Wissenschaftskritik und literarische Moderne

Zur Problemlage des frühen Expressionismus

Von Walter Müller-SeidelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Müller-Seidel

Der Begriff Moderne ist seit längerem undeutlich geworden. Nicht erst dadurch, daß es das gibt – oder nicht gibt –, was man Postmoderne nennt; eher schon im Hinblick auf die unterschiedlichen Zeiträume, die er umspannt. Für den Soziolo­gen Richard Münch (Die Kultur der Moderne, 1986) beginnt sie ab ovo, im Grunde mit unserer Zeitrechnung. Anders Jürgen Habermas: er führt ihre Anfänge in die europäische Aufklärung zurück und bezeichnet sie ausdrücklich als ein unabgeschlossenes Projekt.[1] Vollends zur Undeutlichkeit ist der Begriff dadurch verurteilt, daß er sehr Unterschiedliches bedeuten kann. Die Modernisierung in Wissenschaft, Technik oder Kriegstechnik ist eines; die Moderne, ästhetisch oder literarisch verstanden, ein anderes. Die Undeutlichkeit des Begriffs wird in erhöh­tem Maße spürbar, wenn man ein Symptom wie den Nationalsozialismus in Deutschland in das Begriffsfeld einbezieht. Das geschieht wiederholt in den Schriften des Historikers Rainer Zitelmann. In einer Veröffentlichung neueren Datums, in dem von ihm herausgegebenen Sammelband mit dem Titel National­sozialismus und Modernisierung, ist die geforderte begriffliche Unterscheidung noch durchaus gewahrt. Aber schon das Vorwort weicht von der im Titel des Buches zum Ausdruck gebrachten Unterscheidung – daß hier Modernisierung gesagt wird und nicht Moderne – deutlich ab, wenn von der „Diskussion über das Verhältnis von Nationalsozialismus und Moderne“ gesprochen wird.[2] Es gibt mit­hin zwei Begriffe, die es mit dem zu tun haben, was wir modern nennen. Es gibt die empirische, weithin wertfreie „Sache“, die Modernisierung; und es gibt die Antwort auf die Sache in Literatur, bildender Kunst oder Musik. Es handelt sich mit anderen Worten um eine Spaltung der Begriffe, die es gibt, seit das Substan­tiv „die Moderne“ Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Kreisen des deutschen Naturalismus eingebracht wurde.[3] Diese Spaltung gilt es sich be­wußt zu halten. Aber sie wird vernachlässigt, wenn man Nationalsozialismus und Moderne gedankenlos zusammenbringt – wenn man die Verfolger mit den Ver­folgten begrifflich „verbrüdert“. Dieser Spaltung im Wortfeld „modern“ – mo­derne Kriegstechnik dort und literarische Moderne hier – entspricht diejenige des Fort­schritts, den wir uns seit Beginn der Moderne (im engeren Sinne verstanden) nur als gespaltenen Fortschritt denken können. Die Fortschritte in der Technik des Tötens – immer schneller, immer massenhafter – stellen eine Pervertierung derje­nigen Fortschritte dar, die es mit der Humanisierung unserer Lebenswelt zu tun haben. Die Modernisierung in Gesellschaft und Wissenschaft, die Fortschritte dieser Modernisierung, will die literarische Moderne nicht rückgängig machen; sie ist weit entfernt, vormoderne Zeiten zu beschwören. Aber sie verhält sich gegenüber allen Modernisierungen und dem damit einhergehenden Fortschritt weder affirmativ noch negierend sondern auf ihre Art: nämlich zurückhaltend, skeptisch, kritisch oder, um ein Wort dieser Moderne zu gebrauchen, ambivalent. Diese für die Moderne von Anfang an bezeichnende Ambivalenz zeigt sich bei Nietzsche in einem Aphorismus seiner Schrift Menschliches, Allzumenschliches. Er hat ihn mit der paradoxen Wendung Trostrede eines desparaten Fortschritts überschrieben. Hier heißt es: „Unsere Zeit macht den Eindruck eines Interim-Zustandes; die alten Weltbetrachtungen, die alten Culturen sind noch theilweise vorhanden… Wir schwanken, aber es ist nöthig, dadurch nicht ängstlich zu wer­den und das Neu-Errungene etwa preiszugeben. Ueberdies können wir in’s Alte nicht zurück, wir haben die Schiffe verbrannt; es bleibt nur übrig, tapfer zu sein, mag nun dabei dieses oder jenes herauskommen. – Schreiten wir nur zu, kommen wir nur von der Stelle! Vielleicht sieht sich unser Gebahren einmal wie Fort­schritt an.“[4] Die Einstellung zum Fortschritt ist hier in einem für Nietzsche be­merkenswert konzilianten Ton formuliert. Mit einem Gläubigen dieser Fort­schrittsgeschichte, mit David Friedrich Strauß, dem Verfasser des Buches Der alte und der neue Glaube, geht er in der ersten der Unzeitgemäßen Betrachtungen weniger konziliant um. Gläubige in diesem Sinn sind auch die Schriftsteller des Naturalismus, um hier nur an weniges zu erinnern. In der Schrift Darwins Welt­anschauung von Bruno Wille wird 1906 vom Streben nach einer harmonischen Bestätigung unserer Kräfte gesprochen, „nach jener lebendigen Wissenschaft …, die zugleich Religiosität, Andacht ist.“[5] An solcher Gläubigkeit läßt auch Gerhart Hauptmann im Rückblick auf seine Jugendjahre keine Zweifel. In der Autobio­graphie Das Abenteuer meiner Jugend hat er sich hierüber geäußert: „Der Grund­zug unseres damaligen Wesens und Lebens war Gläubigkeit. So glaubten wir an den unaufhaltsamen Fortschritt der Menschheit. Wir glaubten an den Sieg der Naturwissenschaft und damit an die letzte Entschleierung der Natur… Dieser Op­timismus war schlechthin Wirklichkeit. Man mag sich durch den scheinbar ver­zweifelten Pessimismus der ‚Modernen Dichter-Charaktere‘ nicht täuschen lassen.“[6] Die Schriftsteller des deutschen Naturalismus verhalten sich gegenüber der modernen Naturwissenschaft und gegenüber den Modernisierungsprozessen der Gesellschaft – wie Zola – weithin affirmativ, abhängig und sich unterordnend, nachzulesen in einer der gedanklich schwächsten Schriften, in Wilhelm Bölsches Programmschrift Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Bezeich­nend ist die Gesundheitsideologie, die mit der klassizistischen Ästhetik des 19. Jahrhunderts vollkommen übereinstimmt, wenn es heißt: „Die Krankheit kann nicht verlangen, den Raum der Gesundheit für sich in Anspruch nehmen zu wol­len, das unausgesetzte Experimentieren mit dem Pathologischen … nimmt der Poesie … ihren eigentlichsten Charakter.“[7] Die Schriftsteller des Naturalismus sehen keine andere Möglichkeit, als im Strome der allgemeinen Kulturentwick­lung mitzuschwimmen, wie sich Julius Hart 1896 in einem Beitrag über die Lyrik der Zeit ausdrückt.[8] Die literarische Moderne in dem so verstandenen Sinn ist in dem Augenblick da, in dem sich die Literatur aus ihrer Umklammerung durch die Naturwissenschaft löst und sich von ihrer Herrschaft befreit. Es handelt sich um den Akt einer zweiten Emanzipation nach der im 18. Jahrhundert vorausgegange­nen Emanzipation von der Theologie. Mit dieser Befreiung sind Unabhängigkeit, Widerständigkeit und Formen kritischer Distanz verbunden. Wo es um mehr geht als um Skepsis und Distanz haben wir Grund, von Wissenschaftskritik zu spre­chen. Sie geht einher mit einer Trennung der Kulturen, die der Physiker und Ro­mancier C. P. Snow seinerzeit nicht begriff, weil er die Moderne in Kunst und Literatur nicht begriff.[9] Wissenschaftskritik kann sich gelegentlich in schroffen Redeformen äußern und in Wissenschaftsfeindlichkeit umschlagen, wie etwa in dem George nachgesagten Dictum: „Von mir führt kein Weg zur Wissenschaft.“[10]

Wissenschaftskritik, die ein neuartiges Verhältnis zwischen Natur­wissenschaft und Literatur nach dem Naturalismus bezeichnet, ist nicht durchaus neu, wie sich an Rousseaus radikaler Akademieschrift aus dem Jahre 1750 zeigt. Aber neu ist die Verbindung, die sie nunmehr eingeht: die Verbindung mit Sprachkritik; denn das eine ist hinfort vom andern nicht mehr zu trennen. In der Entstehungszeit der Tragödienschrift Nietzsches, die dem Optimismus des wissen­schaftlichen Zeital­ters gründlich abschwört und deren spätere Ausgabe den Un­tertitel Griechentum und Pessimismus erhält, entsteht auch die erst 1896 veröf­fentlichte Schrift Ueber Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne.[11] Von der Sprache und ihrem Trieb zur Metaphernbildung her wird der Wahrheitsgehalt von Wissenschaft pro­blematisiert und in Frage gestellt, wie es ähnlich in Mensch­liches, Allzumenschli­ches geschieht, in dem Aphorismus mit der bezeichnenden Überschrift Die Spra­che als vermeintliche Wissenschaft. Hier heißt es: „er [der Mensch] meinte wirk­lich in der Sprache die Erkenntnis der Welt zu haben … Sehr nachträglich – jetzt erst – dämmert es den Menschen auf, dass sie einen un­geheuren Irrthum in ihrem Glauben an die Sprache propagiert haben.“[12] Der Neu­artigkeit solcher Kritik war sich Nietzsche deutlich bewußt, und so kann es auch nicht überraschen, daß Wis­senschaftskritik als Begriff von ihm explizit gebraucht und erläutert wird, wie es im Versuch einer Selbstkritik geschieht, die der späte­ren Ausgabe der Tragödien­schrift vorangestellt wird: „Was ich damals zu fassen bekam, etwas Furchtbares und Gefährliches, ein Problem mit Hörnern, nicht noth­wendig gerade ein Stier, jedenfalls ein neues Problem: heute würde ich sagen, daß es das Problem der Wissenschaft selbst war – Wissenschaft zum ersten Male als problematisch, als fragwürdig gefasst.“[13] Die Verknüpfung von Sprachkritik und Wissenschaftskritik setzt sich im Werk des jungen Hofmannsthal fort. In einem der frühen Essays, geschrieben noch vor Erscheinen von Nietzsches sprachkritischer Schrift, wird sie in einem unüberhörbar aggressiven Ton for­muliert, wenn es heißt: „Die unendlich komplexen Lügen der Zeit, die dump­fen Lügen der Tradition, die Lügen der Äm­ter, die Lügen der einzelnen, die Lügen der Wissenschaften, alles das sitzt wie Myriaden tödlicher Fliegen auf unserem armen Leben. Wir sind im Besitz eines entsetzlichen Verfahrens, das Denken völlig unter den Begriffen zu ersticken.“[14] Es ist üblich, von Sprachskep­sis zu sprechen, wenn von Hofmannsthals Brief des Lord Chandos gesprochen wird[15] – einem „Dokument, das, an Konsequenz und Bedeutung, die Thesen des Naturalis­mus weit übertrifft“, wie Walter Jens be­merkt hat.[16] Aber Sprachskepsis ist ei­gentlich kein zutreffender Begriff für das, was hier über Sprache gesagt und gegen sie vorgebracht wird. Es ist fundamen­tale Sprachkritik weit mehr, und auch hier ist sie von Wissenschaftskritik nicht zu trennen, um die es sich handelt. Der Brief enthält eine Absage in der Form eines Abschiedsbriefes. Sie gilt dem frühe­ren Mentor des jungen Lord, keinem Gerin­geren als Sir Francis Bacon, dem In­augurator neuzeitlicher Wissenschaft und ihrer Technik. Sie gilt einer in der Ge­schichte der Wissenschaften hochgeachteten Persönlichkeit, mit der sich verbin­det, was fortan Epoche machen wird: ausge­prägtes Nützlichkeitsdenken, rück­sichtslose Naturbeherrschung und die Devise „Wissen ist Macht“ obendrein. Man muß sich die Verklärung seiner Person im 19. Jahrhundert von Macaulay bis Du Bois-Reymond vergegenwärtigen, um den abrupten Wechsel zu begreifen, der um die Wende zu unserem Jahrhundert stattfindet, einen Paradigmawechsel, wie hier mit gutem Grund gesagt werden darf. Die in Hofmannsthals Brief sich vorsichtig äußernde Kritik und die höfli­chen Formen, die gegenüber dem Mentor gewahrt werden, weichen sehr bald einer schärferen Tonlage. So in der Schrift Entpersön­lichung von Ricarda Huch, erschienen 1922. Das dem Naturforscher gewidmete Kapitel beginnt mit dem von wenig Respekt zeugenden Satz: „Der Herold der modernen Weltanschauung, die den selbstbewußten Menschen oder den Verstand in den Mittelpunkt stellt, von ihm ausgeht, war der Engländer Francis Bacon, ein merkwürdiger Mann, der Grauen erregen könnte, wenn er nicht ans Komische streifte.“[17] Nicht weniger kritisch wird in einer Schrift des Prager Philosophen Oskar Kraus geurteilt, der auch im Louvre-Kreis verkehrte, den man aus der Bio­graphie Kafkas kennt. Der Friedensgedanke Benthams wird in der 1926 veröf­fentlichten Schrift gegen den Machtgedanken Bacons ausgespielt.[18] Es überrascht nicht, daß Bacon in kritischer Beleuchtung bald auch im Theater der Weimarer Republik erscheint, in dem Stück Elisabeth von England von Ferdinand Bruckner (1930). Die Verbindung, die es zwischen der Entstehung der neuzeitlichen Wis­senschaft und der Entste­hung des Nationalismus und Imperialismus gibt, soll gezeigt werden. Alle diese Darstellungen grenzen an Abrechnung, und um eine solche handelt es sich auch in Theodor Adornos und Max Horkheimers Schrift Die Dialektik der Aufklärung. In dem Kapitel Begriff der Aufklärung lesen wir Sätze wie die folgenden: „Trotz seiner Fremdheit zur Mathematik hat Bacon die Gesinnung der Wissenschaft, die auf ihn folgte, gut getroffen. Die glückliche Ehe zwischen dem menschlichen Verstand und der Natur der Dinge, die er im Sinne hat, ist patriarchal: der Ver­stand, der den Aberglauben besiegt, soll über die ent­zauberte Natur gebieten. Das Wissen, das Macht ist, kennt keine Schranken, weder in der Versklavung der Kreatur noch in der Willfährigkeit gegen die Her­ren der Welt … Was die Men­schen von der Natur lernen sollen, ist, sie an­zuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen. Nichts anderes gilt.“[19] Auch an den Physiker und Nobel­preisträger Wolfgang Pauli ist zu erin­nern, der über Bacon schreibt: „Sein prak­tisches Ziel war ausdrücklich die Be­herrschung der Naturkräfte durch Entdeckun­gen und Erfindungen … Ich glaube, daß dieser stolze Wille, die Natur zu be­herrschen, tatsächlich hinter der neuzeit­lichen Naturwissenschaft steht.“[20]