21.-30.3.2017 – draußen schlafen

21.3.2017

Aleppo. Immer und immer wieder Aleppo.
Last men in Aleppo: ein Film zum Jahrestag. Sechs Jahre Krieg um Aleppo.
Männer rennen, schreien: Jamal! Jamal! Jamal!
Auch ein Jamal.

Zwei Minuten später reden Männer wieder vom Glück. Wie jeden Tag. Ich verstehe es nicht. Glück und Genießen. Am besten: Glück genießen.
Es kommt mir so vor, als müsste man wegschauen, ganz weit wegschauen von dem, was ist.
Findung der Wege zum Glück – Franz Schuh – kommt zum Schluss: Glück allein macht nicht glücklich. Auch gut. Aber Glück muss sein? Für wen?

23.3.2017

Wie munter die Stare jetzt sind. Sie hüpfen zwischen beiden Häuschen hin und her, verschwinden einmal in den einen, dann in dem anderen. Ich weiß nicht, ob es drei oder vier sind. Ich möchte der Natur vertrauen. Sie braucht vier. Ich höre die Stare den ganzen Tag.
Ich gehe mit Yalla den Berg hinauf, wo 2013 der Tornado den mit Fichten dicht bewachsenen Hang kahl geschlagen hat. In ein paar Wochen wird der Ginster blühen, der inzwischen überall gewachsen ist, weil er Licht bekommen hat. Ein paar kleine Fichten sind wieder da, viel kleiner als der Ginster.
Und Bergahorn. Es wird ein ganz anderer Wald sein. Die großen Fichten und Ahornbäume werde ich nicht mehr sehen.
Heute habe ich eine Hilfe für meinen Garten aus einem ganz anderen Krieg. Ein Rentner, der aus Montenegro geflohen ist und hier viele Jahre auf dem Bau gearbeitet hat. Stolz erzählt er davon, wie F.J.Strauß beim Bau des neuen Flughafens in München jeden Freitagnachmittag mit einem LKW voller Bier zu den Arbeitern gekommen ist. Das muss jetzt 30 Jahre her sein.

Ich mag die Filme von Aki Kaurismäki. Dieser Ernst, der in Lachen kippt. Der Mann ohne Vergangenheit. Ich habe ihn im Kino gesehen, schaue ihn aber gern nochmal an, auch weil ich mich erinnere, dass da etwas mit einem Hund vorkam, was ich mir gemerkt und weitererzählt habe.
Ich warte auf den Hund. Es ist ein schöner, weißer, nicht viel größer als Yalla und mit ähnlicher Gestalt. Ich warte auf Wiedererkennen. Aber es geschieht nicht. Dann ist der Film zu Ende und ich bin enttäuscht von mir. Was habe ich wieder vergessen? Ich gehe ans Klavier und da weiß ich es wieder: ich habe damals davon gesprochen, dass ich so einen Hund möchte wie Hannibal, der ein Mädchen ist.
Ich höre mich sagen: hast du den Kaurismäki gesehen? So einen Hund möchte ich in schwarz. Einen wie Hannibal.
Sie sind sich wirklich ähnlich: Hannibal und Yalla. Ich werde noch einmal in die Mediathek von arte schauen. Und für den neuen Kaurismäki ins Kino gehen. Ein Spass wird das nicht. Die andere Seite der Hoffnung.

Das Lachen. Wenn etwas fehlt im Leben allein, ist es Lachen und Zärtlichkeit. Spuren davon gibt mir die kleine Liebe mit meinem Hund. Wenn der Blick, der über ihn streift, alles schön findet, was er sieht. Wie es eben ist, wenn man liebt. Dann wundere ich mich manchmal über Yallas komisches Gesicht.
Aber wie sollte das Im-Freien-Schlafen mit einem Mann funktionieren? Immer abstimmen, wie man es findet: zu kalt, zu nass, zu windig oder was?!? Und wo rollen wir das Bett heute hin? Es geht ja nicht einmal mit dem Hund. Den schicke ich ins Haus, weil er immer laut bellend losrennt und sich nicht beruhigt, wenn er nachts einen Igel oder einen Fuchs oder einen Biber hört.
Entscheidend wurde das Draußenschlafen nach dem Krebs. Hatte ich doch inzwischen erfahren, wieviel in so einer Nacht zu erleben war. Schlafen im Haus ist verlorene Zeit, wenn kein anderes Leben um mich ist, von dem etwas kommen kann, was noch nicht war. Solange ich noch einen Arbeitsalltag hatte, konnte ich vier Nächte der Woche draußen sein. In den drei anderen Nächten spürte ich immer mehr, was mir fehlte. Aber ich brauchte noch ein paar Jahre und die Worte einer weißen Hexe, bis ich mir vorstellen konnte: Hier kann ich leben. Das viel zu große Haus verlassen für ein sehr kleines mit Küche und einem Zimmer zum Wohnen, Essen, Arbeiten und einer Veranda als mein Winterschlafzimmer. Drei Viertel des Jahres hat mein Schlafzimmer keine Wände. Dafür musste ich umbauen und verzichten: auf Dusche, Waschmaschine, Spülmaschine. Eine Dusche wird durch das Schwimmbad ersetzt, das seit einem Bandscheibenvorfall sowieso zur Gewohnheit geworden ist. Für die Waschmaschine bieten sich Freunde an, aber inzwischen kenne ich mich mit den Waschsalons gut aus. Bleibt die Spülmaschine zurück. Das ist das Schmerzlichste. War sie doch der erste Erfolg von Emanzipation, als ich auf einmal Geld verdiente und sagte: wir müssen das Abwaschen verteilen, da hatte ich am nächsten Tag meine erste Spülmaschine. Meine letzte ist im großen Haus geblieben, und ich muss wieder abwaschen. Schlecht und recht. Mehr schlecht als recht, würde meine Tochter sagen. Recht hat sie. Ich habe mein Wasser aus einem Brunnen und es läuft in einen Bach wieder ab, da spare ich selbst mit dem Ökospülmittel. Abwaschen ist mir sowieso zuwider.

24.3.2017

Es sind vier! Stare. Drei hüpften schon auf den Häusern herum, als noch ein vierter dazu kam. Gottseidank. Sie sind mir so wichtig. Beweis, dass der Frühling nicht verstummt. Nicht solange ich noch da bin. Eine furchtbare Vorstellung: ein stummer Frühling. Am furchtbarsten für die, die den Jubel kennen und als Glück – schon wieder Glück – erlebt haben. Den feinen Ruf der Stare höre ich von überall.
Und ein Entenpaar hat mich mit seinem Geschrei aus dem Einschlafen gerissen, als es über mich hinweg geflogen ist gestern Abend.
Lautlos dagegen der Fischreiher. Er kam von Westen und zog nach Osten heute Morgen, wo er oft lange an einem kleinen See steht und nach einer Mahlzeit schaut. Ich kenne ihn.
Und die Störche haben ihr Nest auf der Kirche bezogen.
Die Frage, die mir immer gestellt wird, wenn einer zum ersten Mal von meiner Gewohnheit hört, draußen zu schlafen, ist dann: „Hast du keine Angst?“
Und: nein, hier ist niemand weit und breit, wenn es Nacht wird. Nur ich ganz allein.
Ich kenne die Angst, aber ich habe sie nicht mehr, weil ich mich dagegen entschieden habe.

Ich kann mich noch an die Angst erinnern, die ich hatte, als ich einmal allein mit den Kindern hier draußen übernachtet habe, weil mein Mann unterwegs war. Die Angst war furchtbar, ich lag ganz starr in meinem Bett und lauschte, bekam beim kleinsten Geräusch lautes Herzklopfen, bin wieder aufgestanden, wieder ins Bett gegangen, habe zu lesen versucht, schlafen konnte ich nicht. Die zweite Nacht war schlimmer als die erste, weil da die Angst vor der Angst dazu gekommen ist. Ich habe mein Zeug gepackt und bin in die Stadt gefahren. Ohne Mann geht es nicht, habe ich mir gemerkt. Aber damals kam der Mann wieder, was zu erwarten war.
Als er dann nicht mehr wiederkam und auch nicht zu erwarten war, stand ich wieder vor der Frage: Kann ich allein draußen bleiben? Immer noch zum Schlafen im Haus, etwas anderes kannte ich ja noch nicht. Ich musste – und ich konnte – wählen: will ich Angst haben oder will ich draußen bleiben. Ich habe mich – wie man inzwischen weiß – für draußen entschieden. Gegen die Angst. Es hat funktioniert. Sie war weg.
Und sie ist noch viel mehr weg, seit ich ganz draußen schlafe.
Ich erinnere mich an ein einzige Mal, wo ich Herzklopfen bekam. Das war im April vor drei Jahren und ging so:

10.4.2014

„Haaalooh!“
„Haaalooh!“
„Haaalooh!“
Nach diesen vielen Jahren, die ich nun schon im Freien schlafe, hatte ich zum ersten Mal Herzklopfen heute Nacht.
Es muss zwischen drei und vier gewesen sein, dass mich Hallo-Rufe geweckt haben. Sehr ferne Rufe. Nach sechs oder sieben Rufen mit kurzen Pausen dazwischen ist es still. Ich höre keine Biber Bäume beißen, keinen Fuchs bellen und keinen Igel am Gras zupfen. Ich denke: das war’s. Muss nicht mehr überlegen, ob ich aufstehen soll. Wäre sowieso sinnlos, ich kann nichts sehen, jedenfalls nicht so weit, wie der entfernt ist, der da ruft.
Die Nacht ist finster, kein Stern, kein Mond. Ans Hellwerden noch lange nicht zu denken.
Im Osten und Süden steht der Wald, neben meiner Hecke im Norden liegt eine Wiese und im Westen reichen die Felder bis zum Dorf. Hier bin ich nachts immer allein außer in ein paar Sommernächten. Um diese Jahreszeit ist da kein Mensch in Sicht-, Hör- oder Rufweite.
Aber jetzt muss ich dieses Rufen hören.
Da ist es wieder. Eine starke Männerstimme, angestrengt. Betrunken? Und dann klingt ein schwerer Glockenton herüber, ein einziges Mal. Nein, meine kleine Glocke neben dem Tor in der Buchenhecke kann es nicht sein. So verrostet, wie die ist, sieht man sie auch am Tag kaum zwischen den noch immer braunen Blättern. In der Nacht findet die keiner, der sie nicht kennt. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn da jetzt einer stünde. Nein, ich bleibe im Bett. Aber bewegen mag ich mich nicht.

Herzklopfen hatte ich immer, wenn ich im Haus schlief. Da hat mich jedes Geräusch erschreckt, egal ob von außen oder von innen. Als ob ich draußen besser weglaufen könnte als drinnen.
Ich konnte nichts tun, als mucksmäuschenstill auf das  Abklingen zu warten.
So wie jetzt. Ob der noch einmal ruft? Oder ob es der letzte Ruf war? Es ist ja, wie wenn einer stirbt, und ich mich bei jedem Atemzug, der nach einer langen Pause wiederkommt, frage, ob dem noch einer folgt oder nicht.

Über dem Warten bin ich eingeschlafen. Als mich das laute Vogelkonzert weckt, frage ich mich: was war das? Ach ja: da war das Rufen, und ich hatte Herzklopfen.
Draußen wie immer. Natürlich, wo sonst.

25.3.2017

Glück ist das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt. Sagt REWE.
Und ich bringe wieder aus alten Zeiten was Geklautes mit: dumm sein und Arbeit haben – das ist das Glück.
Hat Gottfried Benn mal gesagt.

Warum sind so viele Kinder heute kleine Mäuse geworden. Waren sie das doch vor ein paar Jahren noch nicht. Eltern und Großeltern, ihre Freunde und Freundinnen, Onkel und Tanten, alle sagen: Hallo, kleine Maus! Haben sie überhaupt schon einmal eine kleine Maus gesehen? Auf ihrem Kopfkissen? Heute hat mich gegen Morgen eine geweckt. Als ich die Augen aufmache, ist sie weg.

Ich gehe nach dem toten Maulwurf schauen, den ich gestern am Brunnen gefunden und dessen Fell ich wieder einmal bewundert habe. Er war nicht viel größer als eine Maus. Muss ein junger gewesen sein, der da ans Licht gekommen ist, wo er gar nicht hingehört. Ob er geholt – entsorgt – worden ist?
Entsorgt wie das schwarze Eichhörnchen, das rechts und links aus Yallas Schnauze hing, als sie aus dem Garten gelaufen kam, mit ratlos-gejagtem Blick an mir vorbei rannte und nach einer Weile mit Spuren von Erde um die Nase wiederkam. Jahrelang ist sie andächtig und vergeblich unter Bäumen gesessen und jetzt dies. Vielleicht hat es der Bussard verloren, der oft über den Gärten kreist, nachdem er es erwischt hat.
Vielleicht war es ja sogar mein Hund, der ihn erschreckt hat, so dass er seine Beute fallen ließ. Meinem Hund vor die Füße. Er hat es sicher gut vergraben.

Mali ist wieder in der Leitung, im Handy und auf dem Bildschirm. Mamadou braucht Geld für ein Dossier, schreibt er, um sich für eine Arbeit bei einer ONG in Tombouctou zu bewerben. Der erste Teil des Satzes ist sicher richtig, für den zweiten Teil wünsche ich Mamadou viel Erfolg.
Western Union bricht mehrere Versuche ab. Dann ist nur noch eine Kreditkarte möglich. Banküberweisung ist mir lieber gewesen. Widerwillig mache ich weiter, will es wieder aus dem Kopf bekommen, hier sein. Muss nur noch die Zahl loswerden. Trente-sept vingt-quatre vingt-cinq quatre-vingt sept-cinquante-et-un. So sagen sie in Mali. Oder ich: trois sept deux quatre deux cinq huit sept cinquante un. Das ist besser. Für mich.
Als ich mit Mamadou telefoniere, um ihm die Nummer zu sagen, wünsche ich ihm viel Erfolg bei der ONG. Das tue ich von Herzen. Aber Mamadou versteht mich nicht. Fragt zurück. So schlecht ist mein Französisch doch auch wieder nicht. Hat er vergessen, was er mir gesagt hat, wofür er das Geld braucht?

26.3.2017

Der Frühling riecht wie ein Frühling riechen muss. Und es ist Sonntag. Sommerzeit.
Zum Glück: was die Vögel fallen lassen, soll Glück bringen, wenn es dich trifft. Dann bin ich ein Glückspilz: Es hat mich aufs Ohrläppchen getroffen.
Die vielen weißen Flecken auf dem Holz um mich herum teile ich mit allen.
Aber ich bin ungeduldig. Gehe jeden Tag zu den Sträuchern und Bäumen, die ich letztes Jahr gepflanzt habe, um vielleicht eine winzige Veränderung zu finden. Weil ich eine bin, die gerne an den Radieschen zupft, um zu sehen, wie groß sie schon sind. Ich fühlte mich so sehr verstanden, als das mein letzter Deutschlehrer über mich sagte, dass ich es bis heute nicht vergessen habe. Wie könnte ich es auch vergessen, erwische ich mich doch immer wieder dabei, wie ich kleinste Veränderungen an den Pflanzungen buchstäblich mit der Lupe suche. Jeden Tag wieder.

27.3.2017

Der Winter ist überstanden. Diesmal war es für mich wirklich ein Überstehen. Es gab so wenig weiße Zeit. Aber die Eisblumen – die waren zauberhaft. Nur mag ich sie jetzt gar nicht anschauen – hebe sie als Trost für den nächsten Winter auf. Ja?
Zum Frühling entschlossen verräume ich Mäntel und Stiefel. Einen „Übergangsmantel“ – sagt das heute noch jemand? – behalte ich noch draußen.
Mein Rad lässt mich im Stich. Erst das große, dann das kleine Klapprad auch. Ich schiebe heim, denke: das mit dem Räder-Reparieren hast du wohl zu wenig geübt. Warum ist meine Pumperei so gar nicht nachhaltig? Vielleicht wenn meine Mutter mein erstes sportliches Fahrrad nicht zum Sperrmüll gegeben hätte, als ich mal nicht da war? Muss in den Ferien gewesen sein. Ich war weg und jetzt das Rad. Einfach weg. Und ich wütend. „Warum hast du das gemacht?!?“ – „Das war doch nichts mehr wert.“ Vielleicht hätte ich da mit dem Reparieren anfangen können.
Natürlich fuhr Mutti da schon lange nicht mehr mit einem Rad wie nach dem Krieg im Land der Puppenmacher an der Zonengrenze nach Thüringen. Mutti hatte meine größte Puppe, die Rita, aus der Puppenklinik geholt und auf den Sattel geklemmt. Da wurde sie von einer entsetzten Frau angeschrien: „Das können Sie mit dem Kind doch nicht machen!“

Meine älteste Freundin – nicht vom Alter, sondern von den Jahren, die wir uns kennen – wird heute 76. Unsere jüngeren Mädchen waren drei Jahre alt, als wir zusammenkamen, wir wohnten nur zwei Straßen voneinander entfernt. Sie erzählt heute noch gerne, wie stumm ich damals war, wenn sie zu uns kam und mein Mann dabei war. Er habe immer geredet, ich überhaupt nicht. Aber sie sei doch meinetwegen gekommen und habe das nicht verstanden. Es stimmt. Sie erinnert mich an etwas, das ich gerne in der Versenkung lassen würde: meine Angst, den Mund aufzumachen. Ich habe nichts gesagt, brachte kein Wort heraus und über den Berg, der vor mir stand. Mit dem Mann allein ging es besser, aber nicht, wenn es wichtig gewesen wäre. Auch wenn mir solche Erinnerungen nicht gefallen, finde ich es doch wertvoll, dass es Menschen gibt, die sie auch bewahren. Noch.
Paul kenne ich nur 20 Jahre und er ist nun wirklich mein ältester Freund. Er hat noch immer den Durchfall, von dem er mir schon vor dem Skilaufen erzählt hat. „Da musst du doch sehr schwach sein!?“ Ich denke an meine afrikanischen Durchfälle und wie schnell sie einen aufgefressen haben. „Ja, ich bin sehr schwach.“ Sagt er und er würde mich anrufen, wenn es ihm wieder besser geht und er mit dem Auto zu mir herauskommen kann, wie wir es uns vorgenommen haben.
Natürlich denke ich, was ich tun würde, wenn es mir so ginge. Ich weiß es, seit ich Borasio gelesen habe: nichts mehr essen und nichts mehr trinken. Kann man das zu einem wie Paul sagen? Natürlich nicht. Paul freut sich, wenn er essen möchte. Kocht sich Kartoffeln, die seinen Körper gleich wieder verlassen.
Ich denke, dass man rechtzeitig aufhören muss, Essen und Trinken so überzubewerten, wie es heute überall stattfindet. Nein, man muss nicht immer gleich essen, wenn man ein bisschen Hunger hat. Und trinken auch nur, solange man leben will. Und das kann sich ändern.

29.3.2017

Wie schwebend leicht der Tag gestern war! Ich habe gestaunt, mich gewundert und dankbar gefreut.
Bei den Schritten ins Haus stand da auf einmal eine Erinnerung: ich komme beflügelt von Gedanken für einen Vortrag, den ich in Tutzing halten will, von den Feldern zurück, rutsche auf dem tausendmal benutzten Abstreifer aus und breche mir das Sprunggelenk. Gestern denke ich: das machst du heute nicht! Es muss dir morgen nicht schlecht gehen. Lass es! Kein falscher Schritt! Ich mache ihn also nicht.
Am Abend auf dem Sofa tut das Knie weh, dem Skifahren fast gar nichts ausgemacht hat, wenn ich es nur leicht anhebe. Die ganze Nacht über und auch heute noch. Ich konnte lange nicht einschlafen, habe Angst: mein Hund hat nur mich. Ich darf gar nicht an Krankenhaus denken. Das gibt es für mich nicht. Als ich Yalla noch gar nicht lange hatte, musste ich zur Metallentfernung dahin. Schon nach einem Tag kam Yalla mit stumpfem Fell zu mir zurück. Das Fell glänzte nicht mehr, war matt und rau. Durchfall hatte sie auch. Dabei war sie bei einem Pudel und seinem Frauchen gewesen, die sie liebte. Weiter üben konnten wir bald nicht mehr, weil es das Frauchen plötzlich nicht mehr gab.

Es hat Jahre gegeben, da war dieser Turbo-Frühling ein rasender Zug, auf den ich nicht aufspringen konnte und in einer Depression zurückgeblieben bin.
Die Welt ist das, was ich sehen, hören, fühlen kann.
Wenn dies verschlossen bleibt, denke ich daran zu gehen. Das geht aber nur, solange ich es merke.
Seit ich mit diesem Tagebuch lebe, erfahre ich mehr. Das ist ein Reichtum. Aber ich muss auch mehr ertragen und frage mich: Gab es immer soviel Krieg?

30.3.2017

Mamadou will sein ganzes Aprilgeld sofort. Für Medikamente und Reis. Kann ja sein. Von mir bekommt er immer zwei Lehrergehälter, eines davon hat er schon für den April.
In zwei Wochen bekomme er Bescheid von der ONG, sagt er, gestern habe er sein Dossier abgegeben. Wenn es doch klappen würde! Inshallah.

Ich bin mal wieder unvorbereitet an einem Spiegel vorbeigekommen, der meine Falten scharfe Schatten werfen lässt. Ich war einfach nicht darauf gefasst. So weit ist es jetzt also mit mir gekommen. Ich überlege, die Spiegel zu verhängen, um sie nur dann frei zu lassen, wenn ich mich stark genug fühle, die offensichtliche Differenz zwischen Selbstbild und Leben auszuhalten. Ist es schlimm, wenn das Selbstbild mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt?
Wenn es schöner ist, tut es ja niemandem weh außer mir, wenn ich den Fehler finde.
Wenn das Selbstbild schlechter ist als die Wahrnehmung durch andere, kann es auch zu Fehlern führen. Manche Bemerkungen von Menschen in meiner Nähe lassen mich vermuten, dass sie in mir eine große, starke, selbstbewusste, manchmal kluge Frau sehen. Jedenfalls reden sie so. Ihr Problem.
Bei mir ist es nämlich so wie bei einem, der aus der Psychiatrie als geheilt entlassen wird und nach fünf Minuten wieder da ist.
Der Arzt wundert sich und sagt zu ihm: Aber Sie wissen doch jetzt, dass sie keine Maus sind! Antwort: Ja – aber wissen die Anderen das denn auch?

Die Maus ist also auch keine Lösung.
Es geht aufwärts, sagte die Maus, als sie die Katze die Treppe hinauftrug.

Das letzte Wort über Mäuse hat natürlich Kafka:

»Ach«, sagte die Maus, »die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.« –
»Du musst nur die Laufrichtung ändern«, sagte die Katze und fraß sie.
(Kleine Fabel)

Bei jeder Gelegenheit, einen Fehler zu machen, und wenn es nur ein paar Minuten Zu-spät-Kommen ist, steigt Angst in mir hoch. So etwas wie Angst, dass die Polizei kommt.
Dabei ist die doch auch nicht mehr das, was sie mal war, nämlich streng und böse.
Nachts um ein Uhr auf dem Heimweg von einem Unifest, wo ich Sekt getrunken hatte, hielt mich die Polizei an und wollte, wie bei allen Autos, die um diese Zeit von der Uni in die Stadt fuhren, den Führerschein sehen. Ich bin erschrocken: „Oh, den hab ich nicht dabei -“ – „Was?!? Den habn’s net dabei?!?“ – der Polizist, und: „Dann fahren’s aber schnell heim!“
Vielleicht ist man auch irgendwann dem Feindbild entwachsen.
Dabei kann es auch sein, dass ich Angst habe, wenn es etwas ist, was ich mir selbst vorgenommen habe. Eine Zeit und einen Ort, wo ich sein will, den ich zu verfehlen fürchte.
Ich bin jetzt meine eigene Polizei.