Literatur in Wien um 1900

David Österle schreibt über das „Junge Wien“ und den Aufbruch in die Moderne

Von Klaus HammerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Hammer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

1891 verkündete Hermann Bahr, der selbst anfangs zur naturalistischen Bewegung gehört hatte, in seinem Essay Die Überwindung des Naturalismus: „Die Herrschaft des Naturalismus ist vorbei.“ Fast gleichzeitig mit den Dramen von Gerhart Hauptmann, Arno Holz und Johannes Schlaf in Berlin erschienen die ersten Veröffentlichungen von Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler und anderer junger Autoren in Wien, die als Gegenströmung zum Naturalismus ihre eigene Lebensweise, ihr bewusst zur Schau getragenes Künstlerdasein – es ist der Dandy, der Bohemien, der sich zugleich als Rebell und Outcast der Gesellschaft fühlt – entgegensetzten. Dem Fortschrittsoptimismus des Industriezeitalters begegneten sie mit einem entschiedenen Kulturpessimismus. Sie verkörperten den subjektiven Weltschmerz einer Endzeitstimmung („Fin de siècle“), wie der junge Hofmannsthal, oder analysierten, wie Schnitzler, psychologisch die Dekadenz der späten Wiener Aristokratie und Bourgeoisie. Kann man denn Wirklichkeit überhaupt noch erkennen und sprachlich darstellen, muss Wahrheit nicht durch eine innere Erfahrung „erfühlt“ werden, in der erst der hinter den Dingen liegende Sinnzusammenhang sichtbar wird? In ihrer sprach- und rationalitätskritischen Haltung erwiesen sich diese Wiener Autoren als Wegbereiter der Literatur des 20. Jahrhunderts.

David Österle, zuvor stellvertretender Direktor am Ludwig Holtzmann Institut für Geschichte und Theorie der Biographie, war in der Programmlinie „Gruppenbiographie Junges Wien“ tätig und hat nun eine unterhaltsam zu lesende und dennoch wissenschaftlich anspruchsvolle Gruppenbiografie jener fünf Autoren vorgelegt, die das Literaturgeschehen im Wien der kommenden Jahre bestimmen sollten: Hofmannsthal, Schnitzler, Felix Salten, Richard Beer-Hofmann und Hermann Bahr. Begonnen hatte diese Gruppe im Wiener Café Griensteidl, wo sich die „Modernen“ trafen, nicht nur die Jung Wiener, sondern auch Karl Kraus, Peter Altenberg und andere, Schauspieler und bildende Künstler, Journalisten und Redakteure. Hier wurde der Gymnasiast Hofmannsthal, der als Schüler nichts veröffentlichen durfte und deshalb das Pseudonym Loris Melikow benutzte, als ein Genie begrüßt. Arthur Schnitzler erinnerte sich an den damals Siebzehnjährigen, der hier seinen ersten lyrischen Einakter Gestern vortrug: „Verse von solcher Vollendung hatten wir von keinem Lebenden je gehört, ja seit Goethe kaum für möglich gehalten.“ Später verlagerten sich die Treffen der Jung Wiener in andere Cafés oder in die privaten Räume wie Beer-Hofmanns Bibliothek oder Schnitzlers Junggesellenwohnung. „Wir sprachen über alles“, erinnerte sich Felix Salten, und Beer-Hofmann schränkte ironisch ein: „Freunde? Freunde sind wir ja eigentlich nicht – wir machen einander nur nicht nervös“.

Eine besondere – „rein intellektuelle, nie persönliche“ – Beziehung (so Schnitzler) bestand zwischen Hofmannsthal und Schnitzler. Österle bezeichnet sie als eine „Geschichte zyklischer Annäherungen, Verstimmungen und leidenschaftlich bekundeter Wertschätzungen“. Als 1874 der Bankdirektorssohn Hugo von Hofmannsthal geboren wurde, war der Familienadel, den der Großvater, ein außergewöhnlich erfolgreicher Unternehmer, erworben hatte, noch keine vierzig Jahre alt. Hofmannsthal ging aber als Aristokrat durch die Literatur und das Leben, und er adelte seine Vorfahren nachträglich, indem er ihre Welt einbrachte in die Welt seiner Lustspiele.

Schnitzler dagegen verband mit Sigmund Freud eine „Doppelgängerschaft“, man muss sie eher als „Doppelgängerscheu“ bezeichnen, aus der heraus beide eher eine gewisse Distanz gehalten haben. In den 1880er Jahren arbeiteten Schnitzler, Nervenarzt und Kehlkopfspezialist, und Freud zusammen in der psychiatrischen Klinik des Gehirnanatomen Meynert. Trotz dieser Zusammenarbeit blieb ihre Bekanntschaft nach Schnitzlers Hinwendung zur Literatur flüchtig. Dennoch stellte Freud viele Parallelen zwischen seinen Theorien und Schnitzlers Werken fest. „Ja, im Grunde sind Sie ein psychologischer Tiefenforscher“, ließ er Schnitzler wissen.

Dessen Novellenkunst stellt sich tatsächlich um die Jahrhundertwende als eine Neuerung der realistischen Erzählkunst dar. Karl Kraus hatte damals Schnitzler noch vorgeworfen: „Was haben die Laubsägearbeiten dieser Schnitzler und Abschnitzler mit dem Chaos zu schaffen. Was die Sorgfalt der äußeren Form mit der ordnenden Gewalt des Sprachgeistes?“ Doch in seinen Novellen hatte Schnitzler sehr viel damit zu tun. Die Sprache des Realismus musste erst einmal eine Sprache des Psychologismus werden, ehe sie mit dem Anspruch einer „Theologie der Grammatik“ (Karl Kraus) auftreten konnte. Dass aber Leutnant Gustl (1900), Schnitzlers sozialpsychologisches Experiment, zudem das erste Beispiel eines bewusst durchkomponierten inneren Monologs, so gar keine Rolle bei Österle spielt, ist wenig verständlich: Gustls militärisches Über-Ich wird nicht zum Bestandteil seiner moralischen Existenz, seines Gewissens, sondern zeigt ihn „außengesteuert“. Kampflos überlässt Gustl dem Über-Ich das Feld. Das satirische „gute Ende“ enthüllt die Experimentalsituation: Gustl ist zum unbeirrbaren Weiterwursteln als Gefangener seines Kastenbewusstseins verurteilt.

Hermann Bahr, der selbsternannte „Gründer“ von Jung Wien, diente der Gruppe als unermüdlicher „Netzwerker“. Mit der Wiener Zeitung Die Zeit, von Bahr 1894 mitbegründet – hier wurde auch Felix Salten Jahre später als Redakteur tätig –, sollte der Wunsch nach einem eigenen publizistischen Forum in Erfüllung gehen. Durch seine Kritiken unterstützte er die Jung Wiener Gefährten, attackierte sie aber auch mitunter, was diese höchst irritierte. Der „Verwandlungskünstler“ Bahr, der, zunächst selbst ein Anhänger des Berliner Naturalismus, dann ein Wegbereiter des Impressionismus wurde (seine Ästhetik, dass sich die Welt in assoziativ aneinandergereihte Einzelwahrnehmungen auffächert und allgemeine Lebenszusammenhänge durch Symbole auszudrücken seien, hätten eine gründlichere Darstellung verdient), trat später für die Heimatkunstbewegung ein und ließ sich 1899 eine Villa, entworfen von dem Jugendstil-Architekten Joseph Maria Olbrich, am südwestlichen Stadtrand errichten. Gegen Ende der 1890er Jahre betätigte er sich auch als Sprachrohr der Wiener Secession, einer Gruppe von Malern, Architekten und Bildhauern um Gustav Klimt, die sich vom Wiener Künstlerhaus abspalteten.

Felix Salten war mit 16 vom Gymnasium abgegangen und arbeitete bei einer Versicherung. 1890 lernte er im Café Griensteidl die Vertreter von Jung Wien kennen und schloss Freundschaft mit ihnen. Im Gegensatz zu ihnen stammte er nicht aus großbürgerlichem Milieu und musste von seiner Schreibarbeit leben. Als Redakteur erst der liberalen Wiener Allgemeinen Zeitung“und dann der Zeit förderte er seine Freunde – besonders Schnitzler – durch Kritiken. Er schrieb Berichte über die Hofskandale, die ihn weit über Wien hinaus bekannt machten. Bereits 1901 hatte er das Jung-Wiener-Theater „Zum lieben Augustin“ gegründet, angeregt durch Ernst von Wolzogens Kabarett „Überbrettl“. Er wollte „moderne Stimmungsbilder“ durch Verknüpfung von Musik, Lyrik, Tanz und Raumkunst auf die Bühne bringen. Das Unternehmen endete mit einem Misserfolg. Salten hat dann Libretti für Operetten geschrieben, war im Filmgeschäft tätig und wurde schließlich mit seiner Tiergeschichte Bambi (1923), die Walt Disney verfilmte, weltbekannt.

 

Österle spürt den  Biographien der Jung Wiener nach, er erzählt Geschichten über deren persönliche Beziehungen, etwa Hofmannsthals zu dem sich 1891 in Wien aufhaltenden Stefan George, Beer-Hofmanns zu Lou Andreas-Salomé, die Zusammenkünfte und Gruppenzugehörigkeit der Jung Wiener, ihre Ausflüge und Reisen, ihre Liebschaften (hier wird er fast ein wenig „klatschhaft“) und ernsthaften Bindungen, er zeigt Hintergründe auf, die Versuche der Autoren, an die Öffentlichkeit zu kommen, ihre Arbeiten in den Medien und Verlagen unterzubringen oder auf der Bühne Fuß zu fassen. Schnitzlers Märchen wurde 1894 von Otto Brahm am Deutschen Theater Berlin abgelehnt, aber seine Novelle Sterben bei S. Fischer angenommen. Hier sollte er dann auch seine lebenslange Verlagsheimat finden. Und Sterben, Tod und Andenken waren fast immer in den Erzählungen, Dramen und Gedichten der Jung Wiener präsent. Auf den Tod der Salonnière der Wiener Ringstraßenzeit, Josephine von Wertheimstein, verfasste Hofmannsthal 1894 seine Terzinen der Vergänglichkeit. Seinen Durchbruch als Dramatiker fand Schnitzler 1894 mit Liebelei am Burgtheater Wien – mit Adele Sandrock in der Rolle der Christine Weiring, deren Schicksal ein Protest gegen die sozialen Spielregeln, gegen ihre Austauschbarkeit darstellt. Das Stück sollte dann seinen Siegeszug auch im Ausland antreten.

Beer-Hofmanns „Erweckungserlebnis“, seiner Liebe und Ehe mit Paula Lissy und der Geburt ihres Töchterchens, der sein bekanntes Schlaflied für Mirjam (1897) das Entstehen verdankt („Schlaf mein Kind, schlaf, es ist spät – / Sieh wie die Sonne zur Ruhe dort geht…“), während Der Tod Georgs, 1900 bei S. Fischer erschienen, wohl das wichtigste Werk seiner Jung Wiener Jahre darstellt, wird genauso gedacht wie Saltens erster Buchpublikation, seiner Novellensammlung Der Hinterbliebene“ oder Hofmannsthals Uraufführungen von Die Hochzeit der Sobeide und Der Abenteurer und die Sängerin 1899 am Deutschen Theater Berlin.

Allerdings hätte Österle Hofmannsthals Märchen der 672. Nacht (1895), in der die Selbstfindungskrise des schönen Narziss, des Kaufmannsohnes, nicht zu den Mysterien gereiften Erwachsenenlebens, sondern in einen hässlichen Tod führt, oder dessen Reitergeschichte (1899), in der subjektive Bewusstseinsvorgänge durch die Beschreibung äußerer Eindrücke und Ereignisse ablesbar werden. mehr Raum geben sollen. Zeigen sie doch, wie auch Schnitzler mit seinen frühen Skizzen, Einaktern und Szenenfolgen Anatol (1893), Liebelei (1895) und Reigen (1900), beide Autoren als Hauptvertreter des Wiener Ästhetizismus. Auf die Angriffe der nationalistischen und katholischen Gruppen gegen die scheinbar zersetzende Wirkung der Schriften des Juden Schnitzler – vor allem gegen die Szenenfolge Reigen und ihre radikale Illusionslosigkeit – hätte Österle eingehen müssen.

Hofmannsthal beschrieb 1902 die Erfahrung seiner eigenen Schaffenskrise in dem fiktiven  Brief eines Lord Chandos, in dem sich dieser bei seinem Freund, dem Staatsmann, Philosophen und Naturwissenschaftler Francis Bacon, „wegen des gänzlichen Verzichts auf literarische Betätigung“ entschuldigt. Hier steht der bedeutsame Satz: „Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgendetwas zusammenhängend zu denken und zu sprechen“. Dass er alle Dinge „in so unheimlicher Nähe“ sehe, lasse ihm die Worte oberflächlich und sinnlos erscheinen.

Der 27jährige Hofmannsthal enthielt sich zwar des Schreibens keineswegs, aber er vollzog jetzt, suchend in der europäischen Vergangenheit, einen Neubeginn. Es begann die Zusammenarbeit mit Richard Strauss, die zur Elektra geführt hat (als Oper 1909), zum Rosenkavalier (1911), zur Ariadne auf Naxos (1912), zu Die Frau ohne Schatten (1919), zu Die ägyptische Helena (1928), zu Arabella, die 1933, vier Jahre nach Hofmannsthals Tod, zum ersten Mal aufgeführt wurde. Arbeitend an der schöpferischen Restauration bemächtigte sich Hofmannsthal des Casanova-Venedigs (Cristinas Heimreise, 1908), des Mittelalters (Jedermann, 1911), des spanischen Barocks (Das Salzburger große Welttheater, 1922, und Der Turm, 1928), und er schenkte dem Sprechtheater seine schönsten Stücke, wenn er Wiener Traditionen aufnahm, mit dem Schwierigen (1918) und dem Unbestechlichen (1913). Die kleine Zahl der deutschen Komödien hat er (mit Cristinas Heimreise) um mindestens drei vermehrt. Aus dem betörenden Symbolisten war ein großer Komödienschreiber geworden. Aber Ruhm, Dank und Verehrung hatte ihm die Gründung der Salzburger Festspiele zusammen mit Leopold von Andrian und Max Reinhardt im Jahr 1920 gebracht.

David Österles Buch ist ein aufschlussreicher Reisebegleiter durch das literarische Wien der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, der auch dem Kenner noch viel Neues zu vermitteln weiß.

Titelbild

David Österle: „Freunde sind wir ja eigentlich nicht“ . Hofmannsthal, Schnitzler und das Junge Wien.
Kremayr & Scheriau Verlag, Wien 2019.
224 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783218011624

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