Melvilles „Moby-Dick“ in der definitiven Übersetzungsfassung von Friedhelm Rathjen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Herbst des Jahres 2001, also vor nunmehr einem Vierteljahrhundert, tobte in den deutschen Feuilletons das, was der Spiegel kalauernd zum „Wal-Kampf“ stilisierte. Gestritten wurde um zwei deutsche Fassungen des Romans Moby-Dick von Herman Melville – der ganz rare Fall einer Beschäftigung mit Übersetzungsfragen, die zum Hauptthema des Literaturbetriebs avancierte, zumindest für eine Saison. Der Hanser-Verlag hatte eine von Friedhelm Rathjen erstellte Neuübersetzung des Moby-Dick zwar schon 1994 eingekauft, mochte diese am Ende aber nur in einer so stark bearbeiteten Fassung veröffentlichen, dass der ursprüngliche Übersetzer dafür seinen Namen nicht hergeben konnte. Auf Vorschlag des Übersetzers erschien die Hanser-Ausgabe schließlich unter dem alleinigen Namen des Bearbeiters, Rathjen verzichtete auf alle Ansprüche an dieser von ihm nicht gebilligten Textfassung und erhielt im Gegenzug die Rechte an seiner Ur-Übersetzung zurück, von der die Literaturzeitschrift Schreibheft gleichzeitig mit dem Erscheinen der Hanser-Ausgabe größere Teile abdruckte.

Eine mit Billigung des Übersetzers lektorierte Ausgabe der kompletten Rathjen-Fassung erschien 2004 im Verlag Zweitausendeins und wurde (wie zuvor schon die Proben im Schreibheft) kontrovers diskutiert; Befürworter bewerteten die Übersetzung als größtmögliche Näherung an den Text des Originals und mithin als ein sprachliches Abenteuer, das der abenteuerlichen Handlung des Buches beinahe den Rang abläuft. Dem Einwand, ein solches Sprachmonster sei kaum lesbar, hat Christian Brückner mit seiner vielgerühmten Komplettlesung der Rathjen-Fassung jeden Wind aus den prallen Segeln genommen. Brückner beschreibt die von Rathjen entwickelte Sprache als „kantig, rauh und knorrig“.

Nach Ende des Vertragsverhältnisses mit Zweitausendeins brachte 2016 der Verlag Jung und Jung die Rathjen-Übersetzung neu heraus; diese Ausgabe ist seit Anfang 2025 vergriffen. Mit der nunmehr vorgelegten Neuausgabe in der Edition ReJoyce wird Friedhelm Rathjens Übersetzung wieder zugänglich gemacht; jetzt erstmals in der definitiven Fassung. Dafür wurde der Text noch einmal durchgesehen und im Detail durch die Korrektur etlicher Übertragungsfehler nachgebessert – insbesondere von Lese-, Tipp- und Auslassungsfehlern, die dem Übersetzer Ende 1993 beim Abtippen der ursprünglich handschriftlich angefertigten Übersetzung unterlaufen sind und zum Teil durch sämtliche Publikationsschritte hindurch unbemerkt blieben. 

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Titelbild

Herman Melville: Moby-Dick; oder: Der Wal. Definitive Textfassung.
Deutsch von Friedhelm Rathjen.
Edition ReJOYCE, Südwesthörn 2026.
396 Seiten, 44,00 EUR.
ISBN-13: 9783947261970

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