Was das Fass zum Überlaufen bringt
In ihrem packenden Roman „So, in etwa, ist es geschehen“ bietet Sharon Dodua Otoo viel Diskussionsstoff zu den möglichen Wahrheiten rund um einen Mord und weit darüber hinaus
Von Anne Amend-Söchting
Sie habe Heinz Brockhaus umgebracht und bereue es nicht. In ihrem Prozess werde sie sich „‚schuldig im Sinne der Anklage‘ bekennen“ – so schreibt die Protagonistin Amata Haller am 15. Januar 2026 von der JVA Lübeck aus an ihre Freundin Nkechi, eine Juristin, die sich um die Veröffentlichung von Amatas Texten kümmern wird. Diese klassische Herausgeber:innenfiktion setzt die vielfach preisgekrönte deutsch-britische Autorin Sharon Dodua Otoo an den Anfang ihres schmalen, dafür aber umso komplexeren Romans.
Auf den Brief folgen „die Erinnerungen von Amata Haller“ in vier Kapiteln: „Die Wahrheit“, „Die ganze Wahrheit“, „Und nichts als die Wahrheit“ sowie „Wahrer geht es nicht“. In der Nacht vom 14. auf den 15. Januar seien sie verfasst worden. Zwei „Anhänge“ – 1, das „Transkript der am 3. Mai 2025 mit dem Mobiltelefon des Opfers aufgenommenen Audiodatei“ und 2, das „Geständnis von Amata Haller, verlesen in der Hauptverhandlung vom 16. Januar 2026“ – sowie ein Nachwort und zu guter Letzt eine knappe Postkarte der Herausgeberin komplettieren den Roman.
Jedes Jahr am 3. Mai trifft sich Amata Haller, Ende dreißig, mit ihrer Mutter an der Skulptur der „Badenden“ am Timmendorfer Strand, um ihres Großvaters zu gedenken, der 1945 just an diesem Tag als einer von wenigen Häftlingen die Katastrophe auf dem KZ-Schiff Cap Arcona überlebt hat. Während Amata sonst immer ein Auto für die Fahrt von Berlin an die Ostsee gemietet hat, versäumt sie es 2025, weil sie sich intensiv mit einem offenen Brief der Initiative „Beyond Reparations“ beschäftigt, deren Mitglied sie ist. Als Heinz Brockhaus, Projektleiter und ihr Vorgesetzter im Wohltätigkeitsverein, bei dem sie hauptberuflich arbeitet, das erfährt, bietet er ihr an, sie mit seinem PKW zu fahren. Amata zögert zuerst, weil ihr Brockhaus seit jeher etwas suspekt ist und sie Begegnungen mit ihm lieber meidet, entscheidet sich dann aber für die Reise mit ihm. Sie kommt zu spät. Ihre Mutter trifft sie nicht mehr an. Völlig erschöpft legt sich Amata auf den Rücksitz des Autos, von wo aus sie ihren Chef ein paar Minuten später erwürgt.
Otoo lässt Amatas Erinnerungen eher sprunghaft voranschreiten. Einen wesentlichen Part darin nimmt die Initiative „Beyond Reparations“ ein, die Suche nach ihrem Namen und ihr Ziel, eine Straße in Berlin nach dem Journalisten Theodor Wonja Michael, einem Schwarzen Deutschen, umzubenennen.
Vom Gründungstreffen der Initiative aus schweift der Text ab zu Amatas Schwester Denver, einer kämpferischen Journalistin, die mit ihrer Familie von Deutschland nach Ghana emigriert ist, ebenso zu Amatas Kindheit, zur Geschichte ihres schon 1961 verstorbenen Großvaters und zum Tod der Großmutter. Zu den privaten Erinnerungen treten historische Eckpunkte – konkret die Cap Arcona einerseits und die in den 1780er Jahren entstandene Kolonie Groß Friedrichsburg in Ghana andererseits. Mit dieser Rahmung lässt Otoo Individuelles und Kollektives zu einer pointierten und überzeugenden sowie spannungsgeladenen Gemengelage der Transgenerationalität fusionieren.
Die erzählte Zeit umfasst Jahrhunderte und verhält sich daher sowohl disproportional zur Erzählzeit als auch zu der Zeit, die Amata für die Abfassung ihrer Erinnerungen benötigt hat. Dieser Clash erhellt bereits, welch aussichtsloses Unterfangen es ist, die Last der Vergangenheit abzumildern, und welche Traumata in Amata weiterleben, mitverantwortlich dafür, dass sie sich nirgendwo wirklich zuhause fühlt. Im dritten Teil zieht sie das vorläufige Fazit:
Alles, was ich mitbrachte, war der Schmerz vieler Generationen, den ich seit meiner Geburt mit mir herumschleppe. Für eine einzelne Person ist er viel zu groß, er muss sich irgendwann Bahn brechen, er muss irgendwohin ausweichen. Und Brockhaus saß ja an diesem Tag stundenlang direkt neben mir.
Gewissermaßen ist Brockhaus so etwas wie ein Sündenbock. Ähnlich wie beim Mordopfer in Camus‘ Der Fremde ist es ein Zufall, dass gerade er da ist, über den sich das Damoklesschwert des jahrhundertealten Schmerzes hinabsenkt. Doch Amata lässt es bei dieser Erklärung nicht bewenden. Es ist nicht nur die intraindividuelle Energie, in der sich das Kollektive Bahn bricht, sondern der Mord ist genauso ein stellvertretender Akt des Interindividuellen, die geballte Ladung von Revanche all jener, die sich im Laufe der Geschichte nicht gewehrt haben, Amatas Meinung nach feige gewesen sind.
Letztendlich bleibt alles in der Schwebe eines „In-Etwa“. Die Wahrheit lässt sich umrunden und umzingeln, aber in ihrer Multiplizität entgleitet sie immer wieder aufs Neue, obwohl weitere Motive für den Mord im „Anhang 1“ deutlich hervortreten: Brockhaus textet Amata zu, er monologisiert, sie reagiert in keiner Weise. Seine sich assoziativ entrollende Tirade gerät zur Mansplaining-Momentaufnahme, an deren Gipfel er nach Bewunderung für seinen Bayern-München-Merch heischt – eine Kappe und den dazu passenden Schal.
Das Fass zum Überlaufen bringt Brockhaus‘ Frage, was das denn für „komische Leute“ seien, die hinter der Initiative „Beyond Reparations“ steckten. Während er damit ganz bei sich selbst ist, verliert sich Amata in Zeit- und Ortlosigkeit. Nah am Dissoziieren, schaut sie beim Morden auf sich selbst herab. Gnadenlos verfolgt sie ihre augenblicksgeborene Absicht, Brockhaus für immer zum Schweigen zu bringen. Die Zeit sei reif zum Handeln. Mit Worten allein komme niemand mehr weiter.
So distanziert sich Amata auf krasse Weise von dem „sekundären Modus“ des Handelns, den Jean-Paul Sartre engagierter Literatur zuschreibt, von dem Modus, den ihre Autorin mit der Schilderung des Mordes und seiner Hintergründe sowie mit Nkechis Kommentaren dazu gewählt hat. In diesem Procedere sind Amata Haller und Heinz Brockhaus weniger plastische Charaktere als vielmehr hochgradig attraktive Symbolfiguren, deren Namen sprechen.
Heinz Brockhaus echauffiert sich, weil der Autofahrer, den er zuvor beschimpft hat, ihn als „du Heinz“ verunglimpft. Als Heinz – Kurzform von Heinrich, laut Etymologie „Herrscher über ein Heim“ – wähnt er sich auf der Seite der Machthabenden. Er repräsentiert den klischeehaften alten weißen Mann, der meint, so wie man es dereinst von der gleichnamigen Enzyklopädie erwartete, alles erklären und kommentieren zu können. Seine Litanei nach dem Motto „An meinem Wesen soll die Welt genesen“ ist ironisch konstruiert und vielfältig in ihrer Flachheit. Es kommt nicht von ungefähr, dass Brockhaus seine Jobs häufig gewechselt hat: vom KFZ-Mechaniker zum Steuerberater, zwischendurch mal Fahrradkurier, „Bulettenbrater“, Deutsch-Nachhilfelehrer und „Sondengänger“, schließlich Projektleiter bei EFA. Im Gegensatz zu Amata, die den Namen der Organisation als peinlich einstuft, löst er das Akronym auf: „Essen für Afrika“. Schon allein deshalb steht er für einen Impetus wenig reflektierter Wohltätigkeit, möglicherweise mit Hang zur kulturellen Appropriation.
Brockhaus, der von sich behauptet, tolerant zu sein, tappt in die Falle des Paradebeispiels für benevolenten Rassismus, wenn er Amata Komplimente für ihr gutes Deutsch macht oder sie, die perfekt Englisch spricht, über die Unterschiede in der Übersetzung von „confusing“ und „irritating“ aufklären möchte. Seine intersektionale Diskriminierung beruht auf einem dualistischen Weltbild, das er unter anderem mit seinem Kommentar zu dem Song „Hedonism“ von Skunk Anansie offenlegt: Lange Zeit habe er nicht gewusst, „ob die Sängerin eine maskuline Frau oder ein femininer Mann“ sei.
Nicht nur was er sagt, sondern seine kommunikative Haltung spricht (Brockhaus-)Bände. Seine platten Äußerungen – so etwa, dass die Gesellschaft in puncto Integration ja doch auf einem guten Weg sei – entspringen dem, was Eric Berne in seinem transaktionsanalytischen Modell als autoritäres „Eltern-Ich“ klassifiziert. Wenn Brockhaus ein paar Atemzüge später nach Lob giert – „das habe ich fein hinbekommen, nicht wahr?“ –, ist das angepasste „Kind-Ich“ am Zug. Dass der kleine Junge im Gewand eines autoritären Elternteils nur bedingt ernst zu nehmen ist, hat Otoo ihrem Text vorzüglich eingestaltet.
Wie der Name Amata nahelegt, ist sie die geliebte Tochter. Zu dieser offiziellen Erzählung der Mutter gesellt sich ein bedeutender Prätext: der Roman Beloved von Toni Morrison (ironischerweise fragt Brockhaus irgendwann in seinem Monolog, ob Amata Toni Morrison kenne). Damit sie der Sklaverei entgeht, wird Beloved von ihrer eigenen Mutter umgebracht. Sie wird zum Opfer, um kein Opfer zu werden. Otoos Amata entscheidet sich für den umgekehrten Weg: Um dem Status eines Opfers zu entgehen, mordet sie selbst, gelangt aber nicht zu ihrem Ziel.
In einem Akt individueller Ermächtigung habe sich Amata, so Nkechi, aus den transgenerationalen Fesseln befreien wollen und damit einen falschen Weg beschritten. Anstatt sich in eine „echte Auseinandersetzung“ mit Worten zu begeben, habe sie sich mit dem Mord für Feigheit, Gewalt und somit die „Werkzeuge der Herrschenden“ entschieden. Ein Käfig sei durch einen anderen ersetzt worden. Konsequenzen habe sie weder für Brockhaus‘ Familie noch für sich selbst und ihre Community bedacht.
Nkechi, Lichtgestalt mit Weit- und Durchblick, eventuell Sprachrohr der Autorin, weiß, dass kodifiziertes Recht nicht immer gerecht ist und dass ethische Prinzipien und individuelle Wertesysteme nur im Idealfall halbwegs mit niedergelegten Gesetzen kompatibel sind. Qua Amtseid ist Nkechi dem verpflichtet, was Lawrence Kohlberg als Stadium konventioneller Moral bezeichnet. Über diesen Tellerrand schaut sie aber hinaus. Sie möchte nicht beim Befolgen von Gesetzen stehen bleiben, nicht dort, wo laut Kohlberg die Moralentwicklung der Mehrheit endet. Ihres Erachtens speist sich die Kraft der Innovation aus einer Synthese von bestehendem, konventionellem Recht und zukünftigen, postkonventionellen Perspektiven, aus verbaler Konfliktfähigkeit, Kommunikation, Diskutieren und Aushandeln. Amata indessen experimentiert vorwiegend mit Postkonventionellem, indem sie moralische Verantwortung in den Fokus rückt – Martin Luther King zitierend, dass Menschen „nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine moralische Verantwortung“ innehätten, „gerechte Gesetze zu befolgen“ und sie „umgekehrt […] eine moralische Verantwortung“ trügen, „ungerechte Gesetze zu missachten“.
Otoos Roman kommt als fiktionale Dokumentensammlung mit deskriptivem Duktus daher. Nichtsdestoweniger entsteht beim Lesen ein Flow, der Emotionalität hervorragend transportiert. In diesem sind die Gendersternchen genauso zu begrüßen wie „jemensch“ und das eingedeutschte Smartphone, „Klugfon“, wobei letzteres etwas gewöhnungsbedürftig ist.
In der verbalen Bulimie des Heinz Brockhaus brilliert Otoo mit dem Balancieren zwischen Komik und Tragik. Daraus resultieren eine Parodie auf „letzte Worte“ (Untertitel des Anhangs), eine satirische Kompilation und eine Ironie, die vor dem Mord selbst nicht haltmacht: Die Funktion des Sicherheit bietenden „Memory-Schaum-Nackenstützkissens“ am Fahrer:innensitz versagt, wenn ein Schal aus Polyacryl dem Würgen dient.
Nicht zuletzt die gelungene Melange aus Ernstem und Heiterem macht So, in etwa, ist es geschehen zu einem Exemplum engagierter Literatur, in dessen theoretischem Gepäck Namen wie Jean-Paul Sartre, Hannah Arendt, Theodor W. Adorno, Martin Luther King, Lawrence Kohlberg, Audre Lorde und weitere zu verorten sind. Texte dieser Autor:innen können nach der Lektüre zur Dimensionierung der aufgeworfenen Fragen und zum Erörtern ontologischer und ethischer Prinzipien herangezogen werden. Aber es braucht sie nicht, um den Diskussionszündstoff des grandiosen Romans zu entfachen.
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