich der subtilen sozialen Hierarchisierung.
Ein ähnliches Spiel von Deutung und Status zeigt sich bei der Gicht. Als „Krankheit des Luxus“ verweist sie auf Überfluss, auf Ernährung, auf ein Leben im Wohlstand. Anders als viele andere Leiden wird sie nicht verborgen, sondern mitunter fast demonstrativ getragen – als körperliches Symptom eines privilegierten Lebens.
Daran wird sichtbar, dass Krankheiten nicht nur diagnostiziert, sondern auch gesellschaftlich eingeordnet werden. Einige fügen sich fast mühelos in positive Deutungsmuster ein, andere bleiben beschämend oder verdächtig. Burn-out kann noch als Preis hoher Leistungsbereitschaft gelesen werden; Depression dagegen wird bis heute häufiger mit Schwäche, Kontrollverlust oder persönlichem Scheitern verknüpft. Die Namen haben sich verändert, die Mechanismen der Bewertung kaum.
Der kranke Körper im Abendprogramm
Gerade deshalb endet Johnens Untersuchung nicht im Museum. Denn die prägende Visualisierung unserer Gegenwart ist längst nicht mehr allein die Kunst, sondern die Werbung. Und wie erstaunlich vielsagend erscheinen vor diesem Hintergrund die Botschaften in den Werbeblocks am frühen Abend: Mittel gegen Durchfall, Ermüdung, Rückenschmerzen und Schlaflosigkeit werden dort nicht nur verkauft, sondern kulturell codiert. Sie erzählen, was der Körper leisten muss, welche Schwächen verzeihlich sind, welche Beschwerden verborgen bleiben müssen – und welche Versprechen eine Gesellschaft ihren erschöpften, nervösen und überforderten Körpern macht.
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