Edle Wilde im ewigen Eis?
Daniel Alexander Nagelstutz will in „Die neue Eiszeit“ den Grönland-Diskurs im deutschsprachigen Raum einer imagologischen Analyse unterziehen
Von Miriam Seidler
Mit Donald Trumps Ankündigung, Grönland zu einem Bundesstaat der USA machen zu wollen, hat die Insel in den letzten Monaten verstärkt mediale Aufmerksamkeit erhalten: Lange Zeit war Grönland lediglich als Touristendestination und Militärbasis von Bedeutung. Im Zuge des Klimawandels richtet sich das Augenmerk vor allem auf das 80 Prozent der Insel bedeckende Eisschild, auf das viele mit Sorge blicken. Das schmelzende Eis führt nicht nur zu einem Anstieg des Meeresspiegels. Je mehr Fläche vom Eis befreit wird, desto weniger Sonnenlicht wird reflektiert, wodurch sich der Prozess der Erderwärmung beschleunigt. Der Rückgang des Eisschildes macht Grönland aber auch interessant: Nicht nur verkürzen sich die Schifffahrtsrouten, zugleich werden Bodenschätze besser zugänglich.
Weniger bekannt ist hingegen die Geschichte Grönlands. Die Insel wurde bereits um 2500 vor Christus von Alaska und Kanada aus von arktischer Bevölkerung, den sogenannten Inuit, besiedelt. Erst Ende des 8. Jahrhunderts brachen die ersten skandinavischen Siedler von Norwegen aus zur eisfreien Westküste Grönlands auf. Vermutlich während der kleinen Eiszeit im 17. Jahrhundert starben diese europäischen Siedler aus. Dennoch erhoben sowohl Dänemark als auch Norwegen Ansprüche auf die Herrschaft über die Insel. Der Streit wurde 1933 durch ein Urteil des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag beigelegt, das Grönland Dänemark zusprach. Die Bewohner:innen der Insel wurden im Rahmen des Gerichtsverfahrens nicht befragt. Mit der Besetzung Dänemarks durch die Deutschen im April 1940 ging die Insel nicht in deutsche Herrschaft über, sondern konnte unter dem Schutz der USA als dänisches Territorium ihre Selbstständigkeit bewahren. Die Inselbewohner mussten allerdings der Errichtung einer amerikanischen Militärbasis zustimmen. Nach Kriegsende wurde den Unabhängigkeitsbestrebungen der Insulaner insofern Rechnung getragen, als sie 1953 den Status einer Kolonie ablegen konnten und zum dänischen Amt erklärt wurden. Damit hatten die Insulaner Anrecht auf zwei Sitze im dänischen Parlament. Im Jahr 1979 erhielt Grönland mit der Gründung eines eigenen Parlaments die innere Autonomie, die sich in den 2000er Jahren mit weiteren Rechten – unter anderem dem Selbstbestimmungsrecht über die Bodenschätze – ausweitete.
Es war weniger der Kampf um politische Selbstbestimmung, sondern vor allem die von dem großen Eisschild dominierte Landschaft und die Bevölkerung, die sich an diese unwirtlichen Bedingungen angepasst hat, die die kurz vor dem Polarkreis gelegene Insel auch für die populärwissenschaftliche Darstellung von Expeditionen und die literarische Darstellung interessant machte. So verwundert es nicht, dass Bücher über Grönland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hohe Auflagen erreichten. In seiner Dissertationsschrift Die neue Eiszeit. Eine imagologische Analyse des Grönland-Diskurses im deutschsprachigen Raum (1933–2021) analysiert Daniel Alexander Nagelstutz ausgehend von der Expeditionsliteratur zur Zeit des Nationalsozialismus das Bild, das im deutschsprachigen Raum von Grönland transportiert wurde. Neben der Expeditionsliteratur umfasst sein Textkorpus skandinavische Übersetzungsliteratur (1933–1945), deutschsprachige Reiseliteratur sowie Kinder- und Jugendliteratur aus den Jahren 1947–1971. Viele der Texte wurden bislang keinerlei wissenschaftlicher Analyse unterzogen. Ziel der Arbeit ist es unter anderem, die
Entwicklungslinien der deutschen Grönlandforschung im Kontext der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik in ihren Grundzügen zu erörtern, die mediale Rezeption der Grönlandexpedition aufzuarbeiten und die Strategien der staatlich gelenkten Heldenverehrung unterm Hakenkreuz aufzuzeigen.
Methodischer Ansatz
In seinem theoretischen Ansatz folgt Nagelstutz nicht der postkolonialen Diskurstheorie, sondern dem von Lutz Rühling entwickelten erweiterten Konzept der Imagologie. Dieses untersucht nicht nationale Stereotype, sondern stellt die Frage, welche „Imagines von Räumen und ihren Bewohnern“ (Rühling) dazu beitragen, ein bestimmtes Bild von einer Personengruppe zu transportieren und im kollektiven Gedächtnis zu fixieren. Im Fokus der Untersuchung stehen also (literarische) Räume und diesen zugeordnete Personen beziehungsweise Figuren. Im Rahmen der Analyse werden die kartographischen Räume in Bezug gesetzt zu literarischen Schauplätzen und Handlungsräumen, wohingegen im Rahmen der Figurenanalyse vor allem auf Handlungs-, Überzeugungs-, Einstellungs- und Darstellungsstereotype geachtet werden soll, die sich wiederum in stereotypen Vorstellungs- oder Darstellungsimagines manifestieren. Darauf aufbauend arbeitet Nagelstutz methodisch mit der Diskursanalyse.
Nagelstutz wendet sich nach der theoretischen Einführung nicht direkt seinem umfangreichen Textkorpus zu. Als Ausgangspunkt für die Analyse stellt er historische Spezialdiskurse über Grönland und die darin entwickelten Imagines vor. Hier entsteht der Eindruck, dass die imagologische Analyse von Vorannahmen bestimmt ist, welche Spezial- und Interdiskurse zu erwarten sind.
Auch in den Analysekapiteln finden sich immer wieder Einschübe zu theoretischen Konzepten. Dabei ist es teilweise etwas ermüdend, dass zuerst ausführlich in die Theorien eingeführt wird, die dann mit wenigen Textbeispielen belegt werden. So wird zum Beispiel Nietzsches Konzept des Hyperboreers erläutert, um dann darauf zu verweisen, dass keiner der untersuchten Reiseberichte explizit auf Nietzsche Bezug nimmt. Dennoch kommt Nagelstutz zu dem Ergebnis, dass Nietzsches „höherer Typus Mensch“, in den Texten aufgerufen werde. Gerade für eine imagologische Analyse erscheint es sinnvoller, näher am Text zu arbeiten und die jeweilige Theorie aus dem untersuchten Textmaterial abzuleiten.
Rassevorstellungen und Idealisierung des Naturvolkes: Grönlandbild im Nationalsozialismus
Zwischen 1933 und 1945 erschienen in Deutschland eine ganze Reihe Reise- und Expeditionsberichte, unter anderem zu Expeditionen von Knut Rasmussen und Alfred Wegener, sowie erste Filmaufnahmen aus Grönland. Am bekanntesten ist sicher der mit Leni Riefenstahl in der weiblichen Hauptrolle gedrehte Film S.O.S. Eisberg. Der lange Aufenthalt auf Grönland wurde später auch von den Mitgliedern des Filmteams ausführlich beschrieben. Die „Polarhelden“ – ein distanzierendes Anführungszeichen wird von Nagelstutz nicht verwendet – werden ausführlich vorgestellt, bevor dann eine Analyse der zentralen Aspekte der Publikationen folgt.
In den Expeditionsberichten wird immer wieder das Motiv des „edlen Wilden“, gerne auch in den Motivvariationen Naturkind, Naturmensch und „eine Art Übermensch“, aufgerufen. Diese sagen einerseits etwas über das jeweilige Selbstverständnis der Autor:innen aus. Andererseits wird im Zusammenhang mit dem „edlen Wilden“ auch ein von rassischen Überlegungen geprägtes Konzept aufgerufen. In einer darwinistischen Lesart des unwirtlichen Lebensraums wird den Inuit dessen Beherrschung sowie ihre physische Anpassungsfähigkeit als Leistung angerechnet. Als Spielform der nordischen Rasse wird ihnen allerdings die Fähigkeit abgesprochen, sich kulturell weiterzuentwickeln. Dabei sind es vor allem ihre Anpassungsfähigkeit und die daraus gewonnenen Erkenntnisse, die den Polarforschern ihre Expeditionen ermöglichten. Bereits seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert wird in der Reiseliteratur der „Naturzustand der Inuit als natürliche[r] Sozialismus“ dargestellt. Neben der biologischen Idee der Selbsterhaltung ist dieser auch mit der Vorstellung einer moralischen Unverdorbenheit des natürlichen Menschen verbunden.
Diese von Nagelstutz präsentierten Ergebnisse hätten am Ende des Kapitels einer kritischen Reflexion bedurft. Besonders irritierend ist die unkritische Übernahme von Stereotypen und Klischees über die Inuit, die eindeutig durch die nationalsozialistische Rassenideologie beeinflusst sind. Eine Einordnung der Inter- und Spezialdiskurse, die der imagologische Ansatz leisten soll, um zum historischen Verständnis der jeweiligen Quellen beizutragen, fehlt in der umfangreichen Arbeit völlig.
Die Entstehung des Tourismus: Bundesrepublikanische Reiseliteratur der 1950er- und 1960er-Jahre
In der frühen Bundesrepublik entstand ein Wissenschaftstourismus, das heißt, die Fahrten nach Grönland wurden als Recherchereisen durchgeführt, wobei die Autor:innen davon profitierten, dass sich langsam eine touristische Infrastruktur entwickelte. Deren Entwicklung wurde dann wiederum durch ihre Buchpublikationen gefördert.
Als Ergebnis der Analyse von lediglich drei Publikationen kommt Nagelstutz zu dem Ergebnis, dass neben der Beschreibung der rauen Landschaft in den populärwissenschaftlichen Publikationen zunehmend auf den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturwandel in Grönland Bezug genommen wurde. Es wurde nun nicht mehr eine vormoderne Jäger-, sondern eine moderne Lohnarbeitergesellschaft beschrieben. Die Darstellungen griffen damit weniger als vor 1945 auf Klischees zurück und zeigten kein exotisches Volk mehr, sondern Inselbewohner, die ihren Alltag in einer mehr oder weniger herausfordernden Umgebung bewältigten. Etwas befremdlich wirkt am Ende des Kapitels das besondere Interesse der Autor:innen an der Sexualität der Inuit. Noch verstörender ist jedoch, dass Nagelstutz die hier präsentierten, leicht erkennbaren Klischees und Stereotype nicht als solche benennt.
Von Öko-Wilden und darwinistischem Daseinskampf: Grönland in der Kinder- und Jugendliteratur
In einem ausführlichen Kapitel untersucht Nagelstutz die Darstellung Grönlands in der Kinder- und Jugendliteratur in zehn Publikationen aus den Jahren 1947 bis 1971. Die einzelnen Analysen sind so aufgebaut, dass nach einer kurzen biographischen Skizze zur Autor:in eine Inhaltsangabe des jeweiligen Texts folgt. Im Anschluss wird der Text dann einer imagologischen Analyse unterzogen.
Es erschwert die Einordnung der einzelnen Textanalysen ungemein, dass Nagelstutz keine narratologische Beschreibung des jeweiligen Textes liefert. So ist es für eine Bewertung des Textes unverzichtbar, zu wissen, ob eine Geschichte wie Nanuk (1957) von Otto Boris, die das Leben des Eisbären Nanuk erzählt, aus der personalen Erzählhaltung und mithin der Perspektive des Bären oder aus der Sicht eines allwissenden Erzählers erzählt wird.
Bereits die Lebensdaten der Autor:innen zeigen deren starke Verwurzelung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Viele haben auch für Recherchezwecke auf die während des Nationalsozialismus publizierten Reise- und Expeditionsberichte zurückgegriffen. So verwundert es nicht, dass auch in der Kinder- und Jugendliteratur das Stereotyp des „edlen Wilden“ eine zentrale Rolle spielt. Es dient dazu, die Inuit von den Dänen wie von den Europäern insgesamt, die als aufgeklärte und fortschrittliche Gruppe charakterisiert werden, abzugrenzen. In vielen Texten wird die charakterliche Disposition, Intelligenz und weitere Eigenschaften der Bewohner:innen Grönlands auf rassische Anlagen zurückgeführt. Interessanterweise liegt ein Fokus in der Kinder- und Jugendliteratur auf der technisch-industriellen Naturbeherrschung. Dadurch nehmen die Romane Konturen eines ökologischen Risiko-Diskurses an, der darauf zurückzuführen ist, dass den Naturvölkern eine nachhaltige Nutzung der zur Verfügung stehenden Tierbestände zugeschrieben wird.
Fazit
Daniel Alexander Nagelstutz verfolgt den Anspruch, in seiner Dissertationsschrift Die neue Eiszeit. Eine imagologische Analyse des Grönland-Diskurses im deutschsprachigen Raum (1933–2021) einen möglichst umfassenden Überblick über Expeditions- und Reiseberichte sowie Texte der Kinder- und Jugendliteratur in dem genannten Zeitraum zu geben. Damit verfolgt er das Ziel, aufzuzeigen, was die Vorstellungen von Grönland und seiner Bevölkerung in den deutschsprachigen Ländern geprägt hat. Dafür hat er eine enorme Anzahl an Quellen ausfindig gemacht, was eine beeindruckende Leistung darstellt. Leider gelingt es ihm nicht, das Ziel, die Texte einer imagologischen Interpretation zu unterziehen, auch umzusetzen. Statt einer Interpretation der Reiseberichte und literarischen Quellen enthält die Arbeit überwiegend Inhaltsangaben und Nacherzählungen. So reproduziert Nagelstutz Stereotype und Klischees, statt diese aufzudecken und zu hinterfragen, aus welchen Gründen dem deutschsprachigen Lesepublikum im Untersuchungszeitraum kein realistischeres Bild von Grönland geboten wird.
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