Literatur und Literatun

In „schwarz drosseln“ versammelt Frank Milautzcki staubaufwirbelnde Poesie

Von Konstantin AmesRSS-Newsfeed neuer Artikel von Konstantin Ames

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gibt Gedichte, die keines Kommentars bedürfen. Meist handelt es sich dabei um die fraglos schlichten, aufgereihten Notizen. Nie hat der vielgeschmähte Reim etwas damit zu tun, sondern mangelnde Musikalität bei gleichzeitigem unbedingtem Willen zur Glanztat. Was dann nicht hat Lied werden können, wird Lyrik, Gegenwartslyrik. Meist verbinden sich dabei abgedroschene Flattersatzkaskaden mit prätentiösen Lebensläufen, die klassischerweise Auslandsaufenthalte und möglichst alle Nominierungen für Literaturpreise aufreihen. Ganz anders liest sich der Lebenslauf des gebürtigen Franken Frank Milautzcki. Zwar hat er studiert (Sozialarbeit), arbeitet aber seit drei Jahrzehnten in der chemischen Industrie. Mit freier Schriftstellerei heutiger Prägung hat das nichts zu tun, was da über die Jahre entstanden ist. Viele Texte konnten gewissermaßen nur nebenher entstehen, was den Autor missvergnügt stimmt.

Ungefähr seit 2009 ist Milautzcki in verschiedenen Rollen auf der literarischen Bühne präsent, nicht nur als harscher Polemiker, sondern auch als äußerst kollegialer und selbstausbeuterischer Redakteur der – nicht zuletzt durch sein Zutun – renommierten Onlinezeitschrift fixpoetry. Dieser Hintergrund ist wichtig, um den Aplomb eines Gutteils dieser stark poetologisch grundierten Gedichte nachvollziehen zu können, die auch stichelnde Anspielungen sein wollen, wie sie eher für den Battle-Rap typisch sind, so beispielsweise in einem provokant mit Wissgespiel betitelten Gedicht:

Weiszgestein ist die Lust am Verlust/ Schwarz ist jede Religion […] & was sich faltet/ Ich weiß wies geht, ich geh als Wisser/ durch, ich lege auf (B-Scheide!/ Side One? — Scho immer) inklusive Piazzola./ Zerschnittener Text liegt herum, zerfledderte/ Comics überschneiden sich, bunte Katastrophen, üppiges Chaos.

Wichtig sei ihm, bekannte Milautzcki einmal, „eine ausbalancierte Kopfparty“. Damals war das noch ein Versprechen. Diese affektiv gegen die Experimentalpoesie Ulf Stolterfohts gerichtete Punk-Attitüde findet sich in schwarz drosseln ebenso wie das genaue Gegenteil davon, die formstrenge Verspieltheit und kalauernde Hermetik. Zitat ist für Milautzcki vor allem Tat, und zwar eine quasi heilige, zumindest eine von denkmagischer Qualität: „Auf natürliche Weise kann man alle Dinge in sich verneinen und als/ bedeutungslos denken. Der Rest des Hauses steht dann da, der sowieso/ dasteht, es ist ein ganzer Katalog von Sprachen. Und nichts soll einge-/ sperrt sein.“, heißt es in einem Vorspruch zum titelgebenden Gedicht. Von Karl Marx über Paul Valéry bis Woody Allen werden denn auch munter die Motti aus ihren Kontexten freigelassen. Das wird indes nicht bedeutungsheischend, sondern pflegt eine Tugend, die selten geworden ist in Zeiten der Twitteratur, nämlich das Weiterdenken von Gedankensplittern. Ein ‚Literatun‘, das zeigen will, dass es keine Reste gibt, Sprachreste schon gleich gar nicht.

Milautzcki misstraut zutiefst der glatt polierten Oberfläche, was er gnadenlos anhand einer Googleübersetzung des Gedichts Le grillon der schwarzromantischen Ikone Marceline Desbordes-Valmore demonstriert: „Wenn jemals der Fee/ der Schuh Azur/ im Sturm erstickt/ In meiner Wand/ mehr Demut hängt und weniger/ seine Cinderella/ Oh! Es macht mich/ happy oder Cricket!“ – Natürlich kann man dieser Allusion den Vorwurf machen, eine Predigt an bereits Bekehrte zu sein. Dieser Vorwurf ist alt. Als Troubadour wäre Milautzcki weder Vertreter des trobar leu (des liedlichen Dichtens) noch des trobar clus, einer komplexen Schreibweise, dem von ihren Verächtern oft der Vorwurf des Obskurantismus und der moralischen Distanziertheit gemacht wurde und wird. Es ist ein ewiger Streit zwischen Turmbewohnern und Dienstleistern.

schwarz drosseln ist auch ein Dokument des Ringens um eine dogmenfreie politische Expressivität und eine beirrbare ästhetische Neugierde. Schon der entfaltbare Schutzumschlag des Gedichtbands wirkt wie eine musikalische Wandzeitung. Das Multitalent Milautzcki belebt damit das Erbe der Satiriker Günter Bruno Fuchs und Hans Arnfrid Astel auf ganz eigensinnige Art. Man liest: „Es kommt darauf an“, denkt in Verbindung mit einem Marxzitat im Buch (zum Fetischcharakter der Ware) an die berüchtigte elfte Feuerbach-These; man entblättert dann den Umschlag und liest (neben einigen Outtakes) die sehr persönliche Losung des Buchs in Versalien: „Jetzt also weiß ich davon./ Und es kommt darauf an./ Ob man Abschiede kann und seinen eigenen Notfall.“

Naheliegend ist für den Collagisten, der Milautzcki auch ist, auf die Serendipität einzugehen, den Umgang mit vorfindlichem Material aller Art. Der Reflexion auf dieses künstlerische Ethos hat er einen beherzten Essay gewidmet. Ein ins Auge stechendes Beispiel für diese Lebensform ist die rotzige Beschriftung eines Diagramms aus der Kampfschrift Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache des Logikers Rudolf Carnap, die die Philosophendichtung von Martin Heidegger verballhornt. Milautzcki operationalisiert Carnaps Schautafel und verwandelt sie durch die Beschriftung in einen Fund, dessen Überschrift lautet: Gedicht über den Regen und das Nichts, was sich als gewitzte Nachschrift zum auf der gegenüberliegenden Buchseite befindlichen funny sun zu verstehen gibt: „Oh Kopf, der du fungsonnierst./ Oh golden gemauertes Haupt. […] Tropfst. Außem raus du fongsunnierst,/ als chipdealer, faithhealer, songfühler/ so nach, so innenrinn das Außentropf.“

Einige klischierte Fügungen gibt es: Sehr ärgerlich ins Auge stechen die laxe Parodie einer stolterfohtesken Metaphernliste („Bevor ich’s wegkipp“) und ein fades Figurengedicht („Kreuz dich mir an“). Diese Mängel sind aber verzeihlich und rasch vergessen. Einen Anteil daran haben auch die spröden Möbelschrott-Fotografien und Trashmontagen von Milautzckis Verleger Michael Wegener. Sie unterstreichen den kontemplativen Zug und existenziellen Harnisch dieses ideenspeienden Buchs, das als kurzweilige und formvariable Revue (von monolithischen Blöcken über Spruchlyrik bis zur fäkalen Klamotte) hymnisch den krassen Niveauunterschied feiert. Frank Milautzckis schwarz drosseln, der achte Gedichtband des Klingenberger Dichters, ist ein wahrhaft plurales Buch, darauf kommt es (auch) an in rau und autoritär werdenden Zeiten.

Titelbild

Frank Milautzcki: schwarz drosseln. gedichte und cut-ups.
Gutleut Verlag, Frankfurt am Main 2017.
116 Seiten, 21,00 EUR.
ISBN-13: 9783936826593

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