2. Denkmalschutz

Nicht nur befand sich das Grundstück in einer Hanglage, es lag zwischen zwei bereits bebauten Parzellen, so dass die Benutzung von Baukränen auf der schmalen Straße unmöglich war und alle Grabenarbeiten nur per Hand durchgeführt werden konnten. Das war zwar in der Kalkulation des Baupreises berücksichtigt, verlängerte aber um einige Wochen die Dauer der Vorbereitungen für das Fundamentlegen. Robert und seine Frau Ilse verfolgten ab und zu von der Straße aus die Grabenarbeiten. Es war ja das erste Mal, dass sie sich in so ein Abenteuer gestürzt und bei der Bank eine Anleihe gemacht hatten, die sie frühestens in zwanzig Jahren gänzlich zurückzahlen könnten und das nur unter der Voraussetzung, dass sie beide ihre Arbeitsplätze behalten würden, was wegen der chronischen Wirtschaftskrise einem robusten Optimismus entsprach. Der Bauunternehmer hatte die Dauer der Grabenarbeiten auf zwei Monate geschätzt und in der Tat, nach acht Wochen schien das Graben beendet zu sein, denn man hörte nicht mehr das Schaufeln und man sah auch keine Arbeiter auf dem Gelände. Da sich die Baufirma nicht gemeldet hatte, vermutete Robert, dass alles wie geplant lief, man keine Überraschungen erlebt und festen Boden erreicht hatte. In dieser Hinsicht beruhigt, entschieden sich Robert und Ilse, ihren längst geplanten Urlaub anzutreten, aber als sie nach vier Wochen zurück waren, fanden sie in ihrer Post einen Brief ihres Bauunternehmers, der ihnen mitteilte, dass das städtische Bauamt, aus „Denkmalschutzerwägungen“ einen sofortigen Baustoppangeordnet hatte. In der beigelegten Kopie der Anordnung fand er noch die Bemerkung: „Ausführliche Begründung wird nachgereicht“. Wie ihnen der Bauunternehmer, des sie sofort anriefen, mitteilte, hatte er die angekündigte Begründung noch nicht erhalten, aber er vermutete, dass es sich um gewisse „komische“ Glasscherben und andere noch nicht identifizierte, zum Teil metallene Bruchstücke handelte, die seine Arbeiter beim Graben gefunden hatten und die man der Denkmalschutzbehörde melden musste. Denn vor Jahren ist man in Marburg bei ähnlichen Ausgrabungen auf die Ruinen einer tausend Jahre alten Mikwe – ein rituelles jüdisches Tauchbad – gestoßen, die sich als von großem historischen Interesse erwies und die heute als eine der touristischen Hauptattraktionen Marburgs gilt. Und was alle derartigen Funde übertrifft: Im Jahre 2018 ist man im südhessischen Heppenheim bei Grabungen innerhalb eines als künftiges Gewerbegebiet ausgewiesenen Terrains auf einen rechteckiger Brunnen aus mindestens 7000 Jahren alten Eichenbrettern gestoßen, der aus der Steinzeit stammt.

Seit diesen Entdeckungen sind alle Bauunternehmen in Hessen, unter Androhung harter Strafen, verpflichtet, bei Ausgrabungen in einer Tiefe von mehr als drei Metern gemachte ungewöhnliche Funde dem Bauamt sofort zu melden. Dieses entscheidet dann, ob das Landesamt für Denkmalpflege einzuschalten ist, was in dem gegeben Fall offensichtlich geschehen war. Das Denkmalschutzamt hat die Befugnis, unter Umständen für eine gewisse Zeit die Bauarbeiten zu stoppen, um die Stelle wissenschaftlich untersuchen zu lassen Was der Bauunternehmer Robert nicht mitteilte, was Robert aber auf Anfrage beim Bauamt erfuhr, war, dass bei Funden von großem Interesse das Land das Recht habe, das Grundstück und alles darauf oder darunter Befindliche zum Staatseigentum zu erklären, gegen eine von beiden Seiten auszuhandelnde Entschädigung des Grundstückeigentümers. Nach vier weiteren Wochen erwiesen sich die gemachten Funde in der Tat „von großem Interesse“ und Robert musste, nach längerem Feilschen mit dem Oberbürgermeister, der die Angelegenheit direkt an sich gezogen hatte, auf ein anders Grundstück ausweichen.

Die noch bessere Lage dieses Grundstückes, und noch dazu auf flachem Gelände, zu einem Preis, der den bisherigen unterbot – schließlich gehörte das Grundstück der Stadt und war keinen Marktpreisen unterworfen –, tröstete Robert und Ilse und sie nahmen die dadurch entstandene Verzögerung ihres Bauvorhabens letztendlich mit Gelassenheit hin. Aber anfangs aus bloßer Neugier, später aus gegebenem Anlass, verfolgte Robert die Grabenarbeiten in „seinem“ Loch und wartete ungeduldig auf die Beantwortung der Frage, was an diesen Funden denn von so großem Interesse sein konnte. Komischerweise hüllte sich das Denkmalschutzamt in Schweigen und auch gewiefte Reporter der großen Zeitungen und des Fernsehens – die Medien hatten sich der Sache angenommen und sie mit Unterstützung seitens der Stadtverwaltung publik gemacht – waren außerstande, das Geheimnis dieser Funde zu lüften. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung brachte schließlich die Sache auf den Punkt mit dem Kommentar: „Das Denkmalschutzamt gibt sich so geheimnisvoll, weil es selbst nicht weiß, worin das ‚große wissenschaftliche Interesse’ besteht.“

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)