31.3.2017 – ach, Timbuktu

Eine große glänzend schwarze Krähe sitzt auf der Stange, an der der Starenkobel hängt, den Schnabel nach unten, wo der Star ein- und ausfliegt. Er wartet auf seine Gelegenheit. Ein Amselmännchen sitzt über ihr auf meinem Telefonkabel und singt aus Leibeskräften. Das Kabel ist meins, weil es nur für mein Telefon da ist, meine Verbindung mit der Welt. Wenn nicht ein Tornado, wie 2013, oder ein Biber, wie in letzten Winter, einen Baum darauf fallen lässt. Dann kann es dauern, bis die Welt wieder zu mir kommt.
Aus 0022……. Mali, 0023……. Burkina Faso, weil die Tuareg aus Techeq dorthin geflohen sind. Mano, Idrissas Chef, meldet sich manchmal und fragt, wie es mir geht und um mich auf ein Projekt hinzuweisen, das er organisiert. Wie damals, als die Schule in Techeq errichtet worden ist. Zweimal musste sie gebaut werden, weil ein maßloser Regen den Lehmhäusern in Tombouctou und darum herum den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Jahrelang kaum Wasser und dann soviel zu viel, dass es die Erde nicht aufnehmen kann.
2009 war mein letztes Jahr in Tombouctou. Es war ein Abschied.

2009

ach, Timbuktu
So weit weg vom Rest der Welt und doch mittendrin

© H. Tarnowski

Ta premier foi a Tombouctou? – Dein erstes Mal in Timbuktu?
Es dauert keine fünf Minuten, die ein Weißer hier herumläuft, bis er das gefragt wird von einem Jungen, der sich ihm anschließt in der Hoffnung, ihm die Stadt zeigen zu dürfen für einen kleinen Verdienst.
Ich bin das falsche Objekt, ich schüttle den Kopf .
Ich muss zwei Hände nehmen, um zu zeigen, dass ich eine bin, die immer wieder kommt. So auch dieses Jahr. Trotz der Warnungen des Auswärtigen Amtes für den Norden von Mali. Ich kenne euch doch, bin immer mit euch, da habe ich keine Angst.
Und jedes Mal, wenn ich ging, hieß es: Nächstes Jahr in Timbuktu!

Mamadou, ein Songhai und damals ein junger Guide, und Idrissa, ein Tuareg, 50 war er, als ich ihn traf, kenne ich seit meinem ersten Aufenthalt in Timbuktu 2001. Seitdem bin ich jedes Jahr wieder gekommen und habe sie besucht. Nun schreiben wir 2009. Es ist November.
Mamadou, der mittlerweile kleine Fältchen um die Augen bekommen hat, spricht davon, wie schwer dieses Jahr gewesen ist: das Neugeborene, der Regen. Nach 24 Stunden Regen sind etwa 120 Häuser zusammengefallen in Timbuktu. Und nach dem Regen die vielen Mücken, wo es immer trocken war, stehen noch im Dezember riesige Pfützen. Seine Frau war während der Schwangerschaft so oft krank, dass das Geld schon bald ausgegangen ist. Es gab kaum jemanden, den die Malaria nicht flach gelegt hat. Aber – er beendet seinen Bericht mit einer Hoffnung: in zwei Wochen hat er einen Auftrag mit Point-Afrique, dann wird es gehen.


© H. Tarnowski

In Timbuktu wohne ich immer auf dem Dach von Mamadous Haus hinter dem Markt.
Alai: Kannst du das nächste Mal einen Gummi mitbringen? Er zeigt auf seine Krücken, eine davon hat unten keinen Gummi mehr, so versinkt sie im Sand von Timbuktus Straßen bei jedem Schritt.
Das – die Krücke – ist mein Fuß! Sagt er und lacht, seiner baumelt leblos angewinkelt herum. Alai kommt jeden Tag einmal bei Mamadou vorbei, isst dort mit aus der Männerschüssel, wo auch ich esse. Mamadous Frau bleibt allein in der Küche, ich habe es in all den Jahren nicht geschafft, mit ihr statt mit den Männern zu essen.
Alai erzählt vom Regen: sein Haus ist zusammengefallen, bis auf eine kleine offene Ecke, wo er noch schlafen kann. Sonst ist alles vom Lehmwasser verschüttet. Eine Küche gibt es nicht mehr.
Um die Mittagszeit hört man seine Krücke an die Blechtür stoßen, die geht auf und er kommt hinterher und bleibt. Hier isst jeder mit, der gerade da ist, wenn gegessen wird. Mal greifen drei, mal sechs Hände in die Schüssel.

Bei meinem ersten Mal in Timbuktu, war ich auf dem Dach des Hotels Bouctou gelandet, wo man sehen konnte, dass hier die Stadt zu Ende war. Da kamen die Tuareg jeden Morgen aus der Wüste, banden ihren Kamelen die Vorderbeine zusammen, um dann im Schatten der Tamariske vor dem Bouctou zu lagern, bis ein Tourist auf ein Kamel steigen wollte. Ich habe bisher Idrissa immer dort gefunden, ohne mich vorher anzukündigen, ab 10 Uhr war er da.

 

© H. Tarnowski

Heute ist kein einziges blaues Gewand zu sehen. Ich finde Idrissa auf dem Markt. Idrissa!!! Hallo! Idrissa!
Wie sie sich freuen, wenn man wiederkommt –
Ja: seit das neue Hotel von Gaddafi dort gebaut wird zwischen der Stadt und seinem Lager, hat er einen Platz weiter draußen, um sein Kamel zu parken.
Vor Gaddafis Hotel wurde ein See angelegt, das letzte Ende eines kleinen Seitenarms des Niger, der bis Timbuktu reicht. Im Lac Gaddafi sind in seinem ersten Sommer 13 Kinder versunken wie Steine.
Unsere Kinder sind wie Vögel, sie kennen das Wasser nicht. Mano ist einer von den „Reichen“ –. Immer wieder hat er mich angesprochen ob ich seine association unterstützen könnte.
Die baut einen neuen Brunnen, weil das Wasser im alten versiegt ist.
In diesem Jahr hat Mano eine Schule gegründet. Da mache ich mit und sage regelmäßige Unterstützung zu. Für ein Lehrergehalt, 100 € im Monat, das müsste gehen.
Die Kinder – sie haben ja schon verloren, nur weil sie hier geboren sind.

Idrissa hat so viele Falten im Gesicht, dass man sein Alter unmöglich ahnen kann. Er lebt davon, Touristen mit seinem Kamel in die Wüste zu führen. In diesem Jahr bin ich die erste, die nicht nur ein paar Stunden mit ihm geht. Ich werde wieder ein paar Tage bei ihm in seinem campement wohnen und dann mit ihm in die Sahara hinausgehen.
Mit Idrissa bin ich schon mehrmals umgezogen, dem Wasser hinterher, immer gleich bleibt mein Platz unter den Sternen neben seinem großen Zelt, wo man sich trifft, den Tee zubereitet, isst.

 

© H. Tarnowski

Inzwischen hat Idrissa mit der dritten Frau, die ich bei ihm kennen gelernt habe, ein Kind.
„Hast du eine wasserdichte Jacke dabei, die den Regen nicht durchlässt? Wenn wir zu den Tieren gehen müssen?“
Nein, ich habe nur Warmes, gegen die Kälte der Wüstennächte, nichts gegen den Regen, der aus Eimern fällt.
„24 Stunden ununterbrochen, vier Tage lang. Das hat er früher nie getan!“ Das ist keine afrikanische Maßlosigkeit.
Dann kann ein Tuareg nichts kochen, keinen Tee und kein Essen, nichts Trocknen, ein Zelt ist kein Haus -
„Ich habe gedacht, du kaufst mir ein Kamel, eine Kuh, Ziegen und Schafe.“
Ich fange an, mich überfordert zu fühlen. Reicht es nicht, dass er an mir soviel verdient, dass er mit Frau und Kind ein paar Monate leben kann? Und zu der Ziegenherde habe ich mittlerweile ganze Familien beigetragen.
In diesem Jahr falle ich trotz Idrissas wacher Umsicht vom Kamel, als dies plötzlich stehen bleibt und in die Knie fällt. Aua. Aber sonst nichts.

Nach einer Woche komme ich in die Stadt zurück zu Mamadou.
Morgen Point-Afrique? Er schüttelt betrübt den Kopf. Nein. Die Reise wurde in letzter Minute annulliert.
Im Dezember – Hochsaison – sind alle Hotels in Timbuktu leer. Was er sonst machen könne, wenn es keine Touristen gibt? La commerce - handeln. Womit auch immer.

Am Sonntag Morgen gehe ich noch einmal über den Markt, bevor ich wieder abfahre. Es ist noch früh, die Händler fangen gerade erst an, ihre Waren in den Sand zu stellen. Alpha Blondy ist schon auf, er singt laut und mitreißend, ein Mädchen mit einer großen hoch bepackten Schüssel auf dem Kopf macht ein paar Tanzschritte mit der Musik.
Nur zweimal im Jahr ist es in Timbuktu so still wie bei uns an jedem Sonntag: zum Fest am Ende von Ramadan und am großen Hammelfest. Heute ist ein ganz normaler Sonntag, ein Tag wie jeder andere.
Touristen sehe ich nicht. Mamadou nickt, er hat seine Runde durch die Hotels schon gemacht: keiner da.

Im nächsten Jahr war ich auch nicht mehr da. 2010.
Inzwischen war auch ein Deutscher, der mit Einheimischen unterwegs war, nördlich von Timbuktu entführt und ermordet worden.
Ich hatte nie Angst gehabt. Diese Unschuld ist verloren.
Wenn ich wieder nach Mali käme, würde es etwas ganz anderes sein. Vorstellen kann ich es mir nicht.

Jetzt kommt Mali zu uns. Zusammen mit dem Senegal, Niger, Somalia, Äthiopien. Und zu mir kommen manchmal zwei Senegalesen aus dem Dorf, um wenigstens ein bisschen in meinem Garten zu arbeiten. Sie warten auf Anhörungen und Bescheide. Seit drei Jahren. Senegal? Gibt es da Hoffnung? Sie haben sie.
Umso mehr, als jetzt einer den Duldungsstatus bekommen hat.
Afrikaner in meinem Garten. Natürlich sage ich nicht: Schwarze. Auch wenn ich dort immer die Weiße war.

 

Ouaga 1998

Nassara! Nassara! Nassara!

Dieser Ruf hat mich schon lange verfolgt und ist mir immer vorausgegangen, sodass ich endlich Josie, meine kleine Begleiterin auf den Wegen durch das Viertel, frage: was rufen sie da eigentlich, was heißt denn das: Nassara! Ich vermute, dass es ein Wort ist, das dem „wie geht’s?“ – „ca va?“ entspricht. Josie lächelt offen aber auch ein bisschen entschuldigend und sagt: das heißt – die Weiße.
Deshalb also wissen sie immer schon, dass ich komme, lange bevor ich wirklich da bin! Seit ich dieses Wort erkenne, höre ich es immer häufiger in ihren Gesprächen und in den
Anweisungen der Mütter für die Kinder. Wenn ich das Wort aufnehme, lächeln sie verschämt, als hätte ich sie bei einer Heimlichkeit ertappt, die nun nicht mehr zu verbergen ist.
Nassara - das komme von Nazareth, und es meine den weißen Mann aus Nazareth, den Nazarener, erklärt mir Josies Vater, der im Hof sitzt und in der Bibel liest. Dieses Wort hätten die Afrikaner den Weißen gegeben. Es gebe es in vielen Sprachen West-Afrikas. Also sei Jesus ein Weißer gewesen? habe ich ihn gefragt.
Ja, die Menschen in Israel seien immer Weiße gewesen, aber Mohammed, von dem wisse man, dass er schwarz war. Das fand er gerecht.
Aber in Benin und Togo klingt es anders. Da höre ich immer wieder einen kleinen Vers. Und das Lachen der Kinder zeigt mir, dass ich gemeint bin:
Jovo, jovo – ca va?  Ca va bien! Merci.
Die Kinder rufen die Frage und die Antwort und ein Dankeschön gleich mit. Und dann lachen sie wieder.
Und in Mali?
Toubab – ca va? begrüßt mich mein Nachbar, neben den ich mich in den kleinen öffentlichen Minibus zwänge in Bamako, der Hauptstadt von Mali. Hier wäre ich die Toubab. Dabei enthielt Toubab ursprünglich eine Wertung in dem Sinn, dass der Toubab einer ist, der die Dinge durcheinanderbringt.
Alle drei Formulierungen meinen immer das Gleiche: „Weiße, wie geht’s?“
Auch wenn ich das meist als Freundlichkeit erlebt habe, bin ich auch unsicher geworden durch die Erwartungen, die durch die Hautfarbe hervorgerufen und auch bald ausgesprochen werden. Weiß heißt reich. Und eine völlig interesselose Freundschaft ist selten. Was mich sehr unsicher gemacht hat.

Ich habe mich oft gefragt, was alles geschehen müsste, bis es möglich ist, diese Frage umzudrehen, ohne das Gewicht zu verkehren.
Es wäre nicht möglich zu sagen: Schwarzer – wie geht’s? Möglich wäre es schon, aber es wäre nicht dasselbe.
In Paris tauche ich unter und verschwinde wieder unter den Weißen. Drehe ich mich traurig nach dem Afrikaner um, den zwei Polizisten mit festem Griff abführen, um ihn dorthin zurückzuschicken, wo wir gerade hergekommen sind.