Wie funktioniert eigentlich Erwachsenwerden?

„Komplett Gänsehaut“: Eine scharfzüngige Kritik an den Millennials à la Sophie Passmann

Von Hannah RosnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Hannah Rosner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In ihrem kürzlich erschienenen Buch Komplett Gänsehaut besticht Sophie Passmann durch erschreckende Ehrlichkeit im kritischen Umgang mit ‚ihrer‘ Generation,­ den Millennials,­ und schafft es, mit Charme und Augenzwinkern, die Lesenden zum Schmunzeln zu bringen. Die Autorin, Satirikerin und Moderatorin schreibt regelmäßig eine Kolumne für das Zeit Magazin, ihr erstes Buch Alte weiße Männer (2019) stand wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Komplett Gänsehaut ist ihre dritte Veröffentlichung bei Kiepenheuer und Witsch.

„Wäre das hier eine gute Geschichte, würde all dieser Kram passieren, der im echten Leben immer höchstens fast passiert“, und so ist es auch: Nur selten finden in der Realität Situationen statt, die in einem Film über die Jugend gezeigt werden. Die Erzählerin – gleichzeitig Protagonistin – teilt mit uns ihre Gedanken über das Erwachsenwerden und blickt als 27-jährige kritisch auf ihre Generation, insbesondere die weiße Mittelschicht. Die Erzählerin identifiziert sich selbst als Millennial und kritisiert deshalb im gleichen Maße sich wie ihre Generation: „Wir denken das mit der ganzen Arroganz, die wir aus unseren kleinen Millennial-Körpern generieren können“. Dabei ist es nicht nur die Beschreibung der Wohnungseinrichtung und die Beschäftigung mit dem Minimalismusgedanken, sondern eben auch die Pizza, die man sich neuerdings mit karamellisierten Walnüssen bestellt. Aggressives Auberginenrösten und nachdenkliches Sitzen in der Küche, als sei es das Pressefoto eines Debattierclubs, nach Belegen fragen, wenn jemand eine These aufstellt und die eigenen Freund*innen sorgsam auswählen wie die Möbelstücke der ersten Wohnung in einem angesagten Viertel – all das charakterisiert die weißen Mittelschicht-Millennials, die besonders im Fokus dieses Buches stehen. Die ständigen Auseinandersetzungen mit sich, seiner Generation und eigentlich der gesamten Gesellschaft gehen jedoch weiter als die Diskussion, ob man lieber Hafermilch statt Kuhmilch trinken sollte, oder ob ein Döner nachts, nach einer Party, mit einer fast fleischfreien Ernährung vereinbar ist. Vielleicht ist das Erwachsenwerden mit der ständigen Reflexion des eigenen Verhaltens in der heutigen Zeit nicht so einfach, wie es sein könnte.

Die aneinander gereihten Reflexionen in Komplett Gänsehaut handeln vom Prozess des Erwachsenwerdens der Erzählerin, der Identitätsfindung im Kampf mit sich selbst und den von der Gesellschaft an sie herangetragenen Erwartungen. Die eigenen Zwanziger so leben und genießen zu müssen, als seien sie die beste Zeit des Lebens, übt in einer schwierigen Lebenssituation mit Umbrüchen und Veränderungen zusätzlichen Druck aus. Welcher Mensch möchte man werden? Und warum? Als Fazit ihres Reflexionsprozesses gibt die Protagonistin zu: „Erwachsen zu sein bedeutet zu wissen, wie es eigentlich richtig ginge, um es dann absichtlich falsch zu machen“. Bloß nicht so werden wie alle anderen. Bloß alles anders machen als die Eltern. Aber wie funktioniert eigentlich Erwachsenwerden?

Wer kennt sie nicht, die gut gemeinten Ratschläge von Erwachsenen, die es besser wissen und mit einer teils arroganten und bevormundenden Art das Leben junger Menschen kommentieren, bewerten und bestimmen möchten? Diese Ratschläge, aber auch die gesellschaftliche Erwartungshaltung – etwa ­wie ein Balkon auszusehen hat und bepflanzt sein soll – werden in Komplett Gänsehaut durch Kursivierungen hervorgehoben. Durch die Kennzeichnung erhalten die in die Narration der Erzählerin eingebetteten „fremden“ Gedanken einen anderen Tonfall, kritische Gedanken werden aufgelockert, Lesende können schmunzeln. Interessant wird es an einer Stelle, wenn die Erzählerin sich dabei erwischt, einem jungen Mädchen eben jene gut gemeinten Ratschläge erteilen zu wollen, die sie in der gleichen Situation nicht hören wollte.

Komplett Gänsehaut ist nach dem Prolog in drei weitere Kapitel unterteilt: „DIE WOHNUNG“, „DIE STRASSE“ und „DIE STADT“. Den Ortsangaben der Kapitel nach werden jeweils typische Situationen beschrieben und durchgespielt, von denen man die meisten entweder selbst erlebt oder von ihnen gehört hat. Da gibt es die Diskussion, ob eine Siebträgermaschine wirklich notwendig ist oder, dass man in seiner Stadt nur einen Ausflug machen muss, um zu wissen, wo man nicht leben möchte. Im Zentrum des Buches stehen das Streben nach Bürgerlichkeit und gleichzeitig die Verachtung dafür, dieses Lebensziel zu haben. So ist die „Imitation der Bürgerlichkeit“ eine Anpassung an die Gesellschaft, um auf dem Weg des Erwachsenwerdens dazu zu gehören und akzeptiert zu werden. Sie äußert sich beispielsweise in dem Kauf der ersten „ordentliche[n]“ Matratze, „weil man sich mittlerweile für Rückengesundheit interessiert, man kennt ja jetzt auch das Wort Schlafhygiene, Schlafhygiene ist ja so wichtig“.

In dem Buch werden sehr viele Themen, die Millennials beschäftigen, auf verhältnismäßig wenigen Seiten angesprochen. So geht es um das eigene Körpergefühl, den gesellschaftlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen, den Feminismus, Political Correctness, den Klimawandel, die Bürgerlichkeit, den Weinkonsum und – alles umfassend – die Selbstinszenierung. Das Identifikationspotenzial des Werkes wird unter anderem durch die Sprache der Erzählerin hergestellt: der vertraute Tonfall und die Verwendung eines alltäglichen und umgangssprachlichen Sprachstils ohne komplexen Satzbau oder die häufige Verwendung von Fremdwörtern wirken, als würde die Erzählerin die Schilderung ihrer Erlebnisse, Gedanken und Gefühle an uns als Freund*innen richten. Ebenfalls durch die bildliche und erschreckend akkurate Beschreibung der alltäglichen, auch zwischenmenschlichen Situationen, kann man fast nicht anders, als sich schmunzelnd mit der Protagonistin zu identifizieren. Ein Beispiel ist Lena Meyer-Landruts ESC-Gewinn, der für den nächsten Schultag die zwingende Voraussetzung erzeugte, den Auftritt gesehen haben zu müssen. Die Erzählerin hatte die Show nicht gesehen, konnte nicht mitsprechen und verspürte die Panik, dass dieses von ihr verpasste Ereignis ihre Generation prägen wird.  

Generell gestaltet sich das Lesen von Komplett Gänsehaut wie die Mischung von einem dauerhaften ‚Sich-ertappt-Fühlen‘ und einer literarischen Zuspitzung der ‚Wahrheit‘. Für Mittelschicht-Millennials, die sich mit ihrer Identität beschäftigen wollen, aber auch für alle, die ihren bisherigen Lebensweg reflektieren möchten, ist dieses Buch ein Muss. Wer über die Macken und Gedanken dieser Generation schmunzeln möchte, ist ebenfalls eingeladen, dieses Buch zu lesen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Sophie Passmann: Komplett Gänsehaut.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021.
192 Seiten, 19 EUR.
ISBN-13: 9783462053616

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