XXVIII

Wenn dann vorbei des Frühlings Blüte schwindet,
So ist der Sommer da, der um das Jahr sich windet.
Und wie der Bach das Tal hinuntergleitet,
So ist der Berge Pracht darum verbreitet.
Daß sich das Feld mit Pracht am meisten zeiget,
Ist, wie der Tag, der sich zum Abend neiget;
Wie so das Jahr verweilt, so sind des Sommers Stunden
Und Bilder der Natur dem Menschen oft verschwunden.

d. 24 Mai 1778.                                             Scardanelli

Friedrich Hölderlin
(Der Sommer)

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Der Sommer will nun wirklich beginnen. Beginnt er ohne euch? Oder endet er vor der Zeit? Zeit der Heckenrosen. Auch der Holunderblüten. In diesem Jahr fallen sie dir besonders auf. Ihr Duft: Herb und süß zugleich. Das Herbe nimmt die bitteren Beeren vorweg. Immerhin: bewährtes Heilmittel in ihrer Bitterkeit!

Ob die Bitterkeit auch für euch Heilendes hat? Manchmal denkst du eher, dass sie euch zermürbt, zerfrisst. Aufbauen und Zerstören liegen dicht beisammen, dazwischen scheint nur eine hauchdünne, papierene Wand zu existieren. Ihr könnt nicht erklären, warum ihr immer wieder zerstört, was ihr liebt. Die Götter: Verwerfen sie? Noch bevor sie ihren Entwurf vollendet haben? Ihr wisst es nicht. Sie lassen euch nicht daran teilhaben.

Und so fühlst du dich immer wieder wie der Pilot aus dem Comic, der sich nach einer Bruchlandung mit seiner selbstgebastelten Flugmaschine in einem Heuhaufen wiederfindet, der, das lose Steuer noch in der Hand, reichlich verwirrt um sich schaut. Zunächst die Orientierung wiedererlangen muss. Verwirrt, verwundet, zerzaust, aber noch am Leben!

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.