Das deutsche Menschheitsverbrechen an den Juden und Jüdinnen

Die unter dem Titel „Es wartet doch so viel auf mich…“ erschienenen Tagebücher der in Auschwitz ermordeten Jüdin Ruth Maier sollten Pflichtlektüre nicht nur, aber gerade aller Deutschen sein

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sechs Millionen Juden und Jüdinnen wurden in der Shoa vom Vernichtungsantisemitismus des nationalsozialistischen Terrorregimes bestialisch ermordet. Das sind sechs Millionen zerstörte Pläne, Hoffnungen, Lieben und Träume. Sichtbar werden sie durch diese schier überwältigende Zahl jedoch nicht. Um auch nur einigermaßen verstehen zu können, was das sechsmillionenfache Morden bedeutet, wäre es notwendig, jedes einzelne dieser sechs Millionen Leben kennenzulernen. Das ist natürlich unmöglich. Möglich ist nur, Einblicke in einige wenige dieser vernichteten Leben zu gewinnen. Etwa durch autobiographische Dokumente, die über die Zeit des nationalsozialistischen Terror- und Vernichtungsregimes hinweggerettet werden konnten. Die Tagebücher Anne Franks sind ein solches Dokument. Ebenso diejenigen der weniger bekannten österreichischen Jüdin Ruth Maier. Dabei haben ihre Aufzeichnungen nicht weniger Aufmerksamkeit verdient als die Anne Franks.

Ruth Maiers Tagebücher führen das normale Leben von Juden und Jüdinnen vor dem nationalsozialistischen Terror wie auch ihr unermessliches Leid während der Shoa vor Augen. Denn die 1920 in Wien geborene Verfasserin begann ihre Tagebucheintragungen bereits 1932 als zwölfjähriges Mädchen und führte sie bis ins Jahr 1942, wenige Wochen bevor sie aus ihrem norwegischen Exil nach Auschwitz verschleppt und dort sogleich auf unbekannte Weise zu Tode gebracht wurde, fort.

Wie aus den zunächst kindlichen und später reflektierenden und politischeren Tagebüchern hervorgeht, wuchs Ruth Maier wohlbehütet in einem gebildeten, aber patriarchalen Elternhaus auf. Zu ihrem Vater hatte das Mädchen eine enge, vielleicht gar innig zu nennende Beziehung. Zwar war sie gerade einmal dreizehn Jahre alt, als er einer schweren Erkrankung erlag, doch hat sie ihm stets eine liebevolle Erinnerung bewahrt. „Papa hat ein so schönes Leben gehabt“, erinnert sich die 17-Jährige im Mai 1937, er „ist in vielen fremden Ländern herumgefahren, und Mama hat zuhause gewartet“. Kritisch ist das allerdings nicht gemeint.

Dreizehn-, vierzehn-, fünfzehnjährig hängt die Tagebuchschreiberin wie wohl viele junge Mädchen ihres Alters Zukunftsträumen und -wünschen nach. So notiert die Vierzehnjährige im ersten Eintrag des ältesten erhaltenen Tagebuchs, dass sie gerne Dichterin oder Schauspielerin werden möchte, aber keinesfalls einen Beruf ergreifen will, „bei dem man nichts Großes werden kann“. Und fügt sogleich selbstkritisch an: „Ich glaub’, ich bin größenwahnsinnig“.

Ruth Maier erweist sich schon früh als kritische Leserin: „Ich spüre manchmal“, schreibt sie im Januar 1936, „wenn ich ein Gedicht oder einen Schundroman lese, wie ein guter Gedanke, etwas, was aus dem Menschen heraus will, aber so schlecht ausgedrückt ist“.

Kritisch ist Ruth Maier nicht nur ihren Lektüren gegenüber, sondern ebenso sehr in Hinblick auf ihre eigenen Niederschriften. So reflektiert sie immer wieder einmal über das Tagebuchschreiben. Überhaupt hält sie nicht nur ihr alltägliches Leben fest, sondern lässt diverse Reflexionen und Überlegungen einfließen.

So dachte Ruth Maier 1937 über Geschlechterfragen nach: „Warum gibt es keine männlichen Backfische? Ich glaube weil die Buben doch den Mädchen nicht so gefallen wollen wie die Mädchen den Buben“. Im Sommer 1939, sie ist nun 18 Jahre alt, seufzt sie: „Wenn man nur ein Mann wär’!“. Sie wünscht sich nun zwar ein Kind, zeigt sich jedoch skeptisch gegenüber dem „Geheule“ nach der „großen Liebe“, das „ein Mangel an Selbstbewusstsein, an Selbständigkeit“ sei. „Pfui, wie grauenhaft“ führt sie ihre „Liebestheorie“ im gleichen Brief an ihre jüngere Schwester weiter aus, „diese schmachtvollen Frauenzimmer, die innen halb sind und glauben, daß ER sie von ihrer angeborenen Blödheit und Wesensschwäche erlösen wird“. Nein, man müsse auch als Frau „an sich selbst arbeiten […] und selbst Klarheit bekommen und sich durchkämpfen“.

Auch denkt sie oft an den eigenen Tod, das eigene Sterben. So bekennt sie, wiederum 1937, selbstkritisch, sie hätte „nicht den Mut für eine schöne Sache zu sterben. […] Es ist schrecklich, dass ich nicht sterben will.“ Wenige Monate später, scheint ihr hingegen das „Beste“ zu sein, „Selbstmord [zu begehen]“. Doch relativiert sie sogleich, das seien „vorübergehende Gedanken“. Dennoch „denk[t]“ sie „oft: Jetzt bin ich 17. Soll ich nicht sterben, bevor ich noch angepatzt vom ekligen Leben, solange ich noch ein bisschen an alles Schöne glaube.“

1938, nach der Eingliederung Österreichs ins Deutsche Reich, werden Ruth Maiers Tagebucheinträge politischer und der Ton ein anderer – was nicht nur daran liegt, dass sie älter und reifer wird, sondern auch, vielleicht sogar in erster Linie, an den geänderten politischen Verhältnissen.

„Als Hitler Österreich im März annektierte“, schreibt sie im September des Jahres, „jubelten [sämtliche Österreicher] und taumelten vor Begeisterung. Fahnen wurden gehisst, man fiel sich gegenseitig vor Freude in die Arme und küsste sich“. Für die jüdische Bevölkerung Österreichs war dies allerdings alles andere als ein Grund zur Freude und zum Jubeln. Denn der eh schon längst virulente Antisemitismus schwoll in dem Alpenland in allerkürzester Zeit noch weit stärker an und „die Juden wurden von ihrer bis dahin wenn auch nicht gleichberechtigten, so doch menschenmöglichen Stellung zu Unmenschen, Schweinen etc. degradiert“. Ruth Maier wird von ebenso dunklen wie berechtigten Vorahnungen geplagt: „Vielleicht bilde ich mir das ein, dass wir vor einem großen Wendepunkt in der Geschichte stehen. Vor einem blutigen grausigen Schauspiel, ja, auf jeden Fall.“

Nun, da der antisemitisch aufgepeitschte nationalsozialistische Mob beginnt, die Schaufenster oder Synagogen zu zerstören, jüdische Frauen wie Männer auf offener Straße zu demütigen und zu verprügeln, mahnt sie sich im Oktober 1938, also wenige Wochen vor den Novemberpogromen: „Ruth, merk Dir das!“ und fügt an: „Ich werde zur bewussten Jüdin, ich spüre das.“ Zugleich klagt sie: „Erst war meine Gemeinschaft die Menschheit, nun auf einmal soll mir das Judentum die Menschheit ersetzen.“ Zugleich könnte sie „weinen um die Juden, um meine kindlichen Träume von der Menschheit und von ihrer Erlösung. Ich glaube nicht mehr daran. Nein, wirklich, ich habe meinen Glauben verloren.“ Am 8. November, dem ersten Tag der Pogrome, schreibt sie ebenso verzweifelt wie stark (und sich dieser Stärke gewiss): „Und wenn wir alle den gelben Fleck tragen müssen: Sittlich, im Inneren, unsere Welt, die wir mit uns tragen, die können sie uns nicht nehmen. Und darum lassen sie ihre Wut an Fensterscheiben aus, schlagen sie ein und schreien: ‚Juda verrecke!’“ Weitere vier Tage darauf hört sie einen Juden im Nachbarhaus Geige spielen „süß, nur manchmal falsch … Trotz alledem also, trotz Pogromen, Prügel etc. wird der Jude nebenan Geige spielen, werd’ ich mir mit Herzklopfen Bilder von Michelangelo anschauen“. Es sind Momente wie diese, die ein wenig fühlbar machen, was die Nazis sechs Millionen Mal ermordet und vernichtet haben.

Um den Jahreswechsel 1938/39 flieht Ruth Maier mit einem zunächst auf drei Monate befristeten Visum ins norwegische Exil, während ihre nächsten Verwandten nach England gehen. Dort, in Norwegen, kommt sie in Lillestrøm bei dem Ehepaar Strøm und deren achtjähriger Tochter unter, mit denen sie sich zunächst gut versteht. Das ändert sich aber schon bald, nachdem der wesentlich ältere Familienvater versucht, sie zu küssen. Überdies erweist er sich als penetranter Mansplainer, der glaubt, es gebe nichts, das er nicht wisse.

Nicht zuletzt leidet sie unter der finanziellen Abhängigkeit von den Strøms und darunter, nicht arbeiten zu können. So überlegt sie einige Zeit hin und her, ob es besser wäre, nach England weiterzureisen, obwohl dort schon die Bomben der Deutschen auf die Menschen niedergehen, sie aber bei ihrer Familie wäre, oder ob sie doch lieber in Norwegen bleiben soll. Später bemüht sie sich um ein Visum nach England sowie um ein Affidavit für die USA. Auf dem amerikanischen Konsulat wird ihr im April 1941 gesagt, eine Einreise werde ihr allenfalls nach Ende des Krieges bewilligt.

Egal wohin, sie will jedenfalls weg von den Strøms und angesichts der zunehmenden Gefahr auch weg aus Norwegen. Dort Zuflucht gesucht zu haben, notiert sie Anfang 1939, „war die größte Idiotie des … Jahrhunderts“. Denn auch in der Schule, die sie seit Anfang 1940 besuchen, fühlt sie sich als „eine Art Paria“. Außerdem macht sie in Norwegen auch schon vor der Besetzung durch die Deutschen antisemitische Erfahrungen. Und zwar sowohl in der Schule wie auch auf der Straße, wo sie zudem grob sexuell belästigt wird.

Ihr Lebensgefühl wird sich allerdings zumindest zeitweise wieder etwas bessern, nachdem sie nicht mehr bei der Familie Strøm lebt, und vor allen Dingen, nachdem sie in Gunvor Hofmo eine enge Freundin gefunden hat, die ihr zu dem „lichte[n] Punkt“ wird, dem sie „entgegenlebe[t]“.

Endlich fand Ruth Maier verschiedene Anstellungen. Aus einer ihrer Arbeitsstellen wurden sie und ihre Freundin Gunvor Holmo davon gejagt – weil sie Jüdin war und Holmo sie gegen antisemitische Angriffe verteidigte. Später stand Maier dann regelmäßig Modell, unter anderem für den Maler Aasmund Esval und den wohl bekanntesten norwegischen Bildhauer Gustav Vigeland.

An Heiligabend 1941, der von den Deutschen losgebrochene Krieg tobt nun schon seit über zwei Jahren, stellt sie im norwegischen Exil längere Überlegungen über die Deutschen, über Gewalt und Unrecht an. Ihr Eintrag endet mit den Worten: „Das höchste Ziel ist doch: nicht leiden zu machen. Ja! Eher mit den Leidenden zu leiden, als andere leiden machen.“

Von Frühjahr 1942 an werden Ruth Maiers Tagebucheinträge zwar seltener, doch hat sie auch ihr letztes Heft bis auf die allerletzte Seite vollgeschrieben. Sollte sie noch ein weiteres begonnen haben, hat sie es wohl mit nach Auschwitz genommen. Jedenfalls ist kein weiteres überliefert.

Am 25. Oktober 1942 verschleppten die deutschen Besatzer alle in Norwegen auffindbaren jüdischen Männer nach Auschwitz.

Sie verhaften Juden. Alle männlichen Juden von 16 bis 72. Jüdische Geschäfte sind geschlossen. Das wundert mich nicht. Mir wird schlecht. […] Man straft nicht, man schlägt keine Menschen, weil sie sind, was sie sind. Weil sie jüdische Großeltern haben. Das ist etwas Geistesschwaches, etwas Idiotisches. Es ist zum Verrücktwerden. Das ist wider die Vernunft. […] Uns quält man, weil wir Juden sind. Ich möchte die Grenze sprengen, die Juden zu Juden macht. Ich möchte Juden sehen, ohne Wunden. Ganz. Sie sollen nicht mehr weinen. Sie sollen aufrecht gehen.“

Bald darauf, am 26. November, wurden alle Jüdinnen, deren die Deutschen in Oslo habhaft werden konnten, ebenfalls nach Auschwitz verschleppt. Unter ihnen auch Ruth Maier. Zunächst wurden sie auf das Schiff Donau verbracht. Ob ihre Freundin Gunvor Holmo zugegen war, als sie an Bord ging, ist ungewiss. Holmos eigenen Erinnerungen zufolge schon, andere Zeitzeugen berichten anderes.

Ruth Maier schrieb ihren letzten Tagebucheintrag im November 1942, ohne genaue Datumsangabe, aber vor dem 12. des Monats. Sie hat dazu die französische Sprache gewählt, denn sie wollte nun „üben, auf Französisch zu schreiben“. In diesem Eintrag erwähnt sie, dass sie am Abend in eine Theateraufführung von Ibsens Die Wildente gehen wird. Ihm folgen am 12. November noch vier jeweils wenige Zeilen umfassende literarische Prosatexte, die sie „aus einem Einfall dichterischer ‚Inspiration’“ verfasst hat und deren letzter den Titel „An Mama“ trägt. Mit ihnen enden die Tagebücher.

Bücher wie der vorliegende Tagebuchband sind darum so überaus wichtig, weil sie zeigen, dass mit jedem der sechs Millionen ermordeten jüdischen Menschen ein Leben voller Hoffnungen, Ängsten und Liebe und natürlich auch voller Alltagssorgen und -freuden ausgelöscht wurde. Sie machen es den Lesenden weit leichter, sich zumindest ein wenig in das Leben der Ermordeten während und, nicht weniger wichtig, noch vor dem Naziterror einzufühlen; weit mehr jedenfalls, als dies noch dem besten Sach- oder Fachbuch zur Shoa je möglich sein wird.

Titelbild

Ruth Maier: »Es wartet doch so viel auf mich«. Tagebücher und Briefe | Wien 1933–Oslo 1942.
Mandelbaum Verlag, Wien 2025.
432 Seiten , 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783991360827

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