Eine Zauberformel in 45 Variationen

Ein interdisziplinäres Werk sammelt „Schlüsselbegriffe gesellschaftlichen Zusammenhalts“ – gesucht wird weiterhin das Schloss

Von Hermann RotermundRSS-Newsfeed neuer Artikel von Hermann Rotermund

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was haben die „Theatralisierung des Eigenheims“, die madegassischen Feuchtnasenprimaten und das B1-Sprachniveau miteinander gemein? Sie dienen wie das Tierwohl, die Transidentität und das Co-Parenting als Exemplifikationen für Bestrebungen, unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen einen Zusammenhalt zu stiften – oder sollen es ermöglichen, sein Nichtzustandekommen zu erläutern. Das von Anna Pollmann und Christopher Möllmann herausgegebene zweibändige Sammelwerk Schlüsselbegriffe gesellschaftlichen Zusammenhalts versucht das in Form eines „kritischen Vokabulars“. Kritik ist dabei wohl im klassischen Wortsinn als Suche nach Unterscheidungen zu verstehen und nicht als Abwertung des Bemühens um Zusammenhalt. In der soziologischen Literatur der letzten Jahrzehnte wird Sozialer Zusammenhalt allerdings als Krisenbegriff diskutiert, nicht als etwas Gegebenes oder etwas, das leicht herzustellen wäre. Die „Schlüsselbegriffe“ des Buchtitels können also auch als Störfälle verstanden werden, die ein Misslingen anzeigen – und auf eine tiefere Problematik verweisen, die für dieses Misslingen mitverantwortlich ist.

Behandelt werden in den zwei Bänden insgesamt 45 Begriffe, die soziale Konflikte aufgreifen (wie zum Beispiel Grundsicherung, gleichwertige Lebensverhältnisse oder Racial Profiling), bestimmte soziale Konstellationen beleuchten (zum Beispiel erben) oder aus sozialen Praktiken hervorgehen (wie intersektional oder soziale Reproduktion). Die Länge der einzelnen Beiträge, immer etwa 15 Buchseiten, mag eine Entschuldigung dafür bieten, dass die Argumentation bei manchen Begriffen sehr eng um das jeweilige Stichwort kreist und alternative Sichtweisen und Kontextualisierungen ausgeblendet bleiben. So leuchtet es beispielsweise nicht ein, dass im Beitrag über „streiten“ eine Regelbasierung vorausgesetzt und für ein „gelingendes“ Streiten auch gefordert wird. Eine „Streitkultur“ auf Basis eines Grundkonsenses würde zwar die Anhänger der von Habermas vorgezeichneten Diskursethik erfreuen, ist aber weder auf der privaten Ebene des Streits zwischen Individuen, Familien und Gruppen noch auf der institutionellen Ebene der Parteien und Staaten häufig anzutreffen. Gerade die Ignoranz und Verletzung von Regeln ist das Kennzeichen von sozialen Konflikten. Die Herausgeberin Anna Pollmann geht zwar in der Einleitung vorsichtig zu normativen Setzungen in Distanz, aber im Falle des Streitens wie bei vielen anderen Schlagwörtern liegt eine normative Orientierung trotzdem offen zutage. Diese hat einen interessanten Aspekt, der ebenfalls in der Einleitung angerissen wird, wenn dort die Unterscheidung des Forschungsprojekts zwischen neutralen »Konzepten« und normativen »Konzeptionen« referiert wird. Dabei scheint unterstellt zu werden, dass Normen quasi wie Boxregeln funktionieren, die einen Sieg – also die Durchsetzung der eigenen Interessen – nur innerhalb des Regelregimes zulassen. Soziale Normen sind jedoch beweglich und permanent umkämpft. Es müsste daher um eine prozessuale Sicht des Zusammenhalts gehen. Die ist jedoch in den Buchbeiträgen oft nicht zu finden.

Ein weiteres Beispiel unterkomplexer Ausführungen bietet der Beitrag über die Antisemitismus-Definition. Einerseits weist er zwar auf offene Wunden der deutschen Gesellschaft hin und diskutiert die Problematik der Verknüpfung von Antisemitismus und Israelkritik, wobei der Autor es offenbar nicht über sich bringen kann, die Argumentation von Israel-Kritikern mehr als nur stichwortartig anzudeuten. Das Manko des Beitrags ist dann aber andererseits, dass er nicht auch die Rhetoriken des Antisemitismus-Vorwurfs aufgreift, die in den letzten Jahren besonders in kulturellen Sektoren große Beunruhigung hervorgerufen haben.

Die Bände stehen im Zusammenhang mit dem durch Bundesmittel geförderten Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ). Dieses hat sich programmatisch zur Aufgabe gemacht, den „Zusammenhalt“ in großer Breite als „Kombination aus Einstellungen, Praktiken, sozialen Beziehungen sowie institutionellen Strukturen und schließlich Diskursen“ zu untersuchen. Dabei stellt es sich die „dringliche Aufgabe, eine normativ gehaltvolle Konzeption des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu entwickeln“. Dieser Aufgabe kommen viele Buchkapitel zumindest ansatzweise nach. Meist bleibt es allerdings bei der Formulierung von Andeutungen und Hoffnungen. Wie und mit wessen Unterstützung könnten auch wissenschaftlich erarbeitete Konzeptionen den gesellschaftlichen Zusammenhalt erfolgreich vorantreiben? In vielen Bereichen wären die Voraussetzungen dafür nicht Ideen, sondern ein Mentalitätswandel, also der „Umbau“ des Alltagsbewusstseins, der Einstellungen und Empfindungen – ein Prozess also, der sich über mehrere Generationen erstrecken könnte.

Unverständlich und nicht begründet ist das Fehlen von Beiträgen zur Rolle der Massenmedien und der Netzmedien im Hinblick auf den Zusammenhalt. Bekanntlich haben die aus dem klassischen Rundfunk hervorgegangenen gemeinschaftsfinanzierten Medien den verfassungsgerichtlichen Auftrag, einen Zusammenhalt der besonderen Art zu sichern: „Die Rundfunkanstalten stehen in öffentlicher Verantwortung, nehmen Aufgaben der öffentlichen Verwaltung wahr und erfüllen eine integrierende Funktion für das Staatsganze.“ Hier sind nicht nur Staatlichkeit und Normativität im Spiel, sondern auch die begriffsgeschichtliche und ideologische Tradition des Integrationsbegriffs.

Der Kommunikationswissenschaftler Andreas Vlašić hat 2004 in einer vielbeachteten Untersuchung zur Integrationsfunktion der Massenmedien zwei begriffliche Traditionen unterschieden. Einerseits findet man Konzepte, die von einer homogenen Gesellschaft ausgehen, sei es als ontologische oder mythologische Konstante oder als Norm. Im Mittelpunkt dieses Konzepts steht das Gemeinsame, das durch Inklusion erzeugt und durch Exklusion geschützt wird. Ein Beispiel ist der national-völkische Integrationsbegriff, der in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts Blüten trieb und in die nationalsozialistische Volksgemeinschaft mündete. Das Konzept war und ist häufig mit unbefragten Identitätskonstrukten verbunden, wie „Nation“, „Volk“, „Deutsche“, aber auch „Europäer“ oder „Demokraten“. Im Kontrast dazu stehen Konzepte, die von einer heterogenen Gesellschaft ausgehen. In deren Mittelpunkt steht das Individuum, und die wesentliche Operation dieser Integrationsauffassung ist das Übereinander-informiert-Sein. Die Gesellschaft wird dabei als interkulturelles Ensemble begriffen, das allerdings gemeinsame Grundwerte anerkennt. Die Vorstellung konsensbasierter gesellschaftlicher Beziehungen findet sich in den meisten neueren Integrationsmodellen – es gibt aber auch ihr Gegenteil, zum Beispiel Helmut Dubiels Konfliktmodell. Soziale Systeme stehen nach Talcott Parsons unausweichlich vor dem Dilemma, dass sie institutionalisierte Werte (Normen) aufrichten, die im Widerspruch zu den Handlungen und dynamischen Entwicklungen der Werte von Individuen und Gruppen stehen. Das jeweils erreichte Niveau von Integration wird daher jederzeit infrage gestellt, die Instabilität des Systems ist eine notwendige Folge.

Rahmende Überlegungen dieser Art finden sich nicht im Buch. In der Einleitung Anna Pollmanns wird der Integrationsbegriff und sein normativer Anspruch in einem Satz erwähnt, es fehlt jedoch eine klärende Abgrenzung zwischen diesem Begriff und dem des Zusammenhalts. Integration wird stattdessen im Buch meist auf die Migrationsproblematik verengt.

Über die begriffliche Unterscheidung von „Gesellschaft“ und „Gemeinschaft“ sind sich viele Soziologen seit Ferdinand Tönnies einigermaßen einig. „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ nimmt nach dem Verständnis des FGZ eine eigene bewegliche Position zwischen den beiden Kollektivbegriffen ein. Das allerdings untermauern die meisten Beiträge nicht. Das durch die Schlüsselwörter adressierte Verbindende lässt sich wahlweise der einen oder der anderen Begriffsdomäne zuordnen. „Zusammenhalt“ bildet den (erwünschten) Klebstoff, der Menschen und Praktiken in den beiden begrifflichen Ensembles verbindet und befindet sich insofern ohnehin auf einer anderen kategorialen Ebene. Zusammenhalt kann als virtueller Effekt von Kommunikation verstanden werden, der immer nur punktuell und ereignishaft auftritt und beobachtet werden kann. Insofern wäre Zusammenhalt kein eigener sozialer Modus, sondern bliebe eine im Zeitverlauf seltene oder häufige Folge kommunikativer Ereignisse.

Die 45 Beiträge nehmen Bekanntes aus vielen Lebensbereichen auf und geben Denkanregungen. Allerdings stoßen sie nicht etwa zu einer neuen Gesellschaftstheorie an, die auf Betrachtungen partikularer Ereignissphären aufgebaut wäre. Sie kommunizieren auch nicht untereinander – obwohl es Schnittmengen bei Schlagwörtern wie „einsam“, „altern“, „obdachlos“ und „Grundsicherung“ auf den ersten Blick gibt. Übrigens fehlen unter den Schlüsselwörtern nicht nur solche aus dem Bereich der Medien, sondern auch aus dem der religiösen Orientierungen. Auch die Künstliche Intelligenz, die vielen Menschen und Institutionen Sorgen bereitet, wird nicht thematisiert, sondern nur zweimal in einem Artikel über Plattformökonomie marginal erwähnt.

Die Herangehensweisen der 29 Autorinnen und 28 Autoren sind trotz einiger Vorgaben der Herausgeber zum Aufbau der Beiträge sehr unterschiedlich. Das gilt für die argumentative Tiefe und die stilistischen Qualitäten der Beiträge wie auch für die Anstöße zu Anschlussdiskussionen unter den Leserinnen und Lesern. Einige Beiträge befriedigen sicher vorhandene informative Bedürfnisse – nennen wir sie ruhig Neugier – und vermitteln den Stand der Reflexion über ein Schlagwort, anderen wiederum gelingt es nicht (zumindest beim Rezensenten), ihre Relevanz für weitere Überlegungen plausibel zu machen. Die zwar alphabetische, aber sachlich wilde Abfolge der „Schlüsselwörter“ (einsam – Einzugsgebiet – Engagement) mag für Insider der Zusammenhalts-Spekulation ihren Reiz haben, sie erleichtert jedoch keineswegs den Umgang mit dem 860-Seiten-Werk.

Layout und Typographie sind eigenwillig. Abschnitte innerhalb einzelner Beiträge werden auf vielen Seiten horizontal und vertikal versetzt, ohne dass ein unmittelbarer Zusammenhang mit der inhaltlichen Gliederung einleuchtet. Ansonsten ist das Buch in Wallstein-Qualität hergestellt: Fadenheftung, gute englische Broschur. Fußnoten fehlen, Literaturangaben sind kapitelweise am Ende der Bände zusammengefasst.

In der Einleitung wird der „gesellschaftliche Zusammenhalt“ als „Zauberformel“ in der politischen und medialen Rhetorik bezeichnet. Wie sie funktionieren könnte, ergibt sich aus den 45 Anwendungsversuchen des Buches leider nicht.

Titelbild

Anna Pollmann / Christopher Möllmann (Hg.): Schlüsselbegriffe gesellschaftlichen Zusammenhalts. Ein kritisches Vokabular.
2 Bände.
Wallstein Verlag, Göttingen 2025.
864 Seiten, 39,00 EUR.
ISBN-13: 9783835356979

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