VIII

Sei uns hold! dem Gast und dem Sohn, o Fürstin der Heimat!
Glückliches Stutgard, nimm freundlich den Fremdling mir auf!
Immer hast du Gesang mit Flöten und Saiten gebilligt,
Wie ich glaub? und des Lieds kindlich Geschwätz und der Mühn
Süße Vergessenheit bei gegenwärtigem Geiste,
Drum erfreuest du auch gerne den Sängern das Herz.

Friedrich Hölderlin
(Aus: Stutgard)

*

Als ihr in die Landeshauptstadt einrollt, seht ihr euren Anschlusszug soeben davonfahren. Es kommt dir nicht ungelegen. Der nächste wird in einer Stunde gehen und ein ungeplanter Aufenthalt hier war dir nie zu viel. Noch immer hat es dich hierhergezogen, seit frühen Kindheitstagen. Einfahren in den Kopfbahnhof, wo alle Bahnlinien des Landes zusammenlaufen, als gäbe es nur dieses Ziel – und es erschien dir nicht verkehrt. „Sie sind gezählt, diese Tage“, sagst du, „sollte das Projekt mit dem Namen Stuttgart 21 durchgeführt werden. Sie werden alles unter die Erde verlegen und lautstark den verkehrstechnischen Fortschritt preisen: Alles wird schneller und besser, wenn das Umsteigen entfällt und die Züge durchfahren können. Selbstverständlich – was ließe sich in unserer Zeit-ist-Geld-Epoche solchen Argumenten entgegensetzen? Aber der besondere Charakter wird dahin sein für immer. Das ist der Preis. Von Stuttgart selbst wird der unterirdisch Reisende gar nichts mehr zu sehen bekommen. Die obere Ebene wird möglicherweise irgendwann zum Museum werden und kann dann bestenfalls Erinnerungen konservieren, jedoch nichts Verlorenes mehr zurückholen.“ Proteste gegen diese Pläne gibt es dieser Tage erstaunlicherweise noch nicht, dies wird sich alsbald ändern. Im weiteren Verlauf des Jahres werden zahlreiche Menschen – viel zu spät – deshalb auf die Straße gehen. Seid ihr in eine falsche Zeit hineingeboren? Manchmal denkt ihr es. Ihr, die ihr die Langsamkeit preist.

Und doch: Befällt nicht auch euch im Alltag sehr schnell die Ungeduld, wenn Dinge nicht auf Anhieb funktionieren wie erwartet? „Es kann rasch passieren,“ erzählst du, „dass du hier beim Hinausfahren eine Zeitlang zweifelst, ob du dich im richtigen Zug befindest, vor allem bei Dunkelheit, wenn es nicht immer sofort möglich ist, festzustellen, welche Richtung die Fahrt nimmt. Heute gibt es in den Zügen normalerweise Ansagen, aber diese funktionieren ja bekanntlich auch nicht immer. Hiervon konnte mein Opa einst ein Lied singen. Er hatte früher lange Jahre in Stuttgart gearbeitet und war es gewohnt, stets am selben Gleis in den Zug Richtung Heilbronn einzusteigen. Einmal im Zug, verfügte er über die Gabe, sofort tief und fest einzuschlafen und – dank innerer Uhr – stets gerade noch rechtzeitig aufzuwachen, um an der richtigen Station auszusteigen. Irgendwann gab es jedoch eine Änderung, die nicht angezeigt wurde, oder die er, todmüde von der Arbeit, einfach übersah. Er stieg also wie gewohnt ein, setzte sich ins erstbeste Abteil und schlief wie immer sofort ein. Nach der üblichen Stunde – so lange etwa dauerte damals die Fahrt nach Lauffen – schreckte er hoch und sah draußen vor den Fenstern die Tannen des Schwarzwaldes vorüberziehen! Nach einer solchen Irrfahrt an den Ausgangsort zurück zu gelangen war damals wie heute schwierig und mit längeren Wartezeiten verbunden. Und dann galt es noch manchen Fahrkartenkontrolleur zu besänftigen! Er trudelte schließlich erst spät nachts zuhause ein und hatte gewisse Mühe, meiner von Natur misstrauischen Oma die Geschichte seiner Odyssee glaubhaft beizubringen.“

Dienen derlei Begebenheiten, die einem im Laufe des Lebens so widerfahren, möglicherweise dem höheren Zweck, dass spätere Generationen sie sich bei jedem passenden und unpassenden Anlass mit Vergnügen erzählen können? Oder sie gar aufschreiben und die Nachwelt auf Kosten der Vorfahren unterhalten? Wer weiß.

Sich ohne Eile unter die ewig Eilenden mischen, die Eindrücke in sich aufnehmen, sich treiben lassen, aus dem Gebäude hinaus dem Menschenstrom folgen, die Königstraße entlang bis zum Schlossplatz, den Puls dieser Stadt fühlen, – im Gegensatz zu manchen anderen hat sie noch einen, manchmal nimmt man ihn noch wahr. Er wird sich – wie befürchtet – später im Zuge der Bauarbeiten zu Stuttgart 21 verlieren, aber so weit ist es noch nicht. Die Zeilen eures Dichters vor dem geistigen Auge, die du bis vor Kurzem noch gar nicht kanntest. Die dich beim erstmaligen Lesen überraschten. Eigenartige Übereinstimmungen, zweihundert Jahre zuvor.

Zeitweise lebte er hier, bei seinem Freund Landauer, dem er das Gedicht „Komm ins Offene, Freund…“ gewidmet hatte. Sich vorstellen, wie er die Stadt damals vorfand. Sie mit seinen Augen sehen. Bei aller Phantasie und Willensanstrengung nahezu unmöglich! Peter Härtling beschrieb es in seinem biografischen Roman über den Dichter: Ein Mensch, der sich damals hier bewegte, hatte völlig andere Bilder vor Augen. Bilder, die er noch – kaum verändert – mit den Generationen davor teilte. Während vieler Jahrhunderte vollzogen sich Veränderungen in Stadtbildern doch eher allmählich, abgesehen von den Verheerungen, die große Brände hin und wieder anrichteten. Dann jedoch kam die Zerstörungsgewalt der Weltkriege, besonders des Zweiten, schließlich der Wiederaufbau, der in erster Not zweckmäßigen Überlegungen folgte. Erinnerungen verblassen auf vergilbten Fotos. Menschen, die noch davon erzählen könnten, verlassen euch nach und nach, lassen euch mit schwer deutbaren Dokumenten allein.

Der Mensch von einst jedoch sah nicht nur andere Bilder, er hatte auch andere Geräusche im Ohr. In den Tagen eures Dichters gab es keine Automobile. Auch noch keine Eisenbahn, denn im sparsam wirtschaftenden Württemberg begann der Bau von Bahnlinien eher spät und die erste Teilstreckeneröffnung zwischen Cannstatt und Untertürkheim 1845 fiel nicht mehr in Hölderlins Lebenszeit. Geschweige denn Luftverkehr. Vieles davon nehmt ihr gar nicht mehr wahr, weil ihr euch so sehr gewöhnt habt an eine lärmende Welt. So sehr, dass Stille – an den wenigen Orten, wo sie noch zu finden ist – viele Menschen nervös macht, in ihnen Beklemmungen auslöst und sich nur schwer ertragen lässt. Hufgeklapper gab es. Pferdewiehern. Das Rattern von Wagenrädern. Andere Gerüche in der Nase? Gewiss. Pferdeäpfel anstelle von Autoabgasen. Unter anderem. Wie war das noch mit den Nachtgeschirren, die ganz selbstverständlich allmorgendlich aus den Fenstern entleert wurden? Andere Gefühle und Empfindungen? Vielleicht. Vielleicht aber doch gar nicht von unseren heutigen so sehr verschieden?

„Immer schon den Gesang mit Flöten und Saiten gebilligt…“ Es gilt noch. Hier war immer Platz für Straßenkunst und ebenso gibt es hier noch Menschen, die sie würdigen, davor stehen bleiben. Heute ist es auch schon mal eine Hip-Hop-Band mit sozialkritischen Texten, der du dich aussetzt, auch wenn es nicht so sehr deine Musikrichtung ist, aus Interesse und Respekt vor ihrer Performance. „Süße Vergessenheit bei gegenwärtigem Geiste…“ – schöner beschreiben lässt es sich nicht!

Unverbesserliche, ihr, die es euch nur an Orte zieht und die es euch nur an Orten aushalten lässt, wo euch Geist aus anderen Sphären umweht: Könntet ihr euch vorstellen, hier zu leben? Zusammen? Ihr kennt euch nur wenige Stunden – und doch schon der Wunsch, ein Leben, oder das, was davon noch übrig ist, gemeinsam zu verbringen. Das Gefühl der Vertrautheit mit allem, wo auch immer ihr zusammen verweilt. „Es kommt daher, dass Philosophen überall zuhause sind“, sagt dein Philosophenfreund und er muss es wohl wissen.

Wäre es eine Stadt für euch? Für dich – ja. Geliebt hast du sie stets. Du selbst hast bereits Wurzeln hier. Erinnerungen. In Begleitung des besagten Großvaters als Kind mit den Straßenbahnen, die alle noch oberirdisch verliefen, hügelauf, hügelab gefahren. Zweckfrei. Nur zum Spaß! Die Schlossgärten mit ihren imposanten, hohen Bäumen – viele von ihnen werden bald Stuttgart 21 zum Opfer fallen – durchstreift, oft eine Tüte Erdnüsse redlich mit den Eichhörnchen teilend. Die Tiere und Pflanzen der Wilhelma bestaunt. Vom Fernsehturm heruntergeschaut auf die geradezu malerisch gelegenen einstigen Dörfer zwischen Wäldern, Wiesen und Weinbergen, aus deren Zusammenwachsen nach und nach diese Stadt, die ihren Ursprung einst in einem herzoglichen Gestüt – dem „Stuotengarten“ – hatte, entstand. Ursprünglich an keinem „richtigen“ Fluss gelegen, vielmehr an einem Bach, dem Nesenbach, der durch Überbauung längst unterirdisch verläuft und dessen Existenz kaum mehr zu ahnen ist. Am Neckar kam die Stadt erst später zu liegen, als sie sich im Jahr 1905 Cannstatt zueignete. Womit die Stuttgarter sich immer wieder einmal aufziehen lassen mussten, wie ein Spottlied bezeugt, welches der Seppe in Mörikes „Stuttgarter Hutzelmännlein“ zu ertragen hatte:

„Scheraschleifer, wetz, wetz, wetz,
Laß dei‘ Rädle schnurra!
Stuagart ist a grauße Stadt,
Lauft a Gänsbach dura.“

Eduard Mörike
(Aus: „Das Stuttgarter Hutzelmännlein“)

Für deinen Philosophenfreund vom Rhein hingegen würde ein Ortswechsel bedeuten, gewohnte Wege zu verlassen. Dies hier zieht ihn an, du spürst es. Aber ist es allein deinetwegen? Was, wenn der Zauber, der allem Anfang innewohnt, wie ein anderer Dichter wusste, eines Tages verblasst? Zu früh, darüber nachzudenken? Leider fragen die äußeren Umstände nicht danach.

Ihr wisst, diese Auszeit ist geraubte Zeit, die es eigentlich nicht geben darf. Ihr werdet sehr bald Entscheidungen treffen müssen. Entscheidungen, die schwerwiegend genug sind, euer bisheriges Leben völlig auf den Kopf zu stellen, falls ihr nicht nach diesen Tagen beschließen solltet, dass jeder zu sich zurückkehren wird. Dies hattet ihr euch offengelassen, als Alibi gewissermaßen. Obwohl ihr von Anfang an selbst nicht daran glaubtet. Nur halb im Scherz hattest du geschrieben: „Pass auf, mein alter Schwärmer, aus der Ferne siehst du mich in goldenem Licht und ich schaffe es nicht, dir das auszureden, aber warte ab, bis du mich einige Zeit um dich hast und mich mit meinen alltäglichen Schrullen kennenlernst! Du wirst schreiend weglaufen und unsere Sache hat sich erledigt!“ Hattest du solches befürchtet? Oder sogar erwartet, weil du dir einen anderen Verlauf nicht zu erhoffen wagtest? Weil es dir unwirklich schien, weil du befürchtet hattest, dir mit deiner Angst selbst im Weg zu stehen?

Die Vertrautheit und Kühnheit auf elektronischen Wegen, die für lange Zeit eure einzige Verbindung waren. Ihr hattet sie anwachsen lassen, immer mit dem inneren Wissen, es wäre höchste Zeit, die Notbremse zu ziehen. Aber wollte das einer von euch je wirklich? In nüchternen Momenten dachtet ihr: Nun gut, das passiert noch ganz anderen, vielleicht rettet uns die Realität? Ihr wusstet irgendwann: Es wird höchste Zeit, sich zu sehen. Um Klarheit zu gewinnen, sagtet ihr, aber das glaubtet ihr da schon selbst nicht mehr. Die Sehnsucht hatte bereits die Oberhand gewonnen, genießen wolltet ihr euer Zusammensein. Nicht mehr, nicht weniger.

Und alles Gefürchtete: Es traf nicht ein. Ihr wusstet es, als ihr euch erstmals wieder gegenüberstandet, euch in die Augen saht. Alle Angst zunehmend am Schwinden. Angst, Nähe zuzulassen, körperliche vor allem, denn die andere, die gab es ja schon. Angst, sich auszuliefern. Angst vor anschließendem Unbehagen. Du lieber Himmel, welche Befürchtungen du im Laufe der Jahre aufbautest und ein einziger Mensch bringt dies binnen Minuten zum Erliegen! Und ihr glaubt, euch seit Ewigkeiten zu kennen. Nein – auch die Realität rettet euch nun nicht mehr. Fehlanzeige!

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.