1. Das Loch

Eigentlich wurde er vor dem Kauf des Bodens von seinem Freund Hans, der schon gebaut hatte, gewarnt:

„Stürze dich nicht in Abenteuer, auf einem Grundstück in so steiler Hanglage zu bauen ist gewagt.“

„Gewagt? Inwiefern?“

„Man muss sich auf Überraschungen gefasst machen, auch wenn der Architekt dir versichert hat, dass der Bau problemlos ist und dir einen Preis dafür genannt hat, der zwar um Einiges ‚normale‘ Preise übersteigt, aber angesichts des relativ niedrigen Grundstückpreises, noch vorteilhaft erscheint.“

„Mir geht es nicht nur um den Preis, sondern vor allem um die Tatsache, dass dies die letzte Parzelle in diesem gefragten Wohnviertel ist. Das Grundstück befindet sich auf einer selten befahrenen Einbahnstraße, die sehr ruhig ist, und die Aussicht ist einmalig. Außerdem kann ich von hier zu Fuß zu den Behringwerken laufen und mir das Autofahren ersparen. An was für Überraschungen denkst du eigentlich?“

„Unter anderen an Überschwemmungen bei Unwetter. Seit dem Klimawechsel sind solche Vorkommnisse in Marburg keine seltenen Ausnahmen mehr. Auch eine perfekte Kanalisation gewährt in solchen Hanglagen keine Garantie. Sogar auf meiner Straße, die bei weitem nicht so steil ist wie diese, war voriges Jahr die Hölle los. Wir kamen mit einem überschwemmten Keller noch glimpflich davon, einer meiner tiefer gelegenen Nachbarn hatte das Wasser im Erstgeschoss und der am unteren Ende der Straße musste das Haus für zwei Wochen gänzlich verlassen.“

„Ich habe davon, noch bevor ich nach Marburg kam, gehört. Du vergisst aber, dass deine Straße in der Nähe der Lahn ist. Flussüberschwemmungen sind nicht erst seit dem Klimawechsel gang und gäbe. Hast du noch andere Einwände?“

„Hast du Häuser, die dieser Bauunternehmer gebaut hat, schon gesehen? So viel ich weiß hat er in Marburg noch nicht gebaut.“

„Das stimmt, aber dafür in Gießen, Kirchhain, Gladenbach und, und, und … Ich habe sogar in Gladenbach eines dieser Häuser eingehend von außen und innen besichtigt. Es schaut sehr gut aus und der Eigentümer, mit dem ich mich unterhalten habe, ist zufrieden.“

Hans aber war noch nicht zufrieden.

„Die endgültigen Baukosten sind schwer zu schätzen. Wenn ich nicht irre, garantiert dir der Architekt nur einen Festpreis ,ab Straßenniveau‘. Die Fundamentkosten sind darin nicht inbegriffen, und das aus gutem Grund, denn er selbst kennt sie noch nicht und bei so einem Loch weiß man nicht, wie tief man graben muss, um festen Boden für die Fundamentplatte zu erreichen. Geschweige denn, wenn man auf eine Wasserquelle stößt.“

Nach Rücksprache mit dem Architekten konnte aber dieser Einwand mit einem Kompromiss beseitigt werden: Es wurde vereinbart, dass der Bauherr und der Bauunternehmer sich die Fundamentkosten, die einen von vorneherein genannten Preis übersteigen würden, teilen sollten. Das, glaubte Robert, war eine Garantie, dass sich diese Kosten in Grenzen halten würden, denn er war sich sicher, dass der Bauunternehmer sich mit seiner langjährigen Erfahrung nicht in Abenteuer stürzen würde.

„Fallen dir noch weitere mögliche Probleme ein?“ fragte Robert Hans. Nach längerem Nachdenken gab sich Hans geschlagen und erwiderte:

„Nein, hast mich überzeugt und ich wünsche dir viel Glück bei deinem Vorhaben. Ich kann mir nun wirklich keine großen oder unangenehmen Überraschungen vorstellen.“

Wie falsch sich das Erstere erwies, sollten die zwei Freunde schon in drei Monaten erfahren, denn es gab eine Überraschung, die alles Vorstellbare übertraf. Allerdings ist es dem Leser vorbehalten, selbst zu beurteilen, ob diese Überraschung als unangenehm zu bezeichnen ist, obwohl sie Robert letztendlich zwang, mit seinem Bauvorhaben auf ein anderes Grundstück auszuweichen.

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)