XXIII

Viele versuchten umsonst das Freudigste freudig zu sagen
Hier spricht endlich es mir, hier in der Trauer sich aus.

Friedrich Hölderlin
(Sophokles)

*

Fieberhaftes Schreiben. An-Schreiben gegen sich auftürmende Schatten, gegen die eisige Mauer aus lähmender Verzweiflung, gegen die Gespenster im Kopf. Nächte werden zum Tag, selbst wenn du sie schlotternd vor Kälte und Angst unter mehreren Decken verbringst – eine freie Hand für die Tastatur genügt! Unterbrochen von Schleichgängen zur Teeküche – schwarzer Tee, stark, heiß, viel Kandis! Das Zeitgefühl tritt in den Hintergrund, kommt zuweilen abhanden.

Dein Blättern in einem alten Notizbuch mit früheren Aufzeichnungen fördert ein verblasstes Bild zutage: Ein Vorhang, der uns trennt von allem, wovon wir träumen, was wir uns erhoffen. Ab und zu gelingt es uns, einen flüchtigen Blick darauf zu erhaschen, eine vage Ahnung davon zu erlangen, aber wir kennen die Formel nicht, die es freisetzt und Wirklichkeit werden lässt. Und so fällt jener Vorhang wieder, verschwindet das einmal Geschaute, als wäre es nie da gewesen.

Sollte es so sein, fragst du dich. Will mancher Sommer, der im Winter beginnt, bereits im Frühling enden? Und wozu dies dann alles: Diese Tage voller Zärtlichkeit, eine Zärtlichkeit, die dich durchströmte und neu lebendig werden ließ? Lieber Philosophenfreund, gehst Du mir verloren, noch bevor es richtig angefangen hat? Meine Liebe zu Dir: Reichte sie doch nicht weit genug, um Dich aus der Verzweiflung früherer Tage herauszuholen? Sie ist nicht weniger geworden, aber ich fühle zunehmend meine eigenen Kräfte schwinden. Wo bist Du? Ich brauche Dich! Mehr als Du glaubst!

Schmerz aus vergangenen Tagen. Wer von uns ist wirklich frei davon? Er hat ja seine Berechtigung, will zugelassen sein, – nur zerstören darf er uns nicht! Ohne all das, was wir erlebt haben, wären wir sehr wahrscheinlich nicht zu denen geworden, die wir sind. Und wo immer wir geliebt haben, da taten wir nichts Falsches. Wir mögen gescheitert sein, uns aufgerieben haben, oftmals umsonst, aber: Wir haben geliebt! Wäre es nicht so gewesen, welch armseliges Leben hätten wir geführt!

Und die Angst vor Zurückweisung, Enttäuschung, vor Verletzungen, – so ganz und gar verlassen wird sie uns wohl nie. Dies kann der Preis sein, den wir zu bezahlen riskieren, wenn wir uns auf einen anderen Menschen einlassen; es bringt mit sich, dass man sich aussetzt, sich verletzbar macht, möglicherweise zu vieles von sich preisgibt. In Zurückgezogenheit bei sich selbst ausharren wäre wohl die Alternative. Aber wie öde und farblos sähe dann unser Dasein aus? Nein, Lieber, für ein solches Leben sind wir wohl noch weniger gemacht!

Nach durchschriebenen Nächten tagsüber Flucht ins Freie, wann immer die Zeit es zulässt.

Komm! Ins Offene, Freund!

So schrieb euer Dichter einst an seinen Freund Georg Christian Landauer, den gebildeten, liberal gesinnten Stuttgarter Tuchhändler, den er schon früher über seinen Tübinger Studienfreund Christian Ludwig Neuffer kennengelernt hatte. Bei dem er nach seiner ersten Rückkehr aus Homburg – nach der endgültigen Trennung von Susette – zeitweilig wohnte, bevor er zu seiner neuen Hauslehrerstelle nach Hauptwil in der Schweiz, im Kanton Thurgau, ein Stück hinter dem jenseitigen Ufer des Bodensees gelegen, aufbrach.

Ins Offene! Nur den Himmel über sich. Gefühlte tausendmal den Weg am Bach gegangen. Vertraute und neue, seltene Begegnungen. Einmal eine Gebirgsstelze am Wasser, glücklicher Zufall. Du konntest den auffälligen Vogel mit seinem leuchtend gelben Bauchgefieder zunächst gar keiner dir bekannten Art zuordnen.

Schreiben und lesen im Park unter Bäumen. Von einer Ulme herab wagt sich ein Eichhörnchen, tollt ein Stück entfernt auf der Wiese herum, beobachtet dich von Zeit zu Zeit, setzt sich in Szene, streift einmal fast deine Füße, als würde es deine Nähe suchen. Und entfernt sich dann doch wieder, scheu, huscht den nächsten Baum hinauf, turnt anmutig über die Äste, verschwindet in den Zweigen. Irgendwann hat es einen Namen und wie alles, was einmal einen Namen trägt, beginnst du es zu vermissen, wenn es sich einmal nicht blicken lässt. Du hast es Puschel getauft, selbstverständlich ohne zu wissen, ob es sich gerade um Puschel oder um Puscheline handelt: Sie sind zu zweit, wie du bereits vom Balkon aus beobachten konntest, und sie haben deine Sympathie. Wie auch die beiden Wacholderdrosseln, die Tag für Tag dabei sind, mit lautem Geschrei – ein scheppernder, rasselnder Ruf, ähnlich dem einer Elster – eine Krähe zu verjagen, durch die sie ihr Nest, das sie in einem Lebensbaum errichtet haben, bedroht sehen. Die Krähe ist größer, aber die Drosseln sind flinker und wendiger. „Und sie sind zu zweit, lieber Philosophenfreund!“, so schreibst du in einer Kurznachricht, „daher haben sie eine reale Chance! Das könnten wir beide sein – oder was meinst Du? Lass‘ sie uns gemeinsam verscheuchen, die großen, schwarzen Vögel!“

Auch Puschel macht übrigens schon bald unliebsame Bekanntschaft mit dem Wacholderdrosselpaar; erschrocken zeternd kann er sich gerade noch in Sicherheit bringen, als sie ihn im Sturzflug attackieren und ihn dabei fast vom Ast stoßen. Denn auch er ist ja ein potentieller Räuber, eine Gefahr für ihr Gelege. Während die Krähe, die dir hier für den Augenblick als Feindsymbol herhalten muss, ihrerseits wiederum mutig beherzt Greifvögel angreift, oft im Alleingang, und sie durchaus erfolgreich in die Flucht zu schlagen und von ihrem Nest fernzuhalten vermag. Nun, Puschel, mit dem Frühstücksei wird das so schnell nichts! Als Entschädigung legst du ihm einige Haselnüsse unter den Baum. Richtig teure aus dem Bioladen, erzähl so etwas keinem! Am nächsten Tag sind sie verschwunden. Waren es die Eichhörnchen – oder die Waldmaus, die, wie du feststellst, in Wurzelnähe ihr Mauseloch hat und die du alsbald beim Holen einer Nuss beobachtest? So possierlich es aussehen mag: Auch deren Leben besteht aus Gefahren und Mühsal! Da sitzt du und machst dir Gedanken um eine kleine Maus.

Einbeschlossen sein vom Kleinsten…

Am Morgen siehst du den Kleiber, deinen vielbewunderten Akrobatenvogel, wie stets kopfüber am Baum herumturnen – und schließlich zu deinem Erstaunen mit einer Haselnuss im Schnabel davonfliegen.

Dies ist der Morgen, als der Albdruck zu weichen beginnt. Die Nacht zuvor in den Schlaf geflüchtet, zum Glück kannst du das. Nicht, solange du das Gefühl hast, noch irgendetwas tun zu können. Aber sobald du weißt, dass deine Möglichkeiten erschöpft sind – und sie sind es, so wie du selbst! Deine Fähigkeit, in einen willentlich herbeigeführten komaähnlichen Zustand zu sinken, mit dem Gefühl, nie wieder daraus erwachen zu können. Anderntags dann doch wieder – notgedrungen – ins Diesseits zurückfinden, mit dem ungläubigen Staunen über das Phänomen, noch am Leben zu sein. Diesmal jedoch im Halbschlaf, an der Grenze zum Erwachen, sich noch am Boden dieses Abgrunds findend, plötzlich das Gefühl, von starken Armen aufgehoben und behutsam hinweg getragen zu werden, während du in eine vertraute Wärme eintauchst. Seltsam getröstet schläfst du nochmals ein und findest wenig später, als du endgültig zu dir kommst, die Antwort auf deine Nachricht vor: „Ja, diese beiden Vögel – das sind wir gewiss!“

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.