Ein Philosoph provoziert
Richard David Precht sieht in „Angststillstand” die Meinungsfreiheit als bedroht an
Von Thorsten Paprotny
Unter den zeitgenössischen Philosophen in Deutschland ist niemand bekannter als der meinungsfreudige Bestsellerautor Richard David Precht, der seine Thesen, Beobachtungen und Analysen zu Themen der Zeit wortgewandt und pointiert zu präsentieren weiß. An Öffentlichkeitswirksamkeit mangelt es ihm nicht, und in seinem neuen Essay fokussiert er ein Phänomen, das gemeinhin als Signatur der Zeit gilt: die bedrohte Meinungsfreiheit in Deutschland. Auch der US-Vizepräsident J. D. Vance erregte mit dieser Zuschreibung bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 Aufsehen. Bestehen in der Medienlandschaft hierzulande, im öffentlichen Diskurs und auch im Privaten Denkverbote? Ist die Meinungsfreiheit eingeschränkt? Oder halten sich die Menschen selbst mit Meinungen zurück? Precht konstatiert eingangs, dass die Meinungsfreiheit in „liberalen Gesellschaften“ heute im Schwinden begriffen sei. Allein hier schon ahnen Leserinnen und Leser einen verborgenen Widerspruch – denn müssen sich als liberal verstehende Gesellschaften nicht geradezu für Meinungsfreiheit einsetzen und für diese eintreten?
Precht denkt nicht an Maßnahmen der staatlichen „Zensur“, sondern spricht dagegen von „Selbstzensur“, weil ein Mensch sich heute überlegen würde, „ob er das, was er über eine bestimmte Sache denkt, laut äußert oder lieber bleiben lässt“. Es bestehe die Furcht davor, einem politischen Lager zugeordnet zu werden, auch wenn die Meinung selbst frei geäußert werden könnte. Precht beruft sich auf den Politikwissenschaftler Richard Traunmüller und fasst dessen Überlegungen zusammen: „Je geringer die Wahrscheinlichkeit ist, für seine Meinungen in irgendeiner Form sanktioniert zu werden, umso größer ist die Meinungsfreiheit.“ Die Argumentation macht nachdenklich. Die freie Meinungsäußerung gehört zu den verbürgten Grundrechten, und eine Äußerung kann nur sanktioniert werden, sofern diese Meinung andere Menschen diskriminiert oder verletzt.
Für Precht tut sich da bereits eine Grauzone auf, die er mit einer Hypersensibilisierung für vermeintliche oder tatsächliche Triggerpunkte in Verbindung bringt. Der Philosoph spricht von einer „Verengung des Meinungskorridors“, der etwa in Beurteilungen der Covid-19-Pandemie, des Ukrainekrieges und des Krieges im Nahen Osten bestehe. Diese Themen bergen zweifellos Konfliktpotenzial, aber das ist mitnichten neu – auch über die Stationierung der Pershing-II-Raketen wurde in den 1980er Jahren lebhaft diskutiert, ebenso gab es in den 1970er Jahren, im Zuge der 68er-Bewegung, erhebliche Auseinandersetzungen über die sexuelle Freizügigkeit oder über Abtreibung, später über die Nutzung von Atomkraft. Wer eine bestimmte Position vertrat, erregte auch damals schon nicht nur Widerspruch, sondern wurde auch stigmatisiert. Wenngleich das auch in einer Medienlandschaft geschah, die weitaus überschaubarer war als heute. Precht betont die Wichtigkeit der Menschenwürde und überlegt sodann: „Wer für das Gendern eintritt, ist damit nicht zwangsläufig mit der Menschenwürde im Bunde, und wer Gendern für ein ungeeignetes Instrument der Emanzipation hält, stellt weder diese noch die Menschenwürde grundsätzlich infrage.“ Damit ist ein interessanter Gedanke geäußert, der aber bedauerlicherweise nicht diskutiert wird. Precht begnügt sich damit, auf ein Problem zu verweisen und aufzuzeigen, wie leicht aus Vorurteilen Feindseligkeiten entstehen und einen Empörungsrausch auslösen können. Was der Philosoph ausführt, könnte grundsätzlich richtig sein, erklärt aber noch nicht, warum solche Konflikte überhaupt entstehen und wie sie gelöst werden können.
Er erkennt ein Unbehagen über moralische Deutungen und wählt als Beispiel den Ukrainekrieg: „Wenn im Ukrainekrieg die Befürworter von immer umfangreicheren Waffenlieferungen an die Ukraine in nahezu sämtlichen Leitmedien deutlich mehr Raum einnehmen als deren Kritiker, so befindet sich das mediale Meinungsbild in starker Dissonanz zur Meinung der Bevölkerung.“ Auch hier tun sich Fragen auf: Welches Meinungsbild herrscht denn in der Bevölkerung – und wie lässt es sich ermessen sowie angemessen berücksichtigen? Fraglich erscheint, ob es heute tatsächlich „Leitmedien“ gibt, denen grundsätzlich eine Seriosität zuerkannt wird, die anderen zugleich abgesprochen wird. Precht pointiert und polarisiert, er arbeitet mit Zuspitzungen und Vereinfachungen, die diskutiert werden könnten. Denn es ist durchaus fraglich, ob heute tatsächlich eine größere „Konformität“ bei Meinungen erwünscht ist als zu anderen Zeiten. Dass der Mainstream heute dominanter sei als früher, wird behauptet, aber erwiesen ist das nicht.
Nicht weniger problematisch ist die Behauptung, dass das „eigene Wollen“ heute den „Kompass“ des Menschen darstelle, im Verbund mit dem „eigenen Gewissen“ und den „eigenen frei gewählten Überzeugungen“: „Kein Gott, kein Kaiser noch Tribun legen heute fest, was ich zu glauben und wonach ich zu streben habe. Unser Rechtssystem garantiert mir ein selbstbestimmtes Leben.“ Precht lässt die ökonomischen Bedingungen vollständig außen vor, familiäre Prägungen bleiben unberücksichtigt. Zugleich fragt er auch nicht, ob der Mensch in seinem Willen überhaupt frei ist – und nicht doch in Abhängigkeit steht, etwa von bestimmten Dispositionen, die er selbst gar nicht bestimmen kann, wozu etwa auch schwere psychische Erkrankungen oder Traumata gehören können. Der Philosoph sieht in dem Bemühen um „Authentizität“ den Schlüsselbegriff der Gegenwart. Die Betonung derselben ist in der Tat virulent. Trotzdem bleibt der „Kult um die Authentizität“ nur ein Phänomen unter vielen, wenngleich die zunehmende Fokussierung des Ich durchaus auffällt, insbesondere in den sozialen Medien. Precht denkt, dass ein „Maximum an Orientierungslosigkeit“ bestehe und zur Stabilisierung auch Konformität gesucht werde. Der Konformitätsdruck zeige sich heute besonders im Sprachgebrauch, in dem absolut gesetzte Codes bestehen, so dass etwa die Bezeichnung einer „Reinigungskraft“ als „Putzfrau“ unzulässig sei. Die Gesellschaft sei emotionalisiert, die „allgemeine Verletzlichkeit“ weitreichend und die Öffentlichkeit entsprechend „aufgeheizt“:
Die entfesselte Intimität zerstört nicht nur langfristig die gesellschaftliche Ordnung, sie wirkt sich auch problematisch auf die Meinungsfreiheit aus. Eigentlich sollte man ja das Gegenteil erwarten. Jetzt kann jeder ungeniert sagen, was er will. Aber weit gefehlt! Wenn überall Sensibilitäten irritiert werden können, steigt der Konformitätsdruck. […] Was in der Maske von Haltungen auftritt, ist oft nicht mehr als die flüchtige Laune moralischer Opportunität. Man kann sogar sagen: Die Moral wird umso lauter, je haltungsloser sie wird.
Precht hätte hier zwischen Moral und dem Moralisieren unterscheiden können, doch Reflexionen hierzu bleiben aus, während er eine „unreife Affektkultur“ und eine „infantile Empörungsfreude“ diagnostiziert.
Richard David Precht erweist sich als ein streitbarer Denker, der zahlreiche Phänomene aus dem Alltag profiliert und zielgenau beschreibt, aber es zu oft bei einseitigen Überlegungen hierzu belässt. Er argumentiert konfrontativ. Wer philosophiert, so mag die eine Leserin und der andere Leser denken, provoziert. Das ist zulässig, erlaubt und wichtig, es ist ein wertvolles Kennzeichen der Meinungsfreiheit – und natürlich ist es erlaubt, ja notwendig, heute etwa über die Maßnahmen im Zuge der Covid-19-Pandemie kritisch nachzudenken und die Frage nach der Verhältnismäßigkeit neu zu stellen. Vielleicht darf aber auch bedacht werden, dass nicht nur in Deutschland damals die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft im Modus einer kollektiven Überforderung mit einer unbekannten Situation agierten, deren Verlauf und Entwicklung niemand verlässlich einschätzen konnte. Precht würde sagen, dass die begleitende Berichterstattung in den Medien zu unkritisch war – und damit könnte er einen Punkt haben, zumindest dürfte und sollte darüber heute diskutiert werden. Die Ansicht, dass heute die Meinungsfreiheit gefährdet sei oder verschwinden würde, darf man in einer offenen, freien Gesellschaft haben und öffentlich vertreten. Es ist sogar wichtig, denn wäre dies nicht möglich, wäre die Meinungsfreiheit wirklich im Schwinden begriffen.
Richard David Prechts Buch verdient kritisch-reflektierte Diskussionen und eine sachgerechte Rezeption. Ein Philosoph unserer Zeit erregt Anstoß und gibt auch wichtige Denkanstöße. Deswegen freilich muss man ihm weder grundsätzlich noch nicht in allen seinen Meinungen zustimmen, im Gegenteil: Jede Leserin, jeder Leser ist so frei, Precht zuzustimmen. Oder eben begründet und gelassen zu widersprechen.
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