3. Geliebte in Goethes Leben und Dichtung

In der Goethe-Forschung des 19. Jahrhunderts gab es die Tendenz, Vorbilder für die Figuren in Goethes Dichtung in Goethes Leben zu entdecken und diese mit den literarischen Figuren gleichzusetzen. So wurden als Vorbilder für Goethes Iphigenie nicht weniger als neun Frauen und für ihren Bruder Orest sogar zehn Männer „entdeckt“. In Reaktion darauf zeigen Interpretationen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Tendenz, keine biographischen, sondern nur literarische Vorlagen für die Figuren in Goethes Werken zu suchen. Dagegen soll hier gezeigt werden, dass sich die Frauengestalten in Goethes Werken mit Frauen aus seiner Umgebung nicht gleichsetzen, wohl aber vergleichen lassen. 

Das erste Mädchen, das einen „bleibende(n) eindruck“ auf Goethe machte, war das Frankfurter Gretchen, dem er im Alter von vierzehn begegnete. Bei ihrem Anblick wurde er, wie er sich in Dichtung und Wahrheit erinnert, „das Gute und Schöne sinnlich gewahr“. Als die jungen Leute einfacher Herkunft, zu denen auch Gretchen gehörte, von ihren Zukunftsplänen erzählten, schilder- te der Knabe eine „Gattin, wie ich sie wünschte, und es müßte seltsam zugegangen sein, wenn sie nicht Gretchens vollkommnes ebenbild gewesen wäre.“ Nein, das „Gute und Schöne“, das Goe- the beim Anblick von Gretchen sinnlich wahrgenommen und spä- ter geschildert hat, das war nicht Gretchens ebenbild, das war ein Idealbild, in das er Gretchen verwandelt hat.

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