Zwischen vehementer Begeisterung und wissenschaftlichem Anspruch

Pünktlich im Jahr seines 100. Geburtstages erscheint Hans-Hermann Kestels zweibändige Abhandlung über Erich Loest – ist das die langersehnte späte Würdigung von Loests Werk?

Von Marieluise LabryRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marieluise Labry

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Erich Loest, geboren am 26. Februar 1926 im sächsischen Mittweida, war ein Schriftsteller, der in keine Schublade passte. Zu bewegt war sein Leben in der DDR, wo er anfangs engagiert die Anfänge begleitete und später als politischer Häftling siebeneinhalb Jahre im Gefängnis Bautzen II saß. Nach seiner Haftentlassung schrieb er unverdrossen weiter, bis es in der DDR nicht mehr ging und er in den 1980er-Jahren in die Bundesrepublik ausreisen durfte. Auch dort schrieb er weiter. Nach dem Mauerfall kehrte er in sein geliebtes Leipzig zurück und begleitete wie kein anderer literarisch und persönlich die Transformationszeit vor Ort. Wer in den 1990er-Jahren in Leipzig gelebt hat, ist praktisch nicht an Loest vorbeigekommen. Noch heute sprechen all jene, die ihn persönlich erlebt haben, voller Ehrfurcht und wissen manch amüsante Anekdote über einen Mann zu erzählen, der immer deutlich sagte, wie er die Dinge sah. Kritisch und ohne Rücksicht auf Diplomatie setzte er sich für die kulturelle und politische Aufarbeitung der SED-Diktatur und für die Demokratie ein.

Heute kennen ihn, insbesondere unter den Jüngeren, nur noch wenige. Auch sein umfangreiches Werk von fast 20 Romanen, zahlreichen Erzählungen und weiteren Texten, Hörspielen und Drehbüchern ist trotz großer Auflagenzahlen und Erfolge heute wenigen bekannt. Sogar die Literaturwissenschaft tut sich schwer mit Loest. Ist sein Werk einfach nur unentdeckt oder hat es den festen Stempel, nicht ausreichend literarisch und ästhetisch wertvoll zu sein?

Nun ist eine fast monumentale Abhandlung zu Loests Werk im Wallstein Verlag erschienen. Die Erwartungen sind groß, der Name des Autors Hans-Hermann Kestel bisher unbekannt. Kestel, 1957 geboren, ist ein oberfränkischer Deutschlehrer, der von Loest und seinem Werk fasziniert ist – eigentlich von der gesamten DDR und ihrer Literatur. Auf fast 1300 Seiten wird nicht nur Loests Lebenswerk geschildert, sondern Kestels vermutlich jahrzehntelange Beschäftigung und intensive Lektüre von Loests Werk zusammengefasst.

Als Aufhänger für seine Abhandlung dient ihm der Roman Der elfte Mann, welcher 1969, also nach Loests Haft in Bautzen, erschienen ist. Kestel stellt die These auf, dass in diesem Roman im Prinzip alle wichtigen Motive und Themen von Loests Werk insgesamt angelegt sind und sich in seinen weiteren Werken wiederfinden lassen. Eine „werkgeschichtliche Schlüsselstellung“ wird dem Buch attestiert. Wo bisher Es geht seinen Gang oder die Mühen unserer Ebene als bekanntester und vor allem für die 1970er-Jahre in der DDR als einflussreichster Roman von Loest gehandelt wurde, stellt Kestel einen eher unbekannten oder, seiner Ansicht nach, zu Unrecht missachteten Roman in den Mittelpunkt. Damit steht eine starke These am Anfang der Abhandlung, die bewiesen werden will.

Doch bereits der 90-seitige Prolog, der die Biografie Loests sehr detailliert darstellt, irritiert. Dazu muss man wissen, dass Loest zu Lebzeiten zahlreiche autobiografische Texte geschrieben hat. Der bekannteste ist wohl Durch die Erde ein Riss, in dem der Autor unter anderem eindringlich seine siebeneinhalbjährige Hafterfahrung beschreibt. Dazu kommen zahlreiche veröffentlichte Tagebücher aus seinem Spätwerk. Kestel zitiert ausführlich aus diesem Werk und das ohne kritische Distanz. Eine detailreiche Zusammenfassung und Wiedergabe bringen keinen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn. Es wäre doch gerade spannend, sich die Lücken anzusehen. Worüber hat Loest wenig geschrieben? Welchen Erlebnissen hat er eher wenig Gewicht für sein Leben zugewiesen? Auch erschließt sich nicht die Funktion dieser ausführlichen Biografie für die weitere Abhandlung. Es stellt sich der Verdacht ein, dass Kestel an dieser Stelle zeigen wollte, dass er sich sehr intensiv mit Loests Biografie auseinandergesetzt hat – anhand autobiografischer Texte.

Als Nächstes kommen fünf Hauptkapitel, die erschlagend sind. Das erste Hauptkapitel widmet sich dem Protagonisten des Romans Der elfte Mann. Dort kommt man noch mit: Bei sechs Unterpunkten, bis zur dritten Ordnung gehend, kann man noch folgen. Doch beim zweiten Hauptkapitel, das den vielversprechenden Titel „Väter-Land DDR: Die Herrschaft der roten Patriarchen“ trägt, wird es unübersichtlich: Bis in die vierte Ordnung gehen die Unterkapitel und es wird munter zwischen den Romanen Nikolaikirche, Es geht seinen Gang und Der elfte Mann sowie anderen Werken der DDR-Literatur (wie beispielsweise Monika Marons Flugasche oder Thomas Brussigs Helden wie wir) hin und her gesprungen. Nachdem die verschiedenen Väterfiguren als Erzieher und Vorbilder beschrieben werden, folgen Ausführungen zu „Die ‚Väter‘ und die Situation der Frau“. Abschließend wird im zweiten Hauptkapitel das „Väter-Kind-Thema“ abgehandelt. Anstatt in die Analyse der einzelnen Figuren zu gehen, fasst Kestel die loestschen Figuren zu Themenkomplexen zusammen.

Spätestens im zweiten Hauptkapitel wird der inflationäre Gebrauch der Wörter „Motiv“ und „Motivreihe“ auffällig. Teilweise werden über 15 Seiten Belegstellen mutmaßlicher „Motivreihen“ aufgeführt. Zumindest muss man keine Sorge haben, nicht folgen zu können, wenn man nicht alle Loest-Romane gelesen hat – dank der ausführlichen Zusammenfassungen kennt man im Prinzip damit den kompletten Romaninhalt. Besonders irritierend sind dabei die vielen Fußnoten, die man im zweiten Band einsehen kann und die jede einzelne kleine Textstelle aus dem jeweiligen Roman belegen.

Doch auf die seitenlangen Aufzählungen folgen weder Analyse noch Interpretation, sondern kurze Reflexionen und Bestätigungen von Motivreihen wie zum Beispiel „das Bulgarien-Motiv“, „Schwert-Motiv“ oder das „Motiv des Träumens“. Da die meisten dieser Motive auch in anderen Werken Loests und in anderen DDR-Romanen vorkommen, wird aus zahlreichen anderen Werken nacherzählt und verwiesen. Kestels Kenntnisse über diese Werke sind beeindruckend. Hier hat sich jemand wirklich ausführlich mit zahlreichen Romanen von Loest und anderen DDR-Autor:innen intensiv auseinandergesetzt und mit einer detaillierten Genauigkeit Stellen herausgearbeitet. Das muss eine jahrzehntelange Fleißarbeit gewesen sein – keine Frage. Leider erschließt sich der Zweck für die Leser:innen nicht, da die Abhandlung nicht über eine Aufzählung von ähnlichen Stellen, Themen und Motiven hinausgeht.

Auch wer sich die Mühe macht, die anderen Quellen, die Kestel angibt und in denen er historische Ereignisse und Alltagsrealitäten der DDR belegt, anzuschauen, wird feststellen, dass keine relevante aktuelle Forschung zur Geschichte der DDR herangezogen wurde. Die Sekundärquellen sind alle um die 20 Jahre alt und für den Umfang der Abhandlung an zwei Händen abzuzählen. Das ist schade, denn gerade die DDR-Forschung der letzten Jahre bringt wichtige und interessante neue Perspektiven. Es wäre durchaus sinnvoll gewesen, diese im Zusammenhang mit Loests Werk zu betrachten.

Insbesondere bei zwei Themen ist die Darstellung Kestels der DDR, die er durch Loests Werk sieht, problematisch. Seine Frauenfiguren werden in die Kategorie emanzipiert oder unemanzipiert eingeteilt. Unemanzipiert sind all die Frauen, die nur auf ihr Äußeres achten und in den meisten Fällen vor allem Männern gefallen wollen. Emanzipiert sind die Frauen, die aufbegehren und sich, wie beim Beispiel der Figur der Astrid Protter im Roman Nikolaikirche, dagegen wehren, nur auf ihre Schönheit reduziert zu werden, und auch aufgrund ihres Charakters ernst genommen werden wollen. Das wird der, wenn auch aus heutiger Perspektive teilweise problematischen, Darstellung von Frauenfiguren bei Loest nicht gerecht.

Kestel beschreibt die Frauenfiguren bei Loest als „Motivreihe“. Eine kritische Auseinandersetzung hinsichtlich des male gaze in den Romanen braucht man an dieser Stelle nicht zu erwarten. Insbesondere am Ende der Kapitel fällt Kestel Urteile, die von Loests Darstellungen der Verhältnisse in den Romanen eins zu eins auf die historische Realität der DDR übertragen werden und Kestel dazu bringen, eine Wertung darüber abgzugeben, welche Stellung „die Frau“ in der DDR in Wahrheit hatte.

Nicht nur an dieser Stelle fehlt Kestel die Distanz zu Loests Werk. Es sind Romane, die Loest schrieb, und keine geschichtlichen Abhandlungen. Natürlich ließ der Autor seine Beobachtungen und Erfahrungen in sein literarisches Werk einfließen, aber er fiktionalisierte und literarisierte diese.

Auch das dritte Hauptkapitel, das nicht nur durch seine Kürze, sondern auch durch den inhaltlichen roten Faden am besten zu lesen ist, kommt über eine Aufzählung von Motiven, die sich mit Zeit, Zeiterleben und Vergänglichkeit auseinandersetzen, nicht hinaus.

Im vierten Hauptkapitel, in dem es um die „Soziale Realität im real existierenden Sozialismus“ geht, hält sich Kestel nicht zurück mit einem Urteil über die wahren ungerechten Verhältnisse in der DDR. Dass die vorgegebene Parteilinie und Propaganda über den Arbeiter- und Bauernstaat nicht viel mit der Lebensrealität in der DDR zu tun hatte, lässt sich nicht bestreiten. Doch anhand von Loests Werk und Rudolf Bahros politischer Schrift Die Alternative am Ende des Kapitels ein abschließendes Urteil über die Zustände in der gesamten DDR abzugeben, ist dann doch etwas gewagt. Auch hier wird abschließend geurteilt – und das ohne Not in Hinblick auf Loests Werk.

Das fünfte Kapitel fasst dann noch drei weitere Motivkomplexe zusammen, die Kestel in Loests Werk ausgemacht hat. Warum das Thema Haft als „autobiografisches Großthema“ bei Loest seinen Platz im dreihundertseitigen Epilog und nicht in einem sechsten Hauptkapitel findet, bleibt rätselhaft.

In seinem ausnahmsweise kurz gehaltenen Resümee macht Kestel acht Kernaussagen zu Loests Œuvre. Exemplarisch steht dafür der achte Punkt des Gesamtfazits:

Wie in der vorliegenden Untersuchung, ausgehend von dem ‚Achsentext‘ “Der elfte Mann“, mit der gebotenen Detailgenauigkeit aufgezeigt wurde, handelt es sich bei den großen Romanen und Erzählungen Erich Loests – jedenfalls den in der ‚nachbautzener‘ Ära entstanden – um motivisch-thematisch hochkomplexe, bis in die kleinsten Einzelheiten mit höchster Bewusstheit durchkomponierte sprachkünstlerische Gestaltgefüge, und deshalb ist dem Leipziger Romancier Clemens Meyer aus vollem Herzen zuzustimmen, wenn er in einem in der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 19. September 2013 erschienen Essay in dem ihn charakteristischen burschikosen Ton erklärt, er könne das ‚nervige‘ „Gerede“ vom „Volksdichter“ Loest, der dem ‚kleinen Mann‘ eine literarische „Stimme“ gegeben habe, nicht mehr hören, denn sein einige Tage zuvor freiwillig aus dem Leben geschiedener „Kollege L“, den er liebevoll-bewundernd „olle große Erich“ und „olle starke Erich“ nennt, sei ungeachtet seiner inneren Nähe zu den ‚kleinen Leuten‘ in Wahrheit „viel mehr als ein sogenannter Volksschriftsteller gewesen.

Für Kestel scheint es am Ende essentiell zu sein, dass Loest über die Rolle eines Volksdichters hinausgeht – nicht nur wegen der inhaltlich-thematischen Komplexität, sondern auch aufgrund der herausragenden „ästhetisch-kompositorischen Qualität“ seines Werks.

Am Ende ist man von Kestels Abhandlung (und das nicht nur aufgrund des enormen Gewichts) erschlagen – und ratlos. Loests Werk sollte unbedingt wissenschaftlich erforscht werden. Leider ist diese monumentale Abhandlung, die den Anschein erwecken soll, Loest und sein Werk durchdrungen zu haben, dem nicht gerecht geworden. Allein die Quellenlage ist zu dünn für eine Abhandlung in diesem Umfang. Fraglich bleibt, ob Kestel im Erich-Loest-Archiv in Leipzig war. Loest vermachte seinen Vorlass schon zu Lebzeiten der Medienstiftung der Sparkasse Leipzig. Dort liegen Manuskripte, Briefe, Akten und Notizen, die sicher noch neue Perspektiven auf Loest und sein Werk werfen würden.

Leider entspricht diese Abhandlung nicht aktuellen wissenschaftlichen Standards, sodass zu bedenken ist, wen diese zwei Bände erreichen sollen. Ob der/die interessierte Loest-Leser:in sich durch die 1275 Seiten kämpft, ist fraglich. Auch warum der Wallstein Verlag die Abhandlung so drucken und veröffentlichen ließ, bleibt unklar. Teilweise sind so viele Wiederholungen und langatmige Aufzählungen in den zwei Bänden zu finden, dass man sich eine:n mutigere:n Lektor:in gewünscht hätte.

Auch der Titel der Abhandlung, Lebensthema DDR, ist zu diskutieren. Loest, der vier verschiedene politische Systeme und deren jeweilige Systembrüche erlebte, geht weit darüber hinaus, nur über die DDR zu schreiben. Damit stellt sich Kestel, dessen Wunsch es ist, dass Loests Werk angemessen gewürdigt wird, selbst ein Bein. Wer DDR-Literatur einzig danach bewertet, wie kritisch diese in dem jeweiligen Werk dargestellt wird, und dies als literarischen Maßstab setzt, spricht dieser Literatur in großem Umfang pauschal ihren literarischen Wert ab.

Die Debatte darüber, wie wir fast 40 Jahre nach dem Mauerfall mit der DDR zukünftig umgehen wollen, steht noch am Anfang. Kürzlich erschien vom Germanisten Carsten Gansel das Buch Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand: Hier macht er sich über genau diese Frage Gedanken und zeigt auf, was nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Wissenschaft verpasst, wenn wir verkrampft an der DDR und dem Zwang, ein moralisches Urteil darüber im Gesamten zu fällen, festhalten.

Die Aufarbeitung der SED-Diktatur ist eine wichtige Aufgabe und bleibt das auch in Zukunft . Doch den Staat DDR und alles, was darin 40 Jahre geschehen ist, in Täter und Opfer einzuteilen, ist zu kurz gegriffen und bringt uns gesellschaftlich und erinnerungskulturell nicht weiter. Die Widersprüche und Ambivalenzen auszuhalten, die jeder Systembruch mit sich bringt – das ist die Herausforderung. Warum also Loests Werk nicht mal aus dieser Perspektive lesen und im besten Fall wissenschaftlich erforschen?

Titelbild

Hans-Hermann Kestel: Erich Loest. Lebensthema DDR.
2 Bände.
Wallstein Verlag, Göttingen 2026.
1275 Seiten, 42,00 EUR.
ISBN-13: 9783835361010

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