XXIX

Die Tage gehn vorbei mit sanfter Lüfte Rauschen,
Wenn mit der Wolke sie der Felder Pracht vertauschen,
Des Tales Ende trifft der Berge Dämmerungen,
Dort, wo des Stromes Wellen sich hinabgeschlungen.

Der Wälder Schatten sieht umhergebreitet,
Wo auch der Bach entfernt hinuntergleitet,
Und sichtbar ist der Ferne Bild in Stunden,
Wenn sich der Mensch zu diesem Sinn gefunden.

d. 24 Mai 1758                                   Scardanelli

Friedrich Hölderlin
(Der Sommer)

*

Wochen später. Während einer Tagung auf einer Burg über einer markanten Schleife des Neckars. Der Sommer: Er ist weiter fortgeschritten. Glockenblumen schauen tiefblau aus Mauerritzen, das Blau setzt sich im Burggarten fort im duftenden Lavendel, darüber ein Feuerwerk von Rosen in üppigem Rot und Rosé, sanfterem Apricot und Vanillegelb. Der Wald ringsum erfüllt vom Duft nach Harz und Kiefernnadeln. Auf kleinen Lichtungen bereits der Fingerhut, leuchtend rotviolett. Den Höhenweg entlang gehen, weiter und weiter, immer dem Lauf des Flusses folgend, bis die ohnehin spät einbrechende Dunkelheit zur Umkehr mahnt. Heimgeleuchtet von Glühwürmchen, kleinen Irrlichtern. Sie erinnern dich sogleich an ein Kunstmärchen aus Goethes „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“, worin dein Philosophenfreund erst kürzlich gelesen und daraus erzählt hatte. Worauf du es natürlich sofort nochmals selbst lesen musstest.

Zwei Irrlichter, die sich vom Fährmann – allerdings wohl eher über den Rhein, nicht über den Neckar – übersetzen lassen. Ein viel gehörter Song aus deinen jüngeren Jahren kommt dir in den Sinn: „Don’t pay the ferryman!“ Auch diese beiden Irrlichter können den Fährmann nicht bezahlen. Ihr Gold nützt ihnen nichts, denn ihr Lohn darf nur in Früchten der Erde bestehen! Diejenigen, welche andere irreführten, sind am Ende ihrer Zahlkraft, suchen selbst Geleit und Orientierung – wie tröstlich! Auch so ein Irrlicht ist also eines Tages am Ende seines Herumirrlichterns angelangt und will nichts anderes mehr, als sicher auf die andere Seite gelangen.

Ein herrliches Märchen übrigens, es enthält die schrillsten Gestalten mit den verrücktesten Schrullen. Und doch nimmt niemand dem anderen dessen Schrullen krumm, wird niemand ob seiner seltsamen Eigenarten verteufelt oder gar ausgegrenzt. Keine Opfer! Keine Sündenböcke, die verantwortlich gemacht würden für missliche Verhältnisse. Stattdessen wirken zur Behebung derselben alle zusammen, jeder nach seinem Vermögen, nach eigenen Kräften und Fähigkeiten. Und siehe da: Es passt!

Während der heißen Mittagstunden im Schatten hoher Bäume sitzen, an ihren Stamm gelehnt, wieder einmal aus ihrer Stärke Kraft ziehen. Die drei markantesten unter ihnen: Eine mächtige Blutbuche, im farblichen Kontrast ein Tulpenbaum mit seinen dunkelgrün glänzenden, eigenwillig geformten Blättern, eine alte Esche, soeben in schönster Blüte, die du sonst bei der Höhe dieser Bäume nie wahrgenommen hattest, während hier die hoch gelegene Burgterrasse den Blick in die Baumkronen ermöglicht.

Eine Esche weiß ich, sie heißt Yggdrasil,
Den hohen Baum netzt weißer Nebel;
Davon kommt der Tau, der in die Täler fällt.
Immergrün steht er über Urds Brunnen.

Aus der Edda

Die Esche. Der Weltenbaum in der Mythologie. Stütze der Welt. Symbol auch für die Macht des Wassers. Aus einem alten Jahrbuch der Hölderlin-Gesellschaft geht hervor, auf dem Grab eures Dichters habe es einst eine Esche gegeben, die im Winter 1947/48 jedoch einging und entfernt wurde; es heißt, sie sei nicht zu retten gewesen.

Ob derjenige, der diese Bäume hier auf der Burg einst pflanzte, sie bereits vor seinem geistigen Auge so sah, wie du sie heute siehst? Ob er eine Vorstellung davon hatte, wie sie in hundert Jahren aussehen und sich der Nachwelt zeigen würden? Wer einen Baum pflanzt, pflanzt diesen ja weniger für sich selbst als für kommende Generationen.

Zimmer mit Neckarblick. Mal wieder. Eine Fensterbank, durch die gewaltige Mauerstärke breit genug, um lesend und schreibend darin zu sitzen – sofort dein erkorener Lieblingsplatz! Unterhalb ein Fußweg, der abwärts in das kleine Städtchen mit den verwinkelten Gässchen, Treppen und verschachtelten Häusern führt. Der Blick vom Fenster fällt in die Krone einer blühenden Edelkastanie; ihre Blütenkätzchen leuchten weiß, sind sternförmig angeordnet, länglich, Pfeifenputzern ähnlich. Noch deutet nichts auf ihre späteren Früchte, die zur Winterzeit so beliebten Maronen. Den Römern verdankt ihr sie. Die größten und ältesten Exemplare sollen sich am Ätna befinden. Einer dieser Bäume, der noch bis ins vergangene Jahrhundert stand, soll bereits zu Zeiten – zwar nicht des Empedokles, jedoch immerhin – Platons Erwähnung gefunden haben!

Eine Linde weiter unten am Weg, nach Art der früheren Tanz-Linden mit einer Holzbalustrade auf halber Höhe umbaut, so dass man sich nach Ersteigen einer Leiter auf der Höhe ihrer Äste und Zweige wiederfindet. Sie ist nahezu am Ende ihrer Blüte. Hunderte von Bienen geben ein Summ-Konzert im grünen Blätterdach.

Klingt meine Linde…

Woher kennst du das? Ach ja! Es entstammt einem alten schwedischen Märchen. Astrid Lindgren, die dieses Motiv übernahm. In einer Geschichte über Malin, ein kleines, verlassenes Bettelmädchen.

Klingt meine Linde, singt meine Nachtigall…

Du kannst noch immer schwer deinen Ärger darüber bezwingen, dass diese große Schriftstellerin jüngst in einen Literaturführer, der im Rahmen einer speziellen Kulturführer-Edition deiner bis dahin bevorzugten Wochenzeitung erschien, keine Aufnahme fand, die Autorin von „Harry Potter“ hingegen ohne Weiteres. Ohne es dieser missgönnen zu wollen: In welchen Zeiten lebt ihr, lebt die Literatur?

Schlechte Zeiten für die Literatur. Aber solche kannte bereits euer Dichter. War er jemals an diesem Ort? Es lässt sich nichts darüber in Erfahrung bringen. Immerhin wäre es möglich. Es ist sein Fluss, er war ein großer Wanderer und nur wenige Kehren weiter neckarabwärts liegt sein Heidelberg, die Ländlich Schönste.

Allerdings bin ich hier bereits in Ungnade gefallen, Lieber! Auf der Burgterrasse, als ich eines Abends mit Dir telefonierend abseits der Tische mit angezogenen Knien auf der Mauer saß, weit über das Tal blickend. Da währte das Vergnügen nicht allzu lange, bis eine irritierte Kellnerin herbei eilte und bat, die Dame  – welche Dame, um Himmels Willen? – möge doch bitte auf einem Stuhl Platz nehmen, die Chefin sehe so etwas nicht gerne! So blieb mir denn nichts anderes übrig, als mich wieder einmal unter die Bäume zu flüchten und den Drang, in wildes Gelächter auszubrechen, zu bezwingen. Wenigstens hierin reiche ich recht gut an mein literarisches Vorbild: Die Bettine, die es auch im fortgeschrittenen Alter nie geschafft haben soll, gesittet auf Stühlen zu sitzen, die dafür bekannt war, die Lehne zu bevorzugen – die Füße auf der Sitzfläche! Sie hätte hier wohl Lokalverbot bekommen.

Die Burgmauern: Uralte Steine, Zeugen längst vergangener Tage. Wenn sie und die Bäume erzählen könnten! Könntest Du hier sein, lieber Philosophenfreund: Auch dies wäre wohl ein Ort für uns! Ein Ort, wo sich die lange entbehrte Harmonie mit allem Lebendigen ringsherum wiedereinzustellen beginnt. Ein Ort, an dem ich für Augenblicke ich selbst bin, mich vorübergehend nicht selbst anzureden brauche, um zu mir zu finden. Es wird dies nicht lange vorhalten, schnell wieder verflogen sein, das weiß ich. Aber das Wissen darum wird mich diesmal nicht davon abhalten, den Moment auszukosten.

Werd‘ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehn!

Johann Wolfgang von Goethe
(Aus: Faust I)

Die Sehnsucht jedoch ist geblieben, lässt sich nicht auslöschen. Erinnerungen an wenige unbeschwerte Tage, unterwegs mit Dir auf der Bonner Museumsmeile, unsere Unterarme ineinander gehakt. Deine sonnenwarme Haut. Als ich dachte, ich möchte ewig so mit Dir unterwegs sein, gemeinsam geradewegs in den Sonnenuntergang laufen, irgendwohin, zu neuen Horizonten. Erinnerungen, diesmal ohne Groll, fast – aber nur fast! – ohne das stetige brennende Gefühl, das in mir tobt, sich allzu deutlich meldet und sagt: Es war mir zu wenig! Oh ja, es IST mir zu wenig, noch immer schreit etwas tief in mir: Mehr davon!

Ist mein Schreiben, das ich doch zu einem erheblichen Teil Dir und Deiner Ermutigung verdanke, alles, was mir von Dir geblieben ist, lieber Philosophenfreund? Alles, was sich davon retten lässt? Vom Flüchtigen ins Bleibende? Ich weiß es nicht. Auch unser Dichter, den ich hier immer wieder so gnadenlos in die Gegenwart gezerrt, zu allem befragt habe, was mir so durch den Sinn ging, wird sich ähnliche Fragen gestellt haben. Lange bevor er sich in sich selbst zurückzog. Um am Ende darin vielleicht doch wieder zu einer Art Frieden und Aussöhnung zu finden, mit sich selbst, mit den Gegebenheiten, mit dem großen Ganzen. Es heißt, er starb friedlich, ohne Kampf.

So Hyperion:

Wie der Zwist der Liebenden, sind die Dissonanzen der Welt. Versöhnung ist mitten im Streit und alles Getrennte findet sich wieder.

Nein, Lieber, auch wenn es mir nahe läge, – denn unvollendet wird und soll alles bleiben, schrecklich der Gedanke an Vollendetes, benommen aller Möglichkeiten, sich weiter zu entwickeln: Es wäre vermessen, dies hier eingedenk des Hyperion enden zu lassen mit den Worten: Nächstens mehr. Es kommt mir nicht zu.

Unsere Geschichte bleibt offen; ein Versuch, sie so oder so enden lassen zu wollen, würde zwangsläufig scheitern. Happy-Ends erscheinen mir allzu verlogen, ein tragischer Ausgang hingegen nicht minder. Findet sich nicht oft Traurigkeit mitten im Glück? Und sind nicht ebenso immer wieder glückliche Momente mitten in der Tragik?

Und – wie Du einmal sagtest: Scheitern wir nicht am Ende unseres Lebens spätestens alle?

Das letzte große Scheitern, von dem wir nur hoffen können, dass es nicht der Schlusspunkt, sondern lediglich ein Übergang sei. Dass ein Weg durch dieses Scheitern hindurchgehen möge, der uns auf die andere Seite bringt – Irrlichter, wir! Auf dem Weg zu neuen, unbekannten Ufern. Von denen wir nie aufhören werden, uns zu wünschen, dass sie Besseres für uns bereithalten, uns einmal mehr weiterbringen werden.

Wissen – das sagst Du gemeinsam mit Deinem Kant zu Recht, lieber Philosophenfreund! –  können wir all dies nicht. Und alles Wünschen wäre dreist. Deshalb wagen wir für diesmal nur – wie es einst unser Dichter tat – um einen Sommer anzufragen. Den einzigen.

Aus Bettina Johl: Holunderblüten. Roman um zwei Liebende auf den Spuren Hölderlins. Erschienen 2020 als Sonderausgabe von literaturkritik.de.