Arboreale Poetik

Solvejg Nitzke folgt den Spuren der Bäume

Von Lisa SchmitzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lisa Schmitz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bäume begegnen uns überall. Wir atmen den Sauerstoff, den sie ausstoßen, genießen den Schatten, den sie spenden, pflanzen und fällen sie. Sie dienen uns als Forschungsobjekt und Rohstoff, als Symbol und Strukturmodell unserer Wirklichkeit. In Solvejg Nitzkes Fremde Verwandtschaft: Eine Kulturpoetik der Bäume werden sie zum Zentrum einer originellen Studie, in der wir nicht nur etwas über Bäume, sondern auch von und mit ihnen lernen können. Das gelinge nur, so betont die Autorin wiederholt, wenn wir sie in ihrer Mehrdimensionalität begreifen und uns der vielschichtigen Beziehungen, in denen wir mit ihnen stehen, bewusst machen. Denn sie seien „immer beides: Symbol und Pflanze, Metapher und realer Gegenstand, Objekt naturkundlichen Interesses und kultureller Praktiken“.

Zudem stehen sie „immer auch als Zeichen für ein Naturverhältnis“. Man denke beispielsweise an Weltenbäume oder Bäume der Erkenntnis. Seien es Mythen, Sprichwörter, Baumdiagramme, Stammbäume oder die Buche im Garten unserer Großeltern – Bäume sind auf vielfältige Weise Teil unserer Erfahrung von Welt. Darüber hinaus gewinnt die Kulturpoetik auch hinsichtlich der voranschreitenden Erderwärmung einen hohen Grad an Relevanz. Das komplexe Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt ist durch die Klimakrise im stetigen Wandel – und so auch vertraute Vorstellungen von Stabilität, Zugehörigkeit oder Linearität, welche wir historisch auf Bäume projizieren. 

Dementsprechend diagnostiziert Nitzke Mensch und Baum eine „Beziehungskrise“, die Darstellung und Wahrnehmung von Bäumen, Sorge angesichts des Klimawandels und Zuständigkeit umfasst. Gerade die Vielschichtigkeit dieser Beziehung erschwere produktive Dialoge, denn Zuständigkeiten können nicht eindeutig entlang der wissenschaftlichen Disziplinen entschieden werden. Auf welche Art und Weise ‚am qualifiziertesten‘ über Bäume gesprochen werden könne, lasse sich nicht endgültig klären. Konsequenterweise bedient sich die Autorin nicht nur literarischer oder kulturtheoretischer, sondern auch naturwissenschaftlicher Quellen. Wichtig sei vor allem, dass ein Dialog bestehen bleibe – nicht nur zwischen Disziplinen und Menschen, sondern auch mit Bäumen. Das klingt zunächst esoterisch und bedarf genauerer Klärung, erschließt sich jedoch durch Nitzkes Analyse.

Von der Krise ausgehend nimmt die Autorin zwei Beziehungsmodelle in den Blick. Zum einen untersucht sie Fälle, in denen Bäume als „Stilles Gedächtnis“ fungieren und mithilfe derer der Mensch erinnert, sammelt und verknüpft. Zum anderen beleuchtet sie, welche Bäume „Unheimliche Bewegung[en]“ vollziehen, zu Subjekten werden und so die menschliche Hybris unterwandern.

Als „Archivbäume“ zählen z.B. sehr alte Exemplare, die aufgrund ihrer Größe und Lebensdauer eine besondere Wirkung auf uns haben. Wenn Bäume hingegen zu Holz verarbeitet oder Teile der Pflanze gesammelt werden, entstehen Baumarchive, z.B. Xylotheken oder Herbarien. Als Lebewesen oder Artefakte erzeugen diese arborealen Gedächtnisformen „erzählerische, sammlungspraktische, epistemologische und poetologische Spannungen, die Menschen, Bäume, Zeit und Geschichte(n) in je eigene Konstellation bringen“. Obschon beide Erinnerungsformen wertvolle Informationen speichern, sei eine „Baumerfahrung“ nur mit ‚wirklichen‘ Bäumen möglich. Für Nitzke sind gerade diese Begegnungen wichtig, bei denen der „Raum zwischen Mensch und Baum [nicht] mit Baumwissen verstell[t]“ ist. Nur durch solchen Austausch entstehe eine „lebendige Verbindung“ zur Vergangenheit, die uns bloße Fakten und ‚tote‘ Erinnerungsstücke verwehren.

Eine Öffnung hin zur Vergangenheit bieten auch solche Bäume, deren Verlust von Menschen betrauert wird. Darin sieht Nitzke eine Möglichkeit, über ein reines Ressourcendenken hinauszugehen. Der „Baumtod“ sei dann nicht bloß Anthropomorphisierung, „sondern ein Angebot, Sympathie als Grundlage von Koexistenz (neu) zu denken“ und Verluste durch Trauer spürbar zu machen. Eine potenzielle Art mit ökologischen Verlusten umzugehen – die sich angesichts des besorgniserregenden Baumsterbens häufen – findet Nitzke in Esther Kinskys Hain. Dort werde Trauer als „arboreale Melancholie“ vollzogen, d.h. als Hinterbliebenenschaft, die „zwischen totaler Zerstörung und vollständiger Rettung ein Leben in gestörten Geländen denkbar macht“.

Ein so geprägtes potenzielles Umdenken untersucht die Literaturwissenschaftlerin auch im Kontext familiärer Strukturen. Ihre Lesart zweier gegenwärtiger US-amerikanischer Familien- bzw. Baumromane verbindet zwei paradigmatische Formen arborealen Denkens: die Vorstellung heimatlicher Wurzeln und das Modell des Stammbaums. Anhand von Annie Proulx’ Barkskins leitet Nitzke ein alternatives Verwandtschaftsverhältnis ab, das der Stammbaumlogik kritisch gegenübersteht und so auch deren Grenzen aufzeigt. Anstatt in einer linear überblickbaren Abstammungsfolge stehen Menschen und Bäume vielmehr in einer Beziehung „fremder Verwandtschaft“.

Neben Familien- und Archivbäumen diskutiert die Autorin auch Bäume, die zu Zeugen werden. Laut Nitzke sind auch sie Erinnerungs- und Informationsträger – jedoch nicht nur im passiven Sinne, sondern als schweigende „Akteure […] einer gemeinsamen Geschichte“, die Erinnerungen „aktivieren und erneuern können“. Aufgrund ihrer Langlebigkeit und Ortsgebundenheit materialisieren diese Bäume, was in ihrem Beisein geschehen ist. Natürlich müssen auch diese Spuren vom Menschen übersetzt und in Beziehung gebracht werden. Im Dialog werden die Bäume dann sichtbar als „anwesende Abwesenheit von Vergangenheit (und Zukunft)“, die „Erinnerung (auch) für die erlebbar [macht], die nicht dabei waren“.

Im zweiten Teil der Untersuchung geht es um Bäume, die unheimlich werden, weil sie – noch mehr als die Baumzeugen – agency entwickeln. Dieses „arboreale Unheimliche“ stelle die angenommene Passivität von Pflanzen akut infrage und unterlaufe so bestehende Wissensordnungen. Unter dieser Annahme nimmt die Autorin „spezies-übergreifende Gedankenexperimente“ vor, die „notwendig spekulativ“ bleiben müssen. Genau deshalb ermöglichen sie jedoch eine produktive Wahrnehmungsverschiebung als alternative Begegnung mit Pflanzen.

Als unheimliche „Richtbäume“ analysiert Nitzke u.a sogenannte hanging und lynching trees, die im Rahmen kolonialer Gewalt „zum Komplizen wider Willen“ und Symbol von white supremacy geworden seien. Trotz Baumperspektive beweist die Autorin Sensibilität dafür, das menschliche Leid hier nicht zu trivialisieren. Stattdessen zeigt sie anhand aktueller, historischer, künstlerischer und literarischer Beispiele aus verschiedenen kulturellen Kontexten, wie Selbst- und Fremdtötungen durch das Hängen am Baum mitsamt der Bäume zur hintergründigen Normalität zu werden drohen. Sowohl Menschen als auch Bäume werden hier zum reinen Objekt eines fremden Willens. Dagegen könne eine arboreale Lesart die Gewalt sowie „die Folgen der Naturalisierung von Not und Verbrechen in den Vordergrund […] rücken“. Auch als Galgen trete der Baum somit in seiner Mehrdimensionalität zutage, indem er die Grenzen des Symbolischen sprenge. Auf diese Weise stelle er „eine materielle und emotionale Beziehung her[…], die über das Bezeichnete hinausgeht“.

Als weitere Kategorie unheimlicher Bäume nennt Nitzke „Geisterbäume“. Dazu zählt sie solche, die ihr Aussehen aufgrund des menschlichen Umwelteinflusses drastisch verändern. Vertraute Landschaften verwandeln sich mit der Zeit in fremde. Diese Pflanzen deuten so auch auf eine mögliche Zukunft hin, in der die Erde „in diesem Maßstab auf[hört], ‚Heimat‘ zu sein, und […] ganz dark ecology geworden“ ist.

Nicht nur die Veränderung von Pflanzen ist unheimlich, auch die Verwandlung von Menschen in Bäume. Diesem beliebten literarischen Motiv widmet sich Nitzke aus ökofeministischer Perspektive und untersucht Werke, in denen sich Frauen in Bäume verwandeln. So entwickelt sie u.a. entlang von Han Kangs Die Vegetarierin eine Lesart, die derartige Dendrometamorphosen „jenseits eines Verlusts von Bewegung“ und stattdessen als Verweigerung patriarchaler Gesellschaftsstrukturen und Erwartungen versteht. Auf diese Weise erfahre das mehr-als-menschliche Leben eine Aufwertung, sodass konventionelle Grenzen umgedacht oder verschoben werden können. Laut Nitzke wird dadurch ein anderes In-der-Welt-Sein, ein „vegetabile[s] Selbst“, denkbar.

Eine solche Art des Seins könne auch ohne ein Verschmelzen von Mensch und Pflanze, sondern durch „autodendrobiografischen Schreiben“ realisiert werden. Dieses Modell der Autofiktion entwirft Nitzke anhand von Kim de L’Horizons Blutbuch, einem Roman, der durch den Baum die Option eröffne, „Form zu finden, indem man sie – wie Pflanzen – selbst gibt“. Der Text biete so auch ein radikal offenes Baummodell, in dem die Fäden von Nitzkes Studie zusammenlaufen, da er sich zwar „von der Ordnungsfantasie linearer Organisation“, nicht aber „aus der Welt der Menschen oder Literatur“ verabschiede. In ebenjener gesteigerten Komplexität und Offenheit liege die arboreale Poetik des Textes, die die Grenzen menschlicher Erkenntnis spürbar und neue Beziehungen möglich mache.

Im Ganzen liest sich Nitzkes Untersuchung auch als Warnung: Wenn wir uns nicht auf ein Umdenken einlassen, Bäume nicht länger nur als Ressourcen zu sehen, riskieren wir eine „radikale Verarmung der Beziehungsweisen“ sowie einen Verlust biologischer und kultureller Diversität. Es ist daher konsequent, dass sich die Autorin weitestgehend auf ‚ganze‘ Bäume konzentriert und nur am Rande ‚verarbeitete‘ Bäume (Holz, Papier) diskutiert. Letztere sind dennoch zentrale Gegenstände unserer Kultur, sodass ein intensiveres Hinterfragen dieser Art ‚Beziehung‘ durchaus spannend, aber wohl auch zu weitreichend gewesen wäre.

Insgesamt beweist Solvejg Nitzke ein beeindruckendes Gespür dafür, menschliche Geschichte(n) um arboreale Perspektiven zu erweitern und alternative Weisen der Koexistenz denkbar zu machen. Fremde Verwandtschaft wird so als kulturpoetisches Konzept greifbar, das sowohl Andersartigkeit respektiert als auch Ähnlichkeiten sichtbar macht, aber eben schon immer menschliche und mehr-als-menschliche Lebewesen zusammendenkt.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Solvejg Nitzke: Fremde Verwandtschaft. Eine Kulturpoetik der Bäume.
Wallstein Verlag, Göttingen 2025.
368 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783835358720

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch