Der Mann ohne Haut

Empathischer Plünderer: Carole Angiers große W. G. Sebald-Biografie „Nach der Stille“

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass die erste umfassende W. G. Sebald-Biografie aus England zu uns kommt, ist kein Zufall. Nicht nur weil die Insel seit den späten sechziger Jahren die Wahlheimat des Schriftstellers war, der 1944 im schwäbischen Wertach zur Welt kam. Sondern weil er heute international als der bedeutendste deutschsprachige Autor seit Kafka gilt, vor einem Peter Handke oder Günter Grass.

Wäre er 2001 nicht im ostenglischen Norwich, wo der Schriftsteller bis zuletzt Germanistik lehrte, mit 57 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, der Literaturnobelpreis wäre ihm wohl sicher gewesen. Die „New York Times“ bezeichnete ihn, den nichtjüdischen Deutschen, nach Erscheinen seines Romans Austerlitz sogar als den, neben dem Auschwitzüberlebenden Primo Levi, „wichtigsten Sprecher des Holocaust“.

Hierzulande, wo Sebald zu Lebzeiten erst spät über den Geheimtippstatus hinauskam und inzwischen fast schon wieder vergessen ist, ist das so verwirrend, dass man sich bei Erscheinen der Biografie umso dankbarer auf die vermeintlich skandalisierbaren Entdeckungen stürzte. Speak, Silence, so der Originaltitel, sei eine „einzige Anklage“, behauptete etwa der „Spiegel“, die Biografie entlarve Sebald als „skrupellosen Schicksalsverwerter“. Und die „taz“ betonte, der Autor sei als „politisch-moralische Instanz nicht zu retten“.

Dabei hätte sich W.G. Sebald gar keine klügere und verständnisvollere Biografin wünschen können als Carole Angier, die bereits gewichtige Werke über Jean Rhys und Primo Levi geschrieben hat. Freilich war es auch für die eingefleischte Sebald-Verehrerin und Tochter jüdischer Flüchtlinge überraschend, in welchem Umfang sich dieser Autor bei der Konstruktion seiner semi-fiktionalen, pseudodokumentarischen Erzähllabyrinthe mit ihren mäandernden Satzkonstruktionen und verstörenden Fotografien in den Lebensläufen von Angehörigen, Freunden, Lehrern, Kollegen oder Bekannten bedient hatte, und zwar jüdischen wie auch nichtjüdischen.

Das brachte Sebald, da er dabei durchaus nicht immer um Erlaubnis fragte (wie er in Interviews unverfroren behauptete), schon zu Lebzeiten immer wieder Ärger ein. Einmal musste er sogar, weil eines seiner Figurenmodelle, der Maler Frank Auerbach, mit einer Klage drohte, den Titelhelden einer Erzählung umbenennen: So wurde aus „Max Aurach“ in späteren Auflagen von Die Ausgewanderten (1992) „Max Ferber“. Carole Angier beurteilt die einzelnen Fälle wohltuend differenziert; im Einzelfall plädiert sie plausibel dafür, das vom Autor Versäumte vonseiten seiner Verleger nachzuholen und Sebalds Quellen in Neuauflagen zu benennen, wie im Fall der Holocaust-Überlebenden Susi Bechhöfer, deren Schicksal zum Teil in Austerlitz einging und die sich, als sie davon erfuhr, „ihrer tragischen Lebensgeschichte beraubt“ fühlte.

Angiers Nachsicht kommt nicht von ungefähr. Denn bei all den faszinierenden Fragen zum Verhältnis von Realität und Fiktion, aber auch Ethik und Ästhetik, die gerade die Werke dieses Autors aufwerfen: Schon immer waren gerade die größten Autoren auch die größten Plünderer ihrer Mitmenschen, wie Angier erinnert. Man denke nur an Goethe, Thomas Mann oder Robert Musil.

Aber auch der heute allzu rasch erhobene Vorwurf der „Cultural appropriation“ sei in Sebalds Fall unangemessen, betont die Biografin. Warum? Weil, von der bestürzenden ästhetischen Qualität von Sebalds Werken einmal abgesehen, die Empathie dieses Autors mit den Opfern, nicht nur des Holocaust, sondern des fortgesetzten menschlichen Zerstörungswerks in der Geschichte überhaupt, eben echt war.

Daran lässt Angiers Darstellung von Sebalds Leben in der Tat keinen Zweifel, der „ohne Haut“ geboren wurde, wie seine Mutter einmal sagte, mehrere schwere psychische Krisen durchlebte und zeitlebens unter diversen psychosomatischen Erkrankungen litt (sich aber beharrlich weigerte, einen Arzt aufzusuchen). Prägend sollte die lebenslange Trauer um den geliebten Großvater und die Verstörung über das doppelte Schweigen der Nachkriegsgesellschaft über Holocaust und Bombenkrieg werden.

Durchaus zeittypisch war freilich seine Rebellion gegen den autoritären „Nazi-Vater“, auch wenn dieser im Krieg nur ein vergleichsweise harmloser technischer Offizier gewesen war. Und als Student wirkte Sebald mit seinen Provokationen gegen das Establishment wie eine „Vor-68er-Version von 68“, so Angier. Sein „Ein-Mann-Krieg gegen die Germanistik“, deren Lehrstühle damals noch von vielen Ex-Nazis bevölkert waren, mit handwerklich eher bedenklich fabrizierten Angriffen auf Carl Sternheim oder Alfred Döblin, sollte legendär werden und war mit ein Grund, warum er sein berufliches Glück bald im Ausland suchte. 

Dass er aber erst als Dozent in England aus Langeweile mit dem Schreiben begonnen hätte, wie der Autor in Interviews behauptete, bezeichnet Angier als Sebalds „größte Lüge“. Tatsächlich entstand schon in den späten sechziger Jahren während des Studiums in Freiburg und Fribourg ein erster, bis heute unveröffentlichter autobiografischer Roman, und schon damals plädierte Sebald zusammen mit seinem Studienfreund Dietrich Schwanitz für einen eher lockeren Umgang mit fremdem Lebensmaterial. Später riet Sebald seinen Studierenden, denen er mit seinem Charme, Humor und seinen unkonventionellen Lehrmethoden unvergesslich wurde: „Ich kann euch nur ermutigen, so viel zu stehlen, wie ihr könnt“. Man darf davon ausgehen, dass es Sebald in unseren moralisierenden Zeiten um einiges schwerer gehabt hätte.

Angiers Sebald-Biografie liest sich kapitelweise so spannend wie ein Detektivroman. So arbeitete sich die Biografin im Marbacher Literaturarchiv durch Abertausende Nachlass-Seiten: Sebald war ein obsessiver Schreiber, der wegen jeder Änderung mit der Hand alles neu schreiben musste. Allein zu Die Ringe des Saturn – inzwischen eine Bibel des Nature Writing und in Zeiten von Klimakrise und Krieg aktueller denn je – finden sich 2000 Seiten an Entwürfen.

Vor allem aber basiert die Biografie auf Gesprächen mit zahlreichen Zeitzeugen, darunter Familienangehörige, Schul- und Studienfreund:innen oder Kolleg:innen und ehemalige Studierende Sebalds. Die Mitarbeit verweigert haben, ausgerechnet, Sebalds Ehefrau und Tochter. Ob das am späten Liebesglück des Autors mit seiner französischen Jugendfreundin Marie liegt? Die Biografin vergleicht diese anrührende Zeit, der Sebald, von seiner Herzerkrankung gezeichnet, die Vollendung seines Opus magnum Austerlitz verdanken sollte, wie selbstverständlich mit dem Glück des lungenkranken Franz Kafka an der Seite Dora Diamants – worüber man sich, wie gesagt, nur hierzulande wundern dürfte.

Titelbild

Carole Angier: W.G. Sebald. Nach der Stille.
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn.
Carl Hanser Verlag, München 2022.
715 Seiten , 38,00 EUR.
ISBN-13: 9783446272620

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