VII

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.
Im Finstern wohnen
Die Adler und furchtlos gehn
Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg
Auf leichtgebaueten Brücken.
Drum, da gehäuft sind rings
Die Gipfel der Zeit, und die Liebsten
Nah wohnen, ermattend auf
Getrenntesten Bergen,
So gib unschuldig Wasser,
O Fittige gib uns, treuesten Sinns
Hinüberzugehn und wiederzukehren.

Friedrich Hölderlin
(Aus: Patmos)

*

Nach Tübingen also. Zum Evangelischen Stift. Dem jungen Dichter begegnen, der sich dort einfand, in schicksalhafter Konstellation mit zwei anderen Großen seiner Zeit: Hegel und Schelling. Von einem Dreigestirn sprecht ihr heute. Zu jener Zeit wird man dies aus Professorensicht kritisch gesehen haben. Sie waren unbequem. Störenfriede. Eckten an. Mischten das Stift auf. Junge Menschen außergewöhnlichen Talentes, die sich gegenseitig inspirierten, sich an den Ereignissen ihrer Zeit entzündeten, sich auf immer neue gedankliche Höhenflüge begaben. Ihre Namen sind in die Geschichte eingegangen und der Nachwelt erhalten geblieben. Sind uns ihre Gedanken noch gegenwärtig?

Vielleicht auch dem alten Dichter begegnen, in seinem Turm, in dem er die letzten sechsunddreißig Jahre seines Lebens zubrachte. Welch lange Zeit! Hälfte des Lebens. Wahnsinnig? Diesen Stempel allerdings hat einer schnell weg, dessen Leben und Schaffen Rätsel aufgibt; daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

Auch dort – in Tübingen – war dein Philosophenfreund bislang noch nicht. Auf seiner Landkarte gibt es noch einige weiße Flecken, wie du mit gewisser Erleichterung feststellst. So sollt ihr schließlich doch noch gemeinsam bislang unbegangene Wege gehen und neue Orte für euch finden.

Um die Reihenfolge einzuhalten, hättet ihr eigentlich Maulbronn voranstellen müssen. Oder zuallererst Nürtingen, wo euer Dichter seine weitere Kindheit verbrachte. Es gibt dort eine ihm gewidmete Abteilung im Stadtmuseum. Das Wohnhaus hingegen ist nicht mehr original erhalten. Dafür die Lateinschule, die euer Dichter – und mit ihm der fünf Jahre jüngere Schelling – besuchte. Und sicherlich manche weiteren Winkel, die aufzusuchen sich lohnen würde. Dort ohne bestimmtes Ziel auf Entdeckungsreise gehen, sich vorstellen, wo er umhergestreift sein mochte. Auch dies wäre eine Möglichkeit, sicherlich eine ebenso spannende. Jedoch ist für ein solches Unternehmen die Jahreszeit ungünstig, ihr verschiebt dies auf wärmere Tage. Ebenso hat Maulbronn am ersten Tag der Woche seine Pforten geschlossen. Ihr werdet das ehemalige Zisterzienserkloster, welches bis heute Seminarstätte ist, am darauffolgenden Tag aufsuchen.

Der Schnee hat nochmals an Höhe und Menge zugenommen. Ihr entscheidet euch für das Abenteuer einer weiteren Bahnfahrt. Ohne besondere Vorkommnisse dauert dies eineinhalb Stunden mit Umstieg in Stuttgart. Einer Rutschpartie über die Autobahn jedenfalls vorzuziehen!

Blick aus dem Zugfenster auf die winterlichen Wiesen im Gebiet der alten Neckarschlinge. Du wirfst dich in Pose und spielst den Reiseleiter: „Meine Damen, meine Herren, zur Rechten sehen Sie: Den legendären Ziegenstall meiner Tante Amelie!“ – „Diese kleine Hütte da unten?“ – „Jetzt ist dort nichts los. Aber bald kommt der Frühling. Dann gibt es Jungtiere. Jedes Jahr. Auch heute noch. Als Kind habe ich mich ständig dort herumgetrieben und die armen kleinen Geißlein mit mir herumgeschleppt! Und wenn ich nach Hause kam, hieß es regelmäßig: Du stinkst zehn Kilometer gegen den Wind, zieh bloß die Stallklamotten gleich vor der Tür aus!“

Tante Amelie. Genau hast du nie verstanden, wie und um welche Ecke du mit ihr verwandt bist, sooft es dir auch jemand zu erklären versuchte. Oder du vergisst es immer wieder. Auch hattet ihr diese Verwandtschaft einst nur zufällig festgestellt. Auf ihrem Gelände hatten sich, der Tiere wegen, stets viele Kinder getummelt, unter denen du nur eines von vielen warst. Außerhalb der Ziegenwelt, die ihren Lebensmittelpunkt bildete, hattet ihr keine Berührungspunkte. Die Familie war zu weit verzweigt, es gab keine Zusammenkünfte. Bis heute verhält es sich jedoch merkwürdig zwischen euch: Du suchst sie nur selten auf, dennoch setzt ihr euer vorheriges Gespräch immer wieder fort, als hättet ihr euch erst tags zuvor gesehen. Aufgrund gewisser Gemeinsamkeiten im Denken und Fühlen hat sie dich manches Mal als ihre einzig wahre Verwandte bezeichnet und behauptet, dies liege am Erbe eurer gemeinsamen französischen Großmutter, beziehungsweise Ururgroßmutter, das aus dem gesamten Clan selbstverständlich einzig an euch beiden Sonderlingen haften geblieben sei. Daran wollt ihr natürlich nur zu gerne glauben und lasst, sooft ihr euch begegnet, keine Gelegenheit aus, diesen Faden launig weiterzuspinnen.

Bei der legendären französischen Großmutter handelte es sich um eine Angehörige waldensischer Einwanderer, von denen sich viele einst in dieser Gegend auf der Flucht vor religiöser Verfolgung niedergelassen hatten. Erzählungen zufolge handelte es sich um eine sensible, lebensfrohe Frau, in erster Ehe unglücklich, hernach von ihrem zweiten Mann – oder war er gar „nur“ ihr Lebensgefährte? – innig geliebt und verehrt. Er soll sogar Gedichte auf sie verfasst haben – wie auch auf seine Heimatstadt, ein solches befindet sich in deinem Familienarchiv. Darüber hinaus blieb er jedoch weitgehend unbekannt. Eigentlich schade, so dachtest du manchmal. So ein Dichter in der eigenen Familie, in der die Ahnenforschung sonst nur Tagelöhner aus dem Schwäbischen Wald hervorbrachte, wäre doch hin und wieder ganz gut zum Angeben geeignet gewesen! Unglücklicherweise trug er den Namen Schmierer – einer Schriftstellerkarriere vermutlich nicht zuträglich. Umso weniger in einer Stadt, die sich rühmte, einen Hölderlin hervorgebracht zu haben.

Euer Dichter. Ihr habt ihn euch angeeignet. Beutet ihr ihn aus? Vielleicht. Da wäret ihr allerdings nicht die ersten. Jedoch, er hat eure Liebe von Anfang an begleitet, ihr konntet ihm nicht entgehen und eigenartigerweise stießt ihr immer wieder auf neue Verse, die stets zur jeweiligen Situation passten, die sich wie selbstverständlich in ein großes Ganzes einfügten. Zu Zeiten, da ihr euch zunächst lange nicht sehen konntet, wo sich bange Fragen stellten, unlösbare Konflikte aufzeichneten: Wie über die eigene Situation, die eigenen Gefühle Klarheit erlangen? Wie so ganz und gar verschiedene Welten zusammenbringen – „Liebende auf entferntesten Gipfeln“? Wie mit der Tragik umgehen, dass jede Entscheidung, wie sie auch ausfallen mag, immer zugleich richtig und falsch sein kann? Wo immer ihr nahe daran wart, zu verzweifeln, sandte einer dem anderen zuweilen die Worte: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch…“ Mehr Zweifel als Trost steckte allzu oft darin, aber irgendwie ging es weiter, taten sich neue Türen auf, schöpftet ihr neue Hoffnung.

Der Zug passiert den Tunnel, fährt bald nicht mehr am Neckar, stattdessen an der Enz entlang, dem lebhaften Zufluss aus dem Schwarzwald. Ihr Name, hast du auf einer Wanderung an ihrem Oberlauf gelesen, stamme aus dem Keltischen und bedeute schlicht: Wasser. Je länger du darüber nachsinnst, denkst du, dass sie es damit genau erfasst hatten, die in längst versunkenen Zeiten hier siedelnden Kelten. Wo sonst zeigt sich Wasser so rein, ursprünglich und lebendig, als an diesem munteren Gebirgsfluss? Besonders weiter oben, wo er mit mächtigem Gefälle über das Granitgestein donnert, zwischendurch an flacheren Stellen schäumende Wirbel und Strudel bildend, um sich gleich darauf wieder steil über die nächste Stufe zu stürzen. „Wenn ich hier eine Flaschenpost loslasse, Lieber“, schreibst du später einmal deinem Philosophenfreund, als du dich für einige Tage allein dort aufhältst, wie stets voller Sehnsucht, deine Eindrücke mit ihm zu teilen, „so erreicht sie dich vielleicht irgendwann an deinem erhabenen Rhein!“ Erheiternder Gedanke. Bei aller Romantik: Nicht einmal bis zur nächsten Kehre würde sie es schaffen! Wenn nur eure Liebe weiter reichte!

Hierzu euer Dichter in seinen Fragmenten:

So du
Mich aber fragest
So weit das Herz
Mir reichet,
wird es gehen.

Friedrich Hölderlin
(Fragmente)

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.