Bergauf beschleunigen

Jörg Magenau hat in „Die Kunst der Zustimmung” Autorfahrten mit Martin Walser gesammelt

Von Michael BraunRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Braun

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Martin Walser war ein abenteuerlicher Autofahrer. Der Literaturkritiker Jörg Magenau kann davon ein Lied singen. Als er den Autor 2003 in Nußdorf besuchte und ihm eine Schwimmrunde im Bodensee verweigerte, musste er halt in Walsers Mercedes steigen. Magenau berichtet, wie Walser bei unübersichtlicher Lage zum Überholen ansetzte, unvermittelt beschleunigte, auch bergauf. Mit Uwe Johnson, dem Freund-Feind-Kollegen, hatte er einmal, auf der Fahrt zu einer Herbsttagung der Gruppe 47, einen sachschadenschweren Auffahrunfall. Johnson wollte sich im Mai 1981 womöglich revanchieren, als er sich beim Mittagessen in Frankfurt Walsers neue und ihm offenbar zu protzige Armbanduhr reichen ließ und diese dann aus dem Fenster warf.

Die anekdotische Evidenz von Walsers Autoliebe, für die im Romanwerk der ewig unzufriedene Chauffeur Xaver Zürn steht, ist ein ganz passabler Auftakt von Jörg Magenaus zweitem Walser-Buch. 2005 hat er bereits eine über sechshundertseitige Biografie vorgelegt, die nahe an Walsers Leben und Werken schreibt, zu parteilich, wie manche meinten; von einer „Literaturbetriebsbiografie mit ständiger Rücksicht auf die aktuelle Zimmertemperatur im Hause Suhrkamp“ sprach Christoph Bartmann in der Süddeutschen Zeitung vom 19.3.2005. Noch näher am Autor dran sind die Beiträge und Gespräche, die Magenau nun in einem Band mit Essays und Gesprächen gesammelt hat.

Magenau verfolgt das Schreiben und das Wirken Martin Walsers von seinen unerschrockenen Anfängen als Doktorand an der Universität Tübingen über die Werkstationen und die diversen Debatten, die des Autors Engagement für eine deutsche „Denkgemeinschaft“, die Erinnerungskulturkritik in seiner Friedenspreisrede 1998, das mit Antisemitismusvorwürfen überschüttete Buch Tod eines Kritikers (2002) und die dekanonisierende Kritik an den späten Romanen Walsers betrafen. Dabei geht es, das gesteht Magenau ein, nicht um kritische Einordnung und Bewertung des Autors, sondern um die Dokumentation eines – auch eigenen – Lernens im Lesen. Natürlich kann man diesem Lernprozess eine abstandslose Einstellung vorhalten. Aber es ist nicht zu überschlagen, wie neugierig, einnehmend, zustimmend diese enthüllende Nahsicht ist. Magenau sagt, wie Walser, Ja zu den Verhältnissen, die dessen Schreiben oft verneint haben. Aber er entgeht dabei der Gefahr, das Leben mit dem Werk zu verwechseln, wie es der Autor tat, der dem Kritiker bei einem anderen Hausbesuch einen Keshan-Teppich mit den Worten präsentierte, den habe Gottlieb Zürn gekauft. „Doch wie kommt der Teppich der Romanfigur ins Wohnzimmer des Autors?“

Da geht es zum Beispiel um die Anfänge mit Kafka (Walsers Promotionsthema) und um Walsers frühe Lügengeschichten, die der Welt ihre Möglichkeiten vormachen. Magenau geht nicht mit den Lebenslügen der männlichen Walserfiguren ins Gericht, sondern präsentiert diese typischen Figuren aus der Wirtschaftswunderwelt der frühen Bundesrepublik Deutschland, die Vertreter, Pförtner, Spieler, Makler, Spekulanten, Anlageberater, im Licht der erzählerischen Strategien, mit denen sie der Autor entlastet: mit dem Verbergen, dem Träumen, dem Zustimmen und dem Verstummen. Gerade im stummen Leiden der Figuren werde Walsers „Kunst der Zustimmung“ deutlich.

Ein solcher Figurenleporello, der ins Herz von Walsers Schreiben führt, ragt aus dem Ensemble der Beiträge in Magenaus Buch hinaus. Es ist ja oft so, dass Kritiker aus langer Beschäftigung mit Autoren Galerien ihrer eigenen Buchkritiken  zusammenstellen. Dagegen ist wenig zu sagen. Nur fehlt dem gesammelten Rezensionen bisweilen ein roter Faden.

Auffällig ist, wie stark Magenau Walser als religiös musikalischen Autor liest; dem „Glaubensroman“ Muttersohn (2011) wird der „Glaubensessay“ Über Rechtfertigung (2012) an die Seite gestellt; die aus den Tagebüchern stammende Geschichte Mädchenleben 2019 wird als Heiligenlegende gedeutet. Legendär schildert Magenau vor allem Walsers Auftritte vor Publikum: Inszenierungen eines radikalen, bergauf beschleunigenden Autor-Ichs, das mit der Macht der Sprache spielt. Ein aufschlussreiches Buch, geschrieben mit, um wie Magenau mit Walser zu sprechen, viel „Liebesmüh“ (Tagebücher, 2.7.1973).

Titelbild

Jörg Magenau: Die Kunst der Zustimmung. Fast alles über Martin Walser.
Edition Isele, Eggingen 2025.
253 Seiten, 25,90 EUR.
ISBN-13: 9783861426738

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