Himmel oder Hölle

Dorota Masłowska erzählt nicht von dem, was der deutsche Titel ihres Romans verspricht: „Im Paradies“

Von Karl-Josef MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Karl-Josef Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Magiczna rana, übersetzt Magische Wunde, lautet der Originaltitel des Romans von Dorota Masłowska. Es bleibt wohl das Geheimnis des Verlages, diese Wunde in ein Paradies zu verwandelnDamit soll keinerlei Kritik an der herausragenden Übersetzung von Olaf Kühl geübt werden, das Buch liest sich, als sei es in deutscher Sprache verfasst worden.

„Im Paradies lautet die Überschrift eines Romankapitels; nach der Lektüre klingen diese Worte wie blanker Hohn. Eine junge Frau ertrinkt beim Baden in einem See und wird dabei von einem Zwölfjährigen beobachtet, der von seinen Eltern nach einem heftigen Ehekrach zum Angeln abkommandiert worden war.

Keine Frage, dass Dorota Masłowskas Figuren sich allesamt eher in der Hölle denn im Garten Eden aufhalten. Manche denken oder hoffen, ihr Leben, oder vielleicht ihr zukünftiges Leben, halte so etwas wie Glück oder zumindest Zufriedenheit bereit; lesend allerdings muss man erfahren, dass jegliche Hoffnung auf so etwas wie eine auch nur einigermaßen erträgliche Existenz für die Katz ist, um es mit den Worten Robert Walsers zu sagen.

Wir alle betrügen uns. Das richtige, das eigentliche Leben erweist sich als Täuschung, und weil es, nämlich das Leben, eine solche ist, erkennen wir sie nicht. Was bleibt, ist hemmungsloser Sex bis zum Exzess, oder Drogen in jeglicher Form. Oder die Bespaßung der Massen bis zur Besinnungslosigkeit.

„Handschrift in einer Fantaflasche gefunden“, so der Titel des zweiten Romankapitels, in dem uns das Wesen der magischen Wunde erklärt wird von einer jungen Frau, die zunächst als Rezeptionistin in einem mehr als heruntergekommenen Hotel arbeitet:

Als wir das erste Mal eincheckten, schien noch alles unter Kontrolle, beim zweiten Mal aber fiel mir auf, dass die übernette, aber irgendwie panisch lächelnde Rezeptionistin ein Muster von frischen, noch nässenden Schnitten auf ihren Unterarmen in den Ärmeln verbergen wollte.

Doch in kurzer Zeit entwickeln sich die Wunden prächtig:

Ihre Unterarme sahen aus, als hätte jemand sie zu lebendem Tatar verarbeiten wollen, keine leichte Aufgabe, dennoch war sie fast gelungen.

„Sie und Ihr Kollege. Großartig, was für eine Liebe sogar zwischen entfernten Bekannten herrschen kann.“ Sie fing meinen Blick auf ihre Arme auf und nahm einen Schluck aus dem Fläschchen billigsten Wodkas mit Erdbeerjogurt- und Nussgranolgeschmack, das neben dem Drucker stand. „Das?“, schob sie lächelnd nach und zeigte auf das ausgedehnte Palimpsest tiefer, chaotischer Schnitte, „bitte ekeln Sie sich nicht, das ist eine magische Wunde. Sie wächst niemals zu, sie verheilt nicht. Das in ihr gebannte Leid erneuert sich in einem fort, es weckt und bringt nicht enden wollende Vorteile. Egal, worum Sie sie bitten, es geht in Erfüllung. Einigen Personen ist es schon geglückt, ein Herr hier hat vor ein paar Tagen sogar den Eurojackpot gewonnen!“

Damit ist das Herz der Finsternis erreicht, auch wenn die magische Wunde zu funktionieren scheint wie die Wunschpunkte des Sams aus dem Kinderbuch von Paul Maar.

Dorota Masłowskas Roman, dessen einzelne Kapitel man auch problemlos als abgeschlossene Geschichten lesen kann, lässt einen sprachlos zurück; jeden Versuch, der Autorin zu unterstellen, sie beschreibe wie sonst kaum jemand „die Gegenwart“, wie der Klappentext es verspricht, müssen wir aus Selbstschutz abwehren. So, wie wir gleichfalls das unerträgliche Schicksal der lungensüchtigen Kunstreiterin uns nicht zu eigen machen dürfen, sondern uns besser auf die Seite des jungen Galeriebesuchers schlagen sollten, der dem makabren Spiel Einhalt gebietet und uns darüber aufklärt, dass es so aber nicht ist, wie Franz Kafka es uns zunächst glauben machen möchte. Mit seinem jungen Galeriebesucher möchten, ja müssen wir laut "Halt!" rufen.

Es ist erstaunlich schwer, sich dem Sog dieses Erzählens zu entziehen. Beim Lesen gerät man innerlich außer Atem, so unglaublich erscheint, was den Figuren dieses Erzählkosmos widerfährt. Kein Buch für Feingeister, eher eine Zumutung der ganz besonderen Art. 

Titelbild

Dorota Masłowska: Im Paradies. Roman.
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl.
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2026.
160 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783737102353

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