Unser eigenes Paradies

In Alexandra Lüthens Entwicklungsroman „Ela“ kämpfen zwei Menschen mit Downsyndrom für sich und einander

Von Elena HochRSS-Newsfeed neuer Artikel von Elena Hoch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Fathi steigt wie jeden Morgen in den Bus der Behindertenwerkstatt ein und plötzlich macht es: „BÄÄÄMMM!“ Ela tritt in sein Leben. Ela, die wie er das Downsyndrom hat, nach Sonne riecht und in die er sich Hals über Kopf verliebt. Beide sind sie auf dem Weg zur Arbeit – Ela malt Illustrationen für eine Zeitung, Fathi arbeitet in einer Autowerkstatt – und genießen von nun an jede Sekunde, die sie gemeinsam im Bus verbringen, der sie morgens zu Hause abholt und später dort wieder absetzt. Sie wollen am liebsten für immer beieinander sein, sich küssen, berühren und einem spontanen Impuls folgend sogar heiraten. Doch dann erfahren Elas Eltern von ihrer Liebe und das junge Glück endet abrupt. Als ihr gesetzlicher Vormund verbieten sie ihrer Tochter nicht nur die Beziehung zu Fathi, sondern wollen sie auch aus der Werkstatt nehmen. Fathi und Ela sehen nur einen Weg für eine Zukunft zu zweit: die Flucht ans türkische Meer 2198 km entfernt.

Fathi, aus dessen Perspektive die Geschichte in Ich-Form erzählt wird, agiert stets leidenschaftlich und impulsiv, im Grunde kindlich. Er überlegt nicht lange, bevor er handelt, sondern tut und sagt das, was er in dem Moment für richtig und wichtig hält. Aufgrund seines Verhaltens – und seiner geistigen Behinderungen– trauen ihm die meisten Menschen nur wenig zu. Fathi bekommt jedoch viel mehr von dem mit, was um ihn herum passiert, als sein Umfeld glaubt. Er weiß zum Beispiel ganz genau, wenn seine Kollegen in der Werkstatt sich über ihn lustig machen („Fathi ist verknallt! Der Knallkopf ist verknallt!“) oder dass es unverschämt ist, wenn sein Chef ihn bei Kund:innen mit den Worten „Das ist der Fathi. Unser Behinderter“ vorstellt, weil er sich für seine angebliche Wohltätigkeit brüsten will.   

Durch die irritierten, teils regelrecht unverschämten Reaktionen der Außenwelt („Die sind doch Behinderte. Die können doch nicht alleine fliegen!“) wird deutlich, wie viel Unverständnis in Bezug auf Menschen mit geistiger Behinderung noch immer herrscht. Zugegeben, isoliert wirken Fathis Handlungen und Aussagen tatsächlich häufig seltsam, geradezu willkürlich. Kontextualisiert durch seine Gedanken werden sie jedoch plötzlich verständlich. Dass er laut „Küssen!“, schreit, weil er „da so Lust drauf hat“, oder Ela die Rosen, die er ihr mitgebracht hat, nicht in die Hand gibt, sondern sie ihr entgegenwirft, weil das Einsteigen in den Bus mit den Blumen so schwierig ist und es doch nur wichtig ist, dass sie sie überhaupt bekommt.

Falsche Einschätzungen ihrer Fähigkeiten erleben die beiden Protagonist:innen von Lüthens Roman aber nicht nur durch Fremde, entfernte Bekannte oder Kolleg:innen. Selbst ihre engste Familie unterschätzt sie. Während Fathi von seinen Eltern immerhin zu großen Teilen darin unterstützt wird, erwachsen und selbstständig zu werden, sehen sowohl Elas Mutter als auch ihr Vater in ihr noch immer ein Kind. Der Gedanke, ihre Tochter könnten sich verlieben, erscheint den „Drachen“ – wie Fathi sie aufgrund ihrer ablehnenden Haltung ihm gegenüber nennt – abwegig. Dafür sei Ela noch viel zu jung. Ebenso wie für ein Gespräch unter Erwachsenen. Lieber sollen sie und Fathi draußen im Garten spielen gehen, während ihre Eltern, die ihre gesetzlichen Betreuer:innen sind, für sie Entscheidungen treffen. Dabei sind beide volljährig. Ihre gemeinsame Liebe und die Überzeugung, nicht mehr ohne einander sein zu wollen, gibt schließlich jedoch vor allem Ela die Kraft, erstmals für sich einzustehen und die Unabhängigkeit einzufordern, die ihr bislang nicht zugetraut wird.  

So ungewöhnlich wie die Protagonist:innen der Geschichte, so ungewöhnlich ist die Aufmachung des Buches. Mit seinen Maßen von 24 x 17 cm und einem Gewicht von 644 g bei 192 Seiten erinnert es mehr an einen Bildband als an einen Roman. Die ganzseitigen und zudem überaus liebevoll gestalteten Bebilderungen der US-amerikanischen Illustratorin Mary Delaney verstärken diesen Eindruck. In ihren Illustrationen lässt sie Gegenwart, Vergangenheit, Traum und Realität zu einem Bild zusammenfließen, ergänzt durch zentrale Zitate von Lüthens Text.

Dieser ist in ‚Einfacher Sprache‘ geschrieben, um barrierefreies Lesen zu ermöglichen. Schwierige Fremdwörter und mehrere Zeilen lange, verschachtelte Sätze gibt es in dem Buch keine. Stattdessen bestehen die Sätze durchschnittlich aus fünf bis sechs Wörtern, zusammengesetzte Wörter wie ‚Autowerkstatt‘ werden durch einen Mittelpunkt visuell getrennt („Auto·werkstatt“), ebenso wie Absätze. Als Schriftart wurde die schnörkelfreie Serifenschrift Cabrito gewählt, die in lesefreundlichem linksbündigem Flattersatz in (schätzungsweise) 14 pt. gesetzt ist. Auf diese Weise soll, laut Verlag, ein „inklusiver Raum geschaffen werden, in dem sich Menschen mit geringerem, aber auch mit großem Leseverständnis gleichermaßen zu Hause fühlen können.“ Das gelingt teilweise. Zwar fällt die Lektüre durch die kurzen, sprachlich einfachen Sätze leicht und macht den Roman in Kombination mit der großen Schrift zu einem regelrechten Pageturner, ein richtiger Lesefluss möchte sich aber nicht einstellen. Die vielen Punkte und damit verbundenen häufigen Gedankenpausen beim Lesen bringen die Geschichte immer wieder ins Stocken.

Die Handlung selbst schwankt zwischen Zeitdehnung und Raserei. Während bis zum ersten Treffen von Fathi und Ela außerhalb des Werkstattbusses fast die Hälfte des Romans vergeht und für die Beschreibung ihrer ersten gemeinsamen sexuellen Erfahrungen zwei ganze Kapitel aufgewandt werden, überschlagen sich zum Ende hin die Ereignisse. Der Höhe- und Wendepunkt erscheint auf diese Weise beinahe absurd. Hier wären mehr und/oder größere Zeitsprünge sinnvoll gewesen.

In Alexandra Lüthens Texten soll es, nach Aussagen der Autorin, „um das Leben gehen, das sich hinter reinen Biografiedaten verbirgt, um Begegnungen, die Wandel schaffen, und Beziehungen, die Entwicklung möglich machen.“ Dieses Vorhaben spiegelt sich auch in Ela und den Entwicklungen wider, die durch die ersten Begegnung der beiden Protagonist:innen in Gang gesetzt werden. Der Roman ist zudem ein weiteres Zeugnis des Einsatzes der Autorin für Barrierefreiheit durch inklusive Sprache. Bereits 2019 brachte Lüthen einen Essayband mit dem Titel Allen eine Chance – Warum wir Leichte Sprache brauchen heraus, dessen Appell sie mit ihrem Roman nun in literarische Praxis umsetzt. Dies birgt einige Stolpersteine, die Lüthen nicht vollends zu umgehen schafft, dennoch leistet sie mit ihrem Buch einen wertvollen Beitrag im Bemühen um mehr Akzeptanz, Verständnis und letztlich Menschlichkeit in Bezug auf Menschen mit Behinderung:

„Es heißt nicht: Das sind Behinderte. Es hießt: Das sind Menschen mit Behinderung!“ Die Schalterfrau murmelte: „Das ist doch kein Unterschied. Behinderter! Mensch mit Behinderung!“ „Oh doch!“, sagte Elas Mutter. „Das ist ein Riesenunterschied. Bei dem einen ist man nämlich ein Mensch. Und bei dem anderen eine Behinderung.“

Titelbild

Alexandra Lüthen: Ela.
Kunstanstifter Verlag, Mannheim 2022.
160 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783948743192

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