Im Sog der Sexualität

Zu Tilmann Lahmes Thomas Mann-Biografie

Von Günther RütherRSS-Newsfeed neuer Artikel von Günther Rüther

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

 „Am Ende gilt doch nur, was wir getan und gelebt haben, und nicht was wir ersehnt haben.“
Arthur Schnitzler (1862-1931)

Im Thomas Mann-Jahr, seinem 150. Geburtstag, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Im Gegenteil, es werden weitere Fragen aufgeworfen, wie die nach seiner Sexualität. Tilmann Lahmes jüngst vorgelegte Thomas Mann Studie gibt dazu Anlass. Sie navigiert zwischen den homosexuellen Neigungen des „Zauberers“, wie ihn seine Kinder nannten, und der Homosexualität. Auf dieses Phänomen wurde bereits in vielen Schriften hingewiesen. Doch nun liegt ein umfängliches Buch vor, das sich damit ausführlich beschäftigt. Nennen wie wir es „biographia sexualis“.

Homosexualität ist ein schillernder facettenreicher Begriff, der ebenso gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Männern und Frauen umfassen kann, wie erotisches Begehren – Wünsche und Träume – mit einem gleichgeschlechtlichen Partner. Während sie bis tief ins zwanzigste Jahrhundert hinein als eine krankhafte, sexuelle Anormalität galt, so hat sie heute diesen Fluch verloren. Sie ist gesellschaftsfähig geworden und wird seit 1994 in Deutschland nicht mehr strafrechtlich verfolgt. Nachrichtensendungen berichten über „Christopher Street Days“. Streaming-Dienste, allen voran Netflix, scheuen sich nicht, mehr homosexuelle Szenen in ihren Filmen zu zeigen. Insofern liegt das Buch im Trend der Zeit. Homosexualität hat den Fluch vergangener Zeiten verloren.

Zu Zeiten Thomas Manns war das noch anders. Mit einem bürgerlichen Leben war sie nicht vereinbar. Sie galt als soziales Tabu. Als junger Mann bezeichnete er sich mit Blick auf seine Sexualität als „wacklig“. Als homosexuell bezeichnete er sich nie. Für ihn waren seine Liebe zum Bürgertum und seine Liebe zum Leben untrennbar miteinander verbunden, wie er schon in seiner frühen Novelle Tonio Kröger bekannte. Als er Katia Pringsheim im Frühjahr 1904 kennenlernte, versuchte er so schnell wie möglich „Nägel mit Köpfen“ zu machen. Die Hochzeit ließ nicht lange auf sich warten, sie fand ein Jahr später statt. Er wurde stolzer Vater von sechs Kindern.

Die sexuelle Neigung eines Menschen sollte uns heute eigentlich nicht mehr näher beschäftigen. So geht es mir auch mit Thomas Mann. Mich beschäftigt bis heute sein Werk. Jedenfalls weite Teile davon: die Buddenbrooks, der Zauberberg, die Joseph-Tetralogie und sein Alterswerk Felix Krull. Sein Deutschlandroman Doktor Faustus zählt nicht zu meinen Favoriten. Das darin aufscheinende Deutschlandbild empfinde ich als zu konstruiert, auch wenn ich verstehe, dass es von der Schreckensherrschaft der Nazi-Zeit geprägt wurde. Einige seiner Erzählungen und Novellen haben heute an Bedeutung verloren, sie scheinen aus der Zeit gefallen zu sein. Für andere wie Der Tod in Venedig oder Mario und der Zauberer gilt dies nicht. Ich bewundere seine politischen Essays, deren literarisch-philosophisch grundierte ins Politische gleitende Herleitungen, auch wenn sie mich nicht immer überzeugen. Mich fasziniert bis heute seine Sprachkraft und detailverliebte Darstellungskunst, die er vor allem in seinen Romanen und Erzählungen entfaltet.

Mich erschüttert seine unverhohlene Zustimmung zum Ersten Weltkrieg und das militärische Vorgehen des wilhelminischen Kaiserreiches, das er mit wortmächtigen Beispielen ausschmückt. Mich entsetzt seine Arroganz und seine Selbstgefälligkeit, sein Blick auf seinen Bruder Heinrich, auf Familienangehörige, auf Freunde und andere Menschen seiner Umgebung, den er in seinen Briefen und Tagebüchern freigibt. Dies gilt u. a. auch für seine Schulkameraden, insbesondere für Otto Grautoff, mit dem er postalisch Intimitäten austauscht.

Natürlich spürt der Leser bei der Lektüre seiner Werke, seine homosexuellen Neigungen und Gedankenwelten. Manche werden darüber erstaunt sein, wie offen er damit in seinem Werk umgeht, aber zugleich wie im Tod in Venedig offenlässt, ob ihn diese Leidenschaft in den Bann zieht, oder ob er vor ihr warnen will. Dies gilt nicht für seine Briefe und Tagebücher. Sie wurden später nach und nach, die Tagebücher allerdings erst 20 Jahre nach seinem Tod der Öffentlichkeit zugänglich. Zwei Briefe an Otto Grautoff aus dem Jahr 1906 erst mit dieser Biografie. Nicht zu vergessen, Thomas Mann lebte in einer Zeit, wo Homosexualität noch als Kainsmal des Lebens galt, dem man sich ausgeliefert sah, das man in den Griff bekommen musste, um einer sozialen Ächtung zu entgehen. Doch für eine ästhetische Würdigung seines Werkes, seine poetische und literaturgeschichtliche Einordnung und Bedeutung spielen seine sexuelle Veranlagung m. E. eine untergeordnete Rolle.

Tilmann Lahme sieht das völlig anders. Er hält dieses Thema für so bedeutsam, dass er Thomas Manns homosexuellen Neigungen ein ganzes Buch widmet. Nun, insoweit ist ihm zuzustimmen, dass Thomas Manns homosexuellen Anspielungen in vielen Biografien keine große Aufmerksamkeit geschenkt wird. Verschwiegen wurden sie aber in den jüngsten bedeutsamen Lebensdarstellungen von Herrmann Kurzke, Klaus Harpprecht, Hanjo Kesting oder Dieter Borchmeyer, um nur einige zu nennen, auch nicht. Verdienstvoll ist es sicherlich, dass Lahme auf Versäumnisse aufmerksam macht. Dem detailverliebten Biografen Peter de Mendelssohn, dem die Thomas Mann Forschung viel zu verdanken hat, wirft er vor, der Öffentlichkeit Erkenntnisse wider besseren Wissens vorenthalten zu haben, indem er homosexuelle Einlassungen in Briefen und Tagebüchern zugunsten eines „unbeschädigten“ Thomas Mann Bildes einfach ausgeblendet, verschwiegen hat. Von einer derartigen Unterlassung spricht er auch einzelne Herausgeber der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe“ von Thomas Manns Werken nicht frei. Das sollte ein Herausgeber nicht tun. Allerdings wiegen diese Unterlassungen nicht so schwer, dass sie das Thomas Mann Bild grundlegend verändern.

Die Problematik der „biographia sexualis“ von Lahme zieht sich durch die gesamte Lebensdarstellung hindurch. Sie schwingt bis in die letzten beiden Sätze hinein. Dort heißt es: „Sein Leben, seine Literatur und seine Tagebücher erzählen die fesselnd-traurige Geschichte eines Mannes, der nicht lieben darf. Wer hätte gedacht, wie weit all dies in unsere Gegenwart hineinragt.“ Genau hier beginnt das Problem. Woher wissen wir, dass Thomas Mann nicht lieben durfte und es nicht konnte. Liebte er nicht seine Frau Katia? Liebte er nicht seine Kinder, allen voran seine Töchter Erika und Elisabeth? Liebte er nicht seine Enkel? Wollte Thomas Mann ein anderes Leben führen, wenn es die gesellschaftlichen Verhältnisse zugelassen hätten? Liebte er andere Männer und hatte er sexuelle Beziehungen zu ihnen? Wie ernst war es ihm damit? Oder spielten sich diese Neigungen vor allem in seiner Gedankenwelt ab? Seinem besten Freund Otto Grautoff gegenüber bekennt er homoerotische Neigungen. Aber einer gleichgeschlechtlichen Liebe ging er aus dem Weg, obwohl er sich mit ihm ohne Schwierigkeiten hätte treffen können, etwa in Berlin, wo die Homosexualität damals blühte. Nichts deutet daraufhin, dass er seine Neigungen auslebte. Tilmann Lahme hebt hervor, dass Thomas Mann nichts von der Beziehung zwischen Männern hielt; sie erschienen ihm „falsch und ekelhaft“.

Niemand weiß, wie weit Thomas Manns homoerotische Veranlagung wirklich ging. Zweifellos, in seinem Werk spielt sie eine Rolle. Sie sollte nicht ausgeblendet werden. Die Auseinandersetzung mit ihr hilft, manchen Text besser zu verstehen und einzuordnen. Aber es wäre fatal, sie in den Mittelpunkt der Textanalyse seines Werkes zu stellen. Die Sexualstudien von Richard Krafft-Ebing und vermutlich von Albert Moll, über die Lahme seitenlang berichtet, auf die er immer wieder zurückkommt, hat Thomas Mann wie Tausende Zeitgenossen zur Jahrhundertwende gelesen. Darin ging es um Sexualität ganz allgemein, besonders aber um Homosexualität. Aber haben diese Bücher soweit sein Werk und Leben bestimmt, wie es angedeutet wird und die Omnipräsens dieser beiden Autoren nahelegt? Muss der Thomas Mann-Leser sie studiert haben, um sein Werk zu verstehen? Wohl kaum.

Im Sog der Sexualität von Thomas Mann bewegt Lahme sich manches Mal auf dünnem Eis. Etwa wenn er im Zauberberg die Ausführungen von Dr. Edhin Krokowski, dem Assistenten von Hofrat Dr. Behrens, auf dem Berghof zur nicht bürgerlichen Liebe unmittelbar auf Thomas Mann bezieht und schreibt: „Es ist offensichtlich, dass in erster Linie ,Fälle´ wie der von Thomas Mann gemeint sind, sein Kämpfen mit der Homosexualität. Stünde er jetzt auf und gäbe frei heraus die Antwort auf Krokowskis Frage, in welcher Gestalt seine unterdrückte Liebe erscheint, so wäre es diese: in sehnsüchtigen Blicken und Gedanken, in meinem Tagebuch, in Gestalt meiner Literatur, kurz: in Glanz und Qual meines Lebens.“

Offensichtlich? Einmal unabhängig davon, dass hier unmittelbar eine Figur im Roman auf den Autor zurückgeführt wird, was stets problematisch erscheint, bei Thomas Mann insbesondere, wissen wir nicht, wie er auf die Ausführungen zur unterdrückten Liebe von Krokowski reagiert hätte, zumal er im Roman dessen Vortrag nicht besuchte. Vielleicht hätte er gesagt, wie glücklich bin ich, dass ich meine homoerotischen Neigungen zu beherrschen gelernt habe, ihnen nicht erlag, sondern ein erfülltes, zufriedenes, erfolgreiches bürgerliches Leben an der Seite meiner klugen Frau führen durfte.

Bleiben wir beim Zauberberg und erinnern uns an die Szene, wo im Rahmen einer Party ein „Mal-Spiel“ durchgeführt wird. Da Hans Castorp seinen Zeichenstift vergessen hat, bittet er die von ihm angebetene Clawdia Chauchat, ihm damit auszuhelfen. Für Lahme ist dies ein Zeichen des Verdrängens, der Bleistift ein phallisches Symbol. Bei der Begegnung des „Zauberers“ mit Susan Sontag 1949 ist es eine angebrannte erloschene Zigarette. Die Biografie ist reich an derartigen Schlussfolgerungen. Sie sollen verdrängtes Lebensglück beschreiben, weil Thomas Mann und Susan Sontag ihre Homosexualität nicht auslebten. Aber handelt es sich um ein verdrängtes Lebensglück?

„Kontrafaktische Gedankenspiele geraten leicht in den Sumpf des Spekulativen“, schreibt Lahme. Und dennoch nimmt er sie häufig unmittelbar oder versteckt vor. Hier ein Beispiel zu seinem Freund Paul Ehrenberg, „dem tapferen Maler“, der seine homoerotische Zuneigung nicht erwiderte: „Was wäre gewesen, hätte sich Thomas Mann im Jahr 1900 nicht in den blonden, blauäugigen und Frauen liebenden Paul Ehrenberg verliebt, sondern in einen Paul, der seine Liebe bemerkt und erwidert?“

Sieht man einmal von derartigen Passagen und gewagten Andeutungen und Schlussfolgerungen ab, derer es im Buch viele gibt, gelingt es Lahme, dem Leser nahezu mühelos das Werk Thomas Manns nahezubringen. Er beschäftigt sich mit dessen bedeutenden Romanen ebenso wie mit seinen Erzählungen und Novellen, deren Inhalt er ausführt. Zur Substanz der Werke dringt er allerdings selten vor. Ihre humane Kraft, die facettenreiche Schilderung verschiedener, eindrucksvoller Charaktere, ihre Verstrickungen in und Bindungen an die Tragödie seiner Zeit, Aufstieg und Niedergang, das ewige Schicksal des Menschen zwischen Geburt, Liebe, Krankheit und Tod, die Bestimmung des Künstlers, sein aufopferungsvolles Ringen um Erfolg, das Spiel mit Vergangenheit und Gegenwart etc. finden keine vertiefende Betrachtung. Einige Werke werden geradezu stiefmütterlich behandelt. Besonders auffällig ist dies bei der Joseph-Tetralogie. Stattdessen wird ausführlich das Schicksal von Otto Grautoff im Exil geschildert. Thomas Manns umfangreiche Essayistik findet nur am Rande Beachtung, im Gegensatz zu seinen Tagebüchern und Briefen. Der Fokus richtet sich hier wie dort vor allem auf den Sog der Sexualität. Dennoch eröffnet seine Biografie einen frischen Blick auf Leben und Werk. Zeitgeschichtliche Hintergründe bleiben allerdings weitgehend außen vor. Lahme schreibt nicht wie Thomas Mann, was sich bei eingehender Beschäftigung mit dessen Werk einstellen kann, zumal er mit Die Manns bereits einen Bestseller vorgelegt hat, aber wie dieser ist er ein ausgezeichneter Erzähler. Sein Stil lädt ein. Positiv hervorzuheben bleibt ferner, dass er sich auch der schwierigen Beziehung zu seinem Bruder Heinrich zuwendet. Im Buch befinden sich zahlreiche Fotografien, dabei handelt es sich zum Teil um „kleine Schätze“, die nur selten, wenn überhaupt, bisher veröffentlicht wurden. Jedem der sieben Kapitel wird ein doppelseitiges Bild vorangestellt. Der Verlag hat keine Mühen und Kosten gescheut. Zitate werden im Buch belegt; sie im Anhang aufzufinden, ist jedoch recht mühevoll. Schade, dass für ein ausführliches Verzeichnis zur Sekundärliteratur kein Platz war, das vorhandene konzentriert sich vor allem auf die Primärliteratur. Ein Personenverzeichnis erleichtert es, einzelne Passagen nachzuschlagen. Die häufigste Nennung findet der Jugendfreund Otto Grautoff. Die vielfältigen Bildnachweise verweisen auf eine gründliche internationale Recherche. Im Anhang befindet sich ein bisher unveröffentlichter Text von Susan Sontag „Bei Thomas Mann“, der 1949 nach einem Besuch in seinem Haus in Los Angelos entstand. Susan Sontag war damals noch Studentin. Kai Sina hat über diesen ungewöhnlichen Besuch ein Buch geschrieben. Er entdeckte diesen Text und gab ihn Lahme. Ferner finden sich im Anhang zwei Briefe von Thomas Mann an Otto Grautoff; auch sie sind bisher unveröffentlicht.

Tilmann Lahme hat eine herausfordernde Biografie zu Thomas Mann vorgelegt. Er erweist sich als intimer Kenner des Werkes. Sein forscher fokussierter Blick auf die Sexualität des „Zauberers“ reicht allerdings als Erklärungsansatz für sein Leben und Werk nicht hin. Thomas Mann hat über seine homoerotischen Neigungen Auskunft gegeben und diese literarisiert. Manchmal geschieht dies recht freimütig. Doch Vieles bleibt im Ungefähren. Oft wissen wir nicht, was Fiktion, was der Leidenschaft zu formulieren geschuldet ist und was der Wirklichkeit entspricht. Wie ernst gemeint seine Anspielungen und Andeutungen sind, entzieht sich unserer Kenntnis. In seinem Gesamtwerk stellt die Sexualität nicht mehr als eine interessante Facette dar. Wir sind auf Spekulationen angewiesen. Tilmann Lahme wagt sie. Mehr als das. Auf die Intimsphäre nimmt er keine Rücksicht. Er stilisiert die Sexualität zu einem „Teufel des Alltags“, der sein Leben und Werk prägte, ja man darf wohl sagen, ihn aus seiner Sicht unglücklich machte. Lahme verengt dadurch die Vielfältigkeit und Tiefe der weitgespannten profunden Prosa des „Zauberers“ und sein bürgerliches exklusives Leben im Kreise einer großen Familie, die ihm Halt gab.

Titelbild

Tilmann Lahme: Thomas Mann. Ein Leben.
dtv Verlag, München 2025.
592 Seiten , 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783423284455

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