11.-12.3.2017 – Aleppo

11.3.2017

Es ist so lächerlich leicht: ich muss nicht mehr in die Bibliothek, um zu „recherchieren“. Klick, klick, ein ganzer Text ist da und kopieren kann ich ihn auch noch.
Wenn ich was wissen will, kann ich schnell bei google fragen, was mir davon bleibt, ist mehr oder weniger zufällig, aber egal. Mir kann es recht sein, alles kommt wieder, man holt es sich ab, sooft man will. Ob man will oder nicht.
Aleppo. Immer und immer wieder Aleppo.
Die Zeit. Jahre sind vergangen und immer grauenhafter sind die Bilder geworden.
Ich war dort, als noch der alte Assad von den Mauern herunterschaute und man dachte: nach ihm wird es besser werden.

Aleppo © H. Tarnowski

 

Syrien 1992

In memoriam Aleppo

Jamal, der Hübsche

Jamal wird nach Österreich gehen, nach Wien, eine Frau, die sich in ihn verliebt hat, wartet dort auf ihn. Alles ist vorbereitet. Übermorgen wird er sein Visum aus Damaskus holen.
Das war das Erste, was er mir erzählte, damit ich überhaupt weiter mit ihm redete, hatte ich ihn doch auf seinen ersten Versuch hin, mein Interesse zu gewinnen: auf seine Frage, ob ich allein oder mit einer Gruppe hier sei, angelogen. Schon an dem nächsten Ort, wo jeder vorbeikommt, der Aleppo besucht, der Zitadelle, hat er mich dieser Lüge überführt. Er, der Arbeit suchende Reiseführer, fand mich bald – natürlich allein – in dem Café zwischen Koranschule, Moschee, Hammam und Zitadelle wieder, wo ich meinen Kaffee trank und dabei, so wie es mir zur Gewohnheit geworden ist, schrieb. Drei Tässchen Kaffee – another one! – another one? – nam – die Kellner verstehen mich von Mal zu Mal besser, auch wenn es immer wieder neue sind.
Er sei mir nicht böse wegen meiner Lüge, sagte Jamal, nachdem er sich zu mir gesetzt hatte. Das war der dritte Anlauf, auch die Zurückweisung des zweiten hatte er akzeptiert, nachdem ich – mit dem Blick auf mein Tagebuch – seine Frage, ob er mich störe, mit „ich möchte gerne schreiben“ beantwortet hatte, und an einem Tischchen hinter mir – wie ich erst feststellte, als er wieder aufstand – gewartet. Eine Viertelstunde, dann war seine Geduld am Ende, er setzte sich zu mir, ohne noch einmal zu fragen, dafür wollte er nun nur kurz mit mir sprechen. Zuerst sagte er jedenfalls, daß er meine Lüge verstehe, diese sei nötig für eine Frau, die allein reist, aber er habe sie gleich durchschaut, denn er habe diesen Sinn, die Dinge zu durchschauen. Von diesem Sinn hat er dann immer wieder gesprochen. Aber auch davon, daß er es nicht nötig habe, Frauen anzumachen, denn er habe eine Freundin, eine Österreicherin, und in vierzehn Tagen werde er sie in Wien besuchen. Also, worum es ihm gehe, sei, mir die Stadt zu zeigen, und die Umgebung auch. Er kenne die Dinge und er könne von ihnen erzählen. Der Preis? Nun – billig war er nicht. Schließlich musste er davon leben, das sehe ich ein. Man hätte auch mit ihm handeln können. Aber – ich will gar nicht soviel wissen, wie er weiß, das sage ich ihm, ich weiß, warum ich allein reise, ich will meine Zeit haben, lieber zwei Stunden Kaffeetrinken, als einem zuhören, der soviel weiß. Ich will mehr da sein als wissen.
– Ja, aber – Ich weiß.
Ich werde immer mehr versäumen als ich erleben kann.
Und ich habe auch keine Lust, mit einem Reiseführer für mich allein durch die Pampa zu fahren. Wer bin ich denn? Eine Prinzessin? Die Lady? Eine Frau, ja, auch das. Was weiß ich, wie nah ihm dann seine Österreicherin ist. Er versucht unterschiedliche Arrangements, dazwischen bringt er die Sprache immer wieder auf seine Erfahrungen mit den Frauen, den Europäerinnen.
Schließlich verbleiben wir so, daß wir morgen – übermorgen muß er nach Damaskus wegen des Visums – die Tour in die Umgebung machen werden, wenn er oder ich noch weitere Interessenten dafür finden. Abends um 8 Uhr wollen wir uns bei dem Tourist-Office treffen und bei einem Abendessen besprechen, was morgen sein soll.
So trennten wir uns. Ich blieb sitzen, er ging weitersuchen.
Als ich einige Stunden später ziemlich benommen von dieser Hitze – ich bin wirklich nicht geboren für dieses Land –, in der Zitadelle herum stieg, begegnete ich ihm, wie er zwei Japanerinnen in kurzen Hosen – daß sie aus Taiwan waren, erfuhr ich später – herumführte. Er teilte mir knapp, und ohne dafür stehenzubleiben, mit, daß er mit den beiden um 3 Uhr im Nationalmuseum sei und dann nach St. Simeon – wo wir vielleicht morgen hinwollten – fahre. Wenn ich das wollte, könne ich mich anschließen. Wenn nicht, bliebe es bei unserem Appointment. Da war ich sicher, denn mit dieser Geschwindigkeit – um fünf Uhr ist es dunkel! – kann ich nicht mithalten. So torkelte ich weiter zwischen den Ruinen herum, bis mich zwei Araberinnen – ich glaube, daß es Mutter und Tochter gewesen sind, fragen konnte ich sie nicht, sie sprachen nicht englisch – mitnahmen. Die beiden Frauen mit den streng gebundenen schwarzen Kopftüchern um ein freundliches älteres und ein strenges, schönes junges Gesicht forderten mich mit ausgebreiteten Armen auf, ihnen zu folgen und immer, wenn sie stehenblieben, machten sie mit bewundernden und ermutigenden Blicken bedeutungsvolle Gesten in eine bestimmte Richtung, der ich dann folgte – und wie sich später beim Nachlesen im Reiseführer herausstellen sollte, waren dies die interessantesten Orte der Zitadelle. So zeigten sie mir die für mich bis dahin verborgenen Kostbarkeiten dieser Burg und gaben mir die Bilder wie Geschenke. Als wir am Eingangstor ankamen, habe ich mich bedankt. Schukran, immerhin, schukran, das kann ich sagen. Schukran. Sie sind ihrer Wege gegangen, ich sah die Kopftücher durch das letzte Tor verschwinden, und ich ging den meinen, wohin, das wußte ich noch nicht. Langsamer.
Nachdenklich. Als hielte mich noch etwas zurück. Heute Abend: Jamal.

Bis acht Uhr war ich mir nicht sicher, ob ich hingehen würde, tat es dann und kam sieben Minuten zu spät. Er hätte noch drei Minuten gewartet, sagte er, dann wäre er gegangen. In Ordnung, ich hätte auch nicht länger gewartet, wenn du nicht gekommen wärst, war meine Antwort. So sollte der Abend anfangen.
Das schönste Restaurant von Aleppo? Meinetwegen. Noch ein Sprung zu einem Freund hier, einem anderen da, er begrüßte sie in ihren Läden, sie forderten uns zum Bleiben auf, danke, nein, wir wollen ja weiter. Nachdem wir ein Stück die Straße entlanggegangen waren, stellte er unvermittelt die Frage: Restaurant oder Familie? Familie? Geht das denn? Natürlich, er sei schließlich der Boß. Er könne kommen und gehen, wann und mit wem er wolle, und essen könnten wir dort auch, er habe gekocht. Dann also Familie. Als wir im Taxi saßen, meinte er, er hätte auf einmal so ein Gefühl – der „Sinn“ hatte sich gemeldet –, daß es nötig sei, jetzt zu seiner Familie zu gehen.
Die Fahrt war lang, er wohnt ziemlich weit draußen, dorthin bin ich noch nicht gekommen. In die enge Gasse fährt das Taxi nicht, wir gehen ein paar Schritte zwischen dem Schmutz und den Menschen hindurch, die da am Straßenrand sitzen und miteinander reden. Begrüßungen von allen Seiten. Als Jamal eine Haustür aufschließt, bereitet er mich noch mit wenigen Worten auf die Einfachheit vor, die mich erwarte. Dann steigen wir eine Treppe hinauf, vor der angelehnten Türe im ersten Stock steht eine ganze Menge Schuhe, da ziehen wir auch unsere aus, die Türe ist offen, wir gehen hinein und sind schon mittendrin.
Eine knappe Begrüßung, drei Frauen, ein Mann und ein Kind geben mir ohne viel Worte die Hand, auf eines der beiden großen Sofas gegenüber der Eingangstüre soll ich mich setzen, dann interessiere ich nicht weiter, alle stürzen sich mit aufgeregtem Reden und lebhaften Gesten auf Jamal, der gar nicht dazukommt, mich vorzustellen, als hätten sie nur auf ihn und diesen Augenblick gewartet. Was ist hier los?
Es folgt eine halbe Stunde, in der ich nichts verstehe. Laute Stimmen, alle durcheinander. Das kenne ich ja schon, daran habe ich mich inzwischen gewöhnt und ich höre die mir so unverständliche Sprache gerne, aber diesmal ist da noch etwas anderes. Die ältere Frau muß die Mutter sein, sie trägt ein langes schwarzes Kleid und ein weißes Kopftuch, die beiden jungen Frauen sind wohl Schwestern und haben lange helle Nachthemden an, die ältere von beiden läuft mit einem weinenden Kind hin und her, das ihr ein junger Mann in Unterhemd und dicken Unterhosen – Bruder oder Schwager? – abnehmen will, da schreit es noch lauter, und die Mutter trägt es fort, verschwindet mit ihm in einem Zimmer nebenan.
Jamal hat sich auf den Boden gesetzt, ruhiger ist er deshalb nicht geworden, nur fährt seine Aufgeregtheit nun in die Hände, in die Arme, die Lautstärke seiner schnellen Worte. Das Päckchen Zigaretten, das er unter dem dünnen schwarzen Hemd trug, ist leer, er schickt nach einem neuen. Ich fürchte, daß ich stören könnte, aber sie beachten mich ja gar nicht. Es ist, als wäre ich nicht da.
Nach einer langen halben Stunde wendet sich Jamal an mich und gibt eine Erklärung: Sie wollen nicht, daß ich weggehe. Ich bringe das meiste Geld, und sie denken, daß ich das dann nicht mehr tue. Aber das wird nicht so sein. Nur glauben sie es nicht. Alle sind gegen mich.
Jetzt verstand ich.
Jetzt sah auch ich den Abgrund, der vor uns aufgebrochen war.
Und was sollen sie mit mir anfangen, komme ich doch von der anderen Seite, von dort, wo er hin will und nicht soll.
Nach Jamals Übersetzung ist eine Pause eingetreten. Zum ersten Mal lassen sie Jamal aus den Augen und schauen mich an, als bemerkten sie mich erst jetzt, und ich spüre die Frage: was sagt sie dazu?
Ich bin erschrocken, bestürzt. Darauf war ich nicht gefaßt. Das habe ich hier nicht erwartet: den Kampf um den Sohn. Die Mutter, die droht, sich zu verbrennen.
Die Geschwister, die greifen und schlagen, vergeblich festhalten wollen, schreien, um – noch – nicht zu weinen.
Und der Vater?
Der steht auf einmal in einer der fünf Türen, die aus dem Raum führen, in dem wir nun schon eine Weile sitzen. Mit zerzaustem Haar und verschlafenem Gesicht, das lange Hemd bis über die Knie hochgeschoben, sodaß die nackten Beine und die Unterhosen sichtbar werden. Mein Gedanke: ich dürfte nicht hier sein, hat er meine Stimme bei der Begrüßung nicht gehört? – wird durch das Lachen der Töchter weggewischt, das nach einer kurzen Stille der Überraschung laut und fröhlich, freundlich auf die Blöße antwortet, die sich da der Vater gibt.
Nein, sie lachen ihn nicht aus, sie begrüßen ihn, wie er so dasteht. Er kommt näher und setzt sich mit einem Kopfnicken in meine Richtung zu den anderen. Redet sofort – als wäre er die ganze Zeit über dabei gewesen – mit ihnen weiter und auf den Sohn ihm gegenüber ein, bis allgemein eine gewisse Erschöpfung eintritt. Da wendet er sich, wieder nickend an mich, sagt: You are welcome!
Jetzt bin ich aufgenommen.
Zwischendurch hat Jamal seine Befehle erteilt, die die Schwestern mit schnellen Schritten aus dem Raum getrieben haben. Sie verschwinden durch eine Türe, kommen wieder heraus, um mit einem Topf, einer Schale in der Hand, durch eine andere Türe wieder zu verschwinden.
Zurufe hin und her, das große Aluminiumtablett wird weniger auf den Boden gelegt als dort im Vorbeigehen – wie zu oft getan – fallengelassen. Dann folgen Teller, Bestecke, das Brot. Ein Wort von Jamal – oder sind es mehrere? – und eine Schwester läuft schon, bringt Paprika und Käse, den Reis und zuletzt die Mluchia mit einem Huhn. Ich begrüße das Gericht freudig mit seinem Namen. Du kennst es?
–  Ja, ich kenne es sehr gut.
Mein Teller wird nie leer. Eine Schwester legt mir ein Stück Fleisch nach dem anderen darauf, die Mutter gibt löffelweise Gemüse dazu, ich muß ein bißchen liegenlassen, wenn ich den Teller abstelle, sonst hört das niemals auf.
Der Vater reicht mir Trauben, der Bruder drückt mir einen Maiskolben in die Hand und streut gleich Salz darüber, weil ich keine Hand mehr dafür frei habe, ich esse mit beiden Händen. Die Einsamkeit, die du dort kennenlernen wirst, gibt es hier nicht.
Das Reden hat nie aufgehört, in der Mitte Jamal, der sich nach allen Seiten verteidigt, auf die Sätze, die ihm hingeworfen werden, mit längeren Sätzen antwortet, so geht es hin und her, als Schritte auf der Treppe zu hören sind und eine Männerstimme. Das junge Mädchen greift nach einem Tuch, das neben langen schwarzen Mänteln an der Garderobe hängt, der anderen Tochter wirft die Mutter eines zu, das neben ihr auf dem Sofa lag. Plötzlich tragen alle Frauen Kopftücher. Ein Mann steht in der Tür.
Eine Begrüßung für alle, dann ein Händedruck für jeden, er setzt sich zu uns, bekommt einen Maiskolben in die Hand, redet auch gleich mit, offensichtlich weiß er Bescheid.
Kaffee oder Tee? – es gibt Kaffee, es gibt Tee.
Wieder Schritte auf der Treppe, langsamer, leiser, vorsichtig. Diesmal ist es eine Frau – dunkles langes Gewand und weißes Kopftuch – mit einem Säugling in den Armen, die durch die Türe kommt. Sie setzt sich neben mich und zeigt mir ihr Baby, indem sie es nur wenige Zentimeter von ihrem Körper, an den sie es gedrückt hält, abrückt, und ich erschrecke: es ist so winzig wie ein Ungeborenes – nur in einem Waisenhaus in Jerusalem habe ich schon einmal so ein Kind gesehen. Sein Gesichtchen – kleiner als meine Hand – ist übersät mit gelben Pünktchen und glüht fiebrig. Es sieht so krank aus, so krank, daß es zu schwach ist, um zu weinen.
Ich zeige meine Bestürzung, die Mutter nickt traurig. Das wiederholt sich ein paarmal. Ich streiche vorsichtig über das Köpfchen, über die Stelle, wo nur die Haut das kleine Gehirn überzieht, ich kann ja nicht einmal fragen, wie alt das Baby ist. Jamal, der übersetzen müsste, ist gerade ganz woanders. Die Mutter öffnet ihr Kleid und legt das Baby an ihre Brust. Es trinkt, es bewegt seine ungeborenen Händchen, schließt die Augen, dann atmet es leise, leicht und schnell, zu schwach, um zu schlafen. Eine kleine Weile bleibt die Mutter noch sitzen, immer hält sie das Kind fest in ihren beiden Armen, dann steht sie auf, verabschiedet sich wieder und geht.
Die jüngere Schwester – ich schätze sie auf 17, 18 Jahre – bleibt in einem Türrahmen stehen und redet mit Jamal, und lacht mich offen und herzlich an.
„Ich soll dir sagen, daß du noch bleiben sollst.“
Die Einsamkeit, die du dort kennenlernen wirst, gibt es hier nicht.
Es ist ruhiger geworden. Auch der Mann ist inzwischen wieder gegangen, sofort haben die Frauen die Kopftücher abgelegt, abgeworfen, jetzt auch die Mutter.
Man trägt Matratzen von einem Raum in den anderen.
Dann zieht sich der Vater zurück, die ältere Schwester hat sich zu ihrem Jungen gelegt, der Bruder ist in der anderen Türe verschwunden. Die Mutter hat sich umgezogen und ihren Platz wieder eingenommen, auch sie hat jetzt ein Gewand an, das einem Nachthemd gleicht.
Zaghaft, aber entschlossen wendet sie sich mir zu und spricht mit mir und Jamal. Dann sagt er zu mir: ich soll dich fragen, ob die Kinder bei euch auch weggehen.
Ob die Kinder bei uns auch weggehen.
Was meint sie? Aus dem Haus? Aus dem Land?
Sie lässt mich nicht aus den Augen, als ihr Sohn mir ihre Frage englisch stellt. Ja, natürlich gehen sie, das muß so sein, sage ich – viel zu schnell – und nicke, damit sie schon sieht, was ich meine, bevor der Sohn es ihr übersetzt, und ich füge hinzu: Wir können sie nicht halten, nein, man kann sie nicht halten. Wäre ich nicht hier, würde ich sagen: Man darf sie nicht halten. „Aber“ – und es ist mir wichtig (warum eigentlich?), daß Jamal auch das noch übersetzt: „sie kommen zurück. Sie kommen bestimmt wieder zurück.“ Sie ist nicht zufrieden, das kann ich sehen, und ich weiß nicht, ob es an meinen Worten oder an Jamals Übersetzung liegt. Warum sollen Kinder weggehen, die schon in Europa sind.
Acht Kinder habe sie, ein Mädchen ist gestorben und Jamal will fort. Nun sei sie alt.
Jamals Schwester hat ein Strickzeug geholt, sich neben ihre Mutter gesetzt und in dieser komisch verschränkten, umständlichen Art, die ich nie begriffen habe, zu stricken begonnen. Sie hört wieder damit auf und wechselt das Sofa, setzt sich ganz nahe neben mich und berührt mit ihren Fingern leicht meinen Arm.
Meine Bluse bedeckt gerade noch den Ellenbogen. Sie knöpft das Bündchen ihres Ärmels auf, schiebt es wenige Zentimeter hinauf und lacht mir wieder ins Gesicht. Wir lachen beide über den Unterschied der Farbe unserer Haut an unseren Händen und unseren Armen. Dann streicht sie mir die Haare zärtlich hinters Ohr und lässt den Bruder fragen, wie alt ich sei. Und wieder lacht sie, glaubt es nicht. Ob ich Kinder habe. Ja, auch Mädchen, älter als sie. Sie ist 18 und schwanger, reibt – wieder lachend – ihren Bauch, ich staune, sie kam mir so jung vor. Ihr Mann? Der arbeitet in Saudi- Arabien. Der Mann ihrer Schwester auch. Und Jamal soll ein Mädchen wie seine Schwester heiraten, meint die Mutter, diese Österreicherin sei zu alt für ihn.
Jamal steht auf und geht, um ihren Brief zu holen, ich soll ihm sagen, ob ich finde, daß er ehrlich ist. Er habe ihn auch schon seine Freunde lesen lassen, und die hätten gesagt, er solle sie halten, diese Frau. Man sieht es dem Brief an, daß ihn schon viele gelesen haben. So nehme ich ihn auch, anstatt zu sagen: nein, das will ich nicht. Ich spüre Jamals Spannung, wie er mein Gesicht beobachtet und ungeduldig wartet, daß ich fertig bin, um ihm zu sagen, was er so brennend hören will. Die Schwester greift nach der Seite, die ich weggelegt habe, buchstabiert die englischen Worte, ruft laut und fröhlich „Jamal, my darlingl“, lacht und wiederholt es nochmal: Jamal, my darling! Jamal beachtet sie nicht, ich allein bin ihm wichtig und was ich sagen werde. Ich kann nur nicken. Natürlich ist es ernst.
Nur daß diese Geschichten sich so sehr gleichen, ist mir zuwider, aber dafür kann er ja nichts, es ist seine einzige.
Daß er ihr seinen Namen arabisch schreiben solle, damit sie es lerne – auch das meint jede ernst. Jamal – der Hübsche, nun – sie kann sich mit ihm sehen lassen.
Was will er von mir, daß ich ihm verspreche?
Daß es geht oder nicht geht? Ob es gut ist oder schlecht? Ob er der Frau vertrauen kann?
Mit dem Brief hat Jamal auch alte silberne Münzen, von denen es hier so viele gibt, mitgebracht und Ketten, die er selber macht, denn er braucht noch Geld für Osterreich. Ich lasse mich zu drei Münzen überreden, die ich nach der Gestalt auf der Rückseite auswähle, in denen ich schwebende Frauenfiguren sehe, obwohl es wahrscheinlich Krieger sind. Die Mutter hat die Münzen in die Hand genommen und gefragt, was daran so teuer ist. Man lacht und belehrt sie: das Alter ist es, ja, das Alter, nicht das Gewicht. Als ich den Scheck unterschreiben will, den Jamal in Wien einlösen wird, ist mein Kugelschreiber leer. Jamal geht, um einen anderen zu suchen, kommt ohne Kugelschreiber wieder, geht noch einmal, diesmal in sein Zimmer eine Etage tiefer, wieder ohne Erfolg, ich zwinge meinem Stift die letzten Kratzer ab. Es gibt keinen Kugelschreiber im ganzen Haus. Auch keinen Fernsehapparat, in dem die Frauen mit aufgehellten Haaren und glitzernden Töpfen in den Händen singend durch die Küchen tanzen. Und ein Telefon – wenn es das gäbe – hätte in den vielen Stunden, die ich dort war, doch einmal klingeln müssen.
Wie still es jetzt ist. Links nebenan schläft der Bruder, rechts die Schwester mit ihrem Sohn, daneben der Vater. Ich fange an, mich zu verabschieden. Von der Schwester, die möchte, daß ich wiederkomme, von der Mutter, die mir still ihre Hand gibt, bescheiden, aber jetzt mit einem Lächeln. Diese Freundlichkeit zeigte sie bei der Begrüßung nicht. Jamal und ich ziehen vor der Türe unsere Schuhe an und gehen die Treppe hinunter. Er bittet mich in sein Zimmer, will mir nur noch das Lied vorspielen, von dem in dem Brief die Rede war.
Ein Bett, ein Tisch – alles, was er hat, befindet sich in dessen großer Schublade – und darauf der Kassettenrekorder. Ein paar Kleidungsstücke auf einem Stuhl, das Bett ebenso zerwühlt wie die Dinge in der Schublade. Das paßt alles in einen einzigen Koffer.
Ich kann hier nicht leben, sagt Jamal, ich bin hier nicht frei, immer dieser Druck. Du hast es gesehen.
Und wenn du hier heiratest?
Ich kann hier keine eigene Familie haben, keine Frau. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als ein Macho zu werden. Wenn ich es nicht schon bin. Ich will weg.
Ich kann es verstehen, sage ich, und ich müsste eine andere sein, als ich bin, wenn ich ihn nicht verstehen könnte, aber eines weiß ich auch und jetzt spreche ich es aus: Die Einsamkeit, die du dort kennenlernen wirst, gibt es hier nicht.
Will you still love me tomorrow –“ das war das Lied? Die Frage wiederholt sich sehr oft, man könnte sich an sie gewöhnen.
Trotzdem will ich jetzt gehen, die Einladung zu einem Bier habe ich abgelehnt, den Vorschlag, auf einen Hügel zu steigen, von dem man den schönsten Blick auf Aleppo habe, angenommen. Wir treten auf die Straße hinaus. Die Menschen, die zuvor hier gesessen haben, schlafen jetzt auf schmalen Matratzen an den Hauswänden, und wir müssen achtgeben, um sie nicht zu stoßen. Darf ich hier sein? Bin ich schon wieder in ein Schlafzimmer geraten? – daß sie sich zum Schlafen nicht verbergen müssen, nicht zurückziehen und alleine sein. Dann im Schlafanzug oder Nachthemd – mit einer Schürze davor – den halben Tag herumlaufen, als ob es keinen Unterschied gäbe zwischen innen und außen. Wo sie einschlafen, ist außen auch innen, und fast alle Schuhe sind Hausschuhe. Wo ich mich schämen würde, gibt es hier noch lange, vielleicht überhaupt keinen Grund dafür. Nach wenigen Schritten merkt Jamal, daß er seinen Hausschlüssel vergessen hat, wir kehren noch einmal um, nach längerem Klingeln kommt der Vater schwer und langsam die Treppe herunter und öffnet die Tür, geht, kommt wieder, bringt den Schlüssel und wir verabschieden uns noch einmal. Was er jetzt wohl von mir denkt, frage ich Jamal. Das müsse uns egal sein, oder nicht? ist seine Antwort. Ich sage: ja, und denke: nein. Mir liegt etwas an dem Bild, das dieser Vater, den ich nie wiedersehen werde, von mir hat.
Wir kommen von den engen Gassen in weitere Straßen, wo auch jetzt, um ein Uhr nachts, noch keine Ruhe eingetreten ist. Männer, die paarweise sich an den Händen haltend oder die Hand des einen locker in den Arm des anderen gelegt lebhaft miteinander redend herumspazieren.
Oder Familien, viele Kinder, Frauen, immer wieder eine darunter, die den ganz und gar dicht geschlossenen schwarzen Schleier trägt, neben einer anderen, deren Schleier einen schmalen Sehschlitz hat. Es könnten Mutter und Tochter sein. Die Junge hat ein Baby auf dem Arm und ein Kind an der Hand, das niemals das Gesicht seiner Mutter in der Öffentlichkeit sieht. Ich höre eine freundliche, warme junge Stimme, wie sie zu dem kleinen Jungen spricht, der die Hand der völlig verhangenen schwarzen Mutter festhält und sie zu führen scheint. Goldene Haarspangen schimmern durch das Schwarz, das von innen nach außen wohl durchsichtiger ist als von außen nach innen. Trotzdem muß der Schleier beim Einkaufen oder beim Einsteigen in einen Bus kurz hochgehoben werden, was mit einem schnellen und geübten Griff geschieht. Goldene Armreifen glänzen zwischen Handschuhen und Mantel. Gold an den Handtaschen, Gold an den Schuhen. Ich habe nie mit einer Frau gesprochen, die diesen Schleier trug.
Am wenigsten sind Paare zu sehen wie bei uns um diese Zeit.
Melonen. Man kann sie die ganze Nacht über kaufen, denn die Männer, die sie in die Stadt bringen, schlafen bei ihren Melonenbergen, bis sie alles verkauft haben. Erst dann kehren sie nach Hause zurück. Eine andere Bleibe haben sie nicht in der Stadt.
Wir kommen schwitzend auf dem Hügel an, der Blick in die Runde hält, was Jamal versprochen hat, wir setzen uns, auch hier nicht allein, nur ein paar Schritte weiter eine Gruppe von Frauen mit ihren Kindern, wenige Männer sind dabei.
Eine junge Katze nähert sich uns, beschnuppert meine ausgestreckte Hand, als ich nach ihr greife, um sie zu streicheln, kratzt sie mich tief – einen Augenblick hatte ich vergessen, wie scheu und wild die Katzen hier sind –, ich lasse sie los, und sie macht einen Satz, ist verschwunden.
Jamal will nun von mir eine Geschichte. Dieser Sinn, von dem schon die Rede war, sage ihm, daß ich etwas vor ihm verberge – und gerade eben, als ich die Katze streicheln wollte, habe er es wieder gesehen.
Natürlich, dazu braucht man keinen siebten Sinn. Ich zögere. Soll ich mit dem Ende der Geschichte anfangen, an deren Beginn er gerade steht?
Jedes Jahr ein Besuch. Alle werden kommen und fragen, wo du bleibst. Die Schwestern küssen dein Bild, Brüder bieten ihre Hilfe an, Neffen wollen ihren Onkel haben, Nichten möchten Tanten werden, die Tanten fragen, die Onkel fordern, die Freunde wünschen, daß du zurückkommst. Die Wärme, die Sonne, die du vermisst –
Die Einsamkeit, die du dort kennengelernt hast, gibt es hier nicht.
Und du wirst Deutsch gelernt haben und alles, was damit zusammenhängt, und es nicht mehr vergessen wollen, auch wenn es die Österreicherin dann vielleicht gar nicht mehr gibt.
Aber es ist zu spät. Er ist ja schon unterwegs.
Eine Sternschnuppe treibt uns plötzlich – ihn in seine, mich in meine Geschichte – zurück. Wir dürfen unsere Wünsche nicht verraten, wenn sie in Erfüllung gehen sollen. Dieses Gesetz kennen wir beide. So ist es nun und so soll es auch bleiben.
Ich möchte jetzt in mein Hotel zurück, sage ich, ok, wie du meinst, sagt Jamal, und wir stehen auf, gehen ein paar Schritte, da kommt schon ein Taxi, er winkt und wir steigen ein. Wie es nun sei mit St. Simeon, morgen. Der Preis ist gefallen. Inzwischen würde er es für nichts weiter tun als für die Kosten des Autos, und bis in die Nacht hätte er Zeit, bis er aufstehen muß, um nach Damaskus zu fahren. Er könne mir einen wunderbaren Tag versprechen und eine ebensolche Nacht. Also? Nein, sage ich. Die Österreicherin, deren Brief ich habe lesen müssen, ist mir näher. Und der Palästinenser in Deutschland auch. Ich bleibe dabei: nein. Ohne weiteres nennt Jamal nun dem Chauffeur den Namen und die Adresse meines Hotels, und steigt selbst in der Nähe seiner Wohnung aus.
– Bye, sagt er.
Wir geben uns die Hand.
– Bye. Jamal.

Wo bist du jetzt? Ob du Österreich erreicht hast? Und deine Familie?
Wie oft habe ich in den letzten Jahren die Straßen gesehen, die wir gegangen sind? Keiner kann dort noch leben.

12.3.2017

Heute Nacht wird der Mond wieder rund sein.
Morgen geht es hinauf. Ich freue mich und ich habe Angst.