XXII

Wenn aus der Tiefe kommt der Frühling in das Leben,
Es wundert sich der Mensch, und neue Worte streben
Aus Geistigkeit, die Freude kehret wieder
Und festlich machen sich Gesang und Lieder.

Das Leben findet sich aus Harmonie der Zeiten,
Daß immerdar den Sinn Natur und Geist geleiten,
Und die Vollkommenheit ist Eines in dem Geiste,
So findet vieles sich, und aus Natur das Meiste.

d. 24 Mai 1758           Mit Untertänigkeit
                                   Scardanelli

Friedrich Hölderlin
(Der Frühling)

*

Euer Dichter – ein Wanderer auch er. Musste er aus diesem Grund immerzu neu aufbrechen? Trieb ihn die Unruhe über die Berge und Hügel? Suchte und fand er Zuflucht und neue Kraftquellen in der Natur, bis auch dies nicht mehr gelang, bis das Ganze grausam zu kippen begann, das ständig rastlose Unterwegssein seiner Zerrüttung scheinbar Vorschub zu leisten schien?

Was war hier Ursache, was Wirkung? Fest steht, dass er auch in seiner zweiten Lebenshälfte, der von ihm vorab so gefürchteten, auch wenn diese vermeintlich im Zeichen des Wahnsinns stand, Kraft aus der Natur zog, sie aufmerksam beobachtete, sich beruhigte, wenn er hinausgehen konnte und mit ihr in Berührung kam.

Auch du lässt sie dir zu Therapiezwecken angedeihen, besonders hier, auf deinem „Zauberberg“. Nutzt jede Minute, dich in die Wälder zu schlagen – allein. Verbittest dir jede menschliche Gesellschaft, auch auf die Gefahr hin, zu brüskieren. Denn Unterhaltungen auf Spaziergängen verengen deinen Blick, lassen dich nicht zu deinen Beobachtungen kommen, verjagen dir überdies die Tiere, die dir, bist du allein unterwegs, fast schon zutraulich erscheinen, dir das Gefühl geben, dass sie zu dir in Beziehung treten, dir etwas mitteilen wollen, das sich dir wieder verschließt, sobald du dich ihnen nicht still und ungeteilt zuwenden kannst.

Das Streben nach Harmonie und Vereinigung? In einzelnen, kostbaren Augenblicken kurzzeitig das Entzweit-Sein mit der Natur zu überwinden glauben. Dem pfiffig wirkenden Kleiber zusehen beim Hinauf- und Hinuntereilen am Baumstamm, sich auf der Suche nach Nahrung und Nistmaterial an den Ästen entlang hangelnd, meist kopfüber, von Zeit zu Zeit einen pfeifenden Ruf ausstoßend, halb lockend, halb spöttisch. Den Eichelhäher begrüßen, der geschäftig vor sich hin krächzend im Laub des Vorjahres stöbert, ab und zu aufschaut, dich sehr wohl wahrnehmend, ohne vor dir zu fliehen. Auf einen gewissen Sicherheitsabstand lässt er dich an sich heran. Du kennst diesen, respektierst ihn und überschreitest ihn nicht. Reh, Hase und Fuchs, die deinen Weg kreuzen, sich zunächst seitwärts in Deckung bringen und dann doch beobachtend verharren, als wollten sie prüfen, ob sie sich dir anvertrauen können. Einbildung? Vielleicht! Missen möchtest du diese Begegnungen jedenfalls nicht.

Mit deinen Streifzügen legt sich die Unruhe, wird weniger, die Verzweiflung wird kleiner. Du fühlst dich immer mehr Teil eines großen, harmonischen Ganzen werden, aufgehen in einem Rhythmus, der einer höheren Ordnung folgt. Und wieder Hyperion:

Eins zu sein mit allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel der Menschen.

Dein Himmel: Einmal will er dir unendlich weit erscheinen, gleich darauf zieht er sich wieder zusammen, wird eng, nimmt dir die Luft zum Atmen. Du fragst dich, was für Gesetze dahinter stehen mögen.

Dann beginnt sich auch hier der Frühling einzustellen, die Sonne lässt sich öfter sehen. Wohin sie scheint, wärmt sie bereits, die Frühblüher stellen sich ein: Erste Veilchen, die sich zaghaft an vereinzelten Stellen sehen lassen. Schlüsselblumen im Park. Am Bach entlang entfalten sich weiße Anemonen, übersäen die zunehmend mit frischem Grün überzogenen Wiesen mit weißen Sternen, dazwischen gelbes Scharbockskraut und – direkt am Wasser – die ersten leuchtenden Sumpfdotterblumen. Du entdeckst jeden Tag auf deinen Streifzügen ein wenig mehr, freundest dich langsam nun doch mit dem Frühling an. Ja, – mag er nun kommen! Du bist bereit.

Neue Worte streben… Aus Geistigkeit…

Eine Zeitlang schon beschäftigt sie dich: Eure Geschichte, die gleichzeitig eine Geschichte der Begegnung mit eurem Dichter ist, die es dir wert wäre, sie festzuhalten. Wann und wo fändest du Zeit, wenn nicht hier?

Der „Zauberberg“. Der große Thomas Mann tauchte einst noch zum Schreiben die Feder ein. Dies erfüllt dich mit Respekt, solches würde dir Berge unbrauchbarer, tintenbekleckster Papierseiten eintragen! Bei dem Gedanken bist du denn doch froh ob der Errungenschaften moderner Computertechnik. Ein kleines tragbares Gerät mit Akku reicht aus, um überall schreiben zu können und das Netzkabel reicht sogar bis auf den Balkon. Das weiße Papier ist virtuell. Zunächst. Du beginnst, zögernd noch. Es entstehen aus Buchstaben Worte, aus Worten Sätze:

Mancher Sommer will im Winter begonnen sein. Ihr werdet nicht gefragt…

Werden Dinge bedeutsamer dadurch, dass man sie festhält, sie niederschreibt? Lässt sich so selbst Alltägliches aus der Banalität heraus retten? Spielt es eine Rolle, ob sich – objektiv – alles genauso zugetragen hat? Oder mehr, welche persönlichen – also subjektiven – Empfindungen, Gedanken, Erinnerungen, Phantasien mit hineinspielen? Was ist authentisch?

Mir ist Originalität Innigkeit, Tiefe des Herzens und des Geistes…

So schreibt euer Dichter in der Vorrede der vorletzten Fassung seines Hyperion. Allem voranstehend die Grabinschrift des Ignatius von Loyola:

Non coerceri maximo, contineri minimo, divinum est.

Nicht begrenzt werden vom Größten
und dennoch einbeschlossen sein vom Geringsten,
das ist göttlich.

Sich dieses Motto entlehnen? Reizvoll, aber ein hoher Anspruch – und gerade du willst dir anmaßen, ihn erfüllen zu können? Das, meine Liebe, dürfte zu einer beachtlichen Herausforderung werden! Mache dich auf Arbeit gefasst! Und auf mögliches Scheitern. Aber gescheitert sind schon ganz andere. Notfalls scheitere also wenigstens mit Anstand!

Jedoch: Je mehr sich die Seiten füllen, erkennst du, erschließen sich Dinge, fügen sich zueinander, die dir zuvor nicht bewusst waren. Schon darum lässt es dich nicht los, treibt dich weiter und weiter in die Materie hinein. Gibt ihr Form und Gestalt, auch deinen Gefühlen, gleich, ob es um die Empfindung von Freude, Zärtlichkeit oder Glück geht, als auch um Trauer, Wut und Schmerz. Schmerz in einen Fluss – einen Schreibfluss – verwandeln. Endlich damit wissen, wohin!

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.