Tausend Könige, kein Königreich
Ein Buch über Ausbeutung, Überleben und den Versuch, Mensch zu bleiben in einer Welt voll Tempo, Druck und Kontrolle: Hu Anyans Erinnerungen „Ich fahr Pakete aus in Peking“
Von Oliver Pfohlmann
Sich vorzustellen, in einer Halle arbeiten zu müssen, ist leicht. Aber in einer Halle so groß wie zehn Fußballfelder? Unter dem endlosen Blechdach des gigantischen Umschlagplatzes am Rande von Peking kommen ständig neue Lastwagen voller Pakete an. Arbeiter wie Hu Anyan haben die Aufgabe, diese Sendungen zu sortieren, von 7 Uhr abends bis 7 Uhr morgens, bei brütender Hitze und Höllenlärm.
Allein das Geräusch der über hundert Gabelstapler, die wie fleißige Ameisen die Pakete auf die einzelnen Sortierteams verteilen, habe ein ununterbrochenes Rumpeln erzeugt, erinnert sich Hu Anyan in seinem Insiderbericht. Eine kräftezehrende Arbeit, die wenig Raum für Freundschaft oder Empathie lässt. Und die nicht jeder überlebt. „In dem Jahr, in dem ich dort war, ist ein Verlader gestorben. Es hieß, er habe wie verrückt geschuftet, um in einer Nacht zwei Lastwagen zu beladen. Als er dann nach Hause kam und sich schlafen legte, ist er nicht mehr aufgestanden.“
Ich fahr Pakete aus in Peking lautet der Titel von Hu Anyans eindrucksvollen Erinnerungen an seine Odyssee durch chinesische Arbeitswelten. In seiner Heimat war das Buch ein Überraschungsbestseller, entstanden ist es in den Monaten des Corona-Lockdowns. Dank der vorzüglich lesbaren Übersetzung von Monika Li ist Hu Anyans intimer Bericht nun auch auf Deutsch erschienen. Mit knapp zwanzig verschiedenen Jobs, alle im Niedriglohnsektor, als Kellner, Bäckerei-Azubi oder Fahrradverkäufer, hielt sich der 1979 geborene Autor seit der Highschool über Wasser. Seine Erfahrungen und Erlebnisse erzählt Hu Anyan mit viel Humor und geschult an westlichen Autoren wie Raymond Carver oder Truman Capote, denen der Autor immer wieder kleine Lobeshymnen widmet.
Sogar eindringliche Reflexionen über den Sinn von Arbeit und die Bedeutung individueller Freiheit finden sich in diesem Buch. So gesehen ist es etwas überraschend, dass der Autor in seinem Heimatland keine Probleme mit der Zensur bekam. Das inhaltlich wie literarisch gelungenste Kapitel ist das über seine Zeit als Kurier für einen Expresslieferdienst. Ein Jahr lang hetzt der Autor mit einem elektrischen Lastendreirad, einem „Trike“, durch Pekings labyrinthische Wohnkomplexe, immer digital überwacht und unter immensem Zeitdruck. Sein Lohn berechnet sich nach der Anzahl zugestellter Pakete; pro Sendung verdiente er 2 Yuan, etwa 25 Cent. „Wenn eine Minute 0,5 Yuan wert war, dann kostete Pinkeln einen Yuan, aber nur, wenn die Toiletten kostenlos waren. Ein Mittagessen dauerte zwanzig Minuten – zehn davon musste ich auf das Essen warten – also waren es 10 Yuan Zeitkosten. (…) Also aß ich normalerweise kein Mittagessen.“
Nicht nur jedes Warten, jede Verzögerung, jeder Kundenanruf kosten ihn Geld. Auch jede verlorengegangene oder beschädigte Sendung hat der Kurier aus eigener Tasche zu ersetzen. Von daher sind die Erwartungen seiner Kunden oft naiv und manchmal einfach nur unverschämt. In zahlreichen Anekdoten und mit viel Sinn für Ironie erinnert sich Hu Anyan an seine abenteuerlichen Erlebnisse mit den Empfängern:
Ich erklärte ihm, wie viele Pakete ich am Tag auslieferte und dass ich immer sofort weiterfahren müsse, um alles zu schaffen. Warten konnte ich wirklich nicht. Keine Ahnung, ob er mich überhaupt richtig verstanden hatte, jedenfalls kritisierte er mich weiter: ,So gehört sich das nicht. Der Kunde ist König, verstanden?‘ ,Aber es sollte doch nur einen König geben. Ich muss jeden Tag hunderten von Königen dienen.‘ Da musste er lachen.“
Umso erschreckender seien die Auswirkungen des permanenten Drucks und Ausgeliefertseins auf sein Gefühlsleben gewesen, erinnert sich der Autor. Von Haus aus eher sozial gehemmt, habe er in seiner Zeit als Kurier plötzlich Momente der hemmungslosen Wut erlebt. Ein Kollege habe einmal in einer Art Tobsuchtsanfall angefangen, mitten im Verkehrsstau auf ein hupendes Auto mit einer Metallstange einzuschlagen. In anderen Jobs war es freilich wenig besser, Hu Anyans Buch ist voller Anekdoten über mobbende Kollegen und Chefs, die ihre Arbeiter vor und nach ihren Schichten daran erinnern, dass sie jederzeit ersetzbar seien. Hu Anyan zumindest ist der Absprung gelungen; inzwischen lebt er als freier Schriftsteller.
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