Das Münchner Assistenten-Flugblatt 1968/69

Ein Dokument der Diskriminierungs- und Emanzipationsgeschichte

Von Sabine KolochRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sabine Koloch

 
Inhalt

1. Das Assistenten-Flugblatt und die Assistenten-Flugblatt-Gruppe
2. Die digitale Veröffentlichung des Assistenten-Flugblatts auf Wikimedia Commons
3. Der offene Brief des Seminarvorstands zum Assistenten-Flugblatt, unterzeichnet von Hans Fromm
4. Das im Assistenten-Flugblatt angeführte Gutachten und das Gegenflugblatt von Walter Müller-Seidel
5. Ein Diskursbruchstück der Assistenten-Vollversammlung der Philosophischen Fakultät München im Mai 1968: der Antrag Hans-Wolf Jägers
6. Der Fall Paul-Gerhard Völker
7. Der Fall Rolf Schröder
8. Das Einladungsschreiben „Planvoller institutioneller Wandel“ und das Flugblatt „Aktion Stachelschwein“
Fazit 1: Wissenschaftler/innen und Lernkultur
Fazit 2: Wissenschaft, Demokratie und Öffentlichkeit
Fazit 3. Wissenschaftsgeschichtsforschung und Rechtsstaatlichkeit
Fazit 4: Wissenschaftsgeschichtsforschung, Quellenarbeit und Qualitätssicherung
Fazit 5: Wissenschaftsgeschichtsforschung und das Problem der fehlenden Distanz

1. Das Assistenten-Flugblatt und die Assistenten-Flugblatt-Gruppe

Das an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München im laufenden Wintersemester 1968/69 verteilte Assistenten-Flugblatt ist 50 Jahre nach seiner Entstehung als Zeitzeugnis der Diskriminierungs- und Emanzipationsgeschichte des wissenschaftlichen Nachwuchses wiederzuentdecken.[1] Seine Aktualität verdankt das namentlich gezeichnete Textdokument (Maschinenschrift, 3 Seiten) uneingelösten Forderungen nach Transparenz und gelebter Demokratie im universitären Bereich. Die bestechend klar formulierte Präambel gab den Rahmen vor für Lösungen, die aus „einer veralteten Universitätsstruktur“ herausführen sollten:

Eine demokratische Praxis innerhalb eines Universitäts-Instituts hat zur Voraussetzung, daß vorhandene Interessen-Gegensätze öffentlich und rational ausgetragen werden. Nur auf diese Weise wird verhindert, daß an die Stelle überprüfbarer Kriterien persönliche und ideologische Differenzen als Gründe für Machtausübung treten.

Ziel der Flugblattaktion war es, Willkür bei der Rekrutierung und Disziplinierung von Assistenten aufklärend und abwehrend entgegenzutreten. Das Wort „Willkür“ steht in diesem konkreten Fall zum einen für die Nichtnachprüfbarkeit von Beschlüssen und Entscheidungen auf der Hierarchieebene der Ordinarien infolge nicht offengelegter Definitionen und Entscheidungskriterien, zum andern für eine auf Überlegenheitsstreben der Lehrstuhlinhaber abgestellte Institutspolitik, zum dritten für Kontrollen solcher Art, die ein Klima des Misstrauens und zugleich der Feindseligkeit, Spaltung, Ausforschung, Denunziation und Einschüchterung begünstigen.

Marie Luise Gansberg, Hans-Wolf Jäger, Paul-Gerhard Völker und Werner Weiland,[2] von mir kurz „Assistenten-Flugblatt-Gruppe“ genannt, argumentierten im Assistenten-Flugblatt auf der Grundlage von Vernunft und eigenen Erfahrungen. Verbindende Elemente waren die Bereitschaft, demokratische Prinzipien und Praktiken zu stärken, sich auf neuartige (Gruppen-)Prozesse einzulassen und die auf institutioneller Ebene notwendigen Neuerungen und Änderungen unverhüllt zur Sprache zu bringen, auch gegen äußeren Druck. Wohl in dem Bestreben, keine Zweifel an ihrer Verfassungstreue aufkommen zu lassen, führte die Vierergruppe aus den im Grundgesetz verankerten Grundrechten Artikel 5 Absatz 3 an: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei“.

Eine mit wenigen Ausnahmen auf männliche Akteure rekurrierende und hauptsächlich oder ausschließlich professorenfixierte Fachgeschichtsschreibung zur 68er-Zeit[3] ‒ sie ist vor allem bei älteren Altersgruppen anzutreffen ‒ stellt ein Relikt aus einer patriarchalischen Gesellschaft dar. Angesichts dieser häufig anzutreffenden Forschungsprämissen und den sich daraus herleitenden mehr oder minder bewusst vertretenen unzulässigen Verkürzungen, Pauschalisierungen und Verfälschungen scheint mir das Assistenten-Flugblatt besonders geeignet, den Blick für die damaligen Vorgänge im akademischen Mittelbau, für den Anteil und die Situation der Frauen im Lehrkörper und für die 1968/69 herrschenden Studienbedingungen zu weiten und zu schärfen. Aus den dargelegten Gründen halte ich eine noch differenziertere Untersuchung zum Assistenten-Flugblatt für wichtig und dringlich. Richtungsweisendes Material trug bereits Jörg Schönert zusammen.[4] Weitere Quellen werden nachstehend und in anderen Beiträgen des Webprojektes 1968 in der deutschen Literaturwissenschaft bibliographisch nachgewiesen oder auszugsweise bzw. vollständig zitiert. Aus der Gesamtzahl der Dokumente wären die verschiedenen und vielschichtigen Konfliktlinien minutiös zu rekonstruieren.

2. Die digitale Veröffentlichung des Assistenten-Flugblatts auf Wikimedia Commons

Wie oben erwähnt, rief der Literaturwissenschaftler Jörg Schönert das Assistenten-Flugblatt im Jahr 2011 ins Fachgedächtnis zurück. Auszüge aus dem Text des Flugblatts werden von ihm bevorzugt in den Fußnoten seiner quellennahen Darstellung der Konfliktverläufe an den Seminaren für Deutsche Philologie der LMU um 1970 angeführt.[5]

Jörg Schönert (* 1941) befasst sich seit geraumer Zeit mit fachgeschichtlichen Themen.[6] Die Herkunft des von ihm benutzten Exemplars des Assistenten-Flugblatts lässt er offen. Nicht unerheblich ist im vorliegenden Zusammenhang die Tatsache, dass er u.a. in München studierte (Germanistik und Anglistik) und 1969 bei Walter Müller-Seidel (1918‒2010) promovierte.[7] Dass er die Konflikte, die sich um das Assistenten-Flugblatt rankten, aus nächster Nähe miterlebte, bestätigt der weiter unten ausschnittweise wiedergegebene Brief von Georg Grill, datiert auf den 21.3.1969 (Abschnitt 8).

Das von mir herangezogene Exemplar des Assistenten-Flugblatts stammt von Hans-Wolf Jäger.[8] Das in der Sammlung Eberhard Zorn enthaltene Exemplar gelangte mit dieser Sammlung ins Archiv des Instituts für Zeitgeschichte München.[9]

   

Abb. 1‒3: ASSISTENTEN-FLUGBLATT Wi-Sem. 1968/69, Blatt 13. Um die Digitalaufnahmen in den von mir initial verfassten Wikipedia-Artikel zu Paul-Gerhard Völker einbinden zu können, lud der Rechtsnachfolger Felix Weiland, Sohn von Werner Weiland, diese am 1.7.2017 im Medienarchiv Wikimedia Commons hoch. Exakt ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung wird das Assistenten-Flugblatt an dieser Stelle ein zweites Mal in gescannter Form veröffentlicht.

Das Flugblatt erschien frühestens Ende Januar 1969.[10] Diesen Schluss legt die Zeitangabe „am 22. Jan. 1969 gehaltenes Referat“ nahe, die sich auf Gansbergs über München hinaus bekannt gewordenen Vortrag, gehalten im Seminargebäude in der Schellingstraße 3, bezieht.[11]

 

Abb. 4: Bildschirmkopierter Ausschnitt aus Seite 149 des digitalisierten Vorlesungsverzeichnisses der LMU München für das Sommersemester 1968.

3. Der offene Brief des Seminarvorstands zum Assistenten-Flugblatt, unterzeichnet von Hans Fromm

Eine offizielle Stellungnahme zu den im Assistenten-Flugblatt wenige Monate zuvor artikulierten Problempunkten erschien in der Sommersemester-Ausgabe 1969 der Informationen der Seminare für Deutsche Philologie, Universität München (1‒5, 1968‒1972, Nr. 1‒10). In dem zur Verfügung stehenden Rahmen können die diesem Textzeugnis entnehmbaren Informationen nachfolgend nur punktuell quellenkritisch kommentiert werden.

Zum Beweis dafür, den Verlauf der Reformdiskussionen der Assistentenbewegung mitverfolgt zu haben, erwähnt der Germanist und Finnougrist Hans Fromm (1919‒2008) im letzten Absatz der Stellungnahme ausdrücklich die vorbereitenden Tagungen der Bundesassistentenkonferenz[12] zwischen September 1967 und Februar 1968 (Veranstaltungsorte waren die Philipps-Universität Marburg, die Evangelischen Akademie Loccum und das Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld).[13] Auf ihrer zweiten Vollversammlung im Oktober 1968 hatte die Bundesassistentenkonferenz mit dem Kreuznacher Hochschulkonzept einen Grundlagentext verabschiedet. Darin wird ausgeführt:

Eine Neugliederung muß die Möglichkeiten freier Forschung und Lehre für alle Mitglieder des Lehrkörpers gleicherweise garantieren, damit das Angebot an Lehre vergrößert, Lehre und Forschung verbessert und die negativen menschlichen Auswirkungen zu langer Abhängigkeit und Unselbständigkeit verringert werden. Jede Neuordnung muß von der Einsicht ausgehen, daß die Leistungen in Forschung und Lehre in einem direkten Verhältnis zur Freiheit und Unabhängigkeit der Personen steht, die sie erbringen.[14]

Man muss in Kenntnis der tatsächlichen Motive und Ziele der Assistentenbewegung den Schluss ziehen, dass Fromm, der für die unten stehende Stellungnahme verantwortlich zeichnete, einer Selbsttäuschung erlag oder aber bewusst Fehlinformation streute.[15]

Um weitere quellenkritische Forschungen zum offenen Brief des Seminarvorstands anzuregen, gebe ich diesen vollständig wieder:

Zum Assistentenflugblatt

Wir entsprechen dem von einigen Assistenten gewählten Verfahren und geben nachstehend die briefliche Antwort des seinerzeit federführenden Vorstands, Prof. Fromm, vom 3. März bekannt:

Sehr geehrte Frau Dr. Gansberg,

ich richte meine Antwort auf Ihren Brief und den Ihrer Herren Kollegen Jäger, Völker und Weiland an Sie und bitte Sie, die genannten Herren zu verständigen.

Zu dem von Ihnen veröffentlichten sogen. Assistentenflugblatt bemerke ich im einzelnen:

1. Zu der Beurteilung der wissenschaftlichen Arbeit Dr. Weilands sind, wie ich höre, die ausführlichen Stellungnahmen der Herren Professoren Müller-Seidel und Sengle soeben erfolgt. Ich kann hier auf sie verweisen.

2. Zum Proseminar Dr. Jäger. Es ist bedauerlich, daß bisher immer noch nicht eine angekündigte Stellungnahme seitens der Universität vorliegt, welche sich mit dem Ausmaß der Weisungsgebundenheit von Assistenten beschäftigt, die in der Form eines Lehrauftrags am Grundstufenunterricht des Faches beteiligt sind. Ich kann darüber daher nur Vorläufiges sagen. So viel scheint jedoch festzustehen, daß der Assistent, wie auch immer angenommen und nie in Zweifel gezogen wurde, in Bezug auf die inhaltliche Substanz seiner Übung, sofern sie vom Lehrauftrag gedeckt wird, freie Hand hat, daß aber ebenso unzweifelhaft der geschlossene Charakter der Veranstaltung und die nicht übertragbare verantwortliche Gesamtleitung durch den Betreffenden integrierende Merkmale von Seminarübungen sind. (Übungsprotokolle, die vervielfältigt verteilt werden, könnten die Vielseitigkeit der Diskussionen widerspiegeln, sollten aber erkennen lassen, daß das Grundstufenseminar einer verantwortlichen und einheitlichen Gesamtleitung untersteht.)

Didaktische Experimente werden immer den Beifall der Seminarleitung finden, doch sind Kontrollen unumgänglich, wenn durch Mitteilungen aus dem Kreise der Studenten vermutet werden muß, daß einer der oben genannten Grundsätze von dem Veranstalter der Übung verletzt wurde.

Ich kann also in der Tatsache, daß die Herren Professoren Sengle und Kuhn sich von Herrn Dr. Jäger in einer Unterredung über die Modalitäten seiner Übung unterrichten ließen und anschließend Professor Sengle an einer Übung teilnahm, keine persönlich auf Dr. Jäger gezielte Maßnahme sehen, sondern Wahrnehmung einer Aufsichtspflicht, die bei gleichem Anlaß gegenüber jedem Assistenten wahrzunehmen wäre. Mit Bezug auf den Schluß des Flugblattes bemerke ich, daß die Begriffe „Weisungsbefugnis“ und „Aufsichtspflicht“ nicht im Hinblick auf „Wissenschaftsbegriff, Methodik und Didaktik“ definiert werden können; sie sind Bestandteil des geltenden Hochschulrechts.

3. Ebenso besteht eine Aufsichtspflicht seitens der Seminarleitung über die von den Assistenten durchgeführte Korrektur der Zwischenprüfungsklausur, um die Sachgerechtigkeit der Korrektur und die Einheitlichkeit des Beurteilungsmaßstabs zu überprüfen. Es ist klar, daß sie immer nur in der Form von Stichproben ausgeübt werden kann. Solche Überprüfungen fanden, soweit ich weiß, seit je in kleinem Umfange statt. Wenn die Korrekturergebnisse (sehr stark vom Durchschnitt abweichender Prozentsatz von ungenügend bewerteten Arbeiten o. ä.) Hinweise geben, wird selbstverständlich die Überprüfung sich um die Aufklärung dieses Tatbestandes zu bemühen haben. Von „Willkür“ kann wohl weder hier noch in dem oben genannten Falle die Rede sein.

4. Grundsätzlich ist keinem Lehrbeauftragten erlaubt, Übungen über den Rahmen seines Lehrauftrags hinaus anzukündigen und abzuhalten. Für jede Abänderung des Lehrauftrags ist die Genehmigung der Lehrauftragskommission der Philosophischen Fakultät einzuholen. Möchte ein Lehrbeauftragter eine Übung, die über den genannten Rahmen hinausgeht, ankündigen, muß er dazu eine Sondergenehmigung einholen.

Herr Dr. Völker hat dies im Sommersemester 1968 leider versäumt, hat dieses Versäumnis dann, als er darauf aufmerksam gemacht wurde, eingesehen und das Thema seiner Übung geändert.

Der Vergleich mit der Übung von Herrn Dr. Reich ist insofern nicht ganz korrekt, als Herr Dr. Reich diese Sondererlaubnis auf Grund seiner wissenschaftlichen Leistung gerade auf dem genannten Gebiet (Dissertation: „Sprache und Politik“) weit eher zugestanden werden kann als Herrn Dr. Völker, dessen wissenschaftliche Kompetenz auf dem Gebiete der mittelalterlichen Literaturgeschichte niemand bezweifeln wird, der aber Arbeiten mit linguistischer Thematik noch nicht vorgelegt hat.

Die Stellung des Lehrbeauftragten ist eben dadurch gekennzeichnet, daß der Träger durch seinen ihm speziell erteilten Lehrauftrag den Lehrbetrieb an einer Hochschule abrunden hilft. Auch der Umfang seiner Lehrveranstaltungen wird durch die betr. Hochschule festgelegt. Darüber hinaus ist er freier als etwa ein Assistent. So bleibt er persönlich außerhalb der Hochschule, und ein personenrechtliches Band wird durch den Lehrauftrag nicht geknüpft. Dieser erlischt auch, wie bekannt, mit dem Ende jedes Semesters und bedarf der Erneuerung.

Wie aus dem Vorstehenden deutlich wird, kann nicht davon die Rede sein, daß „eine …Gruppe von Assistenten, die ein unorthodoxes wissenschaftliches Konzept verfolgt, …eingeschüchtert“ werden soll, sondern es handelt sich um Verantwortlichkeiten und Maßnahmen im Interesse eines koordinierten Lehr- und Prüfungsbetriebs, wobei auch nach den eigenen Überlegungen der Assistenten in Marburg, Loccum und Bielefeld davon auszugehen ist, daß der Assistent mit den daraus resultierenden Rechten praktisch als dem Lehrkörper der Hochschule angehörend zu sehen ist, in der Lehre mitwirkt, andererseits aber seine wissenschaftliche Ausbildung noch nicht abgeschlossen hat und somit noch nicht alle die Freiheiten in Anspruch nehmen kann, die habilitierten Mitgliedern des Lehrkörpers zuerkannt werden. Seine Habilitationswürdigkeit ergibt sich gerade erst aus den wissenschaftlichen Leistungen und der didaktischen Befähigung, die er während der ersten Jahre seiner Assistententätigkeit unter Beweis stellt.

                                                                Mit bester Empfehlung

                                                                            gez. Fromm[16]

Eine Voreingenommenheit und perspektivische Verzerrungen vermeidende Betrachtungsweise der Vorgänge rund um das Assistenten-Flugblatt hat das Faktum zu berücksichtigen, dass Fromm auf der Mitgliederversammlung der Vereinigung der deutschen Hochschulgermanisten auf dem Germanistentag in Berlin (7.‒12.10.1968) gegen die Aufnahme von Hans-Wolf Jäger und Werner Weiland in den betreffenden Fachverband gestimmt hatte.[17] Auch gab er gemeinsam mit seinem Münchner Kollegen Walter Müller-Seidel und dessen Schüler Karl Richter die Kongressschrift Historizität in Sprach- und Literaturwissenschaft. Vorträge und Berichte der Stuttgarter Germanistentagung 1972 (München 1974) heraus. In Abteilung III („Literaturgeschichte als Problem“) dieses umfänglichen Sammelwerkes erschien Friedrich Sengles Aufsatz Zur Überwindung des anachronistischen Methodenstreits in der heutigen Literaturwissenschaft (S. 157‒170), in der Abschlussrubrik („Zur Situation des Faches“) Müller-Seidels Kurzbeitrag Zur Eröffnung einer Arbeitsstelle für Geschichte der Germanistik (S. 653‒656).

4. Das im Assistenten-Flugblatt angeführte Gutachten und das Gegenflugblatt von Walter Müller-Seidel

Im Assistenten-Flugblatt wird ein Gutachten von Marie Luise Gansberg, Günther Häntzschel, Hans-Wolf Jäger und Rolf Schröder erwähnt, das die als Habilitationsschrift geplante Studie „Der bürgerliche Rechtsstaat in Kleist’s Novellen“ von Werner Weiland zum Gegenstand hat. Trotz intensiver Nachforschungen konnte ich bis dato kein Exemplar dieser wohl vor allem auch aus Schutzgründen zu viert verfassten Beurteilung ermitteln.[18] Eine Reaktion hierauf und sicherlich auch auf das Assistenten-Flugblatt stellt das negativ urteilende Gegenflugblatt „Zum Fall Dr. Weiland“ im Umfang von eineinhalb Schreibmaschinenseiten dar, das Walter Müller-Seidel ‒ er war am 12. Oktober 1968 in Abwesenheit auf dem Berliner Germanistentag zum ersten Vorsitzenden der Vereinigung Deutscher Hochschulgermanisten gewählt worden ‒ im Wintersemester 1968/69 vorlegte und das im Rahmen der im Jahr 2011 freigeschalteten Website „Walter Müller-Seidel: Dokumente ‒ Informationen ‒ Meinungen ‒ Analysen“ (http://www.walter-mueller-seidel.de) in digitaler Form zugänglich gemacht wurde. Ebenfalls im Wintersemester 1968/69 erstellte Müller-Seidel das Gutachten „Über das Manuskript ‚Der bürgerliche Rechtsstaat in Kleists Novellen‘ von Dr. Werner Weiland“.

Ein Machtkampf hatte schon vor der Verbreitung des Assistenten-Flugblatts begonnen, je nach Interpretation aufgrund der politisch motivierten Aktionen der konservativen Professoren oder ihrer Antipoden. Weshalb stellte das fragliche Flugblatt eine so große Herausforderung dar, dass Müller-Seidel, ob aus Wollen oder Müssen, sich eines studentischen (und von damals aus betrachtet neuerdings auch assistentischen) Mediums bediente? Weshalb tat er das, warum reichten die üblichen Mittel nicht mehr aus? Welche Rolle spielte die Öffentlichkeit? Trug auch die auf dem Deutschen Germanistentag im Oktober 1968 spontan gebildete „Aktionsgemeinschaft“, getragen von Gerhard Bauer, Gerhard W. Baur, Eva D. Becker, Hans-Peter Herrmann, Hans-Wolf Jäger, Karl Richter und Werner Weiland, zur Konfliktverschärfung und Polarisierung bei?[19]

Einige der von mir befragten Zeitzeugen wandten auf Müller-Seidel das Etikett „Machtmensch“ an. Ich möchte dazu anregen, Müller-Seidels öffentliches Wirken im Zeitraum 1965 (Beginn der studentischen Unruhen in München[20]) bis 1972 (Tagung der Vereinigung der deutschen Hochschulgermanisten in Stuttgart, 10.‒14.4.1972[21]) und seine politischen Standpunkte in ihrer wechselseitigen Bezogenheit genauer als bisher zu untersuchen. Dazu der Hinweis, dass Günther Gerstenberg 2009 im Auftrag des Kulturreferats der Landeshauptstadt München für das Webprojekt „Protest in München seit 1945“ (http://protest-muenchen.sub-bavaria.de, freigeschaltet 2011) Quellen zusammenstellte. Gibt man ins Suchfeld den Namen „Müller-Seidel“ ein, erhält man aktuell vier Treffer. Dem Treffer auf Position 4 ist zu entnehmen, dass Walter Müller-Seidel und der Musikkritiker Joachim Kaiser als Gutachter wirkten im SPUR-Prozess vor dem Amtsgericht München gegen Dieter Kunzelmann, Heimrad Prem, Helmut Sturm und Hans-Peter Zimmer wegen Gotteslästerung, Religionsbeschimpfung und Verbreitung unzüchtiger Schriften. Es wäre wichtig zu erfahren, ob die Gutachten zur Verurteilung beitrugen oder ob die beiden für das Teilgebiet Kunst gefragt wurden und sich dann für den Teil-Freispruch in der Revision einsetzten. Klickt man den dritten Treffer an, gelangt man zu einer Einladung der germanistischen Fachschaft, gerichtet an „alle Professoren, Assistenten und Studenten“ und unterzeichnet von Holger Ambrosius (s.u.). Auf dem Programm stand die Diskussion über zehn Thesen von Müller-Seidel, angesetzt auf den 22.1.1967. Zwei dieser Thesen können im Webprojekt „Protest in München seit 1945“ nachgelesen werden.[22] Die restlichen Treffer beschäftigen sich mit dem Teach-in in der Großen Aula am 15.5.1968. Anlass war die zweite Lesung der Notstandsgesetze („NS-Gesetze“) am 11.5.1968:

Der Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) ruft zum Streik auf. Beim Teach-in in der Großen Aula wird bekannt gegeben, dass Germanistik-Professor Müller-Seidel um 16 Uhr seine reguläre Vorlesung halten will. Eine Delegation der Studierenden versucht ihn zu erreichen mit der Bitte, dass in seiner Veranstaltung über die Notstandsgesetze diskutiert werden könne. Der Professor eilt daraufhin zum Hörsaal, um anzukündigen, dass die Vorlesung ausfällt. Dort findet inzwischen seit 15.50 Uhr ein Happening statt. Die zehn TeilnehmerInnen später: „Durch das Happening vor der Vorlesung von Prof. Müller-Seidel wollten wir dagegen protestieren: 1. dass Prof. Müller-Seidel und seine Kollegen sich nicht von vorneherein offen mit dem Boykottbeschluss des VDS solidarisiert haben; 2. dass MS den am Dienstag von der Mehrheit des Auditoriums gefassten Beschluss, am Mittwoch die Vorlesung zu bestreiken, ignorierte; 3. dass MS auf diese Weise den gegen die NS-Gesetze gerichteten Protest als eine gegen ihn persönlich und gegen die Ordinarien gerichtete Aktion erscheinen ließ. – Das Happening fand vor der Tür des Hörsaals statt und sollte nicht die Abhaltung der Vorlesung verhindern.“[23] Müller-Seidel spricht von Nötigung und „gut vorbereiteter Störung“, meint aber auch, „dass die Studenten eine Erregung erfasst habt, die ich verständlich finde und die eine geeignete Studienatmosphäre nicht mehr ermöglicht.“

5. Ein Diskursbruchstück der Assistenten-Vollversammlung der Philosophischen Fakultät München im Mai 1968: der Antrag Hans-Wolf Jägers

Das Assistenten-Flugblatt wurde im Abstand von mehr als sechs Monaten nach der Assistenten-Vollversammlung der Philosophischen Fakultät München ausgearbeitet und veröffentlicht. Der von Hans-Wolf Jäger dem Plenum zur Beschlussfassung vorlegte Antrag erscheint hier erstmals in publizierter Form:

                                                                              Mai 68                   

Antrag Jäger

Resolution der AVV der Phil.Fak.

Die Vollversammlung der Assistenten der Philosophischen Fakultät begrüßt es, daß die Fakultät sich mit den Fragen der Lehre, der Lehrbefähigung und der Lehraufträge (inhaltliche und formal-organisatorische Definition) intensiv befassen will.

Sie glaubt, daß den Problemen der Hochschuldidaktik bisher zuwenig Beachtung geschenkt wurde und neuzeitliche Methoden des Lehrens und Lernens, die teils schon in Schulen praktiziert werden, an der Universität ebenfalls erprobt werden sollten.

Sie spricht sich daher grundsätzlich für experimentelle Seminarformen neben den traditionellen aus und befürwortet die Bildung einer Kommission aus Professoren, Assistenten (evtl. auch Studenten), die die wissenschaftliche und pädagogische Effizienz der verschiedenen Lehrformen untersuchen, vergleichen und darüber ein Gutachten erstellen soll.

Sie ist der Meinung, daß so für die geplante Definition des Lehrauftrags die notwendige empirische Basis zustandekommt.

Als Versammlung der Betroffenen hält sie die Mitbeteiligung bei der Mitbestimmung des Lehrauftrags für selbstverständlich.[24]

6. Der Fall Paul-Gerhard Völker

Paul-Gerhard Völker war seit Wintersemester 1957/58 Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Eine Assistentenstelle wurde ihm nach der Promotion nicht angeboten. Von 1964 bis 1971 arbeitete der gebürtige Münchner als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kommission für Deutsche Literatur des Mittelalters an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Bei der Abfassung des zu dieser Zeit obligaten Lebenslaufs als Bestandteil der Dissertation verzichtete der Hochschulabsolvent auf die sonst übliche, nicht selten mit Verbalverneigungen verbundene Nennung von akademischen Lehrern. Stattdessen führte er seine beruflichen Tätigkeiten auf: „Von März 1962 bis zum März 1964 war ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universitätsbibliothek München beschäftigt, um im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft die dort liegenden Handschriften zu katalogisieren und zu beschreiben. Außerdem übe ich seit meiner Exmatrikulation einen Lehrauftrag an der Ludwig-Maximilians-Universität München aus und habe zur Zeit eine Forschungsstelle bei der Kommission für deutsche Literatur des Mittelalters an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften inne.“[25] Die Bezeichnung „wissenschaftliche Mitarbeiterstelle“ ist nicht gleichbedeutend mit „Forschungsstelle“. Möglicherweise verwendete Völker ganz bewusst die inoffizielle Bezeichnung „Forschungsstelle“, da er mit dieser Wortwahl klarer seine Selbsteinschätzung, für die Forschung „berufen“ zu sein, zum Ausdruck bringen konnte. Nachdem er an der Freien Universität Berlin eine Assistenzprofessur erhalten hatte, nahm er die Chance wahr und habilitierte sich innerhalb kürzester Zeit.[26]

Für Friedrich Sengle wahrscheinlich unerwartet, ließ Marie Luise Gansberg, die mit Unterbrechungen seit 1962 seine wissenschaftliche Assistentin war, sich zum 1.10.1970 von der Ludwig-Maximilians-Universität an die Philipps-Universität Marburg versetzen, wo sie 1972 zur H3-Professorin ernannt wurde (das Beispiel der „Hessen-Professuren“ führt plastisch vor Augen, dass akademische Karrierestrukturen Änderungen unterliegen[27]). Sengle, der anderes mit seiner Mitarbeiterin vorhatte, schrieb zu seiner Rechtfertigung am 15.12.1970 an seine ehemalige Doktorandin Eva D. Becker:

Ich bin überzeugt, daß ich sie [Marie Luise Gansberg, SK] in München mit einer guten, streng marxistischen Habilitationsschrift durchgebracht hätte. Ich habe diese prinzipielle Haltung in der Völker-Debatte vor der Fakultät schon festgelegt. (Bei Völker ging es nur um das Liebäugeln mit der Gewalt in der bekannten Flugschrift[28].) Frl. Dr. Gansberg hatte nicht die Kraft, die Untersuchung fertigzustellen, und so wurde sie zu meinem Bedauern das Feigenblatt des sehr viel weniger begabten und daher von der Habilitationswürdigkeit ausgeschlossenen Doktors[29] […].[30]

Die von Sengle in Klammern gesetzte Aussage entbehrt nach meinem Informationsstand der Grundlage (wegen der kommentierungswürdigen Bemerkungen zu Gansberg verweise ich auf meine Projektbeiträge zu MLG[31]). Paul-Gerhard Völker wird übereinstimmend als Mensch mit sanftmütigem Naturell charakterisiert. Diejenigen, die ihn besonders gut kannten, beschreiben ihn als in sich gekehrten Philosophen, hochbegabten Wissenschaftler und beeindruckenden Menschen.[32] Kai Köhler gab mir per Mail am 13.11.2020 zu bedenken: „Auch im persönlichen Umgang sehr sanfte Menschen können, wenn sie Unrecht stark empfinden, Gewalt rechtfertigen. Sie sind dann aus moralischer Empörung manchmal in ihren Mitteln drastischer als an sich härtere Kaliber, die sich ans Unrecht schon gewöhnt haben.“

Fest steht: Völker war evangelisch getauft und vor seiner marxistischen Phase ein praktizierender Christ. Als Akteur der Friedensbewegung wirkte er daran mit, auf breiter Ebene das Bewusstsein für gewaltfreie Konfliktlösungen zu schärfen.[33] Der Marxismus lieferte ihm seit den 1960er-Jahren Antworten auf Erfahrungen, die davon geprägt waren, von Autoritätspersonen nicht oder nicht hinreichend gehört, in dieser Weise abgelehnt, gedemütigt, verkannt und darüber hinaus zum Opfer von Willkür und weiteren Unrechtshandlungen[34] gemacht zu werden.[35]

Ebenfalls im Besitz von Eva D. Becker befindet sich ein handschriftlicher Brief, datiert auf den 1.11.1969, geschrieben von einer Person, die Becker in den Schutz der Anonymität stellen möchte. In dem Schriftstück sind die Nichterneuerung von Paul-Gerhard Völkers Lehrauftrag an der LMU für das Wintersemester 1969/70 und Unterstützungsmaßnahmen für diesen unbeugsamen Demokraten die Hauptinhalte.[36]

Liebes Fräulein Becker!

Kennen Sie eigentlich Herrn Völker in München und sind Sie über seinen Fall informiert? Ihm ist also wegen linker Neigungen und Betätigung, d.h. Eintreten für Mitbestimmung der Studenten im Seminar, sein Lehrauftrag entzogen worden. Zum ersten Mal mit direkt politischer Begründung (da an seinen „fachlichen Qualifikationen“, wie es sonst gewöhnlich heißt, wohl nicht zu rütteln war und ein finanzieller Grund sich nicht so fix ergab): er habe „die Spannungen zwischen Lehrenden und Studenten vermehrt.“ So der Rektor[37], aber die 6 Institutsdirektoren, leider auch Sengle, haben die Sentenz[38] dann ohne eigene Stellungnahme ausgeführt. Wenn die durchgeht, aus einem so fadenscheinigen Grund, dann können in Zukunft mit der gleichen Leichtigkeit wir alle fliegen, wenigstens wenn wir uns nach Bayern trauen, und es gibt ja in der BRD mehr als ein Bayern. Also sollten wir protestieren, möglichst viele Institute mit möglichst vielen Unterschriften. In München taten es 37, das dürfte fast der ganze „Mittelbau“ des Dt. Seminars sein, oder? In F, FR, MR + hier wird seit gestern diskutiert, wie viele und wie scharf. Nach GÖ, KI und WÜ habe ich gerade in der gleichen Sache geschrieben. Würden Sie mit den Saarbrücker Kollegen (+ Herrn Kreuzer, wenn er Lust hat – bei uns ist noch ungewiß, ob Herr Naumann mitmacht, aber ganz gute Aussicht) ebenfalls eine Solidaritätserklärung und Wiedererteilungsforderung an den Münchner Rektor ausarbeiten? Und vielleicht noch andere germanistische Institute veranlassen, wenn Sie dort zuverlässige Freunde haben?

Zur 1. Information kurze Meldung in Frankfurter Rundschau 31.10.[39] Ausführliche Dokumentation ist von Völker selbst zu haben: Tel. M 321734.[40]

7. Der Fall Rolf Schröder

Häufig findet man im Umfeld von Führungskräften anpassungsfähige und unterordnungsbereite Menschen. Der Fall Schröder beweist das Gegenteil.

Am 22.4.2018 teilte mir der ehemalige Sengle-Doktorand und langjährige Sengle-Mitarbeiter Rolf Schröder[41] mit, Walter Müller-Seidel habe ihm zu gegebenem Anlass eröffnet, er müsse sich für seine Unterzeichnung des Assistenten-Flugblatts entschuldigen, wenn er von ihm (Müller-Seidel) als Habilitand angenommen werden wolle. Dazu war Schröder um keinen Preis bereit. Was mag Müller-Seidel motiviert haben, sich in dieser Weise moralisch angreifbar zu machen? Der Wunsch, um jeden Preis die Oberhand zu behalten, das letzte Wort zu führen, beides Ausdruck eines „regressiv abgeschirmten Bewusstseins“ (Marie Luise Gansberg)?[42] Oder hallte bei ihm das Autoritätssprinzip nach?[43] Die Glaubwürdigkeit einer Person bemisst sich am Zusammenwirken von Wort und Tat. Zur Verklärung beitragende Nachrufe wie der von Lothar Müller zu Walter Müller-Seidel („Nur das Menschliche geschehe“[44]) stellen ein Warnsignal dar und signalisieren Forschungs- und Aufklärungsbedarf.[45]

8. Das Einladungsschreiben „Planvoller institutioneller Wandel“ und das Flugblatt „Aktion Stachelschwein“

Der spätere Berliner Oberstudiendirektor Holger Ambrosius (* 1947)[46] engagierte sich zum Zeitpunkt der Entstehung des Assistenten-Flugblatts in der Münchner germanistischen Fachschaft. Weil er sich während der Osterunruhen 1968 sitzend an einer Demonstration vor dem Buchgewerbehaus in der Schellingstraße 39/41 beteiligt hatte, wurde er wegen einfachen Landfriedensbruchs und Auflaufs angeklagt und zu einer Geldstrafe von 300 D-Mark verurteilt.[47]

Der im Assistenten-Flugblatt erwähnte Klaus Briegleb (* 1932),[48] im Jahr 1968 „Verwalter einer wissenschaftlichen Oberassistentenstelle“ an der LMU und Vertrauensdozent der Studienstiftung des Deutschen Volkes[49] (federführender Vertrauensdozent für die Universität München war im Sommersemester 1968 Hans Fromm[50]), lud eine Gruppe Studierender, mehrheitlich Stipendiat*innen der Studienstiftung, zum kritischen Dialog zu sich nach Buchendorf im Landkreis Starnberg ein.

                                                                                                                                                                                                                                                                   Buchendorf, 16.7.68.                            

„PLANVOLLER INSTITUTIONELLER WANDEL“ ?

Liebes Fräulein […]

der Tradition folgend, die eine Gruppe Studierender (Stipendiaten der Studienstiftung) hier über lange Jahre geschaffen hat, nämlich theoretische Rechenschaftsformen eines politischen Denkens und Handelns im Wissenschaftsbereich gesellig durchzusprechen, lade ich Sie zu einer kritischen Idylle nach Buchendorf, Sonntag 28.7.68, herzlich ein. Wir wollen unsre Überlegungen zur Situation der Hochschule in dieser Weise austauschen: […].

Motti nach Wahl:

[…]

Es ist die Aufgabe der Literatur, das historisch Unwahrscheinliche zur politischen Wahrscheinlichkeit zu erheben.

                                                                                                                                                                                 (Jean Paul Fr. Richter)

[…]

                                                                                                                                                                     Mit besten Grüßen

                                                                                                                                                                                                Briegleb

Holger Ambrosius sieht in der Briegleb’schen Einladung einen Beweis dafür, „wie man auch mit Studenten hätte umgehen können, die ja doch, das zeigen die Flugblätter[51] ganz gut, eigentlich ungeheuer gutwillig waren.“[52]

In einem an mich adressierten Brief bedachte Ambrosius Friedrich Sengle mit folgenden Worten:

Am Ende noch eine Übersicht über die Vorlesungskritiken und Texte des germanistischen Arbeitskreises. Als wir, noch ganz am Anfang mit diesem Projekt und als von Vorlesungskritiken noch keine Rede war, die Professoren und Assistenten um Hinweise zur Vorbereitung auf die Seminare beziehungsweise Vorlesungen baten, schrieb uns Sengle, die Universität sei keine Werbeveranstaltung, sondern „eine stille Stätte der Forschung und Lehre“. Was haben wir damals gelacht! Wahrscheinlich sogar ein wenig mitleidig…(der alte Zausel!)

Wenn ich heute so lese, wie die Universitäten funktionieren, wie übrigens bei fast allem, was mit „Bildung“ zu tun hat, dann ist mir das Lachen schon lange vergangen (selber Zausel)…[53]

Ein aktives Mitglied der germanistischen Fachschaft, Georg Grill, schrieb Holger Ambrosius, der sich damals wegen seines Romanistikstudiums gerade in Frankreich aufhielt, am 21.3.1969 einen vierseitigen handschriftlichen Brief, in dem er das Assistenten-Flugblatt zum Thema macht und aufschlüsselt, wer sich dazu bislang wie verhalten und geäußert hat:

Jetzt noch rasch etwas über uns Germanisten. Über das „Flugblatt“ unserer vier linken Assistenten hast Du ja vielleicht schon etwas gehört. Eine Reaktion der Ordinarien hat es offiziell noch nicht gegeben. Nur ihre Subalternen, die Assistenten, sind eifrig. Bei ihren VVs kommen ebensowenig Ergebnisse heraus wie bei unseren, aber sie wollten eine Resolution durchbringen, wo sie sich halb distanzierten, waren aber meist nicht beschlußfähig. Dittmann[54] hat den Antrag gestellt, eine größere studentische Öffentlichkeit auszuschließen u. ist dann als der Antrag nicht durchging, zurückgetreten. Schönert[55] hat gemeint, die vier Ass. dürfe man nicht mehr in Prüfungsausschüsse wählen, da sie ja für Öffentlichkeit wären.[56]

Holger Ambrosius ließ mir auch noch ein undatiertes Fachschaftsflugblatt, betitelt „Aktion Stachelschwein,[57] zukommen (er ordnet es der Zeit nach dem 30.9.1968 zu). Es könnte unter dem Eindruck der Seminare, die Marie Luise Gansberg, Hans-Wolf Jäger, Paul-Gerhard Völker und Werner Weiland abhielten, oder des in Umlauf gebrachten Assistenten-Flugblatts entstanden sein. Denkbar ist auch der umgekehrte Vorgang, dass nämlich die Assistenten-Flugblatt-Gruppe sich vom Flugblatt „Aktion Stachelschwein“ anregen ließ. Aufgrund seiner herausragenden Bedeutung für die Geschichte des Machtmissbrauchs und der Unterdrückungs- und Psychoterrorerfahrungen an Universitäten wird der Text dieses Flugblatts vollständig wiedergegeben (am linken Blattrand erscheint in senkrechter Schrift der Satz „Beachten Sie unsere Ankündigungen zu dieser Aktion!“):

                    AKTION STACHELSCHWEIN

                              AKTION STACHELSCHWEIN

AKTION STACHELSCHWEIN

                                        AKTION STACHELSCHWEIN

Wenn Stachelschweine in Gefahr geraten oder durch große Tiere bedrängt werden,
dann spreizen sie ihre Stacheln und pieksen. Dadurch vertreten sie ihre
Interessen.
Wenn Studenten in Gefahr geraten oder durch die Ordinarien bedrängt werden, weil
sie in der bestehenden universitären Herrschaftsstruktur deren Willkür ausge-
liefert sind, dann sollten sie ihre Interessen vertreten und zurückstechen.
Daß die Feudalherrschaft der Ordinarien den Wissenschaftsprozeß behindert und
die Studenten in üble Abhängigkeitsverhältnisse zwingt, ist, erhärtet durch
viele Analysen, zum Gemeinplatz geworden.

      ‒ jeder sieht es ein, aber manche fragen: woran merkt man das eigentlich?
      ‒ Manche Stachelschweine haben das Gefressenwerden so verinnerlicht,
         daß sie es für normal halten
      ‒ Und die Ordinarien sind meist erfahren und schlau genug, um sich
         abstrakten Vorwürfen ebenso abstrakt zu entziehen.

DESHALB MUSS ZU DEM VIELEN MATERIAL, DAS SCHON ÜBER UNTERDRÜCKUNGSMECHANISMEN GESAMMELT WURDE <,> NOCH NEUES, SPEZIFISCH MÜNCHNERISCHES MATERIAL GESAMMELT WERDEN, DAMIT DIE TATBESTÄNDE AUCH ZU DEM ROSAROTEN HIMMEL STINKEN, IN DEM DIE GANZ UNPOLITISCHEN UND VERGEISTIGTEN SITZEN.

So sehr man versucht, das vom Wissenschaftsprozeß fernzuhalten, und uns in den
Vorlesungen und Seminaren zu disziplinieren, eines haben wir doch mitgekriegt:
Fakten zählen.
Deshalb bitten wir alle Kommilitoninnen[58] und Kommilitonen, zu berichten, wann
wo und wie sie oder Freunde bzw. Bekannte Unterdrückungsmaßnahmen, Ungerechtig-
keiten, Willkürakte und offenen oder sublimen professoralen Terror über sich
ergehen lassen mußten, sei es in Vorlesungen, Seminaren oder Prüfungen. Teilen
Sie uns Erfahrungen und Beobachtungen, konkrete Beispiele aus ihrer studenti-
schen Alltagspraxis mit, berichten Sie, wie Sie unter der bestehenden Herr-
schaftsstruktur zu leiden hatten.
     ‒ Mündlich (bei Fachschaftsvertretern ‒ am Schreibtisch Foyer) oder
        schriftlich (gleich auf die Rückseite ‒ auf Wunsch behandeln wir gern
       alles anonym ‒ und geben Sie es bei der Fachschaftsvertretung ab)
Machen Sie aus Ihrem inneren Schweinehund ein Stachelschwein!
Es ist klar, daß dort, wo irrationale Abhängigkeitsverhältnisse bestehen,
Angst erzeugt wird. Je größer die Abhängigkeit, desto schwerer das Aufmucken.
Es ist schwierig, jemanden zu kritisieren, der einen durchs Examen fallen lassen
kann. Aber damit sich das ändert, muß man etwas riskieren. Auch die Ordinarien
sind unsicher geworden. Und: ein Stachelschwein wird zertrampelt, viele
Stachelschweine können nicht mehr getreten werden.
Deshalb berichten Sie, schreiben Sie, Diskretion ist selbstverständlich.
Es geht nicht darum,  e i n z e l n e  Dozenten denunziatorisch durch den
Kakao zu ziehen (so sehr sie es vielleicht verdient hätten), sondern es geht
darum, anhand von Dokumentationsmaterial Mißstände und Unterdrückungsmechanis-
men am hiesigen, an unserem Institut aufzudecken.
Das gemeine Stachelschwein ist dachsgroß und lebt in den Mittelmeerländern. ‒
Der gemeine Student ist mausgrau und lebt in den Instituten. ‒
Stachelschweine aller Institute, vereinigt euch!
Merke: Viele Stachelschweine sind der Trampeltiere Tod!

Verantwortl.: Vertretung der germ. Fachschaft, 8 Mü 13, Schellingstr. 3

Die studentische Unzufriedenheit wird offen geäußert, ebenso die assistentische. Wie hängen diese Ebenen zusammen?

Fazit 1: Wissenschaftler/innen und Lernkultur

Die Fazits 1‒5 werden hiermit zur Diskussion gestellt. Als Bezugspunkte dienten vor allem Gespräche mit Zeitzeug*innen und die Beiträge des vorliegenden 68er-Projekts. Nur sehr vereinzelt sind auch eigene Erfahrungen eingeflossen.

Der in den 1970er-Jahren in die Präventionsdebatte eingeführte Begriff „Fehlerkultur“ erweist sich bei genauerer Betrachtung als ein janusköpfiges Gebilde. Einesteils deutet er auf den Ist-Zustand einer Kultur hin, in der es überlebensnotwendig oder doch wenigstens unbedingt von Vorteil ist, schwerwiegende eigene Fehler totzuschweigen oder zu leugnen, und in der es weder einen Tabubruch darstellt, für aufgedeckte folgenschwere Fehler/Versäumnisse/Rechtsbrüche Lügen und Ausreden zu erfinden oder einen Sündenbock vorzuschieben, noch eine Grenzüberschreitung, die kleinen Eigenheiten/Schwächen/Fehler anderer auf problematische Weise zu instrumentalisieren. Eine dahingehende „Vertuschungs-, Verschleppungs- und Nachlässigkeitskultur“ entsteht unter den Bedingungen von großen Machtungleichheiten, von schulischem Lernen, bei dem vorzugsweise mithilfe extrinsischer Motivation (z.B. Notendruck) zu Leistung angetrieben wird, von starkem bis überstarkem Konkurrenzdruck, von ausgeprägtem Standesdünkel, von nicht gelebter Vertrauenskultur und von unzureichender Aufklärung über Gewalt/Missbrauch und ihre Folgen für die Opfer, von denen nicht wenige dauerhaft geschädigt sind. Andernteils verweist das Wort „Fehlerkultur“ auf eine bestehende oder erst noch zu etablierende Kultur, in der wechselseitiges Feedback und faire Aussprachen eine zentrale Rolle spielen. Praktiker*innen dieser Art von Fehlerkultur ‒ ich nenne sie „Lernkultur“ ‒ empfinden es als angemessen und wünschenswert, aus besorgniserregendem fehlerhaftem Tun, gravierendem Versagen, Fehlentwicklungen und vermeidbaren Eskalationen solcherlei Schlüsse und Konsequenzen zu ziehen, die Verantwortungsbewusstsein entspringen und Selbstreflexion, Realitätssinn, Problemlösungskompetenz, Lernbereitschaft, Selbstdisziplin, Ausdauer und Durchsetzungsvermögen voraussetzen. Wer „Lernkultur“ predigt, Hinweise auf krasse eigene Fehler aber mit einer sturen und uneinsichtigen Haltung quittiert, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem, das an anderen nicht spurlos vorübergeht.

Fazit 2: Wissenschaft, Demokratie und Öffentlichkeit

Eine demokratische und interdisziplinäre Praxis innerhalb der Fachwissenschaften kann nicht in der Art und Weise betrieben werden, dass an die Stelle von unvoreingenommener inhaltlicher Auseinandersetzung mit den Beiträgen aller rational argumentierenden Diskursteilnehmer*innen eine geschlossene Front von Amts- und Titelträger*innen tritt, die sich das Recht herausnimmt, kafkaesk anmutende Zensur auszuüben, etwa indem ein „Zuviel“ an neuen Inhalten und Erkenntnisgewinnen ‒ hinter verschlossenen Türen ‒ zum Ausschlusskriterium erklärt und nachrangige Aspekte wie „originelle Themenwahl oder These“, „brillant oder spannend geschrieben“, „eine gelungene Bilanzierung älterer Forschungen“ zu Hauptkriterien aufgeblasen werden. Als Zensurmaßnahme hat ferner zu gelten, wenn Diskutant*innen und Verfasser*innen durch sachfremde diffamierende Äußerungen entwertet werden. Ausschlusswirkung entfalten auch Zitierkartelle, schikanöse formale Hürden (z.B. Fachzeitschriften, die nicht die Möglichkeit bieten, freie Beiträge einzureichen, Seitenbeschränkungen, unsinnige Zitiervorschriften) und der summarische Verweis auf „Qualitätskriterien“, die nicht präzisiert und auch nicht offengelegt werden und sich daher der Überprüfung und dem rationalen Diskurs entziehen.[59] Weder eine zensur- oder willkürbedingte Verletzung der grundgesetzlich garantierten Wissenschafts- und Meinungsfreiheit noch die willentliche Behinderung des wissenschaftlichen Fortschritts und des freien öffentlichen Meinungsaustausches sind hinnehmbar.

Fazit 3: Wissenschaftsgeschichtsforschung und Rechtsstaatlichkeit

Wissenschaftsgeschichtsforschung zielt auf Wahrheitserkenntnis. Historische Forschung soll zeigen, was war und was ist. Sie ist nach 1949 dem Grundgesetz und hier vor allem den grundlegenden Freiheits- und Gleichheitsrechten verpflichtet. Es gehört zu ihren Aufgaben, Verstöße gegen geltendes Recht und Machtmissbräuche,[60] die bei der forschenden Betrachtung von Akteur*innen und Institutionen zutage treten, zu dokumentieren und in die Fachöffentlichkeit zu tragen. Für die professionelle und öffentliche Sphäre gilt: Sich aus Opportunismus über strafrechtlich Relevantes,[61] Verfehlungen, Fehlentscheidungen und Manipulationen auszuschweigen, illegitime Handlungen zu bagatellisieren oder sich diesbezüglich von vornherein Scheuklappen zu verordnen, ist mit wissenschaftlicher Integrität unvereinbar.

Fazit 4: Wissenschaftsgeschichtsforschung, Quellenarbeit und Qualitätssicherung

Wissenschaftshistoriker*innen, die versuchte Beeinflussung der Meinungen anderer und Tatsachenbehauptungen undifferenziert mit „neuer Forschung“ gleichsetzen, desgleichen Wissenschaftshistoriker*innen, die die zu bewältigende Quellenerschließungsarbeit in der Hoffnung, dass andere diese hochanspruchsvolle, zeitintensive und mit Mut zum Risiko verbundene Arbeit auf sich nehmen, zu umgehen suchen, haben nicht verstanden, worum es bei Forschung geht. Gar nicht, kaum oder nicht ausreichend analysiertem Quellenmaterial kommt eine Schlüsselfunktion bei der Hervorbringung neuer wissenschaftlicher Daten, Fakten, Themen, Ergebnisse und Erkenntnisse zu. Aus diesem Grund hat bei der Qualitätsbemessung wissenschaftlicher Arbeiten die Zusammensetzung der Quellenkorpora eine zentrale Bedeutung einzunehmen.

Nur unsolide Forschung fußt auf einer willkürlich selektiven (sprich: lückenhaften und nicht begründeten) historischen Überlieferung. Deren „Erfolgsrezept“ ist die konstruierte Behandlung des bearbeiteten Themas. Fundierte Forschung bringt derlei Kartenhäuser ins Wanken oder zum Einstürzen. Ihre Prinzipien kollidieren mit denen von Fabulanten, die sich kein Gewissen daraus machen, ihre Zielgruppe auf dem Weg über vernichtende Kritik, Unterstellungen, Verspottung usw. zu ihrer Meinung zu bekehren. Zur Veranschaulichung zitiere ich im Folgenden einen Kurzbeitrag zum Thema: „68 und die Folgen. Hat die Studentenbewegung die Wissenschaft verändert?“ (Hervorhebung durch die Verf.). Vorausgeschickt sei der Hinweis, dass der Wikipedia-Artikel zum Deutschen Germanistenverband bereits seit dem 12.12.2014 die Information enthält: „Legendär wurde […] der Deutsche Germanistentag 1966 in München, als die Verstrickung namhafter Ordinarien in den Nationalsozialismus zur Sprache kam.“

Der Mythos 68 in germanistischen Dingen besagt zweierlei. Erstens, die 68er-Bewegung habe den NS-Muff unter den Talaren der Germanisten entdeckt und das geleistet, was schon in den 1950er-Jahren hätte geleistet werden müssen: die Entnazifizierung des Faches. Zweitens, die 68er hätten die Literatur aus dem Elfenbeinturm der allzu schönen und allzu nationalen Künste befreit, sie sozial geöffnet und demokratisiert. Die Literatur sei seither nicht mehr nur eine Angelegenheit des „Geltungskonsums“ (Veblen), sondern stünde allen offen.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Entnazifizierung des Faches fand vor 1968 statt. Das entscheidende Datum ist nicht 1968, sondern das Jahr 1966, als der Münchner Germanistentag die seit Beginn der 1960er-Jahre schwelende Debatte aufgriff und versuchte, den NS-Nationalismus aus der Germanistik zu vertreiben – wobei allerdings die „dicksten Fische“, nämlich die Fälle Hans Schwerte, Hans Robert Jauß[62] und Wilhelm Emrich, unerkannt geblieben sind. Und was die Demokratisierung der Literatur angeht, so fällt das Resultat nicht minder ernüchternd aus. Im Zuge einer rigide betriebenen marxoiden Verwissenschaftlichung des Faches, das vorher angeblich nur Ideologie betrieben hätte, setzten die 68er einen Jargon in die Welt, der das breite Publikum aus den Debatten um die literarischen Traditionen von vornherein ausschloss. Der Germanist Richard Alewyn reagierte 1974 darauf mit dem Satz: „Ich kann auch den Verdacht nicht unterdrücken, dass die seit einigen Jahren in Mode gekommene Dunkelheit nur dazu dient, die Denkarbeit, die der Verfasser sich erspart hat, auf den Leser abzuwälzen.“ Gleichzeitig führte die Ausweitung des Literaturbegriffs, der für alle Waren der boomenden Kulturindustrie geöffnet wurde, nicht zur demokratischen Aneignung und zum Wandel des literarischen Kanons, stattdessen zur Nobilitierung des Trivialen. Anders gesagt, die 68er haben dem liberalen Konsumismus Tür und Tor geöffnet; es kam nicht die rote Blaue Blume, aber Fack ju Göhte 1 bis 3. Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius stellte schon vor fast zwanzig Jahren fest: „Keine politische Bewegung ist so auf ihre eigenen Mythen und Klischees hereingefallen wie die 68er.“ Das Jubeljahr 2018 könnte man dazu nutzen, wieder herauszufallen.[63]

Besitznachweise sind bei unveröffentlichtem Material ein Ausweis von Professionalität. Besitznachweise und die Frage, wie eine überprüfbare Forschung auf der Darstellungsebene eingelöst werden kann, sind miteinander verbunden und bedingen einander.

Wer als Forscher/in wahrgenommen werden möchte, es aber mit der Qualitätssicherung nicht so genau nimmt, schadet nicht nur dem Ansehen der Wissenschaft im Allgemeinen und des von ihm/ihr vertretenen Faches im Besonderen. Nach Armin Burkhardt setzt Glaubwürdigkeit einerseits Ehrlichkeit voraus und schließt andererseits Redlichkeit ein.[64] Qualitätssicherung fällt nicht vom Himmel, vielmehr fällt sie in den Aufgabenbereich von Hochschullehrer*innen, unabhängigen Gutachter*innen, Zeitschriften-/Schriftenreihen-Herausgeber*innen und allen, die auf wissenschaftlichem Gebiet publizieren. Es gibt klare Anzeichen für kommunikative und moralische Defizite innerhalb einer Fachgemeinschaft: Qualität setzt sich nicht mehr durch, Erfolgssimulation[65] greift mehr oder minder unkontrolliert um sich, und für Lernkultur im oben skizzierten Sinne zeigt man sich allenfalls rhetorisch aufgeschlossen.

Werden die quellenmäßig belegbaren Äußerungen von Studierenden der Germanistik ‒ ich denke hier vor allem an Flug-/Informationsblätter, Resolutionen, Studentenzeitschriften/-zeitungen, Fachschaftsinfos, Protokolle, Dokumentationen, Reader, Broschüren, Briefe, Erfahrungsberichte ‒ von der Fachgeschichtsschreibung nur sehr unvollständig erfasst, etwa aus fehlendem Wissen, mangelndem Können und unlauteren Absichten (z.B. Vernebelungs-/Lenkungsabsicht), geht der Blick aufs große Ganze verloren. Als Folge davon werden wichtige Neuerungen der 68er-Germanistik dem kollektiven Fachgedächtnis und den Fachdiskussionen entzogen, beispielhaft zu nennen ist die im vorliegenden Projekt dokumentierte enge und vielfach solidarische Verbindung von konfrontationsbereiten Vertreter*innen des Mittelbaus und Student*innen ‒ ein echtes Novum im Fach Germanistik.

Die historiographische Relevanz von Flugblättern für die Erforschung der Außerparlamentarischen Opposition (APO)[66] und der 68er-Bewegung[67] ist unbestritten. Sie gerät insbesondere dann ins Blickfeld, wenn man, wie Dorit Müller, die Frage aufwirft, ob Die Studentenrevolte von 1968 als literaturwissenschaftliche Zäsur? zu gelten hat (Hervorhebung durch die Verf.). Frage: Sind die zur 68er-Germanistik aussagekräftigen Flugblätter wie etwa das oben angeführte Flugblatt „Aktion Stachelschwein“ Gegenstand intensiver Forschung? Es steht jeder/jedem frei, sich selbst ein Urteil zu bilden, hier ein Textausschnitt aus dem genannten Aufsatz, veröffentlicht 40 Jahre nach der Studentenrevolte ’68:

Unabhängig vom unterschiedlichen Erfolg lässt sich für beide Richtungen konstatieren, dass sie aufgrund ihrer Rationalität sowie ihrer begrifflichen und methodologischen Ausarbeitung modernen Wissenschaftsstandards entgegen kamen und für einen radikalen Bruch mit Blick auf Erkenntnisinteresse und Begriffsbildungen im Fach gesorgt hatten. Dieser lässt sich anhand semantischer Verschiebungen zentraler Kategorien veranschaulichen: Statt von „Werk“ oder „Literatur“ sprach man jetzt vom „Text“, dessen Funktion wandelte sich vom „kulturellen Wertträger“ zum „gesellschaftlichen Auftrag“. Auf der Ebene des Erkenntnisinteresses ergab sich ein Wechsel von der „Wahrheit der Kunst“ zur „wissenschaftlichen Wahrheit“, auf der Verfahrensebene trat an die Stelle des „Verstehens verborgener Bedeutung“und der „Bewahrung und Überlieferung“ die „Beschreibung von Strukturen, Regeln und Funktionen“ sowie die „Systematisierung des Wissens“ (Bogdal, 2005). Das Jahr 1968 hat also durchaus die Neukonzeptualisierung und Modernisierung der Literaturwissenschaften mitgeprägt, auch wenn die Studentenrevolte hier eher Funktionen eines Katalysators besaß, als dass sie grundlegende Weichen stellte.[68]

1968 war ein Hochschulprotestjahr, wie es die Welt bis dahin noch nicht gekannt hatte.[69] Die Frage, wie sehr sich die Germanistik im und nach dem Epochenjahr 1968 unter dem Druck und Einfluss der Studentenbewegung veränderte, kann erst dann als zufriedenstellend beantwortet gelten, wenn die Quellenlage zu den einschlägigen Seminaren bzw. Instituten hinreichend gesichtet ist. Oder anders ausgedrückt: Die Forschungen zu diesem Problemkomplex stehen noch ziemlich am Anfang.

Einer der Hauptunterschiede zwischen der Revolution von 1848/49 und der Revolte 1968 liegt darin, dass die Universitäten vor und nach den Ereignissen der Paulskirchenrevolution dieselben blieben, wohingegen die 68er-Revolte im hochschulischen Bereich zu in dieser Form nie dagewesenen Machtkämpfen, zu Reformen (z.B. neue Mitbestimmungsstrukturen, Studienreformen) und zu Umgewichtungen, perspektivischen Verschiebungen, Revisionen und Neubewertungen führte.[70]

Im Marburg der 1970er-Jahre kalkulierten jene Hochschullehrer*innen am Institut für Neuere deutsche Literatur, die sich als progressive Speerspitze betrachteten, die Mitbestimmungsrechte der Student*innen nicht bloß ein, sie forderten regelrecht dazu heraus, diese wahrzunehmen. Laut Peter Kleiß (* 1949), der seit 1972 in Marburg studierte, waren die hier installierten Tutorienprogramme eine Errungenschaft der Studentenbewegung.[71] Aus diesem und anderen Gründen erhielt die Lehre mehr Gewicht, sie wurde didaktischer und experimenteller, das Lehrangebot breiter und vielfältiger, gesellschaftskritische und politische Themen hielten Einzug in die Seminare, politisch links stehende Schriftsteller/innen (auch lebende) eroberten die Leselisten.[72] Die Einführung von „Kommentierten Vorlesungsverzeichnissen“ erfolgte am Fachbereich Neuere deutsche Literatur und Kunstwissenschaften zum Wintersemester 1972/73. Dank dieses neuen Verzeichnistyps wurde der Lehrbetrieb in diesem kleinen, aber nicht unwesentlichen Punkt ansprechender und transparenter. Die von mir ohne Anspruch auf Vollständigkeit aufgelisteten Änderungen und Neugestaltungen, die sich am Modell Marburg aufzeigen lassen, belegen beispielhaft, wo und in welcher Form wichtige Forderungen der Studentenbewegung (Aufgeschlossenheit für die spezifischen Interessen und Bedürfnisse der Student*innen, paritätische Mitbestimmung, maximale Transparenz etc.) Wirklichkeit wurden, dauerhaft oder temporär.

Es ist aber auch über verhinderte geforderte Neuerungen und Veränderungen zu berichten. So wurde etwa das tiefgreifende Problem der „irrationalen Abhängigkeitsverhältnisse (Verhältnis Lehrstuhlinhaber*innen zu Student*innen bzw. Lehrstuhlinhaber*innen zu Angehörigen im Mittelbau) nie ernsthaft und damit effektiv angegangen. Allerdings gehörte es auch nicht zu den Forderungen der Studenten- und Assistentenbewegung, das missbrauchsanfällige Lehrstuhlprinzip abzuschaffen und durch eine Machtbalance zu ersetzen, die auf den Prinzipien „flache Hierarchien“, „Stärken verstärken“ und „geteilte Verantwortung“[73] aufbaut. Ein Zeitzeuge (* 1958) vertraute mir im Schutz der Anonymität an, die Rechtsabteilung an seiner Universität sei ihm wie eine Trutzburg im Hoheitsgebiet der Professor*innen erschienen. Der prominente Ombudsmann, von dem er sich nachdrücklich Hilfe und Unterstützung erhofft hatte (ein mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichneter Physikprofessor), erklärte rundheraus, er habe keinerlei Macht.[74] Noch immer lasse in universitären Gemäuern trotz #MeToo-Debatte das Bewusstsein für Opferhilfe und Opferschutz sehr zu wünschen übrig. Es sei allerhöchste Zeit, durch eine Art Enquetekommission, zusammengesetzt aus hochqualifizierten Gewalt-, Konflikt-, Manipulations-, Opfer- und Präventionsforscher*innen, untersuchen zu lassen, warum der vielbeschworene Präventionsgrundsatz „Jedes Opfer ist eines zu viel“ die Universitätspräsident*innen nicht in große Unruhe versetzt.[75]

Fazit 5: Wissenschaftsgeschichtsforschung und das Problem der fehlenden Distanz

Während der Arbeit am Webprojekt „1968 in der deutschen Literaturwissenschaft“ richtete einer meiner Korrespondenzpartner ‒ ein promovierter Philosoph und Journalist ‒ die Frage an mich: „Warum machen Sie kein Buch über die Sengle-Schule?“. Die Idee leitete ich an den Sengle-Schüler Roger Paulin (* 1937) weiter. Er antwortete mir, ihm fehle für ein solches Vorhaben die nötige Distanz ‒ aus meiner Sicht eine vernünftige und realistische Entscheidung, denn nur wirklich unabhängige Forscher*innen bringen die nötige Kraft, Chuzpe und Motivation auf, im Rahmen des Möglichen das Erforderliche zu tun, um die Fachgemeinschaft vor Einseitigkeit, Manipulation und Irreführung zu bewahren. Das Schlusswort hat der bekannte Psychologe Klaus Holzkamp (1927‒1995):

Wissenschaft ist also ein prinzipielles Gegen-den-Strom-Schwimmen, dabei vor allem auch gegen den Strom der eigenen Vorurteile […].[76]

Anmerkungen

[1] Jörg Schönert: Walter Müller-Seidel in Konfliktkonstellationen an den Seminaren für Deutsche Philologie der LMU München in den Jahren um 1970 (erstmals veröffentlicht im Jahr 2011 auf der Website „Walter Müller-Seidel. Dokumente ‒ Informationen ‒ Meinungen ‒ Analysen“ (https://www.walter-mueller-seidel.de/). — Zur Geschichte der Münchner Seminare für Deutsche Philologie bis 1945: Magdalena Bonk: Deutsche Philologie in München. Zur Geschichte des Faches und seiner Vertreter an der Ludwig-Maximilians-Universität vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges (Ludovico Maximilianea. Forschungen; 16), Berlin 1995. — Fachgeschichtsschreibung ohne zeitliche Begrenzung: Hartmut Gaul-Ferenschild: Positionen germanistischer Fachgeschichtsschreibung. Ein historischer Rückblick, in: ders., National-völkisch-konservative Germanistik. Kritische Wissenschaftsgeschichte in personengeschichtlicher Darstellung (Literatur und Wirklichkeit; 27), Bonn 1993, S. 8‒91 (die Kölner Dissertation entstand bei Karl Otto Conrady). Jost Hermand: Geschichte der Germanistik, Reinbek bei Hamburg 1994 (Neuausgabe 2017). — Fachgeschichtsschreibung mit zeitlicher Begrenzung: Klaus Weimar: Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, München 2003. Gerhard Kaiser: Grenzverwirrungen. Literaturwissenschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2008. Wilfried Barner, Christoph König (Hrsg.): Zeitenwechsel. Germanistische Literaturwissenschaft vor und nach 1945 [eine Veröffentlichung der Arbeitsstelle für die Erforschung der Geschichte der Germanistik im Deutschen Literaturarchiv Marbach am Neckar], Frankfurt am Main 1996. Petra Boden, Rainer Rosenberg: Deutsche Literaturwissenschaft 1945‒1965. Fallstudien zu Institutionen, Diskursen, Personen, Berlin 1997. Klaus-Michael Bogdal, Oliver Müller (Hrsg.): Innovation und Modernisierung. Germanistik von 1965 bis 1980, Heidelberg 2005. Ulrike Haß, Christoph König (Hrsg.): Literaturwissenschaft und Linguistik von 1960 bis heute (Marbacher Wissenschaftsgeschichte; 4), Göttingen 2003. Jan Cölln, Franz-Josef Holznagel (Hrsg.): Positionen der Germanistik in der DDR. Personen, Forschungsfelder, Organisationsformen, Berlin, Boston/MA 2013. — Fachgeschichtsschreibung mit Schwerpunkt 1968: Gisela Herfurth, Jörg Hennig, Lutz Huth: Topographie der Germanistik. Standortbestimmungen 1966‒1971. Eine Bibliographie. Mit einem Vorwort von Wolfgang Bachofer, Berlin 1971. Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 46, 1999, Heft 1: 1968 und die Germanistik. Eine Nachlese [hrsg. vom Deutschen Germanistenverband, Fachgruppe Hochschule. Verantwortlich für dieses Heft: Petra Boden und Hartmut Kugler]. Rainer Rosenberg, Inge Münz-Koenen, Petra Boden (Hrsg.): Der Geist der Unruhe. 1968 im Vergleich. Wissenschaft ‒ Literatur ‒ Medien, Berlin 2000.

[2] Biografische und kontextualisierende Informationen zu den Genannten finden sich u.a. in den folgenden Projektbeiträgen: Sabine Koloch: Die Lebensläufe in den Dissertationen von Marie Luise Gansberg, Hans-Wolf Jäger, Paul-Gerhard Völker und Werner Weiland, URL: https://literaturkritik.de/public/artikel.php?art_id=1135&ausgabe=51 (7.7.2018). Dies.: Die Assistenten-Flugblatt-Gruppe ‒ Aktionsfelder, Orte, Kommunikationskanäle, URL: https://literaturkritik.de/public/artikel.php?art_id=1134&ausgabe=51 (7.7.2018). Dies.: Marie Luise Gansberg: die Erfolgreiche, die Tabubrecherin, die Traumatisierte ‒ biografische Annäherungen an eine Achtundsechzigerin und eine Pionierin der Feministischen Literaturwissenschaft, URL: https://literaturkritik.de/public/artikel.php?art_id=1102&ausgabe=51 (20.6.2018).

[3] Was nicht aus dem Blick geraten sollte: Neue Forschungsergebnisse entstehen auch außerhalb wissenschaftlicher Einrichtungen.

[4] Schönert: Walter Müller-Seidel in Konfliktkonstellationen, 2011. Siehe auch: [Jörg Schönert (Hrsg.):] Zum Konflikt um den Lehrbeauftragten Paul Gerhard Völker (1968/69). Zwei Artikel in der Süddeutschen Zeitung, URL: http://www.walter-mueller-seidel.de/materialien.php (2011). Die bibliographischen Angaben der Artikel lauten: [1] Rudolf Reiser: Studenten protestieren gegen Ordinarien. Konflikt im Seminar für deutsche Philologie/Um Entlassung eines Lehrbeauftragten (27.10.1968). [2] Mitsprache für Assistenten und Lehrbeauftragte (Leserbrief Okt./Nov. 1968).

[5] Ebd. Der Aufsatz ist wie folgt untergliedert: „1. Konflikte zwischen Seminarvorständen, Assistenten und Studierenden“ (S. 2‒10), „2. Walter Müller-Seidel in der Polemik der studentischen Presse und Flugblätter“ (S. 11‒16), „3. Vorlesungen von Walter Müller-Seidel in der studentischen Kritik“ (S. 16‒19). Im Vordergrundder Darstellung stehen Paul-Gerhard Völker mit 15 und Hans-Wolf Jäger mit 12 Nennungen ihres Namens. Der Name von Werner Weiland wird fünfmal, der von Marie Luise Gansbergs viermal genannt.

[6] Vgl. u.a. folgende Publikationen: Jörg Schönert: Germanistik an der Universität Hamburg in der Reformphase 1965‒1975, URL: http://fheh.org/wp-content/uploads/2016/07/germ65-75schoenert.pdf (2008). Ders.: Versäumte Lektionen? 1968 und die Germanistik der BRD in ihrer Reformphase 1965‒1975, URL: https://literaturkritik.de/id/12169 (6.8.2008, letzte Änderung 21.11.2016).

[7] Jörg Schönert: Roman und Satire im 18. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Poetik, München, Philosophische Fakultät, Dissertation vom 21. Juli 1969. — Schönert gab gleich zwei Festschriften für Walter Müller-Seidel mit heraus: Karl Richter, Jörg Schönert (Hrsg.): Klassik und Moderne. Die Weimarer Klassik als historisches Ereignis und Herausforderung im kulturgeschichtlichen Prozeß. Walter Müller-Seidel zum 65. Geburtstag, Stuttgart 1983. Karl Richter, Jörg Schönert, Michael Titzmann (Hrsg.): Die Literatur und die Wissenschaften 1770‒1930 [Walter Müller-Seidel zum 75. Geburtstag], Stuttgart 1997.

[8] Für die übermittelten Papierkopien und die Erlaubnis, diese veröffentlichen zu dürfen, habe ich Hans-Wolf Jäger sehr zu danken.

[9] Signatur: ED 738/4 (Studentenbewegung München, IV; Flugblätter Universität München, chronologisch Januar-Dezember 1969).

[10] So auch Schönert: Walter Müller-Seidel in Konfliktkonstellationen, 2011, S. 4.

[11] Jörg Drews: Für eine neue Germanistik. Diskussion in der Münchner Universität, in: Süddeutsche Zeitung 25, 1969, Nr. 21, 24.1.1969, S. 11.

[12] Ludwig Huber: 40 Jahre Kreuznacher Hochschulkonzept, in: Das Hochschulwesen (HSW). Forum für Hochschulforschung, -praxis und -politik 56, 2008, 4, S. 105‒110, hier S. 105.

[13] Ebd.

[14] Kreuznacher Hochschulkonzept. Reformziele der Bundesassistentenkonferenz. Beschlüsse der zweiten Vollversammlung in Bonn, 10. und 11.10.1968, 2. Aufl. Bonn 1968, S. 31. Vgl. auch Hilke Schlaeger: Die Assistenten rühren sich. Noch einmal: Vorschläge zur Verbesserung der Universität, in: Die Zeit 23, 1968, Nr. 37, 13.9.1968.

[15] Zu diesen und ähnlichen „unsauberen Methoden“ vgl. den Sammelband von Hartmuth Becker (Hrsg.): Die 68er und ihre Gegner. Der Widerstand gegen die Kulturrevolution, Graz, Stuttgart 2003. Ferner: Jürgen Lürssen, Marc Oliver Opresnik: Die heimlichen Spielregeln der Karriere. Wie Sie die ungeschriebenen Gesetze am Arbeitsplatz für Ihren Erfolg nutzen, 3., akt. u. erw. Aufl. Frankfurt am Main, New York/NY 2010, S. 23: „Wie […] erwähnt, sind unsaubere Methoden durch illegales oder legales, aber ethisch verwerfliches Verhalten gekennzeichnet. Hierzu gehören Spionage, Erpressung, üble Nachrede oder gezielte Manipulation von wahren Informationen zur Erzeugung eines falschen Eindrucks, indem Teile der Information weggelassen werden.

[16] Hans Fromm: Zum „Assistentenflugblatt“, in: Informationen der Seminare für Deutsche Philologie Universität München 2, 1969, Nr. 4, SS 1969, unpag. [S. 9‒10]. Vgl. Schönert: Walter Müller-Seidel in Konfliktkonstellationen, 2011, S. 4‒6.

[17] Sabine Koloch: Verbandspolitik Schwarz auf Weiß, aber mit Zwischentönen im Hintergrund. Das Protokoll von Eva D. Becker zum Deutschen Germanistentag 7.–12. Oktober 1968 in Berlin, (21-seitiges PDF-Dokument), URL: https://literaturkritik.de/public/artikel.php?art_id=1138&ausgabe=51 (11.7.2018), S. 10.

[18] Im Nachlass Friedrich Sengles, der sich im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf befindet, lässt sich das Gutachten nicht nachweisen (in die Juris-Ordner gelangten nur selten Gutachten, die von Dritten erstellt wurden).

[19] Koloch: Verbandspolitik Schwarz auf Weiß, 2018 darin: „Zur Entstehungssituation des Protokolls: Die ‚Aktionsgemeinschaft‘ gegen eine autoritäre und manipulative Verbandspolitik auf und nach dem Germanistentag 1968“ (S. 1‒4)

[20] Stefan Hemler: Von Kurt Faltlhauser zu Rolf Pohle: Die Entwicklung der studentischen Unruhe an der Ludwig-Maximilians-Universität München in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, in: Venanz Schubert (Hrsg.), 1968. 30 Jahre danach (Wissenschaft und Philosophie; 17), St. Ottilien 1999, S. 209‒242, hier S. 209.

[21] Eine chronologische Übersicht der Tagungen des Deutschen Germanistenverbandes und seiner Teilverbände enthält der folgende Projektbeitrag: Sabine Koloch: Das Flugblatt „Auf der Flucht“. Die Ad-hoc-Gruppe der Germanisten zum Auftakt des 9. Germanistentages, URL: https://literaturkritik.de/public/artikel.php?art_id=1249&ausgabe=51 (25.10.2019).

[22] Das zitierte Exemplar der Einladung entstammt der Flugblattsammlung des Archivs der Münchner Arbeiterbewegung. Ich zitiere aus der entsprechenden Unterseite der Website „Protest in München seit 1945“: „Schnellinformation – Zehn Thesen von Prof. Müller-Seidel: 1. Von einem Genetiker sei nicht mehr politischer Verstand zu verlangen als von einer Milchfrau, hat der Kölner Soziologe Erwin Scheuch in einer Diskussion mit Berliner Studentenvertretern gesagt. Der Auffassung – und mit ihr der These von der völlig wertfreien Wissenschaft – wird mit Entschiedenheit widersprochen. 2. An einer Universität befindet sich das Kritische in einem Kontinuum seiner selbst – auch insofern, als es sich gegen die eigenen Positionen richten kann, in denen man sich noch eben sicher fühlte. Kritische Wissenschaft stellt möglicherweise morgen in Frage, was heute gelehrt wird. In der allseitigen Kritik beruht unter anderem ein Unterschied zwischen Wissenschaft und Politik. Das Engagement dessen, der Wissenschaft treibt, wird damit nicht unmöglich gemacht, aber beträchtlich kompliziert … Die Diskussion mit Professor Müller-Seidel über diese Thesen, in denen er die wichtigsten Teile seiner Vorlesung zusammenfasst, findet am Montag, 22.1.67, 19 Uhr, im Hörsaal 201 (HG) statt. Wir laden dazu alle Professoren, Assistenten und Studenten ein. Germanistische Fachschaft. Holger Ambrosius.“

[23] Nachrichten für Germanisten an der Universität München vom 20. Mai 1968 [Flugblatt], Flugblattsammlung des Archivs der Münchner Arbeiterbewegung.

[24] Antrag Jäger / Resolution der AVV der Phil.Fak., Mai 1968 (Privatbesitz Hans-Wolf Jäger, Bremen).

[25] Paul-Gerhard Völker: Die deutschen Schriften des Franziskaners Konrad Bömlin, München 1964, ungezählte Seite nach S. 262. Deutsche Nationalbibliothek Leipzig: Di 1965 A 4357.

[26] Für seinen Habilitationsvortrag 1975 wählte Völker das Thema „Dukus Horant. Höfische Selbstdarstellung im heldischen Gewand“.

[27] Vor 1966 gab es in der Germanistik meines Wissens keine Akademischen Räte/Rätinnen.

[28] Ich selbst kenne kein anderes von Paul-Gerhard Völker (mit)verfasstes Flugblatt als das „Assistenten-Flugblatt Wi-Sem. 1968/69“. Darin ist von Gewalt in keiner Hinsicht auch nur andeutungsweise die Rede. Auch geht es Sengle an dieser Stelle um den Unterschied zwischen Gansberg und Völker, die aber beide das Flugblatt unterschrieben haben; der Vorwurf müsste also auch Gansberg treffen. Sengle muss demnach etwas anderes meinen; vielleicht das, was bei Schönert auf Seite 7 Referierte.

[29] Diese Aussage zielt nicht auf Paul-Gerhard Völker, sondern auf Werner Weiland.

[30] Eva D. Becker danke ich für die Erlaubnis zur Veröffentlichung der mir zur Verfügung gestellten Privatbriefe.

[31] Vgl. auch den von mir 2016 initial verfassten Wikipedia-Artikel von Marie Luise Gansberg (https://de.wikipedia.org/wiki/Marie-Luise_Gansberg).

[32] Auskunft Kaspar Maase, Tübingen. Der Enkel des Düsseldorfer Rechtsanwalts, Pazifisten und Oppositionellen Friedrich Maase (1878–1959) belegte bei Paul-Gerhard Völker Seminare, auch nahm er an der Münchner „Kritischen Universität“ teil. Seine von Walter Müller-Seidel betreute Dissertation brach er ab. Vgl. Kaspar Maase: Germanistik ‒ völkisch oder für das Volk?, in: Kürbiskern. Literatur, Kritik und Klassenkampf 6, 1970, 2, S. 270‒289. Beleg für seine Ost- und DKP-Tätigkeit ist seine Dissertation: Zu Kulturkonzeption und Kulturauffassung der SPD seit 1955, Humboldt-Universität Berlin, Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät, Dissertation von 1971. Von 2006 bis zu seiner Emeritierung lehrte Maase am Ludwig-Uhland-Institut der Universität Tübingen.

[33] Stefan Hemler: Von der „Arbeitsgruppe für Fragen gewaltfreier Politik“ zur Basisgruppen-Bewegung: Erika und Paul-Gerhard Völker in der Linksdrift der 1960er-Jahre, URL: https://literaturkritik.de/public/artikel.php?art_id=1132&ausgabe=51 (7.7.2018).

[34] Ich denke hier auch an Tatbestände wie Beleidigung, Verleumdung und üble Nachrede. Das bürgerliche Recht ist eine Funktion der Macht. Wer wäre 1969 vor einem Münchner Gericht eher wegen übler Nachrede verurteilt worden? Sengle oder die Verfasser des Assistenten-Flugblatts? Vgl. Michael Hettinger, Armin Engländer: Strafrecht Besonderer Teil 1: Straftaten gegen Persönlichkeits- und Gemeinschaftswerte. Begründet von Johannes Wessels, 42., neu bearb. Aufl. Heidelberg 2018.

[35] Vgl. auch den von mir 2017 initial verfassten, sehr umgänglichen Wikipedia-Artikel zu Paul-Gerhard Völker (https://de.wikipedia.org/wiki/Paul-Gerhard_V%C3%B6lker), gegliedert in „Leben“, „Einsatz für eine methodenkritische Germanistik, demokratische Hochschulstrukturen und Kollektivarbeit“, „Die Paul-Gerhard-Völker-Stiftung“, „Familie“.

[36] Schönert: Walter Müller-Seidel in Konfliktkonstellationen, 2011, S. 6‒7.

[37] Von 1969 bis 1971 war der Tieranatom Peter Walter Rektor der LMU München.

[38] Das Wort ist schwer lesbar. „Sentenz“ scheint hier die Bedeutung „Direktive“ zu haben.

[39] Frankfurter Rundschau 25,1969, Nr. 253, 31.10.1969, Titelseite: „München: Protest gegen Entlassung | sp MÜNCHEN, 30. Oktober (Eig. Bericht). Der Allgemeine Studenten-Ausschuß (AStA) der Universität München hat energisch gegen die Entlassung des Germanisten Gerhard Völker [sic] protestiert. Professor Audomar Scheuermann, der bisherige Rektor der Universität, hatte den Entzug des Lehrauftrags mit einer von Völker betriebenen ‚Mehrung der Spannungen zwischen den akademischen Lehrern und der Studentenschaft‘ erklärt. Der AStA erklärte, es sei neu, daß eine derartige Disziplinierungsmaßnahme nicht mehr mit einem Mangel an wissenschaftlicher Qualifikation scheinbegründet, sondern offen politisch motiviert werde. | Völker hatte sich wiederholt für eine Mitbestimmung der Studenten im Institut ausgesprochen und sich in seiner Schrift ‚Z. B. Huber‘ kritisch mit der bayerischen Hochschulpolitik auseinandergesetzt. Neben dem AStA solidarisierten sich auch 37 Lehrbeauftragte und Assistenten der Seminare für Deutsche Philologie mit Völker.“

[40] Brief an Eva D. Becker, 1.11.1969 (Privatbesitz Eva D. Becker, St. Ingbert).

[41] Rolf Schröder (* 1932) war im Wintersemester 1968/69 Lehrbeauftragter für Übungen zur Textkritik, Stilistik und Methodik der neueren deutschen Literaturgeschichte an der LMU München. Dort hatte er bis zu seiner Pensionierung eine Akademische Ratsstelle inne. Während seiner Ratsstellenzeit arbeitete er als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen (Dieter Dorn) und am Residenztheater.

[42] Brief von Marie Luise Gansberg an Eva D. Becker, Heidelberg, 21.2.1965 (Privatbesitz Eva D. Becker, St. Ingbert).

[43] Das Autoritätsprinzip war akademisch schon vor der NS-Zeit etabliert, und die meisten professoralen Faschisten, Nicht-Faschisten und Anti-Faschisten dürften um 1968 gleichermaßen den Respekt vor den Ordinarien für selbstverständlich gehalten haben.

[44] Das Zitat stammt aus: Friedrich Schiller: Wallenstein, ein dramatisches Gedicht, Tl. 2: Wallenstein’s Tod, ein Trauerspiel in fünf Aufzügen, Tübingen 1800, S. 147. Vgl. auch Walter Müller-Seidel: Friedrich Schiller und die Politik. „Nicht das Große, nur das Menschliche geschehe“, München 2009.

[45] Lothar Müller: Nur das Menschliche geschehe. Humanist der Geschichtlichkeit: Zum Tod des Münchner Germanisten Walter Müller-Seidel, in: Süddeutsche Zeitung 33, 2010, Nr. 280, 3.12.2010, S. 16. Der Nachruf von Lothar Müller ließ mich glauben, das Zitat aus Wallensteins Tod spreche Müller-Seidel aus der Seele und charakterisiere seine Gesamtpersönlichkeit. Aus Gesprächen mit Zeitzeug/innen ergibt sich für mich inzwischen ein differenzierteres, ehrlicheres Bild des Wissenschaftlers und Hochschullehrers Walter Müller-Seidel.

[46] Er war von 2007 bis zu seiner Pensionierung 2012 Schulleiter des Albert-Einstein-Gymnasiums in Britz.

[47] Erwin Tochtermann: „Es war nur eine symbolische Aktion“…verteidigt sich ein Osterdemonstrant vor Gericht / 300 Mark Geldstrafe, in: Süddeutsche Zeitung 24, 1968, Nr. 209, 30.8.1968, S. 10.

[48] Vgl. Heinrich Heine: Sämtliche Schriften. Hrsg. von Klaus Briegleb, 6 Bde., München 1968–1976. Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Begründet von Rolf Grimminger, Bd. 12: Gegenwartsliteratur seit 1968. Hrsg. von Klaus Briegleb, Sigrid Weigel, München, Wien 1992. Klaus Briegleb: 1968. Literatur in der antiautoritären Bewegung, Frankfurt am Main 1993.

[49] Ludwig-Maximilians-Universität München: Personen- und Vorlesungsverzeichnis für das Sommersemester 1966, München 1968, S. 21.

[50] Ebd.

[51] Die erwähnten Flugblätter der Münchner germanistischen Fachschaft stellte mir Günther Gerstenberg dankenswerterweise zur Verfügung (seine Sammlung beginnt mit dem Jahr 1967).

[52] Brief von Holger Ambrosius an die Verf., Berlin 3.6.2018. Ich danke Herrn Ambrosius für die Genehmigung, aus unveröffentlichten Dokumenten zitieren zu dürfen.

[53] Ebd.

[54] Ulrich Dittmann (* 1937) war im Wintersemester 1968/69 Assistent von Walter Müller-Seidel. Vgl. Ulrich Dittmann: Müller-Seidel, Walter, in: Christoph König (Hrsg.), Internationales Germanistenlexikon 1800‒1950, Bd. 2: H‒Q, Berlin, New York/NY 2003, S. 1289‒1291.

[55] Jörg Schönert, 1983‒2007 Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg, war im Wintersemester 1968/69 Doktorand von Walter Müller-Seidel.

[56] Brief von Georg Grill an Holger Ambrosius, o. O. [München?] 21.3.1969 (Privatbesitz Holger Ambrosius, Berlin). Es war mir nicht möglich, den richtigen Georg Grill ausfindig zu machen, möglicherweise ist er bereits verstorben.

[57] Der Titel des Flugblatts kann nicht Christa Wolfs autobiografischem Erzählband Ein Tag im Jahr 1960‒2000 entlehnt sein („Ich schlage ihr vor, ihren Angriff auf den Leiter der Bibliothek Aktion Stachelschwein zu taufen“), da dieser erst 2003 veröffentlicht wurde.

[58] Hier ein seltener Fall des sprachlichen Sichtbarmachens von Frauen in einem geschlechterübergreifenden Text, den Achtundsechziger*innen verfasst haben.

[59] Gerhard Fröhlich: Anonyme Kritik: Peer Review auf dem Prüfstand der Wissenschaft, in: Medizin ‒ Bibliothek ‒ Information 3, 2003, 2, S. 33‒39.

[60] „Wie werden Assistenten und Räte nicht nur an den Pflichten, sondern am Leben der Korporation beteiligt? Wie gliedert man große Institute so, daß Missbräuche ausgeschlossen sind, wie verwaltet man sie, wer mit dem?“ Walther Killy: Keiner hört auf den anderen [1967], in: ders., Bildungsfragen, München 1971, S. 48‒52, hier S. 50. Hervorhebung durch die Verf.

[61] So können zum Beispiel schwere Mobbinghandlungen strafbar sein. Nach meinem Verständnis ist Mobbing psychologische Kriegsführung mit der Zielsetzung, ins Visier Genommene zu bekämpfen, in ihrem Wert herabzusetzen und auf Kapitulationskurs zu bringen.

[62] Hans Robert Jauß (1921‒1997) war Romanist.

[63] Clemens Pornschlegel (Institut für Deutsche Philologie der LMU München): „Schlagt die Germanistik tot, färbt die blaue Blume rot!“ (68er-Parole), URL: https://www.uni-muenchen.de/aktuelles/news/2018/68_wissenschaft.html (27.2.2018). Vgl. dagegen Thomas Anz: Von der Studentenrevolte zur deutschen Einheit. Das Jahr 1968 und die Folgen für Literatur und Gesellschaft, in: Zeitschrift zur politischen Bildung 31, 1994, 3 [Thema: „Die 68er: Aufbruch einer Generation, Umbruch in der Gesellschaft. Eine Protestbewegung mit widersprüchlichen Folgen“], S. 89‒94.

[64] Armin Burkhardt: Verunklärungsarbeit. Sprachliche Techniken der Schuldverschleierung im Rahmen des CDU-Parteispendenskandals, in: ders., Kornelia Pape (Hrsg.), Politik, Sprache und Glaubwürdigkeit. Linguistik des politischen Skandals, Wiesbaden 2003, S. 104‒119, hier S. 104.

[65] Vgl. Sabine Koloch: Des Kaisers neue Kleider. Über Erfolgssimulation, kontraproduktive Ausleseprozesse und Wissenschaftslenkung, URL: www2.bdwi.de/uploads/koloch_des_kaisers_neue_kleider.pdf (21.9.2016).

[66] Philipp Gassert, Pavel A. Richter: 1968 in West Germany. A Guide to Sources and Literature on the Extra-Parliamentarian Opposition, Washington/DC 1998.

[67] Siehe die exemplarische Analyse des Flugblatts „In dieser Feier wurde das Wesentliche nicht gesagt“ von Julian Klüttmann: Die Leserzuschrift „Mißbrauch mit dem Andenken der Weißen Rose“ des Ehepaares Völker in der Süddeutschen Zeitung vom 16. März 1965 und die Erwiderung des Rektors der Ludwig-Maximilians-Universität München, URL: https://literaturkritik.de/public/artikel.php?art_id=1130&ausgabe=51 (6.7.2018). Der Verfasser gibt im Abschnitt „Zitierte und weiterführende Primär- und Sekundärliteratur in chronologischer Abfolge“ Hinweise auf Forschungen zur Flugblattpublizistik der 68er-Zeit und auf Publikationen, die Neu- und Nachdrucke von Flugblättern enthalten.

[68] Dorit Müller: „Germanisten im Nahkampf“. Die Studentenrevolte von 1968 als literaturwissenschaftliche Zäsur?, URL: https://literaturkritik.de/id/11515 (24.1.2008, letzte Änderung 21.11.2016). Das Titelzitat entstammt folgendem Artikel: Rolf Michaelis: Germanisten im Nahkampf. Referate, Debatten und Spannungen auf dem Berliner Kongreß, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 20, 1968, Nr. 236, 10.10.1968, S. 24. Vgl. auch Dorit Müller: Literaturwissenschaft nach 1968, in: Thomas Anz (Hrsg.), Handbuch Literaturwissenschaft, Bd. 3: Literaturwissenschaft als Institution, Stuttgart 2007, S. 146‒185.

[69] Thomas Großbölting: „Bildungsnotstand“ und „Demokratisierung der Universitäten“: „1968“ als Hochschulprotest, in: ders., 1968 in Westfalen. Akteure, Formen und Nachwirkungen einer Protestbewegung, Münster 2018, S. 59‒71.

[70] Rudi Schmidt: Politisierung zwischen Studienreform und Imperialismuskritik. Studieren in den 1960er Jahren an der Freien Universität Berlin bis zur Gründung der Kritischen Universität 1967, URL: https://literaturkritik.de/public/artikel.php?art_id=1438&ausgabe=51 (28.10.2020).

[71] Sabine Koloch: „Einführungen in die Literaturwissenschaft“ als didaktische Hilfestellung, Lernwerkstatt, Selbstdarstellungsbühne und Karrierevehikel. Die Neugermanistik Bochum 1965 bis 1991 und 2020, URL: https://literaturkritik.de/public/artikel.php?art_id=1430&ausgabe=51 (19.10.2020).

[72] Vgl. Sabine Koloch, Madeleine Marti: Die Lehrveranstaltungen von Marie Luise Gansberg an den Universitäten Heidelberg, München und Marburg, URL: https://literaturkritik.de/public/artikel.php?art_id=1105&ausgabe=51 (20.6.2018).

[73] Geteilte Verantwortung, so Matthias Maring, ist nicht identisch mit „aufgeteilter Verantwortung“. Matthias Maring: Kollektive und korporative Verantwortung. Begriffs- und Fallstudien aus Wirtschaft, Technik und Alltag (Forum Humanität und Ethik; 2), Münster, Hamburg, London 2001, S. 113.

[74] Es stellt sich die Frage: Wer wählt an einer Universität die Ombudsperson? Besitzt sie die nötige Unabhängigkeit? Wird sie ausreichend auf ihre Aufgaben vorbereitet? Wird ihr Handlungsmacht zugestanden?

[75] Bei einem bundesweiten Projekt dieser Größenordnung ginge es in der Hauptsache um drei Problemkreise: Erstens: Welche Missbrauchshandlungen finden statt und welche präventiven Maßnahmen bieten Lehr- und Forschungsstätten optimalen Schutz vor Missbrauch in den bekannten Erscheinungsformen? Zweitens: Wie kann zweifelsfreien Opfern so geholfen werden, dass sie die Hilfsangebote als wirklich hilfreich empfinden? Drittens: Wie geht man mit denen um, die einen anderen Menschen zum Opfer gemacht haben? Als sinnvoll sind folgende Präventionsmaßnahmen zu erachten: (a) eine an jeder Universität einzurichtende unabhängige, sanktionsfähige Anlaufstelle mit direktem Draht zum Präsidium, (b) gemeldete Missstände unverzüglich beseitigen (Stichwort „Lernkultur“), (c) ein für alle geltender und zu unterschreibender Ethikkodex, (d) Aufklärungskampagnen zum Thema Machtmissbrauch. Vgl. auch: Sabine Koloch: Braucht die Germanistik einen Ethikkodex? An den Deutschen Germanistenverband, URL: https://literaturkritik.de/public/artikel.php?art_id=1408&ausgabe=51 (25.6.2020).

[76] Klaus Holzkamp: Theorie und Praxis im Psychologiestudium, in: Forum Kritische Psychologie 12, 1983, S. 159‒183, hier S. 163.