25.4.-2.5.2017 – Unter Vögeln

25.4.2017

Es schüttet so maßlos wie es heiß war im März und kalt im April. Nicht der Rabe – der hat wie ich auf die Jungen gewartet –, sondern der Frost kann die Eier getötet haben. Ich sehe nur jeden Tag einmal einen Star mit leerem Schnabel ins Haus hüpfen. Seine Stimme höre ich hier nicht mehr, nur manchmal anderswo.
Wird es ein zweites Gelege geben? Sie haben keine Wahl. Müssen an ihrer Fortpflanzung arbeiten. Das ist keine Frage der Hoffnung. Die Amsel schlüpft immer wieder in den Wacholder gegenüber, den letzten von dreien, die ich vor ein paar Jahren gepflanzt habe. Einem haben die Mäuse die Wurzeln abgebissen, den anderen habe ich mit dem gewaltigen neuen Mäher gefällt, den ich nicht beherrsche. Aber ich brauche ihn, er schafft eine richtige Wiese.
Die Zweige des letzten Wacholders, der da noch steht, zittern, da ist Leben drin. Es ist das erste Mal und eine Freude. Und abends und morgens singt der Mann an der Ecke meines Daches über mir. Er macht seinen Schnabel nur einen kleinen Spalt auf und dann kommen solche Lieder heraus! Den Amseln scheint es besser zu gehen als den Staren.

Am Abend höre ich
wie sich die Stimmen trennen
weniger werden
ich lausche
bis die letzte verstummt
dann nur noch der Kauz
am Morgen finden sie wieder zusammen
zu einem großen Lied
nachdem eine einzige Stimme
angefangen hat

Zwischen Morgenrot und Abendrot
pausenlose Lebendigkeit
zwischen Abendrot und Morgenrot
Stille

26.4.2017

Gestern habe ich mich geweigert, mit dem Regenschirm um die Felder zu gehen, der Hund musste allein hinaus. Wenn er zurückkam aus dem Garten, habe ich ihn erst mal trocken gerubbelt.
Abends musste ich den Regenschirm nehmen, um in mein Bett zu gehen, so hat es geschüttet. Und auf die Markise getrommelt. Gegen Morgen wurde es leiser, das hatte seinen Grund: als ich die Augen aufmachte, war die Welt weiß. Schön finden kann ich das jetzt nicht mehr, dafür schaut es zu traurig aus, wie die Äste mit ihren Blättern zu Boden gedrückt werden. Falsch, einfach falsch. Ich laufe mit eiskalten Füßen, weil ich die Winterstiefel verweigert habe, durch den Wald und denke: waren die Menschen immer so? Keine Rücksicht auf Verluste, nicht auf Menschen, nicht auf die Erde, als gehörte sie uns.
Nur können und müssen wir heute mehr wissen. Alle Kriege gleichzeitig, nicht nacheinander wie im Geschichtsunterricht. Und was wir alles zerstört haben und immer noch zerstören.
Das Wissen wäre die Chance unserer Zeit – sagen manche. Ich glaube das nicht. Die Zeit haben wir nicht mehr, Veränderung braucht davon soviel mehr als Zerstörung. Die passiert von jetzt auf gleich. Einmal mit Roundup über eine summende Wiese fahren, und da wird nichts mehr summen. Jeder Bauer kann das machen, wie er will.
Von Bloch in Tübingen 63 mitgenommen: Wenn Idee und Interesse zusammenstoßen, dann ist es immer die Idee, die den kürzeren zieht.
Die Idee wäre das Leben, das Interesse die Macht, das Geld.

27.4.2017

Die nackten Schnecken sind noch so klein. Es könnte ein Leichtes sein, ihnen ihr Leben zu nehmen. Ich kann es nicht. Nehme sie von den Blumen und setze sie ins Gras. Leben eben.
Tenenboom: dass die Deutschen mit den offenen Armen die Flüchtlinge nicht lieben, sondern von ihnen geliebt werden wollen – oder: wollten, weil sich mittlerweile Zweifel und Enttäuschung breitmachen.
Kommt mir manchmal auch so vor, als wäre es ein Mangel an Leben bei denen, die „alles“ haben, der nach denen greift, die Hilfe brauchen. Tenenboom geht da weiter, wo ich stehengeblieben bin. Wir brauchen sie, wie sie uns brauchen.

28.4.2017

Wenn der Regen etwas dünner ist, kann ich das Vogelkonzert am Morgen wieder hören. Die Stimmen der Stare sind nicht mehr dabei.
Ich höre sie manchmal, wenn ich mit dem Hund eine große Runde gehe, hier nun schon eine Woche lang nicht mehr. Aber der Kuckuck. Als er zum ersten Mal rief, war er ganz nah. Yallas Kopf fuhr hoch, mit aufgestellten Ohren schaute sie sich suchend um. Der Kuckuck rief wieder und nochmal. Und sie guckte und guckte und suchte und suchte.

Paul hat den Antrag auf palliative Unterbringung gestellt. Droht seinem Sohn, ihn zu enterben. Keine Blümchen mehr. Telefonieren geht kaum noch. Besuch will er nicht.
Werde ich ihn nie mehr sehen?

29.4.2017

Er ist wieder im Krankenhaus. Hat sich selbst eingeliefert, als der Durchfall schwarz war.
Schwarz wie der Star, der wieder da ist, mal in das eine, mal in das andere Häuschen hüpft und wieder verschwindet. Er singt nicht, er ruft nichts.

30.4.2017

Sonntag. Zum ersten Mal seit langem hat mir ein Traum nicht die Tür vor der Nase, vor den Augen zugeschlagen.
Ich sehe mich einem Omnibus nachlaufen, der mich zu Flüchtlingen bringen soll. Die anderen sagen: aber du wolltest das doch nicht mehr?!
Ja – aber ich will es jetzt anders machen, ganz anders, wie es besser ist. Ich glaube, es zu wissen, und springe in den anfahrenden Zug.
Mit soviel Zuversicht fängt der Tag gut an. Vielleicht gibt es ja wirklich einen Weg auch für mich.

Kuckuck – Kuckuck – Kuckuck. Seit sieben Uhr ruft er vom Wald herüber. Ich höre auch eine Starenstimme aus der Akazie. Zu den Kobeln kommt keiner.
Gestern hat der Himmel eine Stunde vor Sonnenuntergang wieder aufgemacht nach diesen regenschweren Tagen. Mit Mondsichel und allem. Ich wusste gar nicht mehr, in welcher Zeit wir sind. Der Mond wächst schon wieder.
Und die Füchse haben lange gebellt.

Bei meiner Runde um die Felder mit unserer Hundefreundin erzähle ich vom Kino gestern Abend: Ein Dorf sieht schwarz. Ein Film, in dem alles gut wird. Feelgoodmovie aus Frankreich. Mal ganz was anderes zu diesem Thema.
Da gab es auch die Beignets, die in heißem Fett gebackenen Teigbällchen, die morgens auf Mädchenköpfen ins Gästehaus in Ouaga hereinkamen und die ich später auch in Timbuktu oder Segou oder Kalabougou gesucht und gefunden habe. Da setzen sich die Frauen mit einer Schale vor ihren Hof und backen den Hefe- oder Bohnenteig, bis er weg ist. Hätte ich jetzt gerne an diesem Frühlingssonntagmorgen. Schon die Erinnerung lässt mich lächeln.

Idrissa ist nicht in Ghourma-Rharous, sondern in Goundam, am Fluss, Gottseidank. Zwei Tage sind es von dort nach Timbuktu mit dem Kamel. Dass es sehr heiß ist, erzählt er, und dass die Tiere kein Futter mehr finden.
Ich überlege, ob ich ihm oder den Kindern im Jemen 100 € schicke. Oder beides. Tiere oder Kinder – kann ja wohl nicht die Frage sein. Aber tote Tiere ernähren Kinder auch nicht mehr.
Fatuma, Idrissas Tochter, ist jetzt 10 Jahre alt. Da kann sie bald heiraten, meint der Vater. Mir war es nicht gelungen, ihn davon zu überzeugen, Fatuma in die Schule zu schicken, die ich aufzubauen geholfen habe. Zu weit weg, meinte er, und dass sie ja den Platz auch wieder verlassen würden, wo sie gerade waren.
Immer dem Wasser nach. Da wusste ich auch nicht weiter.
Inzwischen gibt es die zweimal gebaute Schule nicht mehr, weil fast alle Familien aus dem Dorf nach Burkina Faso geflohen waren. Jiddou hat mich aus Quaga angerufen und dabei erzählt, dass sie nicht zurückgehen könnten, weil sie von ihren eigenen Leuten als Verräter verfolgt würden. Der nächste Anruf, ein Jahr später, kam dann wieder aus Mali.

Ich habe lange nicht an Dispenza gedacht und: Bewusstsein schafft Materie. Einer, der seine sechs gebrochenen Wirbel heilen konnte, musste es wissen. Ich habe inzwischen vergessen, jetzt ist es wieder da: wie wichtig der Dank ist, um dem Wirklichkeit zu geben, was ich mir vorstelle und wünsche. So könnten meine Tage eine Wendung bekommen. Mir fallen neue Sätze ein für das, was ich immer schon hätte sagen wollen und müssen. Vielleicht könnte das manches leichter machen.
Nicht rückwärts: warumwarumwarum – das dürfte mittlerweile geklärt sein, hatte lange genug Zeit – sondern nach vorne: wie wollen wir es, wie will ich es – egal wieviel oder wie wenig es noch ist. Je weniger, umso wichtiger. Ich stelle es mir vor und sage danke.

1.5.2017

Ich stehe gerne auf, wenn mich der Kuckuck ruft. Das tut er jetzt ganz verlässlich jeden Morgen.
Auch diese Walpurgisnacht verging ohne Feuer, und das Gartentor war am Morgen an seinem Platz. Nicht so wie bei meinem Haus in der Stadt, wo ich das lange, schwere Tor am Morgen des 1.Mai aus den Angeln gehoben und an den Gartenzaum gelehnt fand. Was sollte ich machen? Ich ließ es stehen. Ein paar Tage später hing es wieder in seinen Angeln.
Mein Auto, den kleinen Panda, konnte ich nicht stehen lassen: Ich fand ihn neben seinem Parkplatz quer in der Gasse, als ich aus dem Kino kam. Da waren dann ein paar Jungs, die haben ihn mir wieder richtig hingestellt. Sah gar nicht schwer aus.

Ein Buchfink hat die Spiegelung des Himmels in meinem Fenster mit dem Himmel verwechselt und ist an der Scheibe tot heruntergefallen. Jedes Jahr passiert das einmal. Im letzten Jahr konnte ich den Vogel retten, er war nur eine Weile betäubt. Ich habe ich auf einen Holzstapel gelegt, Wasser daneben gestellt, als ich später wieder hinsah, war er weg und ich sehr froh. Heute war das nicht möglich. Der Fink muss von weiter her gekommen sein und richtig Anlauf genommen haben. Aus.
Ich werde noch mehr schwarze Vögel an die Fensterscheiben kleben müssen gegen das Verwechseln.

Viele Gänse und Enten haben wir – Yalla und ich – gestern in den Schmutterwiesen getroffen. Es war eine Seenlandschaft mit gelben Wiesen, Yalla tobte durch das flache Wasser, ich spazierte am Fluss entlang, das Wasser muss in den letzten Tagen fast zum Überlaufen hoch geflossen sein. Es war ein wunderbarer Tag. Manchmal habe ich mich in Ouaga nach der frischen Wärme solcher Tage gesehnt. Heute sieht es so aus, als würde sich der Löwenzahn nicht mehr so weit öffnen, dass die Wiesen leuchten. Der Himmel ist wieder zu. Der Regen kommt langsam. Lässt mir Zeit, mein Bett abzudecken und Holz hereinzuholen, ohne nass zu werden.

2.5.2017

Wieder mit dem Schirm ins Bett und wieder Trommeln auf dem Stoffdach.
Ein Morgen, an dem man nicht einmal den Hund rausschickt. Die Schnecken kommen mit ihren Häusern die Treppenstufen herauf. Tür zu!
Der Mai kühl und nass –

Inzwischen
sind die Pfützen so groß
dass die Enten
auf ihnen landen