Auf der Jagd nach dem Absoluten
Mit „Die Enthusiasten“ ist Markus Orths ein ebenso großartiger wie brennend aktueller Roman gelungen
Von Dietmar Jacobsen
Sie alle sind Dingen auf der Spur, deren Existenz fraglich ist. Elfi jagt Schwarze-Materie-Teilchen, Marcellus die Idee zu einem Film, wie es ihn noch nie gab, und Vincent das zehnte Buch von Laurence Sternes Tristram Shandy. Nein, die drei Kinder der Familie Bär geben sich nicht mit Halbheiten zufrieden. Und das macht sie zu Enthusiasten auf ihren je eigenen Gebieten, Menschen, die alles geben würden, um ein Ziel zu erreichen, das man eigentlich, realistisch betrachtet, gar nicht erreichen kann.
Dass sie von zwei ebensolchen, vor Begeisterung für die Welt von Literatur, Sprache und Büchern glühenden Menschen großgezogen wurden, bis ihre Mutter eines Tages urplötzlich verschwand, erfahren die Leserinnen und Leser im Laufe des neuen Romans von Markus Orths. Ein Roman, der die abenteuerliche Geschichte der Jagd nach einem – letzten Endes nicht existierenden – Buch verknüpft mit einer ganz besonderen Familiengeschichte. Einer Familie nämlich, in der sich alles um Bücher drehte, deren Haus einer sich immer mehr verdunkelnden Höhle aus Büchern glich, für die Vater und Mutter gemeinsam immer wieder neue Regale zimmerten, ohne dass diese je ausreichten.
Laurence Sternes (1713-1768) The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman (auf Deutsch zuletzt 2006 in der Übersetzung von Michael Walter unter dem Titel Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman) erschien in 9 Bänden zwischen 1759 und 1767. Sowohl Sternes Zeitgenossen als auch nachfolgenden Generationen galt dieser Roman aufgrund zahlreicher poetischer Innovationen, die teilweise vorwegnahmen, was erst in späteren Jahrhunderten literarisch gang und gäbe wurde, als „in seiner Art einzige[s]“ (C. M. Wieland) Buch. Dem kann Vincent Bär nur zustimmen. Für die zentrale Figur von Markus Orths‘ Roman existiert nichts Großartigeres in der Welt der Literatur als der ebenso seltsame wie geniale Roman aus dem späten 18. Jahrhundert.
Hat Laurence Sterne nicht schon die gesamte Literaturgeschichte vorweggenommen? Liegt in Sterne nicht alles Spätere begründet? Die Romantik? Das automatische Schreiben der Surrealisten? Die Postmoderne? War Sterne nicht seiner Zeit um Äonen voraus? Vor allem dem sogenannten realistischen Erzählen?
ist Vincent überzeugt.
Kein Wunder deshalb, dass es den Hochschullehrer, der so vernarrt ist in seinen Sterne, dass sich Freundinnen und Freunde angewöhnt haben, ihn nur noch „Shandy“ zu nennen, an jedem 18. März in das Örtchen Coxwold zieht, in dem Sterne zwischen 1760 und 1768 lebte. Zusammen mit seinen beiden akademischen Mitstreitern Bianca Barbosa und Ole Andersson trifft er sich dort am Todestag des Schriftstellers mit Sterne-Enthusiasten aus aller Welt. Man besucht das Grab des Idols auf dem Saint Michael’s Churchyard, begibt sich anschließend in das nur vier Gehminuten entfernte ehemalige Wohnhaus des Dichters, Shandy Hall, zündet Kerzen zum Gedenken an, legt Blumen nieder und tauscht intime Lese- und Interpretationserfahrungen miteinander aus – jeder der drei Freunde absolut textfest, was den Shandy betrifft.
Dass dabei immer wieder die Frage aufkommt, warum Sterne sein Opus magnum in neun Bänden geschrieben hat und nicht in zehn, ist nicht verwunderlich. Umso staunenswerter die Ankunft einer „Triple-SMS“ auf den Handys der drei Spezialisten am 18. März 2018, dem 250. Geburtstag Sternes. Wieder ist man in Coxwold – gleicher Ort, gleiches Hotel, gleiche Bewegtheit angesichts des immergleichen Anlasses der literarischen Pilgerreise nach Yorkshire –, als ein gewisser Morton Minelli sich meldet mit der Nachricht, er sei im Besitz jenes ominösen zehnten Buches, lasse dem Trio gern eine Leseprobe zukommen, damit es die Echtheit des Manuskripts überprüfen könne, verlange im Übrigen aber die horrende Summe von 150.000 Pfund, sollten sie vorhaben, es ihm abzuhandeln.
Eine Sensation kündigt sich an. Bär, Barbosa und Andersson als Herausgeber eines Werkes, über dessen Existenz dunkle Gerüchte im Umlauf sind, von dem aber niemand genau sagen konnte, ob es tatsächlich existiert. Aber Orths drei Sterne-Enthusiasten sind alles andere als reich. Und obwohl sie die Leseprobe, die Morton Minelli ihnen zukommen lässt, einstimmig für echt befinden, schließlich kennt jeder der drei seinen Lieblingsautor aus dem Effeff – die Summe, für die das Buch zu haben wäre, können sie dennoch weder einzeln noch zusammen aufbringen. Also was tun? Ein Banküberfall, um an Geld zu kommen? Der scheitert schon im Ansatz. Eine Entführung Minellis? Aber wie soll die glücken, wenn drei weltfremde Leseratten sie planen und durchführen?
Markus Orths hat mit Mary & Claire (2023) zuletzt einen Roman vorgelegt, der mit dem wunderbar geschriebenen Doppelporträt zweier Frauen – der „Frankenstein“-Autorin Mary Shelley und ihrer Stiefschwester Claire Clairmont – und der mit ihnen verbundenen Dichter Percy Bysshe Shelley und George Gordon (Lord) Byron eine ganze (literatur-) geschichtliche Periode farbenprächtig und konfliktmächtig wieder aufleben ließ. Nun, mit Die Enthusiasten, geht er noch ein halbes Jahrhundert auf dem Zeitstrahl zurück und landet bei einer weiteren zentralen Figur der englischen Literaturgeschichte. Dass er sich auch in Werk und Leben Lawrence Sternes vorzüglich auskennt, nimmt man dem nach einem Studium von Philosophie, Romanistik und Anglistik eine Zeit lang als Gymnasiallehrer tätig gewesenem Orths sofort ab.
Doch es geht Orths diesmal um mehr, als seinen Leserinnen und Lesern einen weiteren seiner literarischen Helden nahezubringen. Und deshalb hat er neben den Bemühungen seines zentralen Protagonisten, in den Besitz jenes ominösen zehnten Buches des Tristram Shandy zu gelangen, mit den Geschichten von Vincent Bärs Geschwistern Elfi und Marcellus noch zwei weitere Formen des menschlichen Enthusiasmus in sein Buch eingebaut.
Und auch wenn die Bemühungen aller drei – Elfis Kampf um „das scheueste Gespenst des Universums“, ein Dunkle-Materie-Teilchen, Marcellus‘ Kampf als verrückter Filmemacher um einen cineastischen Coup, wie er noch nie zu sehen war, und Vincents grotesk scheiternde Versuche, einem offensichtlichen Schwindler ein Authentizität nur vortäuschendes, in Wahrheit aber von einer Künstlichen Intelligenz im Stile Sternes verfasstes Werk abzujagen – letzten Endes scheitern, so sind doch Wille, Kraft und Durchhaltevermögen, die jeder der drei aufbringen muss, um sein jeweiliges Ziel zu erreichen, allein dem Menschen zuzurechnende Eigenschaften.
Die Enthusiasten ist eine voller verrückter Einfälle steckende Hymne auf das Lesen und die Bücher. Wohlverstanden: die von Menschen ersonnenen Bücher. Für Markus Orths Helden Vincent Bär sind sie alle in einem einzigen Roman bereits enthalten – die tragischen und die komischen, die konventionell erzählten und die experimentellen, jene, die sich leicht weglesen, und die, zu deren Entschlüsselung Arbeit, Fleiß und Erfahrung erforderlich sind, die geheimnisvollen und jene, deren Botschaften offen zu Tage liegen. Sie alle seien bereits im Kopf von Laurence Sterne vorhanden gewesen, als der die neun Bände seines Tristram Shandy schrieb. Mehr als 250 Jahre sind seitdem vergangen. Und es mag in diesem Zeitraum nicht wenige Leserinnen und Leser gegeben haben, denen es wie Orths Vincent Bär ging: Warum nur neun und nicht ein das Ganze abrundender zehnter Band? Ein letztes Buch, das dieses literarische Gebirge krönte?
Doch alle diese Enthusiasten wären sich sicher auch einig in einem: Von einem Menschen sollte dieses Buch geschrieben sein, einem lebendigen Wesen, nicht von einer „Gigantischen Allgemeinen Generativen Intelligenz“ ohne Mitgefühl und Erfahrung, mit lediglich nachgeahmter Kreativität. In seiner kleinen Erzählung Die Vereinnahmung – Orths hat sie mit Ein Abgesang untertitelt – hat der Autor in Anlehnung an Franz Kafkas Die Verwandlung, nur dass bei ihm aus „Gregor Samsa“„Gregor Samsung“ geworden ist, noch einmal das vielleicht gar nicht so ferne Schreckbild von Kunstwerken, „die vollkommen frei blieben von allen Nöten und Bedrängnissen der Individualität, […], unfassbar rein im Allgemeinen“ an die Wand gemalt.
Es wäre, um es mit einem abgewandelten Zitat aus einem bekannten Rocksong zu sagen, „the end of the art as we know it“. Aber kann das wirklich jemand wollen? Denn jedes Kunstwerk braucht den Enthusiasmus eines Schöpfers. Und enthusiastisch sein kann nun einmal nur der Mensch. Künstliche Intelligenz besitzt keinen Enthusiasmus. Sie ist kalt und logisch, besticht durch ihre maschinelle Arroganz, durchsucht die Bibliotheken unseres Wissens in Sekundenschnelle und gibt umso präzisere Antworten auf ihr gestellte Fragen, je höher sie entwickelt ist. Nur eines wird sie wohl nie können: Gefühle zeigen, das eigene Scheitern, wenn es denn eintritt, verstehen und daraus Schlüsse für die Zukunft ziehen.
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