Die Inselbraut

Thomas Head Raddall

Die Inselbraut

 

 

 

 

Deutsche Übersetzung von
Heide Fruth-Sachs

 

 

 

Verlag LiteraturWissenschaft.de

Marburg 2026

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© Thomas Head Raddall, Nimbus Publishing, Halifax 1994, 2006, 2024 / first published 1950, McClelland &Steward Inc.

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Sämtliche, auch auszugsweise Verwertungen bleiben vorbehalten. Copyrightzeichen c. Copyright (c) 1950, 2024 Thomas H. Raddall. All rights reserved. Deutsche Übersetzungsrechte erworben durch Nimbus Publishing.

Cover-Gemälde: Roger Savage
Layout und Satz: Verlag LiteraturWissenschaft.de
Druck und Bindung: Schaltungsdienst Lange, Berlin

Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier

Printed in Germany

ISBN 978-3-936xxx-xx-x

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KAPITEL 1

 

Als Carney von Bord der Lord Elgin in Packet Harbor an Land ging, war er bereits überall an der Küste berühmt. Er gehörte zu den wenigen Männern, die die ersten kanadischen Funkstationen betreuten, als Marconis Erfindung noch ganz neu war und von den meisten Leuten für eine Art schwarze Magie gehalten wurde. Jahrelang versah er seinen Dienst auf einsamen Außenstationen, vor allem auf der Insel Marina, ein sandiges Eiland im Nord-Atlantik, etwa hundertsechzig Kilometer vom Festland entfernt, ein abgelegener öder Ort, in dessen Nähe viele Schiffswracks liegen. Marina galt als gefährlich, sowohl bei Kapitänen auf dieser Route, als auch bei den jungen Männern auf den Radiostationen der Küste. Drei- oder viermal im Jahr schickte die Regierung ein Schiff dorthin, das für die Besatzung der Leuchttürme, die Lebensretter-Mannschaft und die Funker auf der kleinen Station Lebensmittel und Post brachte – und sie im Übrigen sich selbst überließ.

Unter den Funkern galt Marina als die schlimmste Dienst-Station von allen und es gab ein ungeschriebenes Gesetz, dass man nach zwölf Monaten auf Marina das Recht auf vierzehn Tage Urlaub in der Zivilisation hatte und dann einen angenehmeren Posten auf dem Festland bekam. Ein Jahrzehnt hatte Carney die jungen Leute kommen und gehen sehen. Sobald sie voll grimmiger Resignation auf seiner Station landeten, zählten sie die Tage und sprachen von der Zeit der Rückkehr auf das „Land“, als sei Marina eine Art Fliegender Holländer, der zwar ewig der von Neufundland anrollenden See die Stirn bot, aber niemals ablegte. Die meisten dieser jungen Leute waren fest davon überzeugt, dass man höchstens ein Jahr auf der Insel aushalten konnte, ohne verrückt zu werden. Carneys unerschütterliche Zuversicht nach einer so langen Zeit auf Marina erklärten sie sich als eine seltsame Laune der Natur.

Innerhalb der Dienst-Organisation betrachtete man ihn als zum Inventar gehörig. In den schmuddeligen Funkstationen auf Cape Breton, in den eleganten, nach Lack riechenden Radio-Kabinen der Schiffe, die von Halifax ausliefen, in den wettergegerbten Stationen vom untersten Nova Scotia bis zum höchsten Punkt in Labrador sprachen die Leute von ihm als „Carney – du weißt schon, Carney von Marina“, als ob er ein Teil des Ortes sei wie eines der wilden Ponys in den Dünen.

Die Männer, die auf Marina gedient hatten, rühmten sich dessen später, als sei es eine Art Tapferkeitsorden. Sie sprachen davon mit ironischem Stolz und ihre Geschichten von der Insel und von Carney wurden durch Mundpropaganda, durch Briefe und durch Morsezeichen-Klatsch verbreitet von Cape Sable bis Cape Chidley. Sogar im Inland bei den großen Seen hatten junge Süßwasser-Funker von einem Riesen mit blondem Bart und freundlichen blauen Augen gehört, einer Art Robinson Crusoe, der mit zwei „Freitags“ und einem griesgrämigen Koch auf der trostlosesten aller wüsten Inseln lebte und sie ganz zufrieden seine Heimat nannte.

Man erzählte sich, er sei als Junge zur See gegangen und habe auf Schiffen mit Rahsegeln im vorderen Mastbereich gearbeitet; er habe Marconi geholfen, den Versuchsballon zu starten, der den ersten Funkspruch über den Atlantik empfangen hatte; dass er mit Peary und Bob Bartlett in der Arktis gewesen sei; dass er nicht besonders gebildet, aber ein Genie sei in der Handhabung von Benzinmotoren, Generatoren und dem geheimnisvollen Gewirr von Drahtschaltungen, Skalen und Knöpfen, aus dem sich das Weltwunder Funk zusammensetzt.

Sie schworen, dass er schwamm wie eine Robbe und die wilden Ponys von Marina ritt wie ein Kosak; dass er in einer tobenden Brandung der furchtloseste Bootsführer war; dass er in stürmischen Nächten mit wehenden blonden Haaren am Strand entlangwanderte und mit seiner wunderbaren Stimme Byron rezitierte so laut er konnte; dass er fünfzig oder sechzig Jahre alt sei, aber aussah wie fünfunddreißig; dass er in seiner Jugend unglücklich verliebt war und seitdem mit keiner Frau mehr gesprochen habe.

Einiges davon war falsch, anderes verdreht und manches wahr. Letzteres war ein Gerücht. Im Jahr 1920, als Carney Marina verließ, um seinen ersten Urlaub seit Jahren zu nehmen, war er erst sechsundvierzig und er sprach zu den Frauen auf der Insel mit seiner angenehmen Stimme genauso wie zu ihren Männern, ohne einen Unterschied zu machen zwischen diesen und jenen, als seien sie alle geschlechtslos angesichts des kargen Lebens, das sie lebten. Sein Benehmen war freundlich und abwesend zugleich. Die geheimnisvollen Sphären des Äthers, in denen er schon so viele Jahre lebte, arbeitete und dachte, schienen ihn vom übrigen Volk auf der Insel zu trennen.

Die jungen Funker auf Marina irritierte diese Haltung angesichts der dortigen Einsamkeit. Sie fanden es unglaublich, dass Carney sich nicht ebenso verlassen, ruhelos und gelangweilt fühlte wie sie selbst. Er wirkte übermenschlich. Die einzigen Frauen auf der Insel waren die Ehefrauen der Leuchtturmwächter und Lebensretter, welche zu sehr damit beschäftigt waren, ihre vielen Kinder zu betreuen, um mit Carney näher in Kontakt zu treten. Sie fanden ihn „queer“ und wenn man auf einer Erklärung bestand, sagten sie, er wirkte wie ein Träumer. Das war vielleicht die beste Beschreibung für Carney; zumindest konnte man sie verstehen.

In ihren Anfängen hatte die Arbeit der Funker eine traumähnliche Aura, die auf diese Männer abfärbte. Als Carney 1910 nach Marina kam, gab es wenig zu tun, außer stundenlang mit einem Paar schwerer altmodischer Kopfhörer an den Ohren intensiv ins Leere zu lauschen. Manchmal ließ er die jungen Funker, für die die moderne Verkehrswelt eine Selbstverständlichkeit war, an seinen frühen Erinnerungen teilhaben.

„Sie müssen wissen, dass nur wenige Schiffe eine Funkausrüstung hatten, bevor die Titanic unterging. Die Schiffseigner hielten es für eine Marotte. Es war teuer und funktionierte nicht besonders gut. An Bord eines Schiffes war man sowas wie eine Lachnummer, ein Kerl, der eine Offiziersuniform trug, auf hoher See in einem Kabäuschen auf einem Stuhl saß und mit Knöpfen und elektrischen Funken spielte. Also nannten sie dich „Sparks“, grinsten und sagten dir, wie nutzlos du seist, du und deine dumme Trick-Box. Es war manchmal schwer, weiter daran zu glauben. Man saß da, eine Wachstunde nach der anderen, hörte nur statische Geräusche und schickte jede halbe Stunde ein feierliches Knacken mit seinem Funkgerät ab CQ-CQ-CQ – als ob man im Dunkeln in ein Abflussrohr schrie „Hallo, Mac!“ Wenn man eine Antwort bekam, kriegte man einen ziemlichen Schrecken. Die Finger zitterten einem auf der Taste. Man verwechselte die Längen und Kürzen ein wenig. Man fühlte sich wie einer dieser alten Propheten in der Wüste, der mit Jehova sprach.“

Carney hatte in Marina am Funkgerät gesessen, als die Titanic den Eisberg rammte und unterging wie eine durchlöcherte Konservendose. Er erzählte oft davon. Die Sache mit der Titanic brachte eine gewaltige Wende mit sich. Danach wurde „Sparks“ an Bord eines Schiffes widerwillig respektiert, eine Zeitlang war er sogar ein Held. Solange die Aufregung anhielt, erließen die Regierungen Gesetze und die Schiffseigner mussten den geheimnisvollen Apparat anschaffen, ob sie wollten oder nicht. Bis 1914 vibrierte die Luft auf See von all den Punkt-Strich-Signalen. Dann kam der Deutsche Krieg und eine andere Art von Stille begann; seltsam und neu, prickelnd vor Spannung, während die Funker konzentriert über das Meer hin lauschten; eine solch intensive Stille, dass es schmerzte, nur hie und da unterbrochen durch ein Schiff, das angegriffen und verzweifelt, einen Wirrwarr aus Buchstaben und Zeichen ins Leere schleuderte; oder eine Funkstation am Festland, die – gottgleich – einen Strom geheimnisvoller Symbole aussandte und plötzlich mit einem abschließenden Klick aufhörte, als habe man einen Wasserhahn geschlossen.

Die Kriegsjahre hatte Carney so gelassen hingenommen wie den Untergang der Titanic. Gefahren drohten durchaus. Die Funkstation auf der kahlen fernen Insel mit ihrem himmelragenden Mast bot ein leichtes Ziel für die deutschen Kanoniere der Unterseeboote. Es passierte aber nichts. Manchmal wurden Schiffsteile an den Strand gespült, ein von Kugeln durchlöchertes Boot oder Rettungsboot und ab und zu eine durchweichte Leiche, die in der Brandung rollte wie ein Betrunkener, die Schwimmweste noch um die Brust.

Lebensmittel und Post kamen unregelmäßig. Das Liefersystem brach zusammen, weil die Männer fehlten, die es aufrechthalten konnten. Es gab Wochen und Monate, an denen die Besatzung auf der Insel von Sparrationen lebte und – schlimmer noch – ohne Nachrichten. Es schien, als habe man sie vergessen und verlassen. Der Druck ununterbrochener Wachsamkeit in dieser angespannten Stille strapazierte die Nerven. Sie stritten wegen Kleinigkeiten. Mitunter gingen sie in plötzlichen Anfällen von Gewalt mit Fäusten und Klauen aufeinander los, was die Atmosphäre auf der Station eine Zeitlang klärte. Einer wurde verrückt und sah auf einmal an mondhellen Nächten schöne Frauen von den Dünen winken und man musste ihn gut im Auge behalten, bis der Versorgungsdampfer kam und Carney ihn zurück nach Halifax schicken konnte.

Aber jetzt war der Krieg schon zwei Jahre vorbei. Die Telegeräte summten wieder vor Meeresklatsch, inzwischen – eine moderne Errungenschaft – musikalisch differenziert; Punkte und Striche als notierte Töne, angefangen vom hohen Getriller eines Kanarienvogels deutscher Schiffe bis zum tiefen Dröhnen der Schiffe aus Halifax und Cape Sable und den klaren Jammertönen aus Cape Race. Sogar Marinas rauer Bass war umgewandelt worden in einen schrillen Diskant. („Sie haben uns zum Eunuchen gemacht“, murrte Funker Skane.) Im Grunde aber waren dies banale Dinge, verglichen mit dem, was „an Land“ passierte. Durch den Krieg erfuhr die Telegraphie eine sprunghafte Fortentwicklung um gute zwanzig Jahre. Das schnurlose Telefon tauchte auf und es gab jetzt in ein oder zwei amerikanischen Städten ein seltsames neues Phänomen, „Rundfunk“ genannt, das darauf ausgerichtet war, buchstäblich zum Ohr der ganzen Welt zu werden.

Die Welt von 1910, wie Carney sie kannte, hatte sich in einer Weise verändert, wie er es nicht für möglich gehalten hatte; weit mehr, als in den kurzen Neuigkeiten aus Zeitungen und Briefen an die Funker auf Marina stand. Die Ausdehnung des Krieges hatte er nicht wirklich begriffen. Für ihn war es vor allem eine Zeit der Stille. Er stellte sich die Kämpfe in Europa vor wie den Burenkrieg, eine romantische Angelegenheit jenseits des Äquators, die Hauptattraktion seiner Jugend.

Die Änderungen in der Welt wurden Carney nicht sofort bewusst. Die Lord Elgin hatte ihn auf ihrer regelmäßigen Route zu den Außenposten von der Insel abgeholt, ihn am ersten Hafen auf dem Festland abgesetzt und folgte dann wieder ihrem Kurs. Das Land war so, wie er es in Erinnerung hatte: das graue Felsgesicht der Küste, oben der dunkle Wald und zwischen Wald und Meer die Hütten der Fischer und ihre Behausungen aus wettergegerbtem Holz, die sich an die Felsen klammerten wie Seepocken. Es war ein heißer Tag im Mai und er roch den Wald in der warmen Luft, als er aus dem Beiboot des Schiffes stieg. Weiß Gott! Seit zehn Jahren hatte er nur den salzigen Wind eingeatmet, der über Marina wehte, wo nichts höher wuchs als das zähe Dünengras. Bäume – er vermisste die Bäume! Oft träumte er von Bäumen, ihrem angenehmen Schatten, dem Rauschen der Blätter im Wind, ihrem Geruch, besonders dem von Kiefern. Wie schön, wieder einmal Kiefern zu riechen. Er freute sich, dass er gekommen war.

In jeder seiner großen Hände hielt er einen altmodischen Koffer, als er die wackelige Anlegestelle hinauflief. Dabei atmete er die westliche Brise ein mit dem Vergnügen eines Jungen, der sich einem Bäckerladen nähert. Die einheimischen Müßiggänger starrten. Packet Harbour war kein regulärer Hafen für Passagiere. Dort landeten höchstens Hummerfangboote. Ein Besucher wie Carney wirkte wie ein Gast vom Mond. Er war nicht ganz der Riese aus den Geschichten der Funker, aber seine Größe betrug immerhin einen Meter fünfundachtzig mit den Schultern und der Brust eines Ringers. Der Insel-Koch hatte ihm die Haare geschnitten und den Bart getrimmt in der modisch kurzen Art, wie Edward VII. sie bevorzugte und wie es Sitte war bei englischen Seeleuten, als Carney nach Marina ging. Es kam Carney nicht in den Sinn, dass König Edward und sein Bart bereits lange Jahre tot waren und selbst wenn er dran gedacht hätte, wäre es ihm gleichgültig gewesen. Er hatte sich nie im Leben rasiert.

Er trug den verblichenen blauen Kammgarn-Anzug, den er vor zehn Jahren mit auf die Insel gebracht hatte. All die Jahre hatte er ihn sorgfältig gepflegt, ihn auch gelegentlich an die frische Luft gehängt, wobei beim Anblick dieses schlichten Kleidungsstücks, das unzüchtig im Wind flatterte, seine jungen Funker-Kollegen jedes Mal in Gelächter ausbrachen. Sie konnten sich Carney in einem solchen Anzug nicht vorstellen. Normalerweise trug er auf der Insel ein graues Flanellhemd und Wollhosen, die in schweren seemännischen Lederstiefeln steckten. Er trug selten einen Mantel, höchstens wenn es stürmte, ein braunes Ding aus Segeltuch, mit Schaffell gefüttert, das er vor langer Zeit auf einer Handelsniederlassung in Labrador gekauft hatte. Einen Hut setzte er nie auf.

Der Koch hatte seinen kleinen Vorrat an weißen Hemden gewaschen und gebügelt und das halbe Dutzend Kragen gestärkt. Ein alter Mackintosh-Mantel hing ihm über die Schultern. Das neue Paar Schuhe, letztes Jahr per Post bestellt, glänzte im warmen Sonnenschein und knarzte bei jedem Schritt. Er fühlte sich recht gut angezogen. Schließlich war es in Nova Scotia durchaus nicht ungewöhnlich, wenn ein Mann vom Meer herkam, der ein wenig zu groß war für seinen Anzug und sein Anzug etwas aus der Mode. Erst als der Zug ihn in die Stadt gebracht hatte, bemerkte er, dass die Leute ihn anstarrten.

Auch Carney starrte. Die Leute sahen eigenartig aus, besonders die Frauen – mit Röcken, die nur bis zu den Knien reichten und Hüten bis über die Ohren. Die meisten schienen kurze Haare zu haben. Einige sahen aus wie junge Männer. Was zum Kuckuck war da los? Sogar die Straßen wirkten sehr verändert. Alle diese Autos! Als er 1910 nach Marina ging, hatte er sechs davon auf einer Straße in Halifax gezählt und sie wunderbar gefunden. Jetzt waren sie überall, schlängelten sich zwischen den Pferdewagen hindurch, hupten und hinterließen einen heftigen Benzingestank. Sogar die Fußgänger schienen sich neuerdings in großer Eile zu befinden. Junge Frauen rannten umher mit bangen Gesichtern, als hinge ihr Leben davon ab, so schnell wie möglich in ein Geschäft oder aus einem Geschäft zu kommen.

Sie streiften an Carney vorbei und zogen exotische Düfte hinter sich her, als liefe jemand mit Blumengebinden herum. Auch ihre Gesichter glichen Blumen; sehr hübsch und irreal und einander sehr ähnlich. Er erinnerte sich, dass Skane etwas über Frauen gesagt hatte, die sich seit Kriegsbeginn anno ´14 anmalten wie die Indianer. Skane pflegte solche Dinge zu sagen. Er konnte Frauen nicht leiden und man musste solche Aussagen über sie mit Vorsicht betrachten. Jedoch, da waren sie und zwar ziemlich stark geschminkt. Er dachte daran, dass um 1910 herum eine geschminkte Frau als leicht zu haben galt. Jetzt waren sie offenbar alle leicht zu haben – so schnell wie sie liefen, sah es ganz danach aus. Was war geschehen? War es der Krieg? Oder war das „Fortschritt“?

Er war verwirrt. Schließlich waren zehn Jahre keine lange Zeit. Wenn er darüber nachdachte, wunderte er sich wie schnell sie vergangen waren. Es kam ihm wie gestern vor, dass er in einer Pferdekutsche zum Kai hinunterfuhr, um das Schiff nach Marina zu besteigen, glücklich und stolz über seinen ersten Posten als Chef-Funker. Er hörte noch das Rasseln des Gefährts die George Street hinunter, das gleichmäßige Klipp-Klapp der Hufe des Gauls, den Anblick der ersten Schiffsmasten bei den Warenhäusern und Lagerschuppen und den durchdringenden Geruch der Codfische, die auf den flachen Dächern der Lagerhäuser trockneten. Alles machte damals den Eindruck von Beständigkeit und fester Tradition. Die Frauen trugen große Hüte, darunter aufgetürmtes Haar, Puffärmel und Röcke, die bis an die Zehen reichten; Frauen ohne Beine, nahezu ohne Füße, die sich wie Bilder auf Rollen bewegten, gezogen von unsichtbaren Fäden. Männer trugen Bowlerhüte und Westen, an denen große lange Uhrketten hingen, faltige Hosen, die bequem aussahen – Männer mit großen Schnurrbärten und gutgepflegten Bärten. Er sah sich erneut um. Kein Schnurrbart weit und breit, außer diesen komischen kurzgeschorenen Dingern unter den Nasen der jungen Burschen. Wo waren all die Bärte geblieben?

Das Zentralbüro der Funker lag immer noch in derselben Straße nahe am Kai.  Wenigstens das hatte sich nicht geändert! Er näherte sich der Türe mit der Haltung eines Mannes, der nach Hause kommt. Es war immer eher eine Art Männer-Club gewesen als ein Büro. Der Hauptkommissar, ein dicker rothaariger Mann und sein Buchhalter, beide frühere Funker, saßen einander an einem großen Eichentisch gegenüber, dessen Rand angeraut war von ihren Absätzen, wenn sie in Momenten der Entspannung die Beine hochlegten und angekohlt von nachlässig abgelegten Zigaretten. Funker von den Schiffen, die im Hafen lagen, gingen ein und aus und füllten die Luft mit Rauch und Geschichten. Ab und zu kam ein Kerl auf dem Weg von einer Küstenstation zur nächsten vorbei, um seine Post oder Reisegeld abzuholen und scherzte mit den seefahrenden Funkern über die Freuden des Daseins auf Cape Race oder den Lurcher Shoals oder einer anderen gottverlassenen Ecke an der Küste. Es war eine Art Kult mit eigener Sprache, der mit Funktasten zu tun hatte und mit Kopfhörern und Leuchtfunken und Antennen; eine Bruderschaft, die meisten davon jung, abgegrenzt vom Rest der Menschheit aufgrund ihrer speziellen Fertigkeiten. Sie waren umgeben von einer Aura des Meeres und auch von einer anderen undefinierbaren Atmosphäre.

Damals gab es relativ wenige Funker und man kannte die meisten Männer von den Land-Stationen. Man rief sie beim Namen und boxte sie in die Rippen, als seien sie alle eine Bande wandernder Gesellen, die sich ab und zu trafen, um über alte Zeiten zu plaudern. Alle redeten durcheinander, die Namen der Schiffe und Häfen und Capes und Inseln flogen hin- und her und der Hauptkommissar legte die Beine auf den Tisch, zündete noch eine Zigarette an und freute sich über den Lärm. Auf dem Schiff war man „Sparks“, ein junger Tölpel, der mit gefährlichen komischen Geräten spielte. An weit entfernten Küstengegenden, mit Eskimos oder Fischern als einzige Nachbarn, war man ein Glückspilz, der fünfzig oder sechzig Dollar im Monat verdiente, während er vor einer Zauberkiste saß. Hier jedoch in diesem Raum oberhalb der Docks von Halifax, war man ein Gott, der über die Welt redete und dem niemand etwas vormachen konnte.

Carneys Vorfreude verflog, als er durch die Türe trat. Er befand sich in einem kahlen kleinen Vorzimmer, das nach frischer Farbe roch. Sechs solide Holzstühle standen aufgereiht an der Wand, wie im Wartezimmer eines Zahnarztes. Durch eine offene Türe konnte er zwei junge Frauen sehen, die fleißig auf Schreibmaschinen tippten und hinter ihnen noch eine Türe aus Milchglas auf der stand: Hauptkommissar, Abteilung Atlantik. Zwei junge Männer, neunzehn oder zwanzig Jahre alt, in Uniformen der Handelsmarine mit geflochtenen goldenen Kordeln an den Ärmelaufschlägen saßen auf Stühlen im Vorzimmer. Sie machten einen resignierten Eindruck. Sie musterten Carney für einen Augenblick, dann wandten sie die Augen ab.

Eines der Mädchen kam an die Türe und betrachtete Carney genau. Er sah nicht aus wie ein Funker. Funker waren fröhliche Jungen, gewöhnlich in Uniform, und kamen auf flotte Ideen, wenn man ihnen den geringsten Anlass dazu gab. Der jetzige Hauptkommissar hatte seine Schreibkräfte deutlich darauf hingewiesen. Es hatte einige Zeit gedauert, bis er die alte lockere Atmosphäre abgewürgt hatte und das Büro zu einem Ort ordentlicher Geschäftsabläufe – wie er es nannte – geworden war. Die alten Tage waren vorbei. Es gab jetzt so viele Funker und so viel wichtigere Aufgaben als das Personal. „Finden Sie heraus, was sie wollen,“ hatte er den Mädchen gesagt, „und versuchen Sie sie baldmöglichst loszuwerden.“

Der große Mann in den schäbigen Kleidern war offensichtlich ein anderer Fall. Das dichte blonde Haar, der sauber getrimmte Bart, der ruhige Blick seiner blauen Augen, die langsame Geste an die Stirn, als sie herankam, seine ganze Haltung, die darauf schließen ließ, dass er sich hier nicht wohl fühlte, unterschied ihn von den jungen Männern auf den Stühlen. Sie schätzte ihn ein als Kapitän eines Charter-Schiffs, der einen Funker anheuern oder ein Funkgerät erwerben wollte.

„Ja, bitte?“ sagte sie und hob die Augenbrauen. Sie war hochgewachsen, ziemlich blass und trug eine Schildpattbrille. Ihr brauner Rock war hübsch, aber zu lang, um modisch zu sein, die weiße Bluse wirkte kühl. Das dunkle Haar lag zu einem Knoten geschlungen hinten an ihrem Kopf. Die jungen Techniker ignorierten sie. Die hielten ihre Augen auf das andere Mädchen gerichtet, auf deren kurzes blondes Haar die Nachmittagssonne schien und die großzügig ihre seidenen Beine durch die offene Türe sehen ließ, was die beiden mit unverblümtem Vergnügen genossen.

„Der Hauptkommissar, “ murmelte Carney mit seiner tiefen Stimme, „Ist er da?“

„Mr. Hurd ist sehr beschäftigt. Kann ich vielleicht etwas für Sie tun?“

Er zögerte. Er stellte sich den geheimnisvollen Mr. Hurd mit wichtigen Dingen beschäftigt vor, mit denen verglichen, die Angelegenheiten eines Matthew Carney völlig bedeutungslos waren. Die ganze Atmosphäre des Ortes, einschließlich dieser streng geschäftlichen Attitüde der jungen Frau, gab ihm das Gefühl ein Eindringling zu sein.

„Mein Name ist Carney,“ sagte er verlegen mit seiner klangvollen Stimme. „Ich komme von Marina – der Insel Marina. Ich habe Land-Urlaub und man sagte mir, ich solle mich hier melden.“

„Oh!“ Sie schaute ihn nochmals prüfend an, wandte sich dann um, ging vorbei an dem blonden Mädchen und klopfte an die innere Glastüre. Sie trat ein, kam fast sofort wieder heraus und sagte rasch, „Bitte treten Sie ein, Mr. Carney.“

Carney trat ein und sah sich einem schlanken, adretten, etwa dreißigjährigen Mann hinter einem Schreibtisch mit Glasplatte gegenüber, der ihm seine Hand bot. Carney hatte ihn nie zuvor gesehen. Mr. Hurd trug einen Kneifer, was seinem sonst wenig ausdrucksvollen Gesicht einen Hauch von Klugheit verlieh. Sein glänzend schwarzes Haar war säuberlich zurückgekämmt und im Knopfloch steckte eine Nelke. Ein Hauch von seemännischer Erfahrung umgab ihn, aber nur fern und schwach, als ob diese nicht von langer Dauer gewesen war und inzwischen die Büroluft ihr den Rang abgelaufen hatte. Der Mann hatte offenbar seit Jahren gutes Essen und Dampfheizungen genossen, ein weiches Bett und die Umarmungen einer zufriedenstellenden Frau. Jetzt blickten seine Augen neugierig und er lächelte strahlend.

„Carney? Carney von Marina? Tatsächlich! Endlich kriegen wir Sie mal zu sehen!“ Sie schüttelten einander die Hand. Der Hauptkommissar forderte ihn auf, sich zu setzen.

„Das ist ja ein besonderer Anlass, Carney! Sie wissen, dass Sie ziemlich berühmt sind. Die anderen Funker erzählen viele Geschichten.“ Er sah, dass Carney die Brauen hochzog. „Sie sprechen von Marina, als sei es von Gott und der Welt verlassen. Natürlich sind sie ein wanderfreudiges Volk. Jeder, der zehn Jahre lang an einem Ort bleibt, ist ein Phänomen. Jemand, der so lange auf Marina bleibt, ist eine Ungeheuerlichkeit. Das ist natürlich Unsinn. Die haben kein Pflichtbewusstsein, nicht wie es früher war, nicht wie Sie. Sie sind ein Pionier, einer der ersten Generation. Ist es wahr, dass Sie Marconi in Neufundland geholfen haben, seinen Drachen steigen zu lassen?“

„Ja. Warum soll das sonderbar sein?“

„Nein, nein. Es ist wunderbar! Sie – Sie sind einer der wenigen Großen. Jeder an den Küsten Kanadas hat von Ihnen gehört. Jeder erkennt Ihre Hand im Morsestil von Marina. Alle reden über `Carney auf Marina`. Wollen Sie sagen, dass Sie das nicht wissen?“

Carney schaute ihn ruhig an. „Es gibt bestimmt noch andere Männer, die lange Zeit am selben Ort geblieben sind. Daran ist nicht Besonderes. Als ich nach Marina ging, wollte ich mich nach ein oder zwei Jahren wieder ablösen lassen, aber die Zeit verging. Dann kam der Krieg, alle die jungen Leute gingen weg zur Marine oder zur Armee oder dahin, wo eben was los war; jemand musste bleiben, also blieb ich. Wanderfreudig? Das war ich auch einmal, aber das ist vorbei. Als Junge ging ich zur See, danach drängt es mich nicht mehr. Ich hätte nicht um Urlaub gebeten, wenn da nicht etwas Wichtiges wäre – ein oder zwei Dinge, die ich zu lange hinausgeschoben habe.“

„Natürlich“, murmelte Hurd besorgt. Männer wie Carney waren kaum zu kriegen, wegen des einsamen, eintönigen Lebens auf den Küstenstationen. Die neue Funker-Generation war davon nicht begeistert. Jung, oberflächlich, kein Verantwortungsgefühl – der Krieg, zweifellos – die See lockte, die Häfen in der großen weiten Welt, der Geschmack exotischer Getränke und der Reiz fremdländischer Frauen. Wenn man ihnen einen Job an der Küste anbot, sagten sie, „Ich hab‘ den Krieg lebend überstanden, warum sollte ich mich jetzt lebendig begraben lassen?“ Und weg waren sie, die Mütze schief auf dem Kopf, die Uniform wie Admirale mit Goldschnüren und Messingknöpfen verziert, und winkten den Mädchen zu.

„Ich gehe natürlich wieder zurück“, sagte Carney.

„Ah! Gut! In der Zwischenzeit sollten Sie sich ein bisschen auf dem Festland umsehen. Erledigen Sie, was Sie sich vorgenommen haben und machen Sie dann Ferien – das haben Sie verdient. Die Elgin legt nicht vor Ende August wieder nach Marina ab. So haben Sie drei Monate für sich. Lassen Sie es sich gut gehen. Kann ich etwas für Sie tun? Brauchen Sie Geld?“

Carney schüttelte den Kopf. „Mein Gehalt wurde immer auf die Bank eingezahlt, wie Sie wissen. Danke, ich brauche wirklich nichts.“

„Und auf der Station? Skane hat jetzt die Verantwortung, nicht wahr? Ein eigenartiger Typ, aber ein zuverlässiger Mann, denke ich. Ich habe den jungen Sargent zu euch geschickt als dritten Helfer und er wird das ganze Jahr unten bleiben.“

„Ja, ich habe am Strand mit ihm gesprochen, als er aus dem Boot stieg. Ein angenehmer junger Mann. Er wird sich gut machen, wenn er sich eingewöhnt hat. Natürlich wird er merken, dass das Leben dort ganz anders ist als auf einem Schiff. McGillivrays Jahr ist im Juli um. Er möchte weg, wenn ich zurückkomme.“

„Ich weiß. Was ist mit der Station?“

„Soweit in Ordnung. Haben Sie die Farbe geschickt, die ich bestellt habe? Der Sand scheuert sie von den Gebäuden, wenn die Winterstürme wehen, aber ich möchte, dass die Station gut aussieht, tipptopp. Der Funkverkehr nimmt etwas ab, trotzdem sind wir immer noch sehr beschäftigt. Alle Dampfer scheinen mit Leuten besetzt zu sein, die private Botschaften senden wollen, besonders wenn sie westwärts fahren. Es strömen viele Emigranten in die Staaten; französische Schiffe, italienische Schiffe, alle lassen stündlich Mitteilungen los, sobald sie in Reichweite sind – „Treffpunkt Ellis Island und fünfzig Dollar“ – und dergleichen. Gibt uns zu tun, wenn wir das Zeug kopieren müssen und es dann aufs Festland weiterschicken. Es beansprucht das Funkgerät, wenn es Tag und Nacht im Einsatz ist. Wir sollten ein Zweites haben, für Notfälle.“  Carney sah besorgt aus, als er davon sprach.

„Hmm! Ich werde darüber nachdenken. Im Moment haben wir Lieferschwierigkeiten, müssen Sie wissen. Die Nachfrage ist enorm. Sie können sich nicht vorstellen, wie sich das Tempo seit dem Krieg verändert hat. So viele neue Schiffe müssen ausgestattet werden und die alten wollen neues Gerät. Lieber Gott!  Und noch vor ein paar Jahren musste man den Schiffseignern und Kapitänen erst mal die Idee schmackhaft machen. Jetzt kommen sie und schreien nach Peilgeräten, Sprechfunkgeräten und was an neumodischem Zeug sonst noch existiert, als könnten wir es aus dem Hut zaubern.“

Nachdem Carney gegangen war, kam die hochgewachsene Sekretärin mit Schriftstücken zum Unterzeichnen herein. Und Hurd sagte gut gelaunt, „Also, das ist der berühmte Carney – Carney von Marina. Wie Sie wissen, sind wir der Ansicht, dass das Telegeräte erst gestern aus der Taufe gehoben wurden, und dann kommt der alte Carney daher und straft uns Lügen. Die ersten Funker waren natürlich keine Jüngelchen, wie heutzutage. Einige taten Dienst auf den Segelschiffen, andere kamen aus dem Eisenbahnbereich und wollten etwas Neues erleben. Stellen Sie sich vor, Carney arbeitete tatsächlich noch auf Schiffen mit Rahsegeln. Mit seinem Bart könnte man denken, er stammte noch aus der Ära der Clipper-Segler.“

Das Mädchen legte ihm die Papiere zur Unterschrift vor. „So alt sieht er gar nicht aus. Seine Augen wirken wie die eines Jungen.“

Hurd kratzte seinen Namen unter ein Dokument, dann griff er nach dem nächsten. „Carney ist sechsundvierzig. Das ist alt in diesem Beruf.“

„Er sieht aber jünger aus,“ wiederholte sie. „Vermutlich, weil er groß ist und gesund aussieht. Ich hätte ihn auf Mitte dreißig geschätzt – ohne Bart natürlich. Er hat eine besondere Ausstrahlung, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken sollte. Unschuldig? Auch wenn es absurd klingt. Und …“

„Und was?“

„Und ziemlich attraktiv.“

„Soll das ein Witz sein?“

Das Mädchen presste die Lippen zusammen. „Nein, überhaupt nicht. – Bitte würden Sie noch die Kopie dazu unterschreiben? Es ist für die Leute von der Marine-Versicherung. – Ich glaube, die meisten Frauen würden so einen Mann interessant finden, trotz dieses schrecklichen Anzugs.“

„Oh, das kommt daher, weil er jahrelang auf einer einsamen Insel gelebt hat. Frauen verstehen nie, warum ein normaler Mann ohne sie auskommen kann, und was sie nicht verstehen, macht sie neugierig.“ Hurd schaute hoch und lächelte sie an, den Schreibstift in der Hand. Miss Jardine war eine ausgezeichnete Sekretärin, ernsthaft und sachlich. Er liebte es, sie mitunter zu necken. Das gab ihm Gelegenheit, seine Schlagfertigkeit auszuprobieren und es machte ihm Vergnügen, ihre zusammengepressten Lippen und den leichten Unmut in den grauen Augen hinter den Brillengläsern zu sehen.

Sie antwortete nicht und schaute aus dem Fenster auf die Schiffsmasten hinter den Dächern der Water Street.

„Also,“ sagte er entschieden, „jetzt ist alles unterschrieben. Ich werde einen der beiden jungen Schiffsfunker anhören. Bitte holen Sie den Kerl von der Stella Maris herein. Und noch etwas, Miss Jardine …

„Ja?“

„Machen Sie eine Notiz zu einem gewissen Skane – das ist der, den Carney als seinen Stellvertreter auf Marina zurückließ. Er ist schon zwei, drei Jahre oder länger dort und es scheint ihm zu gefallen. Außerdem, ein guter Mann. Ein zweiter Carney in ein paar Jahren. Wir brauchen Männer wie ihn.“

„Ich mache eine Notiz für die Personalakte.“ Miss Jardine nahm die Briefe und ging hinaus.

 

KAPITEL 2

 

Hurd wäre verwundert gewesen, hätte er gewusst, dass Carney mit der Aussicht auf zwei oder drei Monaten Ferien, einigen tausend Dollar auf der Bank von Nova Scotia – alle Vergnügungen der Zivilisation standen ihm offen – an kaum etwas anderes dachte, als an seinen Geburtsort in einem weit entfernten Fischerdorf in Neufundland. Es war eigenartig, denn für diese Sentimentalität, gab es keinen Anlass. Mit siebzehn Jahren wurde seine Mutter von einem zungenfertigen, strohblonden Norweger verführt, dessen Schiff getrockneten Fisch für Pernambuco lud. Sie sah den Mann nie wieder und Carney wuchs unter dem Namen seiner Mutter in dem abgelegenen kleinen Hafenort auf, wo solche Vorkommnisse nicht ungewöhnlich waren. Als sie später heiratete, wurde der kleine Matt in ein Waisenhaus in Saint John geschickt. Als er vierzehn war, lief er fort und wurde Schiffsjunge auf einem Dampfer. Von da an kannte er nur die See und eine Reihe von Häfen in Neufundland und Nova Scotia, Labrador, Spanien, Italien und Südamerika; wobei er vor allem auf Barken und Schonern fuhr, die gepökelten Fisch transportierten.

Mit fünfundzwanzig hatte er genug von der See und nahm einen Job bei der Eisenbahn von Neufundland an. Schließlich bekam er einen Posten als Dienstleiter auf einer kleinen Bahnstation im Landesinneren, wo er in Winternächten wach lag und sich fragte, was aus ihm werden sollte. Sein Lohn deckte kaum Essen und Kleidung und die Aussicht auf Beförderung war so wenig substantiell wie der Raureif, der weiß auf den Nägeln schimmerte, die vom Dach über seinem Kopf nach innen standen.

Dann passierte es durch einen dieser Zufälle, wie sie in der Komödie des Lebens vorkommen, dass ein Zug durch einen Schneesturm an seiner Station aufgehalten wurde. Er traf einen Mann, der mit der neuen merkwürdigen Branche der drahtlosen Telegraphie zu tun hatte.

Während Carney zur See fuhr, hatte gelernt mit Seiltechnik umzugehen, was für einen Mann, der entlang der Küste Masten und Leitungsdrähte aufstellt, sehr nützlich ist. So änderte sich Carneys Leben durch einen Schneesturm aus Labrador; dieser Umschwung führte ihn im Laufe der Jahre zu verschiedenen Einödenan der Ostküste Kanadas und schließlich nach Marina. Im Waisenhaus lernte er Lesen und Schreiben. Während der ersten Jahre im neuen Beruf ließ er sich Bücher über Elektro-Theorie kommen und studierte sie in den langen, monotonen Nachtwachen hingebungsvoll. Bis zu einem gewissen Grad lernte er daraus eine ganze Menge; viel mehr als der gewöhnliche Techniker seiner Zeit wusste. Es gab jedoch eine Grenze. Die neue Erfindung entwickelte sich zu schnell. Sie wurde technisch zu kompliziert für sein Verständnis. Die höhere Mathematik begann eine Rolle zu spielen und sie überstieg sein Auffassungsvermögen wie ein Gebirgszug, dessen Gipfel sich in den Wolken verliert.

Im Laufe seiner Tätigkeiten gewann er solide Kenntnisse über Induktionsspulen, Transformatoren, Kondensatoren und andere Apparaturen der frühen Tage, ebenso über die Funktion von Benzinmotoren. Schließlich hielt er sich an Bewährtes und gab sich zufrieden mit dem, was das Waisenhaus (in wunderbarer Voraussicht) die Stufe nannte, auf die es Gott gefallen hatte, ihn zu setzen.

Die technischen Bücher hatte er weggelegt. Danach konzentrierte er sich eher auf romantische Lektüre, vor allem in Versform, was ihm besonders zusagte. Im Laufe der Zeit, umgeben von Einsamkeit, kamen ihm Wordsworth und Lord Byron vor wie Götter, viel wichtiger als Signor Marconi, eine ketzerische Ansicht, die seine Vorgesetzten schockiert hätte. Er liebte es, allein an der öden Küste von Marina entlang zu wandern und laut Texte zu rezitieren, die ihn bewegten. Von allen Geschichten, die die Funker sich erzählten, entsprach diese zumindest der Wahrheit.

Offenbar war romantisierte Erinnerung, angeregt von der Musik literarischer Schöpfungen und ihrer Magie, der Grund dafür, dass er sich zu dem Ort hingezogen fühlte, wo er geboren wurde. Er nahm einen Zug nach Nord-Sidney und begab sich dann auf einem kleinen Postschiff nach Port-aux-Basques. Er freute sich, die Mundart von Neufundland wieder zu hören, nicht nur von den Lippen eines einzelnen Wanderers, sondern von Stimmen, die überall laut oder leise in heimatlichen Klängen gewöhnliche Dinge äußerten.

Alles war vertraut. Sogar die Eisenbahn gab es noch. Nichts hatte sich verändert, nicht einmal die abgenutzten alten Waggons. Er lehnte sich in seinen schäbigen Sitz zurück und lächelte, als der Zug durch die Wildnis in Richtung Saint John’s ruckelte. Wenn der Schaffner, breitbeinig wie ein Seemann im Sturm, durch die Wagen lief und mit seiner eintönigen Stimme die jeweiligen Stationen ausrief, klangen die Namen wie Musik: Codroy, Fishels, Bay of Islands, Deer Lake – by Jove! – wo sonst in der Welt konnte man so ausdrucksvolle Namen finden, wie Horse Chops, oder Heart’s Content oder Topsails oder Come-By-Chance oder Joe Batt’s Arm?

Es regnete, als der Zug an der kleinen Zwischenstation vorbeifuhr, wo er damals, weit entfernt vom Meer, für ein Jahr gelandet war. Er drückte neugierig seine Nase gegen die regenströmende Fensterscheibe, um einen Blick zu erhaschen und dachte an jenen lang vergangenen Tag, an dem er dort angekommen war, in freudiger Erwartung auf ein Leben im Landesinneren. Nichts hatte sich geändert; die kleine rote Hütte neben den Gleisen, durchnässte Wäschestücke hinten auf einer Leine, Rauchfetzen aus dem Kamin und sogar – verschwommen – der Anblick eines gelangweilten Gesichts, das sich über die Tasten eines Morseapparats beugte; ein Geist seiner selbst. Schon vorbei. Dann wieder die karge Landschaft und die Telegraphenmasten, deren Drähte im Regen auf und ab schwangen. Ich könnte hiergeblieben sein. Ich könnte immer noch hier sein; dachte er ergriffen.

Er verbrachte einen Monat in Saint John’s, lief durch die staubigen Straßen und blickte auf den blauen Hafen hinunter, der wie in einer Schale zwischen den felsigen Hügeln lag. Ein- zweimal stand er vor dem Waisenhaus und überlegte, ob er eintreten sollte; aber er wandte sich ab. Nein! Nichts, was es wert gewesen wäre, zu erinnern, außer der Verwirrtheit eines kleinen Jungen, der sich plötzlich allein unter Fremden fand, die tristen Stunden im Tagesablauf, das Weinen im Dunkeln, das langsame Verblassen der Vision von einer vertrauten jungen Frau, freundlich und ruhig, die ihn Matty gerufen und ihn mit den wilden Ziegen auf den Hügeln hatte laufen lassen.

Vom Gesetz der Schwerkraft steht nichts in den Büchern des Gerichtshauses von Saint John’s, aber es bestimmt das gesamte Leben in dieser Stadt und es führte Carney, wie jeden hier, zum Hafen. Dort fand er Gesellschaft auf Schiffen, brachte eine Flasche geschmuggelten Rum aus Saint Pierre als Glücksbringer an Bord, wo man sich Geschichten erzählte aus früheren Reisen zur Seehundjagd auf dem Eis oder nach Spanien. Oder er saß allein an einen Poller gelehnt am Ende einer Werft, rauchte geruhsam eine Pfeife und schloss die Augen vor dem blendenden Licht auf dem Wasser. An den Anlegestellen der Seehund-Jagdschiffe lag im Frühjahr ein Geruch von altem Speck in der Luft. Er atmete ihn tief ein, wie ein Chinese sein Opium, und Bilder aus seiner Jugend tauchten auf.

Zuerst kamen Erinnerungen von einer Reise zu den Eisfeldern, seine erste Bekanntschaft mit dem Meer. Alles stand klar vor seinen Augen; die Seehundjäger, die von den Seiten des Schiffes ausschwärmten, über das Eis rannten wie eine Invasion gestikulierender Ameisen, schrien, mit ihren Knüppeln auf dunkle glänzende Körper einschlugen, die sich wanden, dann aufgaben und still dalagen. Messer blitzen auf, eine blutige Masse schlaffer Körper aus Pelz und Speck wurde zum Schiff geschleppt und an Bord gehievt. Die langen düsteren Höhlen der Zwischendecks, wo am Ende jedes Tages die Offiziere, die Mannschaft und die Seehundjäger in Reihen an langen Tischen zusammensaßen; der Geruch von Essen, nasser Wolle, Schweiß, Tabak, von Seehundblut und Fett; weiße Zähne, die aus hageren unrasierten Gesichtern geisterhaft aus dem undurchdringlichen Halbdunkel grinsten; Stimmen, die nach mehr Essen riefen, nach mehr Tee und er, der Küchenjunge, rannte umher mit Bechern und Tellern und schweren, dampfenden Töpfen.

Und diese Vision, unauslöschlich eingebrannt in sein jugendlich unschuldiges Gedächtnis, detailliert wie eine Fotographie: die reine Schönheit des Packeises, weißes Feuer im Sonnenglanz eines Märznachmittags, durchzogen von roten Flecken, wo die Seehunde gestorben waren, blaue Wasserrinnen, totenstill unter dem Frühlingshimmel, und dann hinter dem Achterdeck das langsame Verschwinden des Lichts mit einem letzten empörten Aufschimmern am Horizont.

Noch mehr Bilder tauchten auf. Die alte Barke – wie hieß sie noch gleich? Cassandra? – mit ihren geflickten Segeln und den verrotteten Planken, dem hohen Bugspriet, der mit seiner Spitze auf einer Ebene lag mit dem Ende des Klüverbaums. Ja doch, Cassandra, und die Reise zu den Azoren; die Boote brachten Pökelfisch an Land, ausländische Häuser weiß in der Sonne, die Glocken der Kathedrale und des Klosters läuteten den ganzen Tag, portugiesisches Geschwätz, alle Frauen wie Nonnen gekleidet, der Geschmack des neuen Weins von den Weinbergen. By Jove! alles war damals so neu und wunderbar: jung zu sein, zur See zu fahren, zu leiden, zu lächeln, bei der Arbeit oder vor Angst zu schwitzen, nicht zu wissen, wie lange der alte Kahn dem hohen Seegang und den heftigen Winden standhalten würde und dann um eine Ecke in dieser nassen Welt, einen Ort zu finden, wie Fayal, einen Ort, der all die Zeit über auf ihn gewartet hatte. Auf ihn allein.

Aber nicht ganz. Es wartete nicht alles auf den jungen blonden Matt Carney, neunzehn Jahre alt, schüchtern, wenig redegewandt und staunend. Er erinnerte sich an einen Abend voll milder Luft, im Wasser spiegelten sich die Sterne, die Lichter der Stadt, Ruder im Wasser und kichernde Frauenstimmen. Wein machte die Runde, das Lachen der betrunkenen Matrosen, eine Fidel spielte, Handgreiflichkeiten, Gelächter und Gerumpel in den Kojen. Matt mochte den Geschmack von Wein, aber er soff nicht; eine innere Sperre hinderte ihn daran, einen Narren aus Matthew Carney zu machen. Ebenso ging es ihm mit Frauen. Die Geschichten, die auf dem Vorschiff umliefen, erregten ihn und er träumte von Frauen, ihrem saften weichen Fleisch, von Eroberungen, wie es natürlich war für einen Neunzehnjährigen mit gesunden Instinkten, ausgedörrt vom mönchischen Leben auf See. Jedoch in Gegenwart von Frauen entwichen alle diese schönen Bilder.

Manche Männer sind wie gemacht für das volle Fest des Lebens, sie haben die Zungenfertigkeit, das kühne Auge und die dreiste Hand. Aber es gibt auch die Carneys, die hochgewachsenen scheuen Männer, die Schüchternen und Zurückhaltenden, an denen das Leben einfach vorbeizieht. Matt Carney schaffte es nicht einmal, eine Frau zu berühren, noch weniger, mit ihr zu schlafen: Seine Kameraden wunderten sich; denn in jedem Hafen drängten sich leichtlebige lustgierige Frauen leidenschaftlich und frech zu ihm hin, wie Fliegen zum Honig, angezogen von seiner unschuldigen Kraft. Er floh vor ihnen. Die anderen, die „feinen“, die anständigen, ernsthaften, höflichen, waren unerreichbar für ihn und seine ungeschickte Art.

Die Jahre vergingen, eine Reise folgte auf die andere und Carney zog sich in sich selbst zurück. Prostitution stieß ihn ab und um Liebe zu betteln, war er zu scheu und zu stolz, bis er sich schließlich hinter einer harten Schale versteckte, die unauflöslich schien. Seit Jahren hatte er nicht mehr an eine Frau gedacht, außer an diese ferne Gestalt aus seiner Kindheit im Dorf an der Küste.

Am Ende des Monats verlor er das Interesse an Saint John’s; die alten Erinnerungen an die See verblassten und plötzlich störten ihn die Gerüche des Hafens. Es wurde Zeit für etwas, das er inzwischen für die entscheidende Erfahrung seines Lebens hielt. Er reiste auf einem schmuddeligen kleinen Dampfschiff Richtung Nordküste, stand stundenlang an der Reling im kalten Wind, der von Grönland her wehte und betrachtete die zerklüfteten Inseln und die graue düstere Küste. Das Postschiff rollte energisch – vergleichbar einem Hund im Gras – in der Strömung eines heftigen Wellengangs, streckte die Nase hoch und tauchte dann tief hinein, wobei es zuerst die eine Flanke, dann die andere dem Rauschen der grünen See aussetzte.

Ab und zu tauchte ein Deckhelfer auf, ein grinsender ungepflegter Jugendlicher in einem karierten Hemd und schmuddeliger Mütze, unterbrach seine Arbeit und wollte ihm Sehenswürdigkeiten an der Küste zeigen. Carney antwortete ihm ein wenig unwirsch. Für wen hielt ihn denn der junge Simpel? Für einen Touristen? „Hör mal zu,“ wollte er zu ihm sagen. „Ich hab‘ diese Küste schon gekannt, als du noch gar nicht geboren warst, von Belle Isle bis Port-aux Basque, die ganze Ostküste. In deinem Alter war ich schon in Spanien und Italien, in Barbados und Brasilien – auf Schonern und Rahseglern, nicht auf so einem stinkenden Dampfkessel – und vorher war ich fünf Mal mit den Jägern auf dem Seehundeis. Und du willst mir erzählen, dass das Horse Chops ist!“

Aber er sagte natürlich nichts. Die Gewohnheit zu schweigen hatte ihn wieder eingeholt, nach jenen ausgiebigen Unterhaltungen auf den Vorderdecks in Saint John’s. Er hörte dem Schwatzen des Matrosen mit unbewegtem Gesicht zu, während sie weiterfuhren. Seine blauen Augen hielten mit großer Intensität die vorbeiziehende Szenerie im Blick, als handle es sich um eine wohlbekannte wichtige Erzählung, deren Höhepunkt er jedoch vergessen hatte und zu erinnern suchte.

In seiner Schlafkabine lag der Geruch ungewaschener Passagiere, die im Laufe der Jahre aus Labrador gekommen waren. Hinter der Spundwand konnte man Ratten herumwuseln hören. Sobald er das Licht ausgeschaltet hatte, kroch eine Schar Kakerlaken aus der alten Holztäfelung. Sie flitzten auf der Decke der Kabine herum und fielen mit der Regelmäßigkeit eines regentropfenden Daches auf den Boden. Er lächelte in der Dunkelheit. Genau wie auf den Seehund-Jagdschiffen! Jedenfalls hatte sich das Leben hier oben nicht viel geändert. Und morgen – ah, morgen! Er lag in seiner unsauberen Koje und eine Welle von Vorfreude durchzog seine große Gestalt.

Am Nachmittag des nächsten Tages kroch das Schiff in eine schmale Einbuchtung an der Küste, setzte Carney und sein Gepäck an Land, spuckte ein paar leichte Pakete aus und legte dann ab mit einem kurzen albernen Pfiff, der am Kliff widerhallte. Carney ergriff seine Koffer und trottete die steinige Straße hinauf wie ein Mann in Trance. Jesus, hier war es, ganz bestimmt! Fischreusen hingen wie hölzerne Auswüchse direkt am Felsen, schmale graue Häuschen mit aufgeworfenen und verwitterten Schindeln drückten sich die Felsen entlang, blaue Fetzen Holzrauch stiegen aus den Kaminen, auf jedem Vorplatz waren Netze zum Trocknen ausgelegt. Auf Unterlagen aus Reisig lagen ausgeweidete Fische, daneben Brennholzhaufen, gesägt und gespalten; ausgetretene Pfad führte zur Dorfstraße.

Da stand die Kirche und dort das marode Schulhaus, der Dorfladen, das Postamt, dessen Schild immer zur jeweils anderen Straßenseite verschoben wurde, wenn die Regierung wechselte, die flinken Ziegen mit ihren komischen grauen Gesichtern, zerlumpte spielende Kinder, Frauen kamen mit Eimern vom Brunnen, alte Männer mit Gesichtern wie braune geschrumpfte Äpfel, saßen in der Sonne und rauchten –. Es glich einer Fotographie, die jahrelang vergessen auf dem Boden eines Nähkästchens lag und plötzlich ans Licht gehalten wurde.

Draußen vor dem Laden setzte er seine Koffer ab. Eine kleine Glocke klingelte, als er die Türe öffnete. Eine junge Frau kam aus einem rückwärtigen Raum und trat hinter den Ladentisch.

„Ich suche eine Frau, die mit Familienname Carney heißt,“ sagte er im Dialekt der Küstenregion. Sie hat einen Mann aus der Gegend von Betts Cove geheiratet. Er kam zum Fischen hierher vor fünfunddreißig oder sechsunddreißig Jahren.“

Die Frau sog an ihrer Unterlippe. „Das ist lang‘ her – bevor ich geboren wurde. Ich frage mal Pa.“ Sie öffnete die innere Türe und rief Carneys Anliegen jemandem zu, der hinten im Raum war. Eine alte, dünne, zittrige Stimme antwortete; die Worte waren unverständlich.

„Ich weiß nicht,“ rief die Frau zurück. „Es ist ein großer Mann mit einem Bart, der vom Boot kam.“ Wieder das leise bebende Geflüster, das nach einer Unterbrechung erneut begann. Sie wandte sich zu Carney und lächelte entschuldigend.

„Er sagt, sie ist nicht mehr da – sie ist schon vor vielen Jahren gestorben. Sie heiratete einen Mann Lewis von da oben und starb das Frühjahr darauf im Kindbett.“

Eine Minute lang war er wie betäubt. Wie eine große bärtige Statue stand er im Laden. Dann sagte er, „Ich – ich verstehe. Und Lewis?“

„Lewis ging fort, nachdem sie gestorben war. Er bekam Arbeit im Hafen in Saint John’s. Er kam nie mehr zurück. Vermutlich hat er wieder geheiratet.“

Wieder eine lange Stille, man hörte nur das Ticken der alten Uhr an der Wand.

„Das Carney-Mädchen – sind noch Verwandte von ihr in der Gegend?“

Die Frau gab es durch die Türe weiter. Wieder die alte Stimme, als käme das Gewisper aus dem Grab.

„Er sagt, es gibt niemanden mehr. Sie sind alle schon längst gestorben. Sie war ein hübsches großes Mädel, soweit er sich erinnern kann. Sie waren alle groß und ruhig. Haben nie viel geredet. Jetzt gibt es hier keine Carneys mehr. Mehr weiß er nicht. Natürlich ist er in seinem Alter auch vergesslich.“

„Ja, natürlich.“ Carney wandte sich ab, damit sie seine Tränen nicht sah. Zusammen mit dem letzten Gewisper aus der Türe war der ganze Reiz seiner romantischen Reise verflogen. Er dachte an all die Jahre auf den Schiffen, in schäbigen Gasthäusern am Hafen, in einsamen Funkstationen, wo er sich immer wieder vorgenommen hatte, seine Mutter aufzusuchen und ihr ins Gesicht zu sehen. Er hatte sich vorgestellt, dass sie allein und in Armut lebte, dass er wie ein Märchenprinz durch die Türe trat und rief, „Ich bin Matthew! – dein Sohn!“ während sie in all dieser Zeit tot war, weggeschafft und vergessen in einem Stückchen Erde zwischen den Felsen.

So enden die Träume vieler Heimatloser, vieler Meerfahrer, die niemals Zeit zum Briefeschreiben finden, die tief im Inneren die Vorstellung hegen, einmal zurückzukehren, es aber nie tun, und wenn sie es doch tun, wie Carney, feststellen müssen, dass das Leben sie am Ende ausgetrickst hat.

Carney blickte über das Dorf hinweg zu den rauen Klippen und der windgepeitschten See. Er spürte Ärger in sich aufsteigen, als seien sie verantwortlich für die Täuschung. Du lieber Gott! Diese lange Zeit an einsamen Orten, wo er zuverlässig seine Arbeit getan hatte, eingespannt in eine Folge von Tagen, aus heute wurde morgen, eine ewige Runde wie die Pferdchen auf einem alten Karussell – und was hatte er am Ende gewonnen? Geld auf der Bank in Halifax – zu viel für seine Bedürfnisse, und ein Kompliment von diesem grinsenden Kerl im Büro!

Die Koffer standen neben ihm. Er setzte sich langsam darauf wie ein Reisender auf einem Bahnhof, dankbar für einen vertrauten Gegenstand, während Verwirrung ihn gefangen hielt. Die Kinder hörten auf zu spielen und starrten ihn an, und hinter ihren Werbeplakaten für Tabak schaute die Frau aus dem Laden neugierig zu ihm hin. Sie sahen wie der Fremde den Kopf hob und lachte, wobei seine breiten Schultern bebten, als habe er im Staub der Straße etwas ungeheuer Amüsantes entdeckt. Die Kinder liefen weg wie vor einem, den ein Fluch getroffen hatte. Und so war es auch.

 

KAPITEL 3

 

Ein verfluchter Mann braucht etwas, das seinen Verstand in Anspruch nimmt oder betäubt. Für Carney gab es die gewöhnlichen Möglichkeiten nicht. Sein innerer Stolz hielt ihn ab vom Alkohol. Frauen kamen nicht in Frage. Arbeit lag noch in langer Ferne. Ortswechsel und Abwechslung waren sein einziger Ausweg. Also verbrachte er die beiden nächsten Monate in der Verfassung eines Nachtwandlers auf Reisen an der Küste, in Zügen, in fremden Hotels. Später hatte er kaum eine Erinnerung daran. Quebec bestand aus einem Hügel und einem bestimmten Sprach-Akzent. Montreal – eine Flut von Gesichtern, Trambahnen und Autos. Toronto – eine heiße Wüste aus Ziegelsteinen und Pflaster.

Ende August befand er sich wieder in Halifax, ohne recht zu wissen, wie er dorthin gekommen war und lenkte seine Schritte zum Hafen hinunter mit dem Instinkt eines gestrandeten Fisches. Lange Zeit stand er am Pier und sog die Hafenluft ein, während ein Sommerregen sein Gesicht benetzte. Er fand ein Zimmer in einem kleinen Hotel nahe am Bahnhof, spazierte herum und sah sich Schaufenster an. Mittags ließ er sich in einem Restaurant an den Docks nieder und als er über den Tisch blickte, bemerkte er eine junge Frau, deren Gesicht ihm irgendwie bekannt vorkam. Sie grüßte ihn mit einem kurzen Blick aus ihren grauen Augen, dann wandte sie sich ihrer Mahlzeit zu. Carney sprach sie unschuldig-absichtslos an mit der Formel der Männer, die er am meisten verabscheute.

„Habe ich Sie nicht schon irgendwo gesehen?“

Sie sah auf und antwortete kurz angebunden, „Ja, natürlich. Im Büro der Funker. Sie wollten Mr. Hurd sprechen.“

„Ah! Sie sind die junge Dame mit der Brille. Ich habe sie ohne Brille zuerst nicht erkannt.“

„Ich trage sie nur bei der Arbeit.“

„Es macht einen Unterschied.“

Noch ein Blick aus den grauen Augen, etwas misstrauisch. Aber sein gebräuntes Gesicht war ohne Arglist. Sie sagte schnell, „Ich kann gut sehen ohne sie. Nur das viele Tippen strengt damit weniger an. Zumindest der Optiker meinte das. Sie verkaufen einem immer eine Brille, ob man sie braucht oder nicht.“

„Ohne sehen Sie besser aus.“

Das sagte er ohne die Absicht zu gefallen, als ob er im Laufe einer höflichen Konversation eine Bemerkung über den blauen Himmel machte oder eine zu kühle Brise im August. Das Mädchen rührte ihren Tee um und sah ihn prüfend an. Die Fältchen in Carneys Augenwinkeln ließen vermuten, dass er in seinem Leben viel gelacht hatte, aber er machte nicht den Eindruck eines Spaßvogels. Vermutlich war es die brennende Sonne auf der Oberfläche des Meeres und der nackte Strand auf Marina. Sie stellte sich ihn vor auf dem einsamen Strand gegen die Sonne blinzelnd. Er sprach sie wieder an.

„Wissen Sie, wann das Schiff für mein Ziel ablegt?“

„Nächste Woche – Donnerstag, glaube ich. Tut es Ihnen leid, wieder zurückzukehren?“

„Nein. Als ich an Land kam, fühlte ich mich wie ein Kind, das sich auf die Schulferien freut, aber meine Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Ich glaube, ich bin schon zu lange fort von all dem hier. Es hat sich so viel verändert. Es geht mir wie dem Kerl aus dem Buch, Rip Van – wie heißt er gleich wieder? Es wurde mir plötzlich klar – in einem Hotel irgendwo in Toronto, glaube ich, dass Marina der einzige Ort ist, der mir etwas bedeutet. Klingt seltsam, nicht wahr?“

„Ich finde, es klingt eher traurig. Wie ist es auf Ihrer Insel – warum heißt sie Marina?“

„Das ist das spanische Wort für „Matrose“. Man sagt, dass in alten Zeiten ein spanischer Entdecker auf die Insel kam, ein Wrack gefunden hat und am Strand eine ganze Anzahl toter Matrosen. Also schrieb er Isla de Marinas auf seine Landkarte. Später wurde das „s“ weggelassen, das ist alles“.

„Wie ist es dort?“

„Ein großer Haufen Sand in Form eines Halbmonds. Steine gibt es kaum. Überall Sandstrände und Sandhügel, die zum Teil mit Strandhafer bedeckt sind. In Senken sind kleine Frischwasserteiche, umgeben von Grasboden, Schilf und Cranberrybüschen. Es gibt wilde Erdbeeren, Stranderbsen, etliche wilde Rosenbüsche, Schwarzbeeren, Blaubeeren und andere Beeren. Nichts wächst höher als hüfthoch.“

„Keine Bäume?“

„Keine. Sogar die Büsche wachsen nur in den tiefsten Senken, wo sie geschützt sind. Wir sind jeder Art Wind ausgesetzt. Im Winter wirbelt der Sand manchmal so heftig, als käme er aus einer Schrotflinte. Vor zwanzig Jahren schickte ein Staatssekretär des Marineministeriums einmal viele Baumsetzlinge dorthin; Baumarten, die in Frankreich in sandigen Gegenden wachsen. Er hoffte, dass sie einwurzeln und die Wanderung der Dünen aufhalten, den wilden Ponys Schutz bieten und den Anblick der Insel insgesamt schöner machen könnten. Leider überdauerten sie nicht einmal ein Jahr. Die Ponys hielten die Pflanzungen – es waren fünftausend Setzlinge – für eine Art neues Futter; knabberten die Rinde an, soweit sie reichen konnten. Den Rest erledigten die Sandstürme. Das Projekt hatte sich im Frühjahr schon erledigt und war im Herbst begraben. Gott mag die Bäume erschaffen haben, aber der Teufel erschuf Marina – und er ist es, der dort das Sagen hat.“

„Das klingt ja wirklich wild und schrecklich,“ sagte Miss Jardine.

„Ja, wild ist es auf jeden Fall. Aber im Sommer ist es auch schön, wenn der warme Wind weht und das Meer freundlich ist. Meilenweit gibt es feinsten Sand, man reitet auf den Ponys, schwimmt in den Lagunen, hüpft in der Brandung herum, wo es einem gefällt. Wenn man den ganzen Plunder abtransportieren könnte Richtung New York oder Boston, man könnte, glaube ich, ein Vermögen machen mit dem Verleih von Badeanzügen und Sonnenschirmen. Geht aber nicht. Nicht mal versenken kann man das Ding, um es loszuhaben. Das ist der teuflische springende Punkt.“

Sie lächelte ihn über den Rand einer Teetasse an. „Sie scheinen ja großen Respekt vor dem Teufel zu haben.“

Carney grinste. „Er ist schlau, der Teufel, das muss man ihm zugestehen. Und er ist aktiv. Wer sonst als der Leibhaftige hätte fast 40 Kilometer Sand aufhäufen sollen dort draußen im Nord-Atlantik, direkt in der Schiffsroute, wo niemand sowas braucht? Es ist die einzige Erklärung, was man sich auch erzählen mag über den Golfstrom, die Labrador-Drift oder die Strömung des Saint Lawrence und Jahrtausende alten Schwemmsand. Pff! Ich sage, der Teufel. Und die Geduld, die er hat! Es dauerte, bis Columbus Amerika entdeckte, bevor die Mühe sich lohnte. Am Ende aber – Haha! Sie wissen doch, wie die Seeleute und auch die Zeitungen Marina nennen, den Friedhof des Atlantiks!“

Carney konnte sich nicht erinnern, dass er jemals so lange mit einer Frau gesprochen hatte. Nach all seinen stummen Wanderungen in fremden Städten, umhergetrieben wie ein Holzspan in einer Flut gleichgültiger, sogar feindseliger Gesichter, war es eine Erleichterung, überhaupt mit jemandem zu sprechen. Es war auch einfach über das einzige zu reden, das er gut kannte, besonders zu jemandem, der wusste, wovon er sprach. Er sah sie entschuldigend an und bemerkte, dass sie ihn aufmerksam betrachtete, als ob sie auf einmal Interesse an ihm gefunden hatte.

„Erzählen sie noch mehr,“ sagte sie.

„Die einzigen Leute die auf dieser staatlich verwalteten Niederlassung leben, sind Leuchtturmwärter, die Lebensretter-Mannschaft, die Funker und eine gewisse Anzahl von Frauen und Kinder; ungefähr vierzig bis fünfzig Menschen. Wir sind sozusagen alle damit beschäftigt, den Teufel in Schach zu halten. Jeder hat seine eigene Aufgabe und wir sehen nicht viel voneinander, außer wenn der Dampfer kommt und wir alle an der Westseite der Insel zusammenkommen, um unsere Waren und die Post in Empfang zu nehmen. Das passiert drei oder vier Mal im Jahr. Natürlich gibt es Telefonverbindung. Die Rettungsstationen sind entlang der Insel verteilt und an jedem Ende der Insel steht ein Leuchtturm.“

„Wie kommt man von einem Ende zum anderen?“

„Meistens indem man reitet. Die Lebensretter fangen ein paar Ponys ein und zähmen sie, um die Versorgungswagen zu ziehen, die Transportschlitten für die Rettungsboote und so weiter. Die Kinder halten sich auf dem Rücken eines Ponys, fast bevor sie laufen können.“

Der Kellner brachte seine Bestellung, eine Platte mit Bratkartoffeln und Codfischbäckchen und Carney machte sich mit Heißhunger darüber her. Das Mädchen sah ihm amüsiert zu.

Er sagte in munterem Ton, „Sie servieren auch Fisch im Inland, aber sie bereiten ihn aufwendig zu und er schmeckt nicht gerade so, als sei er in Gottes freiem Meer geschwommen. Einmal ging ich dort in ein Restaurant, das „Meeresfrüchte“ anpries und fragte die Bedienung, ob sie „Tongues-and-Sounds“ hätten, Fischbäckchen, so wie das hier. Sie schaute mich an, als ob ich etwas aus der Mülltonne bestellt hätte.“

„Aber Marina,“ fragte sie weiter. „Sie sagten, es hätte für Sie Bedeutung. Welche?“

Er blickte ernst auf seinen Teller. „Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken solle. Vielleicht ist Bedeutung auch nicht das richtige Wort. Vielleicht ist es nur der einzige Ort, an dem ich mich zu Hause fühle, weil die Menschen da draußen die einzigen Freunde sind, die ich habe. Wochenlang bin ich nun im Osten Kanadas umhergezogen, wie eine verlorene Seele, von Stadt zu Stadt. Alle Leute sind angestrengt unterwegs – wofür? – habe ich mich gefragt. Man hatte den Eindruck, die Welt sollte schon morgen untergehen und jeder müsse vorher noch schnell einen Dollar verdienen, bevor das letzte Gericht anbricht. Einer schiebt den anderen weg, äugt ihn ärgerlich an wie eifersüchtige Schlittenhunde in Labrador, bereit, bei der ersten falschen Bewegung zuzubeißen. Natürlich sind wir auf Marina nicht perfekt. Wenige zusammengewürfelte Menschen auf einer Sandbank, Eifersüchteleien, Streitereien wegen nichts, eher um etwas Aufregung zu erzeugen, damit sich überhaupt etwas tut. Im Großen Ganzen nehmen wir das Leben ruhig. Wie jemand angezogen ist, spielt keine Rolle. Geld auch nicht. Also, gibt es nichts, warum man den anderen wegdrängen sollte. Kleinliches Neidgehabe macht keinen Sinn an einem solchen Ort. Wie auch immer, das Auge Gottes sieht dich.“

Miss Jardine schob ihre Lippen vor. „Ich glaube, das wäre nichts für mich. Man kommt sich ja vor, wie eine Fliege unter dem Mikroskop.“

„Das liegt daran, dass Sie immer im Haus gelebt haben, in dieser Art Irrenhaus.“

„Das stimmt nicht! Ich bin auf einer Farm geboren und bevor ich in die Stadt kam, habe ich ein paar Jahre in Dorfschulen unterrichtet.“

„Warum sind Sie weggegangen?“ fragte er erstaunt.

„Ehrgeiz, Mr. Carney, reiner Ehrgeiz. Ich wollte viel Geld verdienen, schöne Kleider tragen, ins Theater gehen und in den wunderbaren Lokalen speisen, die ich am Samstagabend im Kino sah.“ Sie ließ ihren Blick in dem kleinen unscheinbaren Restaurant schweifen und schaute dann wieder Carney zerknirscht und belustigt an.

„Und haben Sie es erreicht?“ entgegnete Carney

„In den vergangenen sieben Jahren habe ich als Schreibkraft gearbeitet für 60 oder 70 Dollar im Monat. Ich lebe in einem Zimmer über einem kleinen Restaurant, vergleichbar mit diesem hier. Die Art Kleider, von denen ich träumte, kann ich mir nicht leisten. Heute es für mich ein angenehmer Zeitvertreib, an einem schönen Sonntagnachmittag mit der Tram nach Point Pleasant zu fahren, auf meiner Lieblingsbank unter den Bäumen hinter der alten Militäranlage zu sitzen, wo ich die Dampfschiffe sehe, wie sie in und aus dem Hafen fahren und die Yachten, die in nord-westliche Richtung aufbrechen.“

„Warum gehen Sie nicht auf‘ s Land zurück?“

Nach einer Pause sagte sie langsam, „Das könnte ich nicht. Der Lehrberuf ist die einzige Möglichkeit, dort Geld zu verdienen und viel ist es nicht. Außerdem habe ich dazu keine Lust. Ich bin jetzt die Stadt gewöhnt.“

„Was halten Ihre Angehörigen davon?“

„Von ihnen lebt keiner mehr.“

„Das tut mir leid.“

Miss Jardine zuckte mit den Schultern. Sie öffnete ihre Handtasche und legte eine Münze unter den Teller der Teetasse. „Ich muss zurück ins Büro. Soll ich Mr. Hurd sagen, dass Sie in der Stadt sind und wieder nach Marina zurückgehen? Er weiß gerne Bescheid.“

„Ich werde ihn morgen aufsuchen.“ Carney stand höflich auf, als sie sich erhob und ihren Hut aufsetzte. Sie nickte ihm zu und ging zur Kasse hinüber. Dann war sie verschwunden.

Zwei Tage lang trieb sich Carney in der Hafengegend herum. Er kaufte eine neue Pfeife für Skane, Zigaretten für den jungen Sargent und einen blutrünstigen Roman für den Koch. Stundenlang saß er im Botanischen Garten herum und fütterte die verfressenen Tauben mit Erdnüssen. Wie versprochen schaute er bei Hurd vorbei, der ihn wieder mit derselben Überschwänglichkeit begrüßte, als sei er der einzig zuverlässige Mann in der gesamten Mannschaft und versprach, „aktiv“ zu sein (was es auch immer heißen sollte) wegen dieses Reserve-Funkgeräts.

Die große schlanke Sekretärin war nicht an ihrem Arbeitsplatz und er verließ das Büro mit einem vagen Gefühl von EnttäuschungMilitäranlage. Da saß sie unter den Kiefern am Abhang über der Landstraße auf einer roten Bank. Diese stand allein am Ende eines Pfades, der durch die Bäume führte. Als er näherkam, sah er, dass ein Buch aufgeschlagen auf ihrem Schoß lag, aber die Brille mit dem Schildpattrand hing an den Fingerspitzen einer Hand, die auf ihren Knien ruhte. Sie schaute Richtung Osten, wo d. Im Restaurant tauchte sie auch nicht auf. Ob sie vielleicht krank war? Am Sonntagnachmittag, als die Stadt wegen der schwülen Sommerhitze ziemlich verlassen war, nahm er die Tram nach Point Pleasant und wanderte langsam und neugierig zur alten ie Hafenmündung durch die Bäume glitzerte. Sie trug ein luftiges weißes Kleid mit kurzen Ärmeln. Neben ihr auf der Bank lag ein weißer ziemlich breitrandiger Hut aus netzartigem Material; der Meereswind hatte ein paar Strähnen ihrer braunen Haare aus der gesteckten Frisur gelöst. Sie hörte ihn auf dem dunklen Blätterteppich unter den Bäumen nicht kommen und ließ überrascht die Brille fallen, als er sie ansprach.

„Ich fürchtete, sie könnten krank sein,“ sagte er ernst. „Sie waren nicht im Büro.“ Sie hob die Brille auf und sah ihn an. „Vermutlich habe ich gerade die Post abgeholt.“

„Im Restaurant waren Sie seitdem auch nicht mehr.“

„Ich esse dort nicht oft. Ich gehe meistens in das Café unter meiner Wohnung – nur eine kurze Wegstrecke von der Innenstadt.“

Carney schwieg unsicher. Der Wind zerzauste seine Haare. Eine Strähne – sie glich einem Büschel Hanf – fiel über seine gebräunte Stirn. „Wollen Sie sich nicht setzen?“ sagte sie zaghaft.

Er setzte sich vorsichtig. Der breite weiße Hut lag zwischen ihnen. Er suchte in seiner Hosentasche herum. „Stört es Sie, wenn ich rauche?“

Miss Jardine schüttelte den Kopf. Sie schaute wieder auf das Wasser hinaus. Er zündete die Pfeife an, legte dann eine seiner großen Hände auf sein Knie und sah sich um. Was für ein friedlicher Platz. Er kannte den Ort und ihm gefiel ihre Wahl. Die Bank stand auf einer kleinen Erhebung über der Straße, angenehm beschattet von Bäumen, die er besonders gern mochte. Weiter unten an der Straße erhob sich der gedrungene Bau eines verlassenen Forts aus viktorianischer Zeit. Es war umgeben von einem hohen Zaun roter bedrohlich spitz zulaufender Eisenpfähle. Innen konnte man die bröckeligen Steinfundamente sehen. Auf dem Wall wuchs ungepflegtes langes Gras und zwischen den Ritzen des dichtgepflasterten Hofes dahinter stand das Unkraut kniehoch. Er erinnerte sich noch an Soldaten, die er dort gesehen hatte, flotte junge Briten in gestreiften Hosen, engen roten Jacken und Pillbox-Kappen, damals, in den Tagen einer Garnison des Britischen Empire. Das war `93 – nein `92. Er war achtzehn, machte einen kleinen Landausflug nach einer Reise in einer malariaverseuchten Brigantine aus Demerara. By Jove! Wie die Zeit verging!

Die junge Frau blieb in Gedanken versunken, still, in sich gekehrt, als ob es ihn gar nicht gäbe. Er fühlte sich schuldbewusst und dachte, es störte sie, dass er hier war.

„Es tut mir leid, Miss. Ich hätte nicht kommen sollen.“ Er wollte aufstehen, aber sie drehte sich schnell zu ihm um und sagte, „Bitte, gehen Sie nicht. Ich wollte nicht unhöflich sein. Ich habe nur nachgedacht.“

„Ich bin einfach so hereingeplatzt, obwohl ich noch nicht einmal Ihren Namen kenne!“

„Setzen Sie sich, Mr. Carney. Ich bin das „J“, das Sie unter Mr. Hurds Briefen sehen. Ich heiße Isabel Jardine.“

Er setzte sich wieder, war aber unsicher.

„Auch wenn es seltsam klingen mag,“ sagte sie, „aber ich habe über Sie nachgedacht.“

„Über mich?“

„Also, ich schaute aufs Meer hinaus und versuchte mir Marina vorzustellen. Sie scheinen es zu mögen, aber ich habe gehört, was die Funker sagen. Es kam mir immer vor wie ein einsamer und unerfreulicher Ort. Deshalb musste ich daran denken. Ich war recht traurig in letzter Zeit.“

„Das klingt aber gar nicht gut,“ antwortete Carney abwehrend. „Wenn ich an Marina denke, bin ich glücklich.“

Sie sah wieder hinaus aufs Meer. „Oh, aber ich bin nicht wie Sie“, entgegnete sie impulsiv. „Es fällt mir sowieso schwer, Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind. Sie sagten, dass Marina für Sie etwas bedeutet. Ich finde nirgendwo eine Bedeutung. Es sind nicht nur diese dummen Illusionen, von denen ich Ihnen erzählt habe. Jedes Mädchen vom Land träumt von einem wunderbaren Leben in der Stadt. Wenn sie dann dorthin geht, findet sie Arbeit in einem Büro oder einem Geschäft, schläft in einem billigen Zimmer, muss an Kleidung und Mahlzeiten sparen und fragt sich noch ein paar Jahren, welchen Sinn das hat.“

„Oh, warum sagen Sie so etwas?“ protestierte er. „Sie sind jung. Das Beste in Ihrem Leben kommt noch. Sie dürfen nicht so reden.“ Diese Worte kamen ihm problemlos in den Sinn. Er hatte sie in demselben onkelhaften Ton schon öfter gesagt, zu jungen Funkern, die genug hatten von seiner Insel, vom Funk-Dienst, vom Leben überhaupt. Das Problem mit dem Jungsein war eben, dass man sich, immer wenn es fad wurde, als ein Opfer widriger Umstände sah.

„Was glauben sie, wie alt ich bin?“ sagte Miss Jardine.

Er überlegte, drehte seine Pfeife in der Hand hin und her und betrachtete ihr abgewandtes Gesicht. „Ich bin nicht gut im Schätzen. Aber ich würde sagen irgendwo zwischen zwanzig und fünfundzwanzig.“

Sie sah ihn kurz an und schaute dann wieder weg. „Sie wissen nicht viel über Frauen, oder? Nächstes Jahr werde ich dreißig.“

„Das ist jung.“

„Nicht für eine Frau. Sie können das nicht verstehen.“

Er war bestürzt. Aber wie sie so dasaß, mit geschlossenen Augen, den Mund melancholisch zusammengepresst, mit eingefallenen Schultern, auf ihrem Schoß die Handflächen mit den schlanken Fingern halb geöffnet, als flehe sie das mitleidlose Schicksal an, dem sie sich ausgeliefert fühlte, empfand er einen schmerzlichen Stich. Sein einfaches Gemüt, das die eigenen Schicksalsschläge philosophisch hinnahm, war betrübt wegen Miss Jardines Traurigkeit. In Mr. Hurds Büro hatte sie so kühl und tüchtig gewirkt, die perfekte Verkörperung der modernen jungen berufstätigen Frauen, von denen er in Zeitschriften gelesen hatte. Diese Veränderung verwirrte ihn.

Der Meereswind frischte auf, die Bäume rauschten angenehm. Das Gras auf dem alten Wall bewegte sich hin und her. Zwischen den Stämmen der Bäume tauchte im Blau der Hafeneinfahrt eine kleine Yacht auf wie eine weiße flüchtige Motte. Aus Miss Jardines Frisur löste sich eine Flechte, legte sich in länglichen braunen Strähnen über ihr Gesicht und verbarg ihren traurig verzogenen Mund. Der leichte Stoff ihres langen vollen Kleides, eine Mode aus der Zeit vor dem Krieg, bewegte sich in den Windstößen und wurde manchmal hochgeblasen bis zu ihren Knien, die in weißen Strümpfen steckten. Die geschlossenen Augenlider ließen sie aussehen, als sei sie in Trance.

Carney sog langsam an seiner Pfeife und betrachtete in ratlosem Interesse ihr Profil. Sie kam ihm sehr jung vor, trotz des Gewichts ihrer neunundzwanzig Jahre, das sie offenbar so schrecklich fand. Ihre Gestalt strahlte Vitalität aus: ein starkes Knochengerüst und feste Muskeln, wie Leute vom Land es oft haben. Ihre Blässe kam anscheinend vom Aufenthalt in Büros, in schwach beleuchteten kleinen Restaurants, im Dauerschatten hoher Gebäude und zu langem Lesen in der stickigen Luft schwach beheizter Mietzimmer.

Sie riss ihn aus seinen Gedanken, als sie sagte „Sie sich fragen sich vermutlich, was mit mir los ist?“ Sie hatte sich nicht bewegt. Ihre Augen blieben geschlossen.

„Ja.“

„Kennen Sie Gedichte?“

„Ziemlich viele. Warum?“

„Kennen Sie The Lady of Shalott?”

“Wer kennt es nicht? Von Tennyson“.

„Wie sie, bin ich krank vom Schattendasein, vom Eingeschlossen sein, während das Leben vorbeizieht wie hinter Glas – man wird müde davon; und das Schlimmste ist, zu wissen, dass es immer so weiter geht und dass man nichts dagegen tun kann.“

„Sie hat ja etwas getan, oder nicht – die Lady of Shalott?“1)

„Oh, aber was geschah denn mit ihr? Vermutlich war es gar nicht Sir Lancelot. Wahrscheinlich war es einfach ein gewöhnlicher Kerl auf seinem Pferd und das Übrige erledigte ihre Einbildungskraft. Ihre Augen hatten sicher gelitten unter all dem Weben Tag und Nacht. Ich kenne mich aus, wie Sie sehen. Einmal bin ich aus meinem Bann ausgebrochen. Nur fand ich mich nicht in Richtung Camelot treiben, sondern ich fand mich wieder vor dem Spiegel sitzen, umgeben von denselben alten Schatten und ich webte wieder das alte Muster.“

„Ich fürchte, da komme ich nicht mit,“ murmelte Carney.

Miss Jardine öffnete die Augen und schob die Haarsträhne von ihrem Mund.

„Es ist eigentlich ganz einfach. Eine der am meisten abgedroschenen Geschichten der Welt. Ich nehme an, jedes Mädchen möchte Lancelot begegnen. Aber ich war nicht schön und die Art Ritter, die mir begegneten, entsprachen nicht dem Standard des runden Tisches. Sie waren nicht vornehm. Dann eines Tages während des Krieges kam Lancelot – in voller Rüstung. Zumindest war er ein junger Offizier aus einem Regiment, das ins Ausland gehen sollte. Ich traf ihn auf einem Ball des Christlichen Vereins Junger Frauen. Wir waren beide vierundzwanzig. Er sah recht gut aus und steckte voller Ideale. Er mochte mich, weil ich ernsthaft war. Wir verbrachten viel Zeit miteinander.

Nach zwei Wochen hatte ich mich über beide Ohren in ihn verliebt. Als er mich küsste, hätte er alles von mir haben können. Aber er war anständig. Seine Ideale bedeuteten ihm etwas. Er bat mich, auf ihn zu warten und ich versprach es – natürlich versprach ich es! Ich war so glücklich, dass ich dabei weinte. Als sein Transportschiff ablegte, stand ich stundenlang am Pier im kalten Wind eines Schneetreibens und versuchte unter all den khakifarbenen Gestalten an der Schiffsrehling, sein Gesicht zu finden.

Sobald er in England war, schrieb er und ich schrieb zurück. Jede Nacht schrieb ich begeisterte Briefe und brachte sie morgens auf dem Weg zur Arbeit auf die Post. Er konnte nicht so oft schreiben, das Training war hart und manchmal schaffte er es nur, ein paar Worte auf ein Blatt aus seinem Feldnotizbuch zu kritzeln. Mitunter aber kamen lange begeisterte Briefe voll von Berichten über sein Leben in der Armee und am Ende stand immer ein Absatz über seine Ideale – und mich. Ich las sie immer wieder und wenn ich zu Bett ging, legte ich den letzten Brief unter mein Kopfkissen. So hatte ich das Gefühl, ihm nahe zu sein und es kam mir fast wie die Erfüllung meines Versprechens vor.

Sie haben solche Geschichten bestimmt schon gehört. Sie stehen ja in Dutzenden von Romanen über den Krieg. Aber sie sind geschehen. Mir ist sowas passiert. Als er über den Kanal nach Frankreich fuhr, kamen seine Briefe immer seltener. Umso wertvoller waren sie für mich. Er liebte mich noch immer, aber seine Ideale waren nicht mehr dieselben. Die Armee verkörperte nicht mehr den wunderbaren Kreuzzug wie zuvor. Nach einem Jahr in den Schützengräben, begann er sich zu fragen, welchen Sinn der Krieg hatte. Dann wurde er bei Vimy Ridge verwundet. Nicht schwer, aber ich litt Qualen, als ich seinen Namen in den Listen der Kriegsversehrten las, bis der erste Brief kam. Er hatte ihn mit der linken Hand geschrieben, nicht viel, ein paar große Bleistiftkrakel auf Notizpapier des Krankenhauses, aber ich fand es wunderbar, denn er schrieb, dass meine Liebe das einzige war, wofür er lebte.

Es kamen weitere Briefe und jedes Mal wurde das Gekritzel deutlicher. Dann wurde es wieder schlechter – sein Arm heilte und er begann erneut mit der rechten Hand zu schreiben, um die Sehnen zu trainieren. Die ganze Zeit über schrieb ich einen Brief nach dem anderen. Die Stunden im Büro kam mir vor wie im Fegefeuer, bis ich wieder zurückeilte in meine Wohnung und hoffte, dass ein Brief gekommen war. Meine Hände zitterten, wenn es so war. Meinen Namen in seiner Schrift zu sehen, versetzte mich in Entzücken, als ob er mich in Wirklichkeit gestreichelt hätte. Das klingt für Sie wahrscheinlich ziemlich nach Schulmädchen. Oder ist es einfach langweilig?“

„Nein,“ antwortete Carney. „Es ist nicht langweilig.“

„So viele Frauen in der Welt erleben so eine Geschichte. Du liebst einen Mann und er liebt dich. Der Krieg trennt euch, oder das Geld oder etwas anderes, das grausam und sinnlos ist. Man verzehrt sich nach einander und steckt seine ganze Liebe in Briefkuverts. Ich will gar nicht weiter davon reden. Er fand, dass er wegen seiner Verwundung das Recht auf einen bequemen Job in einem Personalbüro in England hatte, den er auch bekam. Seine Ideale hatten, wie er zugab, genauso gelitten wie er selbst. Er schrieb, er habe im Dienst der Armee eine Menge über das Leben gelernt. Inzwischen hatte sich der Ton seiner Briefe geändert. Er legte nicht mehr so viel Gewicht in den letzten Abschnitt, der mir so viel bedeutete; seine Worte klangen anders. Ich aber wollte es nicht wahrhaben. Wenn ich seine Briefe las, bildete ich mir Dinge ein, die nicht mehr da waren. Dann kamen keine Briefe mehr. Ich habe nie mehr von ihm gehört.

Sie ahnen sicher, wie es weiter ging. Er traf ein Mädchen in London, hübsch, selbstbewusst und amüsant, genau das, was er brauchte, das genaue Gegenteil von mir. Er hat sie geheiratet. Ich hörte es später von einem seiner Offiziers-Kameraden der Pay-Corps-Einheit. Das war nicht ungewöhnlich im Krieg. Ich gebe ihm keine Schuld. Von Idealen allein kann man nicht lange leben, nicht wenn man jung ist. Man braucht am Ende etwas, das man im Arm halten kann.“

Sie zog ein Taschentuch aus ihrer Handtasche, betupfte damit schnell ihre Augenwinkel und putzte sich die Nase.

„Kümmern Sie sich nicht darum. Ich weine nicht. Das habe ich schon lange überwunden. Es ist nur der Wind und weil ich meine Brille nicht aufhabe. Ich hätte ihnen all das nicht erzählen sollen. Aber ich habe lange mit niemandem gesprochen, außer, wenn es Geschäftliches betraf. Sie sind nur das zufällige Opfer.“

„Es hat mir nichts ausgemacht,“ versicherte Carney. „Ich habe Ihnen gerne zugehört. Noch nie hat eine Frau so zu mir gesprochen.“

„Unsinn! Alle Frauen reden – so wie ich.“

Miss Jardine steckte das Taschentuch ein. Ihre Hände gingen hoch zu ihrem Haar und steckten die losen Strähnen mit faszinierender Geschwindigkeit wieder fest. Sie setzte ihren Hut auf, ließ das Buch und die Brille in ihre Handtasche gleiten, stand dann unvermittelt auf und strich ihr Kleid glatt.

„Ich meine, die Art wie Sie sprechen,“ sagte Carney freundlich. „Ihre Stimme und wie Sie mit den Worten umgehen. Jeder sollte so sprechen.“

„Ach, das ist die Lehrerin in mir. Ich muss jetzt gehen. Ich erwische noch die Tram oben am Park, wenn ich mich beeile. Auf Wiedersehen, Mr. Carney.“

„Auf Wiedersehen,“ wiederholte er und dann, als ihre leichte Gestalt an den Bäumen vorbei Richtung Straße eilte, „Miss Jardine!“ Sie blieb stehen und wandte sich überrascht um, wobei sie mit einer Hand ihren Hut gegen den Wind festhielt. Carney ging zu ihr hinunter. Die Sonne beschien seinen Bart und das helle, zerzauste Haar.

„Sie wissen ja,“ sagte er stockend, „ich bin keiner von den jungen, forschen Funkern, die zu Ihnen ins Büro kommen. Ich bin nur ein Kerl von Marina, der alt genug ist, um zu wissen, wo sein Platz ist und in ein paar Tagen gehe ich wieder zurück. Erlauben Sie mir die Frage, ob ich Sie vielleicht zum Essen einladen darf oder ins Theater – oder, was Ihnen sonst gefallen könnte? Nur um Gesellschaft zu haben, verstehen Sie? Ich kenne hier sonst niemanden.“

Er sah, dass sie unsicher war. Eine leichte Röte in ihrem Gesicht bedeutete vielleicht Ungehaltenheit. Sie musterte ihn ernsthaft. Das Kleid flatterte um ihre Beine.

„Ich bin nicht gerade ein Kavalier,“ sagte er verlegen, „so wie ich angezogen bin…“

„Das stört mich nicht,“ unterbrach sie ihn und lächelte ein wenig. „Sind Sie sicher, dass Sie mich nicht einfach bemitleiden? Es geht mir gut. Sie müssen nicht denken…“

„Ich bemitleide nur mich selbst.“

„In dem Fall – gut. Morgen Nachmittag, nach Büroschluss. Sie können mich zum Tee einladen und dann ins Theater. Nichts, das viel kostet. Bitte holen Sie mich nicht im Büro ab. Ich möchte nicht, dass Miss Benson es mitbekommt – und Mr Hurd auch nicht. Er hat einen eigenartigen Sinn von Humor. Wir treffen uns an der Post, gegenüber vom Burenkrieg-Denkmal, um Viertel vor Sechs.“

Sie lief weiter zu ihrer Tram. Carney sah ihr nach.

 

KAPITEL 4

 

Miss Jardines Wohnung befand sich in einem Mietshaus in einer der unteren Straßen von Halifax und sollte nicht nach dem äußeren Anschein beurteilt werden; ganz bestimmt nicht nach dem wenig ansprechenden Restaurant, das im Untergeschoß lag. Die oberen Wohnungen ließen durchaus erkennen, dass sie mit Seife und Schrubber gepflegt wurden, dass man sie häufig kehrte und entstaubte und die Fenster morgens zum Lüften geöffnet wurden, wenn die Mieter in der Arbeit waren.

Wie viele solcher Quartiere in der Unterstadt hatte es zwei Stockwerke mit Reihen kleiner Kammern, darin ein eisernes Bettgestell mit Messingknäufen, eine Kommode mit Schubladen, ein Sessel aus Rohrgeflecht, einen schmalen Teppich und eine Nische mit Vorhang, um Kleider aufzuhängen. Alles war etwas abgenutzt von der Anwesenheit ungezählter Mieter, die im Laufe der Wochen oder Jahre kamen und gingen und dann weiterzogen.

Die Tapeten erstrahlten einst im heftigen Gelb eines glänzenden Sonnenaufgangs, bedeckt mit exotischen Blüten, waren jetzt aber verblasst zu einer braunen Wüstenansicht, in der die Blüten verwelkten und verdorrten und eine steife Brise sie jederzeit wegblasen konnte. Was die einst farbenfrohen Teppiche betraf, lagen sie jetzt ausgetreten da, vergleichbar dem abgelebten Gesicht einer Dirne, an der die Jahre und die Männer gezehrt hatten.

Jedes Stockwerk hatte nur ein Badezimmer, ein schmales Kabinett, Tag und Nacht beleuchtet von einer hängenden Glühbirne, denn ein Fenster gab es nicht. Morgens und abends wurde der Raum aufgesucht von Männern in Unterhemden und Frauen in Morgenmänteln, die jeweils ein Handtuch und einen Kulturbeutel trugen. Die Sanitär-Installationen machten einen abgenutzten Eindruck. Sie versagten öfter den Dienst und zwangen ihre Benutzer, sich ins feindliche Territorium des anderen Stockwerks zu begeben. In diesen Zellen kämpften Gerüche von Zahnpasta, Rasierseife, Badesalz und Kosmetiksubstanzen mit dem Geruch von Ammoniak aus dem Klosett; darüber schwebte in vulgärer Intimität von früh bis spät, leicht aber deutlich, ein Hauch von männlicher und weiblicher Ausdünstung.

Dennoch war die Atmosphäre des Hauses respektabel, ein Adjektiv, das die Vermieterin, die mit zwei Töchtern im Teenage-Alter im zweiten Stock lebte, oft benutzte. Sie war, wie sie gelegentlich erzählte, die Witwe eines See-Kapitäns, dessen früher Tod bei einer Schiffskollision nahe Cape Breton, sie genötigt hatte, die Räume über dem Feder’s Grill zum Zweck der Vermietung zu erwerben. Ein vergrößertes farbig getöntes Foto des Kapitäns hing im Wohnzimmer in einem vergoldeten barocken Rahmen über dem Buffet. Es gab weitere Zeugnisse seiner Existenz in Form von Muschelschalen, Korallen und anderen ausgestellten Stücken auf dem Kaminsims und auf den Regalen einer Etagere in der Ecke.

Mrs. Paradee war aufmerksam und schlau, wie Vermieterinnen sein müssen, aber kein mieser Hausdrachen aus dem Bilderbuch. Wenn man dem Foto auf dem Klavier glauben konnte, war sie in ihrer Jugend eine auffallend hübsche Brunette. Im Alter von zweiundvierzig Jahren konnte man sie trotz ihrer etwas scharfen Züge und der vollen Figur immer noch als durchaus gutaussehend bezeichnen. Das trat besonders mittwochs und am Sonntagabend in Erscheinung. Bei diesen Gelegenheiten wurden die Töchter – fade bezopfte Mädchen, die eine Schule in der Oberstadt besuchten – weggeschickt mit Tickets für die Tram, um den Abend bei Verwandten im Westend zu verbringen. Mrs. Paradee nahm ein ausgiebiges Bad in der Nasszelle im zweiten Stock, erschien dann in einem feuerroten Hausmantel und roch angenehm nach Veilchen.

In ihrer Wohnung zwängte sie sich in ein pinkfarbenes Korsett, eingefasst mit schwarzer Spitze, zog schlichte schwarze Strümpfe an, einen pinkfarbenen Slip und darüber ein modisch-kurzes schwarzes ärmelloses Seidenkleid, das ihre vollen weißen Arme frei ließ und ein gutes Stück ihrer üppigen, aber nicht unschön geformten Beine. Den Busen verhüllte ein schwarzes Spitzennetz, das ihren Brüsten, die fast aus dem Kleid quollen, einen Hauch von Sittsamkeit verlieh. Ohne Rouge oder Lippenstift, aber leicht gepudert an Armen und Busen, das dunkle Haar stark gelockt, strahlten ihre Augen in einem Licht, das ihre Mieter nie zu sehen bekamen; Mrs. Paradee erwartete einen Mann.

Ob er ihr Liebhaber war oder nicht, wussten nur Mrs. Paradee und der Mann. Die Mieter spekulierten viel darüber. Jeden Mittwoch und jeden Samstag, genau zwanzig Minuten, nachdem die farblosen Mädchen in Richtung Trambahn entschwunden waren, trat ein Mann durch die Eingangstüre an der Straße, stieg zielgerichtet die Treppe hoch in den zweiten Stock und klopfte an Mrs. Faradees Wohnungstüre. Er war von kleiner Statur, selbstbewusst und aktiv, auch wenn ihn eine Aura von Heimlichtuerei umgab. Niemand wusste Näheres über ihn, außer, dass er stets einen Mantel und einen Bowler-Hut trug, unter dessen Rand eine kleine gebogene Nase und ein blasser gestutzter Schnurrbart sichtbar wurden.

Er musste nie zweimal klopfen. Die Türe öffnete sich bei seiner Berührung wie durch Magie, und für einen Augenblick zeigte sich Mrs. Paradee in voller Uniform, ohne zu lächeln, wortlos, aber mit einem seltsamen Glanz auf ihrem teigigen Gesicht, als ob ein dünnes heimliches Feuer aufflackerte, nachdem es tagelang geschwelt hatte. Die Türe schloss sich, dahinter hörte man ein Gemurmel von Stimmen, die der Frau, tief und volltönend – ganz unähnlich der Stimme Mrs. Paradees an gewöhnlichen Tagen – und die des Mannes, fast unhörbar leise. Dann folgte eine Stille, die tödlich anmutete.

Zwei Stunden später öffnete sich die Türe, der Mann erschien mit der Pünktlichkeit eines Kuckucks aus einer Kuckucksuhr. Falls einer der Mieter gerade die Treppe hochging, oder vom oberen Stockwerk hinunterblickte, sahen sie nur den Mantel und den Bowler-Hut auf die gewöhnliche verstohlene Art schnell auf die Straße schlüpfen und verschwinden. Diesmal ließ sich Mrs. Paradee nicht sehen. Die Türe schloss sich langsam wie von selbst, man hörte, wie leise der Riegel vorgeschoben wurde und der Türknopf sich still drehte, nachdem man ihn losgelassen hatte. Nach einer Stunde, manchmal später, kamen die Töchter zurück, lärmten die Treppe hinauf und die Hauswirtin begrüßte sie mit ihrer normalen Stimme, frage sie streng, ob sie die Schuhe abgeputzt hätten oder erkundigte sich nach Onkel Harolds und Tante Ems Gesundheit.

Für die Dauermieter war dieses zweimalige Ereignis pro Woche ein Teil der Hausroutine. Gelegenheitsmieter, wie die Mädchen aus der Acker-Show oder die Varieté-Leute aus dem Strand blieben selten lange genug, um die Abläufe im Haus näher kennenzulernen, vom ständigen Wechsel in den viel benutzten Badezimmern abgesehen, mit dem sie schnell vertraut waren. Jedenfalls hatten die Theaterleute viel zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten zu tun, als dass die von Mrs. Paradee sie interessiert hätten. Durch das ständige Unterwegs Sein entwickelten sie eine instinktive Feindseligkeit gegenüber Hauswirtinnen – eine Einstellung, die Mrs. Paradee entschieden erwiderte – und achteten darauf, dass sie möglichst wenig von ihr zu sehen bekamen.

Auch wenn sie die späten Heimkehrzeiten und den damit verbundenen Lärm der Show-Girls akzeptierte als Teil eines Spiels, dessen Regeln sie nicht allein bestimmen konnte, gab Mrs. Paradee all ihren jungen Mieterinnen eindeutig zu verstehen, dass sie keine Männer in deren Zimmern duldete. In diesem Punkt war sie aufmerksam und unnachgiebig. Unvergesslich blieb die Nacht, in der eine Gruppe Show-Leute in einem der oberen Zimmer eine Party improvisiert hatte, wobei Whisky und Gesang eine Rolle spielten und ein besonders munteres Mädchen einen Striptease hinlegte.

Auf dem Höhepunkt der Feier tauchte Mrs.Paradee auf, gefolgt von einem Polizisten und ließ alle mit Sack und Pack auf die Straße setzen. Miss Jardine erinnerte sich noch gut daran, denn der Streit fand auf ihrer Etage statt und sie war neugierig genug, ihre Türe zu entriegeln und in den Gang zu schauen. Was für ein Spektakel: Mrs. Paradee stand zornbebend da in ihrem roten Morgenmantel mit langen dunklen Zöpfen; der bissige Polizist; drei Männer und zwei Frauen, die sich beleidigt fühlten und sich lauthals verteidigten, im Mittelpunkt ein schlankes Mädchen, achtzehn oder neunzehn Jahre alt, bekleidet nur mit Strümpfen und einem aufreizenden Strumpfgürtel, das in einem plötzlichen Anfall von Betrübnis an der Schulter des Polizisten weinte.

Die anderen Mieter fanden den Auftritt abstoßend oder betrachteten ihn als Riesenspaß, je nach Geschlecht oder persönlicher Einstellung. Nicht Miss Jardine. Tagelang dachte sie bedauernd an das Mädchen, das sowohl herausfordernd als auch mitleiderregend im Gang unter dem Licht der Glühbirne gestanden hatte; und an das Gewisper und Gelächter der regulären Mieter, während sich die seltsame kleine Prozession, flüchtig bekleidet, laut protestierend mit ihrem Gepäck die Treppe hinunterbewegte. Sie fragte sich, was aus der jammernden Kreatur geworden war. In ihren Träumen tauchte das tränenüberströmte Gesicht auf, das unerbittliche Vermieterinnen und Polizisten der ganzen Stadt anflehte. Manchmal wurden Albträume daraus, in denen Miss Jardine selber unter den kalten Blicken Mrs. Paradees und des Polzisten nackt und hilflos an der Treppe stand, während die anderen Mieter ihre leisen Kommentare zischten wie bösartige Vögel. Dann erwachte sie schweißgebadet und erstarrt und suchte in Todesangst verzweifelt nach Worten oder Auswegen in dieser schrecklichen Situation.

Im Allgemeinen jedoch ging das Leben in Mrs. Paradees Pension weitgehend seinen gleichförmigen Gang; gelegentlich gab es zwar Aufregungen, die meist unerfreulich waren, aber mitunter auch erheiternd. In diesem Bienenstock, aus dem die Bienen jeden Morgen ausflogen und in den die meisten erst nachts zurückkehrten, war Mrs. Paradee absolute Königin. Die Ausstrahlung ihrer Persönlichkeit war dermaßen intensiv, dass die Mieter, selbst wenn sie sie nur ab und zu kurz im Vorbeigehen sahen, außer beim Bezahlen der Miete, ihre Gegenwart Tag und Nacht spürten, als ob ein ganzes Dutzend unsichtbarer Mrs. Paradees das Haus heimsuchten und nicht nur eine. Diese unheimliche Empfindung führte zu der Überzeugung, dass sie in ihren Sachen herumwühlte, ihre Briefe las, ihre Kleider anfasste, das Innere von Koffern durchsuchte nach etwas Verbotenem oder nur aus Neugier, ohne dafür Beweise zu haben.

Bis zu einem gewissen Grad traf es zu, denn Mrs. Paradee machte täglich ihre Runde in ihrem Institut und ihre Neugier fand durchaus eine gewisse Befriedigung. Hauptsächlich aber diente dieses Ritual dazu, die Dienstmagd für sämtliche Hausarbeiten zu kontrollieren und anzutreiben, eine magere, schweigsame Schwarze, deren knochige Gestalt man manchmal am Ende eines Arbeitstages sehen konnte, wie sie mit Eimer und Bürste auf der unteren Treppe herumkroch. Die Hauswirtin selbst erledigte im Großen Ganzen das Abstauben, eine verwandelte Mrs. Paradee in langem Kittel und Kopftuch, wobei sie sich nicht zu schade war, mit einem Besen kräftig die Flure zu fegen, denn von ihrer Verachtung von Faulheit abgesehen, war sie darauf bedacht, ihrer Figur etwas Gutes zu tun, was ihre Mieter, bis auf ein paar einfühlsamere, überrascht hätte.

Miss Jardine hatte Angst vor dieser beeindruckenden Person, aber gleichzeitig sah sie in ihr ein Vorbild an Ordnungswillen, was für eine schüchterne alleinstehende Frau, die auf Mietshäuser angewiesen war, durchaus seine Vorteile hatte. Daher hielt sie ihr Zimmer, ihren Kleiderschrank und die Schubladen ihrer Kommode stets in tadelloser Ordnung, als gehöre sie zu einer militärischen Einheit, bei der jeder gewärtig sein musste, dass ein Major zur Kontrolle auftauchte, nicht so sehr um seinetwillen, sondern, um die Disziplin des gesamten Regiments aufrecht zu erhalten.

Von ihrem Fenster sah man auf einen kleinen Hinterhof hinaus, von dem eine Gasse zur Water-Street führte, eine Art Niemandsland, umschlossen von vier ungestrichenen geschindelten Wänden mit etlichen Fenstern wie das von Miss Jardine. Der Hof war bedeckt von zerbrochenem Glas, das mehrheitlich hinuntergefallen war bei der großen Explosion von Halifax anno 17), die alle Fensterscheiben der unteren Stadt zerschmettert hatte; und es lag auch noch anderer Abfall herum, rostige Blechdosen, Lumpen, Flaschen und Scherben von Blumentöpfen und natürlich gab es die Asche- und Abfalltonnen des Restaurants und anderer Geschäfte, die Zugang zum Hof hatten.

In dieser holzumrandeten Grube, wo jeden sonnigen Montag auf Wäscheleinen Bett- und Tischwäsche aushing und an anderen Wochentagen Stümpfe und leichte Unterwäsche in verschiedenen Arrangements heiter flatterte wie Morsezeichen eines femininen Codes, drang die Sonne nie tiefer als bis zu Miss Jardines Zimmerboden. Jedoch bei schönem Wetter schien sie heiter in ihr Fenster. Wenn sie ganz rechts stand, konnte sie in die Gasse hinuntersehen und an der gegenüberliegenden Seite der Water Street ein kleines Stück Hafenwasser erkennen, eine blaue vertikale Bleistiftlinie zwischen den Gebäuden.

Der Hinterhof war eine kleine Welt für sich, nachts gingen in allen Zimmern freundliche Lichter an, man hörte Gesprächsfetzen und Gelächter, Melodien verschiedener Grammophone, männliche Rufe, kleine geheimnisvolle weibliche Schreie, pikante Gerüche aus der Küche des Restaurants und eine angenehme allgemeine lockere Feierabend-Atmosphäre. Nur wenige Leute zogen ihre Jalousien herunter. Der Innenhof war ein Fest für Voyeure. Miss Jardine zog ihre Jalousie immer zu, aber oft, wenn sie schon im Nachtgewand war, ihr Buch weggelegt und das Licht gelöscht hatte, trat sie ans Fenster, zog ihre Jalousie hoch und schaute über den Hof.

Zu dieser Zeit waren die meisten Fenster dunkel oder verschattet wegen der Riten des Zu-Bett-Gehens, aber hier und dort hingen einzelne Bilder – ohne Bedenken, was ihre Sujets anging – in ihren Fensterrahmen und sie konnte verschiedene Portraits und Milieustudien sehen. Eine junge Frau oder zwei, die ein Zimmer teilten, zogen sich aus und erledigten gähnend ihre Nacht-Toilette, ohne sich zu kümmern, wer sie über den Hof hinweg beobachten konnte. Ein respektabler alter Herr mit einem ordentlich gestutzten Schnurrbart lag zeitunglesend auf seinem Bett, wobei er schmuddelige wollene Unterwäsche trug. In sommerlichen Nächten erschien eine kräftige Frau im Nachtgewand am Fenster, schaute auf die Hintertüre des Restaurants hinunter, kratzte sich und rauchte eine Zigarette.

Keiner war eines zweiten Blickes wert, aber eine Szene erregte Miss Jardines Aufmerksamkeit. Es spielte sich immer dasselbe ab, auch wenn die Akteure von Woche zu Woche wechselten, und mitunter auch der Raum. Eine Gruppe junger Männer, gewöhnlich in Hosen und Unterhemden, saßen um ein Bett und spielten Karten, eingehüllt in blaue Schwaden Tabakrauch. Es waren Matrosen oder vielleicht Offiziere der Handelsmarine, die auf ein Schiff warteten, denn sie hatten Tattoos auf ihren muskulösen Armen. Sie beobachtete wie sie die Karten ausspielten und eine Flasche herumgehen ließen.

Manchmal wünschte sie, ein Mann zu sein wie diese, mit ihren draufgängerischen Gesichtern, harten Körpern und einer selbstverständlichen Haltung absoluter Furchtlosigkeit. Sie fragte sich, wie viele von ihnen Frauen geliebt hatten und welche Art von Frauen und wo und ob sie jemals daran zurückdachten. Wahrscheinlich nicht. Man wusste ja, wie Seeleute waren. Und doch, wie wunderbar, so frei zu sein und vollkommen sicher, angefangen bei Frauen, bis zu den Gefahren der See, stets mit derselben lockeren Unbedenklichkeit, die sie beim Kartenspiel entfalteten, ohne einen Gedanken an gestern!

Diese Bilder und Träume verschwanden in der Winterzeit, wenn die Fenster geschlossen waren und alle Bewohner der Pensionen froren, weil ihre Radiatoren wenig Wärme abgaben und sie deshalb früh ins Bett krochen. Am schlimmsten jedoch waren die verregneten Sonntage, an denen man nirgendwohin gehen konnte, keine Pläne machen und es nichts zu sehen gab, außer den tristen kleinen Hof, durchnässt von den Ausläufen der Regenrinnen. Im grauen Tageslicht blickten die Fenster leer und blind. Ab und zu zog eine unsichtbare Hand die Vorhänge zurück und schloss sie, offenbar frustriert, sofort wieder oder warf eine Zigarettenkippe in den Regen. Das waren die leeren Seiten in ihrem Leben, die sie nicht so leicht überspringen konnten wie ein fades Kapitel in einem der zerfledderten Romane, die von Zimmer zu Zimmer weitergereicht wurden.

An schönen Sonntagen im Frühling, Sommer und Herbst war der Kaninchenbau, solange die Helligkeit andauerte, verlassen. Fast alle Mieter begaben sich in die Öffentlichen Gärten, nach Point Pleasant, in den Park von Northwest-Arm oder saßen an den Hängen der Citadelle und schauten über die Dächer zum Hafen und zum Ufer von Dartmouth hinüber. Abends kehrten sie zurück mit dem angenehmen Gefühl etwas erlebt zu haben. Ihre Zimmer kamen ihnen nicht mehr vor wie Gefängniszellen, aus denen es kein Entkommen gab; sie zogen die Schuhe aus, legten sich aufs Bett und betrachteten die vertrauten Wände und Möbel mit dem Gefühl zu Hause zu sein, wo sie hingehörten.

Als Miss Jardine von Point Pleasant zurückkam, eilte sie mit leichten Schritten die Treppe hinauf und trat voller Freude in ihr Zimmer, wie ein Seemann, der nach einer Reise in den Hafen einläuft. Sie fühlte sich erfrischt. Es war schön wieder zu Hause zu sein und sie hatte Lust auf Tee. Auf die morgige Verabredung zum Tee freute sie sich weniger. Jetzt, nachdem sie Zeit hatte, darüber nachzudenken, kam es ihr fast vor wie eine Tortur, einen Abend mit dem Mann von Marina zu verbringen, ein Akt der Nächstenliebe, den sie mit allem möglichen Anstand versuchen musste zu meistern. Sie wusste, dass sie sich befremdet und lächerlich fühlen würde, wenn sie mit dem freundlichen bärtigen Riesen in seinem Anzug aus der Mottenkiste durch die Straßen ging.

Eigenartig war nur, dass sie trotz dieser Zweifel einen Hauch freudige Erwartung empfand, was sie verwunderte. Weil sie mit einem Mann verabredet war? Puuh! Außerdem war Carney kein Mann in dem Sinn, über den man am nächsten Tag im Büro sagen konnte – wie Miss Benson es tat – so ganz nebenbei und möglicherweise mit einem Gähnen, „gestern war ich wieder mal aus mit einem Mann. Ach du meine Güte!“

Miss Benson war im Grunde ein tugendhaftes Mädchen, das sich aber trotzdem Vergnügliches gönnte und ihren Charme ganz bewusst einsetzte, um zu bekommen, was sie wollte. Männer fühlten sich von ihr angezogen wie Wespen von süßer Marmelade. Die meisten waren Schiffs-Funker, gutaussehende Jungs, die ihr im Büro begegneten, sie hinreißend fanden und die vermutliche Einladung in ihren Augen missverstanden. Einer nach dem anderen, wie die Verehrer einer modernen Atalanta, luden sie sie ein zum Abendessen, Tanzveranstaltungen und Shows, wobei sie die goldenen Äpfel in Form von Blumen, Pralinen, Seidenstrümpfen, Seidentüchern, oder Schmuckstücken offerierten, je nach der Größe ihres Finanzpolsters und ihrer Lust auf Eroberung. Es war ein fabelhaftes Spiel, und anders als Atalanta, gelang es Miss Benson immer, die Äpfel aufzusammeln und zu gewinnen.

Falls die jungen Männer enttäuscht waren, warfen sie ihr das selten vor. Die meisten bewunderten ihre Schlauheit. Sie sprachen davon in fremden Häfen, in entfernten Funkstationen an der Küste, auf See in Klatsch-Gesprächen auf ihren Funkgeräten. In weniger als fünf Jahren Erfahrung in der Welt der Funker war Miss Benson auf ihre Art nahezu genauso berühmt wie Carney auf seine Art. Es war ihr nicht bewusst und sie hätte sich geärgert, wenn sie es gewusst hätte; dennoch wäre es bestimmt kein Grund gewesen, ihr amüsantes und gewinnbringendes Spiel aufzugeben.

Wenn sie ausnahmsweise einmal ehrlich war, beschrieb sie sich selbst als „Flirt“. Die jungen Männer hatten ein anderes Wort dafür. Miss Jardine hielt sie für eine herzlose Schwindlerin. Schließlich waren all die jungen Männer nur gesunde Tiere, die natürlichen Instinkten folgten und Miss Bensons Spiel war nicht nur unehrlich, sondern recht grausam. Ihrerseits genoss Miss Benson den tadelnden Blick von Miss Jardine, sobald ein neues Opfer in ihren Bannkreis trat. Sie war sich durchaus bewusst, dass diese hochgewachsene blasse Kreatur den perfekten Hintergrund für ihre eigene Attraktivität bildete und gelegentlich hatte sie Mitleid mit ihr.

Manchmal, wenn sie mit einem feurigen jungen Schiffsoffizier tanzte, sagte sie in aufrichtigem Ton, „Ich wünschte, Sie könnten einen Freund für Miss Jardine finden – Sie wissen schon, das andere Mädchen im Büro.“ Im Allgemeinen hatte dieser das andere Mädchen gar nicht bemerkt und wenn doch, rief er aus, „Ach, die alte Jungfer mit der Brille?“ Ihre Antwort spiegelte die instinktive Arithmetik einer Frau wider, die eine andere nicht wirklich leiden konnte, „Sie ist nur etwas über dreißig“, oder, falls Miss Jardine an diesem Tag besonders streng gewesen war, „Sie ist vierunddreißig, das ist doch nicht wirklich alt“, und dann fügte sie hinzu. „Miss Jardine ist eigentlich recht klug. Sie geht zu Vorträgen und studiert Kunst.“ Der junge Offizier würde lachen, sie selbst auch; jedoch bei diesen kleinen Sticheleien hatte Miss Benson das Gefühl, dass sie gegenüber der unscheinbaren Kollegin vom anderen Schreibtisch die Oberhand hatte.

 

KAPITEL 5

 

Carney war früh am vereinbarten Platz. Er hatte den ganzen Tag in Geschäften herumgesucht und zwar erfolgreich, wie man sehen konnte: Er trug einen Anzug aus hellgrauem Flanell, dazu einen Hut in gleicher Farbe, ein neues Hemd mit einem schicken weichen Kragen samt Krawatte und in diesen neuen Kleidern machte er eine recht gute Figur. Sogar eine Packung Zigaretten hatte er gekauft. Er hatte zwar keine rechte Lust, diese Art Tabak zu rauchen, aber er stand neben dem Postamt, paffte fest entschlossen und betrachtete den Bronzesoldaten auf dem Monument auf der anderen Seite der Straße.

Er erinnerte sich ziemlich gut an den Burenkrieg. Es gab sogar eine Zeit, als er daran gedacht hatte, sich bei einem Regiment für Südafrika einzuschreiben. Der Kerl dort auf dem Felsen, der sein Gewehr hoch über seinen Kopf hielt – ein Signal, das „Feind in Sicht“ bedeutete, kam ihm vor wie ein Narr. Es war nämlich eine unkluge Geste, wenn die Buren anrückten und unmittelbar schossen. Carney hatte die Statue missbilligend im Blick, als er dicht neben sich Miss Jardines Stimme vernahm.

„Da bin ich, Mr. Carney, fünfzehn Minuten zu spät!“ Ihr Gesicht war gerötet und schien auch etwas atemlos zu sein, als sei sie gerannt. Sie trug ihren braunen Rock, die weiße Bluse, eine kurze braune Kostüm-Jacke und einen sittsamen kleinen Hut.

„Am besten gehen wir hier entlang,“ sagte sie schnell. Sie hängte sich nicht bei ihm ein. Im Strom der Büroangestellten wanderten sie die Hollis Street hinunter.

„Sie sind neu eingekleidet,“ bemerkte sie. Ohne ihren Bart hätte ich Sie fast nicht erkannt; aber nein, das stimmt nicht. Sie sind so groß. Ich hätte Sie auf jeden Fall erkannt.“

Carney lächelte. „Sie wollen damit sagen, dass ich aus der Menge heraussteche wie ein glänzend neues Feuerwehrauto. Jedenfalls habe ich mich so gefühlt.“

Sie legte den Kopf zurück und lachte. „Das habe ich festgestellt als Sie die Statue so grimmig anstarrten. Aber jetzt mal im Ernst, der graue Anzug steht Ihnen. Er passt gut zu Ihrem goldenen Bart und zusammen mit dem Hut sehen Sie direkt vornehm aus. Ganz ehrlich.

Er nahm ihre Äußerung freundlich auf und sie sprachen weiter miteinander in fröhlichem Ton, als sie seinen Arm berührte und auf ein kleines Tee-Restaurant zuging. Drinnen herrschte eine gepflegte Atmosphäre und elektrische Ventilatoren hielten die Hitze des Sommerabends in Schach. Die Bedienungen in kurzen grünen Kitteln, wirkten frisch und kühl.

„Sie servieren hier nur leichte Speisen“, sagte Miss Jardine, „Suppen, Omlettes, belegte Brote und sowas, aber Sie bekommen ein Steak, wenn Sie danach fragen. Und sie haben gutes Gebäck.“

Sie saßen einander gegenüber an einem kleinen Tisch an der Wand und lächelten sich an.

„Wissen Sie schon, wann die Elgin anlegt?“ fragte Carney.

„Sie kommt erst in drei Tagen.“

„Gut!“

„Ich dachte, Sie sehnen sich zurück.“

„Das tat ich auch. Aber jetzt, nachdem ich neue Sachen zum Anziehen gekauft habe, würde ich sie gern noch eine Weile tragen.“

„Zieht man sich auf Marina denn niemals gut an?“

Carney lachte in sich hinein. „Wenn mich die Leute dort jetzt sehen könnten, würde sie denken, dass ich am Ende doch noch verrückt geworden sei und Mr. Hurd sähe es wohl ebenso. Er hatte heute offenbar viel Arbeit zu erledigen, weil er Sie so lange aufgehalten hat.“

Miss Jardine wirkte unsicher. „Ich muss Ihnen etwas gestehen. Ich habe das Postamt als Treffpunkt vorgeschlagen, weil um diese Tageszeit alle Schreibkräfte wegen der Post dorthin unterwegs sind oder von dort kommen und niemand es seltsam finden würde, mich dort zu sehen. Aber ich konnte nicht gut draußen warten. Ich schlüpfte bei der Türe zur George Street hinein und wartete zwanzig Minuten, während ich mit zwei, drei Briefen beschäftigt war und schaute ab und zu durch ein Fenster. Ich war nicht sicher, ob ich wirklich kommen sollte – bitte seien Sie nicht beleidigt. Damals im Park kam es mir ganz problemlos vor, aber heute im Büro hatte ich Zweifel, was Mr. Hurd oder Miss Benson denken würden, wenn sie uns zusammen sehen. Und Sie selbst – Sie sind auch ziemlich zurückhaltend. Ich war nicht sicher, ob Sie wirklich kommen würden. Ich war mir über gar nichts sicher.“

„Ich schon“, sagte Carney.

„Über mich?“

„Sie sagten, Sie würden kommen und hier sind Sie.“

„Ja. Sie müssen mich für ziemlich albern halten.“

„Ich hätte es Ihnen nicht übelgenommen, wenn sie nicht gekommen wären.“

Sie schaute ihn direkt an mit ihren grauen Augen und sagte langsam. „Ich glaube, das hätten Sie wirklich nicht getan. Sie sind viel zu liebenswürdig. Es ist gut, dass sie wieder auf Ihre Insel zurückkehren.“

„Warum?“

„Sie wären auf die Dauer sehr enttäuscht, wenn sie lange hierbleiben würden.“

Carney schloss seine große Faust auf dem Tisch und öffnete dann langsam die Finger, wobei er diese intensiv betrachtete.

„Ich habe die einzige Hoffnung, die ich je hatte, verloren. Ich bin also auf der sicheren Seite.“

„Oh? War es eine Frau?“

„Ja.“

„Haben Sie deshalb Urlaub genommen?“

„Im Grunde, ja.“

„Das tut mir wirklich leid.“

„Es war nicht wirklich das, was Sie denken“, antwortete Carney mit Nachdruck. „Aber letztlich lief es auf dasselbe hinaus. Wenn Sie das halbe Leben herumgezogen sind, wie ich, erfinden Sie einen Ort und einen Menschen, an den Sie denken können, um sich vorzustellen, dass Sie Wurzeln haben, wie jeder andere. Wäre ich auf Marina geblieben und hätte mich weiterhin in diesem Glauben gewiegt, wäre das in Ordnung gewesen. Ich musste aber gehen und mich selbst überzeugen – und sie war tot.“

„Nach all der Zeit“ rief Miss Jardine aus. „Wie traurig!“

Carney sah auf und war erstaunt, Tränen in ihren Augen zu sehen. Was war er doch für ein Narr! Sie war so melancholisch gewesen im Park, dass er sich vorgenommen hatte, sie an diesem Abend in eine heitere Unterhaltung zu ziehen. Und jetzt das!

„Ich fürchte, ich habe Ihnen einen falschen Eindruck vermittelt.“ entgegnete er ruhig. „Was mir zugestoßen ist, war nur eine Illusion, die sich nicht erfüllt hat. Es hat mich getroffen, aber jetzt ist es vorbei. Das Leben auf Marina passt zu mir und am Festland hier hält mich nichts und niemand. Das wusste ich damals noch nicht. Jetzt weiß ich es. Wir sollten über etwas anderes sprechen. Hier kommt die Kellnerin. Was möchten Sie bestellen?“

Miss Jardine griff nach der Speisekarte. „Einen Salat bitte. Der Lachssalat wäre schön; und ein paar Semmeln und Tee.“ Eine geschäftstüchtige junge Frau im grünen Kittel nahm die Bestellung auf und wandte dann ihren neutralen Blick zu Carney. Er bestellte ein Steak mit Kartoffeln und Kaffee.

„Die Kartoffeln bitte als French Fries,“ schlug Miss Jardine vor. Die Kellnerin nickte und ging wiegenden Schritts weg. Ihre mit Seidenstrümpfen bekleideten Beine hätten einer Werbeanzeige Ehre gemacht.

„Warum haben Sie das vorgeschlagen?“ fragte Carney.

„Weil sie auf Ihrer Insel einen Mann als Koch haben und nur gekochte Kartoffeln bekommen oder gar keine. Und dann alle diese Konserven! Ich habe gehört, was die Funker erzählen. Wenn sie von Marina kommen, essen sie tagelang nichts anderes als Gemüse und Steaks und French Fries. Warum suchen Sie nicht einen anderen Koch?“

„Er ist schon in Ordnung. Außerdem ist es schwierig, überhaupt einen zu bekommen.“

Sie beließ es dabei und winkte ab. „Haben Sie denn schon eine Theatervorstellung gefunden? Es gibt eine feste Truppe, die in der Musik-Akademie spielt, dann ist da noch eine Musical-Show im Acker’s, wenn sie lieber etwas Flottes sehen wollen. Ich war noch nicht dort, aber ich kann Ihnen garantieren, dass die Mädchen sehr munter sind. Einige von ihnen wohnten im selben Haus wie ich und sie haben den Laden tüchtig aufgemischt.“

„Vermutlich mischen sie auch die Bühne tüchtig auf. Ich würde lieber ins Kino gehen.“

„Oh! Dann ist es ja ganz einfach. Welche Filme gefallen Ihnen denn?“

„Eigentlich alles, außer Western mit diesen Kerlen, die herumgaloppieren, mit Pistolen schießen und nie einen Treffer landen. Das wäre Marina als Albtraum.“

„Miss Jardine zog die Augenbrauen hoch. „Tatsächlich? Ihre Insel dürfte wohl kaum einer Western-Film-Landschaft gleichen.“

„Sie wären überrascht. Wenn Sie an einem Sommertag vom Strand her auf die Insel kommen, könnten sie mitten in Arizona sein oder wo sie sonst diese Filme drehen. Die größten Dünen liegen nah am Strand und versperren an vielen Stellen den Blick aufs Meer. Man kann die Brandung hören, aber es kommt einem vor, als sei sie tausend Meilen weit entfernt. Und man reitet auf einem halbwilden Pony durch die Dünen, wo man nichts sieht, außer Gras und Sand, wie die Kerle in den Filmen. Wir benützen sogar Western-Sättel und Steigbügel, die von weit her aus den Prärien kommen. Es ist kaum zu glauben, wie gut man sich damit auf den Ponys halten kann. Wir haben also alles außer dem typischen Outfit und den Pistolen – und dem Bösewicht natürlich, der hinter dem Mädchen her ist.“

„Und das Mädchen?“ ergänzte Miss Jardine.

„Oh, ja. Ein Mädchen haben wir. Sie ist erst siebzehn, die Tochter eines Aufsehers an einer der Lebensrettungsstationen, etwa acht Meilen von uns entfernt. Sie ist die Schöne von Marina. Alle jungen Männer aus der Mannschaft der Rettungsboote sind verrückt nach ihr.“

„Und was ist mit den Funkern?“

„Ach ja, MacGillivray reitet öfter in diese Gegend. Er mag Mädchen. Wie das bei Sargent, dem Neuen, ist, weiß ich nicht. Aber nicht Skane. Er kann Frauen nicht leiden. Sollte eines schönen Tages die Königin von Saba in all ihrer Prach auf unserer Insel landen, würde Skane nicht mal den Kopf wenden, um sie anzusehen.“

„Und Sie?“ Sie sah ihn fröhlich an. Sie versuchte sich Carney mit der Königin von Saba vorzustellen und sonderbarerweise gelang es ihr. Er schien in eine prachtvolle wilde Szenerie zu passen, in der alles ein wenig überlebensgroß war, anders als dieses Restaurant, sogar anders als Marina.

„Ist es nicht ein wenig unhöflich eine Dame anzustarren?“ parierte Carney.

„Wollen Sie mir weismachen, dass Sie sich nie nach einer hübschen Frau umgedreht haben? Sie, ein Seemann!“

Er lächelte breit mit seinen großen weißen Zähnen. „Oh, ich habe Frauen immer gemocht, das gestehe ich gern. Als ich um die zwanzig war und auf See, freute ich mich sehr, wenn wir von einer Reise zurückkehrten und ich an Land die Mädchen bewundern konnte, wie sie sich bewegten, ihre Stimmen zu hören. Sie waren wundervoll. Ich habe nie verstanden, warum die Männer in den Städten so herablassend mit ihnen umgehen konnten. Aber weiter bin ich nicht gekommen mit ihnen. Und das war eigentlich gut so.“

Miss Jardine lachte. „Sie haben das mit viel Nachdruck gesagt! Ich muss sagen, Sie sind gar nicht der Typ, den ich erwartet habe. Die Funker sprachen immer von Ihnen als eine Art speziellem Sonderling. Das sind Sie aber nicht. Sie sind ganz normal. Wir übrigen sind Sonderlinge, die Dingen nachrennen, wie Kleidern, Hüten, Dollars – und Sitzplätzen in den Kinos. Wir müssen uns beeilen. Die Vorstellung im Orpheus fängst gleich an. Es ist ganz in der Nähe.“

Im Kinoraum, wo das Klimpern des Klaviers das Surren des Vorführgeräts nicht ganz übertönte, saßen sie im warmen Dämmerlicht stumm nebeneinander. Der Film war ziemlich banal, mit einem typischen Helden, einem entsprechenden Bösewicht und einer lebhaften jungen Frau mit einem schönen, kalkweiß geschminkten Gesicht, die auf dem Bildschirm herumrannte und sich offenbar bemühte, beide misszuverstehen. Miss Jardine langweilte sich, stellte aber interessiert fest, dass Carney sich amüsierte. Sie beobachtete ihn fast den ganzen Film über von der Seite, wobei sie sich mit dem Taschentuch Luft zufächelte. Es war ein wenig stickig.

Carney saß nach vorn gebeugt, einen begeisterten Ausdruck im Gesicht, angeleuchtet vom Licht der Filmleinwand, auf der sich jene fantastischen Figuren bewegten. Er ballte die Fäuste, sobald der Bösewicht sich grässlich benahm und schüttelte den Kopf, wenn die Heldin die Bösartigkeit des Kerls nicht bemerkte. Miss Jardine lächelte. Sie kam sich vor wie eine ledige Tante, die einen kleinen Jungen in eine Matinee mitgenommen hat. Einmal, als die alberne Weißgesichtige in Schwierigkeiten geriet, an denen sie selbst schuld war, ergriff Carney Miss Jardines Handgelenk mit solcher Heftigkeit, dass sie fast aufgeschrien hätte. Aber sie ließ es geschehen. Ihr Handgelenk lag bewegungslos in seinem Griff, bis er es losließ, auf dieselbe unbewusste Art, mit der er es ergriffen hatte.

Als sie in die klare Luft des Augustabends hinaustraten, tat Carney einen tiefen Atemzug.

„Das tut gut,“ verkündete er zufrieden.

„Hat Ihnen der Film denn nicht gefallen?“

„Oh doch. Ich konnte nur diesen finsteren Kerl nicht ausstehen. Lieber Gott, ich hätte ihm den Hals umdrehen können. Ich habe nicht verstanden, warum der andere Typ das nicht getan hat, sobald er mit ihm zusammenkam. Jeder konnte doch sehen, was mit dem Kerl los war.“

„Und das Mädchen ebenso, wenn sie ein Fünkchen Verstand gehabt hätte.“

„Ich fand sie ziemlich nett.“

„Ich fand, sie war dumm.“

Er wandte sich um und schaute Miss Jardine überrascht an.

„Aber woher kann ein solches Mädchen denn wissen, was für eine Art Kerl das ist!“

„Ich konnte es sofort. Auch netten Mädchen darf man ein wenig gesunden Menschenverstand zutrauen. Er war so unverkennbar widerlich. Natürlich ist das normale Leben nicht so. Es stellt sich früher oder später heraus, dass der Mann, der wie ein Held aussieht, der Bösewicht ist, und der wirklich nette Mann könnte jeder sein, wie …“ Sie wollte sagen „Sie“, hielt sich aber im letzten Moment zurück. Sie meinte es auch nicht so. Carney war zwar nett, aber nicht im Sinn einer romantischen Beziehung. Er wirkte eher wie ein liebenswürdiger Onkel, wenn man klein war und die Welt voll großer Männer, ernst, unbeteiligt und uralt.

„Wie was?“ wollte Carney wissen.

„Mir fällt das richtige Wort nicht ein. Trotzdem, nette Männer haben selten ein Profil wie Filmschauspieler und ich hoffe, sie haben viel mehr gesunden Menschenverstand als unser Filmheld. Es ist sowieso sinnlos sich in Positur zu werfen, wenn die Dame sich närrisch benimmt. Ehrlich gesagt, sie war die ganze Liebesmühe nicht wert, aber vielleicht hätte es geholfen, sie von Anfang an mal richtig durchzuschütteln. Sie bettelte eigentlich um eine Tracht Prügel, wie man auf dem Land sagt.“

Carney entgegnete spottend „Sie sind ja wirklich eine typische Lehrerin.“

„Natürlich bin ich das! Und außerdem eine Katze, wie alle Frauen – wussten Sie das nicht? Manchmal klettere ich auf die Ziegeldächer und heule. Das muss Spaß machen. Sehen Sie, ich bin sonderbar, nicht Sie. Wir müssen dort hinüber. Sie dürfen mich zu meinem Haus begleiten, wenn Sie wollen. Es ist nicht weit. Ich wohne im Stadtzentrum. So spare ich die Straßenbahn-Tickets.“

Sie hatten eine der steil nach unten führenden Straßen in Halifax erreicht, die die lange Reihe der Geschäfte durchbrechen und kurz den Blick auf die Schiffe im Hafen freigeben. Es gab zwar kein Mondlicht, aber das Wasser leuchtete schwach im Licht der Sterne und ein auslaufendes Schiff mit gelb umrandeten Bullaugen erschien für einen Moment zwischen den Häusern wie in einem Rahmen. Mit einer impulsiven Bewegung hängte sich Miss Jardine bei Carney ein.

„Wie schön! Haben Sie nie daran gedacht, wieder anzuheuern? Ich würde es tun, wenn ich ein Mann wäre.“ Sie gingen mit langen Schritten die abfallende Straße hinunter, teilweise notgedrungen, teilweise mit einem gewissen Elan, als ob das Sternenlicht im Wasser sie abenteuerlich gestimmt hatte. Carney sah es jedenfalls so. Miss Jardines leichter Druck auf seinem Arm wirkte elektrisierend. Nachdem sie den steilen Weg hinter sich gelassen hatten und in die Straße eingebogen waren, in der sie wohnte, wollte sie ihre Hand zurückziehen, aber Carney presste sie fest an seine Seite.

Schließlich blieb sie bei einem Eingang neben einem kleinen Café stehen, das einen schäbigen Eindruck machte. Durch ein Fenster konnte Carney ein paar späte Gäste sehen und eine gelangweilte schlampige Bedienung mit Tellern in den Händen. In der Luft hing Zigarettenrauch, der langsam in den schwachen Wirbel eines Ventilators im hinteren Teil des Raumes gezogen wurde.

„Da essen Sie also!“ rief er aus.

„Es ist besser als es aussieht,“ entgegnete Miss Jardine abwehrend. „Untertags kommen dorthin meistens Angestellte und Schreibkräfte, wie ich. Zu dieser Tageszeit findet man dort vor allem Männer, die ein billiges Essen und einen Platz zum Rauchen suchen. Ich wohne im oberen Stockwerk. Die Wirtin ist zwar ein Drachen, aber die Zimmer sind sehr sauber und mein Büro liegt in der Nähe. Als ich neu hierherkam, wohnte ich bei einer Familie im Norden der Stadt, aber es war teurer und dazu die lästige Hin- und Herfahrt. Es kam mir vor, als wartete ich die Hälfte meiner Freizeit auf die Tram.“

Sie wandte sich zur Seitentüre und setzte einen Fuß auf die Treppe. „Leider kann ich Sie nicht hereinbitten. Es gibt keinen Aufenthaltsraum für die Mieter und wir dürfen niemanden in unsere Zimmer einladen.“

Nachdem Carney schließlich ihre Hand freigegeben hatte, stand er ungeschickt da und wusste nicht, was er antworten sollte. Miss Jardine beeilte sich, das Problem zu lösen.

„Es hat mich sehr gefreut, Mr Carney, es war ein schöner Nachmittag. Vielen Dank, dass Sie mich eingeladen haben.“ Sie streckte ihm ihre Hand entgegen und er nahm sie mit jungenhafter Freude.

„Ich …“ stammelte er „Hören Sie, ich weiß, es ist zu viel verlangt, aber könnten wir das vielleicht morgen wiederholen?“

Einen kurzen Augenblick lag ihre Hand ruhig in der seinen, dann spürte er, wie sie steif wurde und er ließ die Hand los.

„Es tut mir leid, Mr.Carney. Das geht nicht. Ich habe etwas zu erledigen.“

„Und übermorgen?“

Stille. Dann mit gedämpfter Stimme, „Es tut mir leid.“

„Ich verstehe.“

„Gute Nacht, Mr. Carney.“

„Gute Nacht.“

Sie eilte die Stufen hinauf. Die Türe schloss sich mit einem festen Klick. Er starrte auf die abblätternde Farbe.

 

KAPITEL 6

 

Carney schlug die Zeit teilweise mit Trambahnfahrten tot und stieg aus, wo es ihm beliebte, aber vor allem wanderte er an den Docks entlang, wo er zwanglos mit Seeleuten und Hafenarbeitern plauderte. Mitunter ging er an Bord eines Schiffes und machte mit einem Funker oder einem der Matrosen Bekanntschaft. Die Augusthitze lag schwer über der Stadt, sogar der Hafen erschien in einem Licht, das flammte wie brennender Alkohol. Arbeiter bedienten lustlos die klappernden Frachtwinden. Kleine Jungen tauchten und plantschten den ganzen Tag am Ende der Hafenmauern. Der Gestank der Water Street staute sich in der reglosen Luft über den Docks. Von den Hügeln hinter Bedford Basin zogen dünne braune Rauchschwaden eines Buschfeuers in den Himmel und gegen Sonnenuntergang trug der leichte Abendwind gelegentlich den Geruch verbrannter Blätter über das Wasser.

Am Tag bevor die Lord Elgin ablegen sollte, bestieg er die Hafenfähre, um sich nach seiner Koje zu erkundigen. Das vertraute Schiff lag im Hafen von Dartmouth und nahm Waren auf, Post und allerlei Ausrüstungsgegenstände für die Außenposten, zu denen es die Runde machte. Das Schiff hatte eine schwarze Außenhaut und einen schlanken, gelblich-braunen Kamin, zwei sehr hohe Masten, wie man sie für Funk-Kontakte in früheren Tagen als notwendig erachtete und über dem Bug hing eine schwere eiserne Seilscheibe, die man für Kabel-Reparaturen brauchte. Auf dem Vorderdeck lagen viele rote und schwarze Bojen herum und auf dem Hinterdeck stand in einem improvisierten Stall eine Guernsey-Kuh, die zu einem Außenposten im Osten geliefert werden sollte und friedlich ihr Futter wiederkaute. Das Schiff zog die Küste entlang als eine Art reisender Händler für alles und nahm jeden Job an, der im „East Coast Pilot“ als Unterstützung der Navigation bezeichnet wurde und erledigte diese Aufgabe sehr gut. Jeder Fischer kannte ihre schlanke Form mit den unverkennbaren Masten und grüßte sie respektvoll mit einem freundlichen Handzeichen, wenn sie vorbeifuhr, so wie Stadtbewohner dem Polizisten zuwinken, der seine Runde macht. Männer und Frauen bei den einsamen Leuchttürmen und Funkstationen warteten auf sie wie Kinder Weihnachten erwarten.

Der Quartiermeister auf der Gangway grinste und sagte „Hello, Mr. Carney, auf Rückreise?“ Die Matrosen an der Schleppwinde sahen auf und winkten. Der Chefingenieur kam gerade aus seiner Kabine, als Carneys große Gestalt im Gang auftauchte. Er rief: „Aha, der Wanderer kehrt zurück!“ Der Kapitän bat ihn sofort herein, als er an seiner Kabine klopfte, nahm seine Hand und schüttelte sie kräftig.

„Ha! Ich wusste, dass Sie wiederkommen, Carney. Als Sie damals mit uns aufbrachen, sagte jemand, dass Sie genug hätten von Marina und in Pension gehen würden. Aber mir war klar, dass Sie wieder zurückkommen. Und da sind Sie. Was halten Sie vom Leben in der Zivilisation?“

Kapitän O’Dell war eine feste Größe auf seinem Schiff: grauhaarig, um die sechzig, ausgemergeltes Gesicht und kühle blaue Augen. Er machte den Eindruck, als sei er eigentlich todkrank, sah aber seit zwanzig Jahren so aus. Mager von Gestalt, mit einem seltsam vorstehenden Bauch, schien es, als ob unter seiner Weste Schmuggelware verborgen sei, wenn er den Gang entlang ging. Er hatte eine Frau und Familie, aber niemand von der Schiffsmannschaft hatte sie je gesehen. Er war meistens an Bord, auch wenn sein Schiff festgemacht hatte. Die Lord Elgin, ebenso die weit verstreuten Außenposten und Leuchttürme lagen ihm am Herzen, so wie Marina Carney am Herzen lag. Er blickte ihn verständnisvoll an.

„Ich habe erledigt, was ich erledigen wollte,“ sagte Carney ruhig, „und ich freue mich auf die Rückkehr. Zivilisation? Geschenkt.“

„Das habe icherwartet; und recht haben Sie.“ Ein verträumter Ausdruck erschien in den Augen des Kapitäns. Ich habe manchmal daran gedacht, mich um den Posten als Superintendent von Marina zu bewerben, wenn die Stelle frei wird. Ich werde langsam etwas klapprig für das ewige Auf- und Ab die Küste entlang, vor allem bei Winterwetter. In Rente gehen kann ich nicht. Ich könnte es nicht aushalten in einem stickigen kleinen Stadthaus und warten, bis ich auf dem Friedhof lande. Außerdem ist die Rente, die ein Superintendent bekommt, zu wenig für mich. Ich habe einen Sohn auf dem College und meine Tochter lebt getrennt von ihrem Mann, mit drei kleinen Kindern und achtzig Dollar im Monat – wenn es reicht –. Meine Frau will natürlich nichts hören von Marina. Sie ist ein Stadtmensch – ich könnte ihr nicht zumuten, jetzt auf einmal ihr ganzes Leben zu ändern.“

Er holte eine Flasche Whiskey aus einem Schließfach unter der Koje und nahm Gläser und eine Wasserkaraffe aus einem Regal neben Carneys Kopf. Die Lord Elgin war noch im goldenen viktorianischen Zeitalter gebaut worden und die Kajüte des Kapitäns präsentierte sich in viktorianischer Eleganz. Die Holztäfelung bestand aus Vogelaugen-Ahorn, nachgedunkelt im Laufe der Zeit aufgrund der Ausdünstungen eines Schiffs mit Kohlenfeuerung und durch wenig fachgemäße Lackierungen bei etlichen Renovierungen.

Die breite Koje mit ihren unteren Schubladen bestand aus Mahagonny samt goldglänzendem Messinggeländer, damit der Schläfer bei schwerem Wetter nicht aus dem Bett fallen konnte. Über der Koje auf einem schmalen Regal, gehalten von einer Latte aus Mahagonny standen ein presbyterianisches Liederbuch, ein abgenützter Coast Pilot, ein Shipmaster’s Adviser, die Reden und Briefe von Joseph Howe und zwei oder drei abgegriffene Romane in friedlicher Eintracht beisammen.

O’Dell stellte die Gläser auf seinen Tisch und neigte die Flasche. „Die Sonne steht zwar noch nicht über dem Hauptmast, aber ein kleiner Schluck kann nicht schaden. Mittags ist es sowieso zu heiß, um was anderes als Wasser zu trinken. Klingt vielleicht komisch, aber mir hat Whiskey nie geschmeckt, wenn es heiß war. Sagen Sie mal wann dann!“

„Wann dann?“

„Jetzt. Und runter damit.“

„Runter damit,“ murmelte Carney und sie tranken gleichzeitig.

„Wie kommen Sie denn ohne den Stoff auf Marina zurecht?“

„Whiskey? Damit habe ich kein Problem. Ich konnte sowieso immer trinken oder es lassen und als ich 1910 nach Marina ging, ließ ich das einfach hinter mir, zusammen mit einer Menge anderer Dinge, die ich nicht brauchte. Den anderen Funkern fällt es nicht so leicht. Sie bringen meist eine oder zwei Flaschen mit und wenn die leer sind, reden sie über frühere Sauftouren und feuern ihren Durst an, aber im Großen Ganzen sind wir Teetrinker und kommen damit zurecht. Wie ist es mit meiner Koje?“

O’Dell machte eine große Geste mit seinem Glas. Das Schiff gehört Ihnen. Ich habe keine Passagiere außer einem Leuchtturmwärter-Gehilfen, der nach Saint Paul Rock will, außer sie schicken mir noch jemand in letzter Minute. Dieser Hurd – ein kleiner Umstandskrämer – hat mir bereits vor Tagen eine Mitteilung über Ihre Passage zukommen lassen und ich habe dem Stewart gesagt, er soll Ihnen die beste Kabine geben, die wir haben. Sie kennen sie bereits. Gebaut wurde sie für den Deputy-Minister für Seefahrt und Fischerei. Als ob der alte Knabe jemals vorhatte, seine Zeit damit zu verbringen, in einem Kahn wie diesem, die Küste entlang zu schippern. Die Kabine ist ungefähr so wie meine, aber gepflegter. Alles Plüsch und Mahagonny. Sie werden reisen wie auf einer sanften Dünung.“

Carney grinste. „Das perfekte Ende eines Ausflugs!“

O’Dell sah ihn fragend an. „Das klingt ja fast wie ein Schlussstrich.“

„So ist es. Ich habe alles gesehen, was die Außenwelt mir zu bieten hat.“

„Bis zum nächsten Mal,“ schlug O’Dell vor.

„Nein, es ist das letzte Mal. Ich werde Marina nicht mehr verlassen, außer vielleicht zum Schwimmen.“

O’Dell zog seine dünnen grauen Augenbrauen über dem Whiskey-Glas nach oben. Er nahm einen großen Schluck.

„Das meinen Sie doch nicht ernst; außerdem werden Sie doch eines Tages in Rente geschickt. Was ist dann?“

„Dann baue ich mir eine Hütte zwischen den Dünen, östlich von der Funkstation, wo ich das Funkgeräusch hören kann, wenn die Windrichtung stimmt. Ich habe sogar schon einen Platz ausgesucht. Aber meine Dienstzeit dauert noch eine ganze Weile, wie Sie wissen. Man könnte sagen, ich bin so eine Art Inventar der Regierung.“

Vom Außendeck kam der dünne Klang einer Messingglocke.

„Mittagessen!“ rief Kapitän O’Dell. „Kommen Sie mit uns zum Essen, Carney, und erzählen Sie von Ihren Ferien.“

Im kleinen Esszimmer, wo sich, trotz der geöffneten Bullaugen, die Hitze des späten Vormittags unangenehm bemerkbar machte, trafen sie den Chefingenieur und einen jungen rotwangigen dritten Maat an, die sich an das Buffet lehnten, sich leise unterhielten und darauf warteten, dass Kapitän O’Dell seinen Platz einnahm. An einer Seite des Tisches, direkt unter den Bullaugen, stand ein langes mit rotem Plüsch gepolstertes Sofa. Am Kopf- und am Ende, auch entlang der gegenüberliegenden Seite, gab es Drehstühle mit massiven Holzlehnen und runden Plüschsitzen, die auf einem eisernen Pfosten fest im Boden verankert waren. Steife kleine Vorhänge, passend zu den Plüschsitzen, hingen vor den Bullaugen. Von der Schottwand her schickte ein elektrischer Ventilator einen dünnen Lufthauch über den Tisch.

Sie nahmen Platz: O’Dell am Kopfende des Tisches, Carney links von ihm, rechts von O’Dell der Chefingenieur, der dritte Maat saß einsam Richtung Tischende auf dem Sofa. Die anderen Offiziere waren offensichtlich an Land oder anderweitig beschäftigt. Ein Steward im weißen Jackett ging eifrig herum und verteilte Eiswasser aus einer Karaffe. Als das Essen kam, leuchteten die Augen des Kapitäns. Sein faltiges graues Gesicht, der magere schlaffe Körper mit dem hervortretenden Bauch, die gesamte Erscheinung des Kapitäns O’Dell, die so hinfällig, fast todesnah, wirkte, konnte solche Unmengen von Essen vertragen, dass es fast an Völlerei grenzte. Es war sein einziges Laster und beim Leuchtturm-Dienstverbund allgemein bekannt.

Aufgrund dieser Veranlagung hatte er während des Mahles wenig zu sagen und Carney unterhielt sich daher mit dem Ingenieur auf der anderen Seite des Tisches, ein schwergewichtiger Mann in einer abgenutzten Uniform, rotes Gesicht, herunterhängender Schnurrbart. Mr McIntyre hatte eine düstere Weltsicht, die sich besonders bemerkbar machte, wenn das Schiff ablegte, aber er verstand sein Fach und sprach gern angeregt darüber. Weil Carney ungefähre Kenntnisse über Schiffsmaschinen hatte, konnten sie fachsimpeln. Der jüngere Offizier saß entfernt und still vor seinem Essen und sah manchmal zu Carney hin, ganz verwundert, wie jemand, der von der Insel Marina losgekommen war, aus freien Stücken wieder dorthin zurückkehrte.

Am Ende das Mahles begann Kapitän O’Dell ebenfalls zu sprechen, aber eher vage und verhalten, wie jemand, der schwer gegessen hat und jetzt nur noch an seinen Mittagschlaf denkt. Der jüngere Offizier verschwand. Der Ingenieur blieb höflich sitzen, wobei er wie ein melancholisches Walross seinen düsteren Worten nachsann. Nach einer halben Stunde verabschiedete sich Carney. Als er auf das Deck hinaustrat, in die schwüle Hitze des Nachmittags, schaute er instinktiv zum Himmel hinauf.

„Aha, es zieht sich zu.“

O’Dell schaute von der Türe aus hoch. „Oho. Endlich Regen. Und ziemlich starken, wie es aussieht.“

Carney blickte besorgt. Es war eigentlich noch nicht die Zeit für Herbststürme, aber man konnte nie wissen. Manchmal kam Ende August ein Vorläufer von den Westindischen Inseln und tobte zwei bis drei endlose Tage an der Küste von Nova Scotia.

„Wenn das ein Südostwind wird, haben wir am Strand von Marina eine Woche lang hohen Seegang.“

„Hm, ja,“ stimmte O’Dell zu. „Ich glaube zwar nicht, dass es schlimm wird. Tüchtigen Regen können wir allerdings brauchen – das Land ist ausgedörrt. Es kann dann schon etwas Wind dabei sein. Sollte ein echter Süd-Oster daraus werden, bleibe ich noch ein oder zwei Tage hier. Wenn es nur ein steifer Wind ist, breche ich morgen kurz vor Sonnenuntergang auf und fahre die Küste hoch bis Bold Head. Packet Harbour ist ein geschützter Hafen und der kürzeste Weg nach Marina, wenn die Dünung abflaut. Sie sollten morgen gegen fünf Uhr Nachmittag an Bord sein, Carney, spätestens um sechs.“ Er hob seine weiße, feingliedrige Hand zum Gruß und verschwand Richtung Couch.

Carney überquerte den Hafen unter einem grauen Himmel; von Osten trieben Wolken heran. Durch die Straßen zog ein unbeständiger Wind und wirbelte kleine Staubwolken hoch. Als er auf das Büro zuging, um sich von Hurd zu verabschieden, fielen die ersten Regentropfen auf den Bürgersteig. Hurd führte gerade ein langes Ferngespräch, aber er bat Miss Jardine, Carney sofort eintreten zu lassen. Die Verabschiedung war kurz. Nachdem Hurd veranlasst hatte, dass die benötigten Waren zur Funkstation ausgeliefert wurden und Carneys Rückkehr angekündigt war, hatten die Angelegenheiten von Marina seine wohlgeordneten Planungen seit wenigstens drei Monaten nicht mehr belastet. Als Carny herauskam, blieb er an Miss Jardines Schreibtisch stehen.

„Also, Miss Jardine, ich möchte mich verabschieden.“

Über ihre blassen Züge huschte eine sanfte Röte. Sie stand auf, nahm die Brille ab und warf einen schnellen Blick in den Vorraum, wo Miss Benson gerade eine Charmeoffensive für einen Funk-Offizier des französischen Kabelleger-Schiffs im Hafen startete. Sie streckte ihre Hand aus, Carney schüttelte sie langsam und ungeschickt und ließ sie dann los. Weil ihr sonst nichts einfiel, was sie sagen konnte, fragte sie, „Sie gehen doch nicht jetzt sofort an Bord?“

„Nein, nein, erst morgen Abend. Ich wollte mein Gepäck an Bord schaffen, entschloss mich aber, meine letzte Nacht an Land zu verbringen.“

„Es sieht nach einem Sturm aus,“ murmelte sie.

„Ja. Der Regen macht nichts, aber wenn es richtig stürmt, wird der Kapitän wohl einen oder zwei Tage mit dem Auslaufen warten. In dem Fall wird er wahrscheinlich hier anrufen und ich würde Sie bitten, mich zu benachrichtigen. Ich bin im Traveler’s Arms, einem kleinen Hotel in der Nähe des Bahnhofs. Ich weiß die Telefonnummer nicht, sie ist aber sicher im Telefonbuch.“

Sie nickte, nahm einen Schreibstift und machte schnell eine Notiz in ihren Kalender.

„Ich möchte Ihnen nochmals danken …“ begann Carney.

„Bitte nicht!“ sagte Miss Jardine mit warnendem Unterton.

Im Vorzimmer hörte man Miss Bensons Stimme gurren, was bedeutete, dass sich eine neue Eroberung anbahnte. Im Innenraum des Büros sprach Hurd immer noch laut ins Telefon. Von draußen vom Meer kam entfernter Donner.

„Auf Wiedersehen,“ sagte Carney.

„Auf Wiedersehen, Mr. Carney und alles Gute. Ich werde an Sie denken, dort auf Ihrer Insel, wenn die Stationsberichte eintreffen.“

Ihr Gesicht war immer noch leicht gerötet und ein unsicheres Lächeln lag auf ihren Lippen. Sie dachte, Ich hätte ihm doch noch einen Abend zugestehen sollen. Es war ja nicht zu viel verlangt. Sie schaute ihn fast schuldbewusst an und sah in seinem ruhigen Blick wieder diese scheue Freundlichkeit, die ihn erscheinen ließ wie einen Jungen, der sich mit einem Bart maskiert hat. Unvermittelt sagte sie, „Ich habe nichts vor heute Abend. Hätten Sie Lust, mich auszuführen?“

Der überraschte Ausdruck von Dankbarkeit in seinem Gesicht rührte sie. „Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, Miss Jardine!“

„Ach, ich bin durchaus egoistisch, müssen Sie wissen. Es gibt nichts Langweiligeres als bei einem verregneten Sommerabend zu Hause zu sitzen. Wir treffen uns bei Morgan’s – Sie wissen schon, das kleine Café, wo wir Tee getrunken haben – im sieben Uhr. Wir essen zusammen und gehen dann ins Kino. Miss Benson kommt gerade. Besser, sie sagen jetzt nichts mehr.“

Er nickte und fühlte sich als Teil einer angenehmen Verschwörung, dreht sich um, setzte seinen neuen Hut fest auf den Kopf und schlug den Kragen hoch, um den Regen abzuhalten.

 

KAPITEL 7

 

Um fünf Uhr, als die Geschäfte und Büros in Halifax die dort beschäftigten Menschen auf die Straße entließen, regnete es heftig. Kein Wind. Sturzbachartig fielen schwere Tropfen auf das Pflaster und bedeckten es in kürzester Zeit mit einem Zentimeter hohen Teppich aus Wasser. Wie alle anderen, die ohne Mantel oder Schirm überrascht wurden, raffte Miss Jardine ihre dünne Jacke unterm Kinn zusammen und rannte. Für eine kurze Weile fand sie Zuflucht im Postgebäude, wo sie die Nachmittagspost aus ihrer Mappe zog und die Briefe in den Schacht gleiten ließ. Sie wartete eine Weile drinnen und hoffte, dass der Regen nachließ, was er aber nicht tat.

Eine düstere Wolkenwand hing über der Stadt wie ein Riesenschwamm, der von einem bösartigen Giganten ausgequetscht wurde. Zuerst kam der Donner von der Hafenmündung her; man hätte meinen können, die Forts setzten die Kanonen ein. Jetzt dröhnte und ratterte er heftig über den Dächern. Ab und zu zerriss ein blendender Blitz das unnatürliche Zwielicht in den Straßen und beleuchtete die flüchtenden Gestalten wie auf einem Foto in Zeitlupe.

Widerwillig trat sie in eine Drehtüre, deren Bewegungsrichtung bestimmt wurde von schutzsuchenden Menschen, wodurch sie schnell und mitleidlos in den Sturm hinausbefördert wurde. Soeben ging ein Blitz nieder und die nassen Wände des Province-Hauses leuchteten bläulich. Sie sah in dem Augenblick das Buren-Krieg-Monument und den unbeirrten Soldaten, der sein Gewehr über den Kopf hielt als wolle er den Himmel abhalten, weiteres Unheil herunterzuschicken. Sie dachte an Carney und lächelte. Es donnerte erneut und sie rannte zu ihrem Haus, dankbar, dass es nicht weit war.

Durchnässt bis auf die Haut, mit tropfenden Haaren und aufgelöster Frisur eilte sie die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer. Nachdem sie die nassen Kleider ausgezogen hatte, schlüpfte sie in einen seidenen Morgenmantel. Andere Mieter waren zu hören, Getrappel, Ausrufe über den Sturm, Türen, die sich öffneten und zugeschlagen wurden. Der Donner hatte sich beruhigt, aber die Sintflut quoll immer noch aus den Dachrinnen in den Hinterhof.

Am dringendsten brauche ich jetzt ein schönes heißes Bad, dachte sie. Nachdem die letzten Schritte die Treppe hinab Richtung Restaurant verklungen waren, schlüpfte sie schnell auf den Flur hinaus. Sie wusste aus Erfahrung, dass diese Zeit günstig war. Zur Zeit des Abendessens erreichte Mrs. Paradees mäßig austarierte Heißwasserversorgung das beste Niveau. Bald danach, wenn ein oder zwei der anspruchsvolleren Mieter gebadet hatten, bevor sie ausgingen, spendete der Wasserhahn nur noch lauwarmes Wasser und zur Bettzeit war es eiskalt. Außerdem hatte sie das Bad ganz für sich allein, sobald die Clans aus den anderen Höhlen auf der Suche nach Essbarem ausschwärmten. Also konnte sie genüsslich in Gesellschaft von Schwamm und Seife entspannen, solange es ihr beliebte und darüber nachdenken, was sie sich zum Abendessen gönnen sollte.

Sie kehrte in ihr Zimmer zurück im Gefühl eines Wohlseins, das nur durch ein Bad hervorgerufen wird. Die Luft im Zimmer war feucht und stickig und sie beschloss, sich erst im letztmöglichen Moment anzuziehen. Sie warf den Morgenmantel ab, setzte sich vor den Spiegel und bürstete ihre Haare. Im Haus herrschte jetzt Stille, abgesehen von einem Stühlerücken in Mrs. Paradees Wohnung, direkt unter ihrem Zimmer; aber bald hörte sie die schweren Schritte von Mr. Klaus, einem Vorarbeiter auf einem Landeplatz an der Water Street. Die Schritte kamen langsam den Flur entlang und hörten dann auf. Ihr Türgriff klapperte. Sie hatte kaum Zeit, den leichten Morgenmantel überzuziehen und sich darin einzuwickeln, als die Türe aufsprang.

Es war Klaus mit seinem großen roten Gesicht und starken, breiten Schultern. Er schwankte heftig. Man kannte ihn im Haus als Witwer mittleren Alters, ein höflicher, stiller Mann, den man selten sah, außer frühmorgens, wenn er unbeirrt zur Arbeit schritt und abends nach einem langen Tag am Hafen beim Essen im Feder’s Grill saß. Sie wusste, dass der Mann trank; man sprach davon in der Hausgemeinschaft, in der sowieso jeder die Schwächen des anderen kannte. Aber normalerweise trank er still in seinem Zimmer und schmuggelte seine leeren Flaschen mit einer aufgesetzt unschuldigen Miene aus dem Haus, die alle schmunzeln ließ. Er war einer der Dauermieter lange vor Miss Jardines Zeit und er hatte größten Respekt vor der Schreckschraube im ersten Stock.

Klaus schlurfte ins Zimmer und warf die Türe so heftig zu, dass es im Haus hallte, sie sprang jedoch wieder auf. Miss Jardine verlor nicht die Fassung.

„Mr. Klaus,“ sagte sie ruhig, „das ist nicht ihr Zimmer.“

Er schien nicht zu hören. Offenbar bemerkte er die schlanke Gestalt am Spiegel, die als einzige Waffe eine Haarbürste gegen ihre Brust drückte, überhaupt nicht. Wie die meisten seiner Arbeitskollegen arbeitete Klaus in der Sommerhitze in Hosen, Unterhemd und Stiefeln. Zurück im Haus, zog er ein graues Flanellhemd an, eine alte rote Krawatte und ein abgetragenes blaues Jackett, wie es aussah, seine einzigen anderen Kleidungsstücke.

Heute jedoch hatte er lediglich einen alten Ölzeug Mantel gegen den Regen übergezogen. Diesen riss er nun heftig herunter, als behindere ihn das Kleidungsstück, und warf ihn auf den Boden. Er setzte sich schwer auf Miss Jardines Bett und stützte sich mit den muskulösen Armen ab, die dicht mit Tattoos bedeckt waren. Seinen Hut hatte er verloren und die regennassen gekräuselten Haare betonten seine Glatze durch einen Ring aus wirren hochstehenden Haarspitzen. Aus der Hosentasche an seiner Hüfte ragte eine Flasche.

„Puuh!“ rief er aus, schüttelte den Kopf und starrte etwas verwirrt auf eine der gerahmten Bleistiftzeichnungen von Miss Jardines Hand an der gegenüberliegenden Wand. Sie legte die Bürste weg und machte einen Schritt nach vorn, wobei sie den leichten Seidenmantel um sich wickelte, als sei dieser eine Art Rüstung.

„Mr. Klaus! Ihr Zimmer ist weiter unten auf der anderen Seite des Gangs. Bitte gehen Sie dorthin!“

Er wandte vorsichtig den Kopf, als ob ihn eine schnelle Bewegung schmerzte. Mit verschwommenem Blick musterte er sie kurz, schaute weg, dann sah er wieder mit erwachendem Interesse zu ihr hin.

„Wie sind Sie denn hier reingekommen?“ fragte er aggressiv.

„Das ist mein Zimmer. Bitte gehen Sie!“

Er überlegte einen Moment, dann sagte er unbewegt, „Raus mit Ihnen.“

Miss Jardine war entrüstet. Auf nackten Füßen ging sie schnell zur Türe, riss sie weit auf und rief mit gebieterischer Stimme. „Mr. Klaus, um Himmels Willen, verschwinden Sie, bevor jemand kommt!“ Er rührte sich nicht. Sie ging hin zu ihm und legte ihre Hand fest auf seine Schulter, als könne sie allein mit der Kraft ihres Ärgers diese betrunkene schwitzende Kreatur aus ihrer Gegenwart entfernen. Klaus reagierte unvermutet grob. Er war es nicht gewohnt, bedrängt zu werden, nicht einmal nüchtern; er erhob sich, brüllte und stieß mit der Faust zu. Zum Glück war er nicht in der Lage, die Distanz zu Miss Jardine zu beurteilen und dabei das Gleichgewicht zu halten. Der Stoß verfehlte sie und Klaus ging zu Boden. Er fiel mit dem Gewicht von zweihundertzwanzig Pfund in voller Wucht. Aus der Flasche, die in seiner Tasche steckte, schoss eine dunkle Flüssigkeit auf Miss Jardines ausgetretenen Teppich.

Jetzt hätte sie entkommen können, aber daran dachte sie überhaupt nicht. Sie war immer noch eher wütend als verängstigt und aus ihrer dickköpfigen schottischen Natur heraus wollte sie sich entschieden gegen dieses Eindringen in ihr Heim behaupten. Dies war ihre Burg, in der sich ihre wenigen Besitztümer befanden, ihre Zuflucht, zu der sie nach der Arbeit zurückkehrte, um zu lesen, zu stricken, oder ihre Zeichenkünste zu üben, wofür sie zweimal pro Woche in die Kunstschule ging. Sie war nicht bereit, es wegen dieses verwirrten Tieres auch nur einen Moment aufzugeben.

Um Hilfe zu rufen, kam nicht in Frage. Das ganze Stockwerk war verlassen. Außerdem wollte sie niemanden zum Zeugen dieses lächerlichen Schauspiels machen. Jedenfalls konnte sie – empfindsam, wie sie war – bereits das Gekicher hören und die versteckten Andeutungen der übrigen Mieter, männlich und weiblich, die ihre distanzierte Art, ihre Bücher, ihre einsamen Spaziergänge mit Misstrauen betrachteten und die sicher den Anblick von Bacchus und der Spröden als willkommenes Spektakel komödiantischer Gerechtigkeit betrachteten, von dem man sich auf beiden Stockwerken und an den Tischen von Feder’s Grill genüsslich erzählte. Sie hoffte inständig, ja betete fast darum, dass niemand die Treppe heraufkommen würde, bevor Klaus seine fünf Sinne und den Weg in sein Zimmer wiedergefunden hatte.

Der Mann kroch nun auf allen Vieren und fluchte leise mit schwerer Zunge. Der Sturz hatte ihn erschüttert. Er murmelte in ärgerlichem Erstaunen, „Wer hat denn die Luke geöffnet?“, was Miss Jardine fast ein hysterisches Lachen entlockte. Der Gestank von unverdünntem Demerara Rum zog durch den Raum. Sie ging zu ihm und legte ihm dieses Mal ganz vorsichtig die Hand auf die Schulter.

„Mr. Klaus!“

„Eh!“

„Sie sind im falschen Zimmer.“

„So?“ Er drehte den Kopf hin und her wie ein betäubter Bulle. Ihre nackten Füße erregten seine Aufmerksamkeit und er betrachtete sie. Mit Mühe hob er den Kopf und bemerkte zwei wohlgeformte weiße Säulen, die sich nach oben fortsetzten; doch sein Nacken begann von der Anstrengung zu schmerzen. Sein Interesse galt erneut ihren Füßen.

„Das bist doch nicht du, Babe?“ sagte er zweifelnd.

„Ich bin Miss Jardine“, entgegnete sie ungeduldig. „Los! Stehen Sie auf!“

Sie legte eine Hand unter seinen Arm und zog. Gehorsam wuchtete sich Klaus hoch. Er kam zum Stehen, schwankte gefährlich und warf einen Arm schwer über ihre Schulter, um sich abzustützen. Miss Jardine fasste Mut und bewegte sich vorwärts, indem sie ihn Richtung Türe schob, wobei sie seine Füße ängstlich beobachtete, denn wenn er stolperte, musste die absurde Prozedur wiederholt werden. Sie näherten sich der offenen Türe. Miss Jardine hatte ihren Blick fest und aufmerksam nach unten gerichtet, als Klaus plötzlich stehen blieb.

„Oh Jeh!“ sagte er.

Sie schaute ihn an und sah, dass seine trüben Augen auf etwas im Gang gerichtet waren. Schnell blickte sie auf und rief erleichtert, „Oh Mrs. Paradee, ich bin so froh, dass Sie es sind und niemand anderer. Sie sehen doch …

„Ich sehe,“ antwortete Mrs. Paradee.

Miss Jardine zog ihren Arm weg. Der durchnässte Klaus torkelte und setzte sich aufs Bett:

„Oh Jeh!“ wiederholte er.

Der Blick der Wirtin glitt über ihn hinweg zum umgefallenen Stuhl beim Spiegel, zu den am Boden liegenden Kleidungsstücken, wo Miss Jardine sie hatte fallen lassen, zum dunklen Flecken auf dem Teppich. Sie schnüffelte und betrachtete Miss Jardine von Kopf bis Fuß.

„Also?“ fauchte sie.

Miss Jardine lehnte sich überrascht an die Wand und bekam auf einmal Angst. Die Szene von damals auf dem Gang stand ihr plötzlich vor Augen. Ihre wirren Haare umrahmten ihr blasses Gesicht, das jetzt geisterhaft durchsichtig wirkte. Mit einer Hand hielt sie den dünnen ausgebleichten Stoff des Morgenmantels um sich geschlungen, als könne sie so dem harten schwarzen Blick entgehen, der bereits ihre Nacktheit entdeckt und verdammt hatte.

„Wie lange,“ sagte Mrs. Paradee, geht das schon so?“

„Sie verstehen das falsch,“ stieß Miss Jardine hervor.

„Ich fürchte nicht. Klaus, verschwinden Sie!“

Der Mann erhob sich vom Bett wie von einer Tarantel gestochen und schlurfte zur Türe. Mrs. Paradee trat zur Seite und ließ ihn passieren. Sie hörten, wie er den Gang hinunter ging und an allen Türen rüttelte.

„Er trat plötzlich in mein Zimmer,“ begann Miss Jardine mit leiser Stimme.

„Ach, was soll das, Miss Jardine, das ist doch die alte Geschichte!“

„Aber es ist die Wahrheit. Ich kam aus dem Bad und

bürstete gerade meine Haare . . .“

Mrs. Paradee warf den Kopf zurück und stieß theatralisch „Ha!“ hervor. Auf ihre Art besaß sie Sinn für Humor. Im Laufe ihres Lebens durch diese hartherzige Welt war ihr mehr Übles als Gutes begegnet, aber sie hatte daraus eine Neigung für zynisches Amüsement entwickelt. Die Führung einer Herberge in einer Hafenstadt hatte sie alles gelehrt, was ihr über Männer und Frauen wissenswert erschien und ihre Erfahrungen hatten sie mit Verachtung erfüllt. Sie betrachtete ihre Mieter als eine Art Tiere, die man weder liebte noch hasste, dass ihr aber von Berufs wegen legitimerweise das Recht zustand, sie zu beobachten. Ihre Verachtung gegenüber Menschen im Allgemeinen wurde gemildert durch die Erfahrung, dass sie sich als Mieter fügsam erwiesen; jedoch gegenüber Frauen, unzuverlässige, hinterlistige Kreaturen von Natur aus, dazu geboren, Probleme zu machen, war ihre Verachtung am größten.

Sie wusste schon lange, dass der Hafenmann trank, dass er einer dieser stumpfen bulligen Tiere war, für die Alkohol Geliebte und Lebenselixier in einem ist, und dabei ziemlich harmlos in Bezug auf Frauen. Wohingegen sie Miss Jardine als „tief“ einschätzte – eine Bezeichnung, die sich auf die meisten Sünden ihres Dekalogs bezog. Im Grunde war sie davon überzeugt, dass dieses kühle, unnahbare Wesen sich nicht mit jemandem wie Mr. Klaus einlassen würde. Aber der Anblick der zitternden jungen Frau erregte sie. Der Seidenmantel, den Miss Jardine eng um sich gewickelt hatte, verriet eine schlanke Figur, aber gut proportioniert an Brust und Hüfte, dazu fiel der Blick der Hauswirtin auf ein Paar ansehnliche Beine. Eine so gute Figur hatte sie dieser Bürogehilfin gar nicht zugetraut; sie hielt sie immer für eine unattraktive, eher magere Person, die ihre Kleider unmodisch lang trug, um diese Tatsache zu verbergen.

Der Anblick dieser wohlgeformten Fremden erregte Mrs. Paradee nicht nur, sondern weckte auch eine andere Emotion in ihr. Die Missachtung in ihrem Blick verwandelte sich in pure Boshaftigkeit. Ebenso wie die meisten anderen Mieter hatte sie bei Miss Jardine eine gewisse Überlegenheit wahrgenommen, die sie irritierte, während es die anderen amüsierte. Im Grunde jedoch entsprang ihre Bosheit einem Vorfall, der einige Monate zurücklag, den Miss Jardine nur beiläufig bemerkt und schon lange vergessen hatte.

Anlässlich einer dieser halbwöchentlichen Abendbesuche, von denen die Mieter so irritiert waren, hatte der Mann mit dem Bowlerhut, der – eilig wie immer – aus Mrs. Paradees Wohnung trat, beinahe die junge Frau umgestoßen, die soeben die Treppe heraufkam. Miss Jardine war stehen geblieben und hatte den Mann überrascht angesehen. Dabei erhaschte sie mit einem flüchtigen Blick über seine Schulter die Hauswirtin, als diese soeben die Türe schloss. Ihre Augen trafen sich, Miss Jardine lächelte und ging weiter. Mehr nicht. Ob Mrs Paradees Haare hochgesteckt oder offen waren, wie sie gekleidet war, ob sie überhaupt etwas anhatte und welcher Ausdruck auf ihrem Gesicht lag, in diesem ungeschützten Augenblick, als sie ihren Gast entließ, konnte die junge Frau auf dem Treppenabsatz nicht sehen, jedenfalls hatte sie es nicht bemerkt. Aber in ihrem Blick und dem Lächeln glaubte die Hauswirtin zu erkennen, dass sie gewisse Vermutungen hegte und sie missbilligte. Mrs. Paradee war wütend. Wochenlang versuchte sie im Gesicht des Mädchens zu lesen, dass sie Bescheid wusste, etwas ahnte oder sich etwas einbildete. Monatelang lieh sie ihr Ohr dem flüchtigen Klatsch auf den Treppen und Treppenabsätzen, wobei sie zwar nichts Schmeichelhaftes vernahm, aber auch nichts, was ihre Zweifel bestätigen oder zerstreuen konnte.

Und nun, wie durch Magie, duckte sich diese überlegene Person vor ihr, ertappt in einer höchst würdelosen Situation! Mrs. Paradee musste fast lachen über dieses Maß an ausgleichender Gerechtigkeit und sie empfand großes Vergnügen, gleichzeitig die vertraute Rolle einer Zeugin, Anklägerin, Richterin und Scharfrichterin spielen zu können, denn nun konnte sie vergelten, was sie als monströse Kränkung ihrer eigenen Tugendhaftigkeit empfunden hatte. Es spielte überhaupt keine Rolle, dass die Kränkung genauso wenig greifbar war wie die Tugend. Mit den weit aufgerissenen Augen eines ängstlichen Kindes erkannte Miss Jardine die aufkeimende Drohung in den zusammengepressten Lippen, den gespannten Nasenflügeln und den glitzernden schwarzen Augen, die ihr dort am Eingang begegneten.

„Sie denken doch nicht etwa …“ stieß sie hervor.

„Was soll ich denn denken? Schauen Sie sich doch um im Zimmer! Ihre Kleider liegen herum. Schauen sie meinen Teppich an – ruiniert! Ich bin doch sehr überrascht. Ein solches Benehmen hätte ich von einer so respektabel wirkenden Person wie Sie nicht erwartet.“

„Oh! Ich bezahle für den Teppich,“ entgegnete Miss Jardine verzweifelt, „und ich werde alles in Ordnung bringen. Mrs. Paradee – bitte, glauben Sie mir doch.“

„Liebe junge Dame, ich bin schon zu lange in diesem Geschäft, um nicht meinen eigenen Augen zu glauben. Schauen Sie sich doch an, fast nackt; dazu mit einem Mann wie Klaus – widerlich!“ Mrs. Paradee sprach das Wort nackt mit einer besonders absichtsvollen Betonung, die das Schlimmste vermuten ließ.

„Wie können Sie nur so etwas sagen! Ich habe Ihnen niemals Anlass gegeben, so von mir zu denken . . . das ist ungeheuerlich!“

„Sprechen Sie nicht in diesem Ton mit mir. Ich will nicht ungnädig sein“

„Ach, bitte!“

„Das klingt schon besser.“

„Glauben Sie mir jetzt?“

„Keineswegs. Ich lege Wert auf ein respektables Haus und Sie kennen die Regeln. Für heute Nacht können Sie noch bleiben. Morgen früh müssen Sie ausziehen.“

„Aber ich habe bis Ende der Woche bezahlt!“ rief das Mädchen und versuchte, sich an den letzten Strohhalm zu klammern. Die Hauswirtin schnaubte. „Und was ist mit meinem Teppich? Wenn Sie mir so kommen, können Sie auf der Stelle gehen.“ Dann fügte sie im Ton scheinbarer Aufrichtigkeit hinzu, „und dabei habe ich nur versucht, freundlich zu sein.“ Miss Jardine nickte ergeben und warf einen unsicheren Blick in das Zimmer. Sie konnte nicht glauben, dass all das wirklich passierte. Ihr war kalt. Der Kampf mit Klaus lag plötzlich in weiter Ferne, so weit, dass es keine Rolle mehr spielte. Sie fühlte sich unrein, nicht durch die dusselige Berührung des Hafenarbeiters, sondern durch den bösen Ausdruck in diesen harten schwarzen Augen, die sich in ihr Fleisch bohrten, als ob der leichte Seidenüberwurf nicht existierte. Sie bot ein Bild der Verzweiflung und für einen Augenblick war die Frau an der Türe fast besänftigt. Der Augenblick ging vorbei. Mrs. Paradee legte ihre Hand auf den Türknopf, schloss leise die Türe mit fester Hand, lief durch den Gang und dann die Treppe hinunter.

 

KAPITEL 8

 

Nach dem Verschwinden der drohenden Gestalt richtete Miss Jardine zuerst ihren gehetzten Blick auf die Türe, als könnte sie damit jede Erinnerung an die letzten zwanzig Minuten auslöschen. Sie setzte sich auf das Bett, das der unwillkommene Besucher zerwühlt hatte und schlug die Hände vors Gesicht. Eine Welle von Emotionen erschütterte sie. Erniedrigung, Lachlust, Schrecken, Empörung, wie bei einem Fieberpatienten, der zugleich schwitzt und friert. Schließlich legte sie sich hin und weinte. Sie hörte gedämpft die Schritte der zurückkehrenden Bewohner, das Öffnen von Türen und Fenstern, die vertrauten abendlichen Unterhaltungen in den Zimmern und über den Hof hinweg.

Zuletzt setzte sie sich auf. Die Tränen hatten die Heftigkeit ihrer Empfindungen gemildert und einem dumpfen Groll Platz gemacht, nicht gegen Klaus, nicht einmal so sehr gegen Mrs. Paradee, als gegen den verrückten Zufall, der sie zum Opfer einer solchen Idiotie gemacht hatte. Das alles war so grotesk, vergleichbar mit unangenehmen Träumen, in denen Horden von Mäusen auf sie zukamen, oder sie nur mit Strümpfen bekleidet die Hollis Street hinunterlief und als sie aufwachte, feststellte, dass es nicht wirklich passiert war.

Ein Blick in die Unordnung im Zimmer, änderte das. Sie riss sich zusammen. Jetzt war es wichtig, eine andere Wohnung zu finden. In Gedanken ging sie eine Reihe von Quartieren durch. Im schlimmsten Fall könnte sie irgendwo im Norden der Stadt ein Zimmer nehmen, wo sie schon einmal gewohnt hatte. Es kostete mehr und sie musste mit der Tram fahren, aber viele Leute, die in der Stadt arbeiteten, mussten sich damit abfinden. Im Grunde war es viel schöner, in einer Gegend zu wohnen, wo es Bäume gab und kleine Rasenflächen. In ein paar Wochen konnte sie vergessen, dass sie jemals im zweiten Stock bei Mrs. Paradee gewohnt hatte.

Nun bemerkte sie das schwache Licht im Zimmer. Es war schon fast Nacht. Plötzlich fiel ihr Carney ein, der im Café auf sie wartete. Sie sprang auf und schaute im Grau des Fensterlichts auf die Uhr. Acht Uhr! Entsetzlich!

Sie war zu deprimiert, als dass sie ihn an diesem Abend treffen konnte. Schon der Gedanke, sich anzuziehen, kam ihr unerträglich vor; ebenso der Gedanke an Essen. Sie fühlte sich erschöpft und wollte sich nur noch aufs Bett legen und vielleicht schlafen. Während sie unentschlossen am Fenster stand, gingen gegenüber im Hof Lichter an.

Ihr Blick glitt von einem beleuchteten Fenster zum anderen und blieb hängen an dem Fenster, hinter dem vergangene Nacht die Seeleute Karten gespielt hatten. Zwei von ihnen hielten sich im Raum unter der herabhängenden Glühlampe auf und stopften geschäftig Kleider in billige Koffer. Sie lachten. Dann begannen sie sich gegenseitig zu boxen und wälzten sich schließlich in einer Art lebhaftem Ringkampf auf dem Bett, zwei kräftige Gestalten eng umschlungen in heftiger Umarmung. Miss Jardine überkam eine plötzliche Regung von Eifersucht. Sie bereiteten sich vor, auf ein Schiff zu gehen. Welche Erinnerungen an diesen Ort sie auch haben mochten, jenseits der Hafenmündung würden diese im Wind zerstieben und nur noch die Abenteuer, die vor ihnen lagen, spielten eine Rolle. Sie wunderte sich nicht mehr darüber, warum Männer zur See gingen. Man musste sich wundern, warum etliche an Land blieben. Jeder lebt in seinem eigenen Gefängnis, nur diese Männer haben den Schlüssel in die Freiheit.

Langsam zog sie den Sichtschutz herunter und knipste das Licht an und während sie noch ihren Gedanken nachhing, begann sie, neue Strümpfe und Unterwäsche aus der abgenutzten Kommode zu holen. Zwanzig Minuten später lief sie schnellen Schritts die Straße entlang. Das Gewitter hatte die Luft angenehm erfrischt. Die Oberstadt und Citadel Hill ragten schwer in den Himmel und verdeckten im Westen die letzten Spuren des Zwielichts, die Straßenlaternen und Schaufenster leuchteten und droben standen hell die Sterne. Als sie auf das Café zuging, dachte sie, dass Carney bestimmt nicht mehr da war, aber sie sah ihn sofort an einem Tisch in der Ecke sitzen und langsam Rauch in die Luft blasen. Im Aschenbecher auf dem Tisch lag ein kleiner Berg Zigarettenstummel, jetzt aber umklammerte seine große Faust die Pfeife: Zeugen seines langen Wartens. Sie hatte ein sehr schlechtes Gewissen, aber als er sie sah, sprang er auf mit einem glücklichen Lächeln, das sich über sein ganzes Gesicht bis zu den Fältchen in seinen Augenwinkeln ausbreitete, dass eine Welle des Selbstvertrauens sie überkam, trotz ihrer unglücklichen inneren Verfassung.

Mr. Carney, ich komme anscheinend immer zu spät. Es ist wirklich schlimm! Ich habe nicht mehr geglaubt, dass Sie noch hier sind.“

„Ich hatte die Hoffnung auch schon fast aufgegeben,“ bekannte er. Dann nahm er ihr den Mantel ab, sie setzte sich und schaute sich um. Vereinzelt waren noch späte Essensgäste da, meistens junge Paare, die ihre Desserts vor sich hatten. Sie war froh, dass sie ihr bestes Kleid angezogen hatte, leicht und geblümt, dazu einen flotten Hut, den sie schon lange besaß, dessen Qualität aber jede Frau sofort erkennen würde. Nicht alle ihre Kleidungsstücke waren qualitätvoll.

„Was hat Sie so lange aufgehalten?“ sagte er, „erlauben Sie, dass ich frage?“

„Die Frage ist eher nicht erlaubt. Ich könnte es schwerlich erklären – es ist zu absurd. Ich war eine gewisse Zeit durcheinander, aber jetzt geht es mir besser. Ich könnte sogar etwas essen.“

„Ah!“ Er winkte der Kellnerin, die ihm im Lauf der letzten Stunde fragende Blicke zugeworfen hatte. Miss Jardine hatte eigentlich keinen Hunger, fühlte sich jedoch verpflichtet, etwas zu bestellen, um einem offensichtlich hungrigen Mann Gesellschaft zu leisten. Als das Essen kam, pickte sie zuerst etwas unentschieden daran herum, entdeckte aber überrascht, dass es ihr schmeckte. Sie führte das Gespräch, redete lebhaft über gemeinsame Themen, den Klatsch in ihrer Berufswelt, wer auf welche Funkstation wechselte, die neuesten Apparaturen. „Wussten Sie, dass die Amerikaner Musik und andere Dinge im Rundfunk übertragen? Es ist der letzte Schrei. Manche Leute hier in der Stadt rüsten sich mit Audio-Empfängern aus, elektrischen Wabenspulen, Kondensatoren und Kopfhörern.“

Die Zeit verging bei diesem Essen auf angenehme Weise. Als der Kaffee kam, warf Carney einen Blick auf seine Pfeife; sofort sagte sie, „Zünden Sie sie ruhig an, wenn Sie wollen; und, bitte, geben Sie mir eine Zigarette, falls Sie eine übrig haben.“ Er zündete ein Streichholz für sie an, sie sog den Rauch ein und blies ihn gekonnt durch die Nase wieder aus. Es war das erste Mal, dass Miss Jardine in der Öffentlichkeit rauchte. Sie hatte gewöhnlich eine Packung Zigaretten im Zimmer und gönnte sich manchmal eine Zigarette, besonders an verregneten Abenden, wenn es nichts Besseres zu tun gab. Sie war in einer Welt aufgewachsen, in der eine Zigarette an den Lippen einer Frau als sicheres Merkmal einer Prostituierten galt. Obwohl sich das durch den Krieg geändert hatte, wie vieles andere auch, empfand sie es hier im Café, wo sonst keine Frau rauchte, als eine Herausforderung. Aber das war ihr egal. Im Gegenteil: Sie empfand direkt die Notwendigkeit, etwas Herausforderndes zu tun und damit ihr Ego zu stärken, auch wenn es Carney schockieren sollte.

Wenn er schockiert war, oder auch nur überrascht, ließ er es sich nicht anmerken. Sie war ein wenig pikiert. Sie fragte sich, ob er schockiert wäre, wenn er in allen Einzelheiten die Geschichte erzählt bekäme, die sich in ihrem Zimmer ereignet hatte. Es lag etwas ausgesprochen Komisches darin, wenn sie sich selbst betrachtete, wie sie hier saß, von Kopf bis Fuß bestens gekleidet, in lebhafter, gepflegter Unterhaltung mit dem ernsten Mann am Tisch und wie sie, kaum eine Stunde vorher, die Rolle einer fast nackten Bacchantin vor dem betrunkenen Klaus gespielt hatte. Hinter dieser Vorstellung lauerten jedoch die Schatten ihrer Einsamkeit und Wehrlosigkeit. Sie fragte sich, während sie ihren Blick im Raum schweifen ließ, wie viele dieser jungen Frauen, die hier lächelnd in die Gesichter von Männern sahen, wohl einen ähnlichen heimlichen Schatten hatten, vielleicht nicht voll bewusst, nichts worüber man sprach, oder es auch nur andeutete, das aber immer da war. Und sie lächelte und redete, nicht einmal so sehr für Carney, sondern um die anderen davon zu überzeugen, dass sie sich glücklich und selbstsicher fühlte.

Carney war verzaubert. Seine Erfahrung mit Frauen war ziemlich begrenzt und natürlich hatte er nie eine Frau wie Isabel Jardine getroffen. Im Büro war sie geschäftstüchtig und kurz angebunden, im Park erschien sie ihm launisch und geheimnisvoll, jetzt war sie aufgeregt lebendig, direkt funkelnd, als sie über die neue Antennen-Technik sprach und die Entdeckungen bei Vakuumröhren – als wäre es die neueste Hutmode. Von der sinnlichen Seite gesehen, redete sie, als sei sie schön, was sie nicht war; und fast jede Frau hätte ihm sagen können, dass sie überdreht war, was natürlich zutraf.

Es spielte eigentlich keine Rolle, was sie sagte. Er saß da, eingehüllt in den Klang ihrer Stimme, sah im goldenen Licht der Tischlampe ihr glänzendes Haar unter dem kleinen Hut, die sanfte Röte, die gelegentlich über ihr klares Gesicht huschte und wieder verschwand, die ausdrucksvollen Bewegungen ihrer Lippen, ihre Augen, die die seinen geflissentlich vermieden und dennoch über sein Gesicht glitten, über seine kräftigen Schultern und Hände, als sei er, Matthew Carney, das interessanteste Lebewesen im ganzen Raum. Zu seinem Bedauern sah sie schließlich auf die Uhr und stellte fest, dass es für einen Kinobesuch zu spät war, außer er wollte nur den halben Film sehen.

„Haben Sie einen Vorschlag?“ fragte er, während er ihr in den Mantel half.

„Ach, ich weiß auch nicht. Vielleicht machen wir einen Spaziergang. Es ist eine schöne Nacht. Augenblick! Es gibt ein Konzert in den Public Gardens. Wenn wir eine Tram nehmen kriegen wir noch den letzten Teil mit.“

„Ja, das machen wir.“

In den Gärten saßen die Leute in Gruppen auf dem Rasen oder wanderten auf verschlungenen Pfaden in der Dunkelheit, die gelegentlich vom Licht der elektrischen Lampen unterbrochen wurde und helle grüne Flecken zwischen die Bäume warfen. Die Bänke an der Tribüne waren alle besetzt, ebenso der Rasen darum herum. Die Musikband der Königlichen Marine2) spielte Melodien aus Hoffmanns Erzählungen, ihre Instrumente glänzten und mit den roten Jacken und weißen Mützen boten sie unter dem Licht des Schutzdaches eine hübsche Show.

Etwas entfernt von der Menschenmenge fanden Miss Jardine und Carney ein abgeschiedenes Rasen-Plätzchen im Schatten eines riesigen Fliederbusches.

„Hier könnten wir uns hinsetzen“, schlug sie vor.

„Ist denn der Boden nicht feucht vom Regen?“

„Er scheint wieder trocken zu sein. Die anderen Leute stört es offenbar nicht.“

„Ich habe dabei nur an Sie gedacht“, entgegnete Carney. Irgendwann in seiner Jugend hatte er gehört, es sei gefährlich für Frauen, auf feuchtem Grund zu sitzen, und sei es nur einen Moment.

Sie setzte sich anmutig und schob ihren Rock unter sich. Carney machte es sich neben ihr gemütlich.

„Wir haben heutzutage nur noch selten solche Konzerte,“ sagte sie leise. „Während des Krieges, als so viele Truppen hier durchkamen und alle diese Marine-Schiffe hier lagen, gab es eine Menge Orchester und wir hatten den ganzen Sommer über Konzerte; hier, auf Point Pleasant und am Ufer des Arm. Es war ganz wundervoll. Diese Art Orchestermusik hat etwas Besonderes, vor allem bei Nacht und im Freien unter Bäumen…“ Sie hielt inne.

Instinktiv wusste Carney, dass sie an ihren jungen Offizier dachte, jenen Kerl, der sie so unfair behandelt hatte.

„Sie denken immer noch an ihn, den jungen Mann aus der Armee, nicht wahr?“

„Ja, gab sie zu. „Ja, natürlich. Ich war das erste und einzige Mal verliebt. Eine Frau kann das nicht so einfach vergessen.“

Die Luft war weich und warm. In der zweiten Augusthälfte, wenn die rauen Seewinde beginnen, gibt es diese Art Nacht selten in Nova Scotia. Träumerische Musik drang durch die Blätter der Büsche.

„Ich fürchte ich kenne mich mit Musik nicht gut aus“, sagte Carney. „Was ist das für eine Melodie?“ Er nahm den Hut ab und legte ihn ins Gras.

„Es ist eine Barcarole. Die Gondellenker in Venedig sollen diese Art Lieder zum Rhythmus der Ruder singen.“

„Ah! Darum gefällt es mir wahrscheinlich so gut. Ein wenig langsamer gespielt könnte man einen Fischerkahn dazu rudern. Zum Beispiel bei ruhigem Wasser auf der Lagune von Marina.“

„Lagune – das klingt ja ganz romantisch.“

Carney lachte. „Ist es überhaupt nicht. Keine Palmen, nicht einmal Büsche, am Ufer nur Sand und Salzgras und Spuren wilder Ponys. Es ist eigentlich nicht einmal mehr eine echte Lagune. Vor vielen Jahren, lange vor meiner Zeit, wurde sie von einem großen Sturm überflutet und in einen Salzsee verwandelt, acht oder neun Meilen lang. Im Sommer trocknet der Mittelteil aus und dann sind zwei Seen da, die hintereinander liegen, wie ein Paar Würste. Sie sind vom Atlantik nur durch eine lange Barriere aus Sand getrennt, die wir die Südbarriere nennen. Sie zieht sich hin von West Point bis zur dritten Rettungsstation und das Meer überflutet sie, wenn uns vom Süden her starke Winde attackieren. Das verhindert, dass die Lagune stagniert. Wir haben ein Fischerboot dort liegen, ein praktisches kleines Ding, das wir von einem schiffbrüchigen Schoner übernahmen. Wir segeln damit auf der Lagune und erlegen Plattfische und Aale mit Speeren.“

„Das hört sich ja recht vergnüglich an.“

„Das ist es auch. Und man hat was zu tun.“

Miss Jardine sah um sich und dachte, welch ein unglaublicher Kontrast es hier für ihn sein musste an diesem Ort voll von üppigem Gras, Blumen und dichten Blättern, teilweise im Dunklen, teilweise hell beleuchtet durch die Reflektionen der glitzernden Bühne wie ein echter Theaterwald.

„Und morgen gehen Sie zurück auf Ihre Inselwüste im Meer!“

„Ich würde gern von etwas anderem reden.“

„Was zum Beispiel?“

„Von Ihnen.“

Sie wandte langsam den Kopf und sah in sein bärtiges Gesicht, das zu ihr aufschaute. Ihr Herz schlug stark und kräftig; dieser todesähnliche Zustand, in den sie verfallen war, als Mrs. Paradees Schritte sich von der endgültig geschlossenen Türe entfernten, war vorbei. Sie wollte zuerst fragen, was er damit meinte, aber sie wusste es bereits. Dieser ruhige Mann, der vor ihr im Gras lag, konnte offenbar seine Gedanken ohne Worte oder Gesten in der Dunkelheit auf eine Art und Weise mitteilen, von der Signor Marconi keine Ahnung hatte. Es war eine wunderbare Empfindung. Sie fühlte sich lebendig in jedem Teil ihres Körpers, ein Prickeln, wie sie es damals empfunden hatte, als Lancelot ihr zum ersten Mal seinen uniformierten Arm um die Taille legte. Etwas aber fehlte: die köstliche Wärme, die über sie kam und ihr dann schnell in den Kopf stieg. Sie empfand keine Glückseligkeit, nicht einmal Überraschung, nur die angenehme Gegenwart dieses Mannes, als sei eine Art Winter vorbei und als berührte jetzt eine neue Sonne ihre Haut; nicht so strahlend wie die erste, überhaupt nicht strahlend, dafür aber absolut beruhigend.

Absichtslos meldete sich – kühl, rational und schicksalsergeben – eine innere Stimme und ihr wurde klar, dass neben ihr eine Lösung lag für ihre momentanen Ängste und ihre Einsamkeit. Mit einer Schlauheit, die ihrem natürlichen Charakter eigentlich überhaupt nicht entsprach, ja sogar im Widerspruch stand zu ihrem unschuldigen Wesen, hörte sie sich mit sanfter Stimme sagen, „Warum sagen Sie nicht, was Sie damit meinen – Matthew?“

Er schwieg einen Augenblick. Dann sagte er leise, „Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, Miss Jardine …“

„Bitte, nennen Sie mich Isabel.“

„Was für ein schöner Name, Isabel – Isabel, was ich sagen möchte ist – ich bin kein junger Mann, nicht die Art Gefährte, der zu Ihnen passen würde – keiner, der das Recht hat, so etwas zu sagen – aber, Sie müssen verstehen, ich kann nicht anders, bitte, seien Sie nicht böse. Ich bin ein rauer Geselle, ungebildet, ich weiß nur, was ich aus Büchern erfahren habe, bin auf dem Meer gewesen und an Orten wie Marina. Sie sind jung und klug – Sie sind alles, was ich nicht bin. Ich habe nur wenig zu bieten, wie immer man es auch betrachtet.“

„Also . . .  Matthew?“ – mit dieser ihr unbekannten Stimme.

„Ich frage mich, ob Sie – ob Sie mich heiraten würden. Sagen Sie nicht sofort Nein. Lassen Sie mich ausreden, meine Liebe. Ich bin sechsundvierzig Jahre alt, in den besten Jahren, wie man sagt – was natürlich Unsinn ist. Der Höhepunkt des Lebens ist mit siebzehn. Aber ich bin soweit gesund. Ich habe einige tausend Dollar auf der Bank. Seit fünfzehn Jahren bin ich Funker und außerdem bin ich auch Hochspannungstechniker. Ich könnte morgen in Mr. Hurds Büro gehen und ihn um einen Job bitten, den ich hier ausüben kann, oder ich verlasse den Dienst. Damit will ich sagen, dass ich Ihnen nicht zumuten würde, mit mir an einen wilden Ort zu gehen. Wir könnten eine Wohnung irgendwo in der Stadt nehmen – oder ein kleines Haus kaufen, vielleicht draußen am Fluss Arm im Nord-Westen mit Bäumen und einem kleinen Garten, mit Aussicht auf das Salzwasser, zur Erinnerung an die alten Zeiten. Ich erwarte nicht, dass Sie mich lieben – nicht so, wie Sie einen jüngeren Mann lieben würden. Wenn sie mich nur ein wenig gernhaben, es mit mir aushalten, das würde mir genügen. Ich werde nichts von Ihnen verlangen, was Sie nicht bereit wären, von sich aus zu geben, meine Liebe. Das möchte ich klarstellen. Also, das ist es, was ich sagen wollte.“

Nach diesem Bekenntnis, atmete er tief durch, als ob es ihn eine physische Anstrengung gekostet hatte. In Isabel Jardine wurde ergriffen vom seltsamen Gefühl einer Vorahnung, als habe sie bereits gewusst, was er sagen und wie er es sagen würde, einschließlich dieses tiefen Atemzuges am Ende. Gleichzeitig kam es ihr keineswegs seltsam vor, dass sie sofort, ohne weiteres Nachdenken wusste, wie sie ihm antworten würde. Dabei ließ sie den Gedanken an die physischen Konsequenzen einer Heirat außer Acht. Jedenfalls hatte sie die Gewissheit, auch ohne Carneys Versicherung, dass sie als seine Frau eigenständig entscheiden konnte, was sie bereit war zu geben und wann sie es geben wollte. Schüchternheit ist relativ und in Carneys Gegenwart fühlte sie sich nahezu kühn. Sie sah sich bereits in dem kleinen Haus im Nordwesten am Fluss Arm, wie sie im Garten Blumen pflegte oder hausfraulichen Pflichten nachging: endlich Frieden und Sicherheit.

Sie beugte sich über ihn, legte eine Hand auf seine Schulter. Ihre Lippen fanden sich. Unter ihrer Hand fühlte sie, wie ein Zittern durch seine mächtige Gestalt lief. Sie hatte ja bereits Hurd gegenüber Carney als unschuldig bezeichnet. Jetzt kam ihr voll zum Bewusstsein, dass er es buchstäblich im Sinne dieses Wortes war. Sie küsste ihn noch einmal mit fast mütterlicher Fürsorge, als sei er es, der Schutz vor der Welt nötig hatte, nicht sie. Er machte nicht den Versuch aufzustehen und sie in die Arme zu nehmen, wie ein anderer Mann es vermutlich getan hätte. Er rührte sich nicht, lag im Gras, auf einen Ellbogen gestützt, mit aufwärts gewandtem Gesicht und empfing die Berührung ihrer Lippen und Hände wie eine Art Wunder, als seien sie beide in einen glücklichen Zauber geraten, der durch ein Wort oder eine Geste seinerseits zerstört werden könnte.

Sie hörten die Musik und ab und zu höfliches Klatschen vom Podium her ähnlich dem Geräusch brechender Wellen. Unvermittelt spielte die Marine-Band „God save the King“ und überall auf den Rasenflächen und in den Schattenbereichen sprangen die Leute auf und standen in patriotischer Immobilität oder eilten zu den Ausgängen, um das Gedränge zu vermeiden. Carney und Miss Jardine erhoben sich und standen dann nebeneinander. Als die letzten Töne verklungen waren, bückte sie sich und strich das Gras von ihrem Rock.

„Vergiss deinen Hut nicht“, sagte sie.

Carney hob ihn auf, setzte ihn aber nicht auf den Kopf. Sie wanderten gemächlich durch das Tor und die Spring Garden Road hinunter. Ihre Hand lag auf seinem Arm, den sie ab und zu drückte, als wollte sie sich und ihm versichern, dass sie jetzt wirklich zusammen waren und die zärtlichen Momente im Schatten des Fliederbusches tatsächlich stattgefunden hatten.

Sie sprachen nur wenig auf dem Weg zu ihrem Haus. Carney war wie benommen. Miss Jardine war aufgeregt, aber sie dachte ganz klar und wusste, dass eine Krisensituation bevorstand, als sie sich der Türe zu Mrs. Paradees Pension näherten. Im Licht des Feder’s Grill schaute sie auf ihre Uhr und rief in die Stille hinein, „Oh je! Schon halb zwölf!“

„Ich hätte dich nicht so lange aufhalten sollen,“ murmelte Carney schuldbewusst.

„Ach, das macht nichts.“

Sie machten noch ein paar Schritte und traten aus dem Lichtkegel. Die Straße war leer und das hohe vernachlässigte Haus machte einen fast unheimlich lauernden Eindruck auf die späten Passanten. Miss Jardine nahm ihre Hand von Carneys Arm und blickte ihn entschlossen an.

„Matthew, ich habe deine Frage nicht deutlich genug beantwortet, oder?“

„Ich dachte, das sehr wohl getan.“

Sie stieß ein kurzes, verlegenes Lachen aus. „Weil ich dich geküsst habe? Das ist wahr. Ich konnte die richtigen Worte nicht finden. Bist du glücklich?“

„Du kannst ganz sicher sein,“ gestand Carney mit seiner klingenden Stimme. „Es ist das Wundervollste, das mir in meinem ganzen Leben geschehen ist. Und wenn ich denke, dass es ganz zufällig geschehen ist – weil ich dich im Büro getroffen habe und dann wieder in diesem glorreichen Fisch-Restaurant! Ich kann noch nicht glauben, dass es wirklich wahr ist. Ich habe das Gefühl, morgen an Bord des Dampfschiffs nach Marina aufzuwachen mit nichts als Kopfschmerzen vom Whiskey des Kapitäns.

„Wie wäre es denn, wenn du mich noch einmal küssen würdest“, sagte sie fast schüchtern. „Nur um zu beweisen, dass ich kein Geist aus der Flasche bin.“ Als er seine Arme um sie legte, schlang sie die ihren um seinen Nacken und sein Mund fühlte die Wärme und Lebendigkeit ihrer Lippen. Ganz außer Atem sagte sie: „Oh, Matthew, wenn du nur wüsstest!“

„Was denn?“

„Wie viel mir das bedeutet. Bitte halt mich noch fester – fester als jetzt.“ Sie standen einige Minuten in schweigender Umarmung.

„Matthew, lass mich nicht gehen.“

„Das tu ich auch nicht.“

„Ich meine es wörtlich. Ich meine, lass mich nicht gehen – heute Nacht.“

„Aber irgendwann musst du doch ins Bett, mein Schatz.“

„Nicht dort!“ sagte sie schnell, mit einem Hauch von Hysterie. „Matthew, ich kann jetzt nicht erklären warum, aber ich kann dort nicht hinein – nicht jetzt – nicht nach all dem, was geschehen ist. Ich dachte nicht, dass es mir etwas ausmacht nur für eine Nacht, aber als wir jetzt an die Treppe kamen und ich diese Türe wieder sah, schauderte es mich. Verlange keine Erklärung. Ich kann nur sagen, wenn ich dort wieder eintrete, und sei es nur für eine Minute, ist mein ganzes Glück dahin – ich würde verrückt.“

„Aber was ist mit deinen Sachen?“ fragte er erstaunt und verunsichert.

„Meine Sachen? Als ob Sachen eine Rolle spielen, wenn mein ganzes Leben sich geändert hat! Matthew, liebst du mich?“

„Natürlich liebe ich dich, mein Schatz, aber glaubst du nicht … „

„Dann lass mich jetzt mit dir gehen. Es ist mir egal wohin. Nichts ist mehr wichtig. Ich möchte nur bei dir sein. Du bist, was ich brauche, jemanden, der stark ist und ruhig und freundlich. Und ich glaube, du brauchst mich auch auf deine Weise. Vielleicht denkst du, dass ich sonderbar bin, aber ich bin in Grunde liebenswert, Matthew. Du warst einsam – und ich ebenso. Ich werde dich trösten für all die lange Zeit auf dieser schrecklichen Insel und den anderen einsamen Orten. Du wirst es bestimmt nicht bereuen.“

Er stand still da, als ob er träume.

„Ich bin zwar nicht schön,“ sprach sie aufgeregt weiter, aber ich glaube, ich kann dir gefallen. Es geht um alles oder nichts, Matthew. Heute Nacht muss es sein.“

Sie warf den Kopf zurück und starrte im schwachen Licht des Schaufensters ängstlich in sein Gesicht, wobei ihr Körper in seinen Armen wortlos die Dringlichkeit ihres Wunsches ausdrückte.

Er war tief bewegt. „Heute Nacht,“ wiederholte er mit erstickter Stimme. „Heute Nacht!“

 

KAPITEL 9

 

Miss Jardine erwachte langsam, während in ihrem Bewusstsein halb träumerisch, halb wirklich, unklare Erinnerungen auftauchten, die sie zu ordnen suchte. Einen oder zwei Augenblicke lang fürchtete sie, wenn sie ihre Augen öffnete, würde sie sich in dem verhassten Zimmer bei Mrs. Pardadee wiederfinden. Der erste Blick sagte ihr, dass das nicht zutraf, aber sofort drängten sich ihr Wirklichkeiten auf, die noch viel verstörender waren. Ihr ganzer Mut, all die wilde Entschlossenheit der vorigen Nacht – verflogen. Ihr Körper fühlte sich seltsam haltlos und entspannt an, aber ihr Gewissen war alarmiert und glich einer gespannten Saite, die einen kreischenden Ton von sich gibt. Mit Bestürzung erfasste sie die Realitäten; sie befand sich in einem fremden Bett, in einem fremden Raum, mit Matthew Carney, einem fremden Mann; dazu kam, dass sie, mangels eigener Kleidung, Carneys Pyjama-Oberteil trug, und dass sie, eine unverheiratete Frau, ein „nettes“ Mädchen, wie man es in jener altmodischen Tradition nannte, in der sie aufgewachsen war, vielleicht nicht die schlimmste, aber unbedingt die ordinärste aller Sünden begangen hatte.

Dankbar stellte sie fest, dass Carney schlief. Sie spürte seine Wärme an ihrem Rücken und hörte ihn tief und ruhig atmen. Die Jalousie war zugezogen und flatterte leicht im Wind des offenen Fensters. Auch die billigen Baumwollvorhänge bewegten sich und ließen gelegentlich einen Strahl der Morgensonne in den Raum. Man hörte Maschinengeräusche aus dem Eisenbahngelände, Pfeifen, Läuten und das Quietschen eiserner Bremsen, das dumpfe Aneinanderstoßen leerer Güterwaggons, die zum Stehen kamen. Ab und zu zog schwach, aber deutlich der Geruch von Kohlerauch herein.

Sie fragte sich, wie sie Carney bei Tageslicht begegnen sollte, ihm in die Augen schauen, was sie sagen sollte, jetzt, nachdem der Irrsinn der vergangenen Nacht vorbei war. Sie hatte ihn verführt, da gab es keinen Zweifel. Was hatte sie nur dazu gebracht? Schamröte stieg ihr ins Gesicht, wenn sie daran dachte, wie er verlegen angeboten hatte, in einem Stuhl zu schlafen und sie entschlossen abgelehnt hatte; wie sie mit zitternden Händen, jedoch ohne zu zögern, das Licht ausgemacht und ihre Kleider ausgezogen hatte; wie sie die Arme nach ihm ausgestreckt hatte, sowohl ergeben als auch gebieterisch, sein Zögern, seine ersten scheuen Zärtlichkeiten und am Ende die Leidenschaft, die sie beide überwältigte.

Jetzt weiß ich, wie Eva sich fühlte, das arme Ding. Ob ihr dieser bärtige Adam Vorwürfe machen würde, wie sie sich selbst und ihrem gesättigten, trägen Körper sie machte? Sämtliche Gebote ihrer presbyterianischen Kindheit gingen ihr im Kopf herum und sie fragte sich, welche Strafen wohl für sie vorgesehen waren. Eine Zeitlang lag sie versunken in diesen deprimierenden Vorstellungen, erfüllt von Schuldgefühlen. Dann stieg eine Welle der Rebellion in ihr auf und sie begann, sich weniger als Verursacherin, sondern als Opfer in diesem Sündenfall mit Carney zu sehen. Alles hatte angefangen mit jener lächerlichen Szene im Haus von Mrs. Paradee, und voll empörter Verwunderung musste sie feststellen: wenn es an diesem Nachmittag nicht geregnet hätte, sie kein Bad genommen hätte, oder Klaus nicht betrunken gewesen wäre, hätte sich ihr Leben und Carneys Leben nicht auf diese Weise gekreuzt, jeder wäre weiter problemlos und unverändert seinen Weg gegangen.

Daraus ergab es sich ganz einfach und natürlich, dass ihr die Lehre von der Prädestination in den Sinn kam, die ihr als Kind so unbegreiflich erschienen war. Jetzt sah sie endlich einen Sinn. Dieser Sinn tröstete nicht unbedingt, erlöste sie aber von dem Gedanken, dass sie absichtlich böswillig gehandelt hatte. Ihr gesunder schottischer Menschenverstand erwachte und damit die Erkenntnis: nichts Vergangenes konnte ungeschehen gemacht werden und es kam jetzt darauf an, den Tatsachen ins Auge zu sehen und das Beste daraus zu machen. Ihr Leben hatte eine unvermutete eigenartige Wendung genommen und selbst wenn es kein Zurück mehr gab, könnte auf dem Weg doch etwas Glück zu finden sein. Erneut dachte sie an die Seeleute, die so fröhlich für ihre Reise gepackt hatten, als ob alles, was sich zuvor ereignet hatte, nur eine Vorbereitung und eine Wartezeit gewesen war, als ob ein Versprechen von etwas Wundervollem in der Zukunft lag, irgendwo jenseits des Meeres, und nichts sonst die geringste Bedeutung hatte.

Sie merkte, dass der Mann neben ihr sich bewegte, sich umdrehte, dass er wach war. Es war soweit. Sie lag ganz still mit dem Gesicht zur Wand und versuchte, ihre Atmung und das langsame starke Klopfen ihres Herzens zu kontrollieren. Es dauerte eine Ewigkeit bevor er ruhig sagte:

„Isabel, bist du wach?“

„Ja.“ Sie bewegte sich nicht.

„Geht es dir gut?“

„Ja.“

„Ich machte mir Sorgen – du lagst so still.“

„Es ist alles in Ordnung.“

Stille. Dann hörte sie, wie er nach seiner Uhr suchte, „Wie spät ist es?“

„Fast neun Uhr. Ich ziehe mich an und bringe dir dein Frühstück – sie servieren kein Essen im Zimmer, außer man holt es sich selbst.“

„Geh‘ nicht,“ bat sie mit gedämpfter Stimme. „Ich bin nicht hungrig. Außerdem müssen wir reden, denke ich.“

„Ja?“

Sie dreht sich auf den Rücken, vermied es, ihm in die Augen zu sehen und starrte auf die Decke.

„Matthew, wie geht es weiter mit uns?“

„Ah! Also zuerst suchen wir einen Geistlichen auf und heiraten.“

Das hatte sie erwartet; trotzdem war sie erleichtert, dass er es aussprach. Ohne Überzeugung, eher aus einer gewissen Laune heraus, sagte sie schnell, „Ich will nicht, dass du mich heiratest, nur weil es in dem Fall so üblich ist.“

Carney stützte sich auf einen Ellbogen, wobei sich seine breite nackte Schulter und ein muskulöser tätowierter Oberarm zeigte. Er schaute mit ernster Zärtlichkeit auf sie herunter.

„Mein Schatz, darum geht es nicht. Wenn ich aufrichtig sein soll, ich möchte dich jetzt an mich binden, solange du noch verwirrt und hilflos bist, solange du noch in der Stimmung bist, in der du letzte Nacht warst. Ich habe Angst davor, dass du bald anders denken könntest und wegläufst.“

Ein zaghaftes Lächeln entspannte ihre fest geschlossenen Lippen und plötzlich wandte sie sich um und warf sich schluchzend in seine Arme. Er streichelte ihr Haar, nannte sie sein liebes Mädchen und wiederholte immer wieder ihren Namen, was ihm offenbar große Freude machte. Er war entzückt darüber, nicht nur ihr Liebhaber zu sein, sondern auch ihr Tröster und er empfand hinreißendes Glück, als ihre Tränen sanft seine Haut benetzten. Langsam hörte sie auf zu weinen. Sie lag warm und regungslos in seinen Armen, ganz erschöpft von diesem Gefühlsausbruch, so wie sie es getan hatte nach der Leidenschaft dieser Nacht.

Ihr Gesicht, gegen seine Schulter gepresst, wurde verdeckt durch ihr aufgelöstes Haar und als er versuchte, die Strähnen wegzuschieben, murmelte sie, „Bitte nicht.“

Schließlich sagte sie, „Es tut mir leid, dass ich so ein Theater mache. Ich wollte keinen Tränenausbruch. Ich wollte ganz ruhig und gefasst sein wegen uns – über alles. Wie wäre es, Matthew, wenn du jetzt aufstehst und dich anziehst? Bring mir kein Frühstück herauf – es ist mir lieber, wenn ich mich vor dem Essen wasche und anziehe. Wo kann ich mich waschen?“

„Wenn du den Gang hinunter gehst, findest du das Badezimmer.“

„Ich komme dann zu dir herunter. Lass mir bitte eine Bürste und einen Kamm hier und gib mir eine halbe Stunde.“

„So lang?“ entgegnete er und lächelte verschmitzt.

„Meine Haare sind ganz durcheinander und mein Gesicht muss furchtbar aussehen. Ich möchte nicht, dass du mich so unvorteilhaft siehst.“

„Gut. Soll ich die Jalousie öffnen?“

„Nein.“

Sie dreht sich um, als er aufstand. Er brauchte nicht lang, sich anzuziehen. Er kam vom Badezimmer zurück, ging aber gleich wieder und schloss die Türe. Sie setzte sich auf und sah sich im Zimmer um. Carneys kleiner lederner Handkoffer, den er in Montreal gekauft hatte, lag offen auf dem Tischchen neben dem Bett. Unten am Fenster lagerten seine alten schäbigen Koffer, einer offen, der andere geschlossen. Die Möbel verrieten das billige Hotel, nicht ganz so billig wie bei Mrs.Paradee, aber ebenso abgenutzt, karg und unbequem; das Fußteil des hölzernen Bettes war zerkratzt, als habe ein ganzes Regiment trinkfreudiger Bahnarbeiter Albträume gehabt mit Schuhen an den Füssen.

Isabel stieg aus dem Bett und zog die Jalousie hoch. Sie trat sofort vor den langen Spiegel, der an der Zimmertüre befestigt war und in der Flut des unbestechlichen Sonnenlichts betrachtete sie prüfend ihr Spiegelbild, wobei sie insgeheim erwartete, nach den Erfahrungen der letzten Nacht eine gewisse Veränderung festzustellen. Carneys Schlafanzug-Oberteil hing in weiten Falten an ihr herunter und die zerzauste Kreatur im Spiegel begann zu lächeln. Schnell zog sie das komische Kleidungsstück aus und erblickte ein vertrautes Bild, unverändert, unversehrt. Eine erstaunliche Entdeckung! Sie hatte oft über das Erscheinungsbild frisch verheirateter junger Frauen nachgedacht und überlegt, wie diese nach den Intimitäten und Leidenschaften – die sie selbst sich nur vorstellen konnte – ein solch unbekümmertes Auftreten an den Tag legen konnten. Jetzt wusste sie es, aber dennoch fand sie es rätselhaft.

Daraufhin betrachtete sie die Gestalt im Spiegel noch etwas kritischer. Was sie sah, war beruhigend. Auf jeden Fall hast du einen hübschen Busen, eine schmale Taille und sehr gute Beine. Diese Einschätzung erfolgte mit dem zufriedenen Bewusstsein einer Frau, deren physische Erscheinung den wichtigsten Test bestanden hatte: die Wertschätzung eines Mannes.

Sie schob diese Überlegungen beiseite und bemerkte gerührt, dass Carney ihre Kleider aufgesammelt und sorgfältig über einen Stuhl gelegt hatte. Schnell zog sie sich an. Als sie in die Kostümjacke schlüpfte, stellte sie erfreut fest, welch gute Wahl dieser knitterarme Stoff gewesen war. Im Badezimmerspiegel entdeckte sie Schwellungen an den unteren Augenlidern, hervorgerufen entweder durch die Inbrunst der letzten Nacht oder durch die morgendlichen Tränen. Sie benetzte ihre Augen intensiv mit kaltem Wasser, aber die Schatten blieben. Da war eben nichts zu machen und sie fand am Ende, dass sie damit ein neues, recht interessantes Aussehen gewonnen hatte und wandte sich anderen Dingen zu. Es dauerte einige Zeit, ihre verwirrten Haare zu ordnen mithilfe von Carneys Bürste und Kamm, die eher männlichen Bedürfnissen dienten. Als sie zurück ins Zimmer kam, musste sie Boden und Kissen sorgfältig nach verlorenen Haarnadeln absuchen.

Dann ging sie die Treppe hinunter ins Untergeschoß, wo Carney in der kleinen Lobby auf sie wartete. Es roch nach kaltem Rauch, abgewetzte schwarz gepolsterte Stühle und etliche Messing-Spucknäpfe standen herum. An der Wand hingen zwei oder drei gerahmte Drucke von Eisenbahnzügen aus früheren Zeiten; außerdem ein großer bunter Kalender, auf dem mehrmals eine nackte junge Frau abgebildet war, die knietief in einem Pool stand. Der Angestellte hinter dem Empfangspult – öliges Haar, hageres, gallenkrankes Gesicht – blickt Isabel kalt an. Nachdem sie sich in den leeren Speiseraum gesetzt hatten, sagte sie schnell. „Dieser Mann am Empfang – es hat mir gar nicht gefallen, wie er mich angesehen hat.“

„Mach dir darüber keine Gedanken,“ entgegnete Carney.

„Was hast du ihm letzte Nacht gesagt, als wir hereingekommen sind?“ fragte sie insistierend.

„Warum willst du das wissen?“

„Sag es mir!“

„Er zögerte und wurde etwas verlegen. „Viel gibt es dazu nicht zu sagen. Als ich meinen Zimmerschlüssel abholte, fragte er, ob die Dame meine Frau sei und ich sagte ja. Er fragte nach deinem Gepäck, und weil du keines hattest, verneinte ich. Ich sagte, du seist unerwartet angekommen. So war es ja auch.“

„Ja, und dann?“

„Er meinte, in diesem Fall sei es üblich, dem Angestellten fünf Dollar zu geben.“

„Und hast du das getan?“

„Natürlich.“

Sie blickte ihn wütend an. „Ich komme mir vor wie ein Flittchen!“

„Sag sowas nicht.“

„Ich wünschte, du hättest ihm eins auf die Nase gegeben.“

„Danach war mir auch zumute, aber die Folge wäre eine hässliche Prügelei gewesen.“

Sie sprang auf. „Bitte, lass uns woanders hingehen, Matthew. Hier könnte ich nichts essen – ich will hier keine Minute mehr bleiben. Mir ist die Freude vergangen.“

Er erhob sich unglücklich. „Ich hole mein Gepäck und checke aus. Warte in der Lobby auf mich.“ Aber sie wollte nicht erneut dem zynischen Blick der Kreatur am Empfang begegnen.

„Ich warte draußen, an der frischen Luft.“

Er bestellte per Telefon ein Taxi und es bog gerade um die Straßenecke, als er mit seinen Koffern herauskam. Sie stiegen ein und Carney sagte, „Bringen Sie uns zu irgendeinem Pfarrer.“

„Zu welchem?“ fragte der Taxifahrer.

Sie blickten sich an. „Kennst du einen?“ fragte Isabel.

„Nein.“ Seine Augen verrieten Unsicherheit und Ergebenheit und sie spürte wie ihr Selbstbewusstsein wieder erwachte.

„Nun, wenn du mich schon zu einer ehrbaren Frau machen willst, Matthew, würde ich einen Geistlichen der Presbyterianer vorziehen. Mehr Respektabilität geht nicht. Aber ich glaube, du musst zuerst eine behördliche Genehmigung beantragen, und einen Ring besorgen – ich weigere mich, deine Frau zu werden, ohne einen Ehering. Und was ist mit unserem Frühstück?

„An all das habe ich nicht gedacht,“ gab er mit einem jungenhaften Lächeln zu.

„Wie gut, dass wenigstens einer von uns vernünftig ist.“

Für einen ordentlichen Aufpreis wartete das Taxi vor einem Restaurant, während sie ein gemütliches Frühstück verzehrten, dann fuhren sie weiter zu Carneys Bank und zu einem Juweliergeschäft. Als sie den Laden betraten, bestand Isabel auf etwas, das günstig und einfach war, aber sie entdeckte, was jeder in einem Juweliergeschäft entdeckt, dass die günstigen Dinge nicht einfach sind und die einfachen nicht günstig. Carney wollte sogleich das Beste kaufen, was der Laden zu bieten hatte, und ohne zu handeln. Sie wollte das nicht.

„Diese Sachen aus Weißgold – die sind zu teuer und sie gefallen mir sowieso nicht. Ich mag zwar altmodisch sein, aber ich fühle mich viel respektabler verheiratet, wenn der Ring aus einfachem Gelbgold ist, wie der meiner Mutter.

Der Juwelier betrachtete ihren nackten Ringfinger. „Wollen Sie nicht auch einen hübschen Verlobungsring dazu?“ fragte er schlau. „Vielleicht mit einem schönen Diamanten?“

„Nein.“

„Nimm ihn!“ drängte Carney. Er fühlte sich als Liebhaber, der den Drang hatte, sie mit Geschenken zu überhäufen, was ihr ein verständnisvolles Lächeln entlockte und ihr ernstes Gesicht erhellte.

«Rings on her fingers and bells on her toes»?3) – „Aufgeputzt wie ein Zirkuspferd? Nein Matthew, das will ich nicht. Ganz ehrlich! Ich habe mir nie viel aus Schmuck gemacht und es kommt mir albern vor, einen Ring zu tragen für eine Verlobungszeit, die nur – wie lange dauerte? – ungefähr zwölf Stunden. Alles was ich möchte, ist ein Ehering, einen hübschen altmodischen aus Gelbgold, wie den hier.“ Sie zeigte darauf.

Sie traten aus dem Geschäft mit dem hübschen Goldring in Matthews Tasche und im Taxi bekam er einen herzlichen Kuss.

„Du bist wirklich ein Schatz, Matthew.“

„Ich hätte dir so gerne auch den Diamantring gekauft.“

„Ach du und deine Diamanten. Ich bin doch nur ein armes Büromädchen.“

„Und was bin dann ich?“

„Ein großes blondes Monster mit Bart. Sag dem Taxifahrer, wo es hingeht.“

Die Heiratserlaubnis war schnell ausgestellt. Als sie das Büro verließen, fragte Isabel den Angestellten nebenbei, ob er die Adresse eines presbyterianischen Geistlichen in der Nähe wüsste. Der Mann schaute sie fragend an.

„Ja, natürlich. Aber sind Sie sich denn darüber im Klaren, dass Sie erst nach drei Tagen heiraten können?“

„Wie bitte?“

„Drei Tage nach Ausstellung der Erlaubnis.“

„Aber das ist absurd!“ rief Isabel.

„Zweifellos, aber es ist Gesetz in Nova Scotia.“

Sie traten beunruhigt und schweigend auf die Straße. Neben dem Taxi blieben sie stehen.

„Also dann nehmen wir uns einfach ein Zimmer in einem anständigen Hotel,“ sagte Isabel tapfer. „Drei Tage vergehen schnell und dort wissen sie es ja nicht.“

Der Taxifahrer dreht sich zu ihnen um und fragte durch den Rauch einer Zigarette, die ihm von den Lippen hing, „Wohin jetzt?“ Carney schaute zu Isabel.

„Du wirst vermutlich einkaufen wollen, oder? Und dann sollten wir uns bei Hurd melden. Wir können nicht einfach weglaufen, ohne eine Erklärung.“

„Wirklich nicht?“ entgegnete sie bedauernd. „Nun ja – du gehst, Matthew. Er wird sehr ärgerlich sein und ich habe keine Lust, mich dem auszusetzen.“ Sie wusste besser als Carney welche Hiobsbotschaft die Neuigkeit für Hurd wäre. Sie empfand sogar etwas Schadenfreude, wenn sie an Hurds Dilemma dachte. Sollte er doch Carney Vorwürfe machen, weil er ihm seine Sekretärin entführte, oder Miss Jardine, weil sie weglief mit seinem besten Funker im Außenbereich. Vor allem aber dachte sie an Miss Benson. Sie sah direkt vor sich, wie sie lächelte.

„Ich werde keinen Fuß mehr in dieses Büro setzen,“ sagte sie entschlossen. „Es gehört zu den Dingen, die ich vergessen möchte.“

Matthew fasste sich an seinen blonden Bart und starrte auf das Pflaster. Ihre Entschlossenheit, sich ganz und gar von ihrem früheren Leben zu trennen, verwunderte ihn, aber er hatte dadurch so viel gewonnen, dass er es hinnahm, ohne nachzufragen.

„Mein Schatz,“ antwortete er langsam, „wenn du tatsächlich alles hinter dir lassen willst, sollten wir nicht in Halifax bleiben. Es ist keine große Stadt. Jeden Tag könnte dich etwas oder jemand daran erinnern, dass …“

„Ja … Ja, daran hatte ich gar nicht gedacht.“

„Wir sollten woanders hin gehen – Montreal vielleicht. Dort könnte ich einen Job kriegen.“

Sie dachte mit Bedauern an das Häuschen mit Garten am Fluss Arm. Aber es war richtig, was er sagte. Im Grunde hatte sie es bereits gewusst, als sie nach jener verrückten Nacht neben ihm im Bett aufgewacht war.

„Ich war einfach zu egoistisch,“ rief sie. „Was stellst du dir denn vor, was wir tun sollten?“

„Was du willst.“

„Schon, aber du kannst nicht immer so argumentieren, Matthew. Du würdest mich bald hassen. Erinnerst du dich, was du mir in dem Restaurant am Hafen gesagt hast – dass dich jetzt nichts mehr in einer Stadt hält?“

Er lächelte scheu, was ihn ausgesprochen naiv und jung aussehen ließ.

„Das war vor letzter Nacht.“

„Du weichst meiner Frage aus!“

„Wenn du alles hinter dir lassen kannst, dann kann ich das auch.“

„Aber bei dir ist das ganz was anderes, Matthew! Du hattest vom Leben, was du wolltest, ich nicht. Du warst zufrieden, ich nicht. Aber wir sollten nicht hier herumstehen und argumentieren. Sag dem Taxifahrer, er soll uns irgendwo hinfahren.

„Hast du ein bestimmtes Ziel im Sinn?“

„Ja, Point Pleasant.“

Die ruhige Stimme des Taxifahrers unterbrach sie. „Autos dürfen im Park nicht fahren, verehrte Dame. Nur Pferdekutschen. Wie wäre es mit Bedford-Basin?“

„Nein,“ entgegnete Isabel entschieden. „Ich möchte durch den Park fahren. Bringen sie uns zu einem Mietstall – zu einem, der Kutschen vermietet.“

Eine halbe Stunde später zuckelten sie in einer etwas glanzlosen viktorianischen Kutsche gemächlich durch die Tore des Parks, gezogen von zwei gepflegten Pferden. Auf dem Bock saß ein echter Kutscher mit Backenbart und Bowler-Hut. Carney musste ein Lachen unterdrücken.

„Ich weiß, ich bin altmodisch, aber das ist meine Vorstellung von Luxus. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas noch gibt.“

„Ich wusste, dass es dir gefällt. Es gibt nicht mehr viele; nur im Park. Meistens sitzen zwei alte Damen drin, die die Seeluft genießen. Es ist wirklich sehr schön, nicht wahr?“ Sie nahm seinen Arm und drückte ihn an sich. Die Räder der Kutsche und die Hufschritte der Pferde erzeugten gefällige Geräusche auf dem Kiesweg; die Straße führte in Kurven durch den Kiefernwald, in dessen grünes Zwielicht Sonnenstrahlen fielen wie spitze Pfeile. Auf einmal wehte eine kühle Brise durch den grünen Tunnel der Bäume. Die Kutsche rollte flott ein längeres Gefälle hinunter und fuhr dann am Meeresstrand entlang. Sie passierten Spaziergänger und Picknick-Gruppen, die sich auf den Grasflächen über dem Uferbereich aufhielten, dann einen schmiedeeisernen Musikpavillon, der einsam, hoch über dem Wasser, auf einer kleinen Anhöhe stand. Plötzlich sahen sie die alte Geschützstellung vor sich.

Isabel bat den Kutscher anzuhalten. Carney wandte sich lächelnd zu ihr. Sie schaute aufs Meer hinaus mit diesem nachdenklichen und etwas traurigen Ausdruck, wie er sie schon einmal gesehen hatte – als ob sie wieder allein war und in der glänzenden Weite erneut das Abbild von Sir Lancelot suchte. Insgeheim studierte er ihr blasses Profil, das sich deutlich abhob gegen den dunklen Wald am entfernteren Ufer. Offenbar war sie schnellen Stimmungswechseln unterworfen, was ihm Angst machte, wenn er daran dachte, wie sie nach dem ersten wundervollen gemeinsamen Abend an der Türe zu ihrer Wohnung sich geweigert hatte, ihn noch einmal zu treffen. Die schnelle Wandelbarkeit ihrer Stimmung erschien ihm so unvorhersehbar, dass es ihn tief verunsicherte. Der Gedanke, sie jetzt zu verlieren, war unerträglich. Es dauerte eine Ewigkeit, bevor sie sprach.

„Matthew, ich musste hierherkommen. Ich bin immer hierhergekommen, wenn ich nachdenken wollte und mir scheint, dass ich seit gestern Nachmittag rein impulsiv gehandelt habe.“

„Ja?“ sagte er mit belegter Stimme. Er zitterte innerlich. Er wollte schreien, sie solle nicht nachdenken, aber eine tief verwurzelte Haltung von Respekt hinderte ihn daran. Ihre Augen waren immer noch zur Hafenmündung gerichtet. Ein alter Dreimastschoner, dessen geflickte, ausgebleichte Segel kaum von der matten Brise angetrieben wurden, kroch langsam in Richtung Thrum Cap. Weiter draußen am Horizont, legte ein vorbeiziehendes Dampfschiff einen schwarzen Pinselstrich über den Himmel. Ein paar reinweiße Möwen hoben sich ab gegen das dunklere Meer, berührten die Wasserfläche und wirbelten wie Papierfetzen im Wind. Irgendwo tönte klagend eine Glockenboje.

Sie redete weiter in diesem grüblerischen Ton: „Es ist seltsam, aber insgeheim war der Gedanke bereits da – nämlich als du von einem Job an Land gesprochen hast und von einem Leben in Halifax oder Montreal. Das waren Hirngespinste.“

„Nein!“

„Oh ja, Matthew! Bitte, hör‘ mir zu! Du wolltest deinen Job in Marina aufgeben, weil du dachtest, dass das Leben an einem solchen Ort für mich unerträglich wäre. Du dachtest – wir beide dachten – dass unsere Liebe in einem Häuschen am Ufer des Arms oder sogar in einer Wohnung in Montreal himmlisches Glück bedeuten würde. Aber die ganze Zeit über wusste ich, das würde nicht gut gehen. Nie. Du wärst niemals glücklich, Matthew – bitte hör mir zu – nicht wirklich glücklich, in einer Umgebung, die du als Irrenhaus bezeichnet hast an diesem ersten Tag, als wir miteinander sprachen. Denn es ist ja irr, und zwar alles.“ Sie warf den Kopf zurück, eine Geste, die nicht nur Halifax verwarf, sondern den ganzen verrückten Kontinent. „Das ist mir gestern zwischen sechs Uhr und sieben Uhr klar geworden. Als ich zu dir in das Restaurant kam, war ich total von Sinnen – Bedlam3) lässt grüßen.“

Carney versuchte nicht, diese vagen Andeutungen auf Mrs. Paradees Institution zu verstehen. Er wusste, dass sie dort unglücklich war, aber dieser harte, fast schrille Ton ihrer Stimme war irritierend; und es tat ihm weh, diesen Mund, letzte Nacht so warm und hingebungsvoll, verzogen zu sehen zu einem trockenen Lächeln, das eine völlig andere Person aus ihr machte. Er stand noch ganz unter dem Eindruck jener zauberhaften Stunden, die ihm seine Jugend wiedergeschenkt hatten und seine Träume hatten wahr werden lassen von einer wundervollen Frau, die ihm allein gehörte. Diese Veränderung erschien wie eine Verdüsterung des Himmels vor dem Sturm. Was würde sie sagen?

„Matthew, was ich sagen will: Du musst wieder zurück nach Marina.“

Stille. Dann zutiefst bedrückt: „Und was ist mit dir?“

„Nimm mich mit.“

Sie sagte es mit fester Stimme und schloss dann die Augen, als wollte sie den Spiegelschein des Meeres ausblenden. Aber sie blieb angespannt und hielt das Gesicht zur Hafeneinfahrt gerichtet und somit auf die riesige Weite des Nordatlantik; darin lag dieser weitentfernte Punkt, der für Carney Heimat bedeutete, für sie jedoch ein großes Geheimnis war. Eine Zeitlang saß Carney wortlos da, durchdrungen von einem warmen Gefühl von Erleichterung.

Langsam wandte sie sich ihm zu und der Kutscher sah aus dem Augenwinkelwinkel, wie die Passagiere, die er für Vater und Tochter gehalten hatte, sich im offenen Wagen mitten in der nachmittäglichen Sonne umarmten und leidenschaftlich küssten. Er war erstaunt, fast schockiert und fasste sich erst wieder, als die junge Frau etwas Unverständliches schrie und der bärtige blonde Mann sich umdrehte und zu ihm hinaufrief, „Fünf Dollar, wenn sie uns bis um vier Uhr in die Stadt bringen!“

 

KAPITEL 10

 

Später erinnerte sich Isabel oft unter Lachen an die wilde Kutschfahrt durch die Straßen von Halifax, das laute Geklapper der Hufe, das Rattern und Rasseln der Räder, die bellenden Hunde, die Rufe des Kutschers, die spottenden kleinen Jungen, das Schwanken des Karrens durch den Stadtverkehr, vergleichbar mit einer Barke unter vollen Segeln in einer dicht befahrenen Gezeitenströmung.

Zum Einkaufen war nicht mehr viel Zeit. Carney drückte ihr sein Scheckbuch in die Hand und sie ging damit eilig durch eines dieser Geschäfte, die alles verkaufen, von Reisegepäck bis zu Seidenstrümpfen. Die verträumte Stimmung war vergangen. Sie war wieder die kompetente junge Frau, wie Hurd sie kannte, eine Liste der erforderlichen Dinge vor Augen; sehen, den Preis checken, kaufen, weitermachen. Endlich im Taxi, beladen mit Einkäufen und neuem Handgepäck, ließ sie einen Anflug von Aufregung zu. Dann erreichte sie die Anlegestelle der Fähre, wo Carney mit seinen Koffern wartete. Als sie die Hafenbucht Richtung Dartmouth überquerten, übergab sie ihm sein ausgedünntes Scheckbuch.

„Ich war schrecklich verschwenderisch.“

„Na und?“

„Matthew, ich habe nie im Leben so viel Geld auf einmal ausgegeben. Es hätte so vergnüglich sein können, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte – von einem Geschäft zum nächsten wandern, Dutzende Sachen anprobieren und mir mit einer Entscheidung bis zum letzten Moment Zeit lassen. Wann hat jemals eine Frau eine ganze Ausstattung innerhalb einer Stunde gekauft? Aber ich habe ein paar hübsche Sachen gefunden, du wirst sehen; natürlich sind auch praktische Dinge dabei. Es ist wirklich ein wundervolles Gefühl, mein Schatz, ein neues Leben anzufangen mit Dingen, die alle frisch aus dem Laden kommen. Ich bin dir so dankbar. Sie nahm seine Hand und mit einer der impulsiven Gesten, die ihn so bezauberten, drückte sie einen Kuss darauf.

„Ich war bei Hurd,“ sagte er ganz nebenbei.

Sie hob den Kopf und blickte besorgt, „Oh! Wie hat er reagiert?“

„Zuerst war er sprachlos und stand überrascht da mit offenem Mund. Er starrte mich durch seinen Zwicker an, als ob ich völlig neben der Spur sei. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen – er sah aus wie ein gestrandeter Fisch. Schließlich gratulierte er mir wenig überzeugend und bat Miss Benson einen Scheck für dich auszustellen, deinen Lohn bis Ende des Monats, was man durchaus als großzügig bezeichnen kann. Hier ist er.“

Sie nahm den Scheck und stecke ihn in ihre Handtasche.

„Was hat sie gesagt – Miss Benson?“

„Kein Wort.“

„Aber gedacht hat sie sich wohl einiges.“

„Das würde ich meinen.“

„Was ist mit mir – ich meine auf dem Schiff? Sie erwarten dich allein.“

„Ich bat Hurd Kapitän O’Dell anzurufen und ihm mitzuteilen, dass meine Frau mich begleitet. Es muss nichts weiter vorbereitet werden. Ich habe eine Kabine für mich allein und O’Dell ist es gewöhnt, dass weibliche Passagiere an Bord sind, Frauen von Leuchtturmwächtern und andere, die an der Küste rauf und runter reisen.“

„Und was ist mit mir auf Marina?“

„Ich habe eine Funknachricht an Skane geschickt, der Mann, der mich dort vertreten hat. Er kümmert sich darum, dass alles hergerichtet ist. MacGillivray verlässt die Insel, sein Dienst ist vorbei. Der junge Sargent bleibt. Das sind dann du und ich, Skane und Sargent und der Koch natürlich.“

Isabel lehnte sich zurück in die Polster der Fähre. Durch das Fenster sah sie kurz die abgestoßenen Pfähle der Landestelle, aber ihre Gedanken reichten weit hinaus über den Strand von Dartmouth.

„Du hast Hurd vermutlich gesagt, dass wir verheiratet sind?“

„Natürlich.“

„Du solltest mir den Ehering geben.“ Carney suchte in einer Anzugtasche und fand ihn. Sie hielt ihm ihre Hand hin.

„Steck ihn mir bitte an und küss‘ mich.“ Er gehorchte.

„Und jetzt gib mir die Lizenz.“

„Die hast du – du hast sie in deine Handtasche getan, als wir aus dem Büro kamen.“

Sie richtet sich schnell auf und schaute in ihre Handtasche.

„Tatsächlich. Ich habe es vergessen, weil ich so durcheinander bin.“

„Stell dir vor, ich dachte soeben – O’Dell könnte uns doch trauen, oder?“

„Nicht aufgrund dieser Urkunde, mein Lieber. Wir sind in zwei Tagen auf Marina. Es wäre mir sowieso nicht recht – dann würde das ganze Schiff unsere Geschichte erfahren.  Sie würden es alle ziemlich sonderbar finden und sich fragen, warum wir in einer Stadt, die vor Geistlichen wimmelt, nicht daran dachten zu heiraten, bevor das Schiff nach Marina auslief. Es wäre mir lieber, sie in dem Glauben zu lassen, dass du mich während deines dreimonatigen Urlaubs getroffen und auf respektable Art und Weise geheiratet hast. Es gibt ja Leute, ich glaube die Quäker, und auch in Schottland irgendwo, die heiraten, indem sie nur ihre Absicht erklären und dann die Ehe vollziehen. Wir haben immerhin die Lizenz als Zeugnis unserer Absicht – und miteinander geschlafen haben wir auch. Mein lieber ehrlicher Matthew, schau nicht so ernst! Ich bin damit zufrieden – du etwa nicht?“

„Du weißt, ich bin es auch. Aber ich dachte, Frauen wollten diese Dinge ordentlich geregelt haben.

„Ich bin nicht „Frauen“, Matthew Carney, vergiss das nie. Ich bin ich.“

„Als ob ich das nicht wüsste!“

 

Kaptän O’Dell erwartete sie auf der Gangway, eine ungewöhnliche Ehre. Hurds Botschaft hatte ihn erstaunt und aus alter Freundschaft für Carney empfand er eine unwiderstehliche Neugier. Er vermutete, dass der einsame Mann von Marina einer raffinierten geschminkten Kreatur zum Opfer gefallen war, die Ehe und Ehrbarkeit gesucht hatte, wovon sie dann innerhalb eines Monats auf seiner Insel genug hatte. Er musterte Isabel mit einem zynischen Blick, als sie die Gangway heraufkam, aber Carney stellte ihm seine Frau mit solch übergroßem Stolz vor, dass der Kapitän ganz gerührt war. Im nächsten Augenblick schüttelte er einer ruhigen jungen Frau mit einem sensiblen Gesicht und aufrechter Haltung die Hand. Man konnte sie zwar nicht hübsch nennen, aber geschminkt war sie nicht. Sie gefiel ihm, aber er empfand sofort Mitleid mit ihr. Sie kam ganz offensichtlich aus der Stadt. Er dachte an das Leben auf Marina, einfach und primitiv und so todlangweilig, vor allem für Frauen, und fragte sich durch welche Überredungskünste Carney es geschafft hatte, sie zum Mitkommen zu bewegen. Wie lange würde sie wohl bleiben? Die Lord Elgin legte drei oder viermal im Jahr an, um Versorgungsgüter und Post zu bringen. Die Einwohner rechneten die Zeit nach ihrem Erscheinen. O’Dell gab Carneys Braut eine Anlegeperiode oder bestenfalls zwei, aber er verbarg diese Gedanken hinter einem Ausbruch an Liebenswürdigkeit, schlug Carney auf die Schulter, nannte ihn einen schlauen alten Fuchs und einen Glückspilz, fragte Isabel mit einem aasigen Lächeln, was sie an dem Kerl denn fand und rief mit seiner hohen Stimme ein paar Matrosen zu, sich um ihr Gepäck zu kümmern.

Die Kabine, die für den Stellvertretenden Minister für Marine und Fischerei ausgestattet war – aber von diesem ehrenwerten Herrn bisher nie benutzt wurde – entzückte Isabel. Sie freute sich wie ein Schulmädchen über den roten Teppich, die grüne Plüschcouch, die Ahorntäfelung, den vergoldeten Spiegel, das große Bett aus Mahagony mit den messingbeschlagenen Schubladen, die Wasserkaraffe mit den Gläsern im Regal, die üppigen grünen Vorhänge, die an Messingringen über die Eingangstüre gezogen werden konnten, wenn die Türe zum Lüften offen stand, das anschließende Badezimmer, die geöffneten Bullaugen, durch die das Hafenwasser gebrochene Sonnenreflexe über den Schiffsrumpf warf. Sie dreht sich zu Carney um und küsste ihn mit der Begeisterung einer Braut, deren Ehemann gerade die Hochzeits-Suite auf – sagen wir – der Mauretania gebucht hatte.

Er lächelte, überließ ihr das Auspacken und trat mit festem Schritt auf das Deck hinaus, um das Laden der zuletzt angekommenen Güter und Postsäcke zu beobachten. Als die Glocke zum Abendessen läutete, fand er sie fertig angekleidet in einem eleganten gelben Kostüm, eines ihrer Neuerwerbungen, den Mund gespickt mit Haarnadeln, damit beschäftigt, letzte Hand an ihre Frisur zu legen.

„Wie gefällt die mein Kostüm?“ fragte sie durch die Haarnadeln.

„Reizend.“

„Es ist schrecklich kurz, findest du nicht? Ich habe das Gefühl, zu viel Bein zu zeigen.“

„Du siehst sehr hübsch aus, Beine und alles.“

„Es ist jetzt Mode,“ sagte sie etwas unsicher.

Sie betraten gemeinsam den Saloon. Die Offiziere standen höflich bei ihren Plätzen um den Tisch. Der Kabinenchef und der dritte Maat waren aus dienstlichen Gründen abwesend. Der erste Offizier, ein gutaussehender Mann mit grauen gelockten Haaren und einem gebräunten, etwas cholerisch anmutenden Gesicht, befand sich unten am Tisch. Auf der Sofaseite standen der zweite Maat, fünfunddreißig, pockennarbig, und der andere Passagier, ein dicker, gut gelaunter Leuchtturmhelfer, der nach Saint Paul unterwegs war, einer einsamen Felseninsel. Kapitän O’Dell bat Isabel sich links von ihm auf die Stirnseite des Tisches neben den Chef-Ingenieur zu setzen und platzierte Carney zur Rechten des ersten Offiziers.

Die Formalität dieser Tischordnung, eine Huldigung, die sie gar nicht als solche erkannte, schien zu dieser wunderbaren Privatkabine zu passen und sie hielt es für die normale Gepflogenheit an Bord des Schiffes. Carney, der den sonst üblichen lockeren Umgang mit Passagieren, die zu Außenposten entlang der Küste unterwegs waren, kannte, schaute O’Dell erstaunt lächelnd an. Aber der Kapitän widmete sich Isabel und auch die anderen Männer am Tisch richteten ihre Blicke auf sie. Das unvermittelte Auftauchen des berühmten Carney mit einer Frau stellte ein Phänomen dar, das auf seine Art verglichen werden konnte mit der Erscheinung eines leuchtenden neuen Himmelskörpers neben dem Polarstern und sie betrachteten es mit fast ähnlich professionellem Interesse.

Sie spürte die Herausforderung sofort und reagierte auf diese Neugier mit Bravour, unterhielt sich lebhaft mit O’Dell und dem Walross gegenüber und warf ab und zu einen lächelnden Blick zu Carney, der sie bewundernd ansah. Er war stolz darauf, wie sie sich präsentierte in Gegenwart dieser Männer, die er seit Jahren kannte. Man konnte es an seinen Augen sehen, an seinem Lächeln, in der abwesenden Unterhaltung mit dem rotwangigen Mann, der neben ihm saß.

Der schönste Augenblick kam beim Dessert, als auf ein Zeichen von Kapitän O’Dell hin der Stewart mit einer Flasche Champagner herumging – Schmuggelgut von Saint Pierre – und alle sich zum Trinkspruch des Kapitäns erhoben, „Auf die neue Königin von Marina! Lang möge sie regieren!“ Es folgte ein ausgelassenes Händeklatschen und die Aufforderung, eine Rede zu halten. Sie weigerte sich lächelnd und spürte, dass sie rot wurde, wie es einer Braut zukam, aber nicht einer amtsgewohnten Königin. Dann wurde Carney gebeten, der sich ebenfalls weigerte, indem er wahrheitsgemäß erklärte, er sei kein geübter Redner und nicht in der Lage, der Aufforderung gerecht zu werden. Damit endete das nette gesellschaftliche Zusammensein. Man hörte vom Deck her das Geräusch von Seilwinden und die Stimmen von Dockarbeitern. Im nächsten Augenblick tranken O’Dell und seine Männer den letzten Schluck Kaffee, dann entfernten sie sich, um das Schiff meerwärts zu steuern.

Die Sonne hatte sich hinter die Hügel am Hafen zurückgezogen. Nur im Westen leuchteten noch ein paar Wolken feurig im letzten Sonnenlicht. Citadel Hill warf seinen Schatten über die Unterstadt, wo bereits die künstliche nächtliche Beleuchtung zu glitzern begann. Aus den Kaminen stieg Rauch in die stille Luft und ballte sich über steilen Hausdächern, die das Wasser überragten, so dass alles geheimnisvoll verschleiert wirkte und die Lichter in diesem Dunst wie Glühwürmchen aussahen. Halifax war jetzt schön, und Isabel, die neben Carney auf der Brücke stand, empfand einen kurzen Stich. Dann stieg wie eine Erscheinung aus dem Dunst die Erinnerung auf an diesen schäbigen kleinen Hof hinter Mrs. Paradees Haus. Sie dachte wieder an die Matrosen, die ihre Koffer packten für die Reise aufs Meer. Und jetzt ich – ich auch, flüsterte sie triumphierend. Sie wandte ihr Gesicht zum Vorderschiff und sah weit voraus den Leuchtturm von Mauger’s Beach blinken, ein Wahrzeichen auf dem Weg ins Abenteuer.

Wie Objekte eines Traums zog eine Abfolge vertrauter Dinge vorbei, gesehen von einem unvertrauten Standpunkt aus; Öltanks, aufgereiht am Abhang von Dartmouth, die kleine Erhebung von George’s Island, der lange Steinwall, an dem sich die Wellen brachen, und dann Point Pleasant mit seinem Föhrenwald und oben die alte Geschützstellung. Sie fasste Carney am Arm.

„Schau mal! Da hat alles angefangen, Matthew – an der kleinen Bank, als ich so unglücklich war, und dann bist du gekommen. So viel Wunderbares ist geschehen – in so kurzer Zeit!“

„Eines Tages kommen wir hierher zurück, setzen uns hin und sprechen von alten Zeiten.“

„Wie schön und romantisch, mein Schatz. Wirst du mich dann noch lieben?“

„Ich werde dich immer lieben.“

Sie drückte seinen Arm. „Ich bin nie weitergekommen als bis zu diesem Punkt. Was ist das, dort draußen?“

„Chebucto Head. Da beginnt das eigentliche Meer. Es wird wohl ein wenig rau werden, fürchte ich. O’Dell hat Funkkontakt mit Marina aufgenommen und am Landeplatz herrscht eine ziemlich starke Dünung.“

„Was heißt das?“

„O‘Dell steuert das Schiff die Küste entlang bis nach Bold Head – das liegt unserer Insel am nächsten. Von da haben wir etwa neunzig Meilen auf dem offenen Meer. Bold Head ist ein guter Ankerplatz und O’Dell wird dort warten, bis Marina günstige Landebedingungen meldet. Es muss ja eine Menge Zeug ausgeladen werden.“

„Es gefällt mir, wie du das sagst. Unsere Insel!“

„Es stimmt schon, irgendwie habe ich immer das Gefühl gehabt, dass es meine Insel ist. Schließlich bin ich länger dort als sonst jemand, glaube ich jedenfalls. Und jetzt ist es natürlich unsere Insel.“

„Natürlich!“

 

Das Schiff begann auf einer langen Dünung, die jenseits der Hafenmündung anrollte, auf und ab zu schwanken. Am westlichen Himmel gab es noch einen Lichtschimmer, aber seewärts war es ganz dunkel; zum ersten Mal wurde es Isabel völlig bewusst, wie entschieden sie ihr Leben ins Unbekannte lenkte. Sicherheit suchend richtete sie den Blick auf die schattenhaften Gestalten am Vorderdeck; der junge Steuermann stand reglos hinter dem Steuerrad, das Gesicht hager und ernst im matten Schein der Kompass-Schale; die undeutlichen Gestalten von O’Dell, dem ersten Offizier und Carney, die sich an der vorderen Windschutzwand leise unterhielten. Vor allem aber suchte sie den beruhigenden Trost, der von Carneys Stimme ausging, mit ihrem tiefen kraftvollen Klang. Sie blickte auf die große Gestalt, die auf den Straßen von Halifax so fehl am Platz gewirkt hatte und sich jetzt im richtigen Rahmen befand. Gleichzeitig spürte sie jene leichte Verstimmung, die alle Frauen empfinden, die sich ganz und gar vertrauensvoll auf einen Mann eingelassen haben und feststellen, dass dieser Mann auch andere Interessen hat, die sie nicht mit ihm teilen können.

Worte, Sätze, flüchtige Bemerkungen aus dem Wortschatz der Seeleute erreichten sie wie Gemurmel in einer fremden Sprache. Gelegentlich lachte jemand und wenn sie Carneys Stimme hörte, erkannte sie den tiefen, zufriedenen Klang von dem sie glaubte, er gehöre ihr allein. Ich bin eifersüchtig – wie dumm! Sie ging in der dichten Dunkelheit auf ihn zu und instinktiv wandte er sich ab von seinen Gesprächspartnern, trat zu ihr hin und legte einen Arm um ihre Taille.

„Ist dir kalt? Soll ich dir einen Mantel holen?“

„Nein, nein, die Luft ist noch ziemlich warm. Und ich bin ganz stolz auf meine Standfestigkeit. Das Meer ist wirklich recht rau, nicht wahr? Eigenartig, fast ohne Wind.“

„Weiter draußen weht ein Südost-Wind,“ er deutete in die Nacht, “und bei uns kommen jetzt die Wellen an, die er aufgewühlt hat.“ Beiläufig fügte er hinzu, „es wird langsam noch stärker werden, wenn O’Dell das Schiff Richtung Bold Head zieht. Es ist ein schwankendes Wännchen, wenn es kräftig angestoßen wird.“

„Das klingt ziemlich seemännisch und unheilvoll.“

„Nicht so schlimm, wie es klingt. Macht dir der Seegang wirklich nichts aus?“

„Ich genieße es.“

Später jedoch, als sich die Lord Elgin so verhielt, Carneys prophezeit hatte, fühlte sich ihre Haut auf einmal seltsam kühl an, als blase ein kalter Wind.

„Ich glaube, ich gehe jetzt unter Deck – so sagt man doch, oder?“ Sie drehte sich zu ihm um und fügte leise und vielversprechend hinzu, „Komm bald zu mir.“

„Wie bald?“ flüsterte er.

„Eine halbe Stunde hast du noch – dann ist es für heute genug mit dem seemännischen Klönen.“ Er lachte sanft und sie ergriff in der Dunkelheit seine Hand und drückte sie.

Die Kabine wirkte sehr gemütlich im rötlichen Schein der abgeschirmten Lampe über dem Sofa und verstärkte ihren vorigen positiven Eindruck. Die Erinnerung an die nächtlichen Umarmungen in diesem erbärmlichen kleinen Hotel hatten sie während des langen Tages verfolgt als etwas, das sie belastete und sie war entschlossen, ihnen etwas entgegenzusetzen, sie auszumerzen aus ihrem und Matthews Gedächtnis. Hier in dieser gepflegten luxuriösen Schiffskabine, sah sie die passende Räumlichkeit für ihre Hochzeitsnacht und mit dem theatralischen Gefühlsinstinkt einer gesunden jungen Frau, begann sie Vorkehrungen für ihre Rolle zu treffen.

Das Schlingern des Schiffs fühlte sich offenbar in einem geschlossenen Raum heftiger an. Ihre Standfestigkeit, auf die sie so stolz gewesen war, schützte sie nicht davor zu taumeln, als sie sich auszog. Zweimal wäre sie beinahe hingefallen. Im Badezimmer erwartete sie ein Problem. Matthew hatte zwar so nebenbei erklärt, wie der kurze Dampfschlauch funktionierte, der das Badewasser aufheizte, aber sie erinnerte sich nicht mehr, was er gesagt hatte. Sie drehte versuchsweise am Ventil und erschrak, als der Schlauch mit einem Ruck reagierte und ein lautes Heulen von sich gab. Eine Dampfsäule stieg wie ein böser Geist aus dem Bad auf, worauf sie das Ventil hastig schloss. Schließlich badete sie in kaltem Wasser, in einer Hand den Schwamm, mit der anderen hielt sie sich fest, um das Schwanken des Schiffs auszugleichen. Es war schwierig. In der weißen Wanne schwankte das Wasser hin und her wie wilder Tidenhub, und als sie dann ausstieg, hatte sie ein unangenehmes Gefühl in der Magengrube.

Aus einem der neuen Koffer zog sie das extravaganteste Kleidungsstück heraus, das sie gekauft hatte, ein schwarzes Nachthemd aus einem so dünnen Stoff, dass es mehr Täuschung war als Gewand. Sie hatte sich geschämt, es unter den Blicken so vieler Käufer auszuwählen, aber sie hatte sich dazu entschlossen, während sie gleichzeitig eine Garnitur zarter französischer Unterwäsche erstand, die ebenso atemberaubend wirkte. Sie hatte so viele „vernünftige“ Einkäufe getätigt und schließlich war sie eine frisch verheiratete Frau, die ihren Bräutigam in Begeisterung versetzen wollte. Jedenfalls schien das die Absicht der Brautabteilung gewesen zu sein, wo diese Kleidungsstücke auslagen.

Sie streifte das herausfordernde Nachthemd über und betrachtete sich im Spiegel, dann trat sie einen Schritt zurück, um den vollen Effekt zu studieren. Im nächsten Augenblick wollte sie es wieder ausziehen und etwas anderes anziehen, das eher ihrer Vorstellung von Sittsamkeit entsprach. Was würde Matthew denken? Aber war denn ein Bräutigam darauf eingestellt zu denken oder bewusst zu reagieren? Die Verkäuferin hatte das Nachthemd „bezaubernd“ genannt, und hatte Matthew nicht ein Recht darauf, bezaubert zu werden? Diese traurige lange Zeitspanne in seinem Leben ohne Liebesgeschichte; und wie dankbar und wie naiv er letzte Nacht gewesen war. Zweifellos betete er sie an. Aber das hatte sich im Dunkeln abgespielt. Ob es klug war, hier im Lampenlicht die Reize seines Idols so freizügig auszuspielen? Hatte sie bereits zu viel gegeben und zu früh?

Sie überlegte alles ernsthaft und aus weiblicher Intuition heraus kam sie zu dem Schluss, dass Flitterwochen dazu da waren, bezaubernde Momente zu schaffen, die einem Ehemann ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Dabei stemmte sie sich mit wachsender Verzweiflung gegen die Eskapaden des Schiffes – und plötzlich entschied das Schiff alle ihre Zweifel und Spekulationen. Die momentane Übelkeit, die sie empfunden hatte, als sie aus dem Bad stieg, breitete sich nun als feuchte Beklemmung in ihrem ganzen Körper aus und zwang sie, sich taumelnd auf die Couch zuzubewegen, wo sie in kalten Schweiß gebadet und nach Luft ringend in einer Atmosphäre lag, die, anstatt mit Sauerstoff, mit dem muffigen Geruch von Schiffsfarbe erfüllt war.

Als der Bräutigam erschien, fand er eine jämmerliche, offenbar todkranke Kreatur vor, gekleidet in ein Stückchen durchsichtigen schwarzen Stoff, dessen Zweck nicht mehr ersichtlich war. Er trug sie auf das Bett und hüllte die schweißkalte Jammergestalt, die sich an ihn klammerte, in eine Decke. So lag sie die Nacht über und den größten Teil des nächsten Tages, starrte mit glasigen Augen auf die abblätternde weiße Decke über ihr und versuchte mit zusammengebissenen Zähnen die Anfälle von Übelkeit zu bekämpfen, die am Ende immer gewannen. Ihre natürliche Blässe ging langsam über in die grünliche Farbe, die die Seekrankheit ihren Opfern aufzwingt; und Carney – tief besorgt wegen ihres Zustandes – bestand mit sanfter Beharrlichkeit darauf, ihr in Abständen einen Löffel Brandy einzuflößen.

Ihr einziger Hoffnungsschimmer in dieser alles verschlingenden Misere stellte der vorausliegende Ankerplatz dar, von dem Carney gesprochen hatte. Sie vertraute darauf, dass der Hafenaufenthalt ihr wenigstens ein paar Stunden Erlösung verschaffen würde. Ach, was für eine Illusion! Ausgerechnet Signor Marconis Erfindung, mit der sie und Carney so vertraut waren, verschwor sich darauf, ihr diesen gnädigen Moment zu verweigern. Weit draußen auf Marina hatte ein aufmerksamer Strandkontrolleur festgestellt, dass die Dünung im Abnehmen begriffen war und ein gelangweilter unrasierter Mann in der Funkstation funkte eine Botschaft in die Dunkelheit für das kleine Dampfschiff, das sich langsam die Küste hinauf Richtung Bold Head wälzte. O’Dell, aufgeschreckt von seinem Nickerchen im Navigationsraum, erhob sich, studierte die Botschaft für ein paar Augenblicke und schickte dann den Quartiermeister zu Carney.

„Du kennst ja diese Leute,“ murrte er, „sie sind immer darauf aus, ihre Post und ihr sonstiges Zeug zu kriegen. „Meer beruhigt sich – Dünung nimmt ab“ – Ha! – „gute Bedingungen für Landung am Nachmittag erwartet“ – Ha! – „genau das, was mich mehr als einmal hinausgelockt hat in ein riskantes Unterfangen“.

„McBain hat unterschrieben,“ bemerkte Carney. „Er weiß im Allgemeinen was er tut.“

„Ha! Der Seegang hier ist noch stark, wie du siehst.“

„Vom Südosten, Ja – Richtung Marina. Sie spüren die Wetteränderung als erste.“

„Du bist auch nicht besser als die anderen, Carney. Kannst es wohl kaum erwarten, deine Füße wieder auf diesen verdammten Haufen Sand zu setzen, oder?“

„Ich möchte meine Frau an Land bringen. Es geht ihr sehr schlecht.“

„Oh? Oh! Also gut. Aber ich wette einen Dollar, dass ich meine Bahn durch schwere See ziehe und am Ende nichts von der Ladung an Land bringen kann. Die Postsäcke darf ich in ihr Brandungsboot stopfen und dann dampfe ich nach Bold Head zurück, wo ich den Haken schon vorher hätte festmachen sollen. Deine Frau wird es mir nicht danken.“

Er riss die Türe auf und bellte einen Befehl in die Düsternis Richtung Brücke und als die Lord Elgin sich Richtung Marina drehte, ging es weiter mit dem ständigen Geschaukel, das dem unglücklichen Mädchen unten in ihrer Koje erneutes Ungemach bereitete.

Die ganze Zeit über betreute Matthew sie hingebungsvoll, wischte ihr den Schweiß vom erschöpften Gesicht, streichelte ihre kalte Stirn, stützte ihren schwachen hilflosen Körper im schwankenden Badezimmer als sei sie ein Kind und wachte über sie, wenn sie scheinbar schlief. All ihre glücklichen Träume waren zerronnen. All ihre sorgfältig gehegten Geheimnisse waren seinem Blick ausgesetzt unter den unerfreulichsten Umständen, die man sich vorstellen konnte. Sie fühlte sich als Opfer einer bösartigen Farce, nicht weniger herabwürdigend wie die Affäre bei Mrs. Paradee; und während die eine Seite ihres Bewusstseins dankbar war für Carneys Fürsorge, empfand die andere verdrießliche Abneigung gegen seine Anwesenheit beim Verlust ihrer privaten Würde.

Darüber hinaus gab sie mit dem bitteren Wankelmut eines kranken Menschen ihm die Schuld am gesamten Verlauf der Ereignisse, von dem Augenblick an, als er sie im Restaurant am Hafen angesprochen hatte. Sie bedauerte, ihn jemals getroffen zu haben und wünschte inständig, dass wie durch magischen Zauber alles ungeschehen gemacht werden könnte. Sogar in Momenten, in denen sie halb im Koma scheinbar schlafend dalag, gingen in ihrem rastlosen Gehirn quälende Gedanken um, die höhnische Stimme von Miss Benson, das spöttische Lächeln von Mrs. Paradee, der zynische Blick von Mr. Hurd.

Das Wasser in der Karaffe, die Türvorhänge, die Mäntel auf den Haken, die Bullaugendeckel, schaukelten vor und zurück in unermüdlichem Tanz. Die Mahagonny-Schubladen unter der Koje rutschten bei jeder Neigung nach Steuerbord ein Stückchen hinein und dann mit einem dumpfen Klicken wieder heraus gegen die Messinghalterung der Sicherheitsschiene. Das Schiff war in der Tat von Geräuschen aller Art erfüllt – Stöhnen, Knirschen, Kratzen, geheimnisvolles Geklirr und Klopfen, dem Zischen von Wasser, das über den Bug schlug, mitunter dem Geräusch von Schritten oben auf dem Deck. Während die Maschinen Stunde um Stunde stampften und sie immer tiefer in ein Fegefeuer zogen, aus dem es keine Erlösung und kein Entkommen gab, flüsterte ihr calvinistisches Gewissen klagend du hast dich böse und töricht verhalten, und das ist die Folge … ist die Folge … ist die Folge … immerfort die ganze Nacht hindurch, durch die kühle morgendliche Meeresdämmerung und weit hinein in den nächsten Nachmittag.

KAPITEL 11

Nun, da liegt sie“, sagte O’Dell und blinzelte gegen das grelle Licht, „und man kann die Brandung schon von hier sehen.“ Er übergab sein Fernglas mit einer ärgerlichen Bewegung. Carney setzte es an die Augen und starrte lange Richtung Ufer.

„Ja, ich sehe“, antwortete er bedächtig. Also, ich würde sagen, es ist nicht schlimm, Kapitän. Die Brandung nimmt eindeutig ab. Wenn du die leichte Fracht zuerst an Land schickst, ist die Dünung bis zum Anlanden von Kohle, Öl und dem schweren Rest so weit abgeflaut, dass es kein Problem mehr gibt.“

„Das meinst du!“ Dann rief er plötzlich, „Anker klar, Mister?“

„Anker klar, Sir.“

„Bereit zum Loslassen. Bosun!“

„Bereit, Sir!“

„Mach das Motorboot fertig.“

Die entfernten Stimmen, der reduzierte Lärm der Maschinen, die veränderte Bewegung des Schiffes, ließen Isabel vermuten, dass das langersehnte Ende dieses Albtraums endlich gekommen war. Matthew traf sie in der Koje sitzend an, in Richtung Bullauge schauend.

„Wir sind da,“ verkündete er fröhlich.

„Ich kann nichts sehen.“

„Die Insel ist auf der anderen Seite – wir haben gerade die Westbarriere umfahren. Wie fühlst du dich?“

„Schrecklich.“

„Soll ich dir beim Anziehen helfen?“

„Nein.“ Ihre Stimme klang mürrisch.

„Dann warte ich an Deck auf dich. Lass dir Zeit, mein Schatz. Das Schiff liegt ein paar Stunden hier; die Landung ist später leichter.“

Nachdem sich die Türe geschlossen hatte, schob sie ihre Beine über den Rand der Koje und glitt vorsichtig heraus. Ein Schwindelanfall.

Ein ironisches Lächeln erschien auf dem todblassen Gesicht im Spiegel an der Türe. Sie biss die Zähne zusammen und bewegte sich auf das Badezimmer zu. Aus dem Spiegel über dem Waschbecken starrte sie ein Geist an mit matten Augen und verwirrten aufgelösten Haaren. Weiße Haut schimmerte durch schwarzen zerknitterten Chiffon. And like a dying lady, lean and pale, who totters forth wrapped in a gauzy veil.4)

Widerwillig schaudernd zog sie das unpassende Kleidungsstück aus. Als sie endlich gewaschen, gekämmt und hergerichtet war für den Landgang, öffnete sie das Bullauge und warf das Ding als festen schwarzen Ball ins Meer. Ihr Kopf schmerzte heftig und sie hatte immer noch ein übles Gefühl in der Magengrube. Auf unsicheren Beinen kam sie an Deck. Als Matthew sie begrüßte, gab sie ihm nur eine knappe Antwort und hielt sich an der Reling fest. Er reckte eifrig einen Arm Richtung Ufer. Viel war nicht zu sehen. Die Lord Elgin lag eine Meile vom Strand entfernt, und weit draußen flimmerte vor Isabels Augen in der Sonne eine schmale weiße Brandungslinie, die sich in östlicher Richtung fortsetzte. Im Hintergrund deuteten sich niedrige ausgebleichte, gelblich schimmernde Dünen an, die einer in der eigenen Hitze zitternden Fata Morgana glichen. Ein Leuchtturm stand hoch aufragend an der Westspitze der Insel in der Sonne, und weit im Osten konnte sie in der spiegelnden Luft die unscharf verschwommene Säule eines anderen sehen.

Carneys großer Finger zeigte auf das Panorama. „Dort werden wir landen – wo du den großen roten Wachtturm auf der Düne siehst. Das ist der einzige Teil der Rettungs-Hauptstation, der vom Meer aus sichtbar ist. Eine Meile weiter links erkennst du vielleicht einen hohen Mast – das ist natürlich unserer. Vier Meilen davon weiter östlich, liegt Nummer Zwei, eine Strand-Wachstation, nur ein Mann, seine Frau und ein Haus geschützt zwischen den Dünen; – so ist es mit allen Gebäuden auf Marina, außer dem Wachtturm und den Leuchttürmen. Vier Meilen nach Osten kommt man zu Nummer Drei – ungefähr dort – noch eine Wachstation; ein Bursche mit einer großen Familie. Er hat einen Garten, wo er die größten Kartoffeln und Rüben zieht, die du jemals gesehen hast; mithilfe von Sand und Pony-Dung – erstaunlich! Weitere vier oder fünf Meilen davon entfernt liegt Nummer Vier – sieht genauso aus, abgesehen von den Rüben. Dann gibt es noch den Ost-Leuchtturm – am weitesten von uns entfernt. Fünfundvierzig Männer, Frauen und Kinder insgesamt – alle auf dem Regierungsgelände. Sonst niemand mehr. Die Kinder haben nie einen Zug oder ein Auto gesehen – allerdings auch noch nie einen Baum. Aber Flugzeuge haben sie gesehen – während des Krieges. Natürlich gehört die Funkstation inzwischen zum Altbestand von Marina. Eigenartig, dass mir das bisher noch gar nicht recht bewusst geworden ist.

Isabel ignorierte die Mitteilungen über Züge und Rüben. Sie hatte nur die flache unklare Vision am Horizont vor Augen und sie stellte sich die kleinen Häuschen vor, die weit verstreut einsam zwischen den meilenlangen Dünen lagen und in jedem eine kleine Gruppe Menschen, die ihr geheimes Leben lebten, als fürchteten sie sich vor der Unermesslichkeit von Himmel und Meer. Ihr Schweigen beunruhigte ihn. Er murmelte, „Was denkst du?“

„Es ist anders, als ich erwartet habe.“

„Bist du vielleicht enttäuscht?“

„Ich hatte mir ziemlich große Sandhügel vorgestellt und dass die Leute in einer Art Dorf am Ufer lebten. Wo ist die Lagune?“

„Auf der anderen Seite. Wenn du am Strand bist, sehen die Dünen größer aus, aber natürlich sind sie nicht besonders hoch. Ich glaube der höchste ist etwa fünfundvierzig Meter über dem Meer. Die meisten sind viel niedriger. Marina ist nicht mehr als eine bessere Sandbank. Insgesamt kaum eineinhalb Kilometer breit und am Ende könnte man fast einen Ball von einer Seite auf die andere werfen.“ Er lachte und machte eine Geste mit den Armen, als wolle er ganz Marina umfassen. „Insgesamt fehlt es jedenfalls nicht an Platz. Etwa Siebenundfünfzig Quadratkilometer Fläche!“

„Die Schiffswracks von denen du erzählt hast – wo liegen sie?“

„Ach ja, das fragen alle. Also die Schiffe aus Holz brechen sehr schnell auseinander und das Meer schwemmt die Teile an den Strand und in die Dünen – besonders die Winterstürme. Der Sand bedeckt bald alles. Die Eisenrümpfe zerbrechen nach einiger Zeit ebenfalls ganz – du wirst dich wundern, was das Meer alles zerlegt – und natürlich versinkt alles. Da und dort sieht man einen eisernen Stumpf oder einen Achtersteven herausragen, oder zwei alte Warmwasserspeicher, die noch am Kiel hängen, aber das ist alles. Manchmal kommen Zeitungsreporter auf der Elgin daher und die jungen Lebensretter quatschen ihnen die Ohren voll mit Seemannsgarn über Schiffbrüche und sowas. Sie übertreiben gern ein wenig. Teilweise erscheinen diese Fantasien dann in den Zeitungen und die Leute auf dem Festland nehmen es als bare Münze. Man beginnt sich zu fragen, wie es überhaupt mit Geschichte steht.“

„Wann gehen wir an Land?“

„Wir könnten jetzt gehen, wenn du willst. Es ist noch Brandung am Strand, aber das ist kein Problem.“

„Wenn du etwas für mich empfindest, bring mich hin so schnell du kannst.“

So wie sie es sagte, meinte sie es auch – dass sie nämlich so schnell wie möglich ihre Füße auf festes Land setzen musste, oder elend auf Deck zusammenbrechen unter den starrenden Blicken von O’Dell und seiner Mannschaft. Carney aber war erschrocken von der kalten Dringlichkeit ihrer Stimme.

Das Schleppboot der Lord Elgin bewegte sich hin und zurück, beförderte beladene Boote zu den seichten Uferstellen und die leeren wieder zum Schiff zurück. Carney winkte einem Inselboot, das gerade längsseits herankam. Fünf Männer in verblichenen Hemden und Hosen und mit Bootsstiefeln schauten herauf und begannen zu rufen. In ihren braunen von der Sonne beschienen Gesichtern blitzten ihre Zähne. Sie waren jung und schmal, aber sie schrien „Carney-boy!“ Zu ihm hinauf, als ob er einer von ihnen sei; und Matthew antwortete im selben Tonfall, rief Spitznamen mit seiner starken Stimme und lächelte sie an wie ein älterer Bruder, der aus dem Krieg nach Hause kommt. Seine blauen Augen strahlten.

Er gehört zu all dem dazu, dachte Isabel, er gehört ihnen, nicht mir. Keine Eifersucht diesmal. Der grausame Humor des Meeres hatte all das hinweggefegt zusammen mit ihren anderen Vorstellungen und Illusionen; und nun bestätigten diese lebhaften Stimmen, was sie in der Nacht festgestellt hatte. Sie und Matthew waren getrennte Lebewesen aus verschiedenen Welten; und bereits jetzt hatte seine Welt sie so krank gemacht und erniedrigt, dass es nicht mehr in seiner Macht lag, es wieder auszugleichen. Sie sah zu, wie das flache, breite Brandungsboot beladen wurde mit einer – wie ihr schien – gefährlichen Menge an Schachteln und Paketen und sah schließlich missgelaunt, während ein kalter Schauer sie überlief, das Lastennetz nach unten sinken mit Carneys schäbigen Koffern und ihren eigenen eleganten Gepäckstücken. Matthew nahm sie am Arm und ging mit ihr zum Vorderdeck, wo die Strickleiter seitlich nach unten hing.

„Also, mein Schatz, du musst dich gut an den Seilen festhalten, wenn du runter gehst und bei jedem Schritt mit dem Fuß vorfühlen. Ich bin direkt unter dir, hab‘ keine Angst. Es ist ganz einfach.“ Er schwang sich über die Schiffswand. Als sie hinunterblickte, sah sie, wie die Leiter sich unter seinem Gewicht und dem Schaukeln des Schiffes bewegte. Die Distanz bis zum Boot, das im Wellengang auf und ab schwankte, als greife ein wütender Tiefengigant nach ihm und seiner sonnverbrannten Mannschaft, schien furchterregend weit. Sie empfand panische Furcht. Ein paar Augenblicke lang stockte ihr der Atem und anstelle der Übelkeit in den vorigen zwanzig Stunden, wurde sie von einer Welle größter Angst erfasst. Sie biss die Zähne zusammen und kämpfte sie nieder. Nichts war jetzt wichtiger, als das Ufer zu erreichen. Ein Matrose half ihr über die Seitenwand. Kapitän O’Dell lehnte sich gerade über das Schutzgitter an der Brücke, sah die junge Frau zum Boot hinuntersteigen und blickte kurz in ein Gesicht, das bleich und entschlossen nach oben gerichtet war, bevor es aus seinem Blickfeld verschwand.

Der Steuermann des Bootes bot Carney mit einer stummen Geste das lange Heckruder an. Dieser nahm es, stand breitbeinig da und hielt den Blick auf das Ufer und die brechenden Wellen gerichtet, die im flachen Schein der Nachmittagssonne weiß leuchteten. Sein neuer grauer Anzug, zerknittert von der langen Nachtwache auf dem Kabinensofa, wirkte fehl am Platz neben der Arbeitskleidung der Inselbewohner, aber sein Kopf war unbedeckt, und bleiche Strähnen wehten ihm um die Stirn. Mit seinem kurzen Bart, der vorstehenden Nase, dem festen Blick der blauen Augen, die der Sonnenglanz auf dem Wasser nicht störte, kam er Isabel vor wie eine Inkarnation des Geistes dieser Wildnis.

Das Schleppboot zog sie bis zum milchigen Rückfluss der flacheren Wellen und schwang dann zurück. Die Männer im Boot setzten ihre Ruder ein. Eine Zeitlang ruderten sie still. Dann sagte Carney, „Nachgeben!“ Isabel bemerkte in seinem Blick eine besondere Aufmerksamkeit und sie spürte eine plötzliche Spannung bei den Inselmännern. Sie pausierten mit ausgestellten Rudern, während Carney den Bug des Bootes mit mächtigen Bewegungen des Langruders auf das Meer hinaus gerichtet hielt. Worauf wartete er? Ein, zwei, drei schwere Wellengänge in der endlosen Aufeinanderfolge hoben das Boot, ließen es fallen und rollten weiter. Die Lord Elgin war in der Ferne zu einem Kinderspielzeug geworden, sichtbar für einen Augenblick, wenn sich das Boot oben auf dem Wellenkamm befand, dann wieder unsichtbar, sobald es ins Wellental sank. In diesen tiefen grünen Tälern, denen das Boot von allem ausgeschlossen schien und nur der Himmel noch sichtbar war, empfand Isabel weder Übelkeit noch Angst, jedoch eine schreckliche Einsamkeit. Ihre innere Stimme, intensiver denn je, schrie Närrin! Närrin! Närrin! Und etwas anderes in ihrem Inneren wimmerte vor Selbstmitleid. Mit bitterer Verwunderung dachte sie an das Büro, das Zimmer bei Mrs. Paradee, die Mahlzeiten im Feder’s Grill, an das alte Leben, das so langweilig und bedeutungslos schien und ihr jetzt verkam wie ein friedlicher Traum.

Wieder kam eine Welle heran und überholte sie; ein rollender Hügel aus grünem Marmor, weiß geädert, schwer, glänzend und lebendig. Als das Hinterteil des Bootes stieg und Carneys große Gestalt gegen den Himmel hob, sagte er „Alle fertig!“ Und als Vorderteil nach oben kam, rief er „Jetzt!“ mit schallender Stimme.

Die Männer tauchten die Ruder ein und zogen mit aller Kraft an. Wie auf einer Schulter aus Meerwasser flog das Boot Richtung Strand. Das Geräusch der brechenden Wellen, zuerst noch entfernt, drang in Isabels Ohren. Um sie herum spielte das Meer verrückt, rollte, wirbelte, hüpfte in wilden weißen Sprudeln ohne Ziel, ohne Sinn, außer, sie alle zu ertränken. Sie saß im Heck, die weißen Knöchel der Hände an der hinteren Ruderbank, mit dem Rücken zu den Ruderern und zum Ufer und richtete ihren Blick auf Carneys unbewegtes Gesicht, in diesem Chaos das einzig Bekannte und Beruhigende. Die Länge des Bootes, die Ladung und das Gepäck, die angestrengten Männer an den Rudern, alles das befand hinter ihr, für sie unsichtbar. Es hatte etwas eigenartig Erschreckendes auf diese Weise rücklings ins Vergessen getrieben zu werden.

Es dauerte eine Ewigkeit. Dann, plötzlich spürte sie, dass der Lauf des Bootes stockte, als ob eine große Hand den Kiel gepackt hätte. Menschliche Gestalten erschienen wie durch Magie, hüfthoch im Wasser, lachend, „Carney-boy!“ rufend, sie griffen nach dem Rand des Bootes und zogen es aus dem Sog der Rückströmung. Carneys strenger Mund entspannte sich. Er schob das Langruder ins Boot, beugte sich schnell hinunter und hob seine Frau von der hinteren Bank. Funker Skane, der sich während der Arbeit am Bootsrand soeben umwandte, sah seinen Vorgesetzten ins Meer steigen und den Strand hinauflaufen, in seinen Armen ein hochgewachsenes Mädchen, wie ein Wikinger, der mit der Beute seiner Wahl von einem Raubzug heimkehrt.

Matthew stellte sie im aufgewühlten Sand vorsichtig auf die Füße, oberhalb der Reichweite der Wellen, wo sich die abgeladenen Waren stapelten. Dort stand eine Gruppe Frauen und Kinder und beobachtete, was vor sich ging. Sie grüßten Carney mit einem vertrauten flüchtigen Lächeln, aber ihre Augen richteten sich nicht auf ihn. Sofort fühlte Isabel die konzentrierten Blicke von ganz Marina wie ein Brennglas auf sich ruhen. Sie stand in ihren praktischen neuen Stiefeln fest auf dem Boden, aber ihr Kopf schmerzte und ihr war schwindelig. Die Insel bot scheinbar nicht mehr Stabilität als das Deck der Lord Elgin. Sie war froh, dass Matthew den Arm um sie gelegt hatte.

Er rief den Frauen zu, „Kommt her und begrüßt meine Frau!“ mit der fröhlichen Stimme eines Mannes, der tatsächlich einen Preis gewonnen hatte. Sie kamen langsam, scheu, und auf ihren Gesichtern lag eine für Isabel fast unerträgliche Neugier. Sie waren hager und braungebrannt wie ihre Männer und sie trugen Kleider, die offenbar für diese Gelegenheiten – die einzigen Ferientage in ihrem Leben – bestimmt waren und Jahr für Jahr sorgfältig weggeschlossen wurden. Die Mode entsprach der Vorkriegszeit, die Röcke hingen schwer und schlaff um ihre Knöchel, die Jacken hatten Schulterpolster und Puffärmel, die hohen Spitzen-Krägen der Blusen wurden durch Walknöchelchen versteift, die lächerlichen Hüte stammten aus einer Zeit, die Isabel so weit entfernt vorkam wie der Mond.

Die Inselfrauen starrten ihrerseits, als sei Carneys Frau vom Mond gefallen. Sie wurde sich deutlich ihres modischen Rockes bewusst, der kaum ihre Knie bedeckte. Zwischen den hochgeschnürten grauen Mädchenstiefeln und dem Rocksaum zeigte sich kühn die Form ihrer Beine in Seidenstrümpfen. Sie hatte vergessen, dass sie bis vor Kurzem die Nachkriegsmode unanständig und zu teuer fand und sich geweigert hatte, sie zu tragen; und jetzt spürte sie Vorbehalte gegen das Staunen dieser Frauen, für die der Krieg nur eine Störung aus einer anderen Welt bedeutet hatte, und deren Vorstellungen, ebenso wie ihre Kleidung, geprägt war von der Mode um 1910.

Meine Liebe, ich möchte dir die Damen von Marina vorstellen … Mrs. Jim Kahn vom Westleuchtturm … Mrs. Lermont von Nummer Zwei … Mrs. Giswell … Mrs. Nightingale … Mrs. Shelman … “ Die Namen konnte sie sich sowieso nicht merken. Ihre Hände berührten sich kurz und wurden wieder zurückgezogen, ihre Lippen murmelten etwas und schwiegen dann; damit waren die Höflichkeiten erledigt und sie zogen sich etwas zurück und auf einmal wandten sich alle wieder dem aktiven Tun ihrer Männer zu. Die Kinder blieben in der Nähe, ganz versunken in die Betrachtung der fremden blassen Frau. Die braungebrannte Kindertruppe folgte ihnen, hüpfte im Sand herum wie wilde Raubvögel und beobachtete sie mit scharfen Augen, als Matthew, den Arm immer noch um ihre Taille, Isabel zu einem Trampelpfad in den Dünen führte. Dort standen zwei zottelige Ponys, angeschirrt an einem leichten vierrädrigen Wagen.

Sie wurden eingeholt von einem schlanken Mann mit Zweitagebart, den Carney herzlich begrüßte. „Skane! Gut, Sie wiederzusehen! Isabel, das ist Greg Skane – du weißt schon, der Mann, der hier nach dem Rechten gesehen hat, solange ich auf dem Festland war.“ Isabel streckte ihm lustlos ihre Hand entgegen, der Neuankömmling ergriff sie kurz und wandte sich dann Carney zu, um dessen dringende Fragen zu beantworten. Isabel hatte Skane kurz wahrgenommen unter den nassen Gestalten um das Boot. Jetzt richtete sie ihre Augen auf das Profil eines ziemlich großen Mannes in Seemannsstiefeln, Segeltuchhosen und einer schäbigen, geflickten Uniformjacke, wie sie Funk-Offiziere der kanadischen Handelsmarine tragen, mit grünspanverkrusteten Messingknöpfen, die geflochtenen Goldstreifen an den Ärmeln abgetragen, bis auf fadenscheinige Reste.

Er trug keine Mütze. Der Wind blies durch seine langen schwarzen Haare. Seine Augen waren tiefblau und blickten durchdringend, wenn er einen direkt anschaute. Sie schätzte ihn auf Mitte dreißig. Er machte einen kompetenten Eindruck, aber sie empfand sofort Abneigung gegen ihn. Auf den etwas hageren Gesichtszügen, aus denen erst vor Kurzem ein starker Bart abrasiert worden war, lag ein zynischer Ausdruck, der unverändert blieb, wenn er den Blick von Matthew auf sie richtete. Er lächelte nicht, auch nicht, als er seinen Vorgesetzten begrüßte und seine zusammengepressten Lippen schienen ihr ein Ausdruck von Entschlossenheit zu sein, der ihr fast grausam vorkam.

Sie dachte, Er bedauert, dass Matthew zurück ist. Ihre jahrelange persönliche Vertrautheit mit der Strategie der Besetzung von Funkstationen in den verschiedenen Meeresregionen sagte ihr, dass Skane wohl gehofft hatte, dauerhaft als Chef-Funker weitermachen zu können. Er hatte zweifellos vermutet, Carney habe, nach den langen Dienstjahren an diesem einsamen Ort, auf dem Festland einen Posten in der Zivilisation gesucht. Davon träumte doch jeder Funker im Außendienst, sogar diejenigen, die Frauen hatten, die es ihnen in der Wildnis leichter machten. Und stattdessen war Carney jetzt zurückgekehrt und noch dazu mit einer Frau! Es musste ihn schwer getroffen haben. Aber sie fühlte kein Bedauern für Skane. Sie spürte nur die Feindseligkeit dieses Mannes und sie schmiegte sich in einer plötzlichen Regung an Matthew.

Jetzt erschien MacGillivray, der Funker, der seine Zeit abgedient hatte, in einem dunkelblauen Anzug, den er während seiner Zeit auf Marina offenbar selten getragen hatte. Sein junges Gesicht, braungebrannt wie altes Leder in den zwölf Monaten Wind und Sonnenhitze auf dieser öden Sandbank, bildete einen heftigen Kontrast zu seinem reinweißen Hemd mit Kragen. Er schüttelte Carney die Hand, neigte vor Isabel den Kopf mit einem verbindlichen Grinsen und entfernte sich, wobei er an die Mannschaft des Bootes so dringliche Zurufe richtete, als habe er Todesangst, zurückgelassen zu werden. Matthew lächelte.

„Wie Kinder, die aus der Schule kommen. So sind sie alle, die jungen Kerle, wenn sie gehen. Natürlich. Jung sein hat ja auch was für sich.“

Er half Isabel in den Wagen, während Skane hinten das Gepäck auflud und verschnürte. „Ich bleibe da und kümmere mich um die Lieferungen,“ sagte Skane. „Es kommt noch eine ganze Menge. Vedder hat Tee vorbereitet. Ich denke, ihr findet alles in bester Ordnung.“

Matthew nahm die Zügel und fuhr los den Strand entlang direkt über der Wasserlinie, wo der Sand fest und glatt war.

„Wo ist die Straße?“ fragte Isabel.

„Er lachte in sich hinein. „Es gibt keine Straße auf Marina. Ach ja, es gibt eine Art Pfad zwischen den Dünen von unserem Haus bis zur Hauptstation – etwa eine Meile. Aber er ist nicht gerade gepflegt. Wir fahren immer am Strand entlang, außer bei hohem Seegang oder Sturm. Hast du die breiten eisernen Reifen an den Rädern bemerkt? Sie verhindern, dass man im Sand stecken bleibt. Alle Wagen auf Marina haben solche Räder.“

„Dieser Mann, Skane, hat keinen besonders guten Eindruck auf mich gemacht.“

„Er ist in Ordnung.“

„Wie ist der andere Funker?“

„Sargent? Ich habe ihn nur kurz gesehen, als er diesen Frühling ankam. Ein Junge. Neunzehn oder so.“

„Und wer ist Vedder?“

„Der Koch.“

Vor den Ponys erstreckte sich meilenweit der nasse Sand wie ein dunkles Band, das Richtung Osten in einer unwirklichen Spiegelung auslief. Rechts begleitete sie ein Wall aus Dünen, monotone sandige Steilhänge, auf der Seite zum Meer ohne Bewuchs, oben Büschel aus blassgrünen Marramgräsern, die im Wind wehten. Ab und zu öffnete sich eine Talfurche zum Strand hin, wie ein Weg, der auf eine Hauptstraße mündet und man konnte einen Blick erhaschen von weiteren Dünen, deren Abhänge mit diesem flüchtigen unwirklichen Grün bedeckt waren. Links dehnte sich der Nordatlantik bis zum Horizont, eine glänzende blaue Wüste, weiß gesprenkelt, wo die Wellen sich an den Untiefen brachen.

Über den Dünen erschien der oberste Teil des Funkmasts, ein weißer Stab, gestützt von straff gespannten Drahtseilen, einem geschlossenen Schirm vergleichbar, der in den wolkenlosen Himmel ragte. Langsam gewann der Schirm an Höhe. Der Mast bestand aus drei langen hölzernen Holmen, die übereinander gesteckt waren wie der untere, der obere und der oberste Teil eines Schiffsmasts.

Immer wenn der Wind stillhielt, konnte Isabel das pop-pop-pop eines Benzinmotors hören und die hohen Signaltöne des Sende-Zündfunkens in staccatoartiger schneller Abfolge. Jedes Mal hob Matthew den Kopf, horchte, lächelte ein wenig, und übersetzte für sie den Sinn der Längen und Kürzen. Der junge Sargent unterhielt sich mit der Lord Elgin;ein paar unverbindliche Sätze, hinausgeschickt ins Leere, wobei sie sich fragte, warum Matthew einen so fröhlichen Ausdruck im Gesicht hatte. Sie konnte nicht wissen, dass es für ihn die Stimme der Heimat war.

Als der Mast näher rückte, fuhr Matthew in eine Talöffnung zwischen den Dünen. Die Ponys, drahtige, halbwilde Tiere aus den Ställen der Hauptstation, zogen ergeben den Wagen hinter sich her. Das Trappeln ihrer unbeschlagenen Hufe wurde vom trockenen losen Sand zu einem Flüstern gedämpft. Im Hohlweg gab es nicht die geringste Windbewegung und die Dünenhänge reflektierten die Sonnenhitze wie die Wände eines Ofens. In kürzester Zeit glänzten die Ponys vor Schweiß. Isabel fühlte ihre Wangen glühen. Das Meer war verschwunden und das Gemurmel der Brandung klang schwach und fern. Sie fuhren unter der Telefonleitung der Insel durch; ein einziger Draht, der sich auf einer Reihe von etwas unsicher wirkenden Pfosten über die Dünen hinzog.

Das Tal endete und der Wagen schlingerte über eine steil abfallende Düne. Da lag, ganz unvermutet, die Funkstation, der große weiße himmelragende Mast, ein kleiner Vorratsschuppen und ein rechteckiger weiß geschindelter Flachbau, eine kleine Oase aus Holz in einer Ödnis voller Sand und Spiergras. Die Insel war hier schmal, das Gelände fiel gegen Süden hin ab und etwa 200 Yards hinter den Gebäuden sah Isabel eine ausgedehnte stille Wasserfläche. Die Dünen schützten sie vor nördlichen Winden. Dahinter lag die bewegte Fläche des Ozeans und dazwischen erstreckte sich eine Sandbank, an der sich in weißen Schaumkronen die Brandung brach. Das geschützte Gewässer zog sich offenbar weiter nach Osten hin und verschwand im Dunst.

„Die Lagune,“ sagte Matthew und zeigte kurz mit der Peitsche. Er lenkte die Ponys bis zu einem kleinen überdachten Portal am Ende des Hauses und half Isabel beim Aussteigen.

„Wir sind zu Hause, mein Schatz!“ rief er.

 

KAPITEL 12

 

Isabel befürchtete, dass er die Absicht hatte, sie hochzuheben und über die Schwelle zu tragen, wie er sie den Strand hinaufgetragen hatte, vor den Augen der starrenden Frauen und dieses zynischen Mannes Skane, und verhinderte es, indem sie schnell durch die offene Türe trat. Sie befand sich in einem schmalen Gang, von dem rechts und links einige Türen wegführten. Auf dem Gang lag feiner Sandstaub. Matthew öffnete die erste Türe links. Ein junger Mann mit Kopfhörern saß auf einem Stuhl, den Blick zum Ostfenster gerichtet, an einem langen Tisch, der die Ostseite des Raumes einnahm; darauf stand das Empfangsgerät, zwei lackierte Holzboxen, die Vorderseite aus Ebonit, dicht besetzt mit Knöpfen und Wählscheiben. An seiner rechten Hand stand das Funkgerät mit seinem dicken Schaft aus Messing und dem runden schwarzen Knopf.

Links von ihm an der Wand hing ein schwarzes Schaltbrett mit einer eindrucksvollen Anzahl von Spannungs- und Strommessgeräten. Ein kleiner eiserner Ofen und drei abgenutzte hölzerne Stühle vervollständigten die Einrichtung. Der Boden war kahl und stark abgeschliffen von schweren Stiefeln, die den allgegenwärtigen Sand hereinschleppten, so dass die Knoten in den Holzbrettern herausstanden wie Klumpen.

An der lasierten Wandverkleidung gab es eine Reihe von Haken, an denen an Klammern Formblätter mit Meldungen hingen. Oben waren die Wände mit einer faden grauen Farbe gestrichen. Ein Fenster ging zum Mast hinaus, ein anderes nach Norden zum unsichtbaren Strand und zu den Dünen, über die der Wagen soeben gefahren war. Dem Raum fehlte jede Art von Schönheit oder Bequemlichkeit und stellte für Isabel ein Abbild der Sterilität dar, die an diesem Ort und in all den Jahren in Matthews Leben und dem der anderen herrschte. Sie konnte einen Schauder kaum unterdrücken.

Der Mann mit den Kopfhörern saß ganz steif da und blickte mit aufmerksamen weitsichtigen Augen zum Fenster, als könne er durch die Leere bis zur ruckelnden, knarrenden Funkkabine des Schiffes sehen, die er gerade auf dem Radar hatte. Aber er hatte den Wagen ankommen sehen und plötzlich, als sei er im Moment nicht mehr interessiert an dem geheimnisvollen Gewisper in den Kopfhörern, dreht er sich um, sprang aus seinem Stuhl, nahm einen Kopfhörer ab und schaute den Neuankömmlingen entgegen. Isabel bemerkte wie jung und scheu er war. Er war höchstens achtzehn. Er hatte ein ovales, etwas mädchenhaftes Gesicht und unter seiner Bräune huschte ein flüchtiges Rot über seine Züge, als er Isabel in die Augen sah. Sein Haar, wie das von Skane, brauchte dringend einen Schnitt. Es hing ihm in den Nacken und über die Stirn, aber er war frisch rasiert. Er trug einen alten Marinepullover aus schwerer Wolle und formlose Hosen, die einst zu einer Marineuniform gehört hatten, seine Füße steckten in abgetragenen Lederslippern.

„Sargent,“ sagte Matthew unvermittelt, „Ich möchte dir meine Frau vorstellen.“ Sargent ging höflich auf sie zu, lauschte aber immer noch mit dem anderen Ohr auf die weit entfernte Stimme in der Luft und Isabel – sie hatte bemerkt wie kurz die Telefonschnur war – machte schnell einen Schritt nach vorn und streckte ihre Hand aus. Er nahm sie schüchtern, dann zogen sie ihre Hände wieder zurück.

„Sargent, ich bin der glücklichste Mann auf der Welt,“ rief Carney, „und du siehst ja selber, warum. Es wird für uns alle gut sein, eine Frau hierzuhaben. Lass dich weiter nicht stören. Ich zeige jetzt Mrs. Carney ihr neues Heim.“ Er nahm Isabel am Arm und sie traten in den Gang hinaus. Er zeigte ans Ende des Gangs. „Dort unten siehst du eine Abzweigung. Meine – unsere Wohnung liegt auf der anderen Seite und hat einen eigenen Eingang. Die Türe links vom Funkraum führt in Sargents Zimmer und dort weiter hinten liegt das Zimmer von Skane. Das Zimmer rechts, gegenüber von Skane gehört Vedder, du weißt schon, der Koch. Die nächste Türe ist das Badezimmer der Funker. Das hier“ – er stieß die Türe auf – „ist der Maschinenraum, wie du siehst.“

Sie blickte gehorsam hinein. Es roch stark nach heißem Öl. Der Raum hatte einen Betonboden und in der Mitte wirbelte ein großer einzylindriger Benzinmotor zwei Schwungräder. Von einem der Räder lief ein langer flatternder Gurt zum Generator, der sich am Ende des Raumes winselnd drehte. An der Wand stand eine Werkbank, gut ausgestattet mit Griffzangen und anderen Werkzeugen und über dem Generator entdeckte sie eine Reihe von Apparaturen, die sie als Kondensatoren und Stimmspulen erkannte. Sie hatte diese Dinge dutzendweise im Vorratsraum in Halifax gesehen, Gegenstände, die sie auf langen Formularen auflistete oder in Hurds Geschäftsbriefen erwähnte und manchmal hatte sie mitbekommen, wie man sie auf Schiffe schickte oder an ferne Orte an der Küste. Es war eigenartig, sie in Gebrauch zu sehen, besonders in dieser kleinen Meereswüste, wo Carney von Marina im Laufe der Jahre einsam und berühmt wurde. Von draußen hörte sie das dumpfe Geräusch des Maschinenauspuffs und durch ein Fenster erblickte sie einige Benzinfässer auf dem sandigen Hang, in sicherer Distanz vom Gebäude für den Fall eines Feuerausbruchs.

Der junge Sargent in seiner kahlen Zelle neben dem Gang, hatte wieder angefangen per Morsezeichen mit dem Schiff zu kommunizieren, das seine Aufmerksamkeit bereits in Beschlag genommen hatte, als die Carneys angekommen waren. Isabel, die auf dem unsauberen Boden stand, wurde von einem heftigen Geräusch erschreckt, so scharf und ohrenbetäubend wie Gewehrschüsse und der kleine Maschinenraum wurde erleuchtet von einer schnellen Folge heller purpurfarbener Blitze, die, wie auch das Knallen, aus den beweglichen Knöpfen am Ende des Generatorschaftes kamen. Unwillkürlich prallte sie zurück gegen Matthews starken Körper und war erleichtert, als er beruhigend seinen Arm um sie legte.

Jetzt verstand sie, dass Matthew die Botschaften bereits weit entfernt am Strand mitbekommen hatte. Der Ton war erschreckend, vergleichbar einer riesigen, schmetternden Messingtrompete. Elektrizität in Massen hatte sie immer als ein unheimliches, wenn auch nützliches, Phänomen betrachtet; in der Zeitung hatte sie gelesen, dass Leute auf den Straßen durch Hochspannungsdrähte umgekommen waren; sie fragte sich, wie man in diesem heißen kleinen Raum stehen konnte, inmitten dieser erschütternden Manifestationen, ohne in Lebensgefahr zu schweben. Es war klar, dass Matthew und die anderen, durch Gewöhnung nachlässig geworden, offenbar jeden Tag ihr Leben riskierten. Trotz Matthews schützender Umarmung floh sie in den Gang und bedeckte die Ohren mit den Händen. Matthew grinste nur.

„Du gewöhnst dich daran,“ erklärte er ruhig. Es gibt ja einen Dämpfer, den man über die Funkscheibe setzen kann, aber wir lassen ihn weg – sonst muss man jeden Tag die Steckknöpfe sauberfeilen und den Zwischenraum neu ausrichten, manchmal zwei oder drei Mal am Tag.“

„Willst du damit sagen,“ fragte sie mit einer Stimme, die in ihren sausenden Ohren dünn und fremd klang, „dass das Tag und Nacht so weitergeht?“

„Nur wenn der Wachtposten Funkkontakt hat.“

„Aber der Funkkontakt läuft doch – mit Unterbrechungen – Tag und Nacht?“

„Oh ja. Wie ich schon sagte, man gewöhnt sich daran.“

Sie antwortete nicht. Wie konnte man schlafen, sogar existieren, mit diesem erratischen Lärm, der die Stille der Station erschütterte und noch eine halbe Meile weit in die Dünen dröhnte? Wenn sie an Tage, Wochen, Monate dachte, fragte sie sich, wie man es schaffte, dabei nicht verrückt zu werden. Sie war froh, als Matthew mit ihr auf den Brettersteg hinausging, der zu seiner Wohnung auf der Ostseite führte.

Er öffnete die Türe. Sie trat ein mit einem skeptischen Gefühl und erwartete das Schlimmste. Was konnte man schließlich erwarten von Männern, die ein solch karges Leben führten, so weit entfernt von der Zivilisation? Die langen schlimmen Stunden der Reise hatten ihr die große Distanz bewusst gemacht; es kam ihr vor, als sei sie am Ende der Welt angekommen. Getrieben von weiblicher Wissbegierde warf sie sofort einen scharfen Blick in die Küche, das Reich des bisher unsichtbaren Vedder – zweifellos ein unordentlicher Gesell. Was sie sah, beruhigte sie etwas. Es war sauber. Der Boden war gekehrt und geschrubbt. Die Regale glänzten gelblich weiß im Sonnenschein, der ungehindert durch die Fenster drang. Die dunkelbraune Wandverkleidung war frisch gestrichen, ebenso die weißen Wände darüber. An der Trennwand stand ein neu geschwärzter Küchenherd, die sauberen Kessel und Töpfe auf den Ablagen daneben glänzten matt.

„Es gibt nicht viele Stationen mit einer separaten Wohnung für den Chef-Funker,“ sagte Matthew stolz. In den meisten hat er ein Zimmer wie die anderen und die Küche ist dann der Wohnbereich für alle. Solange ich nicht verheiratet war, störte es mich nicht, wenn sich in der dienstfreien Zeit auch die anderen hier aufhielten. Vedder ärgert sich, dass er nach draußen muss, wenn er zu seinem Zimmer will.“

Isabel öffnete eine Schranktüre und sah einfaches haltbares Geschirr sauber angeordnet auf den Regalen. Der Schrank daneben enthielt Konservendosen verschiedenen Inhalts und es gab Behälter mit Mehl und Kartoffeln.

„Ist nicht mehr viel da,“ meinte er. „Das ist immer so, bevor das Schiff kommt. Aber morgen bringt ein Wagen die neuen Vorräte. Wo ist eigentlich Vedder?“

Im Ofen brannte ein Kohlenfeuer und ein Teekessel blubberte und dampfte leicht. Auf dem Tisch stand eine Teekanne, zwei Tassen mit Untertellern und eine Milchdose, mit vorgestanzten Löchern, damit man gleich eingießen konnte. Isabel schaute in die Kanne und stellte fest, dass der unsichtbare Koch bereits Tee eingefüllt hatte und man nur noch mit heißem Wasser aufgießen musste.

Ein abgenutztes Sofa stand an der vorderen Wand und vier gewöhnliche hölzerne Stühle, wie sie im Haus jedes Fischers zu finden waren. Ein Regal mit festen Brettern, offenbar aus Schiffsplanken, enthielt eine reichliche Anzahl abgegriffener Bücher, angefangen von Complete Works of Byron bis zu Practical Wireless Telegraphy. Sie bemerkte Guerbers Myth of the Norsemen und eine englische Übersetzung der Heimskringla; außerdem standen und lagen Tabaksdosen, Schachteln mit Gewehrmunition, Spielkarten, ein Fernglas, eine Flasche mit Waffen-Öl und andere maskuline Gegenstände herum. An der Innenseite der Türe hing ein Kalender, der für das Warenangebot einer Marine-Seilfabrik in Dartmouth warb. Über dem Küchentisch sah man einen Schnappschuss von Carney auf einem der kleinen Inselponys. Der Holzrahmen in Form eines kunstvollen Seesterns war mit aufgeklebtem Sand und Muschelschalen verziert. Eine rostige einläufige Flinte, deren Kolben einen Riss hatte und mit Kupferdraht umwickelt war, lehnte in einer Ecke und in einer anderen stand ein ölglänzendes doppelläufiges Gewehr modernerer Machart. Der lange knochendürre Schnabel eines Schwertfischs, witzigerweise auf einen Griff aus Holz montiert mit dazugehöriger Scheide, hing über dem Ofen wie ein monströser Säbel.

Über der Couch befand sich eine geographische Abbildung in einem Holzrahmen. Sie ging hin und betrachtete sie. Da lag die Insel wie ein schmaler Bohnentopf im Meer, umgeben von gut leserlich eingetragenen Schiffsnamen und Daten, zurückreichend bis 1804.

„Das sind die bekannten Wracks,“ sagte Matthew ruhig. „Die Rettungsstation wurde 1804 eingerichtet. Zuvor war die Insel ein Treffpunkt aller möglichen seltsamen Leute, eine Gang von Plünderern eingeschlossen. Du wirst ein paar ziemlich grausame Geschichten aus dieser Zeit hören. Zur ersten Gruppe der Lebensretter gehörte ein Trupp Soldaten. Damals war die Ausrüstung recht bescheiden und sie konnten nicht viel helfen, außer Sachen aus den Wracks bergen und die Toten am Strand aufsammeln.“

„Wo hat man die toten Seeleute begraben?“

„Normalerweise in den Dünen oberhalb der Stelle, wo man sie gefunden hat. Sie sind überall. Es gibt etwa dreihundert bekannte Wracks; Gott weiß, wie viele es sonst noch sind. Wenn du Vermutungen anstellen willst, könntest du zurückgehen bis zu Sir Humphrey Gilberts6) Delight. Man sieht ziemlich oft Knochen aus dem Sand ragen.“

Sie wechselte das Thema. „Das hier sind also Küche und Wohnzimmer in einem?“

„Ja, und auch das Esszimmer. Die Jungs kommen zum Essen hierher.

„Es macht einen ziemlich kargen Eindruck.“

„Das ist alles, was wir an Ausstattung kriegen. Aber wenn du willst, werde ich für das nächste Mal mehr Möbel bestellen; und auch was du sonst noch haben möchtest. Du brauchst es nur zu sagen. Komm, ich zeige dir den Rest.“

Das Badezimmer war kürzlich weiß gestrichen worden und mit Erleichterung sah sie eine moderne Sanitär-Ausstattung mit Badewanne und Warm- und Kaltwasser-Hahn; die Leitungsrohre führten zum Heißwassertank in der Küche.

„Das wurde während des Krieges eingerichtet, als die Navy das Kommando hatte. Vorher war alles ziemlich primitiv. Hier ist das Schlafzimmer.

Matthew trat zurück und sie ging hinein mit einem etwas weichen Gefühl in den Knien. Die Übelkeit hatte aufgehört, trotzdem fühlte sie sich noch recht elend und der Anblick der eisernen Bettstatt weckte in ihr das Verlangen, Matthew die Türe vor der Nase zuzumachen und sich hinzulegen. Ein paar Felle auf dem Boden, weiche weiße Felle von jungen Seehunden, verliehen dem Raum einen winzigen Hauch von Luxus. Es gab einen einfachen Eichenschrank, dessen Spiegel aufgrund von Feuchtigkeit und Alter matt geworden war; sie konnte ihr gespenstisches Spiegelbild und Matthew, der schattenhaft im Türrahmen stand, darin sehen. Das Fenster hatte eine Blende, aber keine Vorhänge. Es gab nur einen Stuhl. Und wieder die lasierte Wandverkleidung aus Fichtenholzholz, darüber die langweilig einfarbig gestrichenen oberen Wände. Die Entdeckung des Badezimmers hatte ihre Lebensgeister etwas gehoben, aber nun wurde ihr das Herz schwer. Es war alles so trostlos und der Geruch der frischen Farbe machte es nur noch schlimmer; wie die antiseptischen Mittel in einem Krankenzimmer, die Bazillen abhalten, aber gleichzeitig jede Spur menschlicher Regung ersticken.

„Nun, was sagst du?“ fragte er begierig.

Für einige Augenblicke hüllte sie sich in verlegenes Schweigen, dann sagte sie kühl, „Ich wünschte, ich hätte das vorausgesehen und etwas mehr Zeit zum Einkaufen gehabt. Ich habe ein Federbett gekauft, Bettwäsche und noch ein paar andere Sachen, aber ich hätte Vorhänge mitgebracht, ein paar Bilder für die Wände, Chintz für die Möbel – so etwas.

„Du kannst natürlich alles bestellen, was du willst und es kommt mit der nächsten Schiffsladung.“

„Ja, ich weiß.“

Die Lord Elgin würde erst in drei Monaten wieder auftauchen – eine Ewigkeit. Als sie antwortete, gelang es ihr nicht, ihre Enttäuschung zu verbergen und versuchte es auch nicht. Sie wandte sich schroff von ihm ab.

„Matthew, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Ich fühle mich noch recht unwohl, aber das ist es nicht allein. Am besten ist es, wenn ich offen zu dir bin. Ich war völlig hysterisch an diesem Abend, als ich so spät zu unserem Treffen kam – in der Nacht als die Musik-Band spielte. Ich war nahe daran, verrückt zu werden. Seitdem, in dieser schrecklichen Koje auf dem Schiff, erlebte ich einen neuen Albtraum und ich bin immer noch ganz durcheinander. Du musst mir Zeit lassen, mich an alles zu gewöhnen, auch an dich. Schließlich kenne ich dich kaum.“

Sie verstummte. Matthew sagte ruhig, „Ja?“

„Matthew, ich möchte allein schlafen. Nicht nur heute Nacht, sondern bis ich mich mit allem besser zurechtgefunden habe. Wärst du damit einverstanden?“

Sie sah dabei weiter aus dem Fenster, um ihm nicht in die Augen schauen zu müssen. Sie war erleichtert, als er mit seiner tiefen Stimme ruhig antwortete.

„Natürlich, mein Schatz. Ich wollte es selber vorschlagen.“ Er zögerte, dann sprach er weiter, „Erinnerst du dich an das, was ich sagte, als wir im Gras saßen und der Band zuhörten? Ich sagte, ich würde nichts von dir verlangen, was du nicht bereit wärst, von dir aus zu geben. Das gilt immer noch. Und du hast mir schon so viel gegeben.“

Einen Moment lang plagten sie heftige Gewissensbisse. Ihre aufsteigenden Tränen ließen den Anblick der Lagune verschwimmen. Sie musste die dringende Anwandlung unterdrücken, sich weinend in seine Arme zu werfen, so wie sie geweint hatte in dem verlotterten kleinen Bahnhofshotel.

„Am besten wäre es, wenn du dich jetzt hinlegst,“ sagte Matthew. „Ich schaue, ob ich Vedder finde; ich werde dir Tee und ein wenig Toast bringen. Es geht dir bestimmt besser, wenn du etwas gegessen hast.“

„Vielleicht.“

Sie hörte seine Schritte, als er sich entfernte. Die Außentüre fiel ins Schloss. Das Bett lockte sie. Es gab keine Tagesdecke und die Bettdecken waren grau und grob, aber sie stellte befriedigt fest, dass sich darunter frischgewaschene Bettlaken befanden und das Kissen einen neuen Bezug hatte. Sie setzte ihren Hut ab und zog die Schuhe, ihren Rock und die Jacke aus, legte sich hin und deckte sich zu; sie schloss die Augen und hoffte schlafen zu können. Es gelang ihr jedoch nicht. Der Maschinen-Auspuff ploppte ununterbrochen und Windstöße zogen von der Meeresseite her um das Haus; durch das geöffnete Fenster drang ein Geruch herein, in dem sich Benzindunst und Seeluft mischten. In Abständen hörte sie das trompetenähnliche Geräusch der Funkübertragung durch die dünnen Trennwände und ebenso das ständige Surren der Maschinen. Inmitten dieser Geräusche gingen ihr düstere Gedanken und Spekulationen über die Zukunft durch den Kopf: die letzten paar Tage waren so ungewöhnlich, dass alles, was noch kam, vermutlich ganz alltäglich sein würde.

Die Außentüre wurde geöffnet und sie hörte Matthew in die Küche treten. Er war allein. Ein leichtes Klirren von Porzellan; ein sanfter Geruch von gegrilltem Toast. Plötzlich merkte sie, dass sie hungrig war. Als sich die Schlafzimmertüre öffnete, sah sie zunächst nur das Tablett in Matthews Händen, den kleinen Berg mit Buttertoasts und den Dampf, der aus der Teetasse stieg. Sie erblickte sein Gesicht und setzte sich auf.

„Etwas stimmt nicht. Was ist los?“

In seinen blauen Augen lag ein Ausdruck, den sie bisher nicht kannte. Er war ärgerlich. Er war wütend. „Vedder ist verschwunden,“ sagte er. Er kam ans Bett und stellte das Tablett auf ihren Schoß. Sie achtete nicht darauf.

„Was willst du damit sagen?“

„Er ist abgehauen, – hat das Weite gesucht – dieser egoistische Typ. Er hat gewartet, bis Skane zum Landeplatz ging, dann packte er seine Sachen und schlich am Ufer der Lagune entlang zur Hauptstation. Ich nehme an, dass er dort wartete, bis er wusste, dass kaum mehr Leute an der Küste waren, dann schlüpfte er in eines der Boote, die zum Schiff zurückkehrten.“

„Aber wie kann er sowas tun?“

„Jedenfalls hat er es getan. Köche haben ihren eigenen Kopf.“

„Er hat offenbar dem jungen Sargent etwas erzählt. Das war wohl der Grund, warum Sargent so zurückhaltend war, als wir ankamen. Er wusste nicht, wie er es uns beibringen sollte. Wie es aussieht, hat Skane, sobald er meine Nachricht bekommen hatte, die ganze Mannschaft angehalten zu arbeiten – sich selbst, McGillivray, Sargent und den Koch – fegen, schrubben, streichen, polieren – er hat ihnen richtig Beine gemacht – wie Vedder es ausdrückte. Natürlich haben wir immer alles einigermaßen sauber gehalten, aber an einem solchen Ort lässt man mitunter die Dinge auch etwas schleifen. Der Sand dringt durch jeden Spalt. Man findet es lästig, ständig zu fegen. Man trägt seine wenigen Kleider so lange wie möglich, um sie nicht so oft waschen zu müssen. Um die Wäsche muss man sich selbst kümmern, das nervt, also nimmt man es nicht so genau. Sobald es warm ist, lebt man praktisch in seinen alten Hosen oder in der Badehose – kurzum: wie die Wilden. Es ist gewissermaßen ein lustiges freies Leben, aber wenn eine Frau hier ist, geht das nicht mehr. Das war wohl der springende Punkt, nehme ich an. – Und abgesehen davon, hat Vedder, wie vermutlich alle Köche, die wir hier kriegen, immer so getan, als täte er uns allein durch seine Anwesenheit einen Gefallen. Wir mussten vorsichtig mit ihm umgehen, seine Kochkünste loben und so weiter. Ich bin natürlich der Boss der Station, aber die Küche war Vedders Reich und er hat uns das immer spüren lassen. Er hat mir sogar mehr als einmal zu verstehen gegeben, dass wir eigentlich die Schlafzimmer tauschen sollten, damit er „näher bei seiner Arbeitsstelle“ sein könnte. Nun ja, als ich die Nachricht schickte, dass du kommen würdest, war Skane wohl genauso wenig begeistert wie Vedder. Skane ist ein seltsamer Bursche und mag Frauen nicht. Trotzdem wollte er, dass alles tipptopp war, und als Vedder sich weigerte, die Küche zu weißeln, versetzte Skane ihm einen Kinnhaken und verlangte, dass er mithalf, oder er würde ihn fertigmachen. Also machte Vedder sich an die Arbeit.

Aber immer, wenn er Gelegenheit hatte, mit Sargent zu reden, schimpfte er über Skane und mich und über `das verdammte Weib` und sagte, er wollte nichts mehr mit uns zu tun haben, sobald das Schiff da sei. Also ist er abgehauen. Ich könnte O’Dell telegraphieren, er solle ihn wieder an Land setzen, aber das wäre sinnlos. Es tut mir leid, Isabel. Ich wollte dich eigentlich damit nicht belasten, aber ich ärgere mich und rede mehr als ich sollte. Im Grunde ist es ja kein Problem. Ich werde einen der Jungs von der Rettungsstation herkommen lassen, damit er die Kocherei für uns erledigt, bis wir mit dem nächsten Boot wieder einen Koch kriegen.“

„Mir scheint, dass Skane nicht besonders diplomatisch war,“ sagte Isabel kurz angebunden. Sie nahm ein Stück Toast und biss mit einem Appetit hinein, der noch vor einer Stunde unwahrscheinlich gewesen wäre. Sie tat Zucker und Kondensmilch in den Tee, rührte schnell um und setzte die Tasse an den Mund. Köstlich!

„Ach, Skane hat ein ziemlich heftiges Temperament und wird schnell wütend. Ich mache ihm in dem Fall allerdings keinen Vorwurf. Skane wusste, dass ich alles ordentlich haben wollte und viel Zeit für Diplomatie war ja nicht. Ist dein Tee recht? Möchtest du noch mehr Toast?“

„Der Tee ist wunderbar, Ich mache mir dann selbst noch mehr Tost. Es geht mir besser.“

„Das freut mich. Kann ich sonst noch was für dich tun? Ich sollte eigentlich zum Landeplatz zurückkehren und Skane helfen. Wir müssen uns selbst um unsere Lieferungen kümmern und für einen allein ist es eine ziemlich große Menge.“

„Ich komme schon zurecht. Geh nur und erledige, was du zu erledigen hast.“

„Ich werde versuchen, jemanden zu finden, der für uns kocht und schicke ihn her.“

Matthew wandte sich zum Gehen. Als er bei der Küchentüre war, rief ihn Isabel zurück.

„Matthew, warte mal.“ Sie stelle das Tablett ab und sprang aus dem Bett. Sie trafen sich an der Schlafzimmertüre.

„Matthew, bitte lass das mit dem Koch. Ich kann das genauso gut, wie jeder, den du an der Hauptstation aussuchst. Da bin ich mir sicher.“

„Aber mein Schatz, wie ich schon sagte, ich möchte nicht, dass du …“

„Ach Matthew, das ist Unsinn. Ich brauche eine Aufgabe – ich kann doch nicht den ganzen Tag herumsitzen und Däumchen drehen. Dazu kommt, seitdem du von einem Koch geredet hast, war mir der Gedanke, einen fremden Mann hier zu haben, der in der Küche meiner Wohnung herumfuhrwerkt höchst unangenehm. Er würde sich dabei ebenso unwohl fühlen wie ich. Ich glaube, Vedder hatte durchaus recht – mit dem `verdammten Weib`, wie er sagte. Ich hätte wohl an seiner Stelle dasselbe gesagt.“

„Was?!“ Er schaute sie entgeistert an.

„Ich bin fest entschlossen. Abgesehen davon, hätte ich dann ein eigenes Einkommen. Bekommt ein Koch nicht fünfzig Dollar im Monat?“

„Ja, sicher, aber überleg doch mal …“

„Dann möchte ich diesen Lohn für mich. Du solltest das dem Büro melden. Und erzähl mir nicht, das sei nicht vorgesehen, denn ich weiß, dass auf anderen Stationen die Frauen der Chef-Funker als Köchinnen tätig sind und das Geld kriegen. Es ist ein sehr vernünftiges Arrangement. Bitte sag nichts mehr dagegen.“

Matthew schaute sie eine Weile schweigend an und nickte dann resigniert, als sei er ein lang verheirateter Mann, was in Anbetracht der Umstände so absurd wirkte, dass Isabel fast versucht war zu lachen. Er ging und kurz darauf hörte Isabel das Klatschen der Zügel und das leise Knirschen der Räder im Sand, als er Richtung Landeplatz fuhr. Sie betrat die Küche, schenkte sich eine weitere Tasse Tee ein und richtete noch mehr Toastbrot her. Das Essen stärkte sie körperlich und linderte ihre quälende Aufregung. Unglückliche Gedanken kreisten ihr im Kopf herum, aber ihre neue Verantwortung gab ihr eine klarere Richtung, wofür sie dankbar war.

Sie hatte eine Idee, begann in Schränken und Küchenschubladen zu suchen und fand schließlich genau das, was sie sich vorgestellt hatte, ein vielbenutztes Kochbuch, die geheime Bibel des entschwundenen Vedder. Als sie auf die billige Wanduhr schaute, vermutete sie, dass der junge Sargent wohl in einer Stunde sein Abendessen erwartete. Matthew und Skane würden ihres auf der Hauptstation bekommen. Sie begutachtete den kleinen Vorrat an Konservendosen im Lebensmitteldepot. Der Rest war so einfach, dass sie eine unerwartete Zufriedenheit mit sich selbst empfand. Genau um zwölf Uhr mittags lief sie den Bohlenweg entlang und rief Sargent durch das geöffnete Fenster zu, dass sein Mittagessen fertig sei. Und als er ihr schüchtern sagte, er müsse am Telefon bleiben, brachte sie ihm das Essen auf demselben Tablett, das Matthew zu ihr ins Zimmer getragen hatte. Danach lief sie wieder in die Küche und nahm selbst eine gute Mahlzeit zu sich. Seit dem fröhlichen Abendessen an Bord der Lord Elgin, kurz vor dem Auslaufen vor Halifax, und abgesehen von Tee und Toast, hatte sie kein Bröselchen mehr zu sich genommen. Jetzt war die Seekrankheit vorbei und sie fühlte sich ausgesprochen hungrig.

Gesättigt kramte sie aus ihrer Handtasche eine Zigarette heraus, legte sich auf das Bett und blies den Rauch langsam Richtung Decke. Der Lärm des Sendevorgangs hatte für einige Zeit aufgehört, denn Sargent stoppte die Maschine, um Benzin zu sparen. Der Seewind wisperte in den mageren Halmen der Dünengräser vor ihrem Fenster. Sie hatte ein eigenartiges Gefühl der Ruhe nach dem Sturm. Nachdem es jetzt klar war, dass sie einen Raum für sich selbst haben würde, bestand die Möglichkeit, ein kleines Stück ihres früheren Lebens zurückzugewinnen. Das Schlafzimmer als eine Art Rückzugsort, wo sie ihre Integrität pflegen konnte, wie sie es in dem Zimmer bei Mrs. Paradee getan hatte. In der Küche gab es einen Bestellkatalog. Beim nächsten Anlegen des Schiffs würde sie einige Bestellungen aufgeben, um die strenge Einrichtung des Raumes zu ändern und das Zimmer zu einem Refugium zu machen, in das sie sich zurückziehen konnte und Isabel Jardine sein, nicht mehr nur die Frau des Chef-Funkers, Matthew Carney. Sie drückte die Zigarette in einer der Venusmuschelschalen aus, die in jedem Raum der Station als Aschenbecher dienten. Einen Augenblick später war sie eingeschlafen.

 

KAPITEL 13

 

Im Laufe einer Woche hatte sich die neue Routine eingespielt, so wie der Sand auf den Dünen sich nach einer unerwarteten Windböe wieder legt. Da die meisten Nahrungsmittel aus Dosen kamen, sogar die Butter, machte das Kochen Isabel keine große Mühe. Mithilfe von Vedders Kochbuch und nach ein paar misslungenen Experimenten, schaffte sie es, brauchbares Brot und Kekse zu backen, sogar ab und zu Kuchen oder Muffins. Nur mit den Kisten, die getrockneten Codfisch und Salzheringe enthielten, hatte sie Probleme. Der Autor des Kochbuches hatte offenbar solch niedere Nahrungsangebote nicht in Betracht gezogen und Matthew musste ihr beibringen, wie man eine Chowder kocht, gesalzenen Codfisch mit Schweinefleischstreifen oder mit gebratenen Küchlein aus Kartoffelbrei mischt, jenes einfache Gericht, das er seltsamerweise so liebte. Einmal meinte er „Ich sagte immer, nachdem ich zur See gegangen war, dass Heringe und Kartoffeln mich aus Neufundland vertrieben hätten; aber das war falsch und es gab Zeiten, in denen ich gern einen Tageslohn dafür gegeben hätte, das Gericht zu bekommen.“

Jeden Abend richtete sie ihm sein Bett auf dem Küchensofa her und morgens, bevor die anderen Funker zum Frühstück erschienen, ließ sie das Bettzeug verschwinden. Sie fühlte sich völlig gerechtfertigt in ihrem Entschluss, allein zu schlafen, aber sie fürchtete, dass die anderen es herausfinden könnten. Sie konnte sich gut vorstellen, wie Skane zusammen mit dem jungen Sargent darüber feixen würden und Witze reißen über die wählerische Braut und den vom Bett ausgesperrten Bräutigam. Damit das anstößige Geheimnis gewahrt blieb, verhielt sie sich in Gegenwart der anderen Matthew gegenüber ausgesprochen zuvorkommend, was ihm gefiel, ihn aber etwas irritierte. Er akzeptierte gern ihr liebevolles Lächeln und ihre freundlichen Berührungen bei Tisch und manchmal, wenn sie besonders reizend gewesen war, und die anderen den Raum verlassen hatten, wandte er sich ihr zu mit einem naiven Ausdruck von Erwartung im Gesicht, der sie in Verlegenheit brachte. Aber diese Verlegenheit verflog angesichts der Empörung, die sie seit jener unglückseligen Nacht auf See immer noch nicht überwunden hatte. Sobald er den leisesten Annäherungsversuch machte, verschwand die vorgetäuschte Munterkeit aus ihrem Gesicht, ihre Augen wurden grau wie ein wolkenverhülltes Meer, sie wandte sich energisch ab, um sich einer Haushaltaufgabe zu widmen oder erinnerte ihn beiläufig daran, dass die Kohlenkiste aufgefüllt werden sollte, der Warmwasserhahn tropfte, oder sonst etwas zu erledigen war.

Wenn der Chef-Funker einer Station eine Frau hatte, übernahm er im Allgemeinen die Tageswachen, was sein gutes Recht war, und überließ es den anderen, sich die Nachtwachen zu teilen. Carney jedoch bestand darauf, die frühere Routine beizubehalten, die sie aufgestellt hatten, als er noch unverheiratet war. Er hatte diese Sitte der verheirateten Chef-Funker immer als „etwas überzogen“ empfunden und wollte nichts davon wissen. Also übernahm er jeden dritten Tag die ungeliebte Kirchhofswache von Mitternacht bis acht Uhr früh und Isabel hatte die Wohnung für sich allein. Nach Mitternacht ließ der Funkverkehr sowieso nach und um drei Uhr morgens konnte der Funker seine Kopfhörer abnehmen und sich seinen anderen Pflichten widmen, nämlich den Wassertank der Station auffüllen, indem er unzählige Male den langen Hebel der Handpumpe im Maschinenraum hin und herbewegte.

Manchmal hörte Isabel das Geräusch in der Nacht und sie war erstaunt, als Matthew ihr erzählte, dass all ihr Wasser aus einem Rohr mit Filter kam, das tief im Sand unter der Station verlief.

„Es ist eigentlich Regenwasser. Die Dünen saugen es auf wie ein großer Schwamm und es sammelt sich auf Meeresniveau und sitzt auf Höhe des Salzwasserspiegels. Deshalb gibt es überall dort, wo zwischen den Dünen eine größere Vertiefung liegt, einen Süßwasserteich. Das Wasser ist ein wenig brackig, aber man gewöhnt sich daran. Seife löst sich nicht ordentlich darin auf, deshalb haben wir eine Tonne unter der Regenrinne und verwenden dieses Wasser zum Wäschewaschen.“

„Kommt denn das Wasser, das man hochpumpt, nicht recht langsam durch den Sand. Wie lange dauert es jede Nacht, bis der Tank voll ist?“

„Es kommt darauf an, was während des Tages verbraucht worden ist. Eine Stunde oder zwei normalerweise.“

„Warum habt ihr denn keine Motorpumpe?“

Matthew grinste. Das sagt Skane auch immer, vor allem nach einer langen Prozedur in einer warmen Nacht. Die Maschine heizt den Raum auf wie in einem türkischen Bad, sogar im Winter. Es ist ziemlich harte Arbeit. Im Sommer ziehen wir uns aus bis auf die Haut.“

„Das hättest du mir früher sagen sollen. Ich verbrauche so viel Wasser. Ich nehme jeden Abend ein Bad.“

„Das macht nichts.“

Sie schaute missbilligend. “Es macht demjenigen etwas aus, der die Pumpe bedient.“

„Kümmere dich nicht darum, mein Schatz.“

Das tat sie aber doch. Von da an war sie vorsichtiger mit dem Aufdrehen der Wasserhähne und wenn sie badete, achtete sie darauf, dass es Matthews Nacht an der Pumpe war, damit die anderen ihr Bedürfnis nach Reinlichkeit nicht als lästig empfanden.

Die relative Stille während der nächtlichen Kirchhofswache war für Isabel eine willkommene Chance zu schlafen. Auch wenn Matthew versichert hatte, sie gewöhne sich daran, quälte sie die laute Elektrik der Funkübertragung. Das gleichmäßige Tuckern des Motors war weniger störend und hatte sogar eine einschläfernde Wirkung, zum Beispiel bei einem gelegentlichen Nachmittagsschlaf. Der Aufruhr bei der Funkübertragung bedeutete allerdings, dass sie nachts oft aus dem Tiefschlaf gerissen wurde, wenn plötzlich das Funken begann. Sie saß hellwach im Bett und zitterte vor jeder der fürchterlichen Abläufe von Längen und Kürzen, die wie Peitschenschläge auf sie wirkten.

Am schlimmsten waren die kurzen Momente der Stille und das Warten im Wissen darauf, dass der Mann mit den Kopfhörern in zwei oder in quälenden zehn Minuten seine Hand wieder auf den Sendeschalter legen und erneut den kreischenden Teufel im Maschinenraum entfesseln würde. Sie konnte dann nicht mehr einschlafen, selbst wenn sie das letzte dröhnende Signal vernahm, dit-dit-dit da-dit-da, das Ende jeder Übertragung, wie sie bald herausgefunden hatte. Nervös saß sie an der Bettkante und rauchte eine Zigarette nach der anderen, oder sie zündete die Öllampe an und versuchte, in einem von Matthews alten Büchern zu lesen. Wenn der Morgen nahte, fiel sie, wie betäubt, wieder in Schlaf und fand im Tageslicht, dass die Lampe noch leuchtete oder den Geruch von verbranntem Docht verströmte.

Eines Nachts, als sie wieder auf diese Weise aufgewacht war und von einer unerträglichen Ruhelosigkeit erfasst wurde, schlüpfte sie barfuß in leichte Schuhe, legte sich einen Mantel um die Schultern und schlich leise über den Bohlensteg. Dichter Nebel verhüllte die Dünen und die Lampen des Wachraumes warfen helle Lichtkegel; einer durchbrach die Düsternis in Richtung Nordstrand, von wo sie das gleichmäßige Rollen der Brandung hören konnte; ein anderer beleuchtete das Unterteil des Mastes. Am Fenster auf der Nordseite hielt sie inne. Matthew saß im Profil da, die Kopfhörer über den strähnigen Haaren und starrte mit dem seltsam angespannten Blick eines Funkers bei der Arbeit über das Empfangsgerät hinweg auf den Mast. Er trug keine Jacke, sein Hemd stand am Hals offen, die Ärmel waren hochgerollt, als ob er soeben mit der Maschine oder der Wasserpumpe gekämpft hatte.

Der milde Schein der Kerosinlampen an beiden Enden des langen Tisches beleuchtete sein ernstes, aufmerksames bärtiges Gesicht, seine kräftige Gestalt saß aufrecht, zwischen seinen Fingern hielt er einen Bleistift, ein Bild von Achtsamkeit, Vertrauen und Pflichtbewusstsein. Zum ersten Mal wurde ihr die fantastische Seite seines Berufes bewusst. Sie dachte daran, dass die Funkstationen am Rand des Meeres alle Funkkontakte überwachten und kontrollierten, die sich innerhalb ihrer Reichweite abspielten, im Fall von Marina tausende von Quadratkilometern; und jetzt sah sie ihn, den einsamen Mann auf diesem fernen Außenposten des Kontinents, wie er zuhörte, überlegte, abwog, was die Stimme eines Schiffes weit draußen auf dem ungeheuren Atlantik zu sagen hatte. Seine rechte Hand ließ den Bleistift los und näherte sich der Sendetaste. Die flirrende Funkscheibe sandte durch den Gang des Hauses eine Folge manischer Schreie. Sie hatte den Maschinenraum vor Augen, der bei jedem Schrei blendend blau erleuchtet wurde und auch den Funker des Schiffes, einen jungen Mann in einer blauen Uniform mit Messingknöpfen und Goldgeflecht am Ärmel, der seinerseits auf den hohen Signalton lauschte, für ihn nicht nur die Stimme Marinas, sondern die des Landes Kanada.

Sie überlegte, ob sie nicht hineingehen sollte und ein wenig mit Matthew plaudern, bis sie ruhiger geworden war und schlafen konnte, aber dann ließ es doch bleiben. Sie hatte kein Recht dort einzudringen, vor allem in diesem Aufzug. Der Bohlensteg führte auf dieser Seite an den Schlafzimmerfenstern von Skane und Sargent vorbei, beide waren offen und so niedrig, dass die Männer oft von dort auf den Steg hinauskletterten, wenn sie zu den Mahlzeiten erschienen. Was, wenn einer von ihnen wach war und sie hier sah? Was würde er um Himmels Willen denken? Sie floh zurück in ihr Bett, fröstelnd, aber seltsamerweise freudig erregt, als habe sie eine neue Freiheit entdeckt, die es noch weiter zu erforschen galt.

Von da an schlich sie in den warmen Septembernächten, wenn sie erwachte und unruhig war, hinaus in die lockende Dunkelheit. Es war aufregend. Matthew hatte die Inselbewohner als abergläubisch beschrieben und erzählte mit Vergnügen ihre Geschichten von ertrunkenen Frauen, die nackt oder in nasse Gewänder gekleidet mit langen feuchten Haaren um die Schultern hängend in den Dünen herumwanderten, von Seeleuten in seltsamen Kostümen, die einander an ihren Gräbern besuchten, oder von einem Reiter auf einem großen weißen Pferd, ganz anders als die Inselponys, der umherritt und französische Lieder sang. Isabel hatte keine Angst vor der Dunkelheit und sie stellte sich vor, welche Komik darin liegen könnte, wenn einer dieser leichtgläubigen Männer, der spät von einem Ausflug, z.B. nach Nummer Zwei, zurückkehrte und sein Pony in der Dunkelheit sich seinen eigenen Weg suchen ließ, zufällig ihre bleiche Gestalt in der Nähe der Funkstation umherschleichen sah.

Wenn Matthew die Sendetaste bediente, diese schlafstörende Einrichtung, lief sie an der Nordseite der Station entlang, vorbei am unbewohnten Zimmer des Kochs, vorbei am Badezimmer der Funker, vorbei am Maschinenraum und sah ihm zu mit dem mutwilligen Gefühl eines Kindes, das vor dem Zubettgehen über das Treppengeländer blickt. Es lag eine eigenartige Faszination darin, ihn heimlich bei seiner Arbeit zu beobachten, während er von ihrer Gegenwart nicht die geringste Ahnung hatte. Nach dem finalen Signal „SK“ (Silent Key) nahm er die Kopfhörer ab, und ging den Gang entlang, um die Maschine auszuschalten. Sie hörte sie keuchen, bis das leise Klatschen des Generator-Riemens aufhörte und Stille eintrat. Dann ging er zurück, setzte die Kopfhörer wieder auf und notierte etwas in das lange gelbe Arbeitstagebuch mit seiner kindlich-übergroßen Schrift. Er nahm sein Buch zur Hand oder das Solitaire-Spiel, legte die Karten mit seinen großen Fingern sorgfältig nebeneinander oder mischte sie neu, fest entschlossen, die lange eintönige Nacht hinter sich zu bringen.

In ihrer Wohnung zu lesen, hatte er offenbar keine Lust. Er schaute ihr lieber bei der Hausarbeit zu, unterhielt sich mit ihr, wenn sie dazu aufgelegt war und wenn nicht, zog er seine Wasserstiefel an und verschwand über die Dünen Richtung Nordstrand auf einen Spaziergang oder zur Lagune hinunter, um zu schwimmen. Das Lesevergnügen war reserviert für die einsamen Nachtwachen, wobei das Buch ausschließlich technische Inhalte mit komplexen Diagrammen enthielt, denn seine rechte Faust umklammerte dabei ein altmodisches Vergrößerungsglas. Er blätterte die Seiten langsam um und hielt dann das Glas wieder über den Text mit dem merkwürdigen Ausdruck eines bärtigen Wissenschaftlers, der winzige Einkerbungen auf den Blättern studiert.

Wenn sie nachts nicht schlafen konnte und Matthew keine Wache hatte, sondern auf seiner Couch schlief, tief atmend wie ein großes, freundliches Tier, schlich sie sich leise an ihm vorbei und ging zum Ufer der Lagune hinunter. Es gab selten Nebel in diesen frühen Herbstnächten. Oft erschienen wunderbare Nordlichter, zogen den Horizont entlang wie Speere einer marschierenden Armee oder wehten in einer geheimnisvollen Brise, einer riesigen leuchtenden Flagge vergleichbar. Gewöhnlich war der Himmel von Sternen hell erleuchtet, wie sie es nie zuvor gesehen hatte, außer als Kind auf der Farm in kleinen Ausschnitten durch die Zweige der Obstbäume. Zwischen den Dächern in der Stadt waren sie immer abgedunkelt gewesen durch Rauch und den Widerschein der Straßen.

Hier hatte der Himmel außer dem runden Horizont des Meeres keine Grenze. Er war riesig; und sie freute sich unter ihm allein zu sein, während die Nacht mit kühlen Fingern ihre Haut streichelte. Matthew hatte ein Flachboot am Ufer der Lagune. Sie setzte sich auf eine der Querlatten, legte die Hände nach hinten auf den Rand des Bootes und lehnte sich zurück, das Gesicht nach oben gerichtet zu diesem einzigartigen Schauspiel. Einige Sternbilder kannte sie aus ihrer Zeit als Lehrerin: die Milchstraße natürlich, die Zwillinge Castor und Pollux, die Pleiaden, das Pegasus-Viereck, den Großen Bären mit seinem Zeiger zum Polarstern. Der Rest war namenlos, ein Sack mit Diamanten ausgeschüttet über das Dach der Welt, wie die Edelsteine, die sie einmal, geschickt auf schwarzem Samt verteilt, im Schaufenster eines Juweliers gesehen hatte.

In windstillen Nächten spiegelte die Lagune diese glitzernde Pracht wie eine schwarze Glasscheibe, so dass es zwei Himmel gab, einen über ihr und einen zu ihren Füßen, geteilt nur durch die dünne dunkle Linie des südlichen Damms. Wenn sie längere Zeit auf diese Weise in die Sterne schaute, wurde ihr schwindelig von dem Gefühl des Schwebens zwischen zwei Welten, wobei sie weder zu der einen noch zu der anderen gehörte. Wie wahr! dachte sie. Das Bedauern um den Verlust ihres früheren Lebens, das sie in den Stunden der Seekrankheit an Bord der Lord Elgin so heftig überfallen hatte, lauerte seitdem im Schatten der Erinnerung an Mrs. Paradee. Ihr jetziges Leben hatte einen gewissen Reiz des Neuen, aber sie wusste, dass er nicht von Dauer war. Bald würde das kalte Wetter kommen und das bedeutete monatelang mit den drei Männern eingeschlossen sein im engen Bereich der Funkstation. Ihr wurde bang, wenn sie daran dachte; und dann erwachte eine schwermütige Stimme in ihrem Inneren, die fragte, Was wird am Ende sein? Sie wusste es nicht und verdrängte die Frage. Wenn sie sich selber fragte, Was wünsche ich mir? gab es keine Antwort.

Nach sechs Wochen war der Reiz des Neuen verschwunden und nichts war an seine Stelle getreten. Matthews Versuche, ihr eine Freude zu machen, sein Vorschlag, auf einem Pony zu reiten, im Flachboot auf der Lagune zu segeln und zu schwimmen, an einem der kleinen Teiche zwischen den Dünen ein Picknick zu veranstalten oder in den Vertiefungen dort Cranberries für die Wintertage zu pflücken, lehnte sie ab, indem sie Ausreden erfand oder sie zuckte nur die Schultern. Sie langweilte sich einfach und manchmal schien es, als wollte sie sich langweilen, wie die unzufriedenen Damen in russischen Romanen, die sie einst so sehr verachtet hatte. Die anderen Funker waren keine Fremden mehr. Sogar ihre Abneigung gegen Skane hatte sich gelegt. Sie lauschte desinteressiert ihren wortkargen Unterhaltungen bei Tisch oder im Funkraum, wo sie saß und strickte oder vorgab zu lesen, wenn Matthew von sechs bis zwölf die Abendwache hatte.

In ihrer Wohnung hatte Matthew auf ihre teilnahmslosen Fragen geantwortet und ihr die Lebensgeschichte der anderen erzählt und auch seine eigene. Während sie die anderen beobachtete und ihre Gespräche hörte, kam es ihr vor, als ob alles, was sie miteinander oder mit ihr verband, die gemeinsame Gefangenschaft war.

Skanes Vorname war Gregory und er stammte aus einem kleinen Hafenort in Cape Breton, wo sein Vater lebte, ein Methodisten-Geistlicher, Witwer seit Skane’s Kindheit, jetzt im Ruhestand. Skane war auf dem College in Schwierigkeiten geraten und als Funker zur See gegangen. Das Vagabundenleben behagte ihm. Er liebte das Meer und genoss die Vergnügungen an Land. Seine Schiffskameraden konnte er unter den Tisch trinken und pfeifend davongehen. Er besaß diese zähe Vitalität, bei der die Nachwirkungen des Alkohols ausbleiben, die aber auf Frauen unwiderstehlich wirkt. Offenbar gab es davon so einige. „Gibt er an damit?“ hatte Isabel geringschätzig gefragt, und Matthew hatte geantwortet, „Nie. Ich habe es von Kameraden gehört, die mit ihm auf Fahrt waren.“

Skane hatte während des Krieges in der Handelsmarine gedient und war zweimal torpediert worden. Das zweite Mal war es übel ausgegangen und er trieb viele Tage in einem Boot auf dem Meer, nur er und der Schiffsjunge als einzige Überlebende. Danach hatte man ihn für den Dienst an Land eingesetzt, worauf er sich für den Posten auf Marina bewarb und jetzt, mit vierunddreißig, war er fast schon ein alter Marina-Hase. Ein guter Mann, etwas zu einsilbig, um bei den Inselbewohnern beliebt zu sein, aber ein zuverlässiger Funker und zufrieden damit, wo er war, jedenfalls hatte er sich abgefunden mit seinem Leben, nicht wie die jungen Kerle – nicht wie zum Beispiel Sargent.

Und Sargent? Sargent hatte keine Geschichte. Nur ein Junge, ein netter Junge aus Halifax. Er war erst achtzehn und fuhr drei Jahre lang zur See, genug, um etwas Erfahrung zu sammeln und dann, weil er geschickt war an den Teleapparaten und dreißig Wörter pro Minute an dem altmodischen steifen Morseschalter schaffte, und Hurd knapp war mit Personal und für Marina einen Aushilfsfunker brauchte, wurde Jim Sargent aus einer Gruppe im Trockendock geholt und hingeschickt. „Natürlich hasst er es. Will unbedingt wieder aufs Meer hinaus. Absolut verständlich. Er zählt die Tage und Wochen, bis er wieder gehen kann, wie alle die jungen Kerle – wie MacGillivray, erinnerst du dich?“

Sie erinnerte sich und Matthews wiederholtes „absolut verständlich“ irritierte sie. Ich bin auch jung, dachte sie rebellisch. Matthew und Skane waren zufrieden. Skane war nur wenige Jahre älter als sie, aber es sah nicht danach aus, dass er diese „verständnisvolle“ Einstellung hatte. Sie beobachtete ihn, als sie über die Entenjagd im Herbst redeten, die kurz bevorstand. Die ersten Schwärme aus dem Norden waren angekommen und bald würden die Teiche und die flachen Buchten der Lagune schwarz sein vor Vögeln. Es gab Lockenten im Vorratsraum, alle aus angeschwemmtem Schiffs-Kiefernholz geschnitzt und im Lauf des Sommers hatten Skane und Sargent sie neu bemalt. Mit dem Boot war auch frische Munition gekommen. Sargent fieberte der Jagd entgegen. Skane dagegen sprach ruhig und präzise darüber, als ob die Entenjagd ein Job sei, der erledigt werden musste und zwar ordentlich, so wie er über das Aufziehen neuer Luftdrähte oder das Einpacken der Ölpumpe an der Maschine reden würde.

Carney, der der Diskussion folgte, lehnte sich im Stuhl zurück, mit aufgesetzten Kopfhörern, eine Ohrenklappe zurückgeschoben, damit er das Gespräch hören konnte. Ab und zu machte er eine Bemerkung, zog langsam an seiner Pfeife und blies dünne Rauchfahnen aus seinen bartumstandenen Lippen. Er war früher auf Marina ein begeisterter Schütze gewesen, aber Isabel erfuhr, dass er in letzter Zeit sein Interesse daran weitgehend verloren hatte. Er gab zu, dass es ein guter Zeitvertreib war, aber garstig gegen die Enten. Isabel war entsetzt zu erfahren, dass die Männer von Marina jeden Herbst und Winter Enten zu Tausenden schossen und nur eine kleine Menge davon auf den Tisch kam.

„Nachdem du einige Zeit Wildente,“ gegessen hast, bekommst du es über,“ erklärte Matthew. „Zunächst ist es eine Abwechslung von den Konserven und man isst eine ziemliche Menge, aber dann geht man wieder über zu Konserven oder Kabeljau-Chowder. Ende November lässt man dann die meisten Vögel liegen, wo sie hinfallen.“

„Wie scheußlich!“

Sie sah, dass Skane seine schwarzen Augenbrauen hochzog. Er warf ihr einen dieser tiefblauen durchdringenden Blicke zu, die sie immer als so hart und gefühllos empfand.

„Sie sind schließlich genauso dumm wie die Möwen, Mrs. Carney – und Sie wissen ja, wie Möwen sind.“

„Würden Sie auf Möwen schießen, nur zum Spaß?“ gab sie ungehalten zurück.

Die drei Männer wechselten einen bezeichnenden Blick. „Nein“, sagte Skane, aber die Lebensretter tun es. Sie haben normalerweise ein Gewehr über dem Sattel liegen, wenn sie ihre Runde machen und knallen alles ab, was ihnen über den Weg läuft.“ Er sprach als sei es ganz „natürlich“.

Der junge Sargent sagte, „es gibt den einen oder anderen, der mitunter ein wildes Pony abschießt – zum Spaß.“

„Soll das ein Witz sein?“

„Es stimmt schon,“ entgegnete Carney, etwas resigniert. Man findet jedes Jahr ein paar tote Ponys in den Dünen – vor allem im Frühling. Die, die alt und krank sind, sterben sowieso im Laufe des Winters, aber ab und zu sieht man eines mit einem Einschussloch.“

Isabel war fassungslos. Was war das für ein Ort, wo Menschen solch unzivilisierte Launen auslebten? Erneut hatte sie die kleinen Stationen zwischen den Dünen vor Augen, wo Männer und Frauen wohnten, die, umgeben vom unergründlichen Meer, sich bis an die Grenze des Wahnsinns langweilten. Kein Wunder, dass sie abergläubisch waren! Amüsiert hatte sie Matthews Geschichten gelauscht. Sie kamen ihr unglaublich vor. Jetzt aber schien ihr das Schlimmste glaubhaft. Wobei Matthew ernsthaft versicherte, dass die Lebensretter trotz ihres Aberglaubens und ihres grausamen Zeitvertreibs mutige Männer waren, wenn sie das Rettungsschiff in Aktion setzten, gastfreundlich in ihren Behausungen, sorgfältig und aufmerksam auf ihren Patrouillenritten um die Insel, selbst im bittersten Winterwetter. Es war grotesk.

Sie dachte über diese Dinge nach, wenn nachts die mitleidlosen Funkgeräusche sie weckten und die Herbststürme, Regen und Sand an ihr Schlafzimmerfenster schleuderten, und sie schlaflos im Bett lag. Auf die nächtlichen Ausflüge, die einen Ausgleich für ihre Schlaflosigkeit geboten hatten, zusammen mit einem Hauch von Abenteuer, musste sie jetzt verzichten. Sie wälzte sich unruhig hin und her, gefangen im Hamsterrad ihrer Gedanken und wenn sie schließlich erschöpft war vom vielen Überlegen und immer noch nicht schlafen konnte, ließ sie Erinnerungen zu an Matthew und jene Nacht im Hotel.

Die Bilder kamen jetzt stark und warm, während diese schrecklich desillusionierende Nacht im Schiff nicht mehr so schmerzvoll erschien. Sie hatte sich selbst in diese Lage gebracht. Indem sie einen unsichtbaren aber starren Schutzschild um sich errichtet hatte, verursacht von einem Gefühl verletzten Stolzes. Sie konnte sich noch nicht dazu überwinden, ihn aufzugeben, oder ihn wenigstens Stück für Stück beiseite zu schieben. Als eine Nacht auf die andere folgte, in schlaflosen einsamen Stunden, in denen sie hörte wie der Sturm an die Wände und auf dem Dach polterte, begann sie inständig zu wünschen, dass Matthew mehr wie die anderen Inselbewohner wäre, energisch, sogar grausam, wenn es um die Befriedigung seiner eigenen Wünsche und Sehnsüchte ging. Immer wieder fühlte sie sich in den Morgenstunden als erschöpfte Beute eines Verlangens, das wie Hunger nagte und all ihren Stolz und ihren Widerstand schmelzen ließ. Obwohl sie wusste, dass am Morgen Stolz und Widerstand erneut auftauchten, zuckte sie zusammen bei jedem Knarzen des Fußbodens, jedem Rütteln der Schlafzimmertüre, in der Hoffnung, einen veränderten Matthew zu sehen, erregt und wild entschlossen, sich zu nehmen, was sie jetzt so sehr bereit war zu geben.

Sie ließ sich in diese Fantasien hineinfallen. Sie wusste, was sie in überraschtem Protest, in milder Ungehaltenheit sagen würde, im Flüsterton, denn die Wände waren so dünn – während ihr Körper, schamlos, die Invasion dankbar begrüßte, wie eine Stadt, die nachts gestürmt wird, das Ende einer langen Belagerung empfinden mag. Aber er kam nicht und die Stunden zogen sich hin und sie hasste ihn für seine Zurückhaltung und gleichzeitig verachtete sie ihr eigenes Fleisch wegen seiner Begehrlichkeit. Beim ersten Morgenlicht, wenn ihre Fensterscheiben grau wurden, verging die Sehnsucht. Ein letztes Bedauern, die kalte Realität kam zurück und der dumme Stolz. Matthew ging in der Küche umher. Sie hörte ihn am Waschbecken plätschern. Sie stand auf, zog sich an und richtete ihm das Frühstück mit der energischen Unpersönlichkeit einer Bediensteten in einem Restaurant.

 

KAPITEL 14

 

Im Oktober kamen die Wildgänse aus dem Norden und bei den wilden Süd-Ost-Stürmen wurde der Himmel grau. An den Stränden wogte eine ständige Brandung, die inzwischen eine Heftigkeit erreichte, die Isabel faszinierend und schrecklich zugleich fand. Es war unheimlich, im Wachraum zu sitzen, dem Brechen einer großen Welle am unsichtbaren Nordstrand zu lauschen und das Öl in den Glasbehältern der Lampen zittern zu sehen. Sie hatte gedacht, dass höchstens ein Erdbeben diesen Haufen Sand erschüttern konnte. Richtung Süden beobachtete sie durch die regengepeitschten Fenster den Atlantik, der gegen die Barriere des schmalen Schutzdamms der Lagune schlug. Große Wellen rollten wie ein Heer grau gekleideter Regimenter vom Süden daher, bewegten sich mit gezielter Disziplin auf den Strand zu, wo sie die Reihenordnung sprengten und hochschnellten, als wollten sie diese mickrige Barriere ein für alle Mal zerschmettern. Jede Welle schleuderte eine Wand aus Gischt zusammen mit aufgewühltem Sand in die Luft und strömte dann schmatzend zurück, um der nächsten Welle Platz zu machen. Soweit die Insel reichte erfüllten diese Attacken die Luft auf Marina mit dem Donner einer Kanonade.

Isabel schwindelte es, wenn sie daran dachte, wie viele tausende Tonnen Wasser bei jedem dieser Angriffe hochgeschleudert wurden und mit großer stürmischer Macht auf die Insel prallten. Wie konnte diese nur standhalten? Schon allein die Winde waren schrecklich. Wenn es nicht regnete und der Sturm von Osten oder Westen blies, wirbelte er Sandwolken auf und trieb sie – Sahara-Stürmen vergleichbar – die Insel entlang. Wenn sie am heftigsten tobten, sollte man sich besser nicht hinauswagen, denn man konnte kaum atmen und das Stechen des Sandes im Gesicht war unerträglich.

Alle verhielten sich dann, als sei eine Belagerung im Gange; nichts war zu sehen, außer Flugsand, der wie Rauch außen an den Fensterscheiben trieb. Man hörte sein fieses Schleifen auf den Schindeln und in den Antennen und Spanndrähten kreischten die Luftgeister. Sogar die wilden Ponys, diese zähen, zotteligen Tiere unbekannten Ursprungs, seit Generationen abgehärtet gegen die Unbill der Elemente, zogen sich in die tiefsten Mulden zurück und standen in kleinen Herden, mit einander zugewandten Köpfen, das Hinterteil in Richtung Sturm, stundenlang unbeweglich zusammen.

Wenn der Sturm nachließ, tobten die Wellen weiter, manchmal tagelang. Bei einer Sturmflut, die die Strände unpassierbar machte, sahen sie gelegentlich einen einsamen Mann Patrouille reiten auf einem der halbwilden Ponys aus den Ställen der Hauptstation. Er ritt langsam an der Funkstation vorbei, meistens mit einer Schrotbüchse oder einem Gewehr über dem Sattelknauf. An schönen Tagen kamen oft zwei oder drei Reiter miteinander und dann hörte man Schüsse aus der Richtung der kleinen Teiche, die verborgen zwischen den östlichen Dünen lagen. Manchmal hielten die Reiter bei der Funkstation, banden ihre Ponys an den Verandapfosten fest und stapften in den Wachraum, um mit Carney und den anderen zu plaudern. Isabel gegenüber waren sie zurückhaltend und unsicher. Wenn sie da war, blieben sie nicht lange. Ihr kamen sie wie eine halbwilde Rasse vor, ähnlich den Ponys, die sie ritten.

Immer wenn Matthew die Kirchhofswache hatte, zogen Sargent und Skane mit ihren Flinten davon, jeder mit einem halben Dutzend Lockenten in einem Bündel aus Fischernetzen auf dem Rücken. Schon vor Tageslicht brachen sie zum Ostufer der Lagune auf. Isabel hörte sie rumoren, drehte sich im Bett um und vernahm das Pfeifen des Windes und das Tropfen des Regens, was offenbar für die Entenjagd unabdingbar war. Etwas später, als im Osten ein gelbes, kümmerliches Licht den Sonnenaufgang ankündigte, trug der Wind das Geräusch ihrer Schüsse heran und wenn sie zurückkehrten, lagen schlaffe, schmutzige Wildenten zwischen den Lockvögeln. Die Männer standen vom Wind abgewandt draußen, rupften die Vögel und ließen die Federn im Wind wegtreiben, dann sengten sie mithilfe eines rotglühenden Schüreisens aus dem Ofen des Wachraums den restlichen Flaum ab.

Die meisten Vögel waren Schwarz-Enten. Für Isabel hatten sie einen fischigen Geruch und Geschmack, dem mit den Künsten ihres Kochbuchs nicht beizukommen war. Sie aß nicht einen Bissen davon. Die Männer verschlangen die gebratenen Enten zuerst mit Vergnügen, aber nach einigen Tagen verflüchtigte sich ihre Lust darauf, genau wie Matthew es vorausgesagt hatte. Die Jäger brachten immer weniger Beute nach Hause und an Ende überhaupt keine mehr. Aber die Jagd ging weiter. Isabel hörte den dumpfen Knall der Flinten aus östlicher Richtung und protestierte gegen den Unsinn. Einmal schrie sie Matthew an: „Es ist ein Verbrechen! Ein grausames, sinnloses Verbrechen!“

„Auf Marina gibt es kein Gesetz, das das Schießen verbietet.“

„Dann ist es ein Verbrechen an der Natur und ich bin froh, dass du nicht mitmachst.“

„Du lobst mich für etwas, für das ich kein Lob verdiene. Ich habe es nur satt.“

„Warum hat Skane es dann nicht satt?“

„So hat er etwas zu tun.“

Sie rümpfte die Nase. „Ein Mann muss also was zu tun haben?“

„Die meisten Männer, ja. Wenn du einige Zeit hier verbracht hast, wirst du das verstehen.“

„Und was ist mit den Frauen?“

Er vermerkte etwas mit dem Bleistift im Logbuch mit der abwesenden Miene, die sie inzwischen kannte. Ein Funker auf Wache war zwar mit dem Körper im Raum, aber in Gedanken fünfhundert Meilen weit weg.

„Die Frauen? Soweit ich weiß, halten sie sich ziemlich nah am Haus auf. Die meisten haben natürlich Kinder – mit denen sie genug zu tun haben.“

„Und die Kinder – was machen die?“

Matthew kniff die Augenbrauen zusammen. „Nicht viel. Sie vergnügen sich. Die meisten lernen ein Pony zu reiten, kaum dass sie laufen können und galoppieren dann in den Dünen und am Strand herum. Die Jungen lernen bald, auf Enten zu schießen.“

„Und dann, wenn die Kinder groß sind?“

„Nun, die Mädchen heiraten normalerweise Männer von der Insel, oder sie besuchen Verwandte auf dem Festland und heiraten dort. Die Jungen wollen vor allem einen Job in der Mannschaft der Rettungsboote auf der Hauptstation. Es gibt meistens freie Stellen. Seit den Tagen der Königin Viktoria ist der Lohn allerdings gleichgeblieben – fünfunddreißig Dollar im Monat mit Wohnen und Verpflegung – und junge Leute, die ehrgeizig sind, gehen nach Halifax oder zur See. Heutzutage sind die Mannschaften der Rettungsboote auf Marina eher ein Haufen armer Kerle – Kerle aus der Stadt, die das Neue an der Sache reizt, oder Taugenichtse aus den Fischerdörfern auf dem Festland, die ein faules Leben führen wollen. Wie ich schon sagte, heutzutage gibt es nur selten einen Schiffbruch und eine Patrouille am Strand ist – ausgenommen bei Winterwetter – ein reiner Vergnügungsritt.“

„Ich glaube, sie langweilen sich zu Tode.“

„So würde ich es auch nennen. Die jungen Männer sitzen meistens im Gemeinschaftsgebäude herum, erzählen sich was und spielen Karten. Im Herbst gehen sie natürlich schießen. Sie brauen ein Getränk, das sie Gerstenbier nennen – ein tückisches Gebräu. Es gab berüchtigte Schlägereien. – Was du alles für Fragen stellst!“

„Schließlich muss ich was zu tun haben“, sagte Isabel schnippisch. „Was tun die anderen, die verheirateten Männer auf Nummer Zwei, Drei und Vier? Du sagtest, dort gibt es nur je ein Rettungsboot.“

„Sie haben die Aufgabe bei bösem Wetter die Strände abzureiten. So soll sichergestellt werden, dass jeder Meter des Uferbereichs auf beiden Seiten der Insel einmal im Tag kontrolliert wird – vor allem im Winter. Früher einmal, bevor es die Strandkontrollen gab, erlitt ein Fischkutter auf der Südseite der Insel Schiffbruch, meilenweit von der Hauptstation und den Leuchttürmen entfernt. Es schneite und war bitter kalt, aber ungefähr ein Dutzend Besatzungsmitglieder schafften es ans Ufer. Sie liefen Richtung West-Leuchtturm – sie müssen sein Licht durch den Schnee gesehen haben – aber sie waren durchnässt und erschöpft und schafften es nicht. Die Leute auf der Insel hatten von dem Schiffbruch nichts bemerkt, erst bei Tagesanbruch. Da sahen sie die Toten am südlichen Ende der Insel vereinzelt herumliegen. Einer von den armen Teufeln hatte sogar die Hauptstation erreicht. Sie fanden ihn fast an der Türschwelle, steifgefroren. Infolgedessen wurden die anderen Stationen eingerichtet: bewohnt von einem Mann mit Frau und Familie; alle paar Meilen, damit sorgfältige Patrouillen sichergestellt wurden, die eine Zuflucht für Überlebende boten, die eventuell in der Nähe strandeten.“

„Ich hätte gedacht“, sagte Isabel ernst, „dass es hier auch eine Art Schule für die Kinder gibt.“

„Ich glaube, vor Jahren hatten sie eine, am Ostende unten. Aber es war schwierig, Lehrer zu finden, die nach Marina wollten, bei dem Gehalt, das sie zu bieten hatten, und schließlich lief nichts mehr. Solche Dinge kannst du auf Marina nicht erwarten. Wir sind einfach zu weit weg von allem. Schule, Arzt, Kirche und dergleichen, wir müssen ohne das auskommen.“

„Was ist, wenn jemand krank ist? Sagen wir mal, wenn eine Frau ein Baby bekommt?“

Er machte eine unsichere Bewegung. „Normalerweise begibt sie sich aufs Festland mit dem ersten Boot, das anlegt, bevor ihre Zeit gekommen ist. Manche tun das allerdings nicht. Mrs Giswell, auf der Nummer Drei, hat fünf Kinder, die alle hier geboren wurden.“

„Wer hat sich um sie gekümmert?“

„Mrs Nightingale ist von Nummer Vier herüber geritten, außer beim letzten Kind.“

„Und wer hat da geholfen?“

„Giswell selbst. Er tauchte am nächsten Tag auf seinem Pony an der Hauptstation auf, um eine Medizin zu holen. Munter wie ein Fisch und stolz wie Oskar.“

„Hm!“

Isabel nahm ihr Stickzeug und zog sich zurück. Im Schlafzimmer legte sie sich aufs Bett und zündete eine Zigarette an. Matthews Gleichmut irritierte sie. Je mehr sie über das Leben auf Marina erfuhr, umso mehr verstärkte sich der Eindruck, als erzählte jemand aus vergangenen Zeiten, von Leuten, die erst kürzlich noch in Höhlen leben. Die Existenz einer Funkstation und der Rauch, der gelegentlich vom Rumpf eines vorbeifahrenden Linienschiffes aufstieg, das den Atlantik überquerte, ließ die Situation nur noch grotesker erscheinen.

Als daher ein paar Tage später Matthew vorschlug, einen Besuch in der Hauptstation zu machen, weigerte sie sich mit der Indifferenz eines Menschen, der bereits mehr gesehen hat, als ihm lieb war. Matthew schien peinlich berührt zu sein. „Ich hätte gern, dass du mitkommst“, sagte er mit Nachdruck. „Ich sollte es dir eigentlich nicht sagen, aber es ist eine Art Party zu deinen Ehren.“

„Was um Himmels willen, soll das heißen?“

„Mrs. McBain hat gestern telefoniert und meinte, dass heute eine besondere Gelegenheit wäre – du bist Ende dieses Monats seit zwei Monaten auf Marina – und sie bat mich, dich mitzubringen. Sie möchte dich kennenlernen – du hast sie an dem Tag, als wir landeten, nicht gesehen, weil sie auf der Hauptstation damit beschäftigt war, für alle diese Leute am Strand zu kochen. Sie hat bereits einiges vorbereitet und spezielle Sachen gebacken. Jim Kahn vom West-Leuchtturm kommt mit seiner Frau und die Lermonts von Nummer Zwei fahren herüber. Und dann werden wohl noch ein paar aus der Mannschaft der Rettungsboote hereinschauen, und Skane kommt am Abend und macht etwas Musik für uns. Sag doch ja.“

Er schaute so bittend drein, dass sie nicht den Mut hatte, sich zu weigern. Nachdem sie für Skane und Sargent das Abendessen bereitgestellt hatte, badete sie und zog sich um. Sie wählte aus ihrer neuen Garderobe ein eher konservatives Kleid, ein einfaches braunes Gewand mit halblangen Ärmeln, das bis weit über die Knie reichte. Matthew zog seinen grauen Anzug an und setzte den eleganten Hut aus Halifax auf.

„Ich ruf‘ jetzt bei der Hauptstation an und bitte sie, die Ponys mit dem leichten Wagen heraufzuschicken.“

„Ich würde lieber laufen“, sagte Isabel. Es ist nur eine Meile hin und die Bewegung tut mir gut. Ich ziehe Wanderschuhe an und nehme die eleganten Schuhe in einer Papiertüte mit.“

Es war ein heller Oktobernachmittag und von Südwesten her wehte ein warmes Lüftchen. Das Meer hatte seine dunkelblaue Herbstfarbe und weiter draußen bewegte sich eine längliche Wolkenbank langsam nach Osten. Sie gingen am Ufer der Lagune entlang, wie Matthew vorgeschlagen hatte. Der Sand war dort fest und glatt. Gelegentlich lagen Knäuel von trockenem Seetang herum, der unter ihren Füßen raschelte. Der niedere Uferbereich auf der rechten Seite war mit Marramgras bedeckt und dahinter erhoben sich in vielfältigen Rundungen die Dünen, deren Kamm die Sicht auf den Nordstrand verdeckte. Seit zwei Tagen ging nur ein leichter Wind und die Brandung klang gedämpft. Links von ihnen lag die glitzernde Fläche der Lagune und Matthew machte sie auf ein paar Seehunde aufmerksam, die sich auf der abgelegenen Seite des Dammes sonnten.

Vor ihnen, weit in der Ferne, ragte der West-Leuchtturm in den Himmel. Etwas näher, oben auf der nördlichen Düne konnten sie den roten Wachturm der Hauptstation sehen. Die kleinen Strandvögel waren vor dem Winter nach Süden gezogen, aber die Silbermöwen waren geblieben, ebenso die großen Möwen mit den schwarzen Rücken, die von den Inselbewohnern „Prediger“ genannt wurden. Ab und zu schwebten ein paar verspätete Seeschwalben – auf Marina „Steerns“ genannt – über die Lagune, tauchten hinein oder flitzten über ihre Köpfe hinweg, wobei sie einen kurzen rauen Schrei ausstießen, der Isabel vorkam wie die unmittelbare Stimme dieser Einöde. Soweit das Auge sah, gab es sonst nur die Weite von Meer und Himmel.

„Wo sind die wilden Ponys?“ fragte Isabel.

„Sie kommen nur selten auf die westliche Seite der Funkstation, weil die Insel dort zu schmal ist. Sie sind sehr vorsichtig. Nach Osten zu, wo die Insel viel breiter ist, siehst du sie in kleinen Gruppen, gewöhnlich bei den Süßwasser-Teichen, wo das Gras dicht steht und wo sie trinken können.“

Sie verließen das Ufer der Lagune in der Nähe einer flachen Mulde zwischen den Dünen und nach einigen Minuten erreichten sie eine weite runde Senke, in welcher ein halbes Dutzend Holzbauten standen, wie ein verstecktes Spielzeugdorf in einer Schale.

„Wir sind da“, sagte Matthew. „Das weiße Haus mit der Wetterfahne auf dem Dach ist das von McBain. Er ist der Oberaufseher über die Einrichtungen der Insel – der Gouverneur, wie er allgemein genannt wird. Dort drüben sind die Stallungen. Es sind etwa ein Dutzend Ponys da drin zum Ziehen der Wagen und für die Strand-Patrouillen. Das Gebäude rechts, das uns am nächsten liegt, ist das Haus für die Signalraketen. Dann kommt das Bootshaus. Das Haus daneben nennt man Matrosenheim – für die Besatzungen bei Schiffbrüchen. Es steht seit Jahren unbenützt. Seinerzeit beherbergte es durchaus eine erhebliche Anzahl Leute. Und schließlich gibt es noch das Haus für die Mannschaft der Rettungsboote, alles Junggesellen, oder zumindest solche, die keine Frau auf Marina haben. Ein Koch ist natürlich auch dabei. Die Scheunen dahinter sind Lagerhäuser für verschiedene Dinge, die meisten leer. In den alten Zeiten, als noch die Segelschiffe fuhren, wurden dort alle möglichen Vorräte für ein ganzes Jahr aufbewahrt. Mit dem Aufkommen der Dampfschiffe hat sich das geändert, wie so vieles andere auch.“

Das Haus des Gouverneurs war hübsch anzusehen, mit seinem frischen weißen Anstrich und den schokoladebraunen Türen und Fensterrahmen. Mrs. McBain öffnete in dem Moment die Eingangstüre, als sie Stufen heraufkamen und Isabel konnte sehen, dass sich aus den Stallungen und der Mannschaftsunterkunft einige Köpfe reckten.

„Kommt herein!“ rief Mrs. McBain. Sie war eine kleine Frau um die sechzig mit dünnen weißen Haaren, die sie in einem festen schmalen Knoten trug. Hinter ihren Brillengläsern blickten kleine blaue Augen vergnügt und neugierig auf Isabel. Ihr breites Lächeln ließ die schlechtsitzenden falschen Zähne sichtbar werden, deren obere Hälfte die irritierende Eigenschaft hatte, nach unten zu rutschen, sobald sie den Mund öffnete.

Bald stand Isabel in einem kleinen Wohnzimmer, dessen Möblierung genau jener entsprach, wie man sie in den Wohnzimmern der Dörfer des Festlandes von Cape Sable bis Cape Breton sehen konnte. Sie war erstaunt, eine solch vollkommene Kopie davon hier an diesem abgelegenen Ort mitten im Meer zu finden. Der Boden aus Fichtenbrettern war braun gestrichen und mit Teppichen in einfachen Blumenmustern belegt, die die Dame des Hauses selbst angefertigt hatte. Es gab ein schwarzes Rosshaarsofa, zwei Schaukelstühle mit hohen Lehnen und Schonbezügen und zwei einfache Rosshaar-Lehnstühle mit Armlehnen. Neben einem – offenbar dem des Gouverneurs – stand eine große Spuckschüssel aus Messing.

In einer Ecke befand sich eine lackierte Etagere mit drei Regalen, auf denen Hunde, Schweine, Schäfer und Schäferinnen aus Porzellan standen, außerdem zwei oder drei voll aufgetakelte Miniatur-Segelschiffe in kleinen Medizinfläschchen, eine rostige Steinschloss-Pistole, ein Fundstück irgendwo aus den Dünen, Muschelschalen, ein Ponyhuf auf einem kleinen lackierten Holzblock, ein Walrosszahn, eine Hummerkralle, so groß wie Matthews rechte Hand und einige Relikte aus McBains früheren Tagen auf See – ein Straußenei, ein Sextant, weiße und rote Korallenstücke und einige Messingschalen aus Madras.

An der Wand hingen Gruppenfotos der Rettungsboot-Mannschaften aus früheren Jahren, meistens aus den 1880er und 90er Jahren, stramme Männer mit eindrucksvollen Bärten, Helden, die Marina berühmt gemacht hatten in den Tagen der Segelschiffe, als Schiffsbrüche oft vorkamen und man für 35 Dollar die Auswahl hatte unter den besten Männern an der Küste von Nova Scotia. Die Fotos steckten alle in ungewöhnlichen, mit Sand und Muscheln verzierten Rahmen, wie der, den sie in Matthews Zimmer an der Wand gesehen hatte. Offenbar war das auf der Insel eine spezielle Freizeitbeschäftigung. Der Raum wurde von einem großen schwarzen Ofen beheizt, dessen aufwändig verzierter Nickelrand wie Silber glänzte. Das Ofenrohr führte in die Wand oberhalb eines früher offenen Kamins, der schon lange mit Latten und Gips verschlossen worden war und den jetzt dieselbe Rosenmustertapete bedeckte wie das übrige Zimmer.

Den Kaminsims gab es noch und über ihm hingen in großen vergoldeten Rahmen kolorierte Fotografien von Mr. und Mrs. McBain aus jüngeren Tagen, lebensgroß, mit diesem leeren und starren Ausdruck, den nur die Familien-Fotografen des viktorianischen Zeitalters hinbekamen. Mitten im Raum, auf einem schön gehäkelten runden Teppich stand unvermeidlich das runde Tischchen, auf dem einsam, in bedeutender Position, eine riesige Bibel mit Messingverschlüssen lag. Etwas erschien jedoch seltsam. Anstelle des sonst üblichen kleinen Harmoniums in einer Ecke mit einem aufgeschlagenen Gesangbuch auf dem Notenpult, stand da ein exquisites Klavier aus Rosenholz, zierlich gedrechselt, mit polierten Kerzenhaltern aus Messing rechts und links der Notenklappe, auf welcher ein abgenutztes Heft mit Kompositionen von Chopin stand.

Mrs. McBain bemerkte Isabels Interesse. „Meine Tochter“, erklärte sie, „nahm als junges Mädchen Unterricht, als wir in Halifax lebten und Mr. McBain einen Zweimaster auf der Handelsroute zu den Westindischen Inseln besaß. Sie hat recht gut gespielt. Aber dann heiratete sie einen Teilhaber der Hudson Bay Kompanie und ging in die Arktik, wohin man kaum etwas mitnehmen kann, das größer als eine Geige ist. Als mein Mann den Posten hier als Gouverneur bekam, wollten wir das Klavier zuerst verkaufen, aber es ist so ein hübsches elegantes Ding und ich konnte es nicht übers Herz bringen. Und da steht es also jetzt. Es war sehr schwierig, das Klavier auf ein Boot zu verladen. Der Kapitän des Frachters war direkt ärgerlich. Aber wir schafften es sicher und unbeschadet ans Land und die Mannschaft der Rettungsboote trug es vom Strand über die Dünen. Ich meinte, es sollte auf einen Wagen geladen werden, aber sie wollten wohl der Frau des neuen Gouverneurs zeigen, wie stark sie waren.“

„Und? Zeigten Sie sich beeindruckt?“ Isabel lächelte.

„Ich war viel zu besorgt, dass sie sich weh tun könnten, von meinem Klavier gar nicht zu reden. Können Sie spielen, Mrs. Carney?“

„Nein. Ich wollte, ich könnte es. Ich liebe Musik. Und Ihrer Tochter ging es wohl genauso.“ Sie zeigte auf die Chopin-Noten auf dem Pult.

„Ach, das! Das gehört Greg Skane. Es sind eigenartige Sachen. Er spielt gut und auf eine gewisse Weise klingt es ganz hübsch, aber wir haben es lieber, wenn er die Stücke spielt, die auch unsere Lizzie immer gespielt hat – Over the Waves, und Tenting Tonight und Juanita und sowas. Ab und zu veranstalten wir eine muntere Gesangs-Party.“

Mr. McBain kam herein, ein dicklicher Mann, fast kahlköpfig, mit einem runden gebräunten Gesicht, faltig wie eine eingetrocknete Lagerkartoffel. Wenn er lächelte schimmerte vorne ein Goldzahn, während die restlichen Zähne vom Tabak, den er ständig kaute, dunkelgelb verfärbt waren. Er trug ein weißes Hemd und seinen besten blauen Serge-Anzug, offensichtlich Mrs. McBain zuliebe. Nichts hätte ihn jedoch dazu bringen können, einen Kragen oder eine Krawatte anzulegen. Die Hand, die er zur Begrüßung darbot, war die eines Seemanns, der seinen Beruf noch in den Tagen der Segelschiffe gelernt hatte, mit kurzen dicken gebeugten Fingern, jederzeit bereit, ein Tau zu ergreifen. Er verkündete mit mächtiger Stimme, „Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, Ma’am“, er grinste und versetzte Carney einen Puff mit der Faust.

„Die ist schon richtig“, erklärte er.

„Du musst Matt und seine Frau draußen herumführen“, kommandierte Mrs. McBain. „Ich decke inzwischen den Tisch und mache mit dem Kochen weiter.“

 

KAPITEL 15

 

Isabel folgte den beiden Männern brav, aber ohne Interesse. Beim Betreten der Ställe umgab sie eine warme Düsternis. Zwei Kühe und acht bis zehn Ponys standen in ihren Boxen. Über der Box jedes Ponys befand sich ein bemaltes Brett mit seinem Namen. Die Namen schienen in der Mehrzahl die von berühmten Persönlichkeiten des letzten Krieges zu sein.

„Immer im Herbst fangen wir ein paar Ponys“, erklärte McBain. Sie werden es erleben – in etwa zwei Wochen ist es so weit; jeder Mann auf der Insel macht mit, sogar die von der Funkstation, nicht wahr, Matt? – es macht großen Spaß, kann ich nur sagen. Wir suchen für uns immer eines oder zwei aus, um sie zu zähmen und den Rest schicken wir mit dem Herbstdampfer nach Halifax.“ Er zeigte mit dem Daumen auf eine Reihe Sättel, die dort an Haken hingen. „Sie müssen reiten lernen, Ma’am, es ist nicht schwer; solange Sie das nicht können, sehen Sie nicht viel von der Insel. Es wird Ihnen gefallen. Zuerst nehmen Sie Beatty oder Marshall Fotch oder Lide-Jarge, alles gute zuverlässige Kerlchen, lieb wie Kätzchen und daran gewöhnt, Frauen auf dem Rücken zu tragen. Miz McBain hat immer problemlos das Beatty Pony geritten, wenn sie gelegentlich zum Ostturm mitkam, aber seit ein paar Jahren hat sie Rheuma, also schicke ich Lide-Jarge für Miz Kahn zum Westturm, damit sie auf eine Tasse Tee rüberkommt.“

„Na siehst Du?“ sagte Matthew und lächelte sie an.

„Ich werde es mir überlegen“, antwortete sie, aber in solch zweifelndem Ton, dass McBain den Kopf schüttelte und weiterging zum Raketenhaus.

„Hier gibt’s nicht viel zu sehen“, meinte er, ließ die Türe aufschwingen, wies auf die Kisten mit den Raketen hin, die aufgerollten Taue, die Hosenbojen und die Schussvorrichtungen für die Rettungsleinen. Isabel hörte höflich zu, bis sich ihre Augen an das dämmrige Licht – es gab nur ein einziges Fenster – gewöhnt hatten. Dann sah sie rechts von ihrer Schulter ein Regal, auf dem sich eine Reihe von Objekten befand: Schädel von der Farbe alten Elfenbeins, poliert vom Sand, in dem sie lange gelegen hatten. Die dunklen Augenhöhlungen starrten durchdringend auf sie und die Zähne schienen ein frostiges Grinsen anzudeuten, der letzte spöttische Hinweis auf die menschliche Existenz. Erschreckt trat sie schnell einen Schritt zurück und stieß einen Schrei aus, der McBains lautstarke Erklärungen wie nach einem Pistolenschuss verstummen ließ.

„Sie beißen nicht“, sagte er.

„Warum sind die schrecklichen Dinger hier?“

McBain drehte sich um und spuckte braunen Saft durch die Türöffnung nach draußen. „Ach, die Jungs finden ab und zu einen, wenn sie Patrouille reiten und bringen ihn mit für die Sammlung. Auch Knochen. Es gibt eine große Düne östlich von eurem Zuhause, Franzosenhügel nennt man sie. Vor ein paar Jahren nahmen ein paar von den Jungs Schaufeln und gruben oben herum. Sie fanden den vollständigen Schenkelknochen eines Mannes mit Fuß, an dem ein Holzschuh steckte. Sie haben ihn mitgebracht – er muss hier irgendwo sein.“ Er guckte in ein Fass. „Ah!“

Isabel zuckte zurück. Die Luft in dieser düsteren Scheune schien plötzlich eisig.

„Ich will es eigentlich nicht sehen, Mr McBain. Wirklich nicht! Warum gehen wir nicht weiter zu den anderen Gebäuden?“

Draußen atmete sie tief die sonnige Luft ein. In ihrer Stimme machte sich noch bemerkbar, wie schockiert sie war, als sie sagte, „Warum konnten sie diese armen Dinger nicht da lassen, wo sie waren?“ McBain antwortete ungerührt, „Ach, so hatten sie was zu tun. Es schien damals eine gute Idee zu sein.“ Sie verzog das Gesicht und ging weiter, aber gelangweilt war sie nicht mehr.

Das Bootshaus erwies sich als der interessanteste Teil der Hauptstation. Aber weder die beiden Brandungsboote noch das große Rettungsboot auf seinem Trailer – damit es von Ponys an jeden Teil des Strandes gezogen werden konnte – standen im Mittelpunkt des Interesses, sondern eine Reihe von Schaustücken an der Wand. McBain erklärte, dass die „Jungs“ immer versucht hätten, von jedem Schiffswrack ein Namensschild zu retten, und da waren sie. Eine seltsame Sammlung. Es gab ganze Bug- oder Heckplanken, auf denen der Name des Schiffs in abbröckelnder Goldschrift stand; einige hatten hinten und vorne kunstvolle Schneckenmuster, andere waren einfach gehalten; einige Namen waren nur mit Hilfe von Schablonen irgendwo auf dem Bootsgang angebracht. Es gab auch Varianten in Form von Rettungsringen, auf denen Name und Heimathafen einiger Schiffe standen.

„Ich nehme an“, sagte McBain, „Sie haben auf der Funkstation diese Karte gesehen mit all den Namen der Wracks. Natürlich gibt es noch viele, von denen wir nichts wissen. Marina hatte keinen guten Namen in den alten Zeiten. Es gibt seltsame Geschichten – Piraten, Strandräuber, und sowas. Damals hatte die Lagune eine Einfahrt und kleinere Schiffe konnten dort ankern. Die Leute kamen vom Festland hierher, Fischer, Robbenfänger, Walrossjäger und entdeckten Leichen, die am Strand herumlagen. Man hatte sie völlig ausgeraubt – Frauen, denen man die Finger abgeschnitten hatte, wegen der Ringe – und dergleichen. Natürlich wird das Seemannsgarn auf Marina durch das Erzählen nicht gerade harmloser. Man weiß nie, was man davon glauben kann. Die Gespenster meine ich. Ich bin ja nicht abergläubisch. Und Matt auch nicht, oder? Ihr Mann läuft nachts am Strand herum – wie Sie vermutlich wissen. Etwas, das nur wenige meiner Bootsleute tun würden, darauf können Sie wetten. Ich meine allein und zu Fuß.“

„Und was meinen die Frauen dazu?“

„Also, wenn ich an Miz McBain denke, Janie, sie lacht über solche Geschichten. Aber ich habe bemerkt, dass sie nicht scharf darauf ist, nach Dunkelheit aus dem Haus zu gehen. Ich glaube, sie verhalten sich alle so. Wenn man sie deshalb aufzieht, empören sie sich und behaupten, sie seien kein bisschen ängstlich. Aber sie sind es doch. Dies hier ist das Haus für die Schiffbrüchigen – wir nennen es das Matrosenheim. Da gibt es nicht viel zu sehen. Kojen, Decken, Tische, Stühle und so weiter. Wir halten es sauber und in Ordnung, aber es wurde jahrelang nicht mehr benützt. Wir gehen jetzt nicht hinein. Aber ich möchte, dass Sie in unser Mannschaftshaus reinschauen und die Jungs begrüßen. Sie werden sie wahrscheinlich ein bisschen scheu finden, aber Sie sollten ihnen doch Gelegenheit geben, Hallo zu sagen.“

Es war ein weitläufiges, zweistöckiges Gebäude, neu geschindelt, aber noch nicht gestrichen. Die neuen Schindeln hoben sich stark vom wettergegerbten Rest der Fassade ab, besonders die altmodischen Fenster mit ihren kleinen viereckigen Scheiben, die ganz blind wirkten, als seien sie nebelbeschlagen. Matthew erklärte, dass die Scheiben aufgeraut und ihres Glanzes beraubt worden waren durch die Sandstürme, weiß Gott wie vieler Winter – das Haus war das älteste Haus auf Marina. McBain stieß die Türe auf, sie gingen einen Gang entlang und betraten einen langgezogenen Raum, möbliert mit einem langen Tisch und einer Reihe einfacher Holzbänke und Stühle.

Ein Dutzend Männer sprangen auf und richteten ihre Augen auf sie mit der unverhohlenen Neugier von Inselbewohnern, gepaart mit einer Spur von leichtem Unmut, wie man sie auf den Gesichtern von Soldaten findet, die von einem Offizier, der seine Runde macht, in ihren Quartieren gestört werden. Isabel brachte ein nervöses Lächeln zustande und kam sich vor wie eine Besucherin aus königlichem Haus. McBain rief ihre Namen und jeder der Männer murmelte etwas und senkte seinen Kopf in ihre Richtung. Sie vermutete, dass ihr Besuch angekündigt war, denn alle zeigten sich frisch rasiert, mit feuchten, nach hinten gekämmten Haaren. Sie trugen ihre besten Hosen und weiße Hemden mit offenen Kragen.

Ihr Alter konnte man wohl von etwa siebzehn bis vierzig schätzen. Sie waren schlank und sonnverbrannt, fast mahagonibraun. Auf den ersten Blick sahen sie sich alle sehr ähnlich, aber als ihr prüfender Blick über die Gesichter wanderte, meinte sie die verschiedenen Qualitäten zu erkennen, von denen Matthew gesprochen hatte. Einheimische von der Insel, kühn und scheu zugleich; der Junge vom College, der ein Jahr Auszeit genommen hatte, um die Studiengebühren zu verdienen; der Matrose, der seine enge Koje aus Neugier auf Marina verlassen hatte; Tunichtgute aus den Küstendörfern, Müßiggänger aus dem Hafenviertel von Halifax, dazu einige, deren Lebensumstände ihnen nicht ins Gesicht geschrieben standen, die alles sein konnten, ein Priester, den man entlassen hatte, weil er trank, bis zu einem unglücklichen Ehemann, der vor seiner bösen Ehefrau geflohen war. Das harte Leben auf der Insel hatte jedoch ihnen allen seinen Stempel aufgedrückt. Hinter ihrer Langeweile ballte sich eine Energie, die sich in einem einzigen Augenblick entfalten konnte, wenn der Ruf nach dem Rettungsboot ertönte, ein Streit ausbrach, eine Jagd auf Ponys angesagt war oder irgendein Unfug zwischen den Leuchttürmen im Osten und Westen anstand. Der Ausdruck dieser lauernden Bereitschaft beeindruckte sie. Wie Schuljungen, die, gelangweilt von den langen Sommerferien, lethargisch in der Sonne sitzen und darauf hoffen, dass etwas – irgendetwas – passiert.

Da war aber noch etwas anderes, was ein eigenartiges Gefühl auf ihrer Haut entstehen ließ. Es fühlte sich an, als stehe sie nackt in einem heißen Wind im Sand. Als sie sich zum Gehen wandte, dachte sie daran, dass das Mannschaftshaus ja wie ein kleines Kloster war und nun kam sie in diese Abgeschiedenheit, eine fremde junge Frau, vermutlich begehrenswert, und hatte die Männer dazu gebracht, sich bewusst zu werden, was in ihrem Leben Wesentliches fehlte. Der nächste Gedanke, der ihr kam, amüsierte sie. Sie stellte sich Miss Benson vor. Es war eine Situation, die Miss Benson geliebt hätte. Abschließend kam ihr jedoch ein nüchterner Gedanke. Alle diese Männer, sogar Matthew und Skane und Sargent, der schüchterne Junge, waren in Wirklichkeit Ausgestoßene, verdammt zu einer Existenz ohne Frauen, verurteilt zu tödlichster Eintönigkeit. Dieses sexuelle und mentale ausgehungert Sein verursachte ihre Gefühllosigkeit gegenüber allem anderen Leben (und Sterben) um sie herum und erzeugte den ewigen Zwang „etwas zu tun zu haben“. Es kam ihr vor, als hörte sie in dieser verhassten Phrase von den Lippen McBains das Echo von Matthews Stimme und wieder wurde sie von dem unbehaglichen Gefühl erfasst, sie sei eine Eva, die Carney seine Unschuld raubte, die allein seine Einsamkeit erträglich gemacht hatte.

Diese stummen Überlegungen, die ihr kamen, während sie über die grasbedeckte Senke auf McBains Haus zugingen, endeten beim Anblick von Kahn und seiner Frau, die aus westlicher Richtung über den Rand der Senke ritten und sich mit dem Schwung von Film-Cowboys im lockeren Sand vor der Haustüre des Gouverneurs in Szene setzten. Der Wärter des West-Leuchtturms war ein braungebrannter Mann mittlerer Größe, mit schnellen selbstbewussten Gebärden und einem freundlichen glattrasierten Gesicht. Er hatte eine bemerkenswerte Frau, ziemlich schlank, größer als ihr Mann. Ihr langes gelbliches Gesicht verriet, dass sie zu viel Zeit in der Küche verbrachte, aber doch gelegentlich in die heiße Sonne hinaustrat. Sie hatte grüne feurige Augen, bei deren Anblick Isabel an eine wilde Katze denken musste, die sie von der obersten Latte eines Weidezauns anstarrte.

Die Frau war eine außerordentliche Erscheinung – gekleidet in bester Vorkriegsmode; sie trug sogar ein Paar abgetragene hochgeknöpfte Stiefeletten, einen mit Walknöchelchen gestärkten Spitzenkragen und einen breiten Hut mit künstlichen Rosen. Sie saß im Herrensitz, den schweren schwarzen Rock und die dichten Unterröcke über ihre knochigen Knie hochgeschlagen. Als ihr Pony halb springend halb gleitend die steile Sandbank herunterkam, hob und senkte sich ihre große Gestalt, was unelegant wirkte, aber sie saß absolut sicher im Sattel. Der Rand des großen Hutes, den sie an ihrem geknoteten Haar mit einem Paar langer Hutnadeln festgesteckt hatte, flappte bei jedem Tritt auf und ab. So also, dachte Isabel voller Ironie, werde ich in zehn Jahren aussehen.

Man begrüßte sich lauthals und während sie sich die Hände schüttelten, kamen die Lermonts von Nordstrand her in einem einspännigen Wagen, der sich schwankend über den Rand der Senke schob. Im Wohnzimmer der McBains, nach dem Ablegen der Hüte und Mäntel – Isabel hatte ihre Laufschuhe mit den eleganten Slippern vertauscht – betrachteten sie einander ausgiebig. Die Lermonts waren jünger als die Kahns, die um die vierzig sein mochten. Lermont – seine Frau nannte ihn Charlie – war ein hochgewachsener Mann Ende zwanzig mit einem kräftigen Unterkiefer und großen lichtgrauen Augen. Mary Lermont war fünfundzwanzig. Sie hatte keine Kinder, obwohl sie schon mit neunzehn geheiratet hatte. Sie stammte von der Insel, wie sie Isabel erzählte, eine von den Giswells auf Nummer drei. Ihre jugendliche Figur zeigte einen Hang zur Fülle und in einigen Jahren würde sie wohl dicklich werden. Sie lachte laut über Nichtigkeiten und schien eine dieser oberflächlichen Naturen zu sein, die jeden flüchtigen Gedanken einem Spiegel gleich reflektieren, aber wenn sie Charlie anlächelte, lag auf ihrem herzförmigen Gesicht ein Ausdruck von Zuneigung, der einen rührte.

Die Unterhaltung erwies sich viel einfacher, als Isabel erwartet hatte. Sie brauchte nur eine Frage über das Leben auf der Insel stellen und sie konnte entspannt den weitläufigen Antworten lauschen, die von allen Stimmen im Raum kamen, vor allem aber von Mrs. Kahn. Die Frau des Leuchtturmwächters sprach mit lauter, fast schreiender Stimme und bei jeder Erklärung lehnte sie sich nach vorn und schob ihre gefalteten Hände zwischen die Knie, wobei sie Isabel mit ihren feurigen Katzenaugen direkt ansah. Trotz ihrer fahlen Gesichtsfarbe und ihrer knochigen Gestalt beeindruckte sie durch große Vitalität und bald war klar, dass sie die Herrin des Westturmes war. Sie erzählte eine Geschichte, die einige Jahre früher passierte, als ihr Mann und Joe, sein Gehilfe, an einer Lebensmittelvergiftung erkrankten. Sie fühlte sich selbst nicht wohl, konnte aber umhergehen und sechs Nächte in Folge war sie die Stufen des Leuchtturms hinaufgestiegen, um die Mechanik aufzuziehen, durch die die großen Spiegel sich um die Lampe bewegten. Alle drei Stunden senkten sich die Gewichte und man musste die Kurbel fünfhundert Mal drehen, um sie wieder nach oben zu bringen.

„Aber“, rief Isabel, „Sie haben doch ein Telefon – warum haben Sie nicht Mr. McBain angerufen, dass er jemanden zu Hilfe schickt?“

„Was!“ schrie Mrs. Kahn, „Sollen wir etwa einen vom Mannschaftshaus dahaben, der an unserem Licht herumfummelt?“ Sie warf sich zurück in ihren Stuhl und lachte, klatschte sich auf die Knie und überflog den ganzen Raum mit ihrem ruhelosen intensiven Blick. Und alle lächelten und nickten, McBain eingeschlossen, als sei die Vorstellung, jemand anderer als Martha Kahn könnte die endlose Wendeltreppe hinaufsteigen und die schweren Gewichte ankurbeln, ein schlechter Witz.

Es ging weiter mit der lockeren Unterhaltung. Sie waren begierig darauf, Isabel alles über Marina zu erzählen und als sie sich in das angrenzende Esszimmer begaben, ging die Unterhaltung während des Essens weiter. Isabel machte das alles großes Vergnügen. Es war wundervoll etwas zu essen, das nicht sie selbst gekocht hatte. Die Rettungsstation bekam nicht die Qualität und Abwechslung an Nahrungsmitteln wie die Funkstation. Das war einer der Gründe, warum die Einheimischen – Carney ausgenommen – die Männer von der Funkstation beneideten und schmähten, weil sie so gut bezahlt wurden, solch fette Rationen bekamen und ihre Arbeit gemütlich sitzend im Haus erledigen konnten. Aber die Leute auf der Hauptstation lebten auch nicht schlecht. Die Kühe versorgten sie mit Milch, Sahne und Butter. Sie hielten Hühner und hatten frische Eier. Ab und zu gingen McBain und seine Männer in einem Brandungsboot zum Fischen auf Heilbutt und Codfisch. Beim heutigen Abendessen wurde gebackener Heilbutt serviert mit dicker Sahne und hartgekochten gehackten Eiern, garniert mit auf der Insel angebauten Kartoffeln, Rüben und Pastinaken, die nicht verwelkt und geschmacklos waren, wie das Gemüse für die Funkstation, das in Säcken vom Festland kam. Zum Nachtisch gab es dicken Shortbread-Kuchen in einer üppigen Soße aus wilden Erdbeeren, im letzten Sommer eigenhändig von Mrs. McBain gepflückt und konserviert.

Alles schmeckte köstlich; und als sich die Gesellschaft wieder ins Wohnzimmer begab, erschien Skane. Isabel lehnte sich im Stuhl zurück mit dem angenehmen Gefühl gut gegessen zu haben und war bereit, die Abendunterhaltung in freundlicher Toleranz über sich ergehen zu lassen. Skane trug seine schmuddeligen Jagdhosen, die Wasserstiefel, die abgetragene Offiziersjacke mit den ausgefransten Ärmellitzen, die sie schon so oft an ihm gesehen hatte. Er war rasiert und gekämmt. Sein Haar fiel voll und glänzend in seinen Nacken, dennoch stieg Ärger in ihr auf, weil er keinerlei Mühe darauf verwendet hatte, sich für die Party zu kleiden, wenn sogar McBain deshalb ein weißes Hemd und seinen sorgfältig gebügelten Sonntagsanzug trug. Sie war der Ansicht, Skane sei es dem Ansehen der Funkstation schuldig, bei solchen Gelegenheiten eine bessere Figur zu machen – und das hier war doch eine besondere Gelegenheit, oder etwa nicht?

Überrascht bemerkte sie, dass er mit den Kahns und den Lermonts sofort eine angeregte Unterhaltung begann. Sie dachte an Matthews Äußerung, die Inselbewohner könnten ihn nicht gut leiden und hielten ihn für jemand, der hochnäsig sei. Sie empfand das ebenso, denn sie hatte das Gefühl, Skane glaubte, er sei Carney geistig überlegen und ärgerte sich über die Anwesenheit von Carneys Frau. Aber jetzt plötzlich zeigte er sich von einer ganz anderen Seite, nahm mühelos an den hin- und her gehenden Gesprächen teil, brachte die temperamentvolle Mrs. Kahn dazu, wegen eines Witzes über Damensättel in entzückte Schreie auszubrechen, zog McBain auf wegen der Tücken des Telefon-Systems auf der Insel und erzählte eine gute Entenjagdgeschichte, die er selbst erlebt hatte. Er sprach mit der klaren Stimme eines gebildeten Menschen, die ihn vor allen anderen auf Marina auszeichnete, aber als er eine Anekdote erzählte, wechselte er problemlos in den kantigen Inseldialekt und gebrauchte ihn effektvoll. Isabel vermutete darin eine unterschwellige Ironie, hatte ein ungutes Gefühl dabei und blickte im Raum umher, wie die anderen es aufnahmen, aber die schienen sich darüber zu freuen. Als sie wieder zu Skane hinsah, traf sie ein Blick aus seinen seeblauen Augen und sie sah nur einen Mann, der unbeschwert glücklich war und seine Freude gern mit anderen teilte.

Diese Stimmung verstärkte sich noch, als Mrs. McBain um ein Lied bat. Er ging sofort zu dem hübschen kleinen Klavier und stimmte „Old MacDonald had a Farm“ an. Es wurde langsam dunkel und Mrs. McBain zündete die Kerosin-Lampe an und die Kerzen in den Messingleuchtern des Klaviers. Die ganze Gesellschaft scharte sich um den Pianisten und sang voller Begeisterung. Skane hatte eine ziemlich gute Tenorstimme, McBain, Kahn und Lermont sangen hingebungsvoll, wenn auch etwas falsch, Mrs. Kahn schrie begeistert und die junge Mrs Lermont stimmte mit süßer, starker Stimme ein. Isabel wagte es, ihre eigene leichte klare Stimme ertönen zu lassen, zuerst etwas schüchtern, dann aber, ermuntert durch das allgemeine Getöse, sang sie mit einer Sicherheit, die sie seit der Zeit ihrer Lehrtätigkeit, als sie das Morgenlied anstimmte, nicht mehr gekannt hatte. Und schließlich hörte sie die Stimme, die durch die Berichte der Funker berühmt geworden war, Carneys vollen Bariton, der alle anderen übertönte und den Raum erfüllte. Er sang zum ersten Mal in ihrer Gegenwart. Skane machte weiter mit Juanita, wobei die junge Mrs. Lermont die Soli sang und alle anderen den Chor. Es folgte Old Black Joe und In the Evening by the Moonlight. Zur Abwechslung erklangen ein paar Seemannslieder und Isabel amüsierte sich über die Hingabe mit der McBain und Matthew dazu mit den Händen die entsprechenden Gesten machten und den Text röhrten, als sei der Wohnzimmerboden ein Schiffsdeck und als gelte es, echte Segel hochziehen.

Nach einer Stunde waren alle heiser und man ging zurück zu den Sitzgelegenheiten. Skane blieb am Klavier und rauchte eine Zigarette während er in den abgegriffenen Noten des Chopinbandes blätterte. Er machte die Zigarette vorsichtig aus und begann ein Stück zu spielen. Mrs. McBain lehnte sich zu Isabel und flüsterte, „Deswegen kommt er eigentlich. Das andere spielt er nur, um uns einen Gefallen zu tun.“

„Ich finde es schön, Sie nicht?“

„Ja doch, schon. Es ist lebendig auf eine gewisse Art, aber im Grunde ist es traurig und man möchte weinen. So kommt es mir jedenfalls vor.“ Isabel lächelte und nickte. Es war keine schlechte Beschreibung von Chopins Musik.

Die Kahns und die Lermonts saßen mit leicht gelangweilten Gesichtern da, für die der beste Teil des Abends vorüber war und bald schauten die Männer auf ihre Uhren. Kahn murmelte etwas vom „Licht“, nach dem man „sehen müsse“, als ob nicht der treue Joe da war, die Stufen hochstieg und die Hebel in Bewegung setzte, als ob der Lichtstrahl nicht schon längst durch die Finsternis an der Westküste glitt, während Joe in dem alten Stuhl beim Küchenfenster saß, geruhsam rauchte und immer wieder hochblickte, ob alles in Ordnung war.

Um zehn Uhr brachen die Kahns und die Lermonts auf, schüttelten allen mit ernster Miene die Hand und wünschten, an der Haustüre stehend, gute Nacht. Ein kalter Windstoß drang ins Haus. Matthew sah Isabel mit hochgezogenen Brauen an, wie ein Ehemann, der von seiner Frau das Zeichen zum Aufbruch erwartet, aber sie saß entspannt mit geschlossenen Augen in einem Lehnstuhl. Skane war kein professioneller Pianist, aber er spielt gut, wie Mrs. McBain bereits bemerkt hatte. Seine schlanken Finger eilten über die Tasten und sein hageres Kinn stand straff und ernsthaft im Kerzenlicht. Er hatte während des Aufbruchs der anderen weitergespielt und in der nachfolgenden Stille spielte er, als sei er die einzige Person im Raum.

Er hatte keine pianistischen Manierismen, aber in seiner Haltung auf dem Klavierstuhl lag etwas eigenartig Vertrautes; die kraftvolle Gestalt angespannt, Kopf und Schultern nach vorn geneigt, die Augen gleichzeitig verträumt und aufmerksam. Isabel stellte fest, dass es die charakteristische Haltung aller Funker war: beschäftigte Hände, die Augen auf etwas gerichtet, das vom Arbeitstisch meilenweit entfernt lag. Erneut erschien es ihr, als seien sie nicht wie andere Menschen, sondern eine eigene Rasse, verdammt oder begabt mit der Macht, ihre Seele in den Weltraum zu schicken.

Ein plötzlicher Miss-Akkord erschreckte sie alle. Skane sprang vom Klavierstuhl auf. „Lieber Gott, wie spät ist es?“

McBain zog eine große silberne Uhr aus seiner Westentasche. „Halb elf.“

„Und ich hab‘ die Kirchhofswache!“ Skane setzte seine ramponierte Marine-Offizierskappe auf und machte zu Isabel hin eine Verbeugung, die eher einer schnellen Zuckung mit Kopf und Schultern glich. Mit einem „bis dann!“ zu Carney und den McBains schoss er hinaus, schlug die Türe hinter sich zu und rannte die Stufen hinab.

„Verabschiedet er sich immer so?“ fragte Isabel amüsiert.

„Meistens“, entgegnete Mrs. McBain. „Es sieht aus, als ob er plötzlich aufwacht, dann ist er auch schon fort.“

„Heute Abend wirkte er fast menschlich. Normalerweise ist er ziemlich trübsinnig.“

Mrs. McBain schob ihre Brille nach oben und rieb sich die Augen. Sie gähnte.

„Er ist ein sonderbarer Mensch. Glücklich scheint er nur hier zu sein, wo das Klavier steht. Er kommt ziemlich oft her, am Nachmittag oder abends, wenn er keinen Dienst hat und spielt eine Stunde. Ich würde sagen, so hat er was zu tun.“

Isabel verzog den Mund. „Also wir müssen uns auch langsam auf den Weg machen.“

„Ich werde den Einspänner holen“, sagte McBain und stand auf.

„Ach nein, ich gehe lieber zu Fuß, du nicht auch Matthew?“ Matthew zögerte.

„In der Dunkelheit?“ rief Mrs. McBain.

„Oh, aber ich habe die Dunkelheit gern, Mrs. McBain, und Matthew ebenso. Es dauert kaum eine halbe Stunde; der Weg entlang der Lagune ist sehr gut – fest und eben, wie ein Straßenpflaster. Komm Matthew!“

Draußen hängte sie sich bei ihm ein und sie gingen langsam davon. Die Sterne glänzten frostig, der Wind blies kräftig über das Ufer der Lagune und wühlte im dunklen Gewässer kleine weiße Schaumkronen auf. Die Dünen sahen im kalten Licht wie ein totes Mondgebirge aus. Matthew schien sich ganz auf ihre Gegenwart und die intime Berührung ihrer Hand auf seinem Arm zu konzentrieren. Er schaute ständig geradeaus und stolperte oft über trockenes Seegras auf dem Sand. Nach längerem Schweigen fragte Isabel ganz nebenbei, „Warum hat Skane nicht auf uns gewartet? Er hat doch gewusst, dass wir auch gleich gehen?“

„Er dachte, wir würden mit McBain im Einspänner fahren. Außerdem musste er rechtzeitig seine Wache antreten – ich wette, er ist den ganzen Weg gerannt. Skane ist ein ganz harter Bursche.“

Sie lachte, „Ihr seid alle ganz harte Burschen. Keiner von euch weiß, was Bequemlichkeit ist.“

Die Lichter der Funkstation wurden sichtbar. Sie konnten die Maschine hören und kurz darauf das kräftige Röhren des Zündfunkens.

Als sie die Türe erreichten, war der Wind zum Sturm geworden, peitschte Sand in ihre Gesichter und ließ die Drähte über ihnen klirren. Erleichtert traten sie in das warme Zimmer, in dem noch das Küchenfeuer glühte. Matthew ließ ein Streichholz aufflammen und zündete die Küchenlampe an. Isabel stellte dankbar fest, dass die Funker nach dem Essen abgewaschen und das Geschirr aufgeräumt hatten. Sie ging sofort ins Schlafzimmer, entzündete die Lampe und zog die Jalousie herunter. Schnell zog sie sich aus, ließ die Badewanne gut volllaufen und stieg mit Wohlgefühl in das heiße Wasser wie jemand, der eine weite Reise hinter sich hat. Danach kehrte sie in ihrem seidigen Morgenmantel, der sich feucht und warm an ihre Haut schmiegte, in ihr Zimmer zurück, umgeben von jener angenehmen Aura duftender Sauberkeit, die für sie schon immer äußerstes Wohlbehagen bedeutet hatte.

Sie saß vor dem Spiegel und kämmte ihr Haar, als Matthew in Hose und Hemd kam und ihre Türe weit offenstehen sah. Er klopfte entschuldigend an den Türpfosten.

„Isabel, du hast vergessen, mein Bettzeug herauszulegen. Ich will es nur holen, damit ich mir meine Koje richten kann.“

Sie legte die Bürste beiseite und stand auf, dann wandte sie sich langsam zu ihm um und schaute ihn an. Ihre Haut glühte und im milden Schein der Lampe war sie für Carney eine Vision absoluter Schönheit.

„Ich habe es nicht vergessen, Matthew. Ich war ein Idiot, aber das ist jetzt vorbei.“

„Ich verstehe nicht.“

Isabel streckte die Hand zur Lampe aus und dimmte sie herunter. Auf nackten Füßen rannte sie gleich einer Fee über die Seehundfelle durch den Raum, stand völlig unerwartet vor ihm und legte die Hände auf seine Schultern.

„Natürlich nicht, mein armer Liebling, ich kann es auch nicht erklären. Ich weiß nicht einmal, ob ich mich selber kenne – nicht wirklich, jedenfalls nicht so, dass es Sinn macht, außer, dass ich das war, was jeder Mann – ausgenommen du – eine verdammte Närrin nennen würde – und es tut mir leid. Liebst du mich noch?“

Er antwortete nicht. Er stand da und zitterte und sie spürte in ihm ein Verlangen, das ihr Tränen in die Augen trieb. Sie legte ihren Mund auf den seinen und als er sie schnell in eine leidenschaftliche Umarmung schloss, begann sie zu weinen und brach in seinen Armen haltlos zusammen. In einem stürmischen Schauer von Küssen und Tränen trug er sie aufs Bett. Draußen blies unablässig der wilde Wind. Das Haus bebte. Vor besonders starken Böen schien es kurz zu erstarren, während in den Drähten am Mast ein Hexenchor kreischte, zu dem sich sämtliche Geister auf Marina zusammengefunden hatten. Im Inneren des Hauses erlebten sie Ebbe und Flut ihres eigenen Sturmes, der sich nach kurzem Schlaf zu neuen Ausbrüchen erhob und sich dann wieder legte. In einem ruhigen Augenblick murmelte sie, „Bist du jetzt glücklich, Matthew?“

„Ja.“

„Gefalle ich dir?“

„Du bist wunderbar.“

„Besser als in der ersten Nacht?“

„Ja.“

„Man sagt, Frauen werden besser durch viel Zärtlichkeit`. Von wem ist das?“

„Ich weiß es nicht.“

„Von deinem geliebten Byron bestimmt nicht. Sag mir etwas von Byron auf – was du am liebsten von ihm magst.“

Matthew dreht sich auf den Rücken und lächelte in Richtung Zimmerdecke zu dem kleinen Ring aus Licht hinauf.

„Es ist ein viel zitiertes Gedicht, glaube ich, aber Solitude bedeutete mir immer mehr als andere Gedichte. Ich bin ein einfacher Mensch und die Gedichte, die mir gefallen, sagen etwas, das ich verstehen kann. Ich weiß, wie sich das anfühlt

There is a rapture on the lonely shore 
There is society where none intrudes 
By the deep sea, and music in its roar
I love not man the less, but Nature more.7)
(Übersetzung in Fußnote)

Isabels Gesicht lag an seiner Brust, aus der die tiefen Töne wie das Echo einer inneren Stimme drangen. „Das ist typisch für dich, mein Schatz. Ich muss gestehen, ich kenne Byron nicht gut. There was a sound of revelry by night 8) (Übersetzung in Fußnote) und ein oder zwei andere Sachen. Ich bin nicht sicher, dass mir dein `man the less` und `Nature more` gefällt. Was ist mit den Frauen? Was ist mit mir?“

„Kennst du denn nicht den Anfang von Solitude?“

„Aber ja doch! Und das Ende.“

„Also dann…“

„Es war ein Scherz. Mach weiter.“

„Gut. Du kannst ruhig darüber lächeln, wenn du willst;

Omar Khayyám hat es noch besser gesagt, aber Byron passt genauso:

Oh, that the desert were my dwelling place / With one fair spirit for my minister. . .9)
(Übersetzung in Fußnote)

„Wundervoll! Bist du sicher, dass du das nicht für mich erfunden hast?“

„Ich wollte, es wäre so.“

„Mein Byron mit Bart!“

Später, sie lag wach, während Matthew schlief, einen Arm unter ihrer Brust ausgestreckt, als wollte er sie unbewusst festhalten, hörte sie das dumpfe Klacken der Wasserpumpe.

Skane hatte die Aufgabe übernommen, die sie alle hassten. Mit nacktem Oberkörper stand er schwitzend im heißen Dunst des Maschinenraums. Sie dachte mit schlechtem Gewissen an ihr Bad. Der Haupttank lag über den Mannschaftsräumen und sie empfand es als etwas peinlich, dass sie hören konnten, wenn sie das Badewasser einließ. Aber der Anflug von Schuldbewusstsein verflog schnell. Sie schlief wieder ein mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen. Es lag etwas Erheiterndes darin, sich vorzustellen, wie Skane, der misslaunige Eremit, eine extra halbe Stunde an der Pumpe schwitzte für das Vergnügen einer Frau.

 

KAPITEL 16

 

Im November schneite es zum ersten Mal. Zuerst fielen nur ein paar Flocken aus dem düsteren Himmel, dann wurde ein kräftiger Schneefall daraus, der die Dünen und den südlichen Damm einhüllte. Unter der dunklen Wolkendecke bewegte sich das Meer in trägen Schichten, und wenn die Sonne einen dünnen Strahl aus einer Wolkenlücke hinunterschickte, glänzte die nasse Uferzone wie harter grauer Stahl. Die weiße Decke auf den Dünen gab Marina den Anstrich einer arktischen Landschaft; eine Hügelkette, bis zu den Schultern versunken im Meer, die Lagune ein Laken aus schwarzer Tinte, vor dem der graue Ozean wogte, aber der südliche Damm setzte einen dünnen weißen Strich, vergleichbar einem Pfad der Tugend durch drohenden Sündenpfuhl. All das dauerte nur bis zum ersten starken Sturm, dann erwachten die bekannten Sandteufel, tanzten um die Spitzen der Dünen, trieben Wolken die Insel entlang und innerhalb einer Stunde war es vorbei mit dieser Reinheit.

Von nun an gab es nachts starken Frost. Die Teiche in der Mitte der Insel hatten einen Eisrand und oft eine Eisdecke, die sich unter der Sonne des nächsten Tages auflöste und verschwand. Die Sonne jedoch zog sich nun ganz nach Süden zurück. Der Funkmast, die Telefonmasten, die verdorrten braunen Büschel Marram-Gras auf den Dünen warfen Schatten, die immer länger wurden, sogar mittags. Die Senken, wo die Ponys vor dem Sturm Schutz suchten, in denen im Sommer die Hitze gleißte wie in einem Ofen, lagen nun im Dauerzwielicht und der Abstieg vom sonnenbeschienenen Kamm in den tiefen Schatten glich dem Eintritt in ein Grab.

Weil sich die Insel in der Gegend der Funkstation nach Süden neigte, hatte diese den Vorteil, dass sie die spärliche Sonneneinstrahlung voll abbekam. Bei Sonnenuntergang fielen vom Meeresspiegel her die letzten Strahlen für ein paar Augenblicke flach gegen die südlichen Ränder der Dünen wie ein feuriger Fächer und erzeugten eine goldene Schönheit, wie es sie im Sommer nicht gab. Dann war der Tag vorbei. Die Funkstation, der Vorratsschuppen und der Haufen Ölfässer lagen im Schatten, der letzte Rest des goldenen Lichtes kroch den Mast hinauf und verschwand wie bei einem indischen Seiltrick. Die Nacht kam, einer Welle gleich, groß und schwarz vom Osten her über die Dünen.

Die meisten wilden Vögel waren auf ihrer großen Wanderroute gegen Süden weitergezogen und von den Scharen, die sich als lebende Wolken auf den Teichen und stillen Ufern der Lagune niedergelassen hatten, war nichts mehr zu hören und zu sehen. Die Jäger von der Hauptstation blieben weg. Skane und Sargent gaben ebenfalls auf, nachdem sie an einem kühlen Morgen mit zwei schlaffen Enten zurückgekommen waren und erzählten, dass sie eine Münze geworfen hatten, um zu entscheiden, wer sich ausziehen sollte und hinausschwimmen, um die Beute zu holen. Skane hatte offenbar verloren. Die toten Vögel waren vom Wind weit in die Lagune hinausgetrieben worden und er musste lang in dem düsteren Wasser schwimmen. Isabel schauderte es.

„Und wenn du dabei einen Krampf bekommst?“ fragte sie energisch.

„An sowas denkt man nicht.“

„Es sind schon mehr als genug Leute auf Marina ertrunken, ohne dass du und Sargent dumme Risiken eingehen. Meinst du nicht auch, Matthew?“

„Er kann dir nicht zustimmen“, sagte Skane und grinste. „Er hat sowas zu oft selbst getan, nicht wahr, Matt? Erzähl mal deiner Frau von der Wette letztes Weihnachten, dass du am Nordstrand schwimmen gehen würdest.“

„Ich glaube es nicht!“ rief sie.

„Nun ja, es ist wahr“, entgegnete Matthew kleinlaut. „Und es hat Skane ein halbes Pfund Tabak gekostet.“

„Aber warum? Und sag bloß nicht, nur damit es etwas zu tun gab!“

„Wie kommst du nur darauf?“ entgegnete Skane.

Ganz Marina wartete nun auf die Ankunft der Lord Elgin, die Wintervorräte und die Post brachte. „Das Boot“ war das vorherrschende Thema bei Unterhaltungen in Küchen, Schlafzimmern, Scheunen, Ställen, Wachräumen und Leuchttürmen, ebenso an den Telefonen, die das Leben der Inselbewohner miteinander verbanden. Die Frauen riefen einander an und besprachen, welche Sachen aus den sorgfältig durchgeblätterten Katalogen jetzt über Funk bestellt werden mussten, damit die Pakete rechtzeitig auf das Boot gebracht wurden. Diese Telefonate waren öffentliche Angelegenheiten, denn, wie Farmersfrauen mit einem Sammelanschluss, rannte jede Frau auf Marina schnell zu ihrem Telefon und nahm den Hörer ab, ganz gleich, welche Nummer gewählt worden war. Sie hörte zu, gab, wenn sie wollte, ihrerseits einen Kommentar ab, oder hängte mit der Sorgfalt und Geschicklichkeit eines Geheimagenten aus einer Kriminalgeschichte den Hörer wieder auf den Haken, sobald ihre Neugier befriedigt war. Von diesem unterhaltsamen Zeitvertreib war Isabel ausgeschlossen, selbst wenn sie gern mitgemacht hätte, denn die Funkstation war nicht mit der Hauptleitung der Insel verbunden. Ein früherer „Gouverneur“, der seine Botschaften zum und vom Festland geheim halten wollte, hatte veranlasst, dass die Funkstation nur eine Verbindung mit seinem Privathaus bekam. Diese Ausnahme hatte nach wie vor Bestand. Isabel konnte ausschließlich mit Mrs. McBain am Telefon reden. Von der Hauptlinie der Insel mit ihren schiefen und sandumtosten Masten war sie ausgeschlossen, was die Distanz betonte, die bereits zu „dieser Funkertruppe“ bestand und zu „Carneys Frau“, jenem, nach wie vor, geheimnisvollen Wesen. Sie und Matthew gingen jetzt oft zur Hauptstation. Gewöhnlich schickte McBain einen Jungen mit dem Ponywagen und brachte sie anschließend selbst nach Hause; manchmal aber, wenn Isabel darauf bestand, gingen sie auch zu Fuß, immer am vertrauten Ufer der Lagune entlang. Die Bewohner von Nummer Zwei waren zu weit weg, um sich diesen unbedeutenden Zusammenkünften anzuschließen, aber die Kahns kamen immer und meistens auch die Lermonts, auch schlüpften oft ein paar von der Mannschaft der Rettungsboote ins Wohnzimmer, saßen da, betrachteten Isabel aus den Augenwinkeln und lauschten der Musik und den Gesprächen.

Matthew hatte darauf bestanden, dass Isabel reiten lernte. Sie trug dabei Hosen und saß auf dem Rücken von Lide-Jarge, ein geduldiges und trittsicheres Tier. Carney ritt neben ihr und gab acht auf den Gang des Ponys. Wenn Matthew an einem schönen Nachmittag Wache hatte, ritt sie mit Sargent aus oder manchmal sogar mit Skane. Oft ritten sie in Dreierformation, trotteten locker den Nordstrand entlang zu einem Besuch bei Nummer Zwei, wobei sie die Insel durch ein Labyrinth von Senken und Teichen durchquerten, wo die Pferdehufe rote reife Cranberries zertraten und kehrten am Ufer der Lagune zurück.

Sargent ritt mit der fröhlichen Unbeholfenheit eines Seemanns, den es zufällig auf einen Pferderücken verschlagen hat, aber Skane und Matthew saßen, Zentauren gleich, fest im Sattel. Ab und zu ließen sie Isabel am Strand zurück, um eine wilde Jagd über die Dünen zu veranstalten. Diese Ausgelassenheit beobachtete sie mit dem verständnisvollen Amüsement einer Lehrerin, für die die größten Jungen in der Klasse eine Angeberei veranstalten, aber sie kam nicht umhin, die tollkühne Anmut zu bewundern, mit der sie ritten. Zu Fuß mangelte es Matthew an Anmut. Er war manchmal direkt unbeholfen besonders abends, bevor die Lampen angezündet wurden, wenn er in der Wohnung umherstolperte als träume er. Im Sattel war er ein anderes Wesen, schnell, sicher und mitunter unbarmherzig wie Skane und sie stellte fest, dass sie eine seltsame Mischung von Missfallen und sinnlichem Vergnügen empfand, wenn sie ihre kraftvollen Gestalten beobachtete, die mit meisterhafter Überlegenheit die Stärke ihrer Knie und ihrer Lenden demonstrierten.

Es dauerte nicht lange, bis sie Gelegenheit hatte, die Reitkunst der gesamten männlichen Bevölkerung von Marina zu beobachten, denn der Herbst-Termin für das Schiff nahte, und  McBain organisierte eine Ponyjagd. Isabel stand vor Anbruch der Morgendämmerung auf, um Matthew und Skane das Frühstück zu richten und sah ihnen nach, als sie beim ersten Morgenlicht mit McBain und seiner Truppe nach Osten weiterritten, wobei ihre langen Schatten über die Dünen fielen. Sie holten Lermont bei Nummer Zwei ab und ritten am Nordstrand entlang bis zum Ende der Insel, wo Giswell und seine Söhne von Nummer Drei, Reuben Nigthingale von Nummer Vier und Judah Shelman, der Wächter des Westleuchtturms, sich ihnen anschlossen.

Dann stellten sie sich queer über Marina in einer Linie auf und stürmten Richtung Westen, wobei sie die wilden Herden unter Schreien und lauten Hollarufen vor sich hertrieben. Zuerst war es einfach, weil die Insel an den Enden schmal war, aber es wurde schwieriger in der Mitte der Insel, wo sich eine ausgedehnte Fläche, eine Meile breit, mit zahlreichen Dünen und Senken befand. Es gab ungefähr dreihundert wilde Ponys auf Marina, die, jeweils angeführt von einem Hengst von überlegener Stärke und Kampfkraft, in kleinen Herden lebten, jede in einem eigenen Abschnitt der grasbewachsenen Dünen und schilfbestandenen Teiche, aus dem sie sich selten entfernten.

Alle wurden auf dieser Jagd zusammengetrieben, eine braune Mischung fliegender Hufe, glänzender Körper und geschüttelter Mähnen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit listig durch versteckte Schluchten zu entkommen suchten. Viele schafften es, besonders auf dem breiten Teil der Insel, wo McBains Treiber fast 100 Meter voneinander entfernt waren.

Kurz nach Mittag sahen Isabel und Sargent vom Fenster des Funkraums aus etwa 200 wilde Ponys mit schäumenden Mäulern über die Dünen in Richtung Pferch rennen, der verborgen in der Senke bei der Hauptstation lag. Dort war ein weiter Trichter mit Pfosten und Draht eingezäunt. Dann tauchte die Reihe der Reiter auf, die jetzt auf dem schmalen Durchgang von Nordstrand und Lagune ihrer Aufgabe sicher waren und ihre erschöpften Tiere mit Stöcken und Knotenstricken antrieben. Sie schlugen damit heftig zu, während sie vor und zurück ritten, denn sobald sich die zusammengetriebenen Herden im verengten vorderen Teil ihres sandigen Gefängnisses befanden, versuchten sie immer wieder Richtung Osten auszubrechen. Skane galoppierte auf einem schäumenden Pony mit wilden Augen vorbei, lächelte ihnen zu und winkte mit der Peitsche. Matthew ritt laut rufend mit drei oder vier anderen zur Lagune, wo eine Gruppe Ponys am Ufer entlang fliehen wollte. Sargent grinste neidisch. Isabel staunte. Während ihrer Ausritte hatte sie bei den Teichen östlich der Funkstation einige wilde Ponys herumlaufen sehen, aber sie hatte sich nicht vorstellen können, dass in dieser augenscheinlich leeren Wildnis eine solche Menge existierte. Es war wirklich ein fantastisches Schauspiel; die zielgerichteten braungebrannten Männer in Hosen und Stiefeln, in Pullovern und zerlumpten schweren Mänteln, mit Mützen und Hüten, wie Bettler auf Pferderücken; die tiefen Sättel und geschlossenen Steigbügel, die sie bisher nur aus Western-Filmen kannte, die Schreie und Lautsignale, von denen sie annahm, dass sie eine Imitation amerikanischer Cowboyrufe waren, auch wenn keiner der Männer jemals westlich der Bay of Fundy gewesen war – außer auf See – ; das gesamte Schauspiel dieses pulsierenden Lebens inmitten einer Umgebung, die bis heute für sie nur eine ausgedörrte Landschaft aus Marramgras und Sand gewesen war.

Einen ungewöhnlichen Anblick bot eine schlanke junge Gestalt in Hosen und Mackinaw-Hemd, umflattert von schulterlangen dunklen Haaren, die heranpreschte, um einige Ponys abzufangen, die an der Funkstation vorbei fliehen wollten. Die Ponys rannten zurück und schlossen sich dem Rest der Tiere an, die auf die eine Meile entfernte Falle zuliefen. Unmittelbar neben dem Bohlenweg zügelte der Reiter heftig sein Pferd und lächelte Sargent flüchtig zu, bevor er weiter galoppierte.

„Wer ist denn das – um Himmels Willen?“ wollte Isabel wissen.

„Das“, antwortete Sargent vergnügt, „ist Giswells Tochter von Nummer Drei.“

„Doch nicht etwa die Schöne der Insel?“

„Ja.“

„Ist sie das Mädchen, wegen der du manchmal zu Nummer Drei hinüber gehst?“

„Ja.“ Er lächelte und bekam rötliche Wangen. Die Reiter verschwanden in der Ferne Richtung Hauptstation.

„Sie scheint ziemlich wild zu sein.“

„Sie reitet verdammt gut,“ entgegnete Sargent, als ob das alles erklärte.

„Schaut sie immer so aus?“ Isabel sah ihn fragend an.

„Ja, schon. Ich will sagen, sie trägt für gewöhnlich Hosen und ein Männerhemd. Aber manchmal zieht sie sich recht hübsch an – und pudert sich sogar die Nase. Natürlich nicht für mich.“

„Aha.“ Es machte Spaß, Sargent aufzuziehen, er wurde so schnell rot. „Ich nehme an, für einen aus der Rettungsmannschaft.“

„Nein.“

„Aber sie besuchen sie doch auch auf Nummer Drei, nicht wahr? Jedenfalls hat Matthew mir das erzählt. Wie aufregend, für so viele Männer die Schöne zu sein, wenn man siebzehn ist.“

„Das glaube ich auch. Auf ihre Art ist sie nett zu uns allen – als gute Kumpel eben.“

„Für wen pudert sie dann ihre Nase?“

„Das erraten Sie nie.“ Sargent setzte die Kopfhörer auf und ging weg vom Fenster, um seinen Eintrag, der alle fünfzehn Minuten fällig war, auf dem langen Blatt zu machen.

„Du machst mich neugierig, Sargent. Wer ist es?“

„Skane.“

„Nein!“

„Es ist wahr, Mrs. Carney. Seltsam, nicht?“

„Du willst doch nicht sagen, dass Skane ein Verhältnis mit diesem – diesem Kind hat?“

„Oh nein, überhaupt nicht. Er mag die Giswells und geht öfter zum Essen hin und um sich zu unterhalten. Er versichert, dass Nummer Drei ein wunderbarer Ort sei, weil es versteckt zwischen den großen Dünen am Ostende der Lagune liegt, wo man die Funkstation nicht sehen kann, nicht einmal den Mast. Sara ist die älteste der Giswell-Kinder. Skane ist freundlich zu ihr, aber meistens beschäftigt er sich mit den jüngeren Kindern. Er ist ein eigenartiger Mensch, wie Sie ja wissen.“

„Matthew sagte mir, dass Skane Frauen nicht mag. Das stimmt doch, oder?“

„Ich weiß es nicht. Er redet nie über sie, jedenfalls nicht mir gegenüber.“

„Er sieht nicht einmal gut aus. Was Sara wohl an ihm findet?“

Sargent grinste. „Das würden wir alle gern wissen. Er spricht kaum mit ihr und doch ist er der einzige Mann auf Marina, für den sie sich interessiert. Verzeihen Sie, aber Frauen sind komisch.“

„Das trifft wohl zu. Finden Sie nicht, dass ich auch ziemlich komisch bin?“

Er wurde wieder rot. „Überhaupt nicht.“

Er war so jung und naiv, dass sie nicht anders konnte, als weiter zu fragen.

„Ihnen und Skane muss es doch recht seltsam vorgekommen sein, dass Matthew so plötzlich mit einer Frau auftauchte.“

„Nein,“ sagte er wenig überzeugend.

„Sagen Sie mal, Sargent – Jim, darf ich Sie Jim nennen? – was hat Skane dazu gesagt?“

„Ach, eigentlich nichts.“

„Also reden Sie schon!“

„Nun, er dachte, es war lästig, das ist alles. Ich will damit sagen, dass wir ungezwungen und frei lebten; im Haus und draußen liefen wir den ganzen Sommer fast nackt herum, tauchten in die Lagune rein und raus wie die Seehunde. Wir rasierten uns nur einmal im Monat oder so, ließen unsere Haare zur Mähne wachsen und machten uns einen Spaß daraus, sie in lustige Formen zu schneiden oder uns einen Kahlschnitt zu verpassen, wie in Gefängnissen. Verstehen Sie, was ich meine? Skane hasste es, das alles aufzugeben. Er fühlte sich wohl dabei, zugegeben, wir alle fühlten uns damit wohl. Ihr Kommen bedeutete, dass all das zu Ende war. Außerdem fragten wir uns, was für ein Mensch Sie wohl wären.“

„Und wie war Ihr Eindruck von mir?“

„Sehr nett.“

„Und Skane?“

„Er äußert sich nicht dazu. Es scheint, dass er über die erste Nervosität hinweggekommen ist, nachdem Carney telefonierte und sagte, dass er eine Frau mitbringen würde. Ich glaube, er war ziemlich eifersüchtig.“

„Du lieber Himmel! Meinetwegen?“

„Nun ja, er und Carney waren dicke Freunde. Sie machten alles zusammen, reiten, schwimmen, schießen, segeln. Sie waren natürlich so viel älter als MacGillivray und ich, dass wir ihnen wahrscheinlich wie Kinder vorkamen. Als Carneys Nachricht eintraf, die Nachricht von Ihnen, war Skane ganz aus dem Gleichgewicht. Er trieb uns an wie ein Verrückter, putzen, streichen, Müll verbrennen. Ich vermute, davon haben Sie gehört. Er konnte fast gar nicht mehr essen oder schlafen.“

„Wenn all das Skane so störte, warum hat er sich dann nicht versetzen lassen?“ wollte Isabel wissen. „Das wäre doch sicher kein Problem gewesen. Er ist ja schon zwei oder drei Jahre hier.“

Sargent sah sie schräg an. „Darüber habe ich mich auch gewundert. Aber wenn Skane darauf bestanden hätte wegzugehen, hätte McGillivray bleiben müssen – und Mac wollte nach seinem Dienstjahr unbedingt wieder fort. Vermutlich deshalb und das Gefühl, Carney im Stich zu lassen, wenn er geht. Er ist Ihrem Mann gegenüber sehr loyal.“

„Trotz Matthews Frau?“

„Ich glaube, Skane hat sich jetzt an Sie gewöhnt. Er hat Sie als Teil von Carney akzeptiert und damit sind Sie für ihn in Ordnung.“ Sargent lächelte verbindlich. „Das Leben hier war zuvor nicht ganz so toll. Vedder war ein ziemlicher Schlamper, wenn ich jetzt zurückdenke. Sie haben das geändert. Das Essen – alles ist besser. Zuerst wirkten Sie ein wenig eigenartig – kühl und unnahbar. Jetzt sind Sie ganz anders. Und Carney irgendwie auch. Wir haben uns alle geändert. Es ist wirklich gut, dass Sie da sind.“

„Das ist das Netteste, das ich gehört habe, seit ich auf Marina bin!“ rief Isabel. Und nun lassen Sie mich mal erzählen, Jim. Als ich mit Matthew hierherkam, wusste ich nicht, was ich hier finden würde und als ich sah, wie einsam die Funkstation war und alles so kahl und dieser starke Lautpegel, konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich das aushalten könnte – höchstens bis das nächste Schiff kam. Eines Tages dann, sah alles anders aus. Natürlich hatte sich nichts geändert, nur meine eigene Einstellung. Plötzlich war ich glücklich. Ich bin immer noch glücklich. Ich habe ein Gefühl von Aufregung. Vermutlich deshalb, weil dieses Leben hier so völlig anders ist, als alles, was ich bisher kannte. Es kommt mir vor, als sei ich durch eine Art Spiegel getreten.“

Sargent grinste wieder. „Oh, es ist gar nicht so übel hier. Wissen Sie, ich gehe gern fort, weil ich wieder zur See fahren möchte, deshalb habe ich den Dienst angetreten, um etwas von der Welt zu sehen und man kann hier nicht viel sehen. Aber es könnte noch viel schlimmer sein. Man könnte in einem Frostloch im hohen Norden sitzen, wo es zehn Monate im Jahr nur Eis und Schnee gibt. Wenn ich an solche Jobs in Labrador denke, kann ich mir nur gratulieren. Auf Marina bekommen wir wenigstens mehrmals im Jahr Post und frisches Futter. Und man kann sich hinbegeben, wo man will.“

„Und eine Sara gibt es auch,“ sagte sie spaßend.

„Und leider gibt es auch einen Skane.“

„So ist es.“  - Seltsam, wie das Gespräch wieder auf Skane zurückkam. „Also, wenn das Mädchen so verrückt nach ihm ist, wie du sagst, frage ich mich, warum sie keinen Anlass findet, ihn hier zu besuchen. An ihrer Stelle würde ich mir etwas einfallen lassen.“

„Oh, sie ist oft hergekommen – die ganze Zeit. Es ist ja schließlich nicht weit, acht Meilen hin und zurück, und Sie haben ja gesehen wie sie reitet. Sie kannte unseren Dienstplan und wenn Skane Wache hatte, kam sie angeritten, band ihr Pony an einen Pfosten der Veranda, ging in den Funkraum und setzte sich, als sei sie dort zu Hause. Besucher sind da drin eigentlich nicht erlaubt, aber das kümmert auf Marina niemanden, Sara am wenigsten. Verstehen Sie, wenn sie gekommen wäre, ohne dass er Wache hatte, wäre das ungünstig gewesen. Er hätte in seinem Zimmer geschlafen oder einen Ausflug mit Carney oder mit mir gemacht. So aber, hatte sie ihn quasi in die Enge getrieben – er konnte nicht einfach weggehen. Sie wissen ja, wie wir zwar mit einem Kopfhörer die Radioverbindung halten und trotzdem mit jemandem im Raum eine Unterhaltung führen können. Sie saß da und redete mit ihm, wenn er nicht gerade Nachrichten empfing oder verschickte und er würde wohl oder übel antworten, bis er einen Telefonanruf bekam. Ich glaube, manchmal tat er so, als müsse er lange wichtigen Anrufen lauschen, nur damit er sie ignorieren konnte. Ich habe ihn zu Carney sagen hören, er solle das Mädchen wegschicken, weil es hässlichen Klatsch geben könnte, wenn sie so weitermacht – ein siebzehnjähriger Backfisch, der in einer Funkstation mit vier Männern herumhängt. Aber Sie wissen ja wie Carney ist. Er grinste nur und sagte, er und Vedder seien jedenfalls sicher vor Klatsch.“

„Und du?“

„Also ich war immer sofort an Deck, wenn sie kam. Ich saß im Wachraum und spielte den Anstandswauwau. Wenn Skane nicht mit ihr redete, redete sie mit mir. Manchmal war sie sehr nett zu mir und natürlich habe ich es mir reingezogen wie ein hungriges Hündchen. Das klingt zwar etwas albern, aber ich bin kein solch abgehobener Eremit wie Skane. Ich mag Mädchen und es ist was Besonderes an einem Ort wie hier ein Mädchen zu sehen und zu sprechen.“

„Selbstverständlich ist es das. Aber was meinen ihre Eltern zu – ihrer großen Liebe?“

Er lächelte unsicher. „Mir kommt es so vor, dass sie sie ermutigen. Ich glaube, sie meinen, ein Funker sei eine gute Partie für Sara – besonders ein Mann wie Skane, der hierbleibt und nicht wieder weiterzieht, um zur See zu gehen wie ich.“

„Aber sie ist nur halb so alt wie er!“

„Ich denke, das stört sie weiter nicht und Sara auch nicht,“ murmelte Sargent. Er fügte hinzu, „das kommt schließlich öfter vor,“ – plötzlich wurde er verlegen. Isabel verstand sofort, warum. Einen Augenblick stieg Ärger in ihr hoch. Dennoch war es interessant zu erfahren, dass sie in den Augen Marinas selber einen guten Fang gemacht hatte. Armer Matthew!

„Warum kommt Sara nicht mehr hierher?“ fragte sie ruhig.

„Sie kommt manchmal, aber nur, wenn Sie nicht hier sind.“

„Oh? Warum?“

„Sie mag Sie nicht.“

„Aber sie hat mich nie gesehen!“

„Doch. Am Strand. Am Tag als Sie gelandet sind.“

Wieder diese Erinnerung an den Landeplatz, die starrenden Frauen in den altmodischen Kleidern, die Stimmung einer instinktiven Feindseligkeit. Sara musste eine dieser geschäftigen Gestalten in Hosen rund um das Boot gewesen sein.

„Geht Skane denn immer noch zu Nummer Drei?“

„Oh ja. Und ich auch. Es ist eine nette Abwechslung vom Alltag. Man wandert am Ufer der Lagune entlang. Es dauert etwas über zwei Stunden, wenn man zügig geht. Man bleibt zum Abendessen – Giswell hat Hühner, und man bekommt frische Eier und manchmal ein gebratenes Huhn und nach dem Essen sitzt man mit der ganzen Familie um den Tisch und spielt Cutthroat-Forty-Fives wobei man die Trümpfe laut ausruft und die Karten auf den Tisch knallt. Das Herz-Ass spielt man mit einem extra festen Schlag und den Trumpf-Buben noch kräftiger. Aber wenn man den Trumpf-Fünfer hat – das ist die Top-Karte in Forty-Fives – dann hält man die Karte hoch über den Kopf und haut mit der Faust auf den Tisch. Es ist ja eigentlich das Nationalspiel von Nova Scotia – aber hier auf Marina gibt es dieses Ritual, wie man die großen Trümpfe spielt. Man muss dabei den Tisch zum Beben bringen, sonst macht es keinen Spaß. Die Kinder sind begeistert davon. Um zehn Uhr gehen die Giswells ins Bett, dann macht man sich auf den Weg zur Funkstation. Giswell überlässt einem das Lieblingspony der Familie, ein kluges Tier, das Sam heißt. Gewöhnlich ist es stockdunkel und man sieht seine Hand nicht vor den Augen, also lenkt man Sam am Strand oder am Ufer der Lagune entlang und lässt ihn den Weg finden. Wenn man hier ankommt, steigt man ab und legt die Steigbügel über den Sattel, gibt ihm ein Leckerli und ruft „nach Hause, Sam!“ dann trottet er davon zu Giswells Stall wie eine Brieftaube.“

„Ich könnte mir vorstellen, dass er auf dem Weg ausbüxt mit einem der wilden Ponys.“

„Nicht Sam – auch sonst kein Pony, das gezähmt worden ist. Sobald sie den Geschmack von Hafer und gehacktem Heu kennengelernt haben und ein schönes warmes Plätzchen in den Winternächten, wollen sie nicht mehr zurück in die Dünen. Außerdem müssen sie nicht viel arbeiten. Die Ponys haben ein gutes Leben. An deren Stelle wäre ich auch damit zufrieden, was meinen Sie?“

„Vielleicht,“ sagte Isabel. Sie ging in die Küche, um das späte Abendessen vorzubereiten. Armer Sargent! Sie hatte durchaus kein schlechtes Gewissen, dass sie den arglosen Jungen so ausgehorcht hatte. Die Unterhaltung war vergnüglich gewesen, besonders sein schüchternes Vertrauen. Ich muss öfter mit ihm reden, beschloss sie. Ich habe mich zu wenig für ihr Kommen und Gehen interessiert. Zum Beispiel die Geschichte mit Skane und dem Mädchen von Nummer Drei. Es war typisch Matthew, so etwas nicht zu erwähnen. Aber wie eigenartig – und wie interessant!

KAPITEL 17

 

Diejenigen, die am meisten beteuern, wie sehr sie das Leben auf See lieben, kommen am Ende selten gut damit zurecht. Sogar romantische junge Männer – die Sargents dieser Welt – werden in ein paar Jahren zu den Skanes dieser Welt, die herausgefunden haben, dass die ganze Romantik eher auf dem Festland liegt und dass jede Reise mühselige Arbeit bedeutet, der man sich von einem Hafen zum nächsten stellen muss. Die Bewohner der Küsten und Inseln des Nord-Atlantik, wo der Wind kräftig weht und das Wasser kalt ist, machen sich keine Illusionen über das Meer. Es ist ihr Feind. Ihr Leben hängt von ihm ab, sie müssen um ihre Existenz kämpfen. Jeder Tag, den sie überleben, ist ein kleiner Sieg; aber wie bei allen Kriegen, ist ihr Kampf großenteils Monotonie, ein ewiges Warten auf den Anstieg von Tiden und das Abklingen von Stürmen.

So ging es auch den Bewohnern von Marina, eingeschlossen in ihren kargen Dünentälern, die belagerten Garnisonen vergleichbar waren, in denen man täglich auf die Wälle steigt, um Anzeichen für eine Entlastung zu erkennen. Endlich kommt sie. Selbst der Nord-Atlantik ermüdet gelegentlich und macht eine Pause, um Atem zu schöpfen vor dem nächsten Angriff. Matthew selbst schickte die Meldung hinaus und lächelte, als er sich vorstellte, wie O’Dell murrte bei dem vertrauten SEE GEHT ZURÜCK BAROMETER DREISSIG WIND LEICHT NW ERWARTE GUTE LANDEBEDINBGUNGEN MORGENS. Alles konnte passieren zu dieser Jahreszeit – sogar das Barometer konnte lügen oder jeden Moment seine Meinung ändern.

Aber das Wetter hielt. Als Isabel mit Matthew und Sargent zum Landeplatz ging, während die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne erschienen, war die Dünung so schwach, dass man kaum ein Plätschern hörte. „Man könnte mit einem Kanu landen,“ sagte Matthew. Weit draußen erschien die Lord Elgin, umrundete die Spitze des westlichen Landriegels, fuhr mit halber Kraft weiter und ankerte wie gewöhnlich eine Meile in sicherem Abstand vom Strand. Ein scharfer Wind aus Nordwesten zog den Strand entlang wie ein eisiger Zugwind in einem Tunnel. Isabel fröstelte trotz der Hosen, des Jersey-Pullovers und des Lammfellmantels mit Kapuze, den Carney in einem leeren Rettungsboot gefunden hatte, das im Krieg an der südlichen Landspitze angetrieben wurde.

Sie bewunderte die Standhaftigkeit der Insel-Frauen, die wie in der Zeit König Edwards gekleidet waren, zweifellos feminin und sittsam, sogar was jene absurden Hüte betraf. Sie gesellte sich zu ihnen, schüttelte Hände, murmelte Begrüßungen, während Sargent und Matthew sich mit den anderen um die Boote drängten. Mrs. Kahn war da und sie rief mit ihrer durchdringenden Stimme nach rechts und nach links, auch Lermonts Frau und andere, weniger vertraute Frauen, die sich etwas gehemmt fühlten beim Gespräch mit „Carneys Frau“. Nur Mrs. Giswell fehlte. Sie hatte eine Erkältung und scheute die lange Fahrt über den offenen Strand.

Kapitän O’Dell, in einen Überwurfmantel gehüllt, mit schwarzer Pelzkappe und Handschuhen, landete im zweiten Boot. Er sah mehr denn je wie ein lebender Leichnam aus. Er begrüßte die Männer, klopfte Carney auf den Rücken und unterhielt sich lange ernsthaft mit McBain. Dann kam er den Strand entlang zu den Frauen, schüttelte jeder die Hand, wobei er sie würdevoll und höflich beim Namen nannte. Plötzlich war Isabel klar, warum sie sich bei diesen Gelegenheiten so feierlich kleideten. Für sie war die Abteilung Meer und Fischerei eine mächtige, ferne Autorität, die göttliche Institution, von der alle Wohltaten kamen; und Kapitän O’Dell war der Gesandte des Departments, der drei- oder viermal im Jahr erschien, um ihre Bittgesuche und Klagen anzuhören; ihm zollten sie Respekt, was Isabel vorkam wie eine besondere Art von Verehrung.

Im Heimathafen, wenn die Lord Elgin ruhig im Schatten großer Linienschiffe und zwischen geschäftigen Lastenkreuzern lag, war O’Dell ebenso unbedeutend wie sein Schiff. Sein Tun und Treiben die Küste hinauf und hinunter wurde kaum jemals in Zeitungen erwähnt, außer es gab etwas Dramatisches zu berichten. Sogar die Leute, deren Fenster auf den Anlegesteg der Lord Elgin hinausgingen, beobachteten nur, dass sie von Zeit zu Zeit verschwand und dann auf geheimnisvolle Weise wieder da war. Für das Departement, eine komplexe Maschine, die darauf ausgerichtet war, auf einer breiten Basis zu funktionieren, von Cape Sable bis in die Arktis (auf ihrer Gehaltsliste standen keine Gesandten irgendwelcher Art) gehörte O’Dell zu einer Reihe anderer Kapitäne im Dienst der Leuchtturmversorgung, der seine Aufgabe ruhig und zuverlässig erfüllte. Hier und an anderen Stellen seiner Route, vertrat er jedoch das gesamte Department und spielte seine Rolle mit Würde. Er interessierte sich ernsthaft für die Probleme der Männer auf der Insel; er scherzte mit den Kindern, wobei er wie ein Patriarch lächelte, ihnen den Kopf tätschelte und Schokoladeriegel aus den Taschen seines Mantels zog; er sprach freundlich mit den Frauen und vermittelte jeder einzelnen den Eindruck, dass ihr Leben und ihre Anliegen für ihn von größtem Interesse waren. In dieser Haltung kam er auch zu Isabel, aber in seinen tiefliegenden blauen Augen glänzte ein Funke von Neugier.

„Nun, Mrs. Carney, wie geht es Ihnen?“

„Sehr gut, Kapitän,“ entgegnete sie ruhig.

„Ich muss gestehen, als ich Sie letzten Sommer über die Schiffsseite klettern sah, haben Sie mir leidgetan.“

„Ich habe mir selbst leidgetan – damals.“

„Tja! Und da sind Sie, und sehen ausgesprochen gut und glücklich aus, wenn Sie erlauben, dass ich so sage. Donnerwetter, Marina hat Ihnen gutgetan! Sie sind eine andere Frau.“

„Ein wenig Sonnenbräune macht einen großen Unterschied,“ sagte sie lachend, aber sie fühlte sich etwas unsicher unter diesem schlauen erfahrenen Blick. Was dachte er wohl?

Sie wäre gekränkt gewesen, wenn sie es gewusst hätte. O’Dell, für den jugendliche Leidenschaft selber keine Rolle mehr spielte und der Isabel jetzt mit prüfendem Blick betrachtete, hatte Carneys Braut, nachdem er sie auf der Reise nach Marina kurz kennenlernte, als eine etwas kühle Person eingeschätzt. In Wahrheit hatte Carney ihm mehr leidgetan als sie. Es konnte nicht von Dauer sein, hatte er sich selbst gesagt und den ganzen Weg von Halifax hierher erwartete er einen Funkspruch von Marina, dass Mrs. Carney die Rückreise antreten würde. Es schien das logische Ende dieser Sommer-Verrücktheit zu sein, ein ehelicher Kälteeinbruch nach der kurzen Augusthitze.

Jetzt fand er die junge Frau immer noch ruhig und gefasst, aber wesentlich verändert. Sie sah – er suchte nach einem Begriff – lebendiger? gereifter? aus – erfahrener, war wohl das richtige Wort. Drei Monate Ehe hatten die blasse Jungfer verwandelt wie eine Frucht, die lange im Schatten hing, nach drei Monaten Sonne verwandelt wird. Ihre Augen hatten einen völlig anderen Ausdruck. Etwas war gewichen, Unsicherheit und Furcht – das Jungfernhafte – zweifellos. Jetzt traf ihn der Blick einer Frau, die in den Armen eines Mannes Erfüllung gefunden hatte und natürlich erwartete, dass das Wunder für immer und ewig andauerte.

O’Dell dachte nicht genau in diesen Worten. Er sagte sich, sie hat sich an das eheliche Leben angepasst wie eine Ente ans Wasser; ein feines Mädel mit guten Anlagen, vermutlich erste Klasse im Bett; meint, sie hat eine Art Gott geheiratet, also wird Marina zu einer Art Himmel. Sie täuscht sich natürlich, aber was für ein Glück für Carney! Sein Blick ging zu Carneys großer Gestalt, der weiter unten am Strand, mindestens genauso aktiv wie die jüngeren Männer, Kohlensäcke aus dem Boot lud. Verdammt! Sie könnte sogar recht haben. Carney ist ja sowas wie ein Gott. Er dachte an den Carney, den er schon so lange kannte, den harten lauteren Mann, der keine Erfahrung mit Frauen hatte, den bärtigen König von Marina mit dem Körper eines Kriegers und der Seele eines Jungen. Plötzlich kam O’Dell der Gedanke, dass diese schlanke, grauäugige junge Person, die vor ihm stand, eine Erfahrung gemacht hatte, um die eine Menge anderer Frauen sie beneidet oder zumindest bewundert hätten. Im Licht dieser Erkenntnis, warf er einen weiteren prüfenden Blick auf sie und nickte ihr glückwünschend und anerkennend zu, bevor er sich der jungen Mrs. Lermont zuwandte. Isabel, deren Gesicht sich auf einmal unvermutet warm anfühlte, richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Matthew und die Boote.

Bei diesem ruhigen Seegang war nichts von der Aufregung zu spüren, die damals ihre eigene Landung auf Marina begleitet hatte. Die Boote kamen und gingen, ohne dass besondere Hindernisse auftraten, die Männer bewegten sich am Strand hin und her mit Säcken und Paketen, die Waren stapelten sich oben auf dem Strand in getrennten Haufen. Es wurde einem langweilig und kalt, wenn man nur Beobachter war. O’Dell hatte seine Runde beendet, seinen letzten Segen gegeben und zog sich auf sein Schiff zurück in die Wärme. Er überließ seinem Versorgungsoffizier die Kontrolle der Waren, ein ungeduldiger junger Mann mit einem verlebten Gesicht, der in seinem Lammfellmantel fröstelte.

Der Himmel war klar, bis auf einen grauen Wolkenstreifen am südlichen Horizont; das Meer leuchtete glänzend blau in der kalten Novembersonne – nicht in der sanften Färbung des Sommers, sondern im harten, tiefen Preußisch-Blau des Herbstes, das sich so schnell zu Grau verändern und unter Winterstürmen fast in Schwarz verwandeln konnte.

Die Unterhaltung der Frauen am oberen Strand erlahmte, denn alles war bereits gesagt. Es schien, als harrten sie nur noch tapfer aus. Der Anblick des freundlichen Schiffs, die Ankunft frischer Vorräte, das Ritual mit Kapitän O’Dell, die Erfahrung des Zusammentreffens nach Monaten der Isolation auf den verschiedenen Stationen, allen diesen Aspekten war Genüge getan. Jetzt erwarteten sie den Höhepunkt, die Verteilung der Post.

Isabel marschierte steif über die Dünen auf die geschützte Mulde zu, in der die Hauptstation lag und die warme blau gestrichene Küche von Mrs. McBain.

„Hallo,“ sagte die Vielbeschäftigte. „Ist alles an Land gebracht?“

„Alles, bis auf die Post,“ Isabel öffnete ihren Lammfellmantel und hielt ihre klammen Hände über die Glut des Kohlenfeuers im Ofen.

„Und du hast nicht darauf gewartet? Na, sowas. Das ist doch das Beste am Bootslandetag, wenn man seine Briefe und Dokumente und Päckchen bekommt.“

„Es war schrecklich kalt,“ antwortete Isabel mit Nachdruck.

„Was du jetzt brauchst, ist eine schöne heiße Tasse Tee. Hol dir einen Stuhl, setz dich an den Ofen und leg die Füße in das Backrohr – ich bin fertig mit Backen.“

Isabel gehorchte. Sie hatte Mrs. MacBain nicht ganz die Wahrheit gesagt. Was sie weggetrieben hatte vom Strand, die eigentliche Kälte, war die plötzliche Erkenntnis, dass es für sie keinen Grund gab, noch länger zu warten. Plötzlich empfand sie ein heftiges unerwartetes Neidgefühl gegenüber den stoischen Inselfrauen in ihren altmodischen Gewändern, die jenseits des Horizonts Freunde hatten, die ihnen Briefe schrieben. Aber als Matthew und Sargent endlich kamen und die Post für die Funkstation mitbrachten, gab es für sie eine Überraschung, ein Brief, der an sie adressiert war; ausgerechnet von Miss Benson.

„Nur ein paar Zeilen, um Hallo zu sagen,“ begann er. „Ich hoffe es geht Ihnen gut. Sie haben uns einen richtigen Schock versetzt. Hurd war wütend. Ehrlich gesagt, ich habe mich ins Fäustchen gelacht. Sie waren immer ein eher verschlossener Typ, aber, wenn ich offen sein darf, ich hätte nie gedacht, dass Sie darauf aus sein könnten, den berühmten Carney zu kapern. Als ob man einen Eisbären einfängt. Wenn Sie eines Tages zurückkommen, um Urlaub zu machen (oder zur Geburt eines Babys – aber vielleicht sollte ich davon nicht sprechen?), müssen Sie vorbeikommen und mir alles darüber erzählen. Ich bin zu neugierig auf die Geschichte; und wer wäre das nicht? Der junge MacGillivray schaute kurz vorbei und sagte, Sie hätten etwas blass ausgesehen, als er Sie am Strand sah, aber er vermutete, dass sonst alles in Ordnung war mit Ihnen. Ich nehme an, Sie wissen, dass ich inzwischen Ihren Job habe. Offen gesagt, glaube ich nicht, dass es sich um die paar Dollar mehr pro Woche lohnt. Hurd hat natürlich seinen Ärger inzwischen überwunden und sagt mir ständig, wieviel besser Miss Jardine dies oder das erledigt hat, Uff! Und es ist so anstrengend. Seine Art zu diktieren! Ich habe kaum noch Zeit, mich mit den Funkern zu unterhalten, aber es gibt da einen netten Kerl auf der Princess Patricia, der jetzt auf mich wartet. Also habe ich keine Zeit, Trübsal zu blasen.

Cheerio.

Isabel lächelte, als sie den Brief wieder in den Umschlag steckte. Sie hatte Miss Benson nie sonderlich gemocht und hatte daraus keinen Hehl gemacht. Es war sehr nett von ihr zu schreiben. Außerdem hatte die Schmeichelei „den berühmten Carney zu kapern“ von Seiten einer Expertin ihren eigenen Reiz. Zweifellos hatte Miss Benson die Formulierung eher spöttisch gemeint, aber es war trotzdem angenehm zu lesen, denn dieser eine Satz verriet eine Kameradschaft und bedeutete gleichzeitig eine Auszeichnung. Damit stärkte es Isabels Vertrauen in ihre physische Attraktivität, das durch Carneys Bewunderung geweckt worden war und noch vor einem Jahr ganz unmöglich gewesen wäre.

Die übrige Post wog nicht schwer. Es gab zwei oder drei offizielle Umschläge für Carney, einige Briefe für Skane und ein dicker Stapel Briefe und ein Päckchen für Sargent. Auf dem Weg zurück zur Funkstation hielten sie an, um zuzusehen wie die wilden Ponys auf das Schiff verladen wurden. Dieser Vorgang, erklärte Matthew, fand zuletzt statt, denn zuerst mussten die Vorräte an Land gebracht werden, falls das Wetter umschlug. Auch war O’Dell nicht begeistert davon, diese störrischen Tiere zu befördern und war immer froh, wenn er einen Vorwand hatte, sie am Strand zurückzulassen. Die Herde in der Umzäunung sah nach einer Woche Gefangenschaft auch nicht mehr besonders gut aus. “Sie rennen herum, schlagen gegeneinander aus und beißen sich gegenseitig,“ sagte Matthew. „Vor allem die Hengste, die es gar nicht mögen, wenn ihre Stuten mit den anderen Kerlen zusammengepfercht sind. Und sie wurden natürlich nicht gefüttert, seit man sie gefangen hat.“

„Aber in der Scheune an der Hauptstation gibt es doch Heu.“

„Das ist für die Stall-Ponys im Winter. Mit den wilden hier kommt man besser zurecht, wenn sie ein wenig ausgehungert sind.“

Sie schniefte missbilligend. Vom Gipfel einer Düne aus beobachteten sie, was am Pferch und am Strand vor sich ging.

Außerhalb des Eingangs wurde ein Pfahl tief in den Sand geschlagen; daran wurde ein Seil befestigt mit einer losen Schlinge am anderen Ende. Giswell, der Pony-Experte schlüpfte unter dem Zaun durch und warf die Schlinge über den Kopf eines Ponys, das nah am Eingang stand. Das überraschte Tier lief sofort weg und zog dabei den Stick um seinen Hals so fest zu, als sei es eher zum Selbstmord entschlossen, als die unwürdige Behandlung zu ertragen, die es am Strand erwartete. Die Männer beobachteten alles genau. Das Pony befand sich nun am äußersten Ende des Seils und stand unbeweglich, mit seinem ganzen Gewicht nach hinten geneigt, mit herausquellenden Augen, mit aufgesperrtem Maul nach Luft ringend, die ihm abgeschnürt war. Kurz darauf begann das Tier zu schwanken. Seine Beine gaben nach. Ein junger Mann von den Lebensrettern   rannte flink herbei und befestigte einen Koppelstrick an einem der Vorderbeine.

Nun wurde das Tor geöffnet und zwei Männer zogen das stolpernde Pony mitleidlos am Seil durch eine Sandrinne an den Strand. Dort wurde es mit einem schnellen Ruck am Koppelstrick niedergeworfen. Sofort stürzten sich Nightingale und ein Matrose der Lord Elgin darauf und banden seine vier Füße mit einer festen Leine zusammen. Jetzt wurde dem verängstigten Tier erlaubt zu atmen. Nach Luft schnappend, hilflos, zitternd, bewegungsunfähig, wurde es auf eine große hölzerne Schubkarre befördert, von einigen Inselmännern zum Wasser hinuntergezogen und in einem Brandungsboot verstaut. Drei dieser gefesselten Gefangenen machten eine Bootsladung aus. Die Seeleute ruderten damit hinaus bis zum Ende der Flachstelle, wo das Motorboot ihnen eine Leine zuwarf und sie zum Schiff zog. Alles andere war einfach. Der Schiffsinspekteur der Lord Elgin ließ einen Ladehaken hinunter und die Ponys wurden, eines nach dem anderen, an ihren Beinfesseln an Bord gehievt.

Isabel sah zu, während Matthew ruhig die Vorgänge erklärte. Sie musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht zu schreien. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus.

„Wie schrecklich brutal!“ Carney und Sargent schauten einander an.

„Wie könnt ihr nur so gefühllos sein!“ rief sie. „Warum müssen sie denn fortgeschafft werden? Sie sind doch vollkommen glücklich hier, oder nicht?“

„Ja,“ antwortete Carney ironisch, „aber davon kann man eine gewisse Art Menschen auf dem Festland nicht überzeugen. Es geschieht, weil von Zeit zu Zeit jemand die Idee hat, dass die Ponys aus Marina es auf dem Festland besser haben. Weil die Ponys für gutes Geld verkauft werden können, ist es eine hervorragende Idee. Also wird es so angeordnet und die Ponys müssen gehen, vierzig oder fünfzig auf einmal – „gerettet“ nennen sie es, „gerettet“ vor Hunger und dem harten Leben auf Marina. Alles nur aus wunderbarer Humanität. Du hast ja gesehen wie wir sie fangen, festhalten, hungern lassen und würgen, damit man sie am offenen Strand in die Brandungsboote schaffen kann. Den ganzen Weg nach Halifax schlagen sie aus und beißen mit der letzten Kraft, die sie noch haben, und wenn O’Dell in schweres Wetter gerät, werden sie herumgeworfen wie Würfel in einem Becher. In Halifax verkauft man sie auf einer Auktion. Du kannst versuchen zu schätzen, was sie bringen. Manchmal kaufen nette Leute eines, damit es den Ponywagen für die Kinder zieht. Die meisten landen bei Straßenhändlern, Kleinbauern oder Schwarzhäutigen aus Preston – oder ähnlichen Leuten. An Samstagen hast du sie sicher schon gesehen, an klapprige Wagen gespannt, das Fell voller Schwären, mit herausstehenden Rippen. Dann sind sie zahm. Jeden Widerstand und das halbe Leben hat man aus ihnen herausgeprügelt. Eines Tages, kurz bevor ich dich getroffen habe, ging ich zum Markt hinauf und sah ein paar Marina-Ponys, die so ausgesehen haben. Es hat mich, verdammt noch mal, ganz krank gemacht. Nicht nur im Magen, sondern überhaupt. Es gehörte zu den Erfahrungen, die mich davon überzeugten, dass ich nicht auf das Festland gehöre.“

„Und trotzdem,“ entgegnete Isabel heftig, „hast du mitgeholfen, sie zu jagen, du und Skane. Skane hat es genossen, wie ich an seinem Gesicht sehen konnte; und dein Gesicht, Matthew, habe ich auch gesehen.“

Carney sah verlegen weg und murmelte etwas in der Art, „es musste erledigt werden … MacBain hatte den Auftrag … man hilft halt zusammen.“

„Außerdem,“ fügte Sargent hinzu, „ist es gut, etwas zu tun zu haben.“ Isabel warf ihm einen wütenden Blick zu, aber sein Gesichtsausdruck war ganz unschuldig. Sie verdrehte die Augen und stapfte fort von dem widerwärtigen Schauspiel, die beiden Männer folgten ihr schweigend.

Als sie die letzte Düne vor der Funkstation überquerten, sahen sie, dass ein gesatteltes Pony an der Veranda angebunden war. Kurz darauf erschien eine schlanke Gestalt in Hosen und Mackinaw-Mantel, die schnell auf das Pferd stieg und Richtung Osten ritt. Carney und Sargent gingen durch die Verandatüre, Sargent, um Skane an den Kopfhörern abzulösen, Carney, um Skane seine Post zu bringen.

Isabel lief über den Bohlenweg zur Wohnung. Als sie am Wachraum vorbeiging, sah sie hinein und traf Skanes Blick. Er stand am Fenster, die Hände in den Hosentaschen, die Kopfhörer aufgesetzt und lächelte. Es war unklar, ob er gerade an etwas Erfreuliches dachte, oder ob er sie anlächelte. Sein Gesichtsausdruck kam ihr etwas spöttisch vor. Sie wandte mit einer heftigen Bewegung den Kopf und ging schnell in die Küche. Das Feuer war erloschen und es war kalt. Sie machte wieder Feuer, blieb stehen, immer noch in ihrem Lammfellmantel und wartete darauf, dass sich der erkaltete eiserne Ofen etwas erwärmte, bis Matthew kam.

„Dieses Mädchen,“ sagte sie entschlossen, „du musst etwas dagegen unternehmen. Ich habe mich schon gewundert, warum sie nicht am Landeplatz war – und die anderen bestimmt auch.“

„Aber nein!“ protestierte er. Jeder auf Marina, Papa und Mama Giswell eingeschlossen, weiß, dass Sara Skane hier besucht. Sie hat eine Art kindliche Schwärmerei entwickelt seit sie vierzehn war und hat sie noch nicht abgelegt, das ist alles. Niemand nimmt es ernst, am wenigsten Skane.“

„Jetzt ist sie kein Kind mehr. Skane muss das klar sein.“

„Aber ich kann dir versichern, dass er…“

„Du hast mir erzählt, er war als Seemann ein ziemlicher Frauenheld. Und jetzt in dieser Einsamkeit, du wirst doch nicht glauben… Matthew, mein Lieber, du solltest nicht alle Männer nach dir selbst beurteilen. Und was das Mädchen angeht – sie ist eine halb-wilde Kreatur, die kaum mehr moralische Bedenken hat wie die Ponys in den Dünen. Du kannst mir glauben, dass ich nicht engstirnig bin, aber so etwas, direkt vor meiner Nase…“

Carney zog seinen alten pelzgefütterten Mantel aus und ließ ihn auf einen Stuhl fallen. „Hör mal zu, mein Schatz, so kenne ich dich gar nicht. Ich kann dem Mädchen nicht verbieten, hierher zu kommen. Das wäre eine Beleidigung. Und was würde ihre Familie denken?“

„Ihre Familie! Soviel ich gehört habe, Matthew, leben sie in ihrer Familie mehr oder weniger wie die Tiere und die Hälfte deiner wundervollen Bekannten ebenso! Ein Stamm von Wilden in Flanell und Kattun! Wenn ich nur daran denke, wie der grinsende Giswell Hebamme gespielt hat bei der Geburt ihres letzten Kindes! Und all das ging vor sich in demselben kleinen Haus mit den anderen Kindern, die liebe Sara eingeschlossen! Was erwartest du denn?“

„Du verstehst das nicht,“ entgegnete Matthew beharrlich. „Es sind ordentliche Leute.“

Sie erkannte, dass er nicht abrücken würde von seiner Einstellung. Schließlich war er einer von ihnen. Carney von Marina! Sie zuckte heftig mit den Schultern. Der Herd strahlte Wärme aus. Sie legte den Mantel ab und richtete ihr Haar, das unter der Kapuze die Form verloren hatte. Es wurde warm in der Küche und auch der kalte Knoten in ihrem Inneren schien aufzutauen. Sie fragte beiläufig. „Sind die Bestellungen eingetroffen – die Sachen von Eaton’s?“

„Ja, MacBain lässt sie morgen mit dem Wagen herbringen.“

Isabel lief durch das Zimmer und setzte sich auf die Armlehne seines Sessels. „Es tut mir leid, Matthew, dass ich so hässliche Dinge gesagt habe – ich meine, über das Giswell-Mädchen. Ich war etwas aus der Fassung und leicht reizbar wegen nichts und wieder nichts. Vermutlich wegen der Kälte und dieser scheußlichen Sache mit den Ponys. Aber es gab noch einen Grund. Als diese Frauen weiterhin so geduldig am Strand warteten, wurde mir erst bewusst, dass für dich und mich keine Briefe dabei waren – keine echten Briefe von Menschen, die sich Sorgen um uns machen. Ach, Matthew, wie schrecklich allein wir doch sind!“

Sie sagte es so voller Traurigkeit, dass es ihn ins Herz traf; dabei legte sie den Kopf auf seine Schulter und starrte auf den Boden.

„Wir haben einander,“ entgegnete er steif.

„Ja, natürlich. Letzten Sommer fand ich es wunderbar, die Welt hinter sich zu lassen. Jetzt habe ich manchmal Angst davor. Die Welt ist so gleichgültig. Sie weiß nicht, dass wir existieren und es ist ihr egal. Denk nur, wenn dir etwas passiert? Was soll ich dann tun?“

„Du solltest dich nicht von Fantastereien ängstigen lassen.“

„Hast du dir nie Gedanken darüber gemacht, dass mir etwas passieren könnte?“

„Was soll ich dazu sagen, nachdem ich dir diesen Rat gegeben habe?“ antwortete er lächelnd.

 

KAPITEL 18

 

Das Verschwinden der dünnen Rauchfahne von O’Dells Schiff in westlicher Richtung bedeutete für die Festung Marina, dass der Winter seine Belagerung begann. Zwei Monate lang peitschten die nassen Herbststürme über die Insel, dann kamen die Winterstürme. Sie bliesen aus den nördlichen Gegenden der Welt. Meistens kam der Wind von Nordwesten aus der Richtung der Hudson Bay, über die schneebedeckten Wälder und den zugefrorenen Golf. Die heftigen Stöße drangen sogar durch die dickste Kleidung bis auf die Haut, brachten Türen und Fenster zum Rütteln, selbst wenn sie noch so gut befestigt waren, und überzogen die acht Meilen von der Lagune zur Hauptstation und zu Nummer Drei mit einer rauen Eisdecke.

Wenn der Wind aus Nord-Osten blies, brachte er vom langen Seeweg von Island her einen feuchten Atem mit und es schneite kleine Körner, die auf Dächern und Fensterscheiben wie Schüsse rasselten, oder Tag und Nacht in dicken weißen Flocken fielen, die Luft füllten, die Dünen bedeckten, die Windseite des Hauses in Schnee hüllten, ebenso den Vorratsschuppen, sogar den Funkmasten. Wenn gelegentlich die Sonne durchbrach, glitzerte das zerklüftete Eis der Lagune in jungfräulichem Weiß, das die Augen blendete. Manchmal wurde das Wetter schnell wieder milder. Der Wind wechselte hin und her zwischen Norden und Osten, bis der bewegliche kleine Schoner auf der Wetterfahne über dem Vorratsschuppen sein Bugspriet fast nach Süden richtete. Dann begann es, in dicken Tropfen zu regnen. In Katarakten, in Fluten rann der Regen die Fensterscheiben hinunter und an den geschindelten Wänden entlang wie der zischende Schwall des tobenden Meeres an der Außenschale eines Schiffes. Er schoss aus Dachrinnen, löste die Schneekruste von den Dünen, riss die weiße Decke vom dunklen Eis der Lagune und hinterließ stattdessen einen neuen See, eine zweite Lagune, genau über der ersten, dazwischen lag die Eisfläche. Die Luft war selten still. Zwischen den Stürmen zog ein ständig wechselnder Wind über die Dünen, der in den Telefonmasten ein Summen wie von unsichtbaren Bienen erzeugte und in den Drähten ein trauriges Kreischen, das Isabel schlimmer vorkam als das geisterhafte Geheul der Stürme.

Eine Zeitlang hatte die schweigende große Kälte des Nordpols die Insel im Griff. Über Land und Meer breitete sich Totenstille aus. Das Blut schien sich in den Adern zu verdichten wie der rote Alkohol im Thermometer. Tagsüber hatte der Himmel eine seltsam graue Farbe. Die Sonne, die keinerlei Wärme mehr ausstrahlte, verlor ihren letzten dünnen Glanz und kroch als bleicher Mond über den südlichen Himmelsbogen. Die Oberfläche des Meeres sah klebrig aus und die Wellen glichen der Haut eines riesigen Reptils, das langsam vor Kälte bebte; und weil das Meer wärmer war als die arktische Luft, entstanden Nebelfetzen, die zusammenflossen und am Horizont eine geschlossene Wand bildeten.

Wenn man über die Dünen lief, quietschte es heftig unter den Stiefeln, als zertrete man bei jedem Schritt unsichtbare Mäuse. Der Bohlenweg knirschte. Nachts schienen Dach und Wände der Funkstation zu wimmern und mitunter verloren Nägel in den Schindeln den Halt und lösten sich mit dem Krachen eines Pistolenschusses. Die Strände wurden zu abfallenden Flächen aus braunem Zement, eisverkrustet am oberen Rand. Das Gras auf den Dünen, braun und leblos, stand hart wie Dornengestrüpp. Die froststarren Fall-Leinen von der Klampe bis zum Ausleger am Mast glichen dünnen hölzernen Ruten. Der Kaminrauch stieg kerzengerade in die Luft und verschwand in den merkwürdigen Himmel wie die wunderbare Bohnenranke im Märchen. Aus dem Maschinen-Auspuff schossen Dampfringe, die in der bitterkalten Luft kompakt und metallisch aussahen.

In der Funkstation war es nur in der Nähe der Öfen angenehm. Der Ofen im Wachraum verkörperte die einzige Wärmequelle in den Räumen der Funker. Der Wachhabende musste die Türe sorgfältig geschlossen halten, damit die Wärme andauerte und die Beweglichkeit seiner Finger erhalten blieb. Ihre Schlafzimmer waren eisig. Skane und Sargent gingen vermummt wie Polarforscher ins Bett. Ein Tintenfass auf Sargents Kommode gefror eine Woche vor Weihnachten und taute erst wieder Mitte April völlig auf. Trotz der Hitze im Maschinenraum froren die Wasserleitungen mehrmals ein und mussten aufgetaut werden mithilfe der Heißluft einer Lötlampe und der Auflage von Lumpen, getränkt in einem Eimer mit heißem Wasser aus dem Kühlungstank der Maschine. Selbst das Meer verlor in der Kälte seine Kraft und nur ein schwacher Wellengang schwappte flach und fast geräuschlos die Strände entlang.

Dann begann eine andere Art von Kanonade, der starke und erschreckende Donner vom dicken Eis der Lagune, das durch die Frostspannung in den kalten Nachtstunden Risse bekam. Glücklicherweise waren die Perioden dieses Polarwetters meist von kurzer Dauer. Mitunter stieg das Thermometer innerhalb von vierundzwanzig Stunden auf Grade, die das Leben wieder erträglich machten, manchmal dauerte es zwei Tage und Nächte, aber selten länger. Dabei übte der unsichtbare Golfstrom seinen geheimnisvollen Einfluss aus. Aus der frostigen Dünenlandschaft drang ein unbeschreiblicher Laut wie ein langer zaghafter Seufzer der Erleichterung. Solange die beißende Kälte anhielt, war die Luft für Schneefall zu kalt, nun aber begann es in großen Flocken langsam zu schneien; ein willkommener Anblick, den die Inselbewohner begrüßten wie die Israeliten in der Wüste vermutlich den Anblick von Manna begrüßt hatten.

Nach der Abfahrt des Schiffes im November hatte sich Isabel damit beschäftigt, die Wohnung mit den Einkäufen auszustatten, die sie per Post bestellt hatte. Alles war durch Funkspruch nach Halifax weitergeleitet und O’Dell zur Beförderung übergeben worden. Jetzt hingen zum ersten Mal ordentliche weiße Vorhänge an den Fenstern, die den Anblick der kahlen Dünen und das kalte Starren der Lagune verschleierten, auch wenn sie sie nicht verstecken konnten. Es gab einen neuen Sessel und Überzüge aus farbigem Chintz für den alten Sessel und das abgenutzte Küchensofa. An den Wänden hingen neue Bilder; für Matthew ein Schiff in vollen Segeln auf einem tiefblauen tropischen Meer; für sie selbst zwei Landschaftsbilder mit schönen Bäumen und Blumen an fließenden Gewässern. Sie hatte die Karte der Insel mit dem grausigen Verzeichnis sämtlicher Schiffbrüche abgenommen, brachte die durcheinander geratenen Buchregale in Ordnung, strich den Küchentisch und die Stühle in einem fröhlichen Rot, belegte den abgetretenen Bretterboden mit glattem unauffälligem Linoleum. Auf dem Bett im Innenraum waren die grauen Dienstdecken ersetzt worden durch Bezüge aus dem Hudson’s Bay-Kaufhaus und einem leuchtend blauen Federbett-Quilt. Im Badezimmer gab es einen großen neuen Spiegel und ein Glasregal für Matthews Toilettensachen.

Das alles verschaffte Isabel eine Zeitlang eine erfreuliche Befriedigung, aber die Neuheit verflog. Die Küche war immer noch die Küche mit ihren unvermeidlichen Gerüchen voriger Gerichte, mit den allzu vertrauten Geräten, den Töpfen und Pfannen. Wie Matthew und die anderen verbrachte sie ihre Freizeit im Wachraum, dem Mittelpunkt der Station. Draußen war es ungemütlich. Sie hatte neue Kleidung bestellt und bekommen, vor allem knöchellange beige Reithosen, Reitstiefel, eine rote Dufflecoat-Jacke und dazu eine passende Mütze. Jedoch nach ein paar Ausritten mit Matthew und den anderen im schneidend kalten Wind legte sie diese Sachen beiseite. Im eisigen Hauch der Strände waren ihre Füße in den schönen neuen Reitstiefeln starr geworden wie Stein und ihre Knie fühlten sich in den Reithosen wie erfroren an.

Auch die Männer hatten bei diesem Winterwetter keine Lust mehr auszureiten. Es war lästig, zu den Ställen der Hauptstation zu wandern, um die Ponys zu holen und sie dann wieder zurückzubringen. Sie machten täglich Spaziergänge, damit sie Bewegung hatten. Meist gingen sie allein und wanderten am Ufer der Lagune entlang, wo die Dünen etwas Schutz vor dem Nordwind boten. Aber selbst dann waren sie nicht lange unterwegs und wenn sie zurückgetrottet kamen, mit roten Gesichtern und durchgeblasen vom Wind, strebten sie sofort zum Ofen im Wachraum.

Die unterhaltsamen kleinen musikalischen Treffen im Haus der McBains fanden ein Ende, obwohl Skane immer noch allein dorthin ging, zum Essen blieb und in stürmischer Nacht zurückkehrte. Gelegentlich telefonierte McBain und bot an, ihn und Isabel mit dem Einspänner „zum Tee und einem kleinen Plausch“ abzuholen. Aber wenn Matthew sich zu Isabel umdrehte und sie fragend ansah, richtete sie ihren Blick auf die vernebelten Dünen und zuckte mit den Schultern, worauf er wieder in den Apparat sprach und in seiner langsamen Art entschuldigend murmelte, „lieber ein andermal, wenn das Wetter besser ist.“ In Wahrheit waren sie alle Gefangene. Von einem Ende von Marina bis zum anderen blieben die Leute nah an ihren Öfen und nur die Strand-Patrouillen wagten sich hinaus. Sie unterhielten sich am Telefon, außer die Drähte waren verblasen – was öfter passierte – und jede Nacht hielten sie Ausschau nach den Lichtstrahlen der Leuchttürme im Osten und Westen, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war.

Das laute Geräusch des Sendefunkens regte Isabel nicht mehr auf. Sie hatte sich daran gewöhnt, wie Matthew ihr prophezeit hatte. Oft wurde sie nachts davon wach, aber jetzt drehte sie sich um und konnte wieder einschlafen. Der Morsecode war ihr inzwischen vertraut. Er war nicht schwer, viel leichter als Kurzschrift, wie sie Matthew erklärte. Als die Tage kürzer wurden und die Abende unerträglich lang, begann sie, beim Wachhabenden im Funkraum zu sitzen. Dieser schaltete für sie ein zweites Paar Kopfhörer zu und erklärte das eine oder andere aus der Spezialsprache der Punkte und Striche, die in ihre Ohren drang.

Zuerst konnte sie mit den großen Passagierschiffen nichts anfangen. Sie schrillten auf hohen Frequenzen wie Opernsängerinnen und mit Geschwindigkeiten von nahezu dreißig Worten pro Minute. Die kleineren Passagierschiffe und Frachtdampfer waren besser einzuordnen; sie funkten mit einer Geschwindigkeit von etwa zwanzig und oft gab es dort draußen Schleppnetzboote, rollende Speigatter, irgendwo an den Küsten, die in einer Geschwindigkeit von kindischen zehn oder fünfzehn Worten pro Minute miteinander quatschten. Die Fisch-Trawler waren Isabels Kindergartenklasse und nach einiger Zeit konnte sie dem Verlauf eines Gesprächs zwischen Trawlern folgen, wobei sie die Bleistiftnotizen ihres Gegenübers beobachtete und nach Buchstaben suchte, die sie überhört hatte.

Sie lernte auch zu senden. Sie überredete Matthew, einen kleinen Funktaster mit Summer am Ende des langen Instrumententisches einzurichten, wo sie mit einer Intensität übte, die die Männer überraschte und in gewisser Weise auch sie selbst. Die anderen halfen ihr; Matthew mit milder Nachsicht, Sargent erfreut, aber mit der leicht überlegenen Haltung eines jungen Mannes, der zusieht, wie eine Frau sich etwas aneignen will, das eigentlich Männersache ist. Es war Skane, der sie ernst nahm. Er saß geduldig dabei, während sie in wackeligen Morsezeichen ganze Seiten aus einer langweiligen, zerfledderten Zeitschrift oder aus der Bibel des Handwerks, dem Handbuch der drahtlosen Telegraphie tippte.

„Stop!“ rief er ihr zu. „Deine Striche sind wieder zu kurz!“ Oder, „Diese Punkte sind zu schwach, ‚h‘ hat vier Punkte; und lass ein bisschen mehr Platz zwischen den Worten. Du musst versuchen, einen Rhythmus herzustellen, als ob du eine Trommel schlägst.“ Oder er würde fauchen, „Lass das Handgelenk unten!“

„Aber ich kann die Punkte deutlicher machen, wenn ich das Handgelenk oben habe.“

„Stimmt! Aber wie lange kannst du es durchhalten auf dem großen Taster dort? Innerhalb von zwanzig Minuten hättest du den Schalterkrampf und könntest deine Botschaft nicht mehr richtig übermitteln und der Kerl am anderen Ende würde dir sagen, du sollst einen anderen Funker holen – so wie Kinder auf der Straße einem liegengebliebenen Auto zurufen ‚hol ein Pferd!‘ Du willst alles mit den Fingern machen. Gott hat dir auch ein Handgelenk gegeben, oder nicht? Vergiss die Finger. Sie sind nur dazu da, den Knopf zu halten. Du musst dein Handgelenk gebrauchen und bis zu einem gewissen Grad auch den Unterarm, wenn du gleichmäßig senden willst.“

Matthew, der zusah, würde lächeln und milde sagen. „Sie will doch nicht ins Geschäft einsteigen, Skane.“ Und sie würde rufen, „Aber ich will es doch lernen, Matthew! Greg, zeig mir doch noch einmal, wie ich die Hand halten muss.“ Und Skane würde ihre Finger korrigieren und ihr Handgelenk in die passende Stellung bringen und murmeln, „So ist es richtig. Jetzt kannst du loslegen – und versuch nicht, schnell zu sein. Das kommt mit der Praxis. Konzentriere dich darauf, so zu senden, dass der am anderen Ende es lesen kann. Es ist wie mit der Schreibschrift. Bei einer guten Federführung kannst du alles andere vergessen. Los!“

Matthews und Sargents überlegene Attitüde ärgerte sie. Sie war entschlossen, es ihnen zu zeigen. Sie hatte nur damit angefangen, um die Zeit zu verbringen, aber bald wurde daraus eine fixe Idee. Sie entdeckte, dass sie begabt dafür war. Die nervöse Geschicklichkeit von Fingern und Handgelenk, mit der sie jahrelang mit höchster Geschwindigkeit eine Schreibmaschine bedient hatte, war übertragbar auf einen Telegraphenschalter.

Eines Tages machten Matthew und Sargent einen Spaziergang am Strand, während sie mit Skane im Instrumentenraum saß und mit ihm Wort für Wort die Botschaften eines Frachtschiffes kopierte, das auf dem Weg nach Boston war. Es gab eine momentane Pause in der Teleübertragung, eine dieser faden Zeitspannen, die im Lauf jeder Wachzeit einmal vorkamen, wenn alle Schiffe und Küstenstationen auf einmal schwiegen, wie es auch bei Leuten in einem vollbesetzten Raum vorkommen kann.

„Greg,“ bettelte sie,“ lass mich doch noch einen Sendetest machen – jetzt, wo die anderen nicht da sind.“ Gehorsam schob er einen Kopfhörer zur Seite und sie setzte sich an den Übungsschalter. Skane schaute auf seine Armbanduhr.

„Okay, fang an.“

Sie tippte ein Dutzend Paragraphen aus dem Handbuch mit ernsthafter Konzentration, die Zungenspitze zwischen den Zähnen.

„Was meinst du dazu?“ fragte sie neugierig und schaute auf.

„Durchschnittlich sechzehn Worte pro Minute, schätze ich, und perfekt ausgeführt, bis auf das ‚c‘ in ‚inductance‘ – das hast du verpatzt. Aber du hast es geschafft. Tatsächlich, das hast du!“

Sie bekam rote Wangen vor Freude. „Sag den anderen nichts.“

„Warum nicht?“

„Ich bin noch nicht zufrieden damit. Was ist die höchste Geschwindigkeit?“

„Etwa dreißig Worte, jedenfalls an diesen alten Pumpschaltern. Das ist schnell, kann ich dir sagen. Einhundertfünfzig Buchstaben pro Minute. Wenn du das schaffst, gehörst du zur Oberklasse. Natürlich meinst du – ich sag‘ das nicht aus Überlegenheit – dass dir fünfzehn Worte pro Minute ziemlich leichtfallen, sobald du mit dem Code vertraut bist. Dann, mit etwas Übung, schaffst du zwanzig. Danach fällt dir jedes Wort, das deine Geschwindigkeit zusätzlich steigert, verdammt schwer. Zwanzig ist die Minimum-Anforderung für ein Ticket der Klasse Eins, und die meisten Schiffsfunker sind nicht schneller. Anders ist es in stark frequentierten Küstenstationen und auf den großen Linienschiffen, wo man mitunter eine ganze Menge an Meldungen bewältigen muss.“

„Wie schnell sendet Matthew? Ich meine, wenn keine Eile nötig ist.“

„Normalerweise zwanzig oder weniger. Niemand versetzt Matthew in Eile. Er hat einen lässigen Stil, nichts Außergewöhnliches, eine gute klare Handschrift, die jeder jederzeit notieren kann.“

„Und Sargent?“

„Hängt davon ab, in welcher Stimmung er ist. Er ist ein kluges Kerlchen. Er rasselt alles runter mit dreißig, wenn er ein Linienschiff wie MKC10) in der Leitung hat – das ist die Olympic – dort sind die Funker erstklassig. Aber im Allgemeinen arbeitet er mit fünfundzwanzig. Das ist viel bequemer, wenn man eine große Menge senden muss.“

„Und du?“

„Ungefähr dasselbe.“

„Du bist zu bescheiden. Matthew sagt, dass du und ein gewisser Merton auf Cape Race die Super-Funker an dieser Küste seid.“

Skane betrachtete seine knochigen Hände mit den langen Fingern und den schwarzen Härchen auf dem Handrücken. „Ich kann alles abziehen mit dreißig, wenn du das meinst. Aber es ist Angeberei, wenn fünfundzwanzig oder weniger genügen, um den Funkverkehr zu halten. Matt pflegte zu sagen, dass auf jeder Station, die mit Schiffsfunk zu tun hat, ein Plakat sein sollte mit dem Motto: „Twenty`s Plenty“ (Zwanzig tun’s auch).

Wenn man so jung ist wie Sargent, hat man mitunter Lust alles so schnell wie möglich abzuziehen und man fühlt sich gut, wenn ein armer unsicherer Kollege an Bord eines Fischkutters um eine Wiederholung bitten muss. Das erzeugt ein Überlegenheitsgefühl; man wiederholt dann demonstrativ mit fünfzehn oder zwanzig Worten pro Minute, nur um dem Kerl – oder wer sonst noch zuhört – zu zeigen, was für ein Wunder an Geduld man ist. Man nennt das Spiel „rösten“, und jeder Funker kennt es.

Ich muss an das erste deutsche Linienschiff denken, das nach dem Krieg in diesen Gewässern auftauchte. Wir hatten einen jungen Kerl wie Sargent hier, direkt aus der Marine, voller Tatendrang. Es gab ein paar Nachrichten für die Deutschen und unser Junge machte sich einen Spaß daraus, den jungen deutschen Funker in die Klemme zu manövrieren. Der Deutsche fragte mehrmals nach Wiederholungen und unser Wunderknabe schickte sein Hol einen anderen Funker. Das ist in diesem Geschäft die größte Beleidigung, musst du wissen. Nun, der Deutsche holte seinen Chef und der war, wie es sich herausstellte, ein alter Hase in dem Geschäft. Er kopierte alle unsere Mitteilungen ordnungsgemäß und kündigte dann an, dass er Rücksendungen für New York habe. Sein Apparat war eines der Telegeräte, das wie ein Kanarienvogel zwitschert und er hatte etwa zweihundert Nachrichten, fast alle in deutscher Sprache.

Er stellte seine Sendetaste auf den niedrigsten Zwischenraum und komprimierte seine Nachrichten für unseren Helden in Zehnerblöcke, die ankamen wie ein geölter Blitz. Clinnett, der Wunderknabe, schwitzte Blut innerhalb von fünf Minuten. Er konnte die Schreibmaschine der Station nicht benutzen, weil die Signale nicht laut genug waren, also musste er auf Notizblock und Bleistift zurückgreifen, dazu kam ein Duplikat für jede Nachricht, ein Kohleblatt, das für jede neue Nachricht eingelegt werden musste. Die fertigen Nachrichten musste er abreißen und mit der Empfangszeit versehen – und das alles, während der Deutsche mit etwa dreißig Worten pro Minute weitermachte. Ich weiß das, weil ich zusammen mit Matt hier war; wir hatten uns eingestöpselt, um die deutsche Seite des Spiels mitzukriegen. Die Luft war ganz still. Man konnte spüren wie Dutzende andere Funker auf Schiffen und an Land zuhörten – und alle wussten, was abging.

Am Ende des vierten oder fünften Blocks musste Clinnett um eine Wiederholung bitten – eine Unterschrift da, ein Wort oder zwei dort. Am Ende des siebten bat er um ganze Sätze. Man konnte direkt sehen, wie der Deutsche grinste. Und dann kam sie, die kleine Kurzmitteilung in perfektem Englisch, adressiert an den Chef der Funkstation Marina, bitte um fähigen Funker. Für einen Moment: tödliche Stille in den Kopfhörern und dann hörte man die ganze Küste entlang Schiffe „Hi-hi-hi“ piepsen, das Signal für Gelächter. Es wurde über Marina gelacht, stell dir vor. Matt war wütend; sowohl wegen Clinnett wie auch über den Hunnen.“

„Und dann?“ fragte Isabel.

„Matt übernahm die Wache, tippte „O.I.C. hier“auf seine langsame Art und sagte dem Hunnen, er solle mit seinen Zehner-Block-Sendungen weitermachen. Zu dem Zeitpunkt hatten alle die Küste entlang aufgehört zuzuhören, denn sie kannten Carneys Stil – sie wussten, was als Nächstes kam. Schon viele smarte Schiffsfunker hatten sich durch Matts Stil täuschen lassen. Sie glaubten, einen langsamen Kameraden am anderen Ende zu haben, stellen ihre Sendetasten niedrig und versuchen, ihn zu „rösten“. Aber Matt kannte dieses Spiel in und auswendig; der Code ist wie seine Muttersprache – er denkt in Punkten und Strichen. Nichts stört ihn – Interferenzen, statische Probleme, Geschwindigkeit – nichts. Er liest das Zeug instinktiv und schneller, als Menschenhand senden kann. Jeder an der Küste wusste das, aber der Deutsche nicht. Der machte also weiter mit seinem nächsten Zehnerblock wie ein geölter Blitz.

Am Schluss schickte Matt ihm eine Empfangsbestätigung und fügte hinzu „Bitte, schneller senden“. Der Deutsche funkte den nächsten Block und wieder kam Matts „Schneller senden“. Der Hunne war gut, muss ich sagen, er sendete so schnell, wie es nur irgend möglich war, aber er konnte dieses Tempo nicht durchhalten. Sein Handgelenk ermüdete. Als er versuchte, noch mehr aufs Tempo zu drücken, verunglückte er. Er fing an, Fehler zu machen, stolperte, ging zurück und wiederholte sich. Noch ein Block und Matt ließ wieder sein langsames „Noch schneller senden“ los und fügte hinzu „andere Funksprüche warten“. Es gab eine Pause, dann machte der Deutsche in atemberaubendem Tempo weiter. Aber als er die dritte oder vierte Meldung aus der nächsten Gruppe schickte, stolperte er heftig, er ging zurück und wiederholte, tippte noch ein wenig, stolperte wieder.

Am Ende des Blocks bekam man fast Mitleid – als ob man zusieht, wie ein guter Kalligraph seine Handschrift verdirbt, weil er zu schnell schreibt. Natürlich konnte der Deutsche nichts tun oder sagen, was die Geschwindigkeit betraf – er hatte es mit einer Küstenstation zu tun und eine Küstenstation steht im offiziellen Rang über allem – wie der liebe Gott; ihr Wort ist Gesetz. Als er zu seinem zwölften Block kam, zappelte und fummelte der Hunne im Chaos herum; und dann setzte Matt dem Ganzen ein Ende, indem er auf seine ruhige langsame Art mitleidlos wie der Zorn Gottes funkte, „den richtigen Code anwenden oder jemand holen, der ihn beherrscht.“

„Was für ein Chor in den Kopfhörern! – jeder Funker in der Region schickte sein Hi-hi-hi. Sogar Clinnett, der mit eingestöpselten Kopfhörern neben Matt stand, lachte. In der darauffolgenden Stille, bevor der jüngere Funker sich wieder einschaltete und in Matts Geschwindigkeit weitermachte, etwas über zwanzig, nicht mehr, stand Matt auf, zeigte auf den Bleistift und den Schreibblock und ließ Clinnett ran. ‚Mach weiter‘, sagte er, ‚und führ‘ dich nicht mehr auf wie ein verdammter Narr an meiner Sendetaste. ‘Kommt dir das irgendwie bekannt vor?‘“

„Ja,“ antwortete Isabel. „Meine Sendetaste, meine Funkstation, meine Insel – alles ist seins, nicht wahr? Er ist so eng damit verbunden! Entschuldige, aber für mich klingt all‘ das ein wenig kindisch – wie ein Haufen kleiner Jungen, die in einem Zimmer vor anderen Leuten wichtigtun und kichern. Ich dachte, es sei ein ernster Job.“

Skane ginste. „Ist es meistens auch. Deshalb macht es Spaß sich zwischendurch ein wenig zu amüsieren“

„Etwas zu tun haben!“

Er schaute sie neugierig an. „Du magst diesen Ausdruck nicht, stimmt’s?“

„Stimmt. Aber langsam sehe ich den springenden Punkt. Deshalb will ich an dieser Sendetaste fünfundzwanzig schaffen.

Er lachte in sich hinein. „Man könnte fast meinen, du wolltest früher oder später eine Wache übernehmen.“

„Warum auch nicht? Es könnte sein, dass einer von euch krank wird, oder – was wahrscheinlicher ist – du fällst eines Tages vom Pferd und brichst dir den Arm.“

Skane zog den Kopfhörer über sein freies Ohr, lauschte einen Moment und machte einen Eintrag ins Logbuch. „Das ist schon öfter passiert – ich meine, dass jemand krank geworden ist. Es passiert gelegentlich auf jeder Station. Die beiden anderen halten Wache um Wache – sechs Stunden Dienst, sechs Stunden frei – bis es dem Kranken besser geht, oder bis das Boot einen Ersatz-Funker bringt. Es ist schon etwas anstrengend, aber schließlich ist Wache halten immer noch besser als Däumchen drehen und im Haus herumsitzen.“

„Es wäre schrecklich, von einer Frau abhängig zu sein, wenn es um etwas Wichtiges geht, nicht wahr?“ sagte sie spöttisch. Dann aber versuchte sie, mit bestimmter Freundlichkeit zu überzeugen und meinte, „Um es anders ausdrücken: Überlege doch mal, was für ein Leben ihr Männer hier führt. Ab und zu könnt ihr euch zu zweit entfernen auf einen Spaziergang, einen Ausritt oder um Enten zu schießen, aber für gewöhnlich ist einer auf Wache, einer schläft, und der andere ist sich selbst überlassen. Wenn er ausgeht, ist er allein. Verstehst du, was ich meine? Jeder von euch lebt in einer unerfreulichen Einsamkeit.“

„Nicht Matt.“

„Sogar Matthew. Ein Mann möchte doch auch mit einem Kameraden etwas unternehmen. Das ist mir klar geworden. Hast du Matthew in letzter Zeit beobachtet? Er macht einen etwas dumpfen Eindruck. Er geht zwar ab und zu spazieren, ist aber nie lange weg. Früher lebte er quasi im Freien – hat er mir erzählt – und ich weiß, wie er es genossen hat, nachts am Strand zu wandern, besonders wenn es stürmte. Das tut er nicht mehr. Ich habe ihm angeboten mitzukommen, aber er weiß, dass ich den kalten Wind hasse. Verstehst du, Greg, wenn ich ab und zu eine Wache übernehme, könntet ihr zu Dritt stundenlang weggehen. Du könntest die Hauptstation besuchen, den Westturm, Nummer Zwei, Nummer Drei – du würdest andere Gesichter sehen, andere Stimmen hören und abgesehen davon, könntet ihr eure gegenseitige Gesellschaft genießen wie nie zuvor.“  

Sie lehnte sich zu ihm hin und legte eine Hand auf seinen Arm.

     Skane antwortete zunächst nicht.

     Er starrte mit seinen blauen Augen am Empfangsgerät vorbei zum Fenster hinaus auf den wirbelnden Sand am Fuß des Mastes.

     „Und was ist mit dir?“

     „Ach, das spielt keine Rolle.“

     „Ich fürchte doch.“

     „Ach, du meinst, ich wäre dann einsam? Aber denk‘ doch mal, wie wichtig ich mich fühlen würde – die ganze Show wäre dann meine Sache! Wenn du nur wüsstest, wie gern ich eine Aufgabe hätte, die zählt.“

     „Du bist Carneys Frau, zählt das etwa nicht?“

     „Ja, aber das ist nur ein Teil meines und seines Lebens.“

     „Du kochst für uns. Du bist die wichtigste Person in der Station. Du hättest hören sollen, was Vedder von sich gab.“

     Sie zog ihre Hand heftig zurück. „Oh, du bist unmöglich!“

     Skane wandte sich um. „Ich wollte dich nicht beleidigen. Ich versuchte nur – auf etwas unpassende Art – auszudrücken, wie sehr wir deine Anwesenheit hier schätzen.“

     „Ich dachte, ich sei lästig gewesen, als ich kam,“ gab sie zurück.

     „Ja“, gestand er. Und dann langsam: „Darf ich fragen, woher du das weißt?“

     Sie lachte. „Man konnte es euch direkt ansehen.“

     Er schaute wieder aus dem Fenster und sie bemerkte, dass er die Lippen zusammenpresste.

     „Ich dachte, dass Carney kein Recht hatte, dich hierher zu bringen. Das denke ich noch immer. Frag‘ mich nicht warum. Und jetzt höre ich MSU rufen, mit dem Angebot P.“

     „Was ist damit gemeint?“

     Er grinste. „Aquitania mit einer ganzen Menge an saftigem Klatsch – vor allem von Damen aus dem Bühnen- und Film-Business, mit dem Ziel, die Narren und ergebenen Sklaven von London bis Los Angeles anzusprechen.“ Er legte den Schreibblock und einige gespitzte Bleistifte vor sich auf den Tisch und schaltete auf Sendung. Im Maschinenraum brüllte die Trompete und Isabel – begleitet von dem Geschmetter – ging zurück in die Wohnung.

  

Kapitel 19

 

Am Nachmittag vor Weihnachten tauchte Giswell in seinem Einspänner auf. Neben ihm saß die junge Sara. Er donnerte gegen die Wohnungstüre und trat ein. Matthew lag rauchend auf dem Sofa und sah Isabel bei der Zubereitung eines Plumpuddings zu. Der kleine Mann, das Gesicht gerötet von der Kälte, warf lächelnd zwei ausgenommene, gerupfte Hühner auf den Küchentisch. Sie waren während der Fahrt von Nummer Drei gefroren und schlugen auf wie Holzblöcke.

„Da ist euer Weihnachtsessen!“

Isabel wandte sich mit mehlbedeckten Händen um und machte eine erfreute Geste, Matthew erhob sich vom Sofa und murmelte Dankesworte.

„Wunderbar“! rief Isabel. „Ich hatte schon Angst, dass ich Fleisch aus der Dose servieren muss. Legen Sie ab und nehmen Sie Platz. Wie geht es auf Nummer Drei?“

Giswell nahm seine Wollmütze ab, blieb aber an der Türe stehen. „Ich kann nicht bleiben, das Pony ist warm vom Laufen und ich möchte es nicht lange stehen lassen. Außerdem muss ich zurück. Der Wind kommt wieder von Osten und es riecht nach Schnee – ein Schneesturm, wenn ich die Zeichen richtig deute. Besten Dank, der Familie geht es gut.

„Wo ist Sara?“ fragte Carney.

„Oh, sie ist rübergegangen, um sich mit Skane zu unterhalten.“

 „Aber Skane hat sich zur Hauptstation aufgemacht, um ein Stündchen Klavier zu spielen.“

 „Oh, dann hat sie Sargent, um sich zu amüsieren. Wenn ein Mädel einen Rock anzieht und an einem Wintertag acht Meilen weit fährt, möchte sie vermutlich nicht mit Leuten wie uns plaudern“. Er wandte sich an Isabel. „S‘ ist jedenfalls eigenartig, seit Sie, Ma’am, hergekommen sind, bleiben diese Funk-Gesellen scheinbar gern zu Hause. Hab‘ sie seit dem Herbst kaum gesehen.“

„Ist das ein Kompliment?“ fragte sie zweifelnd.

„Das möchte ich wohl meinen!“ röhrte Giswell. „Es macht was aus, wenn man eine Frau im Haus hat. Im Laufe der Jahre hat meine Frau manchmal den Wunsch gehabt, mit dem Schiff ans Festland zu fahren und ihre Verwandten dort zu besuchen. Sie ist dann drei oder vier Monate fort und wir alle sind solange unruhig wie die Bären, wandern herum und suchen uns irgendeine Beschäftigung. Sobald sie zurück ist, gehen wir kaum aus dem Haus. Und wenn man an Matt und Skane und Sargent denkt, wie sie früher immer zu Fuß oder im Sattel zu uns nach Nummer Drei kamen, oder zu Nummer Zwei oder zur Hauptstation oder zum West-Leuchtturm; der eine oder andere entschloss sich sogar gelegentlich bis zu Nummer Vier oder zum Ost-Leuchtturm zu reiten. Soweit ich weiß, tun sie das nicht mehr. Das ist wegen Ihnen, Ma’am, nur deshalb. Sie sollten Matt oder einen der anderen dazu bringen, McBains Ponywagen auszuleihen und wenn es passt, mit ihnen zu uns runterfahren. Das ist wohl die einzige Möglichkeit, damit wir jetzt jemanden von der Funkstation zu sehen kriegen.“    

„Das werde ich tun,“ versprach sie, „sobald das Wetter sich bessert. Ich fürchte, seit es so kalt ist, bin ich faul geworden. Ich bin den ganzen Monat nicht draußen gewesen, außer über den Bohlenweg zum Wachraum.“

Giswell grinste. „Sie werden mit der Zeit schon abgehärteter werden. Das müssen Sie, damit Sie zwischendurch mal die Stimme einer anderen Frau hören; am Telefon, das reicht nicht. Frauen haben gern Gesellschaft. Sie kommen zu uns und wir laden Miz Nightingale von Nummer Vier ein und vielleicht Miz Shelman vom Ost-Leuchtturm und ihr haltet einen netten Kaffeeklatsch zusammen. Und jetzt machen Sie weiter mit dem Pudding, Ma’am. Ich unterhalt‘ mich ein wenig mit Matt.“ Isabel beschäftigte sich wieder mit der Kocherei, Giswell und Matt begannen ein typisches Insel-Gespräch – über das Wetter, die Eisdichte der Lagune, die Situation der wilden Ponys und Geschichten von Entenjagden, die schon Jahre zurücklagen. Schließlich machte sich Giswell auf den Heimweg, nachdem Carney ihm eine Packung seines Tabaks geschenkt hatte. Er lief über den Bohlenweg und klopfte an das Fenster des Wachraums. Einen Augenblick später trat seine Tochter heraus und kletterte neben ihn in den Wagen. Matthew und Isabel öffneten ihre Türe und riefen Abschiedsgrüße. Das Mädchen gönnte Carney ein schnelles Lächeln, aber als ihr Blick Isabel traf, verschwand das Lächeln. Sie schaute Carneys Frau prüfend von oben bis unten an und nickte auf ihren Gruß hin kurz zurück, dann schnalzte Giswell mit den Zügeln und sie fuhren davon.

     „Ich glaube nicht, dass die junge Dame mich mag,“ sagte Isabel, während sie die Türe schloss.

     „Sie ist nur schüchtern, meinst du nicht?“

     „Mit Skane und Sargent ist sie recht vertraut.“

     „Nun ja, sie kennt sie besser und es sind junge Männer. Das macht einen Unterschied.“

     „Offenbar,“ gab sie kurz angebunden zurück und begab sich wieder an den Herd.   

Dank Giswells freundlicher Gabe, war das Weihnachtsessen ein Festmahl aus Brathuhn, gefüllt mit Brot und Salbei, Cranberry-Sauce, Kartoffeln, Rüben und Pastinaken. Zum Nachtisch gab es Fleischpastete (das Hackfleisch kam aus der Dose, eines der Luxusgüter für die Funkstation) und Plumpudding mit Kandiszuckersauce. Mit der Zeit hatte Isabel für das Kochen eine instinktive Sicherheit entwickelt, wobei ihr Vedders altes Kochbuch eine große Hilfe war, wenn etwas Spezielles entstehen sollte.

Skane hatte Wachdienst, als sie sich zum Essen hinsetzten. Isabel war gerührt, als Matthew ihr ein Paar weiche Schlafzimmerpantoffeln präsentierte, die er für sie bestellt hatte und die mit dem Herbstboot gekommen waren. Sargent überreichte ihr aus seinem Paket von zu Hause eine Schachtel Pralinen, sorgfältig in Seidenpapier eingewickelt und mit einem Band versehen, das von Mrs McBain stammte. Sie selbst hatte sich vom Herbstboot einige farbige Wollknäuel liefern lassen und in ihren Mußestunden für jeden ein Paar Handschuhe gestrickt. Rote für Matthew, grüne für Sargent und blaue für Skane.

Nach dem Kaffee entschwand Sargent auf einen nachmittäglichen Spaziergang zur Hauptstation und Carney lief über den Bohlengang, um Skane abzulösen. Isabel ging ins Schlafzimmer, puderte ihre Nase, richtete ihr Haar ein wenig und strich ihr graues Seidenkleid glatt, das für besondere „Festlichkeiten“ vorgesehen war. Sie kam gerade in die Küche als Skane erschien. Er trug seine alte schäbige Uniform, aber sie bemerkte sofort seine geschnittenen Haare und dass er frisch rasiert war. Er grüßte sie höflich, wünschte ihr frohe Weihnachten und gab ihr ganz nebenbei ein in Seidenpapier gewickeltes Päckchen. Darin fühlte sie etwas Hartes, Rundes. Sie entfernte schnell das Papier und zog eine Fotografie von Skane und Matthew heraus, die in einem Holzrahmen steckte, der wie ein Miniatur-Rettungsring geformt, bemalt und mit Kordeln verziert war. Man konnte ihn an einer der Kordeln aufhängen. Auf den weißen Rand hatte Skane in schönen schwarzen Buchstaben MARINA ISLAND RADIO, CHRISTMAS, 1920 geschrieben. 

„Das Foto wurde vor zwei Jahren gemacht,“ sagte er. Die weibliche Gestalt in der Mitte ragte längere Zeit in der Nähe der Hauptstation aus dem Sand. Sie war die Galionsfigur eines französischen Schiffes mit dem Namen Clélie das vor vierzig oder fünfzig Jahren an der Ostbarriere aufgelaufen ist. Es ist eine gute Schnitzarbeit, findest du nicht auch?“

„Sie ist ziemlich – üppig,“ meinte Isabel. „Und sie sieht aus, als ob sie gerade ein Bad in ihrem Nachthemd genommen hat.“

„Na ja,“ entgegnete Skane, der gerade sein Essen verspeiste, „war Clélie nicht das römische Mädchen, das über den Tiber schwamm, um den Etruskern zu entgehen?“

„Das weiß ich nicht. Ich fürchte in römischer Geschichte bin ich nicht besonders bewandert.“

Er lächelte. „Ich auch nicht. Das Huhn schmeckt übrigens ausgezeichnet. Ich erinnere mich nur an die Geschichte, weil ich mich als Student für französische Übersetzungen interessiert habe und dabei stieß ich auf eine oder zwei Romane aus dem siebzehnten Jahrhundert von Mademoiselle de Scudéry, darunter auch Clélie. Mademoiselle war sehr sittsam und ihre Helden und Heldinnen ebenso. Sie umschrieb deren Liebesaffären mit sehr gewählten Worten. Ich erinnere mich, wie sie den „Fluss der Zuneigung“ schilderte, der seinen Weg von den Hügeln nahm und die Dörfer mit „Billets Doux“, „Petits Soins“ und anderen Unsinn wässerte. Eine sehr gute Aufnahme von Matt, findest du nicht auch?“

„Auch du bist ziemlich gut getroffen. Ich werde es in Ehren halten. Hast du den Rahmen selber gemacht?“

„Ja. Die Idee ist nicht besonders originell, aber ich dachte, es könnte ein nettes Souvenir an deiner Wand sein. Das Holz habe ich am Strand gefunden. Es stammt von einem Wrack.“

„Ich würde Clélie gerne sehen. Du musst sie mir zeigen, wenn wir das nächste Mal in diese Richtung kommen.“

„Leider ist sie nicht mehr da. Ein Sturm hat sie ein paar Monate, nachdem das Foto aufgenommen wurde, umgeworfen, und danach gab es ungewöhnlich viele Nord-Ost Winde, und sie wurde unter einer großen Wanderdüne begraben. Mademoiselle de Scudéry hätte darüber einen Roman schreiben können – Sturm in der Wüste und Millionen von Sandkörnern, die herbeieilen, um die Keuschheit der armen Clélie zu schützen.“

Sie mussten beide lachen. „ich fürchte du bist und bleibst ein Zyniker,“ sagte Isabel. „Hier ist dein Plumpudding – die steife Creme verdankst du Vedders Kochbuch. Ich leiste dir Gesellschaft und trinke auch eine Tasse Kaffee. Du hast mein Geschenk noch gar nicht angeschaut.“

Skane wickelte die Handschuhe aus und sah Isabel an. „Genau, was ich mir gewünscht habe.“ 

„Ich habe schon erwartet, dass du das sagst. Ich habe für jeden von euch die gleichen gestrickt. Wenn man Handschuhe strickt, hat man wenigstens kein großes Problem mit der Größe.“

„Sie sind sehr schön gemacht,“ bemerkte er anerkennend. Er rührte seinen Kaffee um und bot ihr eine Zigarette an. Isabel nahm eine und Skane entzündete ein Streichholz an seiner Stiefelsohle und gab ihr Feuer. Als sie sich nach vorn lehnte, die Zigarette zwischen den Lippen, trafen sich ihre Blicke im Augenblick dieses intimen Ritus und für einen kurzen Moment herrschte eine seltsame Stille. Etwas lag in Skanes Augen, das ein Pulsieren in ihrer Kehle auslöste. Sie dachte nicht mehr an die Zigarette. Die lästige Eigenart, wegen Kleinigkeiten zu erröten, kam überraschend. Sie war bestürzt und verärgert. Warm wallte ihr Blut unter der Haut von der Kehle bis in die Schläfen. Sie konnte nichts dagegen tun. Jetzt konzentrierte sie sich ganz auf die Zigarette, sog an dem Ding mit unsicheren Zügen, murmelte „Danke“ und wandte sich um, wobei sie aus dem Fenster starrte und großes Interesse an ihrer Kleinwäsche simulierte, als ob der Anblick der wenigen seidigen Sachen, die fröhlich im kalten Meereswind flatterten, etwas völlig Neues für sie war.

Skane zündete seine eigene Zigarette an, lehnte sich im Stuhl zurück und betrachtete sie mit demselben unveränderten Blick. Sie wollte diesen lächerlichen, beunruhigenden Zauber, der unvermutet aus dem Nichts gekommen war, brechen, aber ihr fiel nichts ein, was sie hätte sagen können. Leicht verwirrt dachte sie: Warum sagt er denn nichts? Irgendwas! Er streckte die Hand aus, um Asche in einen Untersatz zu schnippen, aber die Hand, die am Schalter im Funkraum so schnell und sicher  war, schien unsicher zu sein, als habe derselbe geheimnisvolle Zauber sie erfasst. Die Asche fiel auf das Tischtuch.

Endlich kam ihr eine Idee. „Sara Giswell wollte dich gestern besuchen, aber du warst ausgegangen.“

„Ja, Sargent hat es mir erzählt.“

„Du bist nicht besonders nett zu ihr, nicht wahr?“

„Ich weiß nicht, was du meinst.“

Isabel fühlte sich nun sicherer. Sie drehte sich um und blies eine kräftige Rauchfahne durch die Nase, wobei sie den Kopf zurücklehnte und Skane durch halbgeschlossene Augenlider ansah.

„Du weißt sehr gut, was ich meine, Greg. Das Mädchen ist in dich verliebt.“

„Wer hat dir das gesagt? Sargent?“

„Das spielt keine Rolle. Ich habe auch Augen im Kopf. Und Giswell hat sich gestern beklagt, dass du nicht mehr zu Besuch kommst.“

„Du weißt wie das Wetter war in letzter Zeit.“

„Das Wetter war in früheren Wintern genauso schlecht, oder nicht?“

„Sicher, aber zu Vedders Zeit wollte man diese Hütte da so oft wie möglich verlassen. Durch dich ist das Leben hier viel angenehmer geworden. Wie auch immer, Nummer Drei artete zur Gewohnheit aus und Männer ändern ihre Gewohnheiten von Zeit zu Zeit.“

„Das ist Pech für Sara. Sie kann die ihren offensichtlich nicht ändern.“

„Meine liebe Mrs. Carney, Ihnen ist doch bekannt, dass Sara die Schöne von Marina ist, oder? Sie müsste nur mit dem Finger schnippen und jeder von McBains Mannschaft, oder auch Sargent wären zur Stelle.“

„Aber nicht du!“

„Ich bin, sagen wir mal – nicht zugänglich.“

„Das habe ich auch gehört. Aber früher warst du doch durchaus zugänglich. Darf ich aus reiner Neugier fragen, was der Grund für diese Änderung war?“

Skane zog heftig an seiner Zigarette, öffnete der Mund und stieß den Rauch aus. „Das ist eine längere Geschichte und nicht besonders interessant.“

Isabel war erleichtert. Sie hatte ihn in die Enge getrieben. Es war absurd, so nervös zu werden, wie ein Schulmädchen bei einem ersten Tète-á-Tète, nur wegen eines Blicks und einer Stille.

„Ich würde es gern wissen. Du hast nie über dein Leben gesprochen. Du hattest schlimme Erlebnisse im Krieg, nicht wahr?“

„Nicht schlimmere als viele andere.“

„Bitte erzähl doch.“

Skane zog an seiner Zigarette und stieß den Rauch aus. Es verging einige Zeit. „Also, ich erzähle es dir,“ sagte er schließlich mit Nachdruck. „Ich nahm das Leben ziemlich leicht, als ich zur See ging. Meistens diente ich auf Frachtschiffen, die von einem Hafen zum anderen fuhren, die ganze Palette. Es war damals ja eine Show für einen Mann in seinen Zwanzigern, bevor der Krieg alles verdarb. Die Zeit auf See war recht eintönig, aber an Land gab es das pralle Leben. Es gab so viel Neues zu sehen, zu schmecken, zu fühlen – alles, was man wollte, angefangen von kubanischen Tänzen bis zu einer japanischen Tatoo-Nadel. Und natürlich gab es da und dort Mädchen. Das wolltest du doch wissen, nicht wahr?

Nun, ich mochte Frauen und – wie es schien – mochten sie mich auch. Warum, weiß ich nicht; ich war kein hübscher Junge und am Geld konnte es auch nicht gelegen haben. Damals bekam ein Schiffsfunker, wenn er Glück hatte, fünfzig oder sechzig Dollar im Monat. Um es klar zu stellen: die Frauen waren nur ein Aspekt unter vielen. Es ging um die große weite Welt an sich. Meine Fäuste in einer allgemeinen Rauferei auf den Docks zu schwingen, bereitete mir ebenso viel Vergnügen wie jede Frau. Einen Rahsegler mit vollen Segeln im Abendlicht zu sehen, machte mehr Eindruck auf mich, als jede noch so schöne Weiblichkeit. Oh, alles war einfach wunderbar, kann ich dir sagen, bis ich erwachsen wurde.“

„Und wann war das?“ fragte sie.   

„Als mein dreißigster Geburtstag näher rückte. Da war es offensichtlich Zeit dafür. Es hätte schon anno ‚16‘ passieren müssen, als mein Schiff torpediert wurde, zehn Tage nachdem wir Mobilé mit einer Ladung Baumwolle verlassen hatten. Aber zunächst sah es nicht gefährlich aus. Wir hatten das U-Boot nicht gesehen. Die Baumwolle schwoll auf und verschloss das Loch einigermaßen und wir schafften es, den alten Kahn noch einen Tag Richtung England durchzuboxen. Dann dehnte sich die Baumwolle so weit aus, dass sie die Luken sprengte und wir begaben uns in die Rettungsboote. Die See war einigermaßen ruhig. Innerhalb von zwanzig Stunden wurden wir dann aufgegriffen. Als wir Cardiff erreichten, feierten wir ausgiebig unsere Rettung.

Danach wurde ich auf ein anderes Frachtschiff versetzt und tuckerte noch ein Jahr auf dem Atlantik herum, manchmal im Konvoi, oder auch nicht. Im Herbst ‚17‘ wurde es recht ungemütlich auf See. Ich hatte immer noch einigermaßen Spaß an dieser Welt, aber der eigentliche Kick war vorbei. Es passierte schließlich zwei Tage entfernt von Wabana in Neufundland. Wir hatten Eisenerz geladen, als wir getroffen wurden. Ein U-Boot schoss zwei Torpedos in das Schiff und es sank. Mit Eisenerz an Bord hat man keine Chance. Ich rappelte mich auf vom Boden der Funkkabine und begann ‚Allo‘ zu senden – das Signal für ‚wir wurden attackiert‘ und wartete darauf, dass der Maat oder jemand von der Brücke mir die Schiffsposition durchgab. Ich arbeitete mit dem Notfunk – die Stromversorgung aus dem Maschinenraum war zusammengebrochen – und ich hatte nur eines dieser alten zehn Inch großen Spiralgeräte mit einem offenem Sende-Funken, das keine klare, deutliche Reichweite besaß.

Das Schiff begann zu schlingern, die Kabinentüre sprang auf und schlug gegen die Spundwand. Als ich hinausschaute, sah ich den Maat und acht oder neun Kerle in einem Boot, das neben dem Schiffsdeck schwamm. Wir hatten vielleicht noch vier Minuten. Der Maat schrie mir zu, ich ging raus, so wie ich war, in Hose, Hemd und Jacke und kletterte über die Reling ins Boot. Wir konnten uns gerade noch abstoßen, bevor sie sank. Der Kapitän und die anderen gingen mit ihr unter – niemand hat sie mehr gesehen, nachdem die Torpedos explodierten.

Wir fuhren nicht im Konvoi. Wir waren allein unterwegs, ohne Radiokontakte. Die kleinen Sendefunken aus der Batterie waren nicht aufgefangen worden, und selbst wenn, gab es keine Position. Du kannst dir vorstellen, wie das war – auf dem Nord-Atlantik treibend, in der Novemberkälte und niemand, der nach uns suchte. Es gab keine Hoffnung, Land zu erreichen. Am nächsten war noch Neufundland, etwa fünfhundert Meilen zur Windseite. Zwei Tage und zwei Nächste blies der Sturm aus Westen, und es blieb nichts anderes übrig, als uns vor ihm zu halten mithilfe eines Stückchens Segeltuch. Der Seegang war hoch und das Boot folgte den Wellenbergen hinauf und hinunter. Vom Schock der Explosion und dem wilden Auf- und Ab wurde einigen Kameraden schlecht. Der Maat hatte seinen Wettermantel an und zwei Matrosen trugen Lammfellmäntel. Die anderen waren wie ich in normalen Jacken. Der Wind drang bis auf die Haut. Ganz von rotem Eisenstaub bedeckt, boten wir und das Boot bestimmt einen seltsamen Anblick.

Der Maat war ein älterer Mann und wir wollten nicht, dass er den Wettermantel auszog. Die Lammfellmäntel tauschten wir von Zeit zu Zeit, damit jeder eine gewisse Zeit vom Wind geschützt war. Wer nicht seekrank wurde, schaffte es einigermaßen, aber wer würgen musste, um den war‘s geschehen. Die Kälte ging ihm durch und durch. Drei Männer starben daran in der ersten Nacht. Wir teilten ihre Kleider auf und schoben die Leichen über den Bootsrand. Wir wechselten uns an den Rudern ab, nicht weil wir hofften, irgendwo zu landen, sondern nur, um unseren Kreislauf stabil zu halten. Die Wolkendecke war teils offen, teils geschlossen, meistens wolkig mit gelegentlichen sonnigen Abschnitten. Die Sonne gab keine Wärme, aber man war froh, sie wenigstens zu sehen. Wenn es dunkel wurde, war das vorbei und die Kälte schien einem ins Herz zu dringen. In der zweiten Nacht starben wieder zwei Männer, die wir über den Bootsrand hievten, nachdem wir uns ihre Kleider gesichert hatten.

So ging es weiter. Es gab einen kleinen Behälter mit Wasser und eine Notration an Schiffszwieback und eine Art Kakao, hineingepresst in einen harten Kuchen. Viel hat es uns nicht gebracht. Wenn man in einem so kleinen Boot herumgeworfen wird, kann man nicht schlafen, nicht einmal entspannen und man wird so müde, dass man keine Lust hat auf Essen. Nach einer Woche waren wir nur noch zu Dritt. Jetzt hatten wir mehr als genug zum Anziehen. Jeder trug so viel am Leib wie nur möglich. Den Rest schichteten wir am Boden des Bootes auf, damit wir ein wenig weicher liegen konnten. Der Wasserbehälter war natürlich leer. Zum Rudern fehlte uns die Kraft. Wir überließen alles dem Segel und steuerten mit einem Ruder, um das Boot vor dem Wind zu halten, egal woher er wehte. Was anderes blieb uns nicht übrig. Es regnete ziemlich oft und manchmal gab es Schneeschauer. 

Wie ich Dir schon sagte, es ist eine lange Geschichte. Ich kann nicht alles erzählen. Nach zwölf Tagen wurden wir von einem Schoner aus Nova Scotia, der mit einer Ladung Pökelfisch Richtung Osten nach Lissabon segelte, gesichtet und aufgegriffen. Der Küchenjunge und ich waren am Leben. Der andere Kerl war schon seit Tagen tot. Wir lagen alle drei eng zusammengeschmiegt am Boden des Bootes auf dieser Ansammlung von Kleidern.“ Skane schwieg eine Weile und zündete noch eine Zigarette an. Seine Hand zitterte, als er das Zündholz hielt. Isabel saß da und empfand tiefes Mitleid. Das Schreckliche daran lag nicht so sehr in dem, was er erzählte oder was er ihrer Vorstellung überließ, sondern in dem herausfordernden Ton seiner Stimme. Er berichtete mit einem höhnischen Lächeln, einem Ausdruck tiefster Verachtung, als ob er es ihr übelnahm, dass sie ihn dazu gebracht hatte, diesen Albtraum aus seiner Vergangenheit heraufzubeschwören.

„Weiter gibt es nicht viel zu berichten, außer wie es ausgegangen ist. Ich war lange Zeit in einem Krankenhaus in Lissabon und danach in einem Erholungsheim für Marineoffiziere in England. Als ich schließlich nach Halifax zurückkehrte, waren die letzten Monate des Krieges angebrochen – und mir reichte es. Ich hatte genug von allem, die See eingeschlossen.“

„Und die Frauen?“ fragte Isabel.

„Frauen auch. Ach, Frauen! Man denkt viel über Frauen nach, wenn das Meer dich packt und du ihm total ausgeliefert bist. Erst dann erkennst du, was für schmeichlerische, leere und selbstsüchtige Wesen sie alle sind und welch ein Narr du gewesen bist, dass du dich mit ihnen eingelassen hast. Dann wirfst du Frauen in einen Topf mit den blasierten Schiffseignern, Schiffslieferanten, Werbefritzen für Kriegsanleihen und all den anderen bequemen Typen an Land, die dich lächelnd aufs Meer hinausschicken – und schon nach dem nächsten Opfer Ausschau halten. Oh, es ist erstaunlich, wie klar man nach ein paar Tagen in einem offenen Boot sehen kann.“

„Und dann bist du nach Marina gekommen,“ entgegnete sie ruhig. 

„Ich habe mich um eine Dienststelle an Land beworben und jemand erwähnte einen Posten auf Marina. Davon und von Carney hatte ich gehört – wer hatte das nicht? Es schien der richtige Ort für mich zu sein. Als ich dann hierherkam und Carney etwas näher kennenlernte, war ich davon überzeugt, dass die Art, wie er lebte, auch zu mir passte.“

Skane stand auf, nahm die Handschuhe und ging zur Türe. Isabel erhob sich schnell.

„Und dann bin ich gekommen und habe alles verpatzt – das wolltest du doch sagen?“

Er drehte sich um und richtete diesen direkten Blick auf sie, der ihr bis ins Mark zu dringen schien.

„Nein,“ antwortete er gefasst. „Sagen wir mal, du hast alles verändert.“ Und in leichterem Ton, „Wir hatten ja eine recht ernsthafte Unterhaltung, nicht wahr? Aber schließlich ist Weihnachten und wir sollten fröhlich sein. Ich erzähle dir mal etwas, worüber du lächeln kannst. Unser scheuer junger Sargent gestand mir letzte Nacht, als er sein Geschenk einpackte, dass er halb in dich verliebt sei.“

Er lachte, als er es sagte und sie spürte wieder diese Röte hochsteigen.

„Nur halb?“ sagte sie und warf ein wenig den Kopf zurück. Dann wandte sie sich um und räumte den Tisch ab, wobei sie ein absurdes Gefühl von Hitze und Entrüstung empfand. Beim Klappern der Teller hörte sie das Zuschlagen der Türe und Skanes Schritte auf dem Bohlenweg.

 

KAPITEL 20

 

     Giswell hatte eine gute Nase für das Wetter gehabt. Einen Tag und eine Nacht tobte der Schneesturm durch die Drähte und fegte in wilden Stößen über Dach, Wände und Fenster. Die Telefonleitung brach wieder zusammen und MacBains Männer schafften es nicht, sie vor dem ersten Tag des neuen Jahres zu reparieren. An diesem Tag ertönte ein fröhliches Klingeln aus der Wandbox und Isabel nahm den Hörer ab.

     „Für dich,“ sagte sie. Matthew erhob sich vom Arbeitstisch und schob einen Kopfhörer zurück, Isabel ging langsam in den Gang hinaus. Skane und Sargent machten einen Spaziergang auf dem Eis der Lagune. Sie hatte nie deren Zimmer gesehen und der Augenblick schien günstig, ihre Neugier zu befriedigen. Sargents Türe stand offen. Sie blieb einen Moment stehen und schaute hinein. Es sah aus wie in einer Mönchszelle. An Möbeln gab es nur ein schmales eisernes Bett, einen einfachen hölzernen Stuhl und eine kleine Kommode aus Birkenholz. Wände und Decke bestanden aus gepressten zusammengenagelten Holzplatten, in demselben hässlichen Ton gestrichen, wie Carneys Schlafzimmer, als sie ankam. Der Boden aus Fichtenholz besaß einst eine braune Farbe, aber die dauernde Beanspruchung durch sandige Stiefel hatte für Abnutzung bis auf das blanke Holz gesorgt, die Ecken ausgenommen. In einer Ecke stand Sargents Seemanns-Truhe, ein klobiges Ding mit Handgriffen aus Tauen. Sein Name stand in großen weißen Buchstaben oben auf dem Deckel.  

     Ein Regenmantel, eine zerlumpte Hose und die komplette Uniform eines Funkoffiziers der Handelsmarine hingen auf Haken an der Wand. Die Uniform war recht gepflegt. Sie stellte fest, dass Sargent sie regelmäßig bürstete und die Messingknöpfe polierte. Sie lächelte ein wenig. Hier war der eindeutige Beweis seiner Sehnsucht, wieder zur See zu fahren. Auf der Kommode stand eine Fotografie. Ein Mann und eine Frau mittleren Alters lächelten in die Kamera; zweifellos Sargents Vater und Mutter. Über ihnen an der Wand sah man einige Ausschnitte aus Zeitschriften: junge Frauen in sehr kurzen Röcken, die ihre Beine zeigten, oder mit einem gebeugten Knie in Badeanzügen posierten.

     Sie ging weiter zu Skanes Zimmer. Die Türe stand halb offen. Sie drückte sie ganz auf und fühlte sich dabei wie Blaubarts Frau. Das Zimmer ähnelte dem von Sargent, in einer Ecke stand sogar eine Seemanns-Truhe, aber es gab nur ausgeschnittene Bilder von Segelschiffen und keinerlei Fotos. Sie wunderte sich über die Schiffe, angesichts seines Hasses auf die See, aber vielleicht waren diese Bilder eine Erinnerung an die Zeit romantischer Illusionen, wie Sargent sie noch hatte. Es lag darin eine gewisse Traurigkeit. Ein Robbenfell mit einem großen kahlen Fleck in der Mitte lag neben dem harten eisernen Bett. Die Kleider auf den Haken waren ein Sammelsurium von Hosen, Jacken, Pullovern, einem Ölzeug-Anzug, alle recht schäbig und abgetragen. Abgesehen davon herrschte im Raum dieselbe strenge Ordnung wie in Sargents Zimmer, was offenbar das Ergebnis ihres Trainings als Seeleute war.

     Sie fand die Abwesenheit von Fotos seltsam. Er musste doch irgendetwas aufbewahrt haben, das ihn an seine Familie, seine Freunde oder sogar an seine Frauen erinnerte. Schuldbewusst zog sie die oberste Schublade der Kommode auf. Nichts außer einem Reisenecessaire, ein paar saubere Taschentücher, nicht gebügelt, eine Schachtel mit Kragen, zwei oder drei schwarze Krawatten, wie Marineoffiziere sie zu ihren Uniformen tragen, ein Seemannsmesser mit Scheide und eine gewisse Anzahl der kleinen wunderschönen Muscheln, die man an den Stränden finden konnte und mit denen die Inselbewohner ihre Bilderrahmen dekorierten. 

     Eine untere Schublade war nicht ganz geschlossen und sie konnte ordentlich zusammengelegte Unterwäsche aus Wolle sehen und g raue Flanellhemden, wie die Geschäfte für Seeleute an der Water Street sie führten. Sie ging zur Seemannstruhe und öffnete den Deckel. Sie schien nur Bücher zu enthalten. Sie betrachtete eines nach dem anderen; Tristram Shandy; Theaterstücke von Gilbert and Sullivan; Flecker’s Gedichte; Handbook of Wireless Telegraphy; Care and Maintenance of Radio Telegraph Apparatus; The Ingoldsby Legends; ein Englisch-Spanisches Lexikon. Als sie das nächste Buch in die Hand nahm, erblickte sie die Ecke eines Fotoalbums und zog es heraus. Es war alt; vermutlich ein Überbleibsel aus der Zeit früher Begeisterung für die Fotografie. Es war offensichtlich zusammen mit anderen Erinnerungsstücken beiseitegelegt – vermutlich in Schachteln im Ablageraum des Funkbüros in Halifax – und abgeholt worden, nachdem er von seinem letzten Kampf mit dem Meer zurückgekehrte.

     Die Fotos stammten aus einer kleinen Kamera, vermutlich recht nachlässig entwickelt und gedruckt mithilfe von Blechpfannen aus der Schiffsküche. Sie waren ziemlich vergilbt. Es gab Bilder von verschiedenen Schiffen, Trampdampfer, die an trostlosen Docks oder vor Anker in Häfen lagen, deren Uferzonen verschwommen waren und nicht definierbar. Fotos von Männern in schäbigen Uniformen oder in unpassenden langen Gewändern, an eine Schiffs-Reling gelehnt, oder an die Stütz-Keile eines Rettungsbootes; auf einer sonnenheißen weißen Straße, im Hintergrund Palmen; Ansichten von Häusern, Gärten, Kirchen in spanischem Stil und anderen Gebäuden in tropischer Umgebung. Ein paar wenige zeigten Skane, allein oder mit einem oder zwei anderen, vermutlich vom selben Schiff, die Arme verschränkt oder einander über die Schultern gelegt. Eines zeigte ihn in weißer Tropenuniform, die Mütze keck aufgesetzt, wobei ihm eine schwarze Haarsträhne in die Stirn fiel. Er sah sehr jung aus. Er schaute in die Kamera und lachte auf dieselbe abenteuerlustige Art, wie die Matrosen, die sie gegenüber von Mrs. Paradees Haus so oft beobachtet hatte. Sie dachte an ihn und empfand einen plötzlichen Stich. Geschah das mit ihnen allen – verloren sie alle ihre Illusionen und versteckten sich dann wie Skane, enttäuscht von der Welt?

     Das Album war nur halb voll; zwischen den Schnappschüssen befanden sich leere Stellen mit Klebstoffspuren und zerfaserten Überresten von Papier. Kein einziges Bild von einer Frau. Von Anfang bis Ende keines. Er hatte sie alle herausgerissen. Sie gab einen kleinen Laut von sich, der Enttäuschung ausdrückte und legte das Album wieder sorgfältig zwischen die Bücher zurück. Es wäre vergnüglich gewesen zu erfahren, welche Art Frauen Skane in der Zeit vor dem Verlust seiner Illusionen bevorzugt hatte. Waren sie dunkelhaarig oder blond, groß oder klein? Waren sie nette Mädels oder Nutten, oder einfach Frauen, die einem kleinen Abenteuer mit einem gutaussehenden Jungen an Land nicht widerstehen konnten? Sie hatte ihn vor Augen, wie er in der weißen Uniform, die Mütze schräg auf dem Kopf vom Hafen heraufkam und mit dieser lächelnd herausfordernden Haltung eine fremde Stadt betrat.

     Von der Vordertüre her hörte sie etwas. Sie floh auf Zehenspitzen in den Gang. Niemand da. Wieder das Geräusch – Matthew, der sich im Wachraum langsam und zielgerichtet bewegte, wie es seine Art war. Sie betrat Vedders früheres Zimmer und schaute durch das Fenster. Skane und Sargent standen am Ufer der Lagune und begutachteten das zerbrochene Flachboot, das einer der Hurrikan-Stürme im vergangenen Herbst in die Luft geschleudert hatte, als sei es ein Papierbecher. Sie betrachtete den Raum. Er war ebenso spartanisch eingerichtet wie die anderen Zimmer, aber nicht gekehrt. Feiner Sand bedeckte den Boden. Auf dem Bett lag nur die nackte Matratze. Skane und Sargent hatten sich die Decken des ehemaligen Kochs geholt, um sich ein wenig zusätzliche Wärme in diesem eisigen Kloster zu sichern. Einzige Zeichen von Vedders Anwesenheit waren an die Wand gepinnte Bilder über dem Bett, die sie überraschten. Die Entrüstung des Kochs über ihr Kommen und seine schändliche Desertation, die daraufhin erfolgte, ließ sie glauben, dass er ein grübelnder Asket war. Jedoch sprachen die Bilder, die er auf seiner Zellenwand ausgestellt hatte, eine andere Sprache. Sie stellten Frauen in verschiedenen Stadien der Nacktheit dar, und es gab zwei oder drei Postkarten mit der Aufschrift Souvenir de Rouen mit Mädchen, die gar nichts anhatten. Sie fand es amüsant festzustellen, dass der Koch an diesen fernen Ort gekommen war, um von Frauen zu träumen und dann floh, sobald die erste real in Erscheinung trat.

     Sie kehrte in den Wachraum zurück und traf Matthew dabei an, als er die Ziffernscheiben für den Empfang ausrichtete und mit einem Finger an den Kristall-Detektor klopfte. Er lauschte einen Moment intensiv in die Kopfhörer und kritzelte auf den Block, der vor ihm lag.

     „Hallo,“ sagte er und sah auf. „Wo bist du denn gewesen?“

     „Meine Neugier befriedigen,“ sagte sie wahrheitsgemäß.

     „Was hast du herausgefunden?“

     „Nichts. Die Zimmer der Funker sind schrecklich karg, findest du nicht auch?“

     „Ja. Natürlich sind sie daran gewöhnt. Ich habe wiederholt für ein ganzheitliches Heizsystem eingegeben, aber es hat nichts gebracht,“ fügte er bedauernd hinzu. „Wir brauchen auch dringend eine Ersatzmaschine. Ich habe es Hurd gesagt, als ich in Halifax war und er versprach, dafür zu sorgen, aber du weißt ja, wie es dann läuft. So wie es jetzt aussieht, müssen wir jederzeit darauf gefasst sein, dass die Maschine ausfällt, und dann bekommen wir alle Hände voll zu tun. Wir müssen nämlich schuften wie die Biber, bis wir sie wieder zum Laufen bringen. Wir haben zwar Teile da zum Auswechseln; aber die Vorstellung, dass die Maschine den Geist aufgibt, wenn wichtige Nachrichten in der Luft hängen – ein Schiff in Schwierigkeiten oder sowas – ist ein absoluter Albtraum. Es ist wirklich übel. Hurd macht sich davon keine Vorstellung.“   

     „Was war mit dem Telefonanruf?“

     „Ah? Ach ja. McBain. Er fragte, ob wir heute Abend zu einer Party kommen. Neujahr; du weißt schon. Skane geht hin und spielt Klavier. Aber ich sagte, dass ich nicht gern in der Dunkelheit zurücklaufe und wollte nicht, dass er sich die Mühe macht, uns nach Hause zu fahren.“

     „Ach, Matthew, warum hast du nicht ja gesagt? Wir hätten auf dem Eis der Lagune zurücklaufen können, egal, ob es dunkel ist oder nicht. Das Wetter ist doch klar, es wird Sternenlicht geben. Und es ist so lange her, dass wir mit anderen gesprochen haben, außer untereinander.“

     Er machte eine unsichere Bewegung. „Wir würden sehr spät zurückkehren und ich habe in letzter Zeit nicht gut geschlafen. Es tut mir leid, Isabel, ich kann wirklich nicht dabei sein. Aber warum gehst du nicht mit Skane?“

     „Ich würde lieber mit dir gehen.“

     „Ich fürchte, das ist nicht möglich.“

     Sie ging hinüber zu ihm und setzte sich auf die Ecke des Schreibtisches. „Matthew, weißt du eigentlich, wie seltsam du in letzter Zeit geworden bist? Du scheinst unglücklich zu sein. Was ist denn los, um Himmels Willen?“ Giswell sagte, du bist früher überallhin gegangen, auch im Winter. Liegt es an mir? Habe ich etwas damit zu tun?“

     Er blickte versteinert aus dem Fenster. „Nein.“

     „Du lieber Gott, was ist es denn dann?“

     „Nichts – gar nichts, mein Schatz. Ich möchte nur gerade jetzt die Station nicht lange allein lassen – die Maschine, wie du weißt. Schließlich bin ich der Chef-Funker, ich allein bin verantwortlich.“

     „Puuhh! Sargent hat heute Abend Wache. Wenn die Maschine versagt, kann er McBain anrufen und wir sind in einer halben Stunde zurück.“

     „Sargent ist nur ein junger Kerl. Du verstehst das nicht.“

     Sie glitt vom Schreibtisch, ging ans Nordfenster und starrte auf die verschneiten Dünen. Über die Schulter sprechend sagte sie irritiert, „Nein. Ich verstehe es nicht. Ich verstehe gar nichts. Ihr Männer seid immer so geheimnistuerisch. Schon seit längerem habe ich das Gefühl, dass ihr alle mir etwas verschweigt. Manchmal meine ich, es ist ein Geheimnis, eine Schuld, die euch alle betrifft. Dann sieht es wieder so aus, als ob jeder einzelne von euch sein eigenes Geheimnis hat, von dem ich nichts wissen darf, oder von dem die anderen nichts ahnen dürfen. Es kommt mir alles so verrückt vor hier an diesem Ort, wo wir zusammen eingeschlossen sind. Wie ein paar engstirnige Verschwörer in einem privaten Irrenhaus; anstatt dass wir unsere gegenseitige Gesellschaft schätzen, unsere Gedanken teilen, miteinander lachen – oder weinen, wenn du willst. Sag jetzt nicht Puuhh oder Unsinn, Matthew, als sei ich nur ein dummes Weib, das gefühlsbetont reagiert, wegen nichts und wieder nichts. Es ist da. Es ist real. Ich spüre es, dieses Geheimnis! Dieses bedrückende Vorgefühl! Als ob ihr einen Mord begangen und die Leiche unter der Funkstation begraben hättet! Manchmal nachts, wenn der Wind in den Drähten traurig wimmert, wenn du die Nachtwache hast und ich allein in der Wohnung bin und nicht schlafen kann – werde ich wahnsinnig. Ich habe das Gefühl, ich muss davon loskommen, was immer Es auch ist; ich möchte hinausrennen in den Wind und weiter und weiter im Dunkeln über die Dünen rennen, nur weg von dem Geräusch, weg von euch allen!“  

     Sie wiegte sich hin und her, tief atmend, die Hände hinten an die Wand gestützt. „Selbst wenn ich dich umarme ist es nicht mehr, wie es war. Du hast dich verändert. Du scheinst zu zögern. Warum? Warum schaust du mir nicht mehr in die Augen?“

     Carney saß in seiner gewohnten Haltung an den Instrumenten, die starken Arme auf dem Arbeitstisch vor sich, die Hände greifbar nahe am Empfangsgerät und am Funkschalter. Der Halbmond mit den Kopfhörern umklammerte seine dichten blonden Haare. Sein bärtiges Gesicht, das unbewegt auf die Dünen draußen gerichtet war, zeigte keinerlei Regung. In dieser sphinxartigen Haltung schien er mit großer Ausdauer ein Rätsel draußen im Sand lösen zu wollen.

     „Ich nehme an, du denkst, dass ich nur neurotisch bin!“ rief sie.

     Dann begann er zu sprechen. „Ich fürchte, es ist etwas in der Art,“ sagte er mit Bedacht, ohne seine Blickrichtung zu ändern. „Ich habe schon andere so reden hören. Es passiert immer im Winter, wie jetzt, oder im Februar, wenn sie es schon so lange miteinander hatten aushalten müssen, wegen der Stürme endlose Tage ins Haus verbannt, und es gibt absolut nichts, worauf man hoffen könnte, außer auf das nächste Schiff, das kaum vor April oder Mai kommt. Es beginnt mit vermeintlichen Kränkungen, Beleidigungen, minimalen Ungerechtigkeiten, alle möglichen Dinge. Bei Männern ist es schlimmer. Einige reagieren überempfindlich bei ihrer Arbeit. Natürlich ist es eine nervliche Belastung, dieses dauernde Lauschen, einen dünnen Laut in der Ferne zu erhaschen, oder die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Schiff zu richten, während ein Dutzend andere gleichzeitig dazwischenfunken, oder eine Botschaft zu dechiffrieren, wenn z.B. im Hintergrund ein Sturm tobt und statische Geräusche deine Ohren attackieren, Alles das, zusammen mit dem monotonen Leben auf der Station, nun ja, einige Männer halten das nicht aus. Sie gehen sich gegenseitig auf die Nerven und schließlich fahren sie aus der Haut – genauer gesagt, sie gehen einander an die Gurgel. Ich habe gesehen, wie sich Männer gegenseitig mit ihren Fäusten umzubringen versuchten, hier in diesem Raum. Ich sah, wie Skane in seinem ersten Winter hier, wo du jetzt stehst, sich mit einem rothaarigen Kerl aus der Golfregion prügelte.

     „Skane?“ sagte sie ungläubig. „Du bist natürlich dazwischen gegangen.“

     „Ganz und gar nicht. Ich wusste, dass es früher oder später passieren würde. Sie haben nicht mehr miteinander gesprochen, nicht einmal beim Essen. Etwas musste passieren, um die Luft zu klären und so kam es dann auch. Für einen Moment hatte ich Angst, dass sie den Ofen umstoßen könnten und damit einen Brand auslösen – das ist hier vor einigen Jahren schon mal passiert. Aber ein unerwarteter Faustschlag von Skane schleuderte den anderen durch das Fenster hinter dir und sie haben es dann draußen ausgefochten. Sie waren gleich stark. Am Ende hatten beide blutüberströmte Gesichter.“

     „Und du als verantwortlicher Chef-Funker hast überhaupt nichts unternommen?“

     „Oh doch. Jemand musste ja Wache halten. Ich hob die Kopfhörer vom Boden auf, wo Skane sie hingeworfen hatte und setzte die Wache fort.“

     Isabel lachte kurz und trocken auf. „Das klingt genau wie alles andere, was ich über Marina gehört habe. Wie die Wilden! Wie die Wilden! Ich fürchte jedoch, ich kann mein eigenes Zittern und Zagen nicht mithilfe eines Boxkampfes überwinden.“

     Carney antwortete nicht. Die Stille wurde unterbrochen durch Skane und Sargent, die mit roten Gesichtern und in heiterer Stimmung von ihrem Spaziergang auf dem Eis zurückkehrten.

     „Hallo!“ sagte Skane. „Ihr beide blickt ja recht ernst drein. Ist das Geheimnis gelüftet?“

     Isabel schaute ihn erschrocken an. Carney schwang heftig im Stuhl herum.

     „Geheimnis? Skane! Was meinst du?“

     „Dann weißt du es noch nicht?“ Skane wedelte mit der Hand. „Hier steht meine Star-Schülerin. Gestern, mein lieber Chef, hat deine Frau perfekte zwanzig Worte pro Minute in einem Zeitraum von genau zehn Minuten geschafft. Du hast ein neues Mitglied im Team!“

     Carney wandte ihr langsam seinen Blick zu und lächelte erstaunt. „Wirklich?“

     „Wirklich!“ sagte sie ruhig. Sargent nahm den Kohlenkasten und rüttelte Kohlen in den Ofen. Er hatte nichts bemerkt von der eigenartigen Atmosphäre, in die er und Skane plötzlich hereingeplatzt waren. Aber Skane sah den angespannten Ausdruck auf Isabels Gesicht. Er schaute weg und überlegte. Dann wandte er sich schnell mit einer theatralische Geste Carney zu, „Und nun, mein Lieber, müssen wir ihr ein paar spezielle technische Details über Signor Marconis fabelhafte Erfindung beibringen, damit sie sich um eine Lizenz bewerben kann. Darf ich Signor Sargenti vorstellen, ein technischer Experte. Signor Sargenti, halten Sie der Dame freundlicherweise Ihren berühmten Vortrag über den Standard Frequenz-Empfänger, Modell 1914.“

     „Ach, Quatsch!“

     „Los, mach schon!“ sagte Carney.

     „Na dann,“ Sargent grinste Isabel an. „Es gab während des Krieges einen Funk-Lehrer auf den Docks in Halifax. Er gehörte der Königlichen Marine an, ein netter Kerl, der sich auf seinem Gebiet auskannte, aber etwas affektiert war. Stell dir vor, er trug ein Monokel.“ Sargent fischte aus einer Schublage eine ziemlich große Dichtungsscheibe, klemmte sie an sein rechtes Auge und ergriff einen Ladestock, der in einer Ecke des Raumes lehnte.

     „Ja, also,“ sagte er laut, drückte seinen Rücken durch und richtete den Stock auf das Empfänger-Paneel, „ja, da hab‘n wir den Tunah. Wenn wir vom Tunah reden, reden wir nicht von nem Fisch, auch nicht von nem Bürschlein, das auf Pianos klimpert. Wir reden von dem sehr importanten schwarz-verkleideten Dingsda mit all den kleinen Knöpfchen und Scheiben und Sächelchen. Also der Tunah …“ Sargent machte weiter, posierte, grimassierte, rasselte Albernheiten herunter über den Kristall-Detektor, den Potentiometer, die Tuning Coils, den Kondensator, die Theorie der Magnetwellen und die Analogie mit dem ins Wasser geworfenen Stein. Es war seine Lieblings-Vorstellung und er war hocherfreut, festzustellen, dass Mrs. Carney sie lustig fand.    

     Zuerst lächelte sie etwas gezwungen, aber als er weitermachte, wurde aus dem Lächeln ein Kichern und es dauerte nicht lang, bis sie sich an die Wand lehnte und sich schüttelte vor Lachen. Ihre Stimme klang immer spitzer und lauter. Tränen rannen über ihr Gesicht und schließlich stieß sie Schreie aus, die durch die ganze Station schallten, wobei sie mit nassen geweiteten Augen nicht auf Sargent starrte, sondern auf die gegenüberliegende Wand auf einen Punkt nahe der Decke.

     Der Komödiant machte eine Pause. „Jetzt mal ehrlich,“ sagte er vorsichtig, „so lustig ist es doch gar nicht, oder?“ Es kam keine Antwort. Carney stand von seinem Stuhl auf und ging zu seiner Frau. Ihr Gelächter setzte sich fort, ein Anfall nach dem anderen, jedes Mal unterbrochen von einem langen schluchzenden Atemzug.

     „Das habe ich nicht gewollt,“ stammelte Sargent. Ein harter Stiefel trat gegen sein Schienbein.

     „Wir sollten uns jetzt zurückziehen,“ murmelte Skane mit einem eisigen Unterton.  

 

KAPITEL 21

 

An einem Nachmittag Ende Februar saß Isabel mit aufgesetzten Kopfhörern im Wachraum. Sie war allein. Es bedeutete einen Triumph. Nach all den Monaten der Übung, all den Sitzungen zusammen mit dem diensthabenden Funker an den Instrumenten und nachdem Matthew den ganzen Morgen überredet worden war, hatte er zugestimmt, sie eine Wache übernehmen zu lassen. Die Schwierigkeit hatte darin bestanden, ihn davon zu überzeugen, dass sie dabei absolut allein sein musste.  

     „Was!“ hatte er protestiert, „Ohne, dass einer von uns dabei ist?“

     „Niemand!“ warf Skane schnell dazwischen. „Sargent und ich gehen zum West-Licht, und du kommst mit uns. Wir sagen kurz Hallo zu McBain, wenn wir an der Hauptstation vorbeikommen und zum Tee sind wir wieder zurück.“

     „Aber die Maschine . . .“

     „Die verdammte Maschine. Sie läuft doch gerade wie geschmiert.“

     „Aber manchmal bleibt sie stehen aus reiner Bosheit, das weißt du doch, Skane. Für uns heißt das nur, in den Maschinenraum gehen, das Flugrad auf die Kompression zurückschieben und dem Ding einen Schub mit dem Hebel geben. Aber Isabel kann das nicht, sie hat nicht die Kraft.“

     „Die Maschine wird laufen,“ versicherte Skane. „Und wenn nicht, schreibt sie einfach in das Logbuch „Bei Maschinen Reparatur“ und wartet, bis wir wieder auftauchen. Schließlich ist die Station von Zeit zu Zeit aus genau diesem Grund nicht im Äther – und ein weiterer Logeintrag dieser Art könnte dazu führen, dass wir endlich diese Ersatzmaschine kriegen.“

     „Ich fühle mich damit nicht wohl,“ murrte Carney. Könnten wir nicht einfach kurz zum Strand hinunter gehen und wieder zurück?“

     „Nein“, warf Isabel entschlossen ein.

     „Also dann,“ entgegnete er widerstrebend und war weggegangen in seinem alten Khaki-Jagdmantel, flankiert von Skane und Sargent. Seine langen Haare im flatterten im Wind. „Ich bin nicht damit einverstanden,“ sagte er resigniert, während sie die erste Düne hinaufstiegen.  

     Die Sonne schien und der Wind wehte recht mild für Februar, ein Vorgeschmack auf den Frühling. Am Ende genossen die Männer ihren Spaziergang trotz Matthews Besorgnis. In der Aufeinanderfolge von Stürmen und bitterer Kälte gab es auch wärmere Tage, aber sie waren nass und verursachten mehr Ungemach als die Kälte. In einer Nacht im Januar war Eisregen aufgetreten – etwas, das sie mehr fürchteten als Hurrikane oder Frost. In Nova Scotia nennen sie es „silver thaw“, ein Phänomen, das die Außenwelt mit einer glatten Eisschicht bedeckt und Wälder und Parks in ein Märchenland aus Glas verwandelt. Alle Äste und Zweige sind einhüllt und glitzern am nächsten Tag in der Sonne wie übergroße Kristallleuchter.

     Auf Marina gab es keine Bäume oder Büsche für eine solche Show. Aber es gab den riesigen, von Menschen errichteten Funkmast mit seiner kegelförmigen Gestalt aus Halterungen und Antennen. Die Halterungen waren fest genug für die ungewöhnliche Belastung, aber die schmalen Drähte aus Phosphorbronze aus denen die Antennen gefertigt waren, wurden im Laufe wenigen Stunden so dick wie das Handgelenk eines Männerarms, brachen vom Mastgipfel ab und fielen mit heftigem Geklirr auf den glasüberzogenen Boden von Marina, so dass der wachhabende Funker zusammenzuckte und die anderen aus dem Schlaf geschreckt wurden. Bis zum Morgen konnte man nichts tun, infolgedessen war die Station zwölf Stunden lang außer Betrieb.   

     Die Reparatur gestaltete sich schwierig. Die Antennen waren oben am Mast an ihrer Querstütze verankert, einer starken Holzkonstruktion, die man mithilfe einer Fall-Leine herunterziehen konnte. Diese lief durch einen Block, der an der Spitze festgezurrt war. Jetzt aber war die Querstütze ihrer metallischen Fracht beraubt und verharrte festgefroren und unbeweglich auf der Mastspitze. Das bedeutete, dass jemand hinaufgezogen werden musste, um sie zu befreien, ein heikles Unternehmen. Die Fall-Leine eines Bootsmann-Sitzes lief durch einen anderen Block an der Mastspitze. Diese Leine war frei, aber man konnte nicht feststellen, ob die Verankerung nach den Herbst- und Winterstürmen noch hielt. Die größte Gefahr ging aber vom großen Föhrenmast selbst aus, der im Laufe der Nacht eine seltsame weiße Elefantiasis entwickelt hatte. Der von Osten kommende Regen hatte bewirkt, dass die östliche Seite des Mastes von oben bis unten – einhundertfünfundsechzig Fuß – mehrere Inches dick von einer Eisschicht bedeckt wurde.

     Sie baten Mings, einen der Lebensretter von der Hauptstation, der am Strand Patrouille ritt, mitzuhelfen.

     „Du siehst ja, was zu tun ist,“ sagte Carney, als sie die Fall-Leine aus der Klampe zogen und den Bootsmann-Sitz fertig machten. „Jetzt scheint die Sonne und das Eis wird sicher in großen Brocken herunterkommen, wenn ich hinaufgezogen werde und dagegentrete. Ihr da unten müsst gut auf eure Köpfe aufpassen. Und lasst ja nicht die Leine los!“

     „Wir werden dich nicht da hinaufziehen,“ sagte Skane ohne Umschweife, „du bist zu schwer.“

     „Lasst mich gehen,“ schlug Sargent vor. Er grinste nervös, als er es sagte. Die Mastspitze ragte eine riesige Distanz in den Himmel. Skane schlüpfte in den Sitz.

     Isabel schaute vom Küchenfenster her zu und sah erstaunt wie er in etwas saß, das wie eine Kinderschaukel aussah, und langsam den Mast hinaufbefördert wurde, wobei er sich immer wieder vorsichtig an diesem abstützte. Sie hatte sich vorgestellt, dass die reparierten Antennen, am Fuß des Mastes angebunden und von dort nach oben gezogen würden, so wie sie Skane jetzt nach oben zogen. Sie rannte zu ihnen hinaus, besorgt wegen des angespannten Ausdrucks auf Matthews nach oben gewandtem Gesicht. Als sie sich näherte, wobei jeder ihrer Schritte in der weißen Kruste wie zerbrechendes Glas klang, rief er, ohne den im Sitz hängenden Mann aus den Augen zu lassen, „Isabel, geh wieder auf den Steg!“

     „Aber kann ich denn nicht helfen?“ bat sie.

     „Geh weg, habe ich gesagt!“ In seiner Stimme war ein strenger Ton, den sie nie zuvor gehört hatte. Sie gehorchte automatisch, ein wenig ärgerlich. Aber als sie auf dem Bohlensteg stand und sah, was folgte, erstarrte sie vor Schreck. Skanes schlanke Gestalt stieg in langsamen Rucken Richtung Himmel, mit Händen und Füßen hielt er sich vom Mast ab. Jedes Mal, wenn er gegen den Mast schwang, brach ein Stück von der Eiskruste ab und fiel herunter. Manche waren klein, aber ab und zu lösten sich Stücke in einer Größe von fünf, zehn oder mehr Fuß aus der komischen Elefantiasis-Hülle des runden Mastes und fielen mit der Wucht von Wurfspeeren zu den angestrengt arbeitenden Männern hinab, wobei Skane nur einen kurzen Warnlaut gab.

      Sie konnten nicht einfach schnell wegspringen. Carney hätte zuerst die Klampe mit der Fall-Leine belegen müssen, bevor sie sich wegbewegen konnten. Der einzige Ausweg war die Leeseite des Mastes, wobei sie die Leine, die Isabel so kümmerlich vorkam, mit aller Kraft festhalten mussten – Skanes Leben hing an einem Faden. Jeder dieser Eisbrocken, schön geformt von der Rundung des Mastes, konnte einen Mann töten. Isabel, die mit trockenem Mund und zittrig vor Aufregung vom sicheren Bohlengang her zusah, befürchtete einen schlimmen Unfall, der sie alle ins Unglück stürzte. Es dauerte eine Ewigkeit, bevor Skane ganz oben war und es dauerte nochmal so lang, bevor seine Stimme wie ein Schrei aus einer anderen Welt herunterdrang.

     „Okay! Ihr könnt die Zügel lockern!“

Und runter kam der lahme hölzerne Block mit den Querstützen, der so viel wichtiger war als die Hälse und Schädel der Männer, während Skane wie eine kleine schwarze Spinne an der Mastspitze verharrte, nur gehalten von einem Spinnwebfaden. Als sie den Bootsmann-Sitz endlich herabließen, konnte man die Anstrengung auf ihren Gesichtern sehen: schweißnass das von Carney, Sargent und Ming, während das von Skane – wegen der eisigen Luft dort oben – fast blau war. Sie lachten und boxten sich mit den Fäusten in die Seite, wie Männer es machen, wenn sie Emotionen, die sie erschüttert hatten, verbergen wollen. Sie waren ganz verwirrt, als Isabel zu ihnen rannte, Unzusammenhängendes rief, und einen nach dem anderen umarmte und auf den Mund küsste. Hinterher machten sie sich auf typisch männliche Art über sie lustig, als sei der Job wirklich nichts Besonderes gewesen, und nur sie diejenige war, die sich ein wenig Sorgen gemacht hatte.

Inzwischen konnte sie darüber lächeln. Sechs Monate waren seitdem vergangen. Inzwischen betrachtete sie die Drei mit der Einstellung einer ältlichen Tante, die verantwortlich ist oder sich verantwortlich fühlt für Neffen im Schulalter, die nur in ihrem Betragen, Aussehen und Alter unterschiedlich waren. Gegenüber Sargent hatte sie diese Haltung schon bald entwickelt; und es kam ihr jetzt sonderbar vor, dass sie früher vor Skane große Scheu gehabt hatte. Jenes heftige Bekenntnis Skanes kam ihr jetzt vor wie das eines dunkelhaarigen launischen Schuljungen, der nach einer Tracht Prügel in einer Ecke schmollte. Was Matthew betraf, fühlte sie sich in Hurds Büro sofort angezogen von seiner naiven jungenartigen Ausstrahlung. Auch als Liebhaber zeigte er sich meist von ihren eigenen Impulsen beeinflusst und gelenkt. Selbst wenn er jetzt, in der sonderbaren Distanziertheit, die er seit Winteranbruch entwickelt hatte, weniger Liebhaber und mehr Einsiedler zu sein schien, war ihr bewusst, dass sie – zumindest sexuell – ebenso zurückhaltend geworden war wie er. Nach der Ekstase im Herbst war ihre Leidenschaft in eine Art Winterschlaf verfallen, als sei sie dem Wetter unterworfen, wie alles andere auf Marina.

     Dieses Gefühl einer leicht amüsierten Nachsicht gegenüber den drei Männern wurde überschattet von der Undurchdringlichkeit, in der diese teilweise ihre Gedanken verbargen und die sie mit Intuition nicht durchdringen konnte. Zuerst glaubte sie, sie mache ein Rätsel aus der natürlichen Reserviertheit der männlichen Rasse, die sogar gegenüber den eigenen Geschlechtsgenossen bestand. Trotz ihrer zur Schau getragenen Kameraderie, waren Männer im Grunde verschlossene Wesen. Sie gaben sich nie vollständig zu erkennen, nicht einmal untereinander. Einmal hatte Matthew ihr gestanden, dass in den vielen Jahren in denen er mit allen möglichen Männern in engem Kontakt lebte, er nur mit zwei oder drei von ihnen innere Verbundenheit erfahren hatte. 

     Es gab jedoch Tage und Nächte, in denen sich schwarzer Nebel über ihre Gedanken und Sinne legte und dann kam es ihr vor, als liege hinter ihrem professionellen Gerede, ihren lockeren Späßen, ihren Erzählungen von Gewehren und Enten und Ponys etwas verborgen, etwas, das sie genauso betraf wie jene, was sie aber allein herausfinden musste. Was war es? Sie lebten alle unter einer Art düsterem Fluch. Sie fragte sich, ob nicht doch etwas Wahres daran war an ihrer witzig-wilden Vermutung von einer Leiche unter der Funkstation. Die ganze Insel war eine Begräbnisstätte. Diese Schädel und Knochen im Raketenhaus! Diese unheimlichen Geschichten der Inselbewohner, die von einer Generation zur nächsten überliefert und stillschweigend geglaubt wurden, wie ein Glaube, der von den Patriarchen stammte! Lag es daran? War diese seltsame Spannung in der Funkstation ein Teil einer alles durchdringenden, übernatürlichen Kraft, die von den vielen toten Menschen ausging, diesen vom Meer erschlagenen Männern und Frauen in den Dünen? Ein mystischer Druck der namenlosen Toten von Marina! Grotesk! Und dennoch glaubten die Inselbewohner an eine solche Macht. Einige, wie die MacBains, wollten es eben nur nicht zugeben.  

     Man ändert langsam seine Einstellung, überlegte Isabel. Wenn man ankommt, bemerkt man es nicht. Im Laufe des ersten Winters, in den langen Nächte und den kurzen grauen Tagen, während man monatelang den Windböen lauscht, die durch die Antennen heulen, beginnt man, es zu fühlen. Nach dem zweiten Winter glaubt man es. Dann bist du so wie die anderen, eine primitive Kreatur in einer verlorenen Ecke der Welt, Beute von Phantomen, eine Gefangene des Wetters und des Meeres – und der Dunkelheit. Drei oder viermal im Jahr ziehst du deine schäbigen besten Kleider an, gehst an den Strand hinunter, leistest O’Dell deine Ehrerbietung, nimmst Handgeschriebenes aus der Welt draußen entgegen als wäre es ein Talisman, betrachtest die anderen Gefangenen, genauso gekleidet wie du, alle tragen dasselbe maskenhafte Lächeln, grüßen einander auf dieselbe Weise, machen dieselben armseligen Witze und dann geht es zurück in die alten Verstecke zwischen den Dünen, zurück zu deiner Zwangsarbeit, zur ewigen Überwachung unter den aufmerksamen Augen der Toten.       

Oh ja, es ist wahr. Wahr! Matthew genoss lange Zeit Immunität vor all dem. Seine einfache Seele hatte ihn davor geschützt. Er war sogar soweit bevorzugt, dass er in der Dunkelheit auf den Stränden umherwanderte; er liebte die nächtlichen Stürme, den Wirbel der schweren See, die heranrollte, weiß auf schwarz, sich brach und fast bis zu seinen Füßen glitt, er liebte den Ton seiner eigenen tragenden Stimme, die Lord Byrons Verse in den Wind schickte. Kein Wunder, dass die Inselbewohner ihn mit einer gewissen ehrfürchtigen Scheu betrachteten! Jetzt aber ging er bei Dunkelheit nicht mehr hinaus. Sobald es Nacht wurde, schloss sich für ihn die Gefängnistüre, wie für die Kahns, die Giswells und die anderen. Skane machte noch seine einsamen nächtlichen Spaziergänge, nachdem er am Klavier der MacBains geträumt hatte, aber ihr kam es vor, als ob auch Skane nicht immun war. Er wurde nur von anderen Geistern heimgesucht, dem Schatten des grässlichen Rettungsbootes im winterlichen Ozean. Daher gab es hier nichts, das ihn groß in Schrecken versetzen konnte. Was Sargent, den arglosen Jungen anging, lebte er noch nicht lange genug auf Marina, um den vollen Fluch zu erfahren. Er war, wie sie, noch ein Novize im Totenhaus.  

     Im Verlauf der langen Winterwochen geriet Isabel öfter in solch depressive Stimmungen und sie hielten länger an. Sie liefen immer nach dem gleichen Muster ab und waren stets begleitet von einer gefühlten Nähe von Tragik, die sie wispernd umgab, aber zu leise, um sie zu verstehen, wie ein weit entferntes Schiff, das nach Marina Signale schickte, die in den Kopfhörern so schwach ankamen, dass man sie nicht entziffern konnte. Wenn sie nachts im Schlafzimmer die Jalousien herunterzog, begegnete sie ihrem Bild in den dunklen Fensterscheiben wie einem anderen Selbst, das hereinblickte, und dieses andere Gesicht hatte stets den Ausdruck angespannter Ängstlichkeit. Sobald die Jalousie unten war, gab es nur die Lampe und die vertrauten Möbel. Aber wenn sie an den dunklen Wintermorgen aufstand und sich anzog, damit sie den Männern das Frühstück richten konnte, wartete das Bild an der Scheibe auf sie. Es erschien, sobald sie die Jalousie hochzog, und wieder zeigte sich auf dem Gesicht jene fragende Unsicherheit.

     Auf diese Weise kroch die Zeit dahin und die Sonne kroch auf ihrer Bahn nach Norden. Die Männer bewegten sich durch die Funkstation wie Automaten. Sie redeten teilnahmslos miteinander. Jede Zeitschrift war bis zum letzten Fetzen ausgelesen, und der letzte Trumpf aus den zerfledderten Spielkarten herausgeholt. Sie gingen mit Freude in den Wachraum. Es war die einzige Zeit des Tages, wenn jeder einzelne von ihnen auflebte. Durch Matthew, durch Sargent und vor allem durch Skane, hatte Isabel an den Instrumenten sitzend das wundervolle Gefühl von Befreiung, von Flucht in eine andere Existenz kennengelernt, das sich einstellte, sobald man die Kopfhörer aufsetzte. Da ihre weibliche Disposition nicht eingeschränkt wurde durch männliche Selbstkontrolle, jene Pose professioneller Gleichgültigkeit, hinter der diese instinktiv ihr Interesse verbargen, erkannte sie klarer als die anderen das Romantische, das Wunderbare an dem, was jene fast mit Verachtung „Messingklopferei“ nannten.

     Sobald man die Kopfhörer aufsetzte, schien das innere Selbst herauszutreten aus dem müden gelangweilten Körper und ließ ihn auf dem Stuhl in diesem kahlen Raum zurück. Eine Zeitlang war man Teil einer anderen Welt, der realen, der gegenwärtigen lebendigen Welt von Menschen, Schiffen und Häfen, in der Marina nur eine Sandbank war und eine Dreiergruppe von Buchstaben in den Funkbüchern. Pfeifen, knurren, kreischen, stöhnen; hier waren die Stimmen von Menschen, in Punkte und Striche verwandelt mithilfe ihrer Fingerspitzen. In zwanzig Sprachen sprechend schickten sie, was sie zu sagen hatten, über die riesige Weite des Meeres durch einen klaren universell gültigen Code.  

     Da waren die Amerikaner mit ihren gedämpften Signal-Apparaten in hohen Flötentönen, die britischen Frachter mit ihren synchron laufenden Drehorgeln, ihren rauen Baritonen, deren Stimmung auf halber Höhe der Tonleiter lag; die Kanadier mit hohen klagenden Frequenzen; die seltsamen Pop-pop-pop-Töne der Deutschen mit ihren Telefunken-Geräten; die französischen Frachter und Fischkutter, die blökten wie kleine Schafe, die sich auf den nassen grünen Weiden des Meeres verlaufen hatten und ihre Passagierschiffe, die mit schnellen präzisen Tenorstimmen Kontakt zum Land suchten; der harte Schrei gelegentlich auftauchender Japaner, deren Namen alle mit so etwas wie Maru begannen und die die sechshundert-Meter Welle manchmal eine Stunde lang durch ihre teuflischen fünf Kilowatt-Signale blockierten, unbeeindruckt von internationalen Regeln; die kurzen abgehackten Pfeifsignale der Italiener; die klingenden männlichen Basstöne der Norweger, Schweden und Dänen.

     Alle diese Signale bellten, schrien, murmelten oder wisperten zusammen auf der sechshundert-Meter-Welle, dem Hauptkanal für den Schiffsverkehr. Nachts, wenn die Dunkelheit ihren Spielraum um das Drei- Vier oder Fünffache erweiterte, wurde das Durcheinander immens und glich dem Lärm lautstark schreiender Frösche aus einem großen Sumpf in einer Frühlingsnacht. Bei Tag verringerten sich die Reichweite und das Babylonische Sprachgewirr etwas, aber es herrschte nur selten Stille. Die Schiffe tauschten Nachrichten aus oder sie verlangten Hinweise von den Stationen am Festland, forderten Aufmerksamkeit von New York oder Boston oder Cape Race oder Marina, jenem Außenposten, der Botschaften von weit draußen über dem Meer aufnehmen und sie ans Festnetz in Halifax weiterschicken konnte. Die Funker im Bereich des Nord-Atlantik, die diese Stationen bedienten, waren kaum mit Namen bekannt, aber ihre Signal-Codes – NAH, WBF, VGT – kannten alle. Sie verkörperten die Zungen und Ohren von Nordamerika, waren Lauschposten und Sprechtrompeten des Kontinents.

     Die großen Ozeandampfer mit ihren hohen Masten und starken Sendegräten beherrschten den Ozean, indem sie nach allen Seiten Botschaften auswarfen. Sie waren die Primadonnen der Show und stachen mit klaren kräftigen Stimmen aus dem Dröhnen und Trillern des Chores heraus, indem sie zuerst da und dort ein paar abgehackte Töne losschickten und dann zu langen Arien ansetzten, adressiert an London, Paris oder New York. Ihre Stimmen erhoben sich über die Weiten des Meeres, während alle anderen zu einem Murmeln herabsanken. Sobald jedoch die letzte Kadenz mit einem Punkt oder Strich endete, erhob sich der Chor von Neuem und die große Frachtschiff-Flotte, der Pöbel der See, aufdringlich und turbulent, suchte Kontakt untereinander oder mit einer entfernten Landstation.

     In all dem Durcheinander gab es bestimmte Signale mit einer speziellen Bedeutung. Zuerst dein eigenes Signal, das in dein Gehirn eingegraben war mit Buchstaben aus Feuer, so dass du, wachend oder dösend in einer langweiligen Dienstphase, lesend oder schreibend oder an den Zifferblättern herumspielend, sofort aufrecht und aufmerksam im Stuhl sitzt und nach Bleistift und Notizblock greifst. Es gab CQ, den anonymen Ruf, der jeden meinen konnte, das dauernde „Hallo, Mac!“ der herumfummelnden Frachter. Es gab QST, der allgemeine Ruf an alle Stationen auf Schiffen oder an Land, der eine Warnung war, die Navigation betreffend, wie Eisberge oder Treibgut auf den Routen oder Ähnliches. Aber das wichtigste Signal bestand aus einer knappen Anordnung von Punkten und Strichen, die einfach SOS lauteten, auch wenn es auch andere Kombinationen gegeben hätte, die drei Striche und drei Punkte beinhalten und ohne Pause gesendet werden, wie z.B. VTB. SOS war das magische Zeichen, durch das alle Frösche im großen Meeres-Sumpf innerhalb einer Minute zum Schweigen gebracht werden konnten. Für jeden Funker, selbst für Zyniker wie Skane und für alte Hasen wie Carney verlor dieses Signal nie seine erschreckende Wirkung; das Herz blieb einem fast stehen.

     Gewöhnlich kam der Schrei von einem untergehenden Frachter, dessen Stimme zuerst noch leise klang in all dem Durcheinander, gerade noch erfasst von einem oder zwei Schiffen am Rande ihrer Reichweite. Aber diese Schiffe sendeten schnell und dringend und erreichten schließlich die nächstgelegene Landstation, die Polizeiinstanz des Schiffsverkehrs, deren Stimme Gesetz war. Sofort schickte ein einsamer Mann am Funkschalter eines Außenpostens, wie z.B. Marina, einen Trompeten-Ruf, der durch das babylonische Geschwätz schallte wie die Stimme Gottes, das Signal QST – „an alle Stationen“ – und forderte Stille, indem er schnell einige Punkt- und Strich-Zeichen folgen ließ „STD BI FOR SOS.“ Stille trat innerhalb seiner Reichweite ein. Von deren Rand nahmen andere Landstationen den Schrei auf und er flog die Küste hinauf und hinunter. Da und dort hörte man noch die Stimme eines kleinen Schiffes, das nichts kapiert hatte und einen Ruf ausschickte oder weiter über unwichtige Angelegenheiten plapperte. Aber dann unterbrach eine Landstation oder ein nahes Schiff mit einem heftigen QRT – „Halt den Mund!“

     Falls das in der Nacht passierte, wenn die Reichweite ausgedehnter war, breitete sich die große Stille von Labrador bis Florida aus wie eine Infektion und man spürte in dieser riesigen Leere die angespannte Aufmerksamkeit hunderter Männer an der Küste und auf Schiffen, die lauschten, warteten, sich bereithielten, die verzweifelte Stimme einzufangen. Es war großartig! Der gesamte Verkehr, alle dringenden Angelegenheiten innerhalb der enormen Weite des Meeres und der Küsten wurden blockiert und zum Schweigen verdammt, weil irgendwo in der Dunkelheit, ein paar Männer in Gefahr waren.

     Dann kam aus der Leere wieder diese kleine Stimme, stammelte Punkte und Striche auf einem kleinen Hilfsgerät, weil der Maschinenraum überflutet und der Zentraldynamo ausgefallen war. Als schwachen Schrei vernahm man den Namen des sinkenden Schiffes, die entsprechende Latitude, die entsprechende Longitude. Dann wieder Stille. Darauf erschallte erneut der Trompetenruf, der über die nasse Wildnis jenen knappen Appell schleuderte. Wieder Stille. Man konnte sich vorstellen, ja, hatte direkt vor Augen, wie die Funker der Schiffe per Telefon mit der Brücke sprachen, oder hinaufrannten mit Botschaften auf Papier; man konnte sehen, wie die wachhabenden Offiziere, die smarten Linienschiff-Offiziere in Blau mit Messingknöpfen, die ungepflegten Besatzungsleute eines Frachters, die finsteren Kapitäne, aufgeschreckt aus ihren Kojen, die Köpfe unter den Lampen des Navigationsraums zusammensteckten, wie die Schenkel eines Stechzirkels sich bewegten, das Gleiten eines schwarzen Parallel-Lineals, die Berechnungen und Bleistiftnotizen; man konnte sie hören, die dröhnenden Stimmen – „Funker? Das ist unsere Position und Geschwindigkeit“ – „Fünf Stunden“ – „zwölf Stunden“ – Sorry, wir können ihm nicht helfen, wir sind vierhundert Meilen weit östlich“ – „Schwere See hier aus Norden, wer ist näher?“ – „Bei Tag schaffen wir es, wenn das Wetter hält“ – „Ihre Windrichtung? Kannst du die feststellen? Wohin treiben die Rettungsboote?“

      Wieder Punkte und Striche in den Telefonverbindungen. Schiffe, die ihre Position durchgaben. Ein Schritt zu den Seekarten an der Wand der Station. Wer ist am nächsten? Dieser. Aber es ist ein Frachter, der nur sieben Knoten macht – vermutlich wenig Kohlevorrat. Der nächste, ein Tanker mit fast zwanzig, sagt, er hat in dieser Richtung schwere See beim Kreuzen, kann es aber schaffen. Hier ist ein Linienschiff mit zwanzig Knoten, natürlich weiter weg als die anderen, aber es könnte schneller dort sein. So viele Stunden. Puh! Vermutlich ist das Schiff bis dahin unten. Man muss auf die Rettungsboote achten. Also setz‘ alle drei darauf an. Auch den anderen Typen und den Yankee-Trawler. Wir können sie zurückschicken, wenn das Linienschiff es schafft.

     Zurück zur Sendetaste. Wieder der Trompetenstoß. Die Lage ist wie folgt. Vorschlag eins, Vorschlag zwei. („Niemals kommandieren,“ würde Carney sagen. „Denk daran, du kontrollierst zwar den gesamten Funkverkehr in deiner Reichweite, aber du kannst einem Kapitän nicht befehlen. Merk dir das, niemand befielt einem Kapitän, außer der Schiffseigner und das eigene Gewissen – und wenn ein Schiff untergeht, hast du keine Zeit, den Besitzer zu kontaktieren.“ Von jetzt an sitzt du still da und hörst den Gesprächen der Rettungsschiffe zu. Falls alles ordnungsgemäß verläuft, verständigst du die übrigen Landstationen, dass der übliche Verkehr wieder aufgenommen werden kann. Sofort erwachte der Sumpf wieder um Leben, außer einem bemerkenswert ruhigen Bereich in der Gegend des Unglücksschiffes. Dort redet keiner, außer den beteiligten Schiffen und du stehst bereit, um jeden Idioten anzufauchen, der dabei stört.    

     Oh ja, es war wundervoll. Es war aufregend. Das Blut in deinen Adern, das bei so viel Monotonie langsam floss, begann zu prickeln. Jeder Nerv in deinem Körper lebte. Wann immer du die Kopfhörer aufsetzt, spürst du die Bedeutsamkeit des gesamten komplexen Systems, zu dem dein einsamer Außenposten gehört, aber wenn ein Schiff innerhalb deiner Reichweite den Notruf ausstößt, wirst du zum Gott, der den Spatzen vom Dach fallen sieht11). Du siehst es. Die Bilder laufen in Deiner Vorstellung ab wie auf einem Bildschirm. Imagination? Zum Teil, vielleicht. Man konnte es kaum erklären, auch wenn Carney und Sargent und Skane es versucht hatten, ohne Erfolg; erst als Isabel viele Stunden neben ihnen an den Telefonen verbracht hatte, begann sie, ungefähr zu verstehen, was sie meinten. Die Bilder entstanden in deinem Gehirn beim Aufnehmen eines weit entfernten schwachen Funkspruchs; es war eine Wirkung, die vermittelt wurde durch die unsichtbare Hand des Funkers an der Taste, ähnlich dem Verlauf eines Schreibstiftes auf Papier, der auf subtile und doch reale Art und Weise Charakter und Persönlichkeit des Schreibenden und die Emotionen dieses Augenblicks übertragen konnte.

     Bis zu einem gewissen Grad kannte jeder Funker diese unheimliche Erfahrung eines sechsten Sinnes, je nachdem, wie ausgeprägt seine Erfahrung und seine persönliche Sensibilität waren. In den Funkstationen an der Küste, wo viele Funksprüche sich kreuzten, erkannten sie die „Hand“, den Stil eines Funkers, seine ureigene Projektion auf dem „Bildschirm“ am bloßen Kontakt seiner Finger auf dem Funkschalter.

     Während die Gestalten ihrer drei Männer kleiner wurden und über die Dünen Richtung Westen verschwanden, dachte Isabel über diese Dinge nach und fragte sich, ob sie die geheimnisvolle Kunst jemals vollständig beherrschen würde. Auf jeden Fall, sagte sie sich, indem sie den Kristallpunkt ausrichtete, habe ich die nächsten vier Stunden „etwas zu tun“. Gleichsam zur Bestätigung dieses Gedankens, kam ein Signal für Marina. Geübt, fast mit gewohnter Geste, schaltete sie den großen Übertragungsschalter mit ihrer linken Hand ein und legte ihre rechte Hand auf die Sendetaste. Der Stentor im Maschinenraum erwachte durch ihre Berührung und schnarrte gehorsam. Sie lächelte und fragte sich, warum sie das Ding jemals gefürchtet hatte. Sie erzeugte ihre Punkte und Striche in dem exakten Rhythmus, auf dem Skane immer bestanden hatte.

     Dann legte sie den Schalter um, tippte geübt auf den Kristall und ergriff einen Bleistift. Das kleine Signal ertönte wieder in den Kopfhörern. Sie beobachtete, wie der Bleistift über das blaue Nachrichtenformular glitt; genau wie Matthew ihr versichert hatte. „Sobald du das Gefühl dafür entwickelt hast, bist du einfach ein Teil der Maschine. Die Botschaft kommt über die Antennen an und läuft direkt zu deinen Fingerspitzen.“

     Es war eine Routine-Botschaft; ein italienischer Frachter auf dem Weg nach Halifax, informierte die Agenten über Datum und Zeit seiner voraussichtlichen Ankunft und über den Umfang der benötigten Ladung an Kohle und Wasser und wollte wissen, wie alles ablaufen sollte.

     Sie bestätigte und rief Halifax an. Der elektrische Funke kreischte durch das Gebäude und über die Dünen, dit-dit-dit-da, da-dit-da-dit, dit-dit-dit, die Punkte knallten wie Gewehrschüsse, die Striche plärrten in mächtigem Ton. Jetzt hatte sie Freude daran. Es war ein wunderbares Gefühl; und als Halifax mit tiefem Dröhnen antwortete und ein abschließendes „K“ summte, rasselte sie die alltägliche Botschaft geübt herunter wie ein erfahrener alter Hase. Halifax dröhnte „R“; es folgte eine kleine Pause, dann kam „Wer?“. Isabel lächelte. Sie hatte es fast erwartet. In dem grauen Gebäude am Hafeneingang, das sie in der Abenddämmerung liegen sah, als sie mit der Lord Elgin aufs Meer hinausfuhr, hatte der Funker eine unbekannte „Handschrift“ aus Marina bemerkt, was ihn neugierig machte. Sie antwortet kurz angebunden, „C’s wife.“ Kurze Pause. Dann dröhnte es zurück. „Gut gemacht.“ Das war Musik in ihren Ohren.  

Der März kam und zeigte sich teils lieblich wie ein Lamm, teils wild wie ein Löwe, mit stürmischen Winden und warmem Regen. Die Kraft des Winters war gebrochen. Zwar fiel die Temperatur nachts manchmal noch auf null Grad und es gab Schneestürme, die heftiger waren als alle bisherigen, aber die grauen Falten des winterlichen Himmels wurden häufiger weggeblasen und wenn die Sonne durchbrach, konnte man ihre Wärme auf den nackten Wangen spüren. An jedem klaren Tag rückte der Schatten des Mastes, dieser schlanke, stille Finger der Zeit, vom Morgen bis zum Abend auf dem Sand einen Viertelkreis weiter, aber der Schatten selbst wurde kürzer. Sargent hatte Spaß daran, mittags die Spitze des Schattens, wenn sie zu sehen war, zu markieren, indem er ein kleines Stück Treibholz in den Sand steckte. Er begann damit im Februar und Mitte März sah seine unregelmäßige Linie aus Stöcken aus wie ein Mini-Zaun, der keinen Anfang und kein Ende hatte. „Wenn er bis dahin reicht,“ rief er und kickte in Richtung Mast auf ein Stück unberührten Sand, „Gehe ich fort nach Halifax. Das müsst ihr euch merken!“ Carney zuckte mit den Schultern. Er wusste, wie weit Sargents Stöckchen es noch hatten. Skane lächelte verständnisvoll. In Isabel regten sich Sehnsüchte, nicht für Halifax, aber für das Landleben. 

     Im Tal, in dem sie geboren wurde und wo sie angefangen hatte zu unterrichten, waren die Apfelbäume jetzt noch schwarz und kahl, ebenso die Büsche und die Laubbäume. Es lag tiefer Schnee in den Fichtenwäldern der Berge und dickes Eis auf den Seen und Teichen. Aber die Südseiten aller Bauernhäuser leuchteten in der Sonne und die Ackerfurchen, die man im Herbst gezogen hatte, glitzerten da, wo der Schnee geschmolzen war, und die nasse rote Erde sah aus wie dickes Blut. Die Bäche flossen randvoll dahin, angeschwollen vom tauenden Schnee in den Bergen. Jungen und Männer stiegen jetzt die Berghänge hinauf, um die Zucker-Ahorne anzuzapfen. Das erste Rotkehlchen zwitscherte auf dem Weidezaun, Schwärme von Sperlingsvögeln machten sich auf der Suche nach Samen über das vorjährige Unkraut auf den Feldern her, und Krähenschwärme flogen langsam im letzten Abendlicht zu den Kiefernwäldern. Die Straßen sahen aus wie Flüsse aus rotem Lehm, auf denen die Karren und Wagen der Bauern sich dahinwälzten. Autos kamen da nicht durch. In den Wäldern begannen die Anemonen zu sprießen und an sonnigen Plätzen blühten sie schon. Die Kinder pflückten sie auf dem Schulweg und Lehrer, wie die junge Isabel Jardine, nahmen sie entgegen und rochen den Duft, der für jeden Bewohner von Nova Scotia der reizendste Duft in der Welt ist.

     Die Wildgänse flogen Richtung Norden und manchmal konntest du sie durch dein Schlafzimmerfenster hören, diesen eiligen durchdringenden nächtlichen Schrei. Auch Scharen von Wildenten zogen vorbei und huschten über den Himmel des Tales wie Windschatten über das Meer. An den Flussmündungen lauerten kleine Jungen auf wandernde junge Aale, fingen sie ein und brachten sie in Schraubgläsern in die Schule und Lehrer, wie die junge Isabel Jardine, betrachteten die silbrigen durchsichtigen Dinger und nutzten den Moment, um eine ernsthafte Lektion über die Lebensgewohnheiten des atlantischen Aals zu beginnen. Die Maifische wanderten jetzt ebenfalls die Strömungen zur Bay of Fundy hinauf, um dort zu laichen; und entlang der gesamten Küste machten die Hummerfischer täglich die Runde zu ihren Fallen. In Lunenburg rüsteten die Kabeljau-Fischer ihre hübschen Schoner für die erste Fahrt zu den Fischgründen der Neufundland-Banks. Auf Marina wurde bereits einige von ihnen beim West-Leuchtturm gesichtet, wie sie an den Fischgründen von Marina fischten oder Richtung Quero vorbeisegelten oder weiter zu den großen Banks. Als Matthew davon hörte, bemerkte er unwillkürlich, „Da sind sie, die letzten Segelschiffe unserer Zeit.“

Abgesehen von Sargents hoffnungsvollen Stöckchen, gab es keine Anzeichen des Frühlings auf Marina. Der Schnee war zwar verschwunden, aber die Lagune lag noch unter einer dicken Eisschicht, die braunen Rücken der Dünen zogen sich nach Osten und Westen hin, ohne eine Andeutung von Grün und man sah keine Vögel, abgesehen von einer robusten Schar Heringsmöwen, die im Winter geblieben waren. Andere Anzeichen gab es, aber sie stellten ein Paradox dar – ein Auflodern von Nordlichtern, glänzender als alle, die im Herbst zu sehen waren und eine weiße Invasion aus Richtung Nordwesten, ein großes Eisfeld, das vom Horizont her auf die Insel zutrieb unter den Stößen eines drei Tage anhaltenden Sturms. Unter der weißen Masse konnte man das Meer meilenweit nicht mehr sehen. Als die ersten Eisschollen den Strand erreichten und die letzte Lücke offenes Wasser sich schloss, blendete die weite weiße Fläche im Sonnenlicht die Augen.   

Isabel wanderte mit Matthew und Sargent zum West-Leuchtturm und beobachtete das glitzernde Spektakel vom Spiegelglas-Fenster der „Laterne“ aus. Den gesamten Nordstrand entlang schob sich das Packeis mit den vordersten Schollen bis zum Fuß der Dünen, dann stoppte der ganze Vormarsch. Die Eisschollen ächzten, kreischten und brachen mit Kanonendonner, konnten jedoch die braune Rampe nicht überwinden, die den Winterfluten so lange standgehalten hatte. Mit der Westbarriere war es anders. Der lang auslaufende Wall zog sich meilenweit hin, kaum überflutet, verlief aber langsam in tieferem Wasser. Hier wurden die Eisschollen im Inlandbereich aufgehalten, während sie im tieferen Bereich weiter schwammen. Der Wind drehte auf Osten und begann, das Eisfeld über den Wall und um das westliche Ende der Insel zu pressen. Ein Wirbel begann, der die großen Eisschollen in den Flachbereichen übereinander schob, sie aufhäufte, so dass manchmal am Rand eine ganze Scholle in die Luft geschleudert wurde, sich drehte, herunterfiel und zerbrach.

Dieser Kampf, den die starken Strömungen bei halber Ebbe am Westende noch verstärkten, erzeugte in der kleinen Welt von Marina einen mächtigen, verwirrenden Aufruhr. Selbst in der Sicherheit des Leuchtturms und an Matthews Arm geklammert, empfand Isabel das Schauspiel und den Lärm als furchterregend. Mit Erstaunen beobachtete sie, wie sich die Eisschollen auftürmten – einem zerfallenen Paket Karten ähnlich – sich gegenseitig zermalmten und weiterdrängten. Erneut fragte sie sich – wie bereits während der Winterstürme – wie es sein konnte, dass die Sandinsel Marina, ohne Felsengrund, ohne einen einzigen Kieselstein in ihrem Gefüge, einen solchen Angriff auch nur eine halbe Stunde lang aushalten konnte.

Auf dem Weg zurück zur Funkstation fragte sie, „Und du sagst, das ist ein Zeichen des Frühlings!“

„Ja schon,“ entgegnete Matthew auf seine langsame, ruhige Art, „im Winter sammelt sich das Packeis im Golf und dehnt sich dann aus aufs Meer. Wir kriegen jeden Frühling etwas davon ab. In ungefähr drei Wochen wird das erste Dampfschiff den Golf hinauffahren und in Montreal anlegen und die Hohen Tiere der Hafenverwaltung gehen zum Hafen hinunter und empfangen den Kapitän mit einem Stock mit Goldknauf – so machen sie das wirklich, glaub mir.“

„Und was ist mit den Nordlichtern? Sie sind jetzt viel intensiver. Ist das nicht ein Zeichen für kälteres Wetter?“

„Ein Zeichen für Veränderung. Sie scheinen immer intensiver zum Zeitpunkt der Tagundnachtgleiche. Auf diesem Breitengrad sowieso. Denk nur an September.“

Sie dachte an jene schlaflosen Nächte, als sie nur mit einem Mantel über ihrem Nachthemd zum Ufer der Lagune hinabgegangen war. Es schien jetzt unendlich lange her. Sie überlegte, wie schnell Erfahrungen mit der Zeit vergehen können. Seit der abendlichen Party bei den MacBains, als sie Skane zum ersten Mal spielen hörte, und der Zauber seiner Musik sie leidenschaftlich weinend in Matthews Arme getrieben hatte, war sie nicht mehr nachts unterwegs gewesen. Im Winter war eine unsichere Pause entstanden, eine lauernde Empfindung von drohendem Unheil. Und jetzt kam der Frühling. Glaubte man den Kalender-Jahrbüchern, sollten mit der Frühlings-Equinox große Stürme und Regenfälle einsetzen, bevor man den Sonnenschein und die Blumen genießen konnte.

Sie dachte an eine Nacht im September, als sie schlaflos und unruhig an Matthew vorbeischlich, der auf der Couch in der Küche schlief, und in die Dunkelheit hinaustrat. Es war fast drei Uhr morgens und der diensthabende Funker hatte seine Kopfhörer abgesetzt und war in den Maschinenraum gegangen, um den Wassertank aufzufüllen. Isabel konnte das schleppende Saugen und Schnarren der Pumpe hören. In einer neugierigen Regung war sie an der Südwand der Station entlang gegangen und hatte durch ein Fenster des Maschinenraums hineingesehen. Was sie sah, fesselte sie.

Der Maschinenraum war ein sehr heißer, ungemütlicher Ort. Gewöhnlich wurden die Fenster geschlossen gehalten, damit kein Sand in die Maschinen geriet. In einer Ecke stand ein hoher zylindrischer Tank, vollgefüllt mit Wasser, von dem aus das Kühlsystem der Maschinerie zirkulierte. Der Tank stand oben offen und im schmalen Zwischenraum bis zur Decke ragte das Überlaufrohr des häuslichen Wassertanks heraus, der sich oben im Dachboden befand. Wenn also der Hauswassertank gefüllt war, floss der Überlauf in den Tank des Maschinenraums. Das bedeutete das Ende der nächtlichen Plackerei an der Pumpe für den jeweiligen Funker. Ein paar wenige Pumpstöße genügten, um das Wasser zu ersetzen, das während des Tages aus dem Kühlungstank verdunstete.

In dieser nahezu windstillen Nacht, in der kein Sand flog, hatte Skane das Westfenster geöffnet, damit er die leichte Brise aus den Dünen fühlen konnte. Trotzdem war die Luft im Raum stickig: der heiße Dunst öliger Schmiermittel, Benzingestank und die Ausdünstung des warmen Lackanstrichs auf der Armatur des Dynamos, dazu der seltsame scharfe Ozongeruch, den der Funke im Laufe des Tages erzeugte. In dieser Heizungsraum-Atmosphäre stand Skane nackt an der Pumpe. Schweißgebadet und sonnengebräunt in jenen Sommermonaten, als sie alle „gelebt hatten wie die Wilden“, glänzte seine Gestalt wie polierte Bronze. Der Pumpenhebel reichte bis zu seiner Brust, einen Fuß hatte er nach vorn gestellt und zog mit einem Arm den Hebel vor und zurück.

In einem ersten Impuls wollte Isabel eilig verschwinden, wie es sich für eine anständige Frau gehörte, aber auf Skanes Gesicht lag ein Ausdruck, der sie fesselte. Er blickte auf den Kühlungstank Richtung Decke, wo jetzt jeden Augenblick das Überlaufrohr zu sprudeln begann. Eine schwarze feuchte Haarsträhne hing ihm in die Stirn und der Lichtschein der einzigen Wandlampe fiel auf sein aufwärts gerichtetes Gesicht, in dem ein intensiver Ausdruck gespannter Erwartung lag, weil das Ende seiner Schufterei nahte. Der gesamte heftige Rhythmus seines schlanken Körpers, der sich, wie bei einem Athleten am Höhepunkt einer sportlichen Leistung, unbewusst manifestierte, schien in diesen emotionalen Gesichtsausdruck zu fließen.

Wenige Augenblicke später, begann oben das Wasser in den dampfenden oberen Teil des Kühlungstanks zu plätschern, ein dünner Strahl, im Wandlicht leuchtend und im Rhythmus der Pumpe pulsierend. Skane stieß befriedigt ein erleichtertes „Ah“! aus und drückte zuletzt den Hebel mit einer heftigen Bewegung von sich weg, die seinen ganzen Hass auf die Vorrichtung erkennen ließ. Er wandte sich zur Türe und Isabel floh.

Während sie jetzt schweigend zwischen Matthew und Sargent dahinwanderte und überlegte, was wohl das Ende des Winters mit sich bringen würde, hier, wo sich nichts wirklich änderte, außer der Himmel und die darüber ziehenden Wolken, dachte sie an Skane an der Pumpe. Das Bild war wie ein Symbol, das sich wie ein Foto tief in ihr Bewusstsein eingegraben hatte. Wir alle waren seit dem Beginn des Winters an einer Art Pumpe, dachte sie, und wir alle sind uns ähnlich, sobald die Masken fallen. Jeder wartet darauf, dass etwas geschieht. Wir halten Ausschau nach etwas, das den Zauber bricht, der uns bannt. Tausendmal schon hatte sie sich gefragt, Was könnte das sein? Und wieder gab es keine Antwort. Jetzt aber tauchte eine neue Frage auf und blieb eine hartnäckige Unterströmung im Fluss ihrer Gedanken. Wann?

 

KAPITEL 23

 

Sargent’s absurde Stöckchen näherten sich dem Mast. Es gab starke Winde und Sandstürme, es gab strömenden Regen. Jedoch an Sonnentagen legte sich eine wohltuende Wärme über Marina. An hellen Nachmittagen schimmerten die Sandhügel und ein Phänomen tauchte wieder auf, welches sich seit dem letzten Indian Summer nicht mehr gezeigt hatte. Die Dünen krümmten sich wie die Falten eines Tischtuchs, das langsam geschüttelt wurde, und wilde Ponys, die über die Hänge liefen, schienen unförmig und riesig zu sein wie Büffel. Lebensretter auf Patrouille, die von der Hauptstation kamen oder auf Besuch „drunten am Ostleuchtturm waren“, wurden zu Riesen, die im Vorbeireiten auf unmöglich großen Tieren ritten, und als sie weiterzogen, kurz darauf, im unsteten Flimmern des grellen Lichtes, zu Punkten schrumpften oder verschwanden. Trümmer alter Wrackteile auf dem Strand schienen eine Meile entfernt eigenartig lebendig zu sein, sich zu erheben, zu drehen, anzuschwellen, sich zusammenzuziehen, auszusehen wie Häuser, wie Bäume, wie Schiffe. Mit der Wiederkehr des Frühlings hatte Marina ihre letzte Verankerung in der Realität aufgegeben zugunsten der fantastischen Welten der Fata Morgana.

Das Eis auf der Lagune und den Teichen wurde dunkel und stockig. Lange Sandbahnen lagen über der Eisfläche, angetrieben von den nahegelegenen Dünen. Sie fingen jetzt die Sonnenwärme ein, brannten sich ins Eis und öffneten dem blauen Wasser Kanäle. In einer wilden Nacht Ende März schlug der Westwind die zerfallene Eisdecke ganz ein, riss sie in Fetzen und warf die grauen Reste ans Ufer. Die letzten Schollen des Meereises, vergleichbar den Toten einer Polarinvasion, die vom Strand weggetrieben werden, veränderten sich in der Sonne zu einer eigenartigen fasrigen Masse, die zu einem Haufen Kristalle zerfielen, wenn man sie berührte, um gleich darauf spurlos zu schmelzen. Wildenten erschienen zuerst paarweise oder zu dritt, dann zu hunderten und trieben wie dunkle Flöße auf der Wasserfläche der Lagune.

An sonnigen Nachmittagen begann Isabel wieder zu reiten, zusammen mit Matthew oder Skane oder Sargent, wer jeweils frei war, um die Ponys von der Hauptstation zu holen und sich mit ihr in den Dünen und auf den Stränden herumzutreiben. Eines nachmittags im April ritten sie und Skane nach Osten zu Nummer Zwei und besuchten die Lermonts. Ihre Station sah sehr klein und einsam aus; ein Haus und ein Schuppen, so geschickt und sorgfältig eingebettet in eine Senke zwischen den Dünen, dass nur die Telefonleitung ihre Anwesenheit verriet. Lermont kam aus der Hütte und übernahm die Ponys, nachdem sie in die Senke geritten waren. Die pummelige Mary Lermont stieß ihre Küchentüre auf und begrüßte sie. 

„Zuerst dachte ich, Sara sei wieder da!“ rief sie. „Sie ist vor einer Minute weggeritten, habt ihr sie nicht gesehen?“

„Nein,“ antworteten sie.

„Sie muss ganz schnell weggeritten sein. Seit die Enten gekommen sind, war sie jeden Tag hier mit Papas altem Seehund-Gewehr, zum Jagen an den Teichen. Sagt, s‘ ist nich möglich, ihnen beizukommen mit ner Schrotflinte; sie sind so schreckhaft. Kommt doch rein.“

Sie traten in ein einfaches kleines Wohnzimmer, das ähnlich gestaltet war, wie das der MacBains und unterhielten sich bei Plätzchen und Tee. Lermonts Gesicht hatte immer noch die verwitterte Bräune vom vergangenen Herbst. Isabel dachte an die winterlichen Patrouille-Ritte, an den einsamen Mann und sein Pony im heftigen Wind am Strand. Mary Lermont dagegen, fand Isabel, sah blässlich aus und etwas ausgelaugt, als ob die langen leeren Monate, die sie eingeschlossen an diesem einsamen Ort verbracht hatte, gleichzeitig an ihrer Seele und an ihrer Hautfarbe gezehrt hatten. Momentan kreiste ihr Gespräch – wie die aller Inselfrauen – nur um einen einzigen Gegenstand: Das Schiff.

„Habt ihr denn auf der Funkstation was von der Elgin gehört? Nein? S‘ wird langsam Zeit, dass wir was hören, meint ihr nicht auch? Ich hab‘ meine Liste mit den Bestellungen seit Tagen fertig. Habt ihr eure auch schon fertig? Auf der Main Station gibt es Veränderungen bei der Mannschaft; drei aus der Rettungsboot-Mannschaft haben seit diesem Winter genug von allem – sie gehen fort nach Hal’fax. Und der Gehilfe des Leuchtturmwächters im Osten, es geht ihm nicht gut, möchte eine Auszeit nehmen auf dem Festland. Ma meint, Sara sollte auch fort und ein oder zwei Jahre in eine Schule gehen. Sie könnte bei Mas Schwester in Port Bickerton wohnen, aber Sara will natürlich nicht. Ein großes Mädchen ist sie geworden – und wild wie ein Pony, treibt sich überall herum.“

Mary rollte ihre großen blauen Augen, als sie das sagte und ließ sie hin und her gleiten zwischen Skane und Isabel. „Sie reiten ja inzwischen ziemlich oft aus, Mrs. Carney, nicht wahr? Sara sagt, sie sieht Sie öfter. Sie hält sich meistens im Westen der Insel auf, keine Ahnung, warum.“ Du weißt ganz genau, warum, dachte Isabel. Skane stellte seine leere Tasse ab und stand auf.

„Ich glaube, wir sollten uns langsam verabschieden, was meinst du?“

Sie nickte, erhob sich, strich die Brösel von ihren Reithosen und knöpfte die hellrote Jacke zu. Man verabschiedete sich höflich, dann ritten sie aus der Mulde heraus, während die Lermonts ihnen von der Eingangstüre her nachschauten. Kaum hatten sie den Rand der Mulde überwunden, waren Haus und Schuppen plötzlich, wie durch einen Zaubertrick, verschwunden. Sie waren allein in der Wildnis der Dünen. Nach Norden hin, unsichtbar, aber nicht weit entfernt, klatschte die Brandung an den Strand und weit entfernt von der anderen Seite her kam vom Südwall gedämpftes Rauschen. Hinter ihnen sah man nur die Spitze des Funkturms. Vor ihnen reihten sich Masten mit ihren Telefondrähten und verschwanden in Richtung Nummer Drei in einer Lichtspiegelung. Sie ritten eine Zeitlang schweigend dahin. Die Sättel knarrten, die Hufe der Ponys wisperten im Sand.

„Warum füllt der Sand solche Mulden nicht auf?“ fragte Isabel, um die Stille zu unterbrechen.

„Du meinst, wie die von Nummer Zwei? Hast du denn nicht bemerkt wie gut die umgebenden Dünen befestigt sind mit Marram-Gras und Kriechplanzen, Stranderbsen zum Beispiel? Die kahlen Dünen, wie die dort drüben“ – er zeigte mit seiner Reitpeitsche – sind Wanderdünen. Wenn der Wind tagelang ständig aus derselben Richtung bläst, kann er sie bewegen. Deshalb finden die Patrouillen-Gänger ab und zu Knochen und Reste von Wrackteilen, die jahrelang begraben lagen, vielleicht Jahrhunderte. Komm, wir reiten hinüber zu Old Two. Es sind nur ein paar Meilen hin.“

„Einverstanden. Was ist Old Two?“

„Der ursprüngliche Leuchtturm Nummer Zwei. Da siehst du, was passiert, wenn sich eine große Düne auf Wanderschaft begibt. Das Haus wurde in einer Senke wetterfest errichtet und jahrelang war alles gut. Dann begann der Wind irgendwie von der Ostseite her unter dem Grasbestand zu nagen. Vielleicht hat eines der wilden Ponys dort ein Loch geschlagen, so dass der Wind eindringen konnte. Was auch immer; der Sand begann zu wandern. Zuerst kaum merklich. Nur ein paar Tonnen, immer dann, wenn der Wind von Osten kam. Der Wächter von Nummer Zwei kämpfte ein Jahr lang dagegen an, baute einen Zaun aus Treibholz und versuchte auch mit anderen Mitteln, die Verschiebung zu stoppen. Er hätte auch versuchen können, bei Ebbe das Meer aufzuhalten. Dann geriet der Gouverneur in Alarmbereitschaft – es war fünfzig oder sechzig Jahre vor McBains Zeit, aber jeder hier kennt die Geschichte. Es ist ein Insel-Klassiker. Die Mannschaften der gesamten Insel halfen mit beim Versuch, die Düne aufzuhalten – sie versuchten sogar sie zurückzuschaufeln. Schließlich mussten sie aufgeben. Die Regierung ließ eine neue Station bauen, weiter westlich, die neue Nummer Zwei, wo wir soeben waren. Man hat alles rausgeräumt aus Old Two und es dann verlassen.“

Skane ritt voraus, vorbei an einer Reihe kleiner schilfbestandener Teiche, umkränzt von einer schmalen Schicht Cranberry-Ranken. Sie ritten unter der Telefonleitung durch, wobei sie die Köpfe duckten, dann ging es an der Schulter einer kahlen Düne nach oben. Skane zügelte das Pferd und als Isabel neben ihm anhielt, sah sie in einer flachen Senke das Ende eines Dachgiebels. Am Anfang der Senke konnte man ein kleines Stück Strand sehen und die weißen Schaumkronen der Dünung. Sie betrachtete das herausragende Teil des Hauses und lachte. „Es sieht fast komisch aus, oder nicht? Wie im Sandkasten eines Kindes.“

Sie ritten hinunter und stiegen ab. Die Düne hatte das Haus vollständig begraben, bis auf einen Teil des Daches und den Giebel, aus dem ein leerer Fensterrahmen starrte wie ein viereckiges schwarzes Auge.

„Das ist das Dachbodenfenster,“ bemerkte Skane. „Sargent und ich sind mal dort hineingeklettert und innen durch das Haus gegangen – es ist als ob man in eine Mine einsteigt. Die anderen Fenster sind alle erhalten – sie wurden mit Brettern vernagelt, als der Sand höher stieg. Vermutlich dachte man, dass die Düne eines Tages wieder nach Osten weiterwandern könnte. Sargent hatte einen Riesenspaß. Er war wie ein Kind, das eine Höhle erforscht.“

„Ich würde es auch gerne sehen, Greg,“ sagte sie aus einem Impuls heraus. „Nimm mich mit hinein.“

Er schlang die Zügel der Ponys um einen festen Wrackbalken und kroch durch das Fenster. Isabel folgte ihm und als sie sich aufrichtete, zündete er ein Streichholz an. In seinem gelben Schein konnte sie eine Sandverwehung entlang des Bodens sehen, die durch das offene Fenster entstanden war. Sie gingen eine schmale Treppe hinunter und betrachteten vier kleine Schlafzimmer. Die Wände waren von einer einfachen geblümten Tapete bedeckt, die sich fleckig und feucht in verrotteten Streifen ablöste.

„Natürlich wurden alle Möbel entfernt, bevor sie das Haus verlassen haben,“ sagt Skane. In der modrigen Luft der leeren Räume, auf den Fußböden eine Schicht aus feinem Sand, die bretterbedeckten Fenster fest im tödlichen Griff der Düne, klang Skanes Stimme hohl wie in einer Grotte. Das Flackern des Streichholzes warf ihre Schatten an die weiter entferne Wand – zwei groteske Giganten.

Als sie die Haupttreppe hinuntergingen zum Untergeschoß, rief Isabel, „Jetzt weiß ich, wie sich ein Taucher in einem gesunkenen Schiff fühlt! Die Treppen hier sind so steil und schmal wie eine Kajütentreppe.“  

Sie lachte nervös. „Ich finde es etwas unheimlich. Es ist so kalt und die Luft fühlt sich so feucht an. Ich wäre nicht überrascht, wenn ein Oktopus oder sonst etwas Schleimiges, Grässliches aus einer Ecke käme.“ Sie hängte sich bei ihm ein und blieb dicht an seiner Seite, während er durch den Raum lief und mit seiner freien Hand Zündhölzer aus der Jackentasche zog und anzündete. An der tiefsten Höhlung, dumpfig und eisig wie ein Grab, rüttelte Skane am Knopf der Küchentüre. „Du hattest wirklich recht, als du von einem versunkenen Schiff gesprochen hast. Diesen Eindruck hatte ich zuvor auch schon. Man hat das Gefühl, als könnte man durch diese Türe direkt in Davy Jones Locker 12) treten.“

„Hör auf damit!“

„Ach, denk dir nichts. Sargent und ich öffneten die Türe aus Neugier. Wir erwarteten schon, einem toten Seemann auf der anderen Seite zu begegnen mit der Hand am Gegenknopf; es gibt aber auf der anderen Seite eine schwere Sturmtüre, die von außen zugenagelt ist.“

„Ah! Komm bitte, wir sollten zurückgehen.“

„Lass uns doch noch herumschauen, solange wir hier sind. Siehst du das Regal in der Ecke? Dort haben sie ihre Wasserkübel abgestellt – man kann immer noch den runden Rand auf dem Anstrich sehen. Damals gab es noch keine Küchenpumpen – sie mussten alles Wasser aus einem kleinen Teich weiter hinten in südlicher Richtung holen. Sargent und ich fanden ein altes Stanzloch am Rand des Teichs, vom Sand überdeckt, wo sie ihre Kübel eintauchten.“

Er wanderte durch die unteren Räume, entzündete ein Streichholz nach dem anderen an und inspizierte die Wände und Decken mit einem Interesse, das Isabel nicht teilte. Sie fühlte, wie eisiges Grausen sie durchdrang. Schritt für Schritt hielt sie sich an seiner Seite. Ihre Schatten liefen an der Wand zu einem einzigen Schatten zusammen.

„Die früheren Bewohner ließen wirklich kein Stückchen zurück, als sie fortgingen, nicht wahr? Kein Bild an der Wand. Kann man natürlich verstehen. Wenn man jahrelang mit einem Gegenstand gelebt hat, und sei es nur ein einfaches Objekt, wie ein Stuhl, den man in zwanzig Minuten ersetzen kann mithilfe einer Axt und einem scharfen Messer, will man dennoch nicht, dass er lebendig begraben wird in einem Ort wie diesem.“

Isabel verlor den Mut, als sie das hörte. Sie versuchte, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen.

„Lass uns gehen, Greg – jetzt gleich! Ich fürchte mich. Auch wenn es albern klingt, aber so ist es.“

„Geh‘ zu! Unsinn! Es gibt noch etwas, das ich dir zeigen möchte. Sargent und ich fanden ein Blatt von einer alten Zeitung hier unten irgendwo. Wo haben wir es hingeworfen? Eine erstaunliche Nachricht – eine Zeitung aus Boston mit einer Kolumne überschrieben mit Neueste Nachrichten aus dem Krieg. Es folgte ein langer Bericht über die Schlacht von Bull Run, Juli 1861.“

Er ging von ihr weg, um in einer Ecke nachzusehen und hielt das Streichholz tief. In diesem Augenblick erlosch es. Es herrschte dichte Dunkelheit, nass und schwer. Isabel machte einen Schritt vorwärts und suchte unsicher seine beruhigende Nähe. Er war nicht da. Sie streckte ihre Arme aus. Er blieb verschwunden. Sie horchte. Kein Laut. Sie schrie „Greg!“

„Ja?“ sagte er ganz nahe, aber etwas hinter ihr, nicht dort, wo er vorher war.“

„Es ist so schrecklich dunkel! Warum zündest du kein Streichholz an?“

„Ich habe leider keines mehr.“

Sie hörte ihn nahe herantreten, wandte sich um, ergriff seine Jacke und klammerte sich zitternd und schluchzend an ihn, „Bring mich raus! Bring mich raus!“

Skane legte einen Arm um sie und sie tasteten sich vorwärts bis zur Haupttreppe. Sie konnte kaum atmen. Es kam ihr vor, als rückten die Wände immer näher zusammen. Unter diesen Sandmassen, in der düsteren Dunkelheit des Hauses fühlte sie fast, wie die kalte Klaue Marinas nach ihr griff, das böse Meeresungeheuer mit seinem Bauch voller Wracks und den Gebeinen toter Männer, immer noch hungrig nach mehr. Sie war einer Ohnmacht nahe, als sie schließlich in der frischen Luft des Dachbodens angekommen waren und sie den Einfall von Sonnenstrahlen durch den leeren Fensterrahmen sah. In wenigen Augenblicken waren sie draußen und hatten die geduldigen Ponys und das blaue Dreieck des Meeres zwischen den Dünen vor Augen. Isabel lehnte sich an den Giebel mit seinen aufgebogenen, verrotteten Schindeln, nicht sicher, ob sie ihren Beinen trauen konnte. Skane hatte immer noch seinen Arm um sie gelegt. Eine Meeresbrise streifte kalt über ihre feuchte Stirn. Sie ärgerte sich, dass sie sich in einem Anfall von Klaustrophobie wie ein ängstliches Kind benommen hatte. Die Angst war gewichen, aber nun spürte sie, wie eine andere nervöse Empfindung sie erfasste. Wie selbstverständlich wandte sie sich Skane zu, nicht mehr angstgetrieben, sondern als ob diese verzweifelten Augenblicke in der Dunkelheit etwas ausgelöst hatten, das seine Nähe erforderlich machte. Sie war unfähig zu überlegen. Sie sah ihn an mit einem Ausdruck von Verwunderung, als sei sie in einer geheimnisvollen, aber ungeheuer bedeutungsvollen Vision gefangen, deren Ausgang ihr klar war.

Skane sagte nichts. Er nahm sie in seine Arme und seine Lippen fanden ihren Mund. Isabel stand vollkommen ergeben da, mit geschlossenen Augen und herabhängenden Armen. Skanes Lippen waren hart und leidenschaftlich. Der ganze Hunger seiner langen Abstinenz auf Marina schien Ausdruck zu finden in den Küssen, die er auf ihren zitternden Mund presste. Schließlich hielt er inne. Sie öffnete die Augen und traf seinen dunkelblauen Blick. Es lag keine Feindseligkeit mehr darin, kein lächelnder Zynismus, keine kühle Bewertung, nichts von all dem, was sie in der Vergangenheit an ihm gehasst hatte; nur ein Verlangen, das ihn quälte und eine Forderung, die zu verweigern unmöglich war. Selbst wenn sie sich hätte weigern wollen, stand ihr Mangel an Erfahrung dem entgegen. Sie hatte keine Ahnung – Miss Benson hätte es zweifellos gewusst – wie die Situation leicht und unbeschwert zu meistern war; all die kühle Integrität früherer Tage, das Erbe eines presbyterianischen Gewissens, die sichere Unterscheidung von Gut und Böse gingen unter und verschwanden in einer überraschenden Welle von Gefühlen. Die einzige Erklärung, die ihr einfiel, war der Gedanke, dass die lange Frustration der Wintermonate auf unerklärliche Art und Weise zu dieser unvermuteten Begegnung geführt hatte und diese Krise ihr vielleicht einen Ausweg bot.

Sie ließ eine erneute leidenschaftliche Liebkosung zu, dann schloss sie die Augen.

„Nicht hier,“ sagte sie leise. „Nicht an diesem schrecklichen Ort.“

Skane legte einen Arm unter ihre Knie und trug sie langsam die Senke hoch. Das Rauschen des Meeres wurde leiser. Sie spürte, wie sie einen Hang hinauf- und einen Abhang, der ziemlich steil abfiel, hinuntergetragen wurde. Als sie für einen Augenblick die Augen öffnete, sah sie einen kleinen Teich in einer Sandkuhle. Es war einer der unzähligen namenlosen Teiche, aus denen die wilden Ponys tranken und wo sie sich vor Stürmen in Sicherheit brachten. Ähnlich dem Krater eines kleinen Vulkans, liefen die Dünen dort in einem fast perfekten Trichter zusammen, der bedeckt war mit Spiergras und Strand-Erbsen. Das Wasser war seicht und klar, umgeben von Schilf, am Rand zeichneten sich deutlich die Hufspuren umherwandernder Ponys ab. Im Abstand von etwa vier Yards vom Ufer hatte sich im Laufe einer langen Zeitspanne eine dünne Torfschicht entwickelt, auf der jetzt kurzes Gras und Cranberry-Ranken wuchsen und einen Hauch von Grün zeigten. An einer Stelle im Gras konnte man eine glänzende Scheibe sehen, die versunkene Schöpfstelle, von der Skane gesprochen hatte. Dort befand sich die frühere Wasserquelle der alten Nummer Zwei.

Skane betrat den weichen Torfrand und legte sie vorsichtig dort nieder. Sie bewegte sich nicht. Ruhig und entspannt lag sie im Gras, das Gesicht abgewandt, die Augen geschlossen, zu müde zu kämpfen, in einer Haltung völliger Schicksals-Ergebenheit. Keiner sprach. Im Blick, den sie am Giebel der alten Nummer Zwei getauscht hatten, war alles gesagt. Die Nachmittagssonne schien heiß auf das Gras, auf dem sie lagen. Ein leichter Wind vom Meer ließ das Spiergras am Kraterrand schwanken. Ein winziger Sandpfeifer, einer der Frühlingsboten, flitzte zwischen dem Schilf umher und beobachtete sie neugierig. Isabel hatte keine bewusste Erinnerung, ob sie angekleidet war oder ausgekleidet. Es gab einen Moment, in dem sie die Wärme der Sonne an ihren Schenkeln spürte, dann wurde sie mitgerissen von Skanes Leidenschaft und ihrem eigenen unbändigen Verlangen nach Vergessen.

Es verging eine Stunde, oder zwei. Wie einer, der lange Zeit ausgetrocknet in der Wüste verbracht hatte, trank Skane tief aus der entdeckten Quelle, pausierte, und trank erneut. In dieser ekstatischen Erregung und Erschütterung gab es kein Gefühl für Zeit. Einmal, in einem überwältigenden Moment, öffnete Isabel mit zurückgelehntem Kopf ihre Augen und erblickte im blauen Himmelsrund eine einsame Möwe, die sehr weiß und elegant im Sonnenschein kreiste und dann im Westen verschwand. Sie schloss die Augen. Etwas später sah Skane Tränen über ihre Wangen rinnen. 

 

KAPITEL 24

 

Die lange erwartete Nachricht traf endlich ein. Ein nüchternes Rattern von Morsezeichen informierte Marina, dass die Lord Elgin in etwa drei Wochen nach Marina aufbrechen werde. Die Telefonleitungen vibrierten von morgens bis abends vom Geklingel der Telefone. McBain fuhr mit seinem Einspänner zur Funkstation mit einer Einkaufsliste für die Einheiten der Lebensretter und für die beiden Leuchtturmstationen. Carney und Skane stellten zusammen, was die Funkstation brauchte und Isabel wurde in die Konferenz-Runde gerufen, um anzugeben, welche Lebensmittel nötig waren. Ruhig und kompetent ersparte sie ihnen sogar viel Fingerarbeit an den Funktasten, indem sie eine vollständige Liste auf der Schreibmaschine der Station tippte. Sargent, der die „Kirchhofswache“ hatte, war die ganze Nacht damit beschäftigt. Zusätzlich zu den langen Vorratslisten, angefangen bei Mehlfässern, Pfundpackungen Tee und verschiedenen Materialien, wie Benzinfässer (für die Funkmaschine) und Flaschen mit Quecksilber (für die Lager der Spiegelträger in den Leuchttürmen), gab es die Listen der Insel-Hausfrauen für ihre Freunde auf dem Festland. Das alles musste während der frühen Morgenstunden auf der dreihundert-Meter Welle gesendet werden, wenn wenig anderer Funkverkehr stattfand.

Das unaufhörliche Schmettern der großen elektrischen Trompete raubte Isabel den Schlaf; und Matthew, der normalerweise tief schlief, wurde scheinbar angesteckt von ihrer Unruhe. Einmal sagte er etwas, aber sie tat, als hörte sie es nicht. In ihre schlaflosen Ohren, die inzwischen mit der Sprache der Punkte und Striche vertraut waren, rasselte der Übertragungsfunke eine endlose Litanei von Muttern und Schrauben, von Rindfleisch und Speck, von Kerosin für den Ostleuchtturm, Wollstrümpfen für Mrs. Nightingale auf Nummer Vier; der Albtraum eines Eisenwarenhändlers, das gesamte Inventar eines Lebensmittel- und Kurzwarenladens und die Liste einer ganzen „Frühjahrskollektion“ an Bürobedarf. Alles floss zusammen in einen endlosen Katalog.

Mit unwillkommener Aufmerksamkeit erkannte sie jede Nuance von Sargents Hand am Funkgerät, sein Zögern, wenn er eine Seite umdrehte, die gelegentlich unscharfen Punkte, weil er gelangweilt war und die Sendetaste nachlässig bediente, den Übertragungsfunken, der mit der Zeit langsam rauer wurde, als langweile er sich ebenfalls, obwohl sie wusste, dass es von den Rußpartikeln kam, die sich auf den Messingbolzen der wirbelnden, leuchtenden Scheibe absetzten. Sie fragte sich, ob Skane wach war. Sie stellte sich vor, wie er sich auf dieser harten Liege in seinem Zimmer hin- und herwälzte.

Sie versuchte, nicht an Skane zu denken, wenn Matthew anwesend war. Nicht so sehr aus einem Gefühl von Schuld heraus, sondern weil instinktive Vorsicht es erforderlich machte. Bei den Mahlzeiten und wenn sie sich mit den anderen im Wachraum unterhielt, benahm sie sich Skane gegenüber wie immer, seitdem sie im Herbst ihre Furcht vor ihm verloren hatte und mit ihm wie mit Sargent redete, in der Art einer freundlichen jungen Tante. Und Skane, der schnell verstanden hatte, passte sich an. Sie sprachen selten direkt miteinander. Selbst wenn sie es taten, blieben ihre Augen kühl und unpersönlich. Ohne bewusst zu planen, ohne sich darüber zu verständigen, bewahrten sie jede Form von Intimität auf für die Stunden an jenem versteckten Teich.

An jedem schönen Nachmittag unternahm Isabel mit einem oder manchmal mit beiden ihrer Gefährten einen Reitausflug. Matthew hatte keine Lust mehr zu reiten. Es schien, als habe er alle Vergnügungen, die früher sein ganzes Leben ausgemacht hatten, beiseitegeschoben. Er war wie ein Mönch, dessen einfache unschuldige Gewohnheiten ebenso wie sein Keuschheitsgelübde, erschüttert waren und der jetzt zur Strafe einen Widerwillen gegen jede Art von Vergnügen entwickelt hatte. Laut Dienstplan hatte Skane jeden dritten Nachmittag frei, aber das Aprilwetter setzte ihren Zusammenkünften Grenzen. Wenn sie nach Verzögerungen, die dem Regen geschuldet waren, sich wieder aufmachten zur Mulde bei Old Two, war Skane begierig und ungeduldig und sie gab sich ihm hin mit der ruhigen nahezu ergebenen Haltung einer Odaliske, in der Überzeugung, dass dies – ohne dass sie eine Wahl hatte – ihre Bestimmung im Leben sei.

Dennoch war sie nicht bereit, ihm zu geben, was er so dringend wollte, ohne deutliche Versicherung, dass er sie liebe. Nach jenem ersten schweigenden Einverständnis, war sie weniger schnell bereit. Jedes Mal, wenn sie ihre Ponys an den Pfahl bei Old Two banden und zum Teich wanderten, die Arme umeinander gelegt, verlangte sie aus einem gewissen Stolz heraus, nicht so sehr mit Worten als durch ihr Verhalten, eine erneute Bestätigung. Es war der Instinkt aller Frauen seit Evas Zeiten, nicht für selbstverständlich genommen zu werden. Skane hatte es schnell verstanden und umwarb sie mit jeder Kunst, die ihm zur Verfügung stand. Es war keine Heuchelei. Er war wirklich verrückt nach ihr und zeigte es in jedem Wort, mit jeder Geste. Er lebte für diese Momente, wenn sie, meilenweit entfernt von der Funkstation, ihre Masken abwerfen und mit Worten und Zärtlichkeiten ins Elysium schlüpfen konnten.

Was Isabel betraf, boten seine unterwürfigen und leidenschaftlichen Beteuerungen nur einen flüchtigen Trost gegen ihre Anfälle von Zweifel. Denn die Schatten waren noch da. Das Gefühl einer drohenden Krise, das beim Anbruch der dunklen Winterzeit angefangen hatte, sie zu belasten, wurde nicht leichter durch die Entdeckung, dass Skane leidenschaftlich in sie verliebt war. Zuerst glaubte sie, dies sei die Antwort auf alles und sie hatte Körper und Seele hingegeben mit der ganzen Inbrunst einer Frau, die darin die Antwort auf das komplizierte Rätsel des Lebens sieht. Aber die Ängste waren nur gemildert, die ungeklärte Frage existierte noch und schloss jeden der vier Gefährten ein. Die alten Schatten erwiesen sich im neuen Licht von Skanes Leidenschaft sogar als noch stärker. Verwirrt warf sie sich in seine Umarmungen, als sei es ihre Schuld und als könne sie sich davon befreien durch gesteigerte erotische Aktivität. Danach, wenn sie schweigend Seite an Seite zur Funkstation zurückritten, Liebende, deren Sehnsüchte gestillt waren, oder wie Gefährten, zwischen denen alles gesagt war, vermied sie seine Blicke und schaute in die Ferne, wo der Mast seine dünne Bleistiftspitze in den Himmel reckte. Der seichte Spiegel des Teiches, der ihr dazu gedient hatte, ihre Haare zu ordnen, spiegelte auch Skanes große Gestalt neben ihr, als er ein Schilfrohr abriss und zwischen die Zähne steckte. Ihr kam der flüchtige Gedanke, dass sie beide wie Gespenster aussahen. Der Funkmast war Realität; und während er langsam näher rückte und an Höhe gewann, traten die Hochgefühle am Teich zurück und wurden begraben wie Old Two. Die Sonne stand immer schon tief am Himmel, wenn sie vor der Wohnungstüre abstieg und Skane weiterritt, um die Ponys zurückzubringen.

Einmal sagte Matthew sanft zu ihr, „Du solltest nicht so weit weg reiten, meine Liebe.“

„Stört es dich?“ antwortete sie schnell und schaute ihn von der Seite her an.

„Nein. Überhaupt nicht, aber du siehst manchmal etwas erschöpft aus. Ich sollte mal mit Skane sprechen.“

Sie blieb an der Türe zum Badezimmer stehen, schaute zurück und betrachtete ihn näher. Carney saß im großen Sessel, die Pfeife im Mund. Er hatte sich mit einer Partie Patience die Zeit vertrieben. Die abgenutzten Karten lagen ausgebreitet über dem Tisch. Ob er einen Verdacht hatte? Sein ruhiges, leicht lächelndes, ihr zugewandtes Gesicht, vom Rauch umzogen, zeigte nichts von Verdacht. In seinen Zügen lag nur ein freundlicher Ausdruck von Sorge und ein Hauch tiefer Melancholie, der sich im Laufe der letzten vier oder fünf Monate mehr und mehr zeigte.   

„Bitte, tu‘ das nicht,“ sagte sie. „Es geht mir gut. Es ist wunderbar nach den vielen Monaten im Haus, draußen in der Sonne zu sein.“ Sie lächelte. „Wenn du willst, kannst du das Pony bedauern.“ Sie schloss die Türe und betrachtete einen Moment später über dem laufenden Wasserhahn, ihr Gesicht im Spiegel. Ihre früher blasse Haut hatte auf den sonnigen Reitausflügen eine leichte Bräune angenommen – „ein hübscher vornehmer Ton“ – wie Skane ihr versicherte. Es war eine gesunde Farbe; und selbst wenn ihr Mund ein wenig nach unten hing, ihre Augen waren klar, sogar leuchtend. Nur unter ihren Augen zeigte sich eine kleine Falte, die die Leidenschaftlichkeit des Nachmittags verriet, aber Matthew konnte sie natürlich nicht bemerkt haben. Das beruhigte sie. Eine Frau allerdings, dachte sie, hätte es bemerkt. Ihre Finger schlossen sich um den Knopf des Medizinschränkchens und sie war dankbar, dass die einzige Frau, in nächster Nachbarschaft, die schlaue Mrs.McBain, in sicherer Entfernung im Westen lebte.

Marina war jetzt zum Leben erwacht. Seehunde, die das ganze Jahr über auf der Insel lebten, hatten sich bald nach der Eisschmelze in die offene Lagune begeben und an sonnigen Nachmittagen konnte man ganze Herden sehen, die faul auf dem südlichen Damm im warmen Sand lagen. Eine Anzahl von Mützenrobben waren mit dem großen Eisschub nach Marina getrieben worden und sie fischten überall auf der Insel in der Brandung. Auch sie kamen an Land und schliefen in der Sonne. Wenn ein Reiter vorbeitrabte und sie störte, robbten sie mit schnellen unbeholfenen Bewegungen Richtung Wasser, gruben ihre Vorderflipper in den Sand und zogen das glänzende Hinterteil bei jedem Plumps nach.

Die große Verwandlung begann jedoch mit der Rückkehr der Vögel. Ungeheure Schwärme von Seeschwalben hielten sich am Ufer der Lagune und entlang der Südbarriere auf. Sie füllten die Luft mit dem weißen Aufblitzen ihrer Flügel und ihrem andauernden harten tee-arr tee-arr. Von ihrem Küchenfenster aus sah Isabel ihnen fasziniert zu, wie sie sich Steinen gleich mit einem großen Platsch ins Wasser stürzten, abtauchten und mit einem kleinen Fisch im Schnabel wieder auftauchten. Sie verteidigten ihr Territorium. Ein Reiter, der ihren Nistplätzen nahekam, wurde angegriffen und verfolgt von einer lebenden Wolke aus Vögeln, die flatterten, kreischten und nur einen knappen Abstand hielten, wenn sie auf seinen Kopf herabstießen, um dann wieder nach oben wegzuflitzen. In einem Monat, erzählte Matthew ihr, würden sie ihre Eier legen und nur ein mutiger Mann mit einem langen Stock wagte sich dann in ihre Brutkolonie. Doch sie waren sorglose Kreaturen. Sie bauten kein Nest, gruben nur eine einfache Höhlung im Sand und überließen das Ausbrüten der Sonne.

Fuchssperlinge kamen in einem einzigen Schwarm, ruhten sich ein oder zwei Tage lang aus, tschirpten ihre Lieder im Gras und zogen dann Richtung Norden weiter. So hielten es auch die wilden Enten, obwohl einige von ihnen blieben und ihre Nester neben den Teichen bauten. Schwärme kleiner Strandvögel flatterten über die Sandflächen und suchten sich Nahrung am Saum der Brandung, deren Bewegung sie sich geschickt anpassten. Oben am Strand rannten Strandläufer zwischen den Marramgras-Büscheln umher. Regenpfeifer flogen in kleinen Gruppen auf und nieder wie Rauchwolken bei Nieselwetter. Es gab noch andere Arten, kleine scheue Vögelchen mit eigenartigen Rufen und Gesängen. Carney kannte sie alle. Er hatte große Freude an ihnen. 

„Horch!“ konnte er manchmal ganz begeistert sagen. „Hörst du den kleinen Kerl hinter dem Schuppen? Das ist eine Variante des Savannen-Sperlings. Stell dir vor, Marina ist, soviel man weiß, der einzige Ort, wo diese Art nistet. Das ist schon etwas Besonderes. Da wird einem bewusst, wie alt dieser Sandhaufen schon ist, wie lang es her ist, dass er aus dem Meer hochgespült wurde und sich eine Unterart dieser Rasse entwickeln konnte. Deshalb muss ich immer lachen, wenn McBain und die anderen davon reden, dass die Insel weggewaschen wird, verschwinden wird – in etwa hundert Jahren oder so. Sie sehen, ein großer Wintersturm hat ein Stück vom Ufer weggerissen, dann gehen sie davon aus, dass es immer so weitergeht. Aber alles, was passiert, ist, dass das Meer an einer Stelle ein Stück herausbeißt und es an einer anderen Stelle wieder ausspuckt. McBain und sein „Wegwaschen“! Und Nightingale erzählt das Märchen, Marina sei zur Zeit seines Urgroßvaters einhundert Meilen lang gewesen und vierzig Meilen breit! Ich habe eine sehr gute Karte von Marina gesehen, die über einhundertzwanzig Jahre alt war, mit Messungen der Wassertiefe, auf der die größten Dünen mit Namen eingezeichnet waren. Ich kann bestätigen, dass die Insel damals genauso aussah wie heute, außer dass man damals mit einer Schaluppe in die Lagune segeln konnte und heute nicht mehr. Und der Sperling, was ist mit dem?“

Seine Freude an der Rückkehr der Vögel und am starken hellen Sonnenschein schien seine melancholische Stimmung ein wenig zu vertreiben. An einem warmen Tag im April war er sogar bereit, Isabel und Sargent auf einem Ausritt zu begleiten. Sie ritten am Ufer der Lagune entlang Richtung Nummer Drei, bis Giswells Haus zu sehen war und als undeutliche Luftspiegelung einmal größer, einmal kleiner erschien. Dann kehrten sie um. Zur Abwechslung ritten sie teilweise an den Dünen entlang. Als sie den Kamm einer langgezogenen Anhöhe erreichten, die Ponys knietief im Speergras, wurden sie Zeugen einer kleinen Szene mit wilden Ponys, die auf der anderen Seite unten im flachen grünen Tal grasten. Carney zog die Zügel an und machte sie auf die Gruppe aufmerksam.

„Schaut mal, den Hengst – der große dunkle Kerl mit der ganz langen Mähne. Ich kann ihn von hier aus nicht deutlich sehen – der Sand blendet – aber ich wette, seine Flanken sind voller Narben aus den Kämpfen um seine Stuten. Wenn ein Rivale sich zeigt, wird es richtig interessant.“

„Was passiert mit den Hengstfohlen?“ fragte Sargent, der die Augen mit der Hand abschirmte.

„Er drängt sie aus der Herde, wenn sie geschlechtsreif werden. Sie wandern dann über die Insel und suchen eine Gefährtin. Wie der da – seht ihr das einzelne Pony unten in der Senke direkt unter uns? Das ist ein Strolch aus einer anderen Herde, wenn ich mich nicht sehr irre.“

„Wird er kämpfen?“ fragte Sargent interessiert.

„Seinem Verhalten nach eher nicht. Vermutlich hat er es versucht und bekam dafür einen heftigen Tritt. Seht ihr die kleine Stute? Sie hat sich von den anderen da unten entfernt. Die dort. Nur noch ein paar Grasbüschel weiter und der alte Knabe kann sie nicht mehr sehen. Jetzt. Und schaut mal, wie der junge Hengst am Rand der Senke entlangschleicht. Da! Jetzt schlüpft er zu ihr hin! Seht, wie er sie anstößt, mit seinen Zähnen zwickt – sie dahin drängt, wo er sie haben will. Geschafft! Jetzt galoppieren sie zusammen fort aus der Senke. Bis der alte Kerl sie vermisst, sind sie meilenweit weg und nicht mehr zu sehen.“

„Sie war offenbar gern bereit,“ bemerkte Isabel.

„Oh ja.“

„Ähnlich wie bei Menschen, nicht wahr?“ sagte Sargent und lachte. Isabel stieg Röte ins Gesicht.

„Wir sollten weiterreiten“, sagte sie kühl. Die Komödie war vorbei; aber den ganzen Weg zurück zur Station ging ihr Sargents lockere Bemerkung nicht aus dem Sinn.

 

Beim nächsten heimlichen Treffen war sie unsicher. Als Skane die Ponys neben Old Two anband. Meinst du es ist eine gute Idee, sie hier zu lassen? Vom Nordstand aus könnte man sie vielleicht sehen. Zwischen der Hauptstation und den Stationen im Osten gibt es jetzt mehr Verkehr.“

Skane schüttelte heftig den Kopf. Ich habe es ausprobiert mein Schatz. Wenn man am Strand entlang vorbeireitet, kann man durch die Kluft zwischen den Dünen für einen Augenblick den alten Giebel sehen, aber es ist nur ein kurzer Moment und den Platz, wo wir die Ponys anbinden, kann man überhaupt nicht sehen. Und außerdem würde niemand den festen Boden am Strand aufgeben, um hier hinauf zu reiten. Dazu kommt, dass dieser Ort, wie etliche andere auf der Insel, als unheimlich gilt. Der Kerl, der hier zuletzt lebte – und so lange mit der Düne kämpfte – verlor am Ende den Verstand und hat sich die Kehle durchgeschnitten. Kein Inselbewohner würde da hineingehen, wie wir es getan haben, nicht mal für eine Wette.“

„Du hättest mir das sagen sollen, bevor ich mich in diese Schreckenskammer wagte,“ sagte Isabel vorwurfsvoll.

„Meinst du? Ich bin halt nicht abergläubisch. Aber du brauchst keine Angst zu haben, dass jemand anderes hier herumlungern könnte; Giswell oder Nightingale oder einer dieser jungen Wilden aus der Lebensretter-Mannschaft, die felsenfest an die Frau Ohne Finger, den Singenden Franzosen oder den Dreizehnten Matrosen und all die anderen Geister und Kobolde von Marina glauben. Undenkbar, mein Schatz!

Sie zuckte mit den Schultern und ging weiter. Der Weg über die Düne zum verborgenen Teich hatte immer etwas von einem gewissen Zauber; ein perfekter Rückzugsort. Das kühle Grün der Grasnarbe beruhigte die Augen nach der starken Helle des Sandes und dem glänzenden Schein des Meeres. Die stille Wasserfläche, in der ihr Stelldichein sich spiegelte, und von deren Oberfläche dann jede Spur verschwand, war wie ein guter Geist, der ihr Geheimnis beschützte. Heute aber, als sie sich auf dem Rasen niedersetzten, sagte Isabel plötzlich, „Manchmal habe ich das Gefühl, als ob wir beobachtet werden.“

„Du bist heute ein wenig seltsam,“ antwortete Skane. Was ist los?“

Er beugte sich zu ihr herab, um sie zu küssen, aber sie wandte sich ab.

„Bitte gib mir eine Zigarette. Ich muss mit dir reden, Greg. Wir können so nicht weitermachen – ich jedenfalls nicht. Für dich ist es etwas anderes. Schließlich lebe ich immer noch mit Matthew.“

„Ja“? Er warf ihr einen schnellen ärgerlichen Blick zu.

„Du hast dich das vermutlich schon gefragt – was ich dir jetzt sagen möchte; nämlich, dass es zwischen mir und Matthew schon lange keine intime Beziehung mehr gibt. Sonst wäre es schrecklich.“

„Ja.“ Er zündete die Zigaretten an. Isabel sog den Rauch tief ein und stieß ihn dann aus. Plötzlich warf sie die Zigarette in den Teich.

„Du sollst wissen, wie ich mich fühle, Greg. Wenn ich Matthew hassen würde, wenn er ekelhaft zu mir wäre oder grausam, wäre es was anderes. Das ist er aber nicht. Er ist freundlich und einfühlsam, er ist, wie ein guter Ehemann sein sollte – nur hat er sich seit Beginn des Winters furchtbar distanziert. Manchmal scheint er recht glücklich zu sein, aber meistens ist er ziemlich deprimiert. Er benimmt sich seltsam. Man hat den Eindruck, er ist meilenweit weg. Ich habe das Gefühl, dass er, bald nachdem der Herbst zu Ende war, seinen Entschluss zu bereuen begann – mich meine ich. Ich habe ihn deshalb gefragt; ich sagte zu ihm, Matthew, bin ich die Ursache? – aber er antwortet mir nie richtig und sagt, es sei nichts. Nichts habe sich geändert. Aber ich weiß es besser. Du weißt, dass er keine Spaziergänge mehr macht, keine Jagdausflüge, keine Besuche da und dort auf der Insel, alles, was er so liebte. Sein ganzes Leben hat sich negativ verändert. Und ich weiß warum. Ich bin daran schuld. Wenn du nur wüsstest, wie schrecklich das für mich ist. Wenn man einmal geliebt wurde, ist es schlimm genug, zu merken, dass man nicht mehr geliebt wird, aber das Gefühl, dass man das ganze Leben eines Mannes zerstört hat, und dass er es nicht zugibt und dass man nichts daran ändern kann…“

Skane unterbrach sie ärgerlich, „Du solltest nicht so weiterreden, Isabel. Lass Vergangenes vergangen sein. Wichtig ist jetzt nur, dass du mich liebst und ich dich. Ich bin ganz verrückt nach dir, und du weißt es. Du bist die einzige Frau, die mir jemals etwas bedeutet hat – du bist alles für mich.“  Er versuchte, einen Arm um sie zu legen, aber sie entzog sich ihm.

„Ich glaube dir, Greg. Wenn es nicht so wäre, würde ich mich – schmutzig fühlen. Tatsache ist aber, dass ich mit Matthew lebe, aber mich dir hingebe und das ist euch beiden gegenüber nicht fair und auch nicht mir selbst gegenüber. Das ist es, was ich sagen wollte.“

„Hast du einen Vorschlag, was wir tun sollen?“

Sie rupfte Gras aus. Es verging einige Zeit, bevor sie antwortete. „Ich kann nicht fortgehen, nicht solange er so gut zu mir ist. Ich verdanke ihm so viel. Ich glaube, es muss von ihm ausgehen. Er muss mir sagen, dass zwischen uns alles aus ist. In der Zwischenzeit“, fuhr sie langsam fort, „solltest du etwas unternehmen, Greg.“ Ihre Stimme wurde fester. „Greg, in ein paar Tagen kommt das Schiff. Ich möchte, dass du gehst. Schick‘ einen Funkspruch an Hurd, dass du wegwillst und lass dich auf eine andere Station versetzen. Bitte, sag nicht nein! Hör mich zu Ende an. Es scheint mir der einzige Weg, heraus aus diesem bedrückenden Durcheinander. Erst wenn du fort bist, kann ich meine Gedanken ein wenig ordnen! Nach diesem Schiff, kommt erst wieder eines im August. Das gibt mir drei oder vier Monate, mich zurecht zu finden.“

„Und dann, Isabel?“

Sie schaute ihn an. „Wenn ich sicher bin, dass Matthew mich nicht mehr liebt, dass er nur sein altes Leben wieder zurückhaben will – dann, Greg, werde ich Marina verlassen und zu dir kommen. Das ist die einzige ehrliche Möglichkeit. Es ist jedenfalls vernünftig. Bisher hat Vernunft für uns keine große Rolle gespielt.“ Sie zögerte einen Augenblick. „Noch etwas ist mir sehr wichtig. Ich möchte, dass du Urlaub nimmst, deine Familie wiedersiehst, deine Freunde, das Gefühl eines zivilisierten Lebens wieder entdeckst nach der langen Zeit hier draußen – und dich dann im August fragst, ob ich dir immer noch so viel bedeute. Ich bin davon überzeugt, dass – also, wie lange bist du schon hier? Zwei Jahre oder länger? Weit weg von allem und jedem, was ein Mann sich normalerweise wünscht; und dann kam ich und du hast dich in mich verliebt. Ich mache mir keine Illusionen über mich selbst, Greg. Ich bin ganz und gar nicht die Art Frau nach der die Männer verrückt sind, solange sie andere haben können.“

„Da liegst du völlig falsch,“ entgegnete Skane schnell. „Ich vermute, du wusstest nicht und scheinbar weißt du es immer noch nicht, dass du – lassen wir mal das Aussehen beiseite, – aber auch darüber kann ich mitreden – etwas hast, das sehr wenige Frauen haben. Es ist schwer zu beschreiben. Es ist nichts Äußerliches, nichts das man sehen oder berühren oder erwarten kann. Möglicherweise geht eine Frau, die diese Eigenschaft hat durchs Leben, ohne es zu wissen, bis ein Mann sie in die Arme nimmt und sie wundervoll findet.“

„Erzählt das nicht jeder Mann einer Frau, wenn sie mit ihm schläft?“ fragte sie, plötzlich lächelnd.

„Ich rede davon, was ein Mann innerlich fühlt,“ entgegnete er ungeduldig, „und ich weiß, dass ich hier oder anderswo immer dasselbe für dich empfinden werde. Und deshalb werde ich Marina nicht verlassen, wenn du nicht mitkommst. Isabel, mein Schatz, ich habe dein Glück ebenso im Auge wie meines. Marina ist ein harter Ort für jede Frau. Es ist überhaupt kein Ort für eine sensible Frau, wie du bist. Carney hatte kein Recht der Welt, dich hierher zu bringen. Das war mir von Anfang an klar. Er weiß es jetzt. Er hat auf jede Art und Weise, die er kennt, versucht, dir das beizubringen, aber er ist eine so gute Seele, dass er es nicht fertigbringt, dir geradewegs zu sagen, dass du gehen solltest. Verstehst du denn nicht, dass es zum Besten für uns alle nur einen Ausweg für dich gibt? Du sprachst davon, zu tun, was anständig ist. Die anständige Lösung für uns beide ist es, zusammen zu Carney zu gehen und ihm ins Gesicht zu sehen, jetzt, bevor die Elgin kommt – denn, du hast ganz recht, wir können nicht so weitermachen.“

Er sprach schnell und heftig und gestikulierte mit seiner und Hand Richtung Westen. Isabel blieb abweisend, halb abgewandt und starrte auf den Teich.

„Ich bleibe dabei, du solltest gehen – und ich muss warten,“ antwortete sie ungerührt. „Vorgestern wurde mir bewusst, dass wir ein sehr altes und ziemlich garstiges kleines Drama spielen und es hat mich tief getroffen, dass jeder miese Charakter in der Welt seit Anbeginn der Zeit darüber lacht. Wenn wir zusammen weglaufen, müssen wir uns dem nicht stellen – aber der arme Matthew schon. Das kann ich ihm nicht antun. Bitte, versprich mir, dass du gehst und lass mich bis August bleiben.“

„Nein, mein Schatz, hältst du mich denn für einen völligen Narren?“

Sie sprang auf. „Lass uns zurück zur Funkstation reiten. Ich kann mich dir heute nicht hingeben, Greg. Ich bin nicht in der richtigen Stimmung.“ Skane erhob sich und packte sie an den Schultern. Er spürte, dass sie zitterte. „Sei ehrlich, mein Schatz, sag mir die Wahrheit. Bist du sicher, dass du dich nicht bereits entschieden hast? Versuchst du nur, mich wegzuschicken mit einem vagen Versprechen, von dem du weißt, dass du es nicht halten wirst, einfach weil du nicht ertragen kannst, mich jetzt zu verletzen, oder Carney im August?“

Isabel weigerte sich, ihm in die Augen zu sehen. Der Teich zu ihren Füßen leuchtete in der prallen Sonne. Als sie den Kopf abwandte, sah sie einen Schatten, der den Hang hinunterfiel und sich rasch hinabschob bis ans Wasser. Er war lang und grotesk, eine Kreatur, die weder Tier noch Mensch sein konnte. Dann hörte man ein Scharren im Sand, ein Rascheln im Speergras oben am Rand der Mulde. Sie schauten erschrocken hoch und sahen dort über ihren Köpfen ein Pony stehen, im Sattel Sara Giswell.

 

Das Mädchen und das Pony machten von unten im Gegenlicht betrachtet einen malerischen Eindruck. Ein paar wilde Enten hingen schlaff am Sattelknauf. Sie hielt die Zügel in der linken Hand und in der rechten Armbeuge lag Giswells altes Mausergewehr. Sie trug verblichene blaue Denim-Jeans und ein Mackinaw-Hemd und hätte einer der schlanken jungen Männer von der Lebensretter-Station sein können, abgesehen von dem langen braunen Haar, das auf ihre Schultern fiel und den Brüsten, die sich unter dem engen Hemd abzeichneten. Ihre Füße steckten in Seemanns-Gummistiefeln, wie sie gewöhnlich von den Männern auf der Insel getragen wurden, mit umgeschlagenem Schaft, herabgezogen bis zu den Knöcheln. Um einen Stiefel war ein rostiger Sporn geschnallt. Die dunklen Augen im jungen braungebrannten Gesicht funkelten. Sie saß aufgerichtet und schaute mit einer Mischung von Triumph und Verachtung auf sie herunter.

„Also das ist der Platz! Ich fragte mich, wo er sein könnte, als ich vor zwei Wochen die Ponys dort bei Old Two angebunden sah. Ich kroch bis zum Fenster und lauschte, aber alles war still und ich traute mich nicht hinein …“

Skane räusperte sich. „Hör mal, Sara, Mrs. Carney und ich …“

„Oho, Ja! Miz Carney und du! Ich hab‘ Miz Carney und dich hierher reiten sehen jeden Nachmittag, an dem du frei hattest. Ich wusste auch, was ihr im Sinn hattet, nur den Platz konnte ich nicht finden.“ Das Mädchen hatte einen theatralischen Vorteil, als sie von dieser Höhe auf sie heruntersah und sie fühlten sich eigentümlich klein. Skane stand angespannt und aufmerksam da, aber Isabel war wütend. Ihre und Saras Blicke trafen sich, erfüllt von instinktivem gegenseitigem Hass. Von jetzt an war Skane nur Zuschauer. Isabel trat weg von ihm und ballte die Fäuste. Sie schrie, „Was erlaubst du dir, so zu uns zu reden!“ 

Das Mädchen warf den Kopf zurück und lachte, wobei Ihre schönen weißen Zähne zu sehen waren. „Haha, das erlaub‘ ich mir eben! Sie können gar nichts dagegen machen. Sie wissen sowieso nicht, was die Leute sagen, Miz Carney. Sie halten sich für zu gut für unsereins, nicht wahr? Sie wollten uns nicht besuchen kommen in Three oder Four oder East Light, nicht wahr? Und Ihre Männer haben Sie auch abgehalten, nicht wahr? Nirgendwo sind Sie erschienen, nur ins Haus des Gouverneurs sind sie gegangen, damit Greg Skane seine Musik für sie spielen konnte. Oh ja, sehr hochnäsig und eingebildet, das sind Sie! Aber mit ihren Männern waren Sie nicht wählerisch! Ihr Ehemann war Ihnen nicht genug. Alle drei mussten es sein, und ganz besonders Greg Skane!“

Isabel stieß einen wütenden Laut aus und wandte sich ab. „Komm, Greg!“

„Bleib stehen!“ sagte Skane mit einem seltsamen Unterton. Er hatte sich nicht gerührt. Er beobachtete Sara genau und konzentriert.

„Meinst du, ich höre noch länger dieser eifersüchtigen kleinen Wildkatze zu?“

„Ich sagte, bleib!“

Sie blieb stehen, und Sara lachte triumphierend. „Sie bleibt. Gut. Und hör mich an. Wenn nicht, wird Carney es tun und auch alle anderen vom Osten bis zum Westen der Insel.“

„Glaubst du wirklich, du boshafte kleine Närrin, dass mein Mann dir glauben würde?“

„Aber er wird mir zuhören und ich glaube, dass er zwei und zwei zusammenzählen kann, wie jeder andere auch. Ich wusste von dem Tag an, als du nach Marina gekommen bist, dass mit dir was nicht stimmt. Du hast wie eine Hexe ausgesehen, mit deinem weißen Gesicht und den tiefen brennenden Augen und deine Beine hast du den Männern gezeigt in diesem Kleid, das du anhattest. Hoho! Jawohl! Pa sagte, ich soll still sein, aber ich hatte recht. Du bist nun mal eine Hexe. Carney hat nie eine Frau angesehen, bis du ihn auf dem Festland getroffen hast und ihn verhext hast. Seitdem war er ein anderer Mann. Vedder war smart, er ist abgehauen an dem Tag, als du ankamst. Aber die anderen sind geblieben und wurden verhext, wie Carney. Du hast sie den ganzen Winter unter deinen Händen gehabt, mit dir zusammen eingeschlossen in der Funkstation und sie mussten tun, was du wolltest. Ich weiß es. Ich bin nicht von gestern.

Sara schöpfte Luft. Sie steigerte sich immer mehr in Wut und bebte und keuchte. Ihre helle Stimme wurde schrill, sie hob ihr Gesicht und spuckte die Worte heraus wie ein zorniges Kind. Isabel war zu sehr verärgert, um sich Gedanken zu machen, wie dieser Auftritt enden könnte. Es war unangenehm gegen die Sonne zu schauen und da Skane sich nicht bewegte, nahm sie eine Haltung eisiger Verachtung ein und starrte auf das Schilf und den Teich. Von kalter Wut erfüllt, stand sie unter dem Schwall der Worte, die von Saras Lippen fielen, ohne jeden Versuch, darauf zu antworten. Bald war klar, dass nichts, das sie hätte sagen können, die Bitterkeit der jungen Kreatur auf dem Pony mehr steigern konnte als ihr Schweigen und ihre offensichtliche Gleichgültigkeit.

Die Stimme des Mädchens überschlug sich, während sie Verwünschungen und Kraftausdrücke herausschrie, die sie von den jungen Lebensrettern gehört hatte auf der Jagd bei den Teichen, bei ihren häufigen Raufereien oder bei den schweren Tätigkeiten beim Wegschaffen der Waren von den Booten. Viele Ausdrücke hatte Isabel nie vernommen, aber sie konnte ihre Bedeutung ahnen. Ganze Buchseiten aus Rabelais Werken flogen ihr um den Kopf, ein Synonym nach dem anderen im Dialekt von Marina aus dem Mund eines jungen Mädchens.

Mittendrin bemerkte sie, dass Skane sich langsam den Hang hinaufbewegte, immer Saras Gesicht im Blick, während er leise und sanft zu ihr sprach, immer wenn sie Atem schöpfte. „Sara! Sara!“ Er hatte exakt die Haltung eines Mannes, der sich einem widerspenstigen Pferd nähert und hinter seinem Rücken ein Halfter versteckt hält. In diesem Moment schaute Isabel nach oben und sah, dass das Gewehr nicht mehr in Saras Armbeuge lag. Es war über den Sattel gezogen worden, eine braune Hand am Gewehrlauf, die andere am Schloss, die Mündung auf den Teich gerichtet.

Isabel war nicht alarmiert. Sie wusste sehr wenig über Gewehre. Offensichtlich hatte Saras Raserei einen Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr an das Gewehr dachte und auch Skane nicht bemerkte. Das Mädchen erhob sich in den Steigbügeln, offenbar in der Absicht, die Heftigkeit der Schmähungen, die gellend aus ihrem Mund drangen, noch zu steigern. Plötzlich war sie still. Ohne ihren hasserfüllten Blick von Isabel abzuwenden, sagte sie heiser, „Komm nicht näher, Greg Skane. Ich weiß, was du vorhast und es wird nicht gut für dich enden und für sie auch nicht.

„Sara, sei keine dumme Närrin,“ sagte Skane und fing an zu rennen.

„Bleib, wo du bist!“ schrie das Mädchen. Das Pony bäumte sich auf.

Der Schuss krachte im Hohlraum der Mulde erschreckend laut. Es folgte eine schockierende Stille. Isabel spürte einen heftigen Schlag, als ob eine unsichtbare Faust sie in die Seite gestoßen hätte. Für einen Augenblick taumelte sie, fing sich aber wieder, wandte ihre Augen ab von Skane und schaute auf das Mädchen und die alte Robbenflinte, die Sara aus der Hand gefallen war und den Hang hinunterrutschte. Sie hörte ihre eigene Stimme mit erstauntem Unterton fragte, „Warum schaust du mich so an?“

„Mein Gott!“ sagte Skane und ging auf sie zu. Sara kauerte auf dem Pony und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Isabel blickte an sich herab und sah eine Reihe von roten Tropfen wie Färbemittel vom Rand ihrer roten Jacke auf ihren rechten Stiefel und in den Sand fallen. Ein Schwindelgefühl erfasste sie, aber sie war bei vollem Bewusstsein und sagte verwirrt, “Ich muss mich setzen.“ Skane fing sie auf, als sie auf den Rasen sank.

Sie lag ganz still während Skane ihre Kleidung entfernte. Die Kugel war neben der untersten Rippe in ihre rechte Seite gedrungen, in steilem Winkel durch ihre Taille gegangen und direkt über der Hüfte ausgetreten. Er riss ihr Hemd in grobe Steifen. Während er den Blutstrom so schnell er konnte mit Druckpolstern und Bandagen zu stoppen versuchte, rief er über seine Schulter, „Hast du Mantelgeschoße mit freiliegendem Kern geladen?“

„Ich weiß nicht.“

„Haben sie eine helle Hülle und am Ende einen dunklen Punkt?“

„Ja.“

„Du lieber Himmel!“

Sara glitt vom Rücken des Ponys und kam langsam zum Teich herunter. Sie blieb in einiger Entfernung von der ausgestreckten Gestalt auf dem Gras stehen. Die wilde Wut war aus ihrem Gesicht gewichen und an ihre Stelle trat eine naive, furchtsame Neugier.

„Ist sie tot?“

„Nein, aber schlimm verletzt. Geh und hol unsere Ponys. Du weißt, wo sie sind.“

„Ich war es nicht,“ wimmerte sie, wie ein Kind, das mit dem Ball ein Fenster eingeschlagen hat. „Du warst schuld, weil du an den Kopf des Ponys gesprungen bist. Dabei ging die Flinte los.“

„Du hattest doch den Finger am Abzug, oder? Geh und hol die Ponys.“

Isabel war noch bei Bewusstsein, als Skane sie in den Sattel hob. Sie stieß ein schmerzhaftes Keuchen aus und Skane biss die Zähne zusammen. Er fixierte die Druckpolster und Bandagen.

„Komm her und halte sie, bis ich auf meinem Pony sitze.“ Sara kam widerstrebend und stützte Isabel übertrieben vorsichtig. Sie hatte den Mund zu einer kindischen Grimasse verzogen über die Tränen strömten. Den Blick auf Skanes grimmiges Gesicht gerichtet, stammelte sie lauthals Fragen und flehentliche Bitten, auf die er nicht antwortete. 

„Sie stirbt doch nicht, oder? Ich bin nicht schuld, ich wollte sie nicht verletzen, ich wollte sie nur beschimpfen. Du liebst sie, nicht wahr? Was wirst du Carney sagen? Bitte, Greg, sag nicht, dass ich es war, ich wollte ihr doch nichts Böses antun und Pa wird mich mit dem Gürtel ganz schrecklich schlagen. Greg! Ach, Greg! Ich liebte dich so sehr und konnte nicht ertragen, dich mit ihr zusammen zu sehen. Ich weiß, dass ich nicht gut genug für dich bin, aber sie ist es auch nicht. Ist sie wirklich schlimm verletzt?“

Skane ritt nahe an Isabels Pony heran und legte seinen Arm um ihre Schultern.

„Gib mir jetzt die Zügel.“

Sara gab sie ihm in die linke Hand und sah zu ihm auf.

„Was soll ich sagen?“ schluchzte sie.

„Nichts!“

„Kann ich dir helfen?“

„Ja,“ antwortete er wütend: „Geh mir aus den Augen!“

Er ritt langsam fort, quer über die Insel Richtung Lagune und suchte entlang der Senken einen möglichst leichten Weg. Es war schwierig, die Ponys zusammenzuhalten und gleichzeitig Isabel zu stützen. Wiederholt musste er anhalten und die Verbände befestigen. Jedes Mal, sah er mit Entsetzen wie blutdurchtränkt sie waren, so dass das Blut an ihrem Bein hinuntertropfte auf die Flanke des Ponys. Isabel saß benommen und wortlos im Sattel Sie bemühte sich tapfer, nicht ohnmächtig zu werden, weil sie wusste, wie schwer es dann für Skane wäre, sie zu transportieren. Zum Glück saß sie auf dem Rücken des verlässlichen Lide-Jarge, trotzdem war das Pony unsicher mit seiner halb-toten Last, die zwar schwankend im Sattel saß, aber mit den Knien keinen Griff ausübte. Skane befürchtete ständig, dass ein plötzliches Geschehen, und sei es noch so harmlos, ein Windstoß durch das Marramgras, ein Schwall Gischt bis zum Weg, eine Schar Wildenten, die quakend von einem Teich aufflogen, das Tier nervös machen könnten, so dass es Isabel abwarf und davonlief.

Am Ufer der Lagune war der Boden griffig. Der feste Strand zog sich einer schmalen Straße gleich zwischen dem Wasser und den Dünen hin. Die Sonne stand weit unten über dem Meer im Westen und die Luftspiegelungen hatten sich aufgelöst, seitdem der Sand nicht mehr glühte. Die Umrisse jedes Gegenstandes entlang des Strandes zeichneten sich scharf und klar ab. Als die Funkstation sichtbar wurde, begann Isabels Kopf zu baumeln.

„Halte durch, mein Schatz,“ bat Skane. Wir sind gleich da.“

Sie verließen das Ufer der Lagune und näherten sich der Funkstation über den leicht geschwungenen Hang, der dorthin hinführte. Carney und Sargent waren draußen und rollten ein Benzinfass zum Leitungsrohr des Maschinenraums. Sie bemerkten das Herannahen der Ponys zunächst gar nicht. Dann kam ein Ausruf von Sargent. Carney rannte als erster los. Er lief mit schnellen Schritten über den Sand und rief. „Mein Gott, was ist passiert, Skane?“ Skane antwortete nicht sofort, aber als sie zusammentrafen, sagte er mit tonloser Stimme, „Sie wurde angeschossen.“ Stillschweigend lenkten sie die Ponys bis zur Türe und trugen Isabel ins Schlafzimmer.

Carney schickte Sargent fort. „Geh’ zurück zu deiner Wache,” sagte er. „Ruf‘ McBain an und teil‘ ihm mit, was passiert ist. Dann schickst du eine Botschaft an das Verwaltungszentrum in Halifax. Sag‘ dass meine Frau ernsthaft verwundet ist. Die Elgin muss sofort kommen. Setz‘ ein „D“ für dringend und zeichne mit meinem Namen. Anschließend versuchst du die Elgin zu erreichen. Sie ist irgendwo entlang der Küste.“

Isabel schwamm in einem dunklen Meer und trieb mit den Wellen auf und ab. Teilweise bemerkte sie bei vollem Bewusstsein, dass die beiden Männer ihre Kleidung durchschnitten und hörte ihr besorgtes Murmeln. Sie fühlte weniger Schmerz, als Erschöpfung und ein dumpfes Pochen in ihrem Fleisch, das keinen unmittelbaren Ursprung hatte. Einmal vernahm sie ganz deutlich den Blechdeckel des Erste-Hilfe-Kastens klicken. Sie hörte auch, wie Skane Carneys Frage beantwortete, „Ein Idiot mit einem Gewehr, der an den Teichen auf Enten zielte.“ Und weiter, „Nein, sie wusste offenbar eine Minute lang gar nicht, was geschehen war. Kein Aufschrei. Sie schaute mich erstaunt an und dann sah ich das Blut.“

Diese Momente waren nur kurz. Meistens trieb sie in Dunkelheit dahin, wobei ein Geräusch wie von heftiger Brandung in ihre Ohren drang. Sie hörte nicht das leichte Knirschen der Räder von BcBains Wagen, sie sah nicht Mrs. McBain in einem Mantel hereinstürmen, den sie schnell über ihre Schürze gezogen hatte, auf ihren grauen Haaren ein koketter Lily Langtry-Hut.12) Sie rief, „Schusswaffen! Schusswaffen! Schusswaffen! Letztes Jahr Jim Corrie mit halb zerschossenem Arm und das Jahr zuvor dieses Shelman Kind, das mit einer geladenen Zweiundzwanziger spielte. Wann lernt ihr was daraus, ihr gefährlichen Idioten! Wo ist dieses arme Mädchen?“

Sie übernahm sofort das Kommando, schickte Carney und Skane aus dem Zimmer, schüttete das Feuer im Herd auf, füllte den Wasserkessel und begab sich mit ihrer alten Reisetasche ins Schlafzimmer. Seit Jahren war sie auf Marina die unangefochtene Autorität in medizinischen Dingen, eine Rolle, die sie sich durch hausmedizinische-Kenntnisse aus ihrer Mädchenzeit in einem Fischerdorf in Nova Scotia, in den Jahren auf See mit McBain, in ihrer Zeit auf Marina – und mithilfe einer soliden Portion Menschenverstand angeeignet hatte.

Viele Stunden lang war Isabel bewusstlos, zeitweise in einem unruhigen Delirium, zeitweise ruhig wie tot. Sie wurde von fantastischen Träumen heimgesucht. Prozessionen mit hässlichen Gesichtern kamen und gingen auf einem leuchtend roten Bildschirm aus wirbelnden Teilchen. Unheimliche Hexen, die aus Grimms Märchen hätten stammen können, rückten an sie heran, sprachen sanft und schlau, dann schlugen sie sie ins Gesicht. Sie befand sich festgebunden am Strand, unfähig sich zu bewegen, während der große Eisschub auf sie zukam und die Eisschollen sich auftürmten, und donnernd auf sie fielen. Sie war wieder in der Kabine der Lord Elgin, fühlte sich elend beim Schlingern des Schiffes oder wie sie ins Bad geführt wurde, um sich zu übergeben. Meistens aber hielt sie sich in dem begrabenen Haus bei Old Two auf. Dieselbe Szene lief immer wieder ab, jedoch mit wechselnden Personen. Manchmal, wenn sie in dieser schrecklichen Dunkelheit schrie, hörte sie Skanes Stimme. Manchmal war es Matthews Stimme, und wenn sie lauthals bat „Warum zündest du kein neues Streichholz an?“ antwortete er genau wie Skane, „Tut mir leid, ich habe keine mehr.“ Manchmal aber, gab es noch ein Streichholz; sie konnte das Kratzen in der Dunkelheit hören und wenn es aufflammte, sah sie Skanes dunkles Gesicht, das sie beruhigend anlächelte oder Matthews ernstes, ruhiges Gesicht. Ein- oder zweimal war die Stimme, die schrie, nicht ihre eigene und das Streichholz war in ihrer Hand, als sie es entzündete; dann erschien Matthews Gesicht mit einem Ausdruck von Furcht und Verlorenheit in den Augen.

Am zweiten Tag tauchte sie aus der Bewusstlosigkeit auf und Mrs. McBain holte Matthew. „Meine Liebe, dein Mann ist hier. Es ist besser, wenn du nicht versuchst, mit ihm zu sprechen. Ich weiß nicht, wie weit die Lunge hinunterreicht, aber die Kugel könnte sie berührt haben, auch wenn du scheinbar richtig atmest. Sprich mit ihr, Matthew. Ich kümmere mich inzwischen um das Abendessen.“ Isabel wandte den Blick. Sie hatte jetzt Schmerzen, schlimme Schmerzen, als ob ein glühendes Eisen in ihre Seite gestoßen und ununterbrochen mitleidlos in der Wunde gedreht werde. Sie war in Schweiß gebadet. Sie sah Matthew langsam an ihr Bett kommen. Er beachtete den Stuhl nicht und fiel auf die Knie.

„Mein Liebes, mein Schatz, du solltest wissen, ich wünschte bei Gott, dass es mich getroffen hätte.

Ihre Augen wurden nass, aber es gelang ihr, mühsam zu lächeln.

Er richtete die Augen auf die Wand und sagte mit gekünstelter Munterkeit. „Alles wird gut. Wir bringen dich ins Krankenhaus nach Halifax. Die Zentrale hat mitgeteilt, dass O’Dell sofort hierher beordert wird. Wir versuchen jetzt, ihn zu erreichen – Halifax ebenso. Er bummelt gerade in einem der kleinen Häfen Richtung Canso herum und setzt Bojen, die vor dem Winter herausgenommen wurden und natürlich gibt es an Land kein Telegraphenamt und sein Funkempfang ist zwischen den Inseln und Hügel ausgeblendet. Wir erreichen ihn, sobald sein Mast außerhalb davon auftaucht. Gott sei Dank ist das Wetter gut und das Thermometer steht hoch.“

Mrs. Mc Bain schaute von der Eingangstüre herein und sah, dass Isabel die Augen schloss. „Das ist jetzt genug,“ sagte sie sofort. „Sei jetzt still. Du kannst ja bei ihr sitzen bleiben, wenn du willst. Ab und zu musst du aber hinausgehen, wenn ich die Verbände wechsle.“

Isabel vernahm das Stottern des Maschinenauspuffs und gelegentlich kreischte der Sendeapparat. Sie erkannte sofort Skanes Takt. Er rief die Lord Elgin und sie spürte in den langen wiederholten Signalfolgen die Dringlichkeit ihres Liebhabers. Sie stellte sich sein angespanntes Gesicht vor; und in der darauffolgenden langen Stille sah sie, wie er sich zum Paneel des Empfangsgeräts beugte, die schlanken Finger an den Skalen und angestrengt auf das heisere Surren lauschte, das sie alle als die Stimme des „Bootes“ kannten. Es gab offenbar keine Antwort und sie fiel langsam in Schlaf. Als sie wieder erwachte, war Matthew fort und Mrs. McBain sagte, „Ah! Und jetzt mein Lämmchen, bevor ich diese Verbände wechsle, versuch’ doch, ein wenig Suppe zu trinken.“

 

Kapitel 26

 

Die Stunden vergingen. Meistens lag sie wach und fiebrig. Die Schmerzen blieben, aber sie hatte sich daran gewöhnt, und mit der Geduld von Frauen, die dazu geboren sind, zu ertragen, lag sie unter Qualen ruhig da. Sie sah den nächsten Sonnenaufgang durch das Fenster. Der Sonnenschein fiel auf ein Stück Wand über dem Bett und sie beobachtete, wie er sich langsam bewegte und den Raum füllte. Mrs. McBain kam herein und wollte sofort die Jalousien herunterziehen, aber Isabel protestierte.

Bitte nicht zuziehen, Mrs. McBain. Ich liebe die Sonne. In meinem Leben gab es nicht viel davon.“ Mrs. McBain sah sie fragend an.

„Lämmchen, du solltest nicht sprechen, wenn es weh tut. Du warst nicht glücklich auf Marina, nicht wahr?“

„Ja und Nein.“

„Nun, für eine junge Frau ist es nicht sehr vergnüglich hier, wenn sie an die Stadt gewöhnt war und auch sonst.“

„Das meine ich nicht. Aber ich möchte nicht darüber sprechen. Wo schläft Matthew?“

Mrs. McBain zeigte auf die Wand. „Auf der anderen Seite, im alten Zimmer des Kochs, damit ich an die Wand klopfen konnte, falls es dir schlechter ging. Deine Stimme klingt recht kräftig. Spürst du innerlich keine Luftblasen oder Ähnliches hochsteigen?“

„Nein.“

„Du siehst jedenfalls schlecht aus, Lämmchen. Ich denke, es ist der Schock und du hast auch eine große Menge Blut verloren. Wir beten alle, dass das Meer ruhig ist, damit McBain dich problemlos vom Strand wegbringt und du dann eine ruhige Fahrt nach Halifax hast. Ich nehme an, Carney wird dich begleiten?

„Oh nein, das darf er nicht.“

„Ich verstehe nicht, warum?“

„Nach diesem Boot kommt bis August keines mehr. Er kann Skane und Sargent nicht so lange hierlassen, sonst müssen sie eine Wache nach der anderen halten. Außerdem ist er so besorgt über die Station, die Maschine und all das. Die Ausrüstung ist so alt. Er muss bleiben. Ich will nichts davon hören, dass er mitkommt.“

„Du darfst dich nicht aufregen, Lämmchen. Nun, ich nehme an, du hast auf dem Festland etliche Freunde und Verwandte.“

„Es wird mir gut gehen.“

„Ja dann. Also, ich muss jetzt gehen und das Essen für die Männer vorbereiten. Dein Mann hat letzte Nacht die lange Wache gehabt und er ging heute früh um acht ins Bett. Jetzt wird er auf sein, glaube ich. Ich hab‘ den Eindruck, dieser Mann schläft nie mehr als vier Stunden. Nach dem Essen bürste ich deine Haare und richte dich ein wenig her, dann kann er mit dir sprechen. Möchtest du Skane und Sargent eine Minute sehen? Sie haben sich schrecklich viele Sorgen um dich gemacht.“

„Das wäre mir recht.“

Mrs. McBain hielt sich an ihre Ankündigung. Skane und Sargent hatten genau eine Minute Zeit, standen an der offenen Türe zum Gang, murmelten ein paar verbindliche Worte und wurden dann fortgeschickt wie lästige Welpen. Dann kam Matthew herein mit einem Ausdruck von Erleichterung auf seinem verhärmten Gesicht.

„Mein Liebes, vor fünf Minuten hat Halifax die Elgin erreicht und wir haben soeben O’Dells Antwort erhalten. Er eilt mit einer Geschwindigkeit von zehn Knoten nach Marina – und sollte morgen, etwa am späteren Vormittag, vor Marina ankern. Es weht ein leichter Wind aus Westen und es hat wenig Brandung. McBain meint, das Wetter hält. Er hat einen Wagen mit einer Matratze oben auf einem lockeren Heuhaufen herrichten lassen. Morgen nach dem Frühstück spannt er seine ruhigsten Ponys davor und wir bringen dich am Nordstrand entlang zum Landeplatz. Du musst Mrs. McBain sagen, was sie alles für dich packen soll. Ich kümmere mich später um mein eigenes Zeug.“

Isabell fuhr mit der Zunge über ihre trockenen Lippen. „Matthew, bitte schließ‘ leise die Türe. Ich möchte Mrs, McBain nicht beleidigen. Ich muss dir etwas sagen.“

Carney stand auf und schloss die Türe. Er wandte sich um, atmete tief durch und richtete die Schultern geradeaus. „Ja, mein Liebes?“

„Setz dich bitte, Matthew. Ich möchte nicht, dass du mit mir mitkommst.“

„Aber ich habe das schon geregelt …“

„Das spielt keine Rolle. Die Funkstation ist wichtig. Du kannst nicht fortgehen und es so lange zwei Männern überlassen, alles im Griff zu haben. Bitte fang‘ jetzt nicht an zu argumentieren! Hör zu, was ich dir sagen möchte. Ich hatte viel Zeit zu überlegen, während ich hier lag. Meine Gedanken waren ein großes Durcheinander, seitdem ich nach Marina kam, aber jetzt sind sie völlig klar. Ich werde wieder gesund werden. Ich glaube nicht, dass ich gefährlich verletzt bin. Aber das ist gar nicht so wichtig. Wichtig ist, dass es mir einen Ausweg aus einem Albtraum zeigt. Ich glaube, du weißt, dass ich hier nicht glücklich war. Es gab ja Zeiten, in denen ich es war, in denen alles wundervoll zu sein schien und ich glaube, dir ging es genauso. Aber als der Winter kam, änderte sich alles. Etwas ist mit uns geschehen. Als ob – als ob wir beide unter einer Art Fluch lebten. Manchmal dachte ich, es sei ganz nahe und ich müsste nur meine Hand ausstrecken und könnte es berühren, wenn ich nur wüsste, was es war. Aber ich wusste es nicht und ich bekam es nicht zu fassen. Es war wie eine Dunkelheit, die man fühlen, aber nicht greifen kann. Wir waren voneinander ausgeschlossen, du und ich.“

„Ja,“ antwortete er. Er schaute sie nicht an. Sein schwerer blonder Kopf hing nach unten, sein kurzer Bart lag auf seiner Brust. Er saß nach vorn gebeugt und betrachtete seine Hände, die er fest umklammert hielt. Sie sah, dass die Knöchel weiß waren.

„Es auszusprechen ist nicht leicht, Matthew – aber ich weiß jetzt, dass ich nicht hätte mitkommen sollen. Es war nicht dein Fehler, es war meiner – meiner ganz allein. Ich hatte dich getroffen, in einem Moment völliger Verzweiflung und habe mich dir an den Hals geworfen; und dann habe ich dich überredet, mich hierher zu bringen. Das war eine unverzeihliche Dummheit. Jetzt ist es mir klar. Es hat uns nur unglücklich gemacht, dich und mich – uns alle. Vermutlich hätten wir so weitergemacht, wer weiß, wie lange. Ich mag es mir gar nicht vorstellen. Dann passierte dies. Es kommt mir vor, als sei es ein abschließendes Urteil über meine Torheit. Aber nun ist mir aufgegangen, es ist das Beste, das passieren konnte – für uns alle. Es ist das Ende dieses düsteren kleinen Theaterspiels, das wir alle hier aufgeführt haben. Zumindest nimmt es mich aus dem Spiel und gibt euch wieder das vorige Leben zurück, das ihr immer so genossen habt. Ich habe nie vergessen, was du mir an dem Tag sagtest, als wir uns getroffen haben, dass Marina der einzige Platz ist, der Bedeutung für dich hat. Das ist immer noch so, nicht wahr?“

Er blieb in seiner gebeugten Haltung und schwieg. Dann sagte er mit angespannter Stimme, fast flüsternd:

„Ja.“

„Dann versprichst du mir, dass du bleibst – und mich gehen lässt?“ Wieder Schweigen, dann ein heiseres „Ja“. Sie sah eine Träne auf seine zusammengepressten Hände fallen, auch ihre eigenen Augen füllten sich.

„Bitte, geh‘ jetzt und sag‘ Mrs. McBain, dass ich eine Zeitlang allein sein möchte.

Sie weinte, nachdem er gegangen war. Am Morgen, kurz bevor sie abgeholt wurde, zog sie ihren Ehering vom Finger und legte ihn unter das Kissen. Es erschien ihr als einzige Möglichkeit, das Ende ihrer Beziehung deutlich zu machen. Matthew würde ihn finden, wenn er vom Strand zurückkam und würde verstehen.

 

Es erwies sich als problematisch, die Patientin anzuziehen, denn jede Bewegung war äußerst qualvoll; aber es gab eine Lösung, indem sie, wie sie war, vorsichtig in einen Daunenschlafsack aus McBains Notfall-Vorrat gewickelt wurde. Sicher zugeknöpft von Kopf bis Fuß, wurde sie auf einer Tragbahre zum Wagen gebracht. Sargent war im Wachraum. Sie verabschiedete sich dort von ihm mit einem matten Lächeln und sah, wie er sich abwandte, um seine Rührung zu verbergen. Mrs. McBain saß neben ihr im Heu und McBain ergriff selbst die Zügel. Langsam bewegten sie sich über die Dünen in Richtung Nordstrand, Carney ging an einer Seite, Skane an der anderen, um das Schwanken des Wagens zu mildern, während die Ponys ihn über die Hänge zogen. Dennoch war die Reise für sie schmerzhaft, bis sie die trittfeste Fläche des Strandes erreichten. 

Es wehte eine leichter Wind und die Luft war kühl und frisch. Die Brandung zischte ans Ufer herauf und mitunter schien es, als erreiche sie die Hufe der Ponys, aber es klang nicht nach einem heftigen Seegang. Sie bemerkte, dass Mrs. McBain und die Männer von Zeit zu Zeit prüfend hinausblickten. Hoch über ihren Köpfen folgte eine Schar Seeschwalben dem Wagen. Sie vollführten blitzschnelle Wendungen und Drehungen und erfüllten die Luft mit ihrem Kreischen. Der Funkmast reckte sich hoch in den April-Himmel, wurde kleiner und versank dann langsam zwischen den Dünen. Isabel behielt ihn im Blick, bis er verschwunden war.

Am Landeplatz wartete die Mannschaft der Lebensretter mit dem besten Brandungsboot der Station, mit einer speziellen Krankentrage, die an beiden Ende Schlingen hatte, zum Hochziehen auf das Schiff. Die Kahns waren da und die Lermonts waren von Nummer Zwei heruntergeritten.

„Ist das Ding auch sicher?“ wollte Mrs. McBain wissen und betrachtete die Trage misstrauisch, als die Männer den Schlafsack mit seiner Last hineinhoben.

„Ich habe sie selber vorbereitet,“ entgegnete McBain ziemlich ungehalten. „Sie ist festgeschnallt. Sie kann nicht herausfallen, selbst wenn eine Schlinge nachgibt.“

„Also gut. Kontrolliere aber lieber nochmal nach, bevor man sie an Bord holt. Ich möchte nicht, dass das arme Kind an den Fersen hochgezogen wird wie ein Pony, John McBain. Geht es dir gut, mein Lämmchen?“

„Ja.“

„Hier ist dein Mann. Er möchte dir einen Abschiedskuss geben.“

Matthews Gesicht beugte sich mit einem ernsten Ausdruck über sie. Seine Augen hatten genau die Farbe des Frühlingshimmels, so verschieden von Skanes dunkelblauen meerfarbenen Augen. Sie erkannte in ihnen den eigenartigen „Radio-Blick“, den sie so oft bei ihnen allen gesehen hatte, den abwesenden Blick, der dennoch ferne verborgene Dinge wahrnahm. Es waren keine Tränen darin wie in den ihren. Sie fühlte die Haarspitzen des goldfarbenen Bartes an ihrer Wange und eine kurze Berührung seiner Lippen.

„Ich habe Hurd einen Brief geschrieben,“ sagte er ruhig. „Er wird alles mit dem Krankenhaus regeln und dafür sorgen, dass es dir an nichts fehlt.“

Er zögerte, schluckte und schaute aufs Meer hinaus. „Leb‘ wohl, mein Schatz, Gott segne dich. Ich weiß nicht … was ich noch sagen sollte.“ Er wandte sich um.

Mrs. McBain nestelte an den Knöpfen des Schlafsacks und küsste sie.

„Auf Wiedersehen, Lämmchen, und komm bald zu uns zurück. Dein Koffer und alles andere sind im Boot.“ Dann fügte sie hinzu, „Weine nicht, du darfst nicht weinen,“ als ob sie nicht selbst lauthals schluchzte.

Dann tauchte Skanes Gesicht auf, hager und unpersönlich, aber mit einer innigen Botschaft in den Augen. Sie blinkte die Tränen weg und sagte leise und kühl, „Es ist ein Abschied, Greg.“

„Wir sehen dich wieder,“ entgegnete er. Sie antwortete nicht. Gleich darauf sagte McBain. „All right, Jungens, auf geht’s.“ Er stand im Boot und umklammerte den Schaft des großen Ruders mit seinen wettergegerbten Händen. Die Mannschaft, zusammen mit Kahn, Lermont, Skane, Carney und den drei Inselfrauen, fassten das Boot an den Kanten, wateten hinaus in die Brandung und stießen es ab. Isabel befand sich unten im Boot und konnte nichts sehen außer McBains braunes aufmerksames Gesicht und die Seevögel, die am wolkenlosen Himmel kreisten. Es war wie auf dieser anderen Bootsreise, als sie sich im Griff des Meeres so einsam gefühlt hatte. Das Boot schwamm jetzt und tanzte in der Brandung. Die Crew sprang herein und setzte die Ruder aus.

„Durchziehen!“ befahl McBain. „Jetzt! Mit Kraft!“ Die Ruderer zogen heftig an. Meerwasser rann über die Seitenkanten und ein dünnes Rinnsal ergoss sich ins Innere. Man hörte Wasser tropfen. Dann nahm der kurze Wellenschlag der Küstenströmung ab. Das Boot bewegte sich auf langsamen glitzernden Wellen auf und ab. McBain schaute hinunter und lächelte Isabel an.

„Keine Probleme, Ma’am. Janie hat uns gutes Wetter herbeigebetet.“

Dennoch blickte er etwas beunruhigt, als sie an der Längsseite des Schiffs Position bezogen und an der schwankenden eisernen Seitenwand hinaufsahen. O’Dell hatte seinen vorderen Ballast-Ausleger ausgefahren und der Lastenhaken senkte sich zum Boot hinunter wie die Klaue eines Raubvogels. Einer der Bootsmänner übernahm das Steuerruder, damit McBain die Schlingen der Trage selbst befestigen konnte. Nachdem er eine der Kontrollleinen ergriffen hatte und den Mann, der die andere hielt, scharf ins Auge fasste, rief er, „Hoch damit!“

Isabel hörte O’Dells hohe Stimme, „Langsam! Ganz ruhig!“ zu seinem Arbeiter sagen. Alles lief gut ab. Es gab nicht einmal einen Ruck, als die Trage aus dem Boot gehoben wurde. Sie hatte keine Angst. Trotz Schmerzen und Erschöpfung, konnte sie dem ganzen so etwas wie eine humorvolle Seite abgewinnen. Es glich so sehr Little Eva13), die vom Fliegen-Acker an einem Seil zum Himmel aufsteigt. Eine Zeitlang konnte sie nur den Himmel sehen und den Lastenhaken am Drahtseil, aber als der Auslegerarm langsam das Bordinnere erreichte, kamen die oberen Aufbauten der Lord Elgin in Sicht und die Gesichter von O’Dell und seines Maats, die über den Segeltuchschutz auf der Brücke herunterschauten. Die Trage wurde auf dem Vorderdeck niedergesetzt. Unvermittelt schaute Isabel in das lächelnde Gesicht einer Frau.

„Es sagte „Hallo“.

„Wer sind Sie?“ fragte Isabel erstaunt.

„Also, zunächst einmal bin ich eine Krankenschwester. Ein Glücklicher Zufall, nicht wahr? Ich war auf dem Weg die Küste hinauf zu einer kranken Frau beim Leuchtturm von Kedge Rock, als Kapitan O’Dell die Anweisung bekam, hierher zu kommen.“

Dann war O’Dells Gesicht mit den kühlen blassblauen Augen da, bleich und spöttisch.

„Nun, junge Frau, ich nehme an, Sie wussten nicht, dass es geladen war?“

„Nein.“

„Die wissen es nie. In ein paar Minuten liegen Sie in einer bequemen Koje. Wie geht es Ihnen?“

„Im Moment ziemlich übel, fürchte ich.“

„Das wird schon wieder werden. Warum ist Carney nicht mitgekommen?“

„Das wollte ich nicht.“

Kapitän O’Dell sah ihr fragend in die Augen und begegnete nur einem herausfordernden Blick, der eine Abweisung bedeutete. Er zuckte die Schultern und rief zwei von der Mannschaft herbei, die Trage auf das Achterdeck zu bringen.

 

KAPITEL 27

 

Das Krankenhaus war vollbelegt und mit Arbeit ausgelastet. Hurd hatte kein Einzelzimmer kriegen können und Isabel befand sich in einem Zweibettzimmer, abgeschirmt durch eine Trennwand aus Segeltuch von einer älteren Frau, die stöhnte und sich aufregte und der diensthabenden Schwester viel Mühe machte. Die Schwester vertraute Isabel flüsternd und mit einem Augenrollen an, dass die alte Mrs. Tappett langsam an Krebs starb und dabei eine ziemliche Nervensäge war. Unter anderem weigerte sie sich, das Wasser, das aus der Stadt kam, zu trinken. Sie stammte aus einem der Vororte, wo die Leute ihre eigenen Brunnen hatten und sie bestand darauf, dass ihr Sohn ihr einen Wasservorrat von zu Hause brachte. Er war mit einer großen Ballonflasche voll mit authentischem Wasser in die Stadt heraufgefahren und übergab es der Oberschwester, die es sofort in die nächste Spüle schüttete. Dann wurde die Ballonflasche sorgfältig sterilisiert, an einem Wasserhahn des Krankenhauses erneut gefüllt und zu der alten Dame hinaufgebracht.

Die diensthabende Schwester nahm die Ballonflasche gelegentlich unauffällig mit und brachte sie gefüllt wieder zurück, mit der Auskunft, dass der Sohn durch einen Freund  wieder neuen Vorrat geschickt hatte. Immer wenn die Patientin zu trinken verlangte, schenkte die Schwester ein Glas des geschätzten Wassers ein und hielt es der Patientin an die Lippen. Mrs. Tappett trank dann laut schlürfend und rief zu Isabel hinüber „Ah, meine Liebe, was für ein Unterschied! Ohne dieses fürchterliche Chlor oder dem Eisengeschmack der Leitungen!“

Die Schwester steckte dann ihren Kopf am Ende der Tennwand hinüber, grinste und zwinkerte; Isabel lächelte und murmelte, „Ja, Sie haben recht.“

Die langen Tage wurden belebt durch diese unschuldige kleine Posse, dem gelegentlichen Besuch eines anderen Sohnes, einem dümmlichen fünfzigjährigen Mann, der sehr darauf bedacht war, wieder wegzukommen, und einem jungen anglikanischen Pfarrer, der ins Krankenzimmer stürmte und „Hello! Hello! Hello! rief, wie ein Papagei in Priesterkleidung. Isabels Besucher waren anderer Art. Hurd kam ein oder zweimal. Er benahm sich ziemlich steif. Es war klar, er hatte Miss Jardine nicht vergeben, dass sie auf diese Art und Weise weggerannt war. Er hatte eine Funkmeldung an Carney gesandt, dass die Wunde zwar ernst, aber nicht gefährlich war und dass Isabel sich gut erhole. Er redete viel über seine Arbeit, was Isabel nur am Rande interessierte und kam dann auf sein Lieblingsthema zu sprechen. Im Bereich der Funkübertragung passierten täglich Änderungen, alles ging sehr schnell und er, Hurd, musste sehen, wie er damit Schritt hielt. Das Radio entwickelte neue Wunder und bald werde die Telegraphie nur noch am Rande existieren. Rundfunk – das sei jetzt groß im Kommen. Manche Leute lachten darüber, aber das Lachen werde ihnen im Laufe der nächsten zehn Jahre schon vergehen, da sei er sich ganz sicher.

Hurd hatte als Funker angefangen und war zunächst davon begeistert. Aber bald gab er die Funkerei auf und ging an Land ins Management. Er sprach über diese frühe Erfahrung an Bord eines Schiffes wie ein Millionär von seiner einstigen Tätigkeit als Zeitungsjunge. Immer wenn ein hoffnungsvoller Schiffsfunker in seinen Gesichtskreis trat, dachte er sich, „wie einstens Rollo Hurd, der mit Gottes Hilfe die Kurve gekriegt hat.“ Er sprach anerkennend über Carney und Skane, aber die Herablassung, die dabei mitschwang, ließ keinen Zweifel daran, dass er im Grunde Carney und die anderen, die in solch gottverlassenen Gegenden dienten, insgesamt für Einfallspinsel hielt. Isabel war froh, als er ging.

Ein Besuch von Miss Benson erwies sich als unterhaltsamer. Sie trug ein schickes Frühlingskostüm mit einem Rock, der vermutlich der kürzeste in ganz Halifax war und einen modischen Chase-me-Charlie-Hut. Sie legte eine Tüte mit Trauben auf den Nachttisch und setzte sich auf den Stuhl, wobei sie ihre vorteilhaftesten Körperteile, in glatte Seidenstrümpfe gehüllt, übereinanderschlug.

„Nun, meine liebe Mrs.Carney – ich finde es komisch, Sie nicht mehr Miss Jardine zu nennen – Sie so wiederzusehen, habe ich nicht erwartet. Angeschossen, wie Mr. Hurd erzählt hat, wie schrecklich. Aber Unfälle passieren halt, wie ich immer sage, und so kann man sich wenigstens einmal richtig lange ausruhen. Und ein wenig Abwechslung hat noch niemandem geschadet. Ich meine dieser entlegene Ort und die Kocherei für drei Männer und all das meine ich. Übrigens habe ich den Scheck mitgebracht, den Lohn für die Koch-Arbeit – er muss irgendwo in meiner Tasche sein – Ah! Da ist er. Vierhundert Dollar. Es waren nicht ganz acht Monate – einen Tag weniger oder so – aber Hurd sagte, ich solle die volle Summe einsetzen. Es ist komisch. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sie für drei Männer kochen. Aber ich kann Sie mir auch nicht dort vorstellen, oder als Carneys Frau oder was sonst noch.“

Isabel lächelte. „Vor einem Jahr hätte ich mir selbst nichts dergleichen vorstellen können. Und jetzt frage ich mich, ob das alles wirklich geschehen ist. Marina und Halifax sind völlig verschiedene Welten. Wie geht es Ihnen?“  

„Oh, sehr gut. Zuerst war ich etwas unsicher, weil Sie nicht mehr da waren, um mir zu zeigen, wo es lang geht, aber ich habe einiges dazugelernt. Als Sekretärin kann ich nicht mehr so oft mit den Funkern abgeben und Sie wissen ja, dass Hurd sowieso etwas dagegen hat. Aber ich finde mich schon zurecht. Glücklicherweise ist er jetzt ziemlich oft abwesend, hält Reden in Club-Restaurants und ich weiß nicht, wo sonst noch – über „Die unaufhaltsame Zukunft des Radios“ – oder so ähnlich. Alle sind ganz verrückt wegen dieser neuen Rundfunk-Marotte und sie saugen alles auf, was Hurd oder wer auch immer, darüber zu sagen hat. Es muss stinklangweilig sein, wenn er so redet, wie er Briefe diktiert. „Werter Herr…ahhh… unter Bezugnahme…ahhh…auf Ihren…ahhh…Brief vom…ahhh… achtundzwanzigsten ultimo…“

Es war eine gute Imitation von Hurd, beim Entwurf eines Schriftstücks und Isabel musste herzlich lachen. Miss Benson fuhr fort. „Aber wenn Sie mich fragen, diese ganze Radio-Geschichte ist eine lästige Angelegenheit – mal abgesehen vom Standpunkt der Funker. All dieser Kleinkram mit den schwierigen Namen, den man als Ersatzteile oder zur Reparatur oder Was-weiß-ich an Schiffe und Landstationen schicken muss. Nicht einmal die Hälfte davon steht im Wörterbuch. Und bei diesem neuen Hype, diesen Radioempfängern, sitzt man gebeugt über eine Ansammlung von Röhren und Spulen und Batterien und anderen Dingen, Kopfhörer auf, und hört jemanden in Schenectady, New York, langsam und feierlich in ein Fass sprechen und sagen ‚Vau Ge We‘, wie Gott, der gerade sein Urteil über die böse Welt abgibt. Und das soll eine Zukunft haben?  

Sie quasselte noch eine halbe Stunde so weiter und nahm dann Handschuhe und Handtasche.

„Also dann, meine Liebe. Ich komme wieder, wenn ich kann, aber das wird nicht oft sein. Sie wissen ja, wie es ist.“

„Ja, ich weiß, wie es ist.“

„Miss Benson tätschelte ihre blonden Locken und setzte den Hut auf. Sie ging zur Türe und drehte sich um. „Sie haben sich übrigens verändert.“

„Das hätten Sie auch, wenn Sie im falschen Moment vor einem geladenen Gewehr gestanden wären.“

„Oh nein, das meine ich nicht. Vielleicht, weil Sie ihre Brille nicht aufhaben. Tragen Sie sie nicht mehr?“

„Nie. Ich glaube nicht, dass ich sie wirklich gebraucht habe. Und meine Augen sind sowieso besser geworden, als ich nicht mehr den ganzen Tag auf Briefe und Zahlenreihen starren musste.“

Miss Benson warf ihr einen schlauen Blick zu. „Jedenfalls sehen Sie besser aus. Es ist nicht nur wegen der Brille. Sie haben so etwas – ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Ich dachte immer, Sie sehen wie ein prüdes Mädchen aus. Jetzt nicht mehr.“

„Sie vergessen, dass ich verheiratet bin, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben.“

„Nun ja, aber das ist es auch nicht. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich sagen, Sie sehen interessant aus. Das trifft es zwar nicht genau, aber Sie wissen, was ich meine. Die meisten verheirateten Frauen, die ich kenne, schauen nur verheiratet aus.“

Sie ging, ein Hut und ein Paar Beine – und sah in der Tat sehr unverheiratet aus.

Eines Tages kam, zusammen mit dem Haus-Chirurgen, ein Mann mit einem dichten grauen Haarschopf und dem Gesicht einer freundlichen Bulldogge herein.

„Mrs. Carney, das ist Dr. McGrath, der Sie operiert hat. Erinnern Sie sich an ihn?“

„Oh, Ja.“

Die Bulldogge lächelte. Er hatte lebhafte Augen. „Wie geht es Ihnen inzwischen?“

„Man sagte mir, alles sei gut. Doktor McGrath, Sie wollten mir am Morgen der Operation nicht sagen, wie es mit meinen Verletzungen steht. Darf ich es jetzt wissen?“

„Natürlich. Junge Frau, Sie hatten Glück. Ein wenig mehr zur Mitte hin oder etwas höher, dann wären Sie in einem Sarg von dieser Insel gekommen. Inzwischen kann ich sagen, dass die Kugel ein paar schmerzhafte Splitter von einer unteren Rippe gerissen hat und dann ausgetreten ist, ohne wichtige Organe in Mitleidenschaft zu ziehen. Die Leber hat sie knapp verfehlt und ich wundere mich, dass sie die Niere nicht in Stücke riss. Das war ein Dumdum-Geschoß14) besonderer Art. Ihr spielt da draußen offenbar wilde Spiele. Das Geschoß hat sich nur wenig gedreht, bevor es ausgetreten ist. Sie werden infolgedessen ein interessantes Grübchen oben an Ihrer Hüfte behalten; etwas, dessen sich nur wenige Frauen rühmen können.“

Sie lachte. „Wann, glauben Sie, kann ich das Krankenhaus verlassen?“

„Ah!“ sagte der Haus-Chirurg. „Da haben wir‘s. Wir behandeln sie gut, wir bieten ihnen einen Komfort wie zu Hause, wir versorgen sie sogar mit Grübchen und was ist ihre erste Frage? Wann können wir gehen! So viel zum Thema Dankbarkeit. So sind sie, die Frauen.“

„Nicht mehr lange,“ entgegnete Dr. McGrath. Sie haben sich eine günstige Zeit für Ihr Abenteuer herausgesucht. Wir wissen jetzt eine ganze Menge mehr über Schusswunden, als vor dem Krieg. Sagen wir, noch drei Wochen, wenn Sie sich an die Vorschriften halten. Danach dürfen Sie sich nicht überanstrengen – keine Hausarbeit, bei der Sie sich oft bücken müssen und so weiter. Sie haben eine solide, gesunde Konstitution und in zwei Monaten sind Sie wieder so gut wie neu. Wie ist das Leben auf Marina? Aufregend? Mit all diesen Wracks, nicht wahr? Ein wenig rau würde ich sagen.“

„So komfortabel wie hier ist es nicht,“ antwortete sie. Er nickte, guckte hinter den Rand der Trennwand zur armen Mrs. Tappett hinüber, sah die Ballonflasche und lachte in sich hinein – es war einer der Standardwitze des Krankenhauses – und verließ den Raum. 

Die Tage im Bett kamen ihr endlos vor. Sie empfand es als enorme Erleichterung, als sie aufstehen und bei gutem Wetter einige Stunden in einem Lehnstuhl auf der Veranda des Erdgeschoßes sitzen durfte. Die Maisonne fiel warm auf das Rasenstück, wo eine Schar gut genährter Robins herumhüpfte und jeden Morgen und jeden Spätnachmittag nach Würmern suchte. Die Forsythien-Büsche rund um das Hospital standen leuchtend gelb in voller Blüte, aber außer ihnen blühten keine anderen Büsche, manche hatten noch nicht einmal die Blätter ganz ausgetrieben und die Ulmen und Eschen, die die Auffahrt säumten, trugen noch winterkahle Äste. Unten auf der Straße, vor dem Gelände des Krankenhauses, wo Schilder standen mit der Aufschrift KRANKENHAUS RUHEZONE, wälzte sich eine endlose Autoschlange hin und her. Die Fahrer beachteten die Aufschrift, aber an jedem Ende der Zone, begannen sie, laut zu werden, Hupkonzerte zu veranstalten, pfeifend, quakend, und trompetenähnlich, was Isabel seltsamerweise an Marina erinnerte. Sie überlegte kurz, warum. Dann lächelte sie. Es glich den Funkgeräuschen in einer geschäftigen Nacht.

Das Maiwetter in Nova Scotia ist launisch, und die warmen trägen Vormittage und Nachmittage auf der Veranda wurden häufig unterbrochen von dunklen Nebelschwaden, die vom Hafen her heraufzogen und alle ins Innere des Hauses vertrieben. An manchen Tagen blies ein Ostwind, der Regengüsse gegen die Fenster drückte, vor denen starr und schwarz die kahlen Bäume entlang der Auffahrt standen. Der Verkehr auf der Straße zischte wie eine ärgerliche Schlange. Dann zogen es die meisten Rekonvaleszenten vor, im Bett zu dösen und nur die Ruhelosen gingen in den Lese- und Gesellschaftsraum hinunter. Isabel gehörte zu den Ruhelosen. Die Exzentrizität von Mrs. Tappett ging ihr langsam auf die Nerven. Der Witz über das Wasser war inzwischen langweilig, und wenn der Haus-Chirurg mit seinem unweigerlichen Ausspruch „Und wie geht es unserer Lieblings-Schusswunde heute?“ hatte sie das Gefühl, schreien zu müssen. Sie fühlte sich sehr gut, zwei der Wochen, von denen Dr. McGrath gesprochen hatte, waren vorbei und sie sah eigentlich keinen Grund, warum sie noch die langen Stunden einer dritten Woche ertragen sollte.

An einem verregneten Nachmittag saß sie gerade lesend im Gemeinschaftsraum am Kaminfeuer, als eine Schwester an der Türe den Kopf hereinstreckte und in heiterem Ton sagte, Mrs.Carney? „Da draußen ist ein ausgesprochen gutaussehender junger Mann, der nach Ihnen fragt. Ein Seemann. Darf ich ihn hereinschicken?“

Isabel zuckte heftig zusammen. Für einen Moment verschlug es ihr die Stimme. Sie stand auf, blickte auf die Türe und ihre Fingerspitzen gruben sich schmerzhaft in ihre Handflächen.

„Nein…Ja, lassen Sie ihn reinkommen.“

Die Schwester trat zurück und winkte jemandem, der im Gang stand; und als er eintrat, entfloh Isabel ein Seufzer der Erleichterung. Es war Sargent. „Jim!“ sagte sie mit unsicherer Stimme und setzte sich entspannt in den Lehnstuhl. „Was um Himmels willen, tun Sie denn hier?“  

Er trug die Uniform mit den glänzenden marineblauen Knöpfen und den ineinander verschlungenen Goldflechten an den Ärmelaufschlägen, die er auf Marina so sorgfältig gepflegt hatte. Ein nasser blauer Regenmantel hing über seinem Arm, die Mütze hielt er in der Hand. Er ergriff ihre ausgestreckte Hand und schüttelte sie ganz vorsichtig, als fürchte er, sie könnte zerbrechen, wenn man sie herzhaft berührte.

„Also,“ erklärte er mit einem zufriedenen Ausdruck im Gesicht, „ich habe Marina vor vierzehn Tagen verlassen. O’Dell war in einer gewissen Zwickmühle, weil er alles liegen und stehen lassen musste, um Sie abzuholen und dann innerhalb eines Monats erneut umkehren musste für die reguläre Runde nach Marina mit den Lieferungen und der Post. Es war höchste Zeit, würde ich sagen. Die Vorratsschränke waren schon ziemlich leer. Jedenfalls war mein Jahr um, wie Sie wissen und Hurd schickte an meiner Stelle einen neuen Burschen, Battleford. Drei oder vier von den Inselbewohnern gingen gleichzeitig mit mir weg. Eine davon war – wer hätte das vermutet? – Sara Giswell.“

„Oh?“

„Mama Giswell versuchte schon seit vier Jahren sie zu überreden, auf dem Festland eine Schule zu besuchen, aber Sie wissen ja, wie verrückt Sara nach Skane war. Na ja, offenbar ist sie endlich darüber weggekommen. Sie wird bei Mutter Giswells Familie in Port Bickerton wohnen. Wir segelten also los, aber nicht direkt nach Halifax. O’Dell wollte seine Bojen fertig setzen, brachte uns in Canso an Land und überließ uns unserem Schicksal. Ich hatte die Anweisung erhalten, mich auf einen Tanker in Nord Sidney zu begeben – Hurd hatte versprochen, mir eine Stelle als Schiffsfunker zu besorgen – und ich war etwas in Bedrängnis, denn Carney und Skane gaben mir Briefe an Sie mit, die ich Ihnen unbedingt persönlich übergeben sollte. Dann aber stellte sich heraus, dass der Tanker auf seinem Weg in den Süden Halifax ansteuerte und so nahm ich sie mit nach Nord Sidney. Das war der Grund für die Verzögerung.“

Er griff in die Innentasche seiner blauen Jacke und überreichte ihr die Briefe. Isabel legte sie unbesehen in ihren Schoß, aber ihre Hand zitterte.

„Wie geht es ihnen – Matthew und Skane?“

„Oh, gut soweit. Wir waren alle ziemlich bedrückt, nachdem O’Dell Sie weggebracht hat, und Sie können sich unsere Erleichterung vorstellen, als Hurd uns mitteilte, dass Sie gerade aus dem Operationssaal gekommen seien und alles gut gegangen war. Danach war es bei uns recht langweilig, schlimmer als im Winter. Carney und Skane sind beide eher schweigsam und ich zählte nur noch die Tage. Als ich an Bord der Elgin war, fiel ich auf die Knie und küsste das Deck. Puhh! Was für eine Erleichterung! Auf ins Seemannsleben!“

„Und jetzt geht es endlich zur See?“

„Ja, wir ankern hier, um Waren zu laden und morgen starten wir nach Talara.“

„Was für ein hübscher Name! Wo liegt das?“

„Ich glaube nicht, dass es ein hübscher Ort ist. Es liegt in Peru. Es geht um Öl. Eine reguläre Route. Den Panama-Kanal hinauf und hinunter. Meine Kameraden an Bord finden es monoton, aber für mich klingt es wie eine Vergnügungsfahrt. Und an Bord eines Tankers ist natürlich das Essen und alles andere 1A im Vergleich zu den Frachtern und Kohleschiffen, die ich kenne. Es ist ein bisschen komisch wieder mit einem Funkset herumzupiepsen, das nur ein halbes Kilowatt Stärke hat, nach dem dröhnenden Ding in Marina. Der Sende-Apparat steht in einem Kabinett, das nicht größer ist als Ihr Küchenkasten, und die Funkmaschine liegt hinter dicken Türen – wie eine Katze, die in einer Kühlbox miaut. Aber was für ein Luxus, wenn man nur an einem Schalter knipsen muss, und der Kerl unten im Maschinenraum sorgt für den Saft! Die einzigen Benzin-Motoren, die ich jemals wieder hören will, sind die in den Taxis.“

Sein Lachen war ansteckend und Isabel lachte mit ihm. Er schwatzte noch für etwa zehn Minuten und ging dann schnellen Schritts, die Mütze keck über einem Ohr. Seine Goldlitzen  schimmerten im dunklen Gang, als sei er eine neue Art Pizarro, als liege Peru nur um die Ecke der Tower-Road.

Sofort öffnete sie Matthews Brief. Auf dem Umschlag stand in riesigen Buchstaben, „Mrs. Isabel Carney. Persönlich. Zu übergeben durch J.Sargent Esq.“ Carney schrieb:

Mein liebes Mädchen,

ich schreibe Dir, während meiner Nachtwache. Sargent verlässt uns morgen. Das ist die Gelegenheit, dass Dich der Brief direkt erreicht. Wir kommen gut zurecht. Sargent wird es Dir erzählen. Nightingale hat seinen ältesten Jungen, achtzehn, zu uns geschickt, damit er für uns kocht und der neue Funker trifft mit dem nächsten Boot ein. Es ist immer erfreulich, wenn ein neuer Mann kommt. Man hört den neuesten Klatsch und auch neue Geschichten.

Ich kann gar nicht sagen, wie erleichtert wir alle waren, als wir gehört haben, dass Du wieder gesund wirst. Hurd sagt, Du brauchst nur etwas Zeit und Ruhe, und dass sie Dich sehr gut pflegen. Ich danke Gott dafür.

Und nun, meine Liebe, möchte ich Dir das sagen, wofür ich an dem Tag als Du fortgingst, keine Worte finden konnte. Ich wusste von Anfang an, dass Du mit mir auf Marina nie glücklich sein könntest. Dafür gibt es mehrere Gründe, einige sind Dir bekannt. In einem Anfall von Selbstsucht vergaß ich sie damals in Halifax allesamt, sogar den, der mir am meisten bewusst war. Ich glaube, wir waren beide in diesen Tagen ein wenig verwirrt, aber dann auf der Insel, erkannten wir bald unseren Fehler. Du hast versucht, das Beste daraus zu machen und ich werde Dir immer dankbar sein für die Freude, die Du mir damals geschenkt hast. Aber als der Winter kam, wurde es mir viel mehr als Dir bewusst, was für ein schrecklicher Fehler es war. Es schien keinen Ausweg zu geben. Ich fühlte mich wie ein Mann, der auf eine Klippe zugeht und einen anderen mitzieht.

Dann passierte Dein Unfall, was allem eine ganz unerwartete und schreckliche Wendung gab. Vielleicht kannst Du Dir vorstellen, wie ich mich fühlte bei dem Gedanken, dass ich Dich hierhergebracht hatte, und Du jetzt hier sterben könntest. Und was es für mich bedeutet hat, als Du durchgehalten hast und mir klar wurde, dass Du eine Chance hast zu überleben. Eine Zeitlang wusste ich nicht, was sich daraus ergeben könnte, aber in dem Augenblick, als Du mich gebeten hast, die Türe vor Mrs. McBain zu schließen, wusste ich es. Und ich wusste, dass es das einzig Richtige war, für Dich und für mich.

Ich weiß, dass ich Dir meine Gedanken etwas umständlich erkläre. Aber Du warst immer ein Mensch, der aufgeschlossen reagierte. Du bist vernünftig und wirst bestimmt einverstanden sein mit dem, was ich vorschlage. Wie Du weißt, waren wir offiziell nie verheiratet, und Du bist frei, Dein eigenes Leben zu leben, wie es Dir gefällt. Lebe es, meine Liebe, und versuche, diese traurige Episode zu vergessen. Du bist noch jung und die Welt kann sehr schön sein. Was mich angeht, ist meine Welt hier. Ich werde die Insel nie mehr verlassen. Ich habe einen Brief an meine Bank geschrieben, die Nova Scotia Bank in der Hollis Street, und habe an Isabel Jardine die Summe überschreiben lassen, die jetzt dort auf meinen Namen liegt. Es sind etwa acht oder neuntausend Dollar, die Dir eine solide Stütze sein werden, wenn Du jemals gegen den Wind zu kämpfen hast.

Nimm das Geld, mein liebes Mädchen, denn ich brauche kein Geld mehr. Selbst wenn, habe ich ja meinen Lohn, und bin für den Rest meines Lebens gut versorgt. Behalte mich in freundlicher Erinnerung. Wenn ich den Augenblick Deiner Schwäche in Halifax ausgenutzt habe, dann deshalb, weil ich selber schwach gewesen bin. Ich wollte ein Glück festhalten, das neu und wunderbar für mich war. Es wird mir immer unvergesslich sein. Jetzt gibt es wohl nichts mehr zu schreiben, als was ich Dir am Strand zum Abschied sagte. Lebe wohl, meine Liebe; Gott segne und beschütze Dich.

In aufrichtiger Zuneigung

Matthew Carney 

 

Die Schwester trat ein. „Aber Mrs. Carney, Sie weinen ja! War dieser junge Mann schuld? Und er sah so nett aus!“

„Es geht mir gut!“

Ein fragender Blick. „Sie sehen aber nicht gut aus. Sie sind blass wie ein Geist. Ich hätte ihn nicht einlassen sollen. Heute ist kein regulärer Besuchstag, aber die Rekonvaleszenten dürfen im Gesellschaftsraum am Nachmittag Besucher empfangen und ich dachte nicht… sollten Sie nicht besser ins Bett gehen? Sie können ja morgen wieder aufstehen.“

„Ach nein, mit mir ist alles in Ordnung,“ protestierte Isabel.

Aber Schwester Thompson, besessen von der Angst vor der Autorität, dem Respekt vor den Ärzten, einer unterwürfigen Befolgung der Regeln – die unangenehmste Eigenschaft des Personals in Krankenhäusern – wollte kein Argument akzeptieren. Also ging Isabel zu Bett, wobei sie ihre Briefe und auch ihre Selbstkontrolle, in ihren geballten Fäusten hielt. Als Doktor Pelly mit seinem albernen Ruf eintrat, gab sie vor zu schlafen.

Erst nach drei Tagen war sie dazu bereit, Skanes Brief zu öffnen. Er war auf der blauen Rückseite eines langen Formulars einer Pressemitteilung geschrieben in der schönen Handschrift eines Künstlers, die Skane so selbstverständlich zu Gebote stand, wie seine Funkzeichen und seine Musik.

Mein Schatz,

Sargent verlässt uns morgen und wird dies persönlich in Deine Hände legen. Ich weiß nicht, wie sie im Krankenhaus mit der Post von Patienten umgehen, aber ich habe die Vision einer schniefenden weiblichen Kreatur mit gestärkter Haube, die die Umschläge öffnet und Dir und anderen Vorbeigehenden alles laut vorliest.

Was für eine wundervolle Nachricht, dass Du nicht gefährlich verletzt bist. Wir alle hatten tagelang ein Lächeln im Gesicht. Mrs. McBain hat täglich angerufen, seit Du fort warst und sagte, dass alle um Dich bangen, angefangen von den Kahns, bis zu Jude Shelman und seiner Frau. Jedenfalls war es das aufregendste Ereignis auf Marina, seitdem ein Schoner mit einer vollen Ladung Rum an der Ost-Barriere aufgelaufen ist, und alle Inselbewohner einen Monat lang im Delirium Tremens lagen.

Jetzt aber im Ernst gesprochen; wir waren alle schrecklich besorgt und für mich war es die Hölle. An diesen Nachmittagen am Teich versuchte ich Dir zu sagen, was Du mir bedeutest, aber erst auf dem grauenhaften Rückweg zur Funkstation wurde es mir voll bewusst. Ich werde Dich jetzt nicht damit behelligen. Wenn man Liebe direkt gesteht, ist es so unmittelbar und einzigartig; man hat das Gefühl, dass niemand zuvor diese Worte sagte, aber niedergeschrieben (z.B. in den Büchern, die man liest) wirkt alles so furchtbar phrasenhaft und manches kommt einem direkt albern vor. Und doch spricht man diese Dinge aus und findet sie wunderbar. Also sollte man von Liebe sprechen, aber nie davon schreiben. Ich weigere mich jedenfalls, Dir meine Liebe auf Papier auszudrücken. Aber Du sollst wissen, dass ich an Hurd geschrieben und ihn daran erinnert habe, dass ich seit fast drei Jahren hier bin und er einen Ersatzmann schicken soll, wenn O’Dell im August wiederkommt. Und dann bin ich frei für lange Zeit! Natürlich hast Du bis dahin das Krankenhaus längst verlassen. Bitte gib Hurd Bescheid, wo Du dich aufhältst. Wenn ich nach Halifax komme, werde ich im Büro auftauchen, Deine Adresse erfragen und dann, mein lieber Schatz, eile ich zu Dir, so schnell mich meine Füße tragen.  

In Liebe

Greg

P.S. Pläne zu machen ist unmöglich, bevor ich Dich gesehen habe. Hurd würde mir fast jede Funkstation geben, die ich gerne hätte. Es sind ein paar recht angenehme Stationen in der Golf-Region und an den großen Seen, in oder bei Städten, wo wir zivilisiert leben könnten und absolut glücklich wären. Oder wäre es Dir lieber, alles hinter dir zu lassen? Ich könnte auch mit der „Messingklopferei“ aufhören und etwas anderes anfangen, dort, wo es Dir gefällt. Wie wäre es mit der Westküste – z.B. Vancouver?

Isabel las den Brief ein paarmal durch; dann ging sie zum Kaminfeuer, riss das Blatt in Stücke und ließ die kleinen   blauen Fetzen in die Flammen fallen.

 

KAPITEL 28

 

Kingsbridge war an einer Straßenkreuzung und einer Flussfähre in der Zeit von William IV entstanden. Nach einigen Generationen belief sich die Einwohnerzahl auf etwa fünfhundert Seelen, dazu kamen zwei Kirchen, eine große Schule in Ziegelbauweise, ein Hotel, ein Filmtheater, und ein Dutzend Geschäfte. Es nannte sich Stadt, war aber in Wirklichkeit ein übergroßes Dorf, in dem die Geschäfte und die öffentlichen Gebäude um „The Corner“ angeordnet waren und die Wohnhäuser entlang der Straße zu beiden Seiten eine Meile weit auseinander standen. Kingsbridge war das Zentrum einer ländlichen Gegend und viele Stadtbewohner bauten Gartenfrüchte an. Die wichtigste Anbaufrucht waren Äpfel. Soweit das Auge reichte, zogen sich die Obstplantagen in ordentlichen Reihen und Abschnitten über den Talgrund hin, bis zu den unteren Hängen der Hügel.

Durch das grüne Tal wand sich träge der Annapolis River zwischen steilen roten Lehmwänden, als sei ein großes Fass Sherry irgendwo in den Hügeln am Auslaufen. Die Hauptstraße des Tales, die auch die Hauptstraße der Stadt war, verlief nach der Baptisten-Kirche ein kleines Stück nach Süden und überquerte den weinroten Fluss auf einer schwarzen Eisenbrücke. Im Laufe der Zeit und wegen reicher Ernten waren etliche wohlhabende Landwirte in die Stadt gezogen und hatten große weiß geschindelte Häuser gebaut mit tiefen Veranden, roten oder grünen Türen, Fensterrahmen und Fensterläden. Es gab gepflegte Rasenflächen und Gärten, schattenspendende Ahorne und Kastanienbäume. Riesige alte Ulmen säumten die Hauptstraße und reckten ihre Äste über die Bürgersteige und die Straße. Es gab ständig Auseinandersetzungen zwischen der Telefongesellschaft und den Anwohnern, wegen der Verstümmelung dieser Bäume im Namen des Fortschritts.

Im Winter begab sich Kingsbridge in den Winterschlaf wie die Bären in den Bergen. Die Bewohner der Stadt hielten sich in der Nähe ihrer bequemen Häuser auf, entfachten ihre Feuer und bestückten die kleinen und großen Öfen mit Hartholzscheiten, die aus den Wäldern zu beiden Seiten des Tales stammten. Wer ein Auto besaß, lagerte es, sobald die Herbstregen die Straßen im Tal mit rotem Schlamm bedeckten, im Schuppen ein, wo es auf Holzblöcken aufgebockt, um die Reifen zu schonen, bis zum nächsten April blieb, wenn die Straßen frostfrei waren und der Frühlingsschlamm zu trocknen angefangen hatte.

Im Sommer belebte reger Reiseverkehr die Stadt und der Speisesaal des Trilby-Hotels war erfüllt von den Stimmen vieler amerikanischer Autotouristen, die zum Denkmal von Evangeline14) in Grand Pré pilgerten. Sonst war es unter der Woche ziemlich ruhig in Kingsbridge, sogar im Sommer, außer an Samstagen. Samstagabend blühte die Stadt auf. Wenn die Landwirte mit ihren Frauen und Familien in die Stadt kamen, um einzukaufen, zu schwatzen und den neuesten Western-Film zu sehen, wurde Kingsbridge eine völlig andere Stadt. Dann parkten in den Innenhöfen und Seitenstraßen Einspänner, Pferde standen angebunden, und entlang der Hauptstraße reihten sich sorgfältig polierte moderne Autos. In den Geschäften drängten sich die Leute, das Empire Filmtheater platzte aus allen Nähten und Mädchen und junge Leute flanierten in ihren besten, per Post gelieferten Kleidern auf den Bürgersteigen unter den Ulmen. Gegen elf Uhr abends verlor sich die Menge langsam und verschwand. Nur die Pferdeäpfel auf den Straßen, die weggeworfenen Kaugummi-Papierchen und die Erdnussschalen vor dem Empire erinnerten die Kirchgänger am Sonntagmorgen daran, dass wieder eine der wöchentlichen Frivolitäten stattgefunden und geendet hatte.

Abgesehen von der sommerlichen Invasion amerikanischer Touristen, die mit ihren Autos von Juni bis September im Tal rote Staubwolken aufwirbelten, bestand der Verkehr aus und nach Kingsbridge in der Hauptsache aus Pferdewagen. Sogar die Autobesitzer der Stadt fuhren selten weiter als bis zur nächstgelegenen Stadt in westlicher oder östlicher Richtung. Wollte man weiter fortreisen, ging man hinunter zur kleinen grauen Bahnstation aus Holz, wo der Bahnwärter, Jim Farris, sich um die Fahrkarte und das Gepäck kümmerte. Man stand auf den abgenutzten Bohlen des Bahnsteigs, richtete den Blick auf die glänzenden Geleise und dachte an die Wunder der Welt in der Ferne.

Als Isabel an einem sonnigen Tag im Mai aus dem ankommenden Zug stieg, sah alles genauso aus, wie vor acht Jahren. Damals hatte sie, zweiundzwanzig Jahre alt, die Laufbahn einer Schullehrerin aufgegeben und war in die hundert Meilen entfernte Stadt aufgebrochen. Der kleine Gepäckschuppen, der rote Wasserspeicher und das große Warenlager der Gesellschaft für den Obstanbau standen immer noch nebeneinander auf dem Feld außerhalb der Stadt; da waren die Geleise, dazwischen die Schlacken – sogar die Knoten im Holz der Plattform sahen aus wie früher; und ein paar hundert Yards entfernt erhoben sich die vertrauten Dächer und Kirchtürme von Kingsbridge aus den umgebenden Obstgärten, ebenso die riesigen Ulmen, Felsen vergleichbar, die bei halber Ebbe aus einem lebendig grünen Ozean ragten.

Sie hatte nie in Kingsbridge gelebt, aber sie kannte es sehr gut. Es war der magische Ort ihrer Kindheit, an den ihre Eltern sie in einem kleinen Pferdewagen jeden Samstagnachmittag mitgenommen hatten. Sie wuchs heran in der Überzeugung, dass die Stadt ein Mittelpunkt der Zivilisation war und alles bot, was das Herz begehrte und wenn sie einen Posten in der Schule von Kingsbridge bekommen hätte, wäre sie wohl immer noch hier. Leider hatten die Bewohner von Kingsbridge, was den Unterricht für ihre Kinder betraf, großes Vertrauen in Lehrpersonen, die von auswärts kamen – außer natürlich, wenn die Tochter eines führenden Geschäftsmannes zu Hause einen Posten wollte – und alle anderen, wie das Jardine-Mädel, das die kleine Schule in Scotch Springs besucht hatte und erst seit einem Jahr in der Grundschule unterrichtete, hatten überhaupt keine Chance.

Scotch Springs war einer der ärmeren Weiler der Gegend. Es lag am Rand des Tales, wo die fruchtbare rote Erde überging in groben Sand und Steine, die von den zerklüfteten Hängen des North Mountain heruntergewaschen wurden. Seine Felder waren steinig, seine Obsthaine sahen mager aus. Die Höfe wurden in Ordnung gehalten, hatten aber selten einen farbigen Anstrich. Eine kleine Gruppe Schotten hatte sich hier angesiedelt, lange nachdem das gute Land im Tal in Besitz genommen worden war, aber sie hielten, inzwischen in der dritten Generation, hartnäckig fest an ihrer undankbaren Erde am Rand der Hügel. Die jungen Männer begannen, in die Staaten und in den kanadischen Westen abzuwandern. Es gab ein Sprichwort in Kingsbridge, dass das einzig verwertbare Produkt für den heimischen Markt, das in Scotch Springs erzeugt werde, große gut gewachsene Mädchen seien – und darin lag eine gewisse Wahrheit.

Acht Jahre sind keine lange Zeit im Leben eines Landstädtchens in Nova Scotia, aber während Isabels Abwesenheit herrschte vier Jahre Krieg, gefolgt von einer wirtschaftlichen Blüte nach dem Krieg, was große Veränderungen mit sich brachte. In einer Kleinstadt wie Kingsbridge, in der das Viktorianische Zeitalter ungehindert bis gut ins zwanzigste Jahrhundert hinein weiterlebte, waren die Auswirkungen enorm. Der Augenschein, der zunächst alles vertraut aussehen ließ, nachdem sie aus dem Zug gestiegen war, täuschte gewaltig. Das erste Anzeichen von Veränderung fiel ihr gleich am Bahnhof auf, wo anstelle des alten Pferdewagens des Trilby-Hotels, der auf alle Züge wartete, drei glänzende Autos standen und drei muntere junge Männer mit Veteranen-Abzeichen „Taxi, Lady?“ riefen. Die zweite Überraschung erlebte sie am weiträumigen, mit Kiefernholz geschindelten Hotel, wo sie sich unter ihrem eigenen Namen eintrug. Es hatte den Besitzer gewechselt, es gab einige Zimmer mit privaten Bädern und es hieß jetzt „Boston House“. Um amerikanische Touristen zusätzlich anzulocken, wehte im leichten Wind eine große Stars-and Stripes-Fahne über dem Eingang.

Noch hatte die Touristen-Saison nicht richtig angefangen und sie bekam ein sehr schönes Zimmer mit Bad, dessen Fenster auf einen Apfelgarten an der Seite des Hauses hinausgingen. Die Bäume standen voll im Laub und hatten dicke Knospen. In ein oder zwei Wochen würde das ganze Tal in Blüte stehen. Die Sonne fiel warm auf die Stadt und die Luft war fast unheimlich still, verglichen mit dem Tumult im Nachkriegs-Halifax und der ewigen Brandung auf Marina.Während sie auspackte, zog sie Bilanz über ihren Besitz. Die Ausstattung, die sie in großer Eile auf dem Weg nach Marina gekauft hatte, war fast noch intakt. Mrs. McBain hatte alles sorgfältig eingepackt. In Halifax hatte sie den Scheck über vierhundert Dollar eingelöst, der Lohn für Ihre Arbeit als Köchin. Das Krankenhaus weigerte sich, Geld von ihr anzunehmen. Sie sagten, dass das Büro von Mr.Hurd alles übernehmen würde, was sie ohne Einwand akzeptierte. Sie war nicht zu Carneys Bank in der Hollis Street gegangen, auch zu Hurd war sie nicht gegangen. Das alles gehörte nicht mehr zu ihrem Leben.

In ihrem zweiten Koffer fand sie einen unerwarteten Geldsegen. Zwischen der sorgfältig zusammengelegten Unterwäsche lag ein Scheck über siebzig Dollar – der Monatslohn, den Hurd Carney am Tag ihrer hastigen Abreise nach Marina für sie mitgegeben hatte. Dabei lag auch die Heiratserlaubnis. Im Laufe der letzten Monate hatte sie beides vergessen. Sie fand noch etwas. Ganz unten im Koffer lag Skanes Weihnachtsgeschenk, das Foto mit ihm und Carney bei der Gallionsfigur. Sie nahm es in die Hand und betrachtete es genau, wobei sie sich selbst an Clélies Stelle zwischen den beiden Männern sah. Skane lächelte sie eigenartig an und Matthew blinzelte in die Sonne. Skane hatte es ihr lange vor dem folgenreichen Abenteuer bei Old Two geschenkt, aber sie fragte sich jetzt – in der Erkenntnis wie treffend das Foto die echte Situation widerspiegelte, vor der sie geflohen war – ob Skane wohl gewusst hatte, welches stille kleine Drama sich auf der Funkstation anbahnte? Sie betrachtete das Foto eine Zeitlang genau, dann steckte sie den hübschen Rahmen in Form einer Rettungsboje tief unter die Kleider im Koffer. Schluss damit! Das alles hatte es nie gegeben! Alles war nur ein Traum, das Pult ins Mr.Hurds Büro, das Zimmer bei Mrs. Paradee. Sie sagte sich selbst, dass sie das Tal nie verlassen hatte und jetzt nur nach Kingsbridge gekommen war, um nach einem Job zu suchen.

In der Zeit vor dem Krieg hatte fast jedes Mädchen in Scotch Springs das Ideal, Lehrerin zu werden, aber da meistens nichts daraus wurde, strebten sie danach, hinter dem Ladentisch in einem der Geschäfte von Kingsbridge zu stehen. Da war das Leben, man verdiente Geld, etwas, das in einem Farmhaus selten zu sehen war, und Geld haben bedeutete, dass man sich genauso kleiden konnte wie die gelangweilten Models in den Bestell-Katalogen. Dieser Umstand zog Männer an und in Kingsbridge hatten sie eine Auswahl an Mädchen aus sämtlichen Ecken der Umgebung. Die Heiratsrate unter den Verkäuferinnen in Kingsbridge war sehr hoch und daher gab es häufige „Vakanzen“. Wenn man jung und gesund war und aus einem ehrbaren Elternhaus kam (vorausgesetzt man war bereit, für acht Dollars in der Woche zu arbeiten) hatte man eine gute Chance eine Vakanz zu übernehmen. In der nächsten Ausgabe des Kingsbridge Courier konnten dann die stolzen Eltern lesen, dass Miss Maisie McCutcheon aus Scotch Springs „einen Posten“ bei Carson&Gobles Emporium „akzeptiert“ habe. Man konnte in Kingsbridge Unterkunft und Verpflegung für fünf Dollar die Woche bekommen (was man als unverschämt betrachtete) und damit blieben einem noch mehr als hundertfünfzig Dollar im Jahr übrig, für Kleider und Vergnügungen. Und wenn man in seinen Kleidern gut aussah, gab es immer junge Männer, die dafür sorgten, dass die Vergnügungen einem nichts kosteten. Es war wundervoll.

Isabel ging die Straßen entlang zur Bank und deponierte dreihundert Dollar und den siebzig Dollar Scheck. Dieser Anker für stürmische Zeiten war zwar sehr klein, aber wenigstens ihr eigener, und in Kingsbridge konnte sie damit durchaus einen Sturm überstehen. In der Bank erkundigte sie sich diskret nach „Vakanzen“, dann spazierte sie an beiden Seiten der Hauptstraße auf und ab und schaute in die Geschäfte. Sie fand kein einziges Schild „Verkäuferin gesucht“. Im Hotel sah sie in einer drei Tage alten Ausgabe des Courier in der entsprechenden Spalte nach und fand eine kleine Anzeige, die um weibliche Hilfe bat und kurz angebunden lautete „Meldung bei Bon Ton“. Das war neu – ein Hutgeschäft vielleicht – aber als sie dorthin ging, stellte es sich heraus, dass es sich um ein kleines Restaurant handelte, das Farmer und andere kurzfristige Stadtbesucher bewirtete, die nicht ins Hotel gehen wollten. Das war zwar nicht die Art Job, den sie suchte, aber sie ging hinein und fragte nach. Ein Mädchen mit einem frischen Gesicht, das offenbar von einer Farm weiter draußen stammte, erkennbar froh, hier zu sein, informierte sie sogleich, dass die Stelle besetzt sei. „Ich habe sie bekommen“, sagte sie lächelnd.

„Wissen Sie vielleicht, ob es hier bald andere Jobs geben könnte – weil Mädchen heiraten oder sich sonst verändern wollen?“

„Ja doch“, entgegnete das Mädchen, „zwei Mädchen werden heiraten, eine aus Markhams Eisenwaren-Geschäft und die andere aus Olney‘s Dry Goods, aber sie wollen ihre Stellen behalten. Sie heiraten junge Männer aus der Stadt, die arbeitslos sind, seitdem sie aus dem Krieg zurückkamen.“

„Ich verstehe.“ Isabel. Offensichtlich hatten sich die Zeiten und Gepflogenheiten geändert, seitdem sie nach Halifax gegangen war. Im Jahr 1913 heirateten junge Männer nicht, bevor sie eine Farm hatten oder einen guten Job. Was die Mädchen anging, betrachtete man jedes Mädchen, die nach ihrer Heirat in einem Geschäft arbeitete, als Pechvogel. Der Ausspruch „Sie behält ihren Job“ ging herum in Stadt und Land und jeder hielt sie für eine arme kleine Närrin, weil sie sich an diesen wertlosen Kerl Soundso gebunden hatte.

Aber jetzt, nachdem sie die Verhältnisse in der Stadt näher betrachtete, erkannte Isabel, dass das Kingsbridge, das sie kannte, nicht mehr existierte. Der Krieg und die riesige Nachfrage nach Nahrungsmitteln jeder Art hatte den Wert landwirtschaftlicher Produkte ins Unermessliche gesteigert und einen Geldsegen beschert, der in den bescheidenen Verhältnissen um 1913 herum unvorstellbar gewesen war. Nachfrage und Preise waren immer noch hoch. Seit fast sieben Jahren genoss das Tal diesen Goldsegen und ein Ende war nicht abzusehen. Geschäfte wechselten den Besitzer, Farmen ebenso, alle schienen sich zu ihrem Vorteil zu verändern, außer den jungen Männern, die aus dem Krieg zurückgekommen waren und in den Räumen für die „Veteranen des Großen Krieges“ über Kerrigans Barbierladen herumhingen und von Schlachten und Bier redeten.

Die meisten der Veteranen stammten offenbar von Farmen und als Isabel den Hotel-Manager fragte, warum so viele von ihnen keine Arbeit hatten, zuckte er die Schultern und pfiff die Melodie von „How Ya Gonna Keep `Em down on the Farm Now That They`ve Seen Paree?“ („Jetzt, wo sie mit Orden geschmückt wurden, haben sie auf Farmarbeit keine Lust mehr“.) Es war eigenartig. Sie fragte sich, was es auf sich hatte mit diesem äußerlichen Wohlstand, wenn es so viele arbeitslose junge Männer gab. Ihre früheren Altersgenossen aus Scotch Springs hatten in Kingsbridge Arbeit gefunden. Sie erkundigte sich im Postbüro nach ihnen und erfuhr, dass alle nicht mehr da waren. Die Mädchen hatten geheiratet und waren fortgezogen. Einige der jungen Männer waren im Krieg gefallen, und die anderen wollten nicht mehr in die Eintönigkeit von Scotch Springs zurück, hatten ihr Entlassungsgeld genommen und waren weitergezogen nach Ontario, oder in den Westen oder über die Grenze in die aufstrebenden Städte der Staaten.

Isabel nahm die Veränderungen in der Stadt zur Kenntnis, ohne weiter drüber nachzugrübeln. Während des Krieges gab es in Halifax viele Fremde und neuen Gesichtern zu begegnen war ganz normal. Sogar die große Explosion im Jahr 1917 aufgrund einer Schiffskollision, als der Hafen von enormer strategischer Bedeutung gewesen war, schien ihr nur eine natürliche Folge des Weltkriegs zu sein. Bis jetzt hatte sie sich nicht vorstellen können, wie sehr der Krieg auch das Leben auf dem Land verändert hatte. Was in ihrem Tal geschah, passierte überall in den Vereinigten Staaten und Kanada. Es war, als ob eine mächtige Hand das Land gepackt und geschüttelt hatte und dabei alle menschlichen Gegebenheiten verschoben wurden, Orte, Gewerbe, Vergnügungen und Ambitionen. Kingsbridge sah aus wie immer, aber die Gesichter waren verändert und die meisten alten Sitten waren so tot wie William IV. Sie dachte an Matthew Carney. Er fühlte sich wie „Rip Van- Wie-hieß-er-doch-gleich?“, weil er, nach zehn einsamen Jahren aus Marina kommend, jede Stadt wie ein Irrenhaus empfand. Sie konnte das verstehen. Doch war es ein Schock, nach acht Jahren ins Tal zurückzukehren und nichts Vertrautes mehr in einem Lebensrhythmus vorzufinden, von dem sie überzeugt gewesen war, dass er wie die Sterne ewig feststand.

Sie ging in Gedanken zurück ins Hotel. Drei Dollar kostete ihr Zimmer mit Verpflegung pro Tag; und es war der Tarif der Vorsaison. In drei Wochen würden diese Kosten auf fünf Dollar steigen. Das konnte sie sich auf die Dauer nicht leisten. Sie aß zu Abend und ging dann auf ihr Zimmer, um zu lesen. Als sie das Licht löschte und die Jalousie hochzog, glänzten die Blätter der Apfelbäume schwach im Sternenlicht. Die Nacht war warm und durch das offene Fenster drang der vertraute Geruch von gepflügter Erde, frischem Gras und dem Blätterdickicht der Obstbäume. Man sah keine Lichter mehr in der Stadt. Nichts rührte sich in der Dunkelheit. Mit einem Wort – es herrschte Friede. Was sich auch sonst geändert hatte, das war geblieben: die massive Ruhe des Landes selbst, schwer, erwartungsvoll, im Begriff zu blühen und Früchte zu tragen, wie es das in jedem Mai getan hatte, seitdem der erste Siedler voller Zuversicht einen Platz im Wald rodete und zu pflanzen begann. Das ist es – unbedingt – sagte sie sich selbst. Das ist, was ich die ganze Zeit wollte. Ich war eine Närrin, dass ich es jemals verlassen habe.

 

KAPITEL 29

 

Der alte Mr. Markham, Besitzer des Markhams Eisenwaren-Geschäfts, war der Vorsitzende der Schulbehörde von Kingsbridge. Er saß in einem Korbstuhl auf seiner Veranda, als Isabel den Gartenweg heraufkam. Es war ein schöner Abend in der Wochenmitte und in der Stille des Zwielichts konnte sie durch die offene Türe das leise Klappern von Geschirr hören, das aufgeräumt wurde. Er machte keinen Versuch aufzustehen, als sie die Stufen zur Veranda heraufkam, auch nicht, als sie vor ihm stand und ihr Anliegen erklärte. Er war sechsundsiebzig, ein großer Mann mit ordentlich gebürsteten grauen Haaren, einer Adlernase und den Augen eines müden, aber aufmerksamen Habichts. Er bot ihr einen Stuhl an.

„Jardine – sind Sie denn eine von den Jardines aus Scotch Springs?“

„Ja.“

„Ich dachte, sie sind alle verstorben oder fortgegangen.“

„So ist es vermutlich auch, Mr.Markham. Zumindest meine Eltern sind verstorben und ich selbst war in den letzte acht Jahren in Halifax und habe dort gearbeitet.“

„Als Lehrerin?“

„Nein, ich war Sekretärin in einem Büro in der Stadt.“

Er hob seine buschigen grauen Augenbrauen. “Oh, warum um Gottes Willen, sind Sie denn zurückgekommen?“

Sie lächelte nervös. „Ich wollte in Kingsbridge leben. Ich hoffte, eine Anstellung in einem Geschäft, vielleicht in der Bank oder in der Post zu finden, aber es sieht nicht nach freien Stellen aus. Also dachte ich an meine Erfahrung als Lehrerin und man sagte mir, ich solle Sie aufsuchen.“

„Es gibt keine freie Stelle.“ Er presste seine schmalen Lippen zusammen. „Für das nächste Schuljahr haben wir genug Personal. Es könnte kommenden September etwas in den Außenbezirken frei sein. Was für Erfahrung haben Sie?“

„Ich habe zwei Jahre in meiner Heimatschule in Scotch Springs unterrichtet und ein Schuljahr in Appleton.“ Beides waren arme Distrikte. Ihr höchster Verdienst waren dreihundertsechzig Dollar für das Schuljahr in Appleton. Sie konnte sich vorstellen, was Mr. Markham durch den Kopf ging.

„Das Geld ist nicht so wichtig, solange es zum Leben reicht,“ sagte sie.

Seine Augen wanderten über ihre gefällige Kleidung aus der Stadt. „Die Bezahlung ist in den Dorfschulen etwas besser als damals, aber ich glaube nicht, dass Sie damit auskommen, sogar jetzt. Ich verstehe nicht, dass jemand eine gute Stellung in der Stadt aufgibt für so etwas. Die meisten Mädchen machen es umgekehrt.“

„Ja, ich weiß. Ich habe es auch so gemacht, aber auf die Dauer hat es mir nicht gefallen.“

„Vielleicht verheiratet?“ Er richtete seinen Blick auf den dritten Finger ihrer linken Hand. Sie drehte lässig die Hand in seine Richtung.

„Nein.“

„Wie alt sind Sie?“

„Dreißig.“

„Hm. Ein gutes, vernünftiges Alter. Gesund?“

„Völlig.“ Sie wusste nicht, ob sie amüsiert sein sollte oder ärgerlich. Mr. Markham war der schlaueste und der älteste Geschäftsmann in Kingsbridge und er verstand es, Geld in allen möglichen Dingen zu machen, von Eisenwaren bis Grundbesitz und Immobilien. Er betrachtete sie jetzt wie ein Pferd, das zum Verkauf stand.

„Nehmen wir einmal an,“ begann er, schloss ein Auge und starrte sie mit dem anderen scharf an, „nehmen wir an, ich finde etwas für Sie – sagen wir in einer der Schulen der Außenbezirke – wie kann ich sicher sein, dass Sie es satt bekommen, wieder in die Stadt gehen und die Kuratoren im Stich lassen? Andere Mädchen haben das bereits getan.“

„Ich sagte Ihnen, ich bin zurückgekommen, um zu bleiben,“ entgegnete sie lebhaft. „Das habe ich auch so gemeint.“

„Hm. Und wenn Sie keine Anstellung finden?“

„Ich habe etwas Geld hier auf der Bank. Es reicht für ein paar Monate. Ich beabsichtige so lange zu bleiben, bis es aufgebraucht ist. Etwas wird sich bestimmt finden.“

„Sie sind eine entschlossene junge Frau, nicht wahr? Haben sie ein Empfehlungsschreiben von Ihrem Arbeitgeber in der Stadt?“

„Nein, aber ich kann eines bekommen. Oder, ich gebe Ihnen seine Adresse und Sie können ihn selbst fragen, wenn Sie wollen.“

Wieder das geschlossene Auge. „Wäre es Ihnen recht, wenn ich das tun würde?“

„Nein,“ antwortete sie offen. „Außerdem verstehe ich nicht, was es mit einer Anstellung als Lehrerin im Tal zu tun hat.“

„Ah! Da haben Sie recht. Was war das für eine Firma in der Stadt? Welche Sparte hat sie bedient?“

„Funktelegraphie und deren Zubehör,“ sagte sie zurückhaltend.

„Elektrische Apparate, oder?“

„Ja, und Ersatzteile für Benzinmaschinen, Seile und Takelagen, Schmieröl, Farben, Proviant, alle möglichen Werkzeuge – eine ganze Reihe von Produkten, angefangen von Pumpen bis zu Schreibwaren.“

„Ha! Gut! Und sie sind auf einer Farm aufgewachsen und können einen Baldwin von einem Gravensteiner unterscheiden?“

„Natürlich.“

„Pferde? Rinder? Düngemittel?“

„Ich weiß einiges darüber, sicherlich. Aber ich verstehe nicht …“

„Sie haben natürlich viel zu tun gehabt mit Tippen und Stenographie und sowas. Wer kümmerte sich um die Rechenschaftsablage?“

„Ich. Aber nicht in großem Umfang. Das wurde vor allem in der Zentrale erledigt. Wir waren nur eine Abteilung am Hafen.“

„Hm.“

Mr. Markham lehnte sich in seinem Korbstuhl zurück. Er schloss die Augen. Seine Finger klopften rhythmisch auf die Armlehnen. Er schwieg zwei Minuten lang. Ein oder zwei Mal öffnete er die Augen, warf einen kurzen Blick auf sie und schloss wieder die Augen. Isabel saß aufrecht, die Hände im Schoß. Sie war befremdet wegen dieser seltsamen Befragung und hegte den Verdacht, dass der alte Habicht dort im Stuhl seine Neugier auf ihre Kosten befriedigen wollte. Sie wünschte jetzt, sie wäre aufgestanden und gegangen, als er dieses barsche „Es gibt keine freie Stelle,“ geäußert hatte.

„Diese Jardines,“ sagte er plötzlich, ohne die Augen zu öffnen. „Gute Gene. Schottisch. Stolze Rasse. Fleißig. Ehrlich. Aber launisch; den Kopf meist in den Wolken. Das letzte Hemd verschenken für nichts und wieder nichts. Keiner mehr da. Bedauerlich.“

Die faltigen Augenlider hoben sich. Seine schiefergrauen Augen blickten entschlossen.

„Hören Sie zu. In meinem Geschäft ist ein Mädchen, das einen dieser jungen Kerls heiraten wird, die aus dem Krieg zurückgekommen sind. Sie sagte, dass sie ihren Job behalten will.“

Isabel warf schnell ein. „Das habe ich gehört. Aber ich möchte keinem anderen Mädchen die Stelle wegnehmen, wenn sie das meinen.“

Er schnaubte. „Sie sind zweifellos eine Jardine. Schnelle Entschlüsse. Stolz wie Luzifer. Steig runter von dem hohen Ross, Mädchen. Ich sagte nicht, dass ich sie fortschicke, oder? Sie kann die Stelle haben, solange sie will, aber ich bin sicher, dass diese Vereinbarung nicht von Dauer ist. Wenn der Kerl etwas Unternehmungsgeist hat, wird er aus Kingsbridge weggehen und irgendwo eine Anstellung finden. Wenn nicht, wird sie sehr schnell merken, dass es unmöglich ist, sich selber und ihn von neun Dollar die Woche durchzubringen. Für mich steht fest, nach einem Monat werden die beiden zusammenpacken und wegziehen. In der Zwischenzeit muss jemand im Geschäft sein, um zu lernen, worauf es ankommt. Kein einfacher Job, diese Eisenwaren. Großes Lager, tausende von Sachen, tausende Preise. Glauben Sie, Sie schaffen das?“

„Ich kann es versuchen, Mr. Markham. Aber ich schlage vor . . .“

„Keine Vorschläge. Die mache ich. Der springende Punkt ist, ich möchte mehr als eine Eisenwaren-Verkäuferin. Ich betreibe inzwischen alle möglichen Geschäfte. Immobilien zum Beispiel. Es ist eine Tatsache, dass ich mehr Farmen kaufe und verkaufe als jeder andere zwischen Annapolis und Kentville. Und dann Zellstoffholz. In den letzten fünf Jahren habe ich diese wertlosen Farmen in Scotch Springs und anderswo am Rand der Berge aufgekauft, sie gingen her für ein Butterbrot. Bei allen diesen Farmen war ein Stück Wald dabei, das sich den Berg hinaufzog. Kleine Bäume, aber gerade recht für Zellstoffverwertung. Leicht zu schlagen, leicht herauszuziehen, die Eisenbahn in der Nähe. Das gesamte Zellstoffholz, das ich liefern kann, erzielt gute Preise.“ 

„Nehmen mal wir Gemüse und Früchte. Keiner hier dachte daran, sie zu konservieren, bis ich letztes Jahr eine Fabrik gebaut habe. Haben Sie sie gesehen? An der Straße im Westen der Stadt, eine private Schienenanbindung zur Bahn usw. Läuft alles sehr gut. Im Augenblick baue ich dort an. Nächstes Jahr beginne ich mit Marmelade – Erdbeeren, Pflaumen und so weiter. Ich wünschte, ich hätte es rechtzeitig vor dem Krieg angefangen – diese ganze Pflaumen-und-Äpfel Marmelade, die für die Truppenverpflegung gebraucht wurde. Hm! Also, vermutlich fragen Sie sich, was das alles mit Ihnen zu tun hat. Der springende Punkt ist, ich habe alle meine Briefe selber geschrieben oder eines der Mädchen im Geschäft hat es mit zwei Fingern auf der Schreibmaschine heruntergeklopft. Der springende Punkt ist, ich brauche eine Sekretärin – nein, das ist zu hochtrabend. Was ich brauche, ist ein solides vernünftiges Mädchen, das meine Briefe erledigen kann, das Telefon übernehmen und Eisenwaren verkaufen – vor allem an Samstagen, wenn der Laden voll ist. Ein Mädchen, das sich auskennt. Ein Mädchen, auf das man sich verlassen kann, das nicht gleich den Kopf verliert, wenn ein junger Narr ihr Andeutungen macht. Verstehen sie, was ich meine?

„Ich glaube schon.“ Aber sie konnte ihr Erstaunen nicht verbergen.

„Was haben Sie verdient, dort in Halifax?“

„Siebzig Dollar im Monat. Ich sollte achtzig bekommen in diesem Jahr.“

Mr. Markham verzog schmerzlich das Gesicht. „Das ist viel Geld. Verpflegung und Miete kosten hier viel weniger. Was Kleider angeht – Sie werden in Kingsbridge keine eleganten Kleider brauchen. Ich habe nie in meinem Leben einem Mädchen mehr als neun Dollar in der Woche bezahlt. Vor dem Krieg waren es acht. Ich sage Ihnen, was ich tun werde. Ich gebe Ihnen fünfzig Dollar im Monat und jede Woche einen halben freien Tag. Vorausgesetzt natürlich, Sie bewähren sich. In Ordnung?“

„Ja. Ja, einverstanden, Mr. Markham. Ich weiß nicht, ob ich alles, was Sie sich vorstellen, schaffen kann, aber ich werde es versuchen.“ Sie bemühte sich, ihre Freude nicht zu offensichtlich zu zeigen, und es gelang ihr sehr gut. Die schlauen alten Augen bemerkten ihre kühle Zurückhaltung und billigten sie.

„Hm. Wo wohnen Sie?“

„Im Hotel.“

Seine Augenbrauen gingen wieder nach oben. „Das ist teuer.“

„Ja, sicher. Aber ich werde mir eine Unterkunft irgendwo in der Stadt suchen.“

„Hm. Tun Sie das morgen Vormittag. Geben Sie mir nach dem Mittagsessen im Geschäft Bescheid – genau um halb zwei. Ihre zukünftigen Arbeitszeiten sind von halb neun bis zwölf Uhr und eins bis halb sechs. Kann sein, dass Sie ab und zu auch abends arbeiten müssen. Das wäre soweit alles. Gute Nacht.“

Er schloss wieder seine Augen und blieb in der hereinbrechenden Dämmerung aufrecht sitzen, gestützt von der Rücklehne seines Stuhles, die Hände um die abgerundeten Enden der Armablage gelegt, unbeweglich wie ein grauer Gott aus Stein. Isabel murmelte „Gute Nacht,“ und ging den Kiesweg hinunter zur Straße. Sie wart immer noch perplex, als sie ihr Zimmer betrat und betrachtete sich im Spiegel der Frisierkommode.

„Diese Jardines!“ sagte sie laut und erblickte zum ersten Mal ein Mitglied ihrer Familie im Glück.

 

Außerhalb des Hotels eine Unterkunft mit Verpflegung zu finden, erwies sich schwieriger als gedacht. Ihr fiel die Kingsbridge-Pension ein, aus der Zeit vor dem Krieg, ein großes, baufälliges Haus an einer Straße nahe „The Corner“, geführt von einer leichtlebigen Witwe namens Tess O`Donnell. Aber es hatte, wie so Vieles im Zuge des neuen Wohlstands, den Besitzer und den Status gewechselt. Die Witwe O`Donnell hatte verkauft und war zu einer verheirateten Tochter nach Massachusetts gezogen. Der neue Besitzer hatte das Haus reparieren und anstreichen lassen, ein weiteres Badezimmer eingebaut und über der Türe hing ein Schild, auf dem „Touristen“ stand. Auf dem Stück Erde, wo die O`Donnellschen Hühner umherliefen und den Boden kratzten, stand jetzt eine Tankstelle mit zwei roten Pumpstationen. Das Haus selber war voll. Es gab nicht einmal mehr ein Zimmer für einen einzigen Touristen.

Früher war das Haus immer halb leer gewesen. Besucher der eher sparsamen Sorte nützten es als zweitklassiges Hotel und blieben einen Tag oder eine Woche, wie es ihnen passte. Jetzt aber, mit dem größeren Bedarf an Angestellten bei der Bank, dem zusätzlichen Bedarf an Lehrern in der erweiterten Schule in Kingsbridge, den verschiedenen Ladenmädchen und Buchhaltern in den einzelnen Geschäften, war das Haus voll; ebenso die drei oder vier Häuser in der Nähe von „The Corner“, die sog. „Zahlende Gäste“, wie man sie früher nannte, aufnahmen.

Schließlich fand Isabel ein Ehepaar mittleren Alters, das bereit war, ihr Gästezimmer zu vermieten. Die Halletts lebten in einem kleinen weiß-geschindelten Haus am östlichen Stadtrand. Es war fast eine Meile von „The Corner“ entfernt, ein langer Weg, wenn es regnete; aber es war behaglich, einfach und ruhig und hatte eine nostalgische Note – eine Erinnerung an ihre alte Heimat in Scotch Springs, zudem reichten die Apfelbäume der Halletts bis an den Fluss hinunter. Von ihrem Zimmer aus hatte sie einen Blick auf den Obstgarten, den Fluss und eine breite grüne Wiese auf der anderen Seite. Am Ufer entlang standen hohe Ulmen und die Felder wurden da und dort von jungen Gehölzen aus Eschen und Ahorn unterbrochen. In der Ferne erhoben sich die dunklen bewaldeten Höhen der Hügel, von den Bewohnern des Tales South Mountains genannt.

Zwischen den Reihen der Apfelbäume der Halletts verliefen Pflugfurchen aus der Zeit des Frühlings, sauber und genau, als hätte man sie mit Lineal und ockerfabenem Malstift gezogen. Sie begannen hinter der Scheune, in der drei Kühe und ein Pferd standen, und gingen dann bis zum lehmigen Flussufer hinunter. Vor dem Haus hatte Mrs. Hallett ihren Blumengarten, der durch Kamelien- und Fliederhecken vor dem Wind aus dem Flusstal geschützt wurde. Isabels Schlafzimmer war eine saubere kleine Kammer, frisch gestrichen, mit einem Bett aus Holz, einem Stuhl, einer Kommode mit Schubladen und einem Waschstand, alles in Weiß. Es gab Tapeten in einem heiteren Blumenmuster. Auf dem Nadelholzboden lagen zwei kleine ovale Fleckenteppiche, die Mrs.Hallett selbst gehäkelt hatte.

Insgesamt war es ein angenehmes Plätzchen, ein charmantes Zuhause, und Isabel war froh, dass sie kein Unterkommen gefunden hatte in den engstehenden Häusern bei „The Corner“. Die Halletts ähnelten einander sehr, beide waren groß und hager. Sie hatten ihren einzigen Sohn im Krieg verloren. Ihre Vorfahren waren Yankee-Pioniere, die am Ende der alten Kolonialkriege nach Nova Scotia kamen und sich im Tal niederließen. Wie sie sich gaben, wie sie sprachen und auch dem Aussehen nach, hätten sie direkt aus den Hügeln von Vermont kommen können. Mrs. Hallett war Lehrerin gewesen, bevor sie heiratete. Sie trug einen Zwicker und es umgab sie die undefinierbare Aura einer Schul-Madame mittleren Alters, obwohl sie seit fünfundzwanzig Jahren lediglich die Sonntagsschul-Klasse in der Baptistenkirche unterrichtete. Sie war eine Frau mit einem ruhigen Temperament und handhabte ihren Haushalt und ihren Mann gelassen, ohne Aufhebens.

Hallett war eher lebhaft. Er pfiff bei der Arbeit und hielt Zwiesprache mit seinem Pferd und den Kühen. Er liebte es, kleine trockene Sprüche von sich zu geben und als Isabel nach dem Mittagessen zu ihrem Treffpunkt im Geschäft aufbrach, kam er ein Stück mit, den Kiesweg hinunter, der zur Straße führte.

„Wir sind ein bisschen weit draußen,“ gestand er, aber Sie werden sich daran gewöhnen. Wenn die Leute mich aufziehen – und es gibt eine ganze Menge Witzbolde bis hinauf zu „The Corner“ – wenn sie sich lustig machen darüber, dass ich so weit draußen wohne, dann sag` ich ihnen einfach. Ah, aber ich bin auf halbem Weg ins Paradies, Freunde, was nicht jeder von sich sagen kann. So heißt ein Dorf östlich von hier, müssen Sie wissen. Aber Sie sind ja von hier und wissen das. Aber das sage ich ihnen immer, ich bin schon auf halbem Weg ins Paradies. Wenn jemand Sie aufzieht, weil Sie sich so weit draußen eingemietet haben, dann sagen Sie ihm das. Das erstaunt sie. Das macht sie nachdenklich. S` gibt ja noch andere Städtchen neben Paradise an dieser Straße. Kentville zum Beispiel. Wurde in alten Zeiten Teufels Friedhof genannt. Daran muss ich immer denken, wenn ich die Touristen in einer Staubwolke durch Paradise rasen sehe, um das Hotel in Kentville vor Einbruch der Nacht zu erreichen. So ist das im Leben, rauf und runter, nicht wahr? So ist es, nicht wahr?“

Isabel musste zugeben, dass es so war.

KAPITEL 30

Der Courier nannte Mr. Markham immer einen Pionier und mit Recht. Er war der erste gewesen, der in Kingsbridge ein Auto besaß und der erste, der Gas-Generatoren installierte, die elektrische Energie erzeugten, womit er sein Haus erleuchtete. Sein Badezimmer war das erste in der Stadt gewesen, ebenso die Heizung, ein Gebläse aus heißer Luft, die durch Gitter im Fußboden hochstieg. Damit wurden andere Öfen überflüssig. Er war auch immer ein höchst fortschrittlicher Geschäftsmann gewesen; und jetzt, in einem Alter, in dem die meisten Männer an das Grab denken, hatte er sich aufgemacht, mit jedem Dollar und jedem Funken Energie, der ihm geblieben war, den wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegszeit zu nutzen. Gerüchte sagten, er besitze mehr als dreihunderttausend Dollar, eine fantastische Summe für die Talbewohner, und es gab Leute, die sagten voraus, dass er Millionär sein würde, bevor er starb.

Der Eisenwarenladen, in dem sein kleines Imperium seinen Anfang genommen hatte, war einer der besten im Tal. Er hatte ein großes Sortiment an Waren, angefangen von Nägeln für Schindeln bis zu neuartigen Benzin-Traktoren. Hinten im Geschäft befand sich ein gut gehender Handwerksbetrieb für Blech- und Installationsarbeiten. Das Büro war ein kleines Kämmerchen, in dem Mr.Markhams riesiger Sekretär mit Rollklappe viel Platz einnahm. Daneben stand ein kleines modernes Pult mit einer Schreibmaschine, an der Isabel bald ihre Arbeit aufnahm. Es gab außer ihr noch drei Verkäuferinnen, einen Mann für alles und einen Laufburschen. Zuerst begegneten die Mädchen ihr mit Misstrauen, vor allem das Mädchen, das heiraten wollte; aber als Isabel die Schreibmaschine übernahm und begann, Mr. Markham in die seltsame Kunst des Briefe-Diktierens einzuführen, verschwand ihre instinktive Feindseligkeit. Es bedeutete eine Erleichterung, jemand anderen mit der Korrespondenz des alten Herrn kämpfen zu sehen.

Am folgenden Einkaufs-Samstag erwies sie sich als tüchtige Hilfe an den Verkaufstischen und die Mädchen waren froh um ihre Anwesenheit. Als bekannt wurde, dass Mr. Markham eine Sekretärin aus der Stadt angestellt hatte, berichteten die Ladenmädchen sofort, sie sei eigentlich von hier, eine Jardine aus Scotch Springs und außerdem sei sie „nett“. Das wurde auch von den Halletts bestätigt, die entzückt waren über ihren ruhigen vernünftigen Hausgast und als Isabel am Sonntagmorgen mit ihnen in ihrer Baptistenkirche erschien, hatte sie alle vollkommen für sich eingenommen. Man fragte sie, ob sie nicht im Kirchenchor mitsingen würde, aber das lehnte sie ab mit der Begründung, sie habe keine Singstimme, was nicht ganz der Wahrheit entsprach. Sie fragte sich, was wohl ihr strenggläubiger Presbyter-Vater gedacht hätte, wenn er sie gemeinsam im Gottesdienst mit diesen „Untertauchern“ gesehen hätte. Sie aber beruhigte ihr Gewissen damit, dass eine Kirche ihres Glaubens nur in Scotch Springs zu finden war.

Sie schätzte Mr. Markham. Er war ein so viel besserer Geschäftsmann als Mr. Hurd, der zwar Routine-Angelegenheiten mit einer gewissen Stringenz handhabte, aber gedanklich zu oft in den Bereich der wissenschaftlichen Elektrizität abschweifte. Markhams ging es nur darum, Geschäfte zu machen. Er konnte ein Problem sofort bis auf den Grund erkennen und er befasste sich auf der Stelle mit seiner Lösung, dann wandte er seine Aufmerksamkeit dem nächsten Problem zu. Er gehörte zu den bemerkenswerten Menschen, die nie in Eile, nie aufgeregt oder verwirrt sind, die durchs Leben gehen, ohne jemals Zeit mit überflüssigen Gedanken oder Handlungen zu verschwenden, sondern die Dinge einfach erledigen. Er liebte auf jeden Fall das Geld, ließ jedoch nicht zu, dass es mit seiner anderen Religion in Konflikt kam. Markham war ein gläubiger Baptist, finanziell großzügig der Kirche gegenüber, obwohl er die häufige Eigenschaft reicher frommer Menschen hatte, die Jahr für Jahr große Summen an die Missionen spenden, aber einem armen Gassenkind, das sehnsüchtig vor einem Laden mit Süßigkeiten steht, keine zehn Cents geben.

Seine tiefe Abneigung gegenüber „Faulenzern“ entwickelte sich zu Hass. Er betrachtete das hintere Billardzimmer im Laden des Friseurs und die Clubräume der Kriegs-Veteranen-Vereinigung als Höhlen des Lasters. Er lehnte Tabak für sich ab, hatte aber die komische viktorianische Einstellung, dass ein Mann, der Tabak kaute oder Pfeife rauchte, nur ein braver Christ mit einer liebenswerten Schwäche war, aber jeder, der eine Zigarette rauchte, sich auf dem Weg in die Hölle befand. Isabel fand das etwas lästig. Manchmal hätte sie gern eine Zigarette geraucht. Sogar im privaten Bereich ihres Zimmers bei den Halletts konnte sie das nicht tun, ohne zu riskieren, diese guten Menschen, die in dem Punkt dieselben Ansichten hegten, zu beleidigen. Der Schatten des puritanischen Gewissens, das mit der Kolonialisierung ins Tal gekommen war, lauerte in Kingsbridge immer noch unter vielen Dächern, wo in frömmeren Kreisen eine Packung Spielkarten als „Gebetsbuch des Teufels“ bezeichnet wurde, und Tanzen (sogar die altmodischen Square-Dances in der Odd Fellows` Hall, strikt überwacht von Begleitpersonen) das Misstrauen der Kirche und ihrer Diakone hervorrief.

Was das Trinken von „Rum“ betraf, die allgemeine Bezeichnung für alle alkoholischen Getränke, war für sie der „Temperance Act von Nova Scotia“ ein Gebot Gottes. Isabel bemerkte jedoch, dass sogar hier aufgrund des Krieges der Wind der Veränderung wehte. Die jungen heimgekehrten Soldaten brachten eine Verachtung für die Prohibition mit und eine Neigung für „Rum“, die sich nicht befriedigen ließ durch starken Cidre, den selbst die frömmsten Farmer heimlich herstellten und vor ihren sittenstrengen Frauen in der Scheune versteckten. Dazu kam der lockere freie Umgang mit den Mädchen, vor allem die abendlichen Stelldicheins in gewisser weiblicher Gesellschaft im hohen Gras am Fluss, was unvorstellbar war im Kingsbridge von 1913. Ihr Unwille, wieder in den alten langweiligen Trott zurückzufallen, war nicht so sehr Faulheit und verderblicher ausländischer Einfluss, wie Mr. Markham erklärte, sondern eine tiefe Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Verhältnissen und die Sehnsucht nach etwas Würze in dem Leben, das sie aus den Blutbädern in Frankreich und Belgien gerettet hatten.

Es nützte Reverend Wilbert Palliser nichts, wenn er jeden Sonntag im Gotteshaus die Bibel auslegte und mit erhobener Stimmme Schuldzuweisungen und Warnungen vor dem Höllenfeuer predigte. Die jungen Männer hatten das Höllenfeuer an den Hängen von Vimy Ridge und in den blutigen Sümpfen von Ypres erlebt, wo die Frommen genauso elend starben wie die Verdammten. Sie betrachteten den Prediger, Mr. Markham und die anderen missbilligenden Alten als fromme Heuchler, oder im besten Fall als eine Schar ehrenwerter Strauße, die den Kopf tief in der roten Erde des Tals vergraben hatten. Was sich daraus ergeben würde, konnte niemand voraussagen; aber Isabel begriff, dass die jungen Männer die neue Generation waren – genau gesagt, was der Krieg davon übriggelassen hatte – und am Ende würden ihre Stimmen den Ton angeben. 

Sie war altmodisch genug, um Mr. Markhams Einstellung teilweise zu verstehen. Aber sie hatte selbst Höllenfeuer erlebt, als die große Katastrophe von 1917 die Halb Halifax zerstörte und auf einen Schlag fünftausend Menschen tötete oder verstümmelte. Dabei wurde ihr bewusst, dass es nicht die Reichen oder die weltlich Gesinnten waren, die bluteten und verbrannten, sondern die armen Leute im nördlichen Teil der Stadt, die Art Menschen, die laut Heiliger Schrift, die Erde erben sollten. Etwas daran schien falsch zu sein, wenn nicht mit den Texten, dann auf jeden Fall mit der Auslegung des Geistlichen.

Zudem betraf es ja auch sie persönlich. Nach Mr. Markhams Verständnis von der „guten alten Religion“ war sie eine zweifache Ehebrecherin, ein Wesen, das verdient hatte in dieser Welt verstoßen und verachtet zu werden und verbrannt in der nächsten. Dagegen rebellierte sie. Sogar wenn sie mit den freundlichen Halletts unter der Kanzel saß und sich dieser schwarzen heimlichen Sünden bewusst wurde im Zuge der eloquenten Wucht von Reverend Pallisers Predigt, sagte sie sich, dass das, was er predigte, nicht nur falsch war, sondern eine absichtliche, entschiedene Ungerechtigkeit. Sie war erzogen worden mit einem tiefen Empfinden für Religion und bis zum Alter von neunundzwanzig Jahren wandelte sie mit ruhigem festem Schritt auf dem Pfad der Tugend. Dann geriet sie, ohne erkennbaren Grund, in einen trügerischen Strudel aus Erniedrigung, Frustration und Schmerz, der keinen lohnenden Sinn ergab. Wo war da die Gerechtigkeit? Wo der rechte Weg?

Die Leute hier hatten gut reden. Sie konnten sich sicher zurücklehnen in den bequemen Nischen, die sie sich in der kleinen Stadt im Tal eingerichtet hatten. Sie versuchte sich Mr. Markham auf Marina vorzustellen, wo man – was auch immer der Himmel für Reichtümer bereithielt – großes Geld weder erwerben noch verlieren konnte. Sie versuchte sich vorzustellen, wie Reverend Palliser mit seinem kahlen weißen Schädel und seiner dröhnenden Stimme einer Gemeinde sein feuriges Glaubensbekenntnis predigte, die absolut an Hölle und Verdammnis glaubte, aber nicht weniger hingebungsvoll an einen geisterhaften Franzosen, der nachts auf einem weißen Pferd durch die Dünen streifte und unverständliche Lieder sang; oder an die Geister ertrunkener Männer und Frauen, die am Strand umhergingen – so wie sie inständig glaubten, dass ein Gürtel aus geflochtenem Garn auf der Haut getragen, den hartnäckigsten Hexenschuss heilte und dass ein aufgeschnittener Salzhering, den man unter einem Schal um den Hals wickelte, eine Gabe Gottes zur Behandlung von Mandelentzündung war. Es gelang eher sich vorzustellen, wie Matthew Carney Dollars an Mr. Markhams Rollpult zählte; oder dass Kapitän O’Dell anstelle des Predigers in der Kirche stand.

Trotzdem ging sie weiterhin mit den Halletts in die Kirche, um das gute Verhältnis zu pflegen; und die Gemeinde hatte nicht die geringste Vermutung, dass sich in ihrer Mitte eine unbußfertige und etwas kritische Magdalena befand. Während der Woche konzentrierte sie sich ganz auf ihre Arbeit. Sie hatte ein gutes Gedächtnis, war geschickt im Umgang mit Zahlen und innerhalb eines Monats wusste sie, wie das Geschäft mit Eisenwaren zu handhaben war und zum Erstaunen den anderen jungen Frauen so umfassend, dass sogar Mr. Markham sie vorsichtig lobte. Der eigentliche Schwerpunkt ihrer Tätigkeit lag jedoch in Mr.Markhams zusätzlichen Unternehmungen und ihren damit verbundenen Verpflichtungen als Sekretärin (etwas hochtrabend ausgedrückt). Der schlaue alte Mann hatte bald gemerkt, wie schnell und zuverlässig sie seine geschäftlichen Angelegenheiten erledigte. Es dauerte nicht lange und Isabel arbeitete zwei oder drei Abende in der Woche, um damit fertig zu werden. Sie hatte ihn überredet, ordentliches Geschäfts-Briefpapier zu verwenden und auf diesen frischen weißen Blättern mit ihrem beeindruckenden Briefkopf, korrigierter Grammatik und der Verwandlung schwerfälliger Sätze eines Landkaufmanns in moderne Geschäftssprache, konnte er das Produkt seines Diktats bewundern und sich fragen, wie er jemals zurechtgekommen war ohne dieses besonnene, erstaunliche Wesen.

Es sah so aus, als ob sie wirklich gern arbeitete, eine Eigenschaft, die er nur selten bei all den jungen Frauen angetroffen hatte, die im Laufe der Jahre bei ihm angestellt waren. Er deckte Isabel mit Arbeit ein mit dem Eifer eines Aladdin, der aus seiner Lampe einen Geist hervorgerufen hatte und nicht sicher ist, e wann er sich wieder in dünne Luft auflösen würde. Das Buchhaltungssystem des Geschäfts bestand aus einem Kassenbuch, einem Tagebuch und einem Hauptbuch. Die Verantwortung dafür lag bei der ältesten Mitarbeiterin. In der Dosenfabrik gab es einen Buchhalter. Ein anderer kümmerte sich in einer Bretterbude an den Berghängen um die Buchhaltung für das Holzgeschäft. Markhams Immobiliengeschäfte wurden in ein Notizbuch eingetragen, das in seiner Rocktasche steckte. Die Bankunterlagen und das Scheckbuch befanden sich in seinem Rollpult. Alle diese Angelegenheiten hatte er mehr oder weniger im Kopf, so dass er bei der Aufstellung der neu eingeführten Einkommenssteuer (die schlimmste Katastrophe des Krieges) weitgehend auf mentale Arithmetik angewiesen war.

Da seine Geschäfte sich im Augenblick schnell und auf komplizierte Weise erweiterten, erwies sich diese eigenartige Buchhaltung als nicht mehr tragbar. Abgesehen von den allgemeinen Umständen, bestand die Möglichkeit, dass ein herumschnüffelnder Beamter der Steuerbehörde bei einer Inspektion unzweifelhaft alles ordentlich zusammengefasst auf Papier sehen wollte. Er ging mit seinem Problem zum Direktor der Bank und dieser kundige Mann, der seinem besten Kunden und größten Einzahler gern einen Gefallen tun wollte, kam und hielt eine lange Besprechung mit Markham und Miss Jardine. Das Ergebnis waren neue Geschäftsbücher mit einem Hauptbuch, das sämtliche Aktivitäten verzeichnete, – der Mann nannte es „Kontrollkonten“ – die Markham tätigte. Diese, die Kontounterlagen und Scheckbücher wurden in Isabels Verantwortung gegeben. Aufgrund der neuen Aufgabe musste Isabel täglich mit dem Vorsteher der Konservenfabrik und dem Boss der Holzverarbeitung telefonieren, und oft fuhr Markham sie in seinem Auto dahin und dorthin, um Dinge schnell persönlich an Ort und Stelle zu klären. 

Dabei erkannte er die Vorteile, die sich boten, wenn er sie zu wichtigen Immobilien-Verhandlungen mitnahm. Sie konnte die Ergebnisse in Kurzschrift festhalten und sie zur Unterzeichnung abtippen, bevor sich die Angelegenheit eventuell erledigte. Schließlich heuerte er einen Mechaniker aus Hempels Autowerkstatt an, der ihr beibrachte, Markhams Auto zu fahren. So konnte sie ihre eigenen Aufgaben innerhalb des Geschäftsbereichs erledigen und er war frei, sich anderen Dingen zuzuwenden. Auf diese Weise lernte sie die meisten Leute kennen, mit denen Markham geschäftlich zu tun hatte und diese wiederum erkannten in ihr eine fähige Person, mit der sie eine ganze Reihe Angelegenheiten besprechen konnten, ohne Mr. Markham belästigen zu müssen. Wenn das Telefon im Geschäft klingelte, war es meistens für Miss Jardine. Im Laden, auf der Bank, auf der Straße, sogar vor der Kirche am Sonntagmorgen, wurde sie von Leuten angesprochen, die gern ihre Meinung hören wollten, oder sie um Rat baten, angefangen bei einer Hypothek auf die Farm, bis zu einem Job in der Dosenfabrik.

Diese Veränderungen ihrer Position entwickelten sich im Laufe von etwa fünf Monaten; Mr. Markham zeigte seine Anerkennung, indem er ihr Gehalt auf fünfundsechzig Dollar erhöhte. Inzwischen hatte der Sommer begonnen und war zu Ende gegangen. Der offizielle Sommeranfang war Ende Mai, wenn die Obstgärten blühten und das Tal sich im Umkreis von fast hundert Meilen in einem Flor von Rosa und Weiß präsentierte, der hinaufreichte bis zu den Dachrinnen der Farmhäuser. Dieses berühmte Schauspiel zog Scharen von Touristen an. Sie fuhren mit staubbedeckten Autos durch die roten Straßen oder schauten aus Zugfenstern. Das Boston Haus und das Bon Ton-Restaurant machten in kurzer Zeit viel Geld, ebenso die Souvenir-Abteilung der Eisenwarenhandlung. Sogar die Einheimischen hielten inne in ihrer Arbeit und bewunderten das alljährliche Wunder. Wenn Isabel aus ihrem Fenster zum Fluss hinuntersah, stieg ihr der schwere Duft von Halletts Obstbäumen in die Nase.

Die fast fieberhafte Begeisterung, mit der sie sich in Markhams Geschäfte gestürzt hatte, hielt sie nicht davon ab, jede Woche ihren halben freien Tag zu nehmen. Sie wählte einen Nachmittag mit schönem Wetter, lieh sich Halletts Pferd und Wagen aus und machte sich mit belegten Broten und einer Thermoskanne kühler Milch in einem Korb unter dem Sitz auf den Weg Richtung Scotch Springs. Dort besuchte sie den kleinen Friedhof und legte Blumen auf das Grab ihrer Eltern. Ihr altes Haus hatte sich auf traurige Art und Weise verändert. Die offenbar verrottete Veranda war abgerissen worden, die Scheue stand schief. Ein paar verwahrloste Kinder spielten in einer Lehmgrube – einmal der Blumengarten ihrer Mutter. Sie wandte sich ab.

Weiter oben an der Straße bog sie in einen, ihr vertrauten, Waldweg ein und fuhr einige hundert Yards einen steilen Hang hinauf zu einem Bach. Dort band sie das Pferd an, breitete im Gras neben dem Bach eine Decke aus, entkleidete sich, lag in der Sonne, las, rauchte, oder döste bis um fünf Uhr. Dann verzehrte sie gemütlich ihr Picknick und zog sich wieder an. Als es dämmerte, erschien sie wieder am Haus der Halletts, führte das Pferd in den Stall und schob den Wagen in die Scheune.

Ihre geheimnisvolle Rückkehr aus der Stadt, ihre fast unmittelbar darauffolgende Anstellung bei Markham, der Eifer, mit dem sie sich seinen Geschäften widmete, die Tatsache, dass sie keine Post bekam, ihre allgemeine Zurückhaltung, auch ihre wöchentlichen Ausflüge, veranlassten die Leute in Kingsbridge, sie als „merkwürdig“ zu betrachten. Sogar die gutherzige Mrs. Hallett, die sie am besten kannte, machte sich Sorgen, weil sie gar kein Pivatleben hatte, und eines Abends – mit der etwas aufgeregten Art eines Laien-Zauberers, lud sie einen Mann in ihr Wohnzimmer ein, um für Isabels Unterhaltung zu sorgen. Es war Brockhurst, der Direktor der Schule von Kingsbridge, ein Mann, etwa in Isabels Alter, der durchaus für sie in Frage kommen könnte. Er war ein dunkler, kräftiger Mann, mit hohen Augenbrauen und Brille, was ihn wie einen typischen Schulmeister aussehen ließ. Er hatte in Frankreich in einem kanadischen Infanterie-Regiment gekämpft und humpelte noch aufgrund einer schlimmen Beinverletzung.

Ebenso wie Isabel erkannte er Mrs Hallets leicht durchschaubare Absicht und als sie einander die Hand gaben, tauchten sie einen amüsierten Blick. Isabel war weniger amüsiert, als Mrs. Hallett den redseligen Mr. Hallett wegen eines fadenscheinigen Vorwands hinausschickte und sie mit dem Besucher allein ließ. Ihre alte Schwäche, schnell zu erröten, machte sich bemerkbar. Sie sagte in ärgerlichem Ton, “Ich fürchte, dass Mrs. Hallett versucht, uns zu verkuppeln.“

Brockhurst lächelte. „Die Vermutung lag nahe, als sie mich eingeladen hat. In ihrem Blick lag etwas Verschwörerisches und natürlich habe ich Sie bereits gesehen und von Ihnen gehört.“    

„Was haben Sie gehört?“ fragte Isabel.

„Also, dass Sie ursprünglich von hier sind und nach längerer Abwesenheit wieder zurückkamen und über Nacht Markhams rechte Hand wurden. Offen gesagt, ich freue mich, Sie zu treffen. Sie scheinen eine interessante Person zu sein – auf jeden Fall ungewöhnlich. Das ist erfrischend in Kingsbridge“

„Gefällt es Ihnen hier nicht?“

„Oh doch. Ich habe immer in Kleinstädten gelebt, abgesehen von einem Abstecher in die Armee, und ich stellte fest, dass ich das Leben auf dem Land liebe. Mit meiner Bemerkung will ich sagen, dass das gesellschaftliche Leben hier in vielen Belangen noch nach einem ziemlich festgelegten Muster abläuft, das bestimmt wird von den älteren Frauen. Es ist bemerkenswert, eine junge Frau zu sehen, die sich heraushält aus dem übrigen Trott.“

„Damit liegen Sie falsch,“ entgegnete Isabel, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und spielte mit einem Porzellanhund auf einem Seitentisch. Ich habe nur meinen eigenen Trott und ich mag ihn.“

Er lächelte sie verschmitzt an. „Das klingt ziemlich abweisend. Um jeden Verdacht zu zerstreuen, den Sie vielleicht hegen sollten, möchte ich betonen, dass ich Junggeselle bin und zwar gerne. Das heißt nicht, dass ich Frauen nicht mag, besonders wenn sie intelligent sind wie Sie. Ich bin kein bisschen romantisch und ich vermute, Sie sind es auch nicht. Damit hätten wir doch eine solide Basis für eine abendliche Konversation, meinen Sie nicht?“

Sie betrachtete ihn, wie er breitbeinig auf dem Sofa saß, wohin ihn Mrs. Hallett platziert hatte, als hoffte sie, dass Isabel sich neben ihn setzen würde, sobald sie allein waren. Sein steifes Bein hatte er nach vorn ausgestreckt und er begann, seine Pfeife zu stopfen.

„Erzählen Sie mir vom Krieg. Was haben Sie erlebt?“ fragte Isabel mit der deutlich erkennbaren Absicht einer Frau, sich selbst aus dem Gespräch herauszuhalten.      

„Nichts Besonderes.“ Er zündete ein Streichholz an und sog an der Pfeife. „Ich würde lieber über das Hier und Jetzt reden. Abgesehen davon, dass ich hier Schuldirektor bin, bin ich auch der Präsident der hiesigen Zweigstelle der G.W.V.A.15), was mir erheblich mehr Schwierigkeiten macht. Die eher bodenständigen Veteranen sind auf die Farmen zurückgekehrt, von denen sie stammten oder haben sich in die Staaten begeben.

Die jetzigen Mitglieder sind junge Männer aus Kingsbridge und gehören zur weniger bodenständige Farmjugend im Sinne des Popsongs »How-ya-gonna-keep-`em boys» – Was soll man tun, dass sie bleiben? Sie kommen zu den Business-Treffen im Klubraum und ich bin ständig damit beschäftigt, ihnen auszureden, verrückte Anträge an die Regierung zu stellen – Forderungen nach mehr finanzieller Zuwendung, womit sie aber lediglich illegal gebrannten Alkohol kaufen würden; und Anträge auf Posten in öffentlichen Einrichtungen, von denen sie annehmen, dass sie gut bezahlt sind – in Wirklichkeit aber nur neuen Profit bedeuten für clevere Unternehmer wie Ihr Boss.“

„Mr. Markham?“

„Ja. Das überrascht Sie, nicht wahr? Wissen Sie, wie die Kriegsveteranen ihn nennen? Old Dollar-Bibelfest Für sie ist er der Urtyp des Profiteurs, ein Mann, der Geld machte aus ihrem Blut und Schweiß in Übersee – und es immer noch macht –

wie am Fließband, während sie keine Arbeit haben. Oh, er ist ein sehr frommer Mann, gebe ich zu; und doch ist ihr Standpunkt durchaus verständlich.“

Aber nicht für Isabel. Sie richtete sich vor Entrüstung in ihrem Stuhl auf.

 „Was für ein dummer Unsinn! Mr. Markham hat sein Geschäft angefangen lange bevor Sie oder einer Ihrer „Boys“ geboren waren. Damals bestand Kingsbridge nur aus einem Dutzend Häuser und einer Fähre über den Fluss. Das weiß doch jeder, oder sollte es jedenfalls wissen. Er hat immer Geld verdient durch harte Arbeit und ist im ganzen Tal dafür bekannt, dass er ehrliche Verträge aushandelt. Im Augenblick kann ein Mann, der energisch zupackt und Verstand hat, eine Menge Geld machen. Warum sollte er sich zurücklehnen und nichts tun? Würden Sie das tun, wenn Sie an seiner Stelle wären?“  

„Wahrscheinlich nicht. Aber ich glaube nicht, dass ich so selbstgefällig wäre.“

„Für mich klingen Sie recht selbstgefällig,“ gab sie zurück.

„Ich gebe nur den Standpunkt eines Kriegsveteranen wieder, von einem, der es jedem Markham im Land ermöglicht hat, sein Geld festzuhalten und noch eine ganze Menge dazuzufügen. In ihren Augen ist er ein sehr zweifelhafter Charakter.“

„Auch das noch!“

Bockhurst blieb ruhig und führte sein Thema weiter aus. Er sagte nichts Neues. Es war die Reaktion eines Soldaten denen gegenüber, die fern vom Lärm der Schlacht gemütlich gelebt hatten. In der ganzen Welt gab es Bockhursts, die es in solche Worte fassten. Die Mr. Markhams dieser Welt nannten sie Bolschewiken. Für Isabel jedoch war es weitgehend neu und sie regte sich auf über die Unverfrorenheit des Schuldirektors, denn es war ihr durchaus klar, falls sie einen oder zwei seiner sarkastischeren Aussagen Mr. Markham gegenüber erwähnte, wäre der Mann seinen Posten los mit der Begründung, dass er eine Gefahr für die unschuldigen Kinder von Kingsbridge sei, und davon abgesehen, ebenso für Religion, Recht und Gesetz und andere Grundpfeiler der Regierung. Über seinen häretischen Aussagen und ihren lebhaften Entgegnungen verging der Abend schnell. Um elf Uhr nahm der Schuldirektor seinen Hut und hinkte zur Türe.

„Habe ich Sie gelangweilt?“

„Keinesfalls.“

„Nun, dann müssen wir uns wieder treffen. Eine halbe Stunde, nachdem ich fort bin, werden Ihnen all die klugen Dinge einfallen, die Sie mir noch hätten sagen können. Sie müssen mich daran teilhaben lassen. Soll ich wieder hierherkommen, oder würden Sie mich lieber auf einen Ihrer Ausflüge mit dem Wägelchen mitnehmen? An einem schönen Abend – Donnerstag vielleicht?“

„Also gut, Donnerstag um sieben.“

Die Türe schloss sich. Isabel blies die Wohnzimmerlampe aus und trat in den Gang hinaus, um zu Bett zu gehen. Am Treppenaufgang bemerkte sie Licht in der Küche und als sie dort eintrat, traf sie Mrs. Hallett an, die am Ofen saß und strickte.

„Wie haben Sie sich mit Mr. Bockhurst verstanden?“, fragte Mrs. Hallett. „Manchmal klang es, als hätten Sie sich gestritten.“

„Wir haben über Politik gesprochen.“

„Oh je! Was ist er? Ein Liberaler oder ein Konservativer?“

„Ich würde ihn einen fortschrittlichen-Utopisten nennen.“

Mrs. Hallet legte das Strickzeug in ihr Nähkörbchen. „Das klingt ja,“ sagte sie, „wie eine dieser neumodischen Parteien in Upper Canada oder im Westen.“

 

KAPITEL 31

 

Die Apfelblüten vergingen und fielen ab, die weißen Kerzen der Kastanienbäume verschwanden. Mrs. Hallets Flieder- und Kamelienbüsche blühten und verwelkten. Auf den Feldern leuchteten Butterblumen und Gänseblümchen, Klee-Inseln dufteten süß und zogen Schwärme von Bienen an. Die Schuljungen fingen Kaulquappen in den Teichen und die erste junge Brut der Robins lernte fliegen. Unter dem grünen Schatten der Erlen blühten die Veilchen, in den Wäldern fand man Frauenschuh-Orchideen und in sumpfigen Plätzen stellte die Sarrazenie ihre hohen marokko-lederfarbenen Blumen aus. Die jungen Pappeln standen silbrig zwischen den dunklen Gruppen der Fichten und Föhren an den Berghängen. Plötzlich gab es reife Erdbeeren, und nachts, wenn die Lampen in den Obstgarten hinausleuchteten, klatschten ganze Batterien Junikäfer wie glänzende braune Kugeln gegen die Fensterscheiben.

Der Monat Juli brachte brennende Hitze, was den roten Fluss in seinem Bett schmal werden ließ. Viele kleinere Bäche trockneten aus. Es gab Tage und Nächte in denen sich kein Lüftchen regte, kein Blättchen wisperte. Die Luft zitterte über den üppigen Farmwiesen und die langen hügeligen Höhenzüge im Norden und Süden flackerten sanft im Licht der Sonne, als gehe der Atem von Glooskap, dem alten indianischen Gott, der dort wohnte, über sie hin. Gewitter rollten durch das Tal, gewöhnlich bei Nacht, manchmal nur mit kurzem Grollen am Himmel und einem gelegentlichen Blitz, der alle Telefone summen ließ, bis sie wieder verstummten. Manchmal gab es heftige Regenschauer, die an den Seiten der Hügel hinunterliefen und die Bäche kurzzeitig zu neuem Leben erweckten, begleitet von andauernden Ausbrüchen blauer Lichter, die aus der Erde anstatt vom Himmel zu kommen schienen, und es klang, als rollte das Echo von Artillerie-Beschuss zwischen den Berghängen.

Die Farmer klagten, dass der Regen immer dann kam, wenn sie bei der Heuernte waren, wie sie immer geklagt hatten, seit es Farmen im Tal gab; aber die Feldfrüchte entwickelten sich stark, grün und gesund, und die Äpfel formten sich schön auf den Bäumen. Die Kirschen wurden früh reif und (als gäbe es nicht genug Obst im Tal) stiegen Jungen und Mädchen zu den Anhöhen hinauf, um in den alten Brandstellen, die auf den grünen Flanken der Berghänge als weiße Freiflächen sichtbar waren, wilde Himbeeren und Blaubeeren zu pflücken.

Die Kartoffeln blühten, ebenso Rosen, Dahlien, und Süßerbsen in den Blumenbeeten. Weiße und rote Kletterpflanzen hingen in üppiger Pracht über Veranden und Rankengittern. Im August herrschte trockene Hitze, angenehmer als die Feuchtigkeit im Juli. Südwestliche Winde bliesen ständig durch das Tal und wirbelten roten Staub entlang der Straßen auf. Die große Pilgerfahrt der Touristen hielt an. Der Speisesaal des Boston Hauses vibrierte vor fröhlichen Sprachakzenten aus Neuengland, New York und Pennsylvanien. Manchmal sah man Autos, die bis aus Ontario oder Illinois oder Ohio kamen; ein oder zweimal tauchte ein Auto auf mit einem Nummernschild aus Kalifornien. Als es zum Tanken anhielt, sammelten sich schnell kleine Jungen um es herum, die Kriegsveteranen kamen aus ihrem Klub und Mädchen lugten aus den Türen der Geschäfte, denn bisher hatte niemand ein Auto gesehen, das von so weit herkam.

Das Korn reifte, der Hafer reifte. Sie wurden gemäht und Scharen von Spatzen suchten tschirpend Nahrung auf den Stoppelfeldern, flogen bei jeder kleinen Störung auf und sammelten sich dann wieder. Die Äpfel wurden reif und die Zweige hingen tief herab unter ihrer Last. An den Straßenrändern blühte die Goldrute, das erste Anzeichen des Herbstes. Die Schwalben flogen fort in den Süden. Ende August waren sie fort. Die Ziegenmelker folgten ihnen. Die blauen Blüten der Iris waren längst verblüht und die Samenstände hingen an den Stengeln wie kleine grüne Würstchen.

Isabel bemerkte diese Veränderungen bei ihren Autofahrten durch das Land, wenn sie Markhams Aufträge erledigte, wenn sie sonntags mit den Halletts zur Kirche ging und bei ihren wertvollen halben freien Tagen, wenn sie sich in ihre Waldecke zurückzog und nackt in der Sonne lag. Die Ärzte im Krankenhaus hatten ihr Sonnenbäder empfohlen und zuerst empfand sie es als eine etwas peinliche Angelegenheit, bald jedoch bereitete es ihr äußerstes Vergnügen, schenkte ihr ein Gefühl von großer Freiheit, die ihr erlaubte, sich dem goldenen Licht auszusetzen und der warmen nach Fichten duftenden Waldluft. Einer Nymphe gleich erfreute sie sich an den Zärtlichkeiten eines göttlichen Himmels – der hier nicht heimisch war, nicht innerhalb weniger Meilen von Kingsbridge und seiner prüden Gesellschaft, sondern aus einem mediterranen Land, wo es Olivenbäume gab, verborgene weiße Tempel in Zypressenhainen und stille Ausblicke auf das blaue Meer.

Ihr momentaner Sonnenplatz, eine kleine grasbestandene Fläche, lag nahe bei einigen Erlenbüschen und einem Dickicht junger Fichten. Sie erreichte es auf der kurvenreichen verlassenen Waldstraße, die sie aus ihrer Kindheit kannte. Ein Bach schoss den Hügel hinab, vorbei an den Ruinen einer kleinen Sägemühle, die so lange schon verlassen war, dass der einst hohe Haufen Sägespäne nur noch eine dünne verrottete graue Kruste auf der Grasnarbe bildete. Die Aufzugsrutsche war ins Gras gefallen und, bis auf ein paar rostige Bolzen, verschwunden. Das Mühlenhaus, nicht größer als der Arbeitsraum eines Dorfschmieds, hing schief über dem Damm, eine verwitterte Masse graues Holz, auf dem sich Flecken eines orangefarbenen Pilzes ausbreiteten. Das alte hölzerne Wassergatter war schon lange fortgeschwemmt worden und hinter dem Damm lag nur noch ein flacher kleiner Pool.

Sie saß stundenlang hier, vor Sonnencreme glänzend, als sei sie soeben aus dem niedrigen hellen Wasser aufgetaucht und sah dem Rauch ihrer Zigaretten nach, der sich im Sonnenschein kräuselte. Mitte August hatte ihre Haut eine hübsche vornehme Färbung angenommen, wie Skane damals auf Marina über ihr Gesicht gesagt hatte. Sie fühlte sich als Sonnenanbeterin sehr wohl und das neue Gefühl und ihre neue Erscheinung machte sie recht zufrieden. Am Ende des Nachmittags zog sie ungern ihre Kleider wieder an und hatte ein Gefühl von Beengung, als bewege sie sich in einer unbequemen Hülle.

Bockhurst kam in unregelmäßigen Abständen in das Haus der Halletts. Manchmal kam er jeden Abend, an dem sie nicht arbeitete. Er hatte sich dazu entschlossen, die Sommerferien in Kingsbridge zu verbringen und auf seinem Motorrad Ausflüge ins Tal zu machen. Wenn er erschien, verbrachten sie den Abend im Gespräch auf der Veranda oder fuhren im Wägelchen der Halletts auf Nebenstraßen umher. Mrs. Hallet und die meisten Leute in Kingsbridge waren davon Überzeugt, dass sie ein Paar wären.

Markham fragte auf seine typische Art, „Dieser Brockhurst – ist es was Ernsthaftes?“

„Nein.“

„Ein seltsamer Vogel. Über was unterhalten Sie sich denn?“

„Meistens redet er,“ antwortete sie leichthin. „Aber wir reden über Bücher, Erziehung, Wirtschaft – meistens über Wirtschaft, wie mir scheint.“

„Das klingt ziemlich langweilig. Mögen Sie ihn?“ – gefolgt von einem seiner schnellen listigen Blicke.

Isabel zögerte. „Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht recht, was ich von ihm halten soll. Er ist sehr polemisch und sicher in seiner Argumentation, so dass ich oft irritiert bin. Aber ich muss zugeben, er ist nie langweilig. Er kann über fast alles gut reden. Als ich zur Schule ging, fand ich Geologie furchtbar fad, aber Brock kann eine Handvoll Kiesel aufklauben und eine Stunde lang faszinierend die verschiedenen Arten von Gestein erklären. Ich glaube, er ist ein sehr guter Lehrer.“

„Hmm. Brock“. Nun, wenn Sie in der Gegend herumfahren wollen und über so etwas reden, warum nehmen Sie nicht mein Auto und haben es bequemer? Ich habe Ihnen schon angeboten, dass Sie es nehmen können, wann immer Sie wollen.“

„Ich finde es vergnüglicher mit Pferd und Wagen. Es ist so entspannend.“

„Ah!“

„Und es erinnert mich an meine Kindheit auf der Farm.“

„Ich verstehe. Und erinnern Sie sich auch an Ihre Kindheit, wenn Sie jede Woche allein Richtung Scotch Springs fahren? Oder geht mich das nichts an?“

Isabel schaute ihn mit ihren grauen Augen an und zuckte die Schultern. Sie sagte leichthin. „Das ist eben meine wöchentliche Erholung von der Arbeit, Mr. Markham. Manchmal bin ich gern allein.“

„Aha. Sie sind also glücklich?

„Oh ja, sehr.“

„Meine Frau meint, wir sollten Sie öfter zum Tee einladen, aber ich habe das Gefühl, so etwas schätzen Sie nicht besonders.

„Das ist richtig,“ entgegnete Isabel ungeniert.

Mr. Markhams Haushalt bestand aus ihm selbst, seiner kleinen kurzsichtigen Frau und ihrer Tochter, einer verkümmerten alten Jungfer, die genauso aussah wie ihre Mutter und auch so sprach. Wie Markham waren die beiden Frauen äußerst fromm, lebten aber ziemlich abgeschieden. Isabel fand ihre langweilige uninteressante Existenz ganz fürchterlich. Markhams Drang nach Geld kam ihr vor wie eine Reaktion auf die tödliche Monotonie seiner häuslichen Verhältnisse. Sie wusste nicht, ob sie die Frauen bemitleiden oder verachten sollte, die solch ein fades Leben fast ganz innerhalb der Wände ihres Hauses, sogar im Sommer, führten und keine Möglichkeit hatten, ihre Gefühle auszuleben, abgesehen von den sonntäglichen religiösen Begeisterungen

„Hmm. Jedenfalls muss ich sagen, Sie sehen wesentlich besser aus als bei Ihrer Ankunft. Es gibt nichts Erfreulicheres als die Landluft für jemanden, der acht Jahre in einem Büro in der Stadt eingesperrt war. Genießen Sie es, solange wie möglich. Bald ist Erntezeit. Dann kommt eine Menge Arbeit auf uns zu – die Äpfel müssen geerntet, in Fässer gepackt und verschickt werden, dann geht es an die Konserven usw. Die Ausstellung kommt auch bald. Ich muss Sie die nächsten zwei Monate hart herannehmen. Macht Ihnen das was aus?“

„Nicht im Geringsten.“

Bei ihrem nächsten abendlichen Ausflug erzählte sie Brockhurst vom ersten Teil dieser Unterhaltung. Er grinste. Er hatte einen schmalen schwarzen Schnurrbart, wie ihn Armee-Offiziere während des Krieges trugen, und wenn er den Mund zu einem Lächeln verzog, schaute dieser aus wie ein Bleistiftstrich auf seiner Oberlippe. Seine dunklen Augen blitzten hinter den Brillengläsern.

„Der alte Knabe hat schreckliche Angst seine neue rechte Hand zu verlieren,“ bemerkte er. “Vom geschäftlichen Standpunkt aus gesehen, kann ich ihn gut verstehen. Du warst eine dea ex machina. In dem Augenblick als sich seine Geschäfte ausdehnten wie ein Steppenfeuer im Sturm, kamst du daher mit deiner Erfahrung aus einem Stadtbüro, dazu deine Kenntnis der lokalen Gegebenheiten und du warst auf der Suche nach einem Job. Ich wette, er hat dich dazu noch günstig bekommen. Eine solche Gelegenheit ließ er sich natürlich nicht entgehen. In seinem ganzen Leben hat er keine Gelegenheit verpasst und alle sind sie ihm im richtigen Moment in den Schoß gefallen, wie du. Man kann sich durchaus einig sein über Markhams Energie und Intelligenz – wenn du willst, auch über seine Ehrlichkeit – aber was ihn auf seinem Weg in Richtung einer Million Dollar getrieben hat ist etwas, was alle Männer, die das große Geld machen, antreibt, die Fähigkeit sein Glück beim Schopf zu packen.“

„Du reitest wieder dein Steckenpferd,“ entgegnete sie ruhig. „Ich kann dir versichern, dass Mr. Markham keinesfalls so viel besitzt wie eine Million, nicht einmal in Form von Grundbesitz, und was Geld in großen Mengen angeht, ist das Unsinn. Wir sind hier in Kingsbridge, nicht in New-York oder Montreal. Aber das habe ich alles schon mal gesagt.“

„Stimmt. Und du warst immer ziemlich zurückhaltend, was Zahlen angeht, wie eine vertrauenswürdige Sekretärin sein soll. Trotzdem bin ich immer noch sehr neugierig, was deinen Boss betrifft. Er interessiert mich als typisches Beispiel, sozusagen das einzige innerhalb meiner Sphäre. Im Laufe des Sommers bin ich viel herumgekommen, habe da und dort mit Veteranen gesprochen und immer bin ich auf Markhams Spur gestoßen. Abgesehen von seinen Interessen an Faserholz- und Konserven und natürlich dem Geschäft in Kingsbridge, hat er überall im Tal Farmen gekauft oder trachtet danach, sie zu kaufen. Der Nachkriegs-Aufschwung treibt immer noch die Preise für Farmland in den Himmel, wie alles andere auch. Wenn das so weitergeht, wird er in einem Jahr oder zwei eine sehr hübsche Summe Geld damit machen. In der Zwischenzeit steckt er durch den Besitz so vieler Obstgärten bis zum Hals im Apfelgeschäft.“

„Ja und? Was soll damit nicht stimmen?“

„Als Student von Geschichte und Wirtschaft – jedenfalls der Grundbegriffe – scheint mir dabei einiges nicht zu stimmen. Schließlich kommen Kriege in dieser Welt häufig vor und die wirtschaftlichen Folgen zeigen weitgehend dasselbe Muster. Es gibt immer eine Inflation, die ihren Höhepunkt nicht am Ende des Krieges erreicht, wie der Unkundige es erwartet, sondern ein paar Jahre später. Es hängt ab von der Länge des Krieges und dem Geld, das gedruckt wurde, ihn am Laufen zu halten. In Europa kann dir das jeder sagen, aber in Kanada und bis zu einem weitgehenden Grad in den U.S., ist es eine neue Erfahrung. In Europa ziehen sie bereits den Kopf ein. Hier denkt jeder, sogar schlaue Leute wie Markham, dass der Aufschwung permanent anhält. Es wird eine Menge Unsinn geredet über `die unendlichen Ressourcen eines neuen Landes` und `den permanenten Aufwärtstrends neuer Entwicklungen`“.

„Du bist ein unverbesserlicher Pessimist,“ antwortete sie. „Glaubst du denn nicht an Kanada?“

„Natürlich tue ich das. Aber neue Länder müssen ökonomische Gesetze befolgen wie alle anderen. Man kann nicht für einen Krieg bezahlen mit einer Menge unentwickelter Ressourcen, wie reich sie sonst auch sein mögen. Was zählt, ist das Bargeld, das du auf den Tisch legen kannst. Was dieses Tal betrifft, ist es der Deckel eines Apfelfasses. Und all diese Äpfel müssen über das Meer verschifft und in Großbritannien verkauft werden, denn der heimische Markt ist zu klein, um sie zu verwerten. Von dort muss das Geld am Ende herkommen. Genauso ist es mit kanadischem Weizen und eine Menge anderer Dinge. Du kannst es eine koloniale Ökonomie nennen, wenn du willst und du hast ganz recht damit. Es ist uns aufgezwungen durch Umstände, die wir nicht unter Kontrolle haben. Wir können nicht in die USA verkaufen, weil die Amerikaner dieselben Dinge produzieren. Kannst du mir folgen?“

„Sprich weiter.“

„Also hängt unsere finanzielle Sicherheit davon ab, wie die Dinge in Großbritannien auf der anderen Seite des Atlantiks stehen. Das ist zu weit weg, um Leute wie deinen Mr. Markham zu interessieren, die nicht in der Lage sind, über die lokalen Geschäftsbelange, die sich vor ihrer Nase abspielen, hinauszusehen. Er wird aber bald von den Verhältnissen eingeholt werden und alle in Kanada mit ihm. Du darfst nicht vergessen, dass die Briten die Hauptlast des Krieges getragen haben. Sie waren von Anfang an intensiv daran beteiligt und nachdem die Russen weggebrochen sind und die Franzosen und die Italiener dabei waren auszusteigen, haben die Briten den ganzen Krieg praktisch allein ausgefochten, bis im Sommer 18 die Yankees mit ihrer ganzen Truppenstärke gekommen sind. Das war die Rettung. Ich erinnere mich gut daran, denn damals bekam ich bei Ypern eine Kugel in mein Knie. Dort haben wir gegen die Deutschen monatelang im Dreck gelegen, nur um die Aufmerksamkeit des alten Hindenburg auf uns zu ziehen, anstatt auf die Franzosen, die sich im Zustand der Meuterei befanden und in ganzen Divisionen nach Hause strebten.

Schau doch mal auf die finanzielle Seite der ganzen Sache. Die Briten haben ihrerseits enorme Summen für diese Show ausgegeben und haben den Franzosen und den Russen und anderen, die es nie zurückzahlen werden, ebenso viel geliehen. Und jetzt ist die Nachkriegs-Inflation gerade auf dem Höhepunkt und sie müssen den Tatsachen ins Auge sehen. Dazu kommt noch eine gewaltige Schuldenlast gegenüber den USA. Das bedeutet, dass John Bull16) den Gürtel gewaltig enger schnallen muss. Die Zeichen sind nicht zu übersehen, wenn man die englischen Zeitungen liest – was du und Old-Dollar-Bibelfest tun solltet. Wir werden den Druck bald spüren und es wird uns hart treffen.“

„Wie bald?“ fragte Isabel, nur um das Gespräch am Laufen zu halten. Sie war seine Dialektik inzwischen gewöhnt und hörte zu mit der Bereitschaft dessen, der das alles schon vernommen hatte und kein Wort davon glaubte. Brockhurst hatte sich stets geweigert, über seine Kriegserlebnisse zu sprechen. („Ich werde nicht den Othello spielen vor einer blühenden Desdemona“), aber sie wusste, dass sie ihm schwer zu schaffen machten. Ihrer Meinung nach hatten sie seine Sicht auf die Welt ebenso deformiert wie sein Knie.

„Ah, wer weiß das schon? Innerhalb von höchstens zwei Jahren. Vielleicht schon dieses Jahr. Es könnte das Jahr sein, auf das wir alle zurückschauen werden als das `Schwarze Jahr 21`, das dem Fass den Boden ausschlug.“

„Armer Mr. Markham!“ sagte sie und lächelte dabei. 

„Oh, er hat nichts zu fürchten. Da bin ich mir sicher. Wahrscheinlich hat er seine Kriegsgewinne in steuerfreien Victory-Bonds angelegt, wie alle von seinem Schlag. Wir anderen sind diejenigen, die das Unglück trifft.“

„Du scheint aber trotzdem ganz zuversichtlich zu sein.“

Anstatt zu antworten, begann er die Melodie von „Pack Up Your Troubles In Your Old Kit Bag“ (Pack deine Sorgen in deinen alten Rucksack) zu pfeifen, und das verdutzte Pferd wechselte aus seinem gemächlichen Gang in einen plötzlichen Trott.

Einige Tage später, als sie neben dem Bach gemütlich in der Sonne lag, dachte Isabel über diese Dinge nach. Brockhurst redete eine Menge Unsinn, aber sie mochte seine lebendige engagierte Art. Mitunter fragte sie sich, ob sie, abgesehen von ihrer Rolle der Zuhörerin und Widersprechenden, noch eine andere Anziehung auf ihn ausübte. Er hatte ihr gegenüber nie das geringste Gefühl zum Ausdruck gebracht, außer Freundschaft. Das war ihr auch ganz recht; jedoch hie und da empfand sie in müßigen Momenten eine kleine Regung von Einsamkeit. 

Sie stützte sich auf ihren Ellbogen, um noch eine Zigarette aus ihrer Handtasche zu holen und blickte auf ihren hellen goldenen Körper, der ausgestreckt auf dem Gras lag. Ein Gefühl von Vergeudung erfasste sie. Ihr dreißigster Geburtstag war vorbei, dieser seltsame Meilenstein auf dem Weg ins vergängliche Alter und sie fragte sich, wie lange diese physische Perfektion noch anhielt. Nie hatte sie sich so lebendig gefühlt. In diesem Land der Obstbäume, inmitten der unaufhörlichen Gespräche über Früchte in all ihren Reifegraden und ihrem Wert kam einem unwillkürlich die Ähnlichkeit zwischen Frauen und Äpfeln in den Sinn. Einige waren in der Frühsaison von bester Qualität und standen auf den Märkten sehr hoch im Kurs. Andere reiften später und diese hielten ihre Qualität meistens am längsten. Aber alle waren dazu bestimmt, zur rechten Zeit genossen zu werden. Danach verdorrten sie und waren für immer verdorben, Gravensteiner, Pippins, Gold-Russets – und Isabel Jardines.

Während der Geschäftigkeit unter der Woche gab es keine Zeit für solch ein gedankenvolles Innehalten, und wenn sie gelegentlich aus einem plötzlichen Impuls heraus die Fotografie von Skane, Carney und der armen Clélie, der Galionsfigur aus dem Wrack, herauszog, geschah es nur, um wieder das Rätsel ihres Lebens auf der Insel zu betrachten und es ungelöst wieder zu verstecken. In diesen Stunden der Selbstbetrachtung, ausgestreckt neben dem klaren Bergwasser, bedrückte sie der Gedanke an die Zukunft. Vielleicht erinnerte sie dieser Platz an den schilfbestandenen Teich zwischen den Dünen. Oder war es nur, weil der Sommer vorbeiging, diese warme, schöne Zeit, die so sehr den besten Jahren im Leben einer Frau zu gleichen schien? Der August war fast zu Ende.

Aber plötzlich ging diese Selbstbetrachtung unter in einem einzigen Gedankenblitz. Ende August! Mit zitternden Fingern packte sie die Zeitung, die halb gelesen im Gras lag. Die täglichen Nachrichten für die Leute in Kingsbridge und im ganzen Tal, gelangten zu ihnen in Form eines Bündels Zeitungen aus Halifax, das bei jedem Halt aus dem fahrenden Zug geworfen wurde. Isabel brachte stets ein Exemplar zu ihrem Sonnenbad mit, um es in Ruhe zu lesen. Sie blätterte hastig die Seiten um und warf einen schnellen Blick auf die Kolumne mit den Marine-Nachrichten. Und da stand es. Die Buchstaben schienen herauszuspringen aus dem übrigen Text.

„Ankunft: Lord Elgin, Kapitän O´Dell, Insel Marina, Passagiere.“

 

KAPITEL 32

 

Den ganzen Weg zurück nach Kingsbridge war Isabel nur von einem wilden Gedanken besessen, den diese Zeitungsnotiz ausgelöst hatte. „Passagiere“! Unter ihnen Gregory Skane. Daran bestand kein Zweifel. Sie konnte sich ihn vorstellen, wie er mit festem Unterkiefer und dem herausfordernden Blick seiner blauen Augen in Hurds Büro trat und nach der Adresse von Mrs. Carney fragte. Sie sah Miss Benson schmachten undHurd sein schnelles freundliches Lächeln aufsetzen, schnell seine Hand kamradschaftlich ausstrecken – reserviert für tüchtige Küstenfunker. Sie konnte Hurd murmeln hören, es tue ihm leid, dass Mrs. Carney das Krankenhaus verlassen habe, ohne eine Adresse anzugeben. Zweifellos suche sie irgendwo Erholung – und wie es denn auf Marina stehe?  

All die vagen Sehnsüchte und Spekulationen am Ufer des Baches existierten nicht mehr. Sie war wieder Miss Jardine aus Markhams Büro, die energische junge Frau, die in einer Karriere als Geschäftsfrau ihre Zukunft sah und von Männern nichts mehr wissen wollte. Skane würde sich zweifellos ärgern und sich wundern. Aber es gab nichts, was er sagen oder tun konnte. Sie war verschwunden und dabei blieb es. Er würde ein oder zwei Tage lang wütend in Halifax herumlaufen und sich dann zu seinen Verwandten begeben und irgendwo seinen Urlaub verbringen. Sie sagte sich (sonderbarerweise nicht ohne Widerstreben), dass er andere charmante Frauen finden würde, die sicher gern seine Wünsche erfüllten. Es war wohl absurd anzunehmen, dass keine Frau Greg Skane widerstehen könnte. In Wahrheit, vermutete sie jedoch, dass kaum eine gesunde Frau unter vierzig nicht den Impuls verspürte, sich in seine Arme zu werfen, ob er sie wollte oder nicht. Es war eine merkwürdige Eigenschaft, ein zynischer Witz, den das Leben sich gelegentlich mit seinen Geschöpfen erlaubte, denn Skane war kein Don Juan. Don Juans sind munter, sie funkeln und schwirren wie Kolibris, erforschen jede Blume am Weg, während Skane eine Mischung aus Stolz und Selbstverachtung war. Er wollte völlig selbstbeherrscht sein und hasste den Trieb, der ihn zum Sklaven einer Frau werden ließ, selbst wenn es nur für eine Stunde war; die Leidenschaft, mit der er ihren Körper nahm, bedeutete nicht den Sieg der Frau, sondern seine eigene Niederlage.

Oh ja, das war Gregory Skane. Und sie wollte nichts mehr von ihm wissen. Sie hatte ihn nie geliebt, niemals! – und ebenso wenig hatte Skane sie wirklich geliebt. Die hatten beide einem Drang nachgegeben, der aus der Leere des Winters auf dieser einsamen grauen Station entstanden war, ein schneller heißer Funke, der aufsprang und flammte, begleitet von einer Melodie, die weder Anfang noch Ende hatte und schließlich schwieg; übrig blieb nur ein scharfer Hauch von Ozon und ein Echo in den Dünen.

Und nun war sie völlig sicher vor dieser gefährlichen Eigenschaft in ihm und auch in ihr. Sie überlegte immer wieder hin und her, wie die Dinge standen. Das Krankenhaus? Sie hatte dort nichts gesagt, außer, dass sie die Stadt verlassen werde. Hurd? Miss Benson? Sie war gegangen, ohne mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Es gab keinen Anhaltspunkt für Skane sie zu finden, trotz seiner zuversichtlichen „D-prefix“ Äußerung in seinem Brief. Sie hatte Kingsbridge nie erwähnt, nicht einmal das Tal, weniger aus Verschwiegenheit, sondern weil er nie etwas wissen wollte über ihren Hintergrund, bevor sie Carney getroffen hatte.

Dennoch zuckte sie einige Wochen lang jedes Mal zusammen, wenn sie einen neuen Schritt durch den Laden zum Büro gehen hörte, wenn das Telefon klingelte und eine männliche Stimme „Miss Jardine“ verlangte. Abends, wenn Brockhurst zu einem seiner unregelmäßigen Besuche erschien, Mrs. Hallett ihn einließ und in ihrem verbindlichen Tonfall rief „Ein Mann möchte Sie sprechen, Miss Jardine“, empfand sie immer eine gewisse Anspannung, bis sie seine Stimme erkannte. Brockhurst selbst äußerte, dass sie nervös sei und auf einer ihrer Wanderfahrten im Einspänner hielt er mitten in einer scharfzüngigen Denunziation des kapitalistischen Systems inne und sagte mit seinem klugen Grinsen, „Du hörst überhaupt nicht zu. Bin ich unkonzentriert oder du? Ich kann dich gar nicht mehr herauslocken.“

„Tut mir leid. Ich war mit den Gedanken gerade ganz woanders.“

„Bei etwas Wichtigem, hoffe ich.“

„In gewisser Weise, ja.“

„Darf ich fragen, was es war? Oder ist das unangebracht? Ich wüsste gern, was wichtiger sein könnte als die Tatsache, dass Kanada regiert wird von einer Handvoll aufgeblasener Kapitalisten aus Toronto und Montreal.“

„Du vergisst den in Kingsbridge.“

„Für den Augenblick kümmert er mich nicht. Was gibt es für Probleme? Vermutlich das Geschäft, du armes Werkzeug der kapitalistischen Klasse. Der alte Markham macht sich offenbar Sorgen wegen der fallenden Preise für Zellstoffholz und Papier in den Staaten. All sein Holz geht ja zu Zellstofffabriken jenseits der Grenze und der Preis für Holzmolasse ist von mehr als hundert Dollar gefallen auf unter vierzig per Tonne – oder weiß er das noch gar nicht? Er liest ja nur die Bibel und den Courier.“

„Er weiß es.“

„Ah, dann beginnt er, die bittere Kehrseite kennenzulernen, in die ihn seine Habgier gebracht hat. Ich weiß, dass die Papiermühlen den Kauf von Holz gestoppt haben – von einem Tag auf den anderen – einfach so. Alle haben Sie große Vorräte angehäuft und in ihren Büchern sind sie mit einem Wert verzeichnet, der nicht mehr existiert. Die Mühlen werden erst wieder anfangen zu kaufen, wenn das Holz in ihren Lagern aufgebraucht ist und sie es aus ihren Bestandslisten streichen können. Das wird mindestens ein Jahr dauern, soweit ich informiert bin. Inzwischen sitzt Old-Dollar-Bibelfest auf mindestens zehntausend Klafter Föhren- und Fichtenholz, aufgeschichtet in den Wäldern und seitlich gelagert an den Wegen von Windsor bis Karsdale. Als Rundholz aufgeschichtet. Mit Rinde! Solches Holz verrottet innerhalb von zwölf Monaten. Also entgehen unserem Lokal-Midas mindestens neunzigtausend Dollar, außer er kann das Zeug als Feuerholz verkaufen. Sogar dann ist es nahezu ein Totalverlust. Warum lässt du das Pferd zurücklaufen?“

Isabels Mund war zusammengepresst. „Wir fahren nach Kingsbridge zurück. Dort setzte ich dich ab, Brock, und nicht nur für heute Abend, sondern für immer. Ich habe jetzt genug von dir und deinen üblen Nachreden auf meinen Boss.“

Sie versetzte dem Pferd einen geschickten kurzen Peitschenhieb und sie ratterten Richtung Stadt. Eine Zeitlang schwieg Brockhurst, schaute auf ihr kühles Profil und ihre verkniffenen Lippen.

„Versteh‘ doch, ich wollte dich nicht ärgern,“ sagte er schließlich ernsthaft.“ Sie gab keine Antwort.

„Schließlich betreibe ich ökonomische Studien und Markham interessiert mich nur als typisches Beispiel.“

„Das hast du schon öfter gesagt,“ warf sie verärgert ein. Du hast dich den ganzen Sommer lang wiederholt. „Ein typisches Beispiel! Brock, du bist selber ein typisches Beispiel. Ein Mann, der im Krieg verwundet wurde und meint, dass er die Welt dafür anklagen müsste. Ich habe einen Typen wie dich schon einmal getroffen; nur dass er nicht umherlief und eine Hinterwälder-Version von Marx predigte; er ging fort und schmollte auf einer einsamen Insel. Es scheint noch eine ganze Menge anderer davon zu geben – all das Gerede über eine `verlorene Generation`! Und ihr seid alle gleich, alle zusammen. Was ihr verloren habt, ist euer Gespür für Anstand. Früher oder später fangt ihr an, andere Menschen zu verletzen. Nicht immer auf dieselbe Art und Weise, aber sie leiden nicht weniger darunter.“

„Aber,“ protestierte er, „du hast doch immer alles, was ich sagte, als witzige Unterhaltung aufgefasst. Warum änderst du deine Einstellung?“

„Ich habe es einfach satt.“

Isabel schleuderte diese Äußerungen heraus, ohne ihn anzusehen, ohne ihren Blick, den sie fest auf die Straße gerichtet hielt, zu heben. Der Wagen rasselte in ungezügeltem Tempo die Hauptstraße hinunter. Als Isabel am Gehweg anhielt, drehte das Pferd vorwurfsvoll den Kopf, zweifellos im Erstaunen darüber, ebenso wie der Schuldirektor, was wohl der Grund für das Ende der friedlichen Abendausfahrt war. Brockhurst stieg humpelnd ab, legte seine Hände auf die Seite des Wagens und sah zu ihr auf. Ein paar Leute gingen unter den Ulmen spazieren und er ließ die Gruppe vorbeigehen, bevor er sprach.

„Du willst mich doch nicht ernsthaft für immer zurückweisen, auch wenn du davon gesprochen hast?“

Isabel wandte den Kopf und sah ihm fest in die Augen. „Doch, Brock. Du erinnerst dich bestimmt an den Abend, als du dich über die arme Mrs. Hallett so geärgert hast und dich vor mir so in Acht genommen hast. Ich machte ganz bewusst ein paar Bemerkungen, die sitzen sollten – um dich herauszufordern – denn ich hielt dich für eine rätselhafte und attraktive Persönlichkeit, die ich näher kennenlernen wollte. Und, in der Tat, es hat funktioniert.“

Ein junger Mann und ein Mädchen gingen Arm in Arm vorbei. Brockhurst wartete erneut. Er sprach leise weiter, „Ich will nicht bestreiten, dass ich ein Großteil von dem, was ich damals oder seitdem sagte, im Grunde auch so gemeint habe. Es sind die Prinzipien, an die ich glaube. Aber ab und zu habe ich etwas übertrieben, weil es mir vorkam, als würdest du davon angeregt und weil ich deine Erwiderung gerne hörte. Ich habe dich vermutlich die ganze Zeit falsch eingeschätzt. Hast du denn keinen Sinn für Humor?“

„Offenbar nicht,“ entgegnete sie scharf, wandte sich um und wollte die Zügel anziehen.

„Einen Augenblick!“ bat er hastig. „Du willst nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich kann es in deinem Gesicht lesen. Ich bin ziemlich sicher, dass es nicht nur an dem liegt, was ich gesagt habe. Da ist noch etwas anderes. Du warst recht seltsam in den letzten Tagen. Warum sagst du mir nicht, was los ist? Du musst wissen, dass ich mich in dich verliebt habe und ich kann nicht zulassen, dass du mich fallen lässt, ohne mir den eigentlichen Grund dafür zu nennen.“

Isabel schaute ihn überrascht an. Für ein paar Augenblicke war sie sprachlos. Es war das Letzte, was sie vermutet hatte, von ihm zu hören; und weit davon entfernt, besänftigt zu sein, war sie empört über sein ruhiges Geständnis. Die Nachricht von Skanes Rückkehr, all die quälenden Erinnerungen an Marina, verbunden mit den Gedanken an die beiden Männer, die sie geliebt hatten, ließ die Stimme eines möglichen Dritten äußerst anstößig erscheinen. Sie wandte sich ab, als ob man ihr ein unanständiges Angebot gemacht hatte.

„Brock,“ stieß sie rasch und atemlos hervor, „du bist verrückt. Welches Recht hast du, mir so etwas zu sagen?“ Dann fuhr sie weg. Brockhurst stand am Rand des Bürgersteigs und schaute dem Wagen nach, der in die Dämmerung davonflitzte.

Sie ging nicht mehr zu der alten Mühle. Sie sagte sich, dass der September vorbei war, kühle Winde zu blasen angefangen hatten, und dass es außerdem viel Arbeit gab. Natürlich war es auch so, aber vor allem wollte sie sich nicht eingestehen, an Skane zu denken und an diese Zukunft, die so friedlich und erfüllt ausgesehen hatte und jetzt so leer und öde erschien. Sogar an ihren wenigen freien Abenden, richtete sie ihre Gedanken auf die Geschäfte des vergangenen Tages und die Probleme des nächsten mit einer Intensität, als sei sie selber Markham.

Es gab viel zu überlegen. Der wissbegierige Brockhurst hatte recht behalten. Der Markt für Zellstoffholz war zusammengebrochen und Markham stand da mit sauber aufgeschichteten Holzhaufen an den Hängen des Tales im Wert von fast einhunderttausend Dollar. Das meiste davon war im vorigen Winter geschlagen worden. Bald begannen die Herbstregen und dann kam wieder ein Winter mit Schnee und Frost. Wenn die heiße Sonne des neuen Frühlings auf das nasse Holz schien, begann es zu gären und zu verrotten. Die Waldarbeiter hatten dafür einen alten englischen Begriff, der noch aus der Kolonialzeit stammte. Falls Markham sein Holz nicht losbekam, bevor der nächste Winter einsetzte, würde das verdammte Material senil.

Das wusste Markham genauso wie sie. Er versuchte verzweifelt, es zu verkaufen, indem er es zu günstigen Preisen telegraphisch an sämtliche Papierfabriken an der Küste und alle Bretterwerke und Fasshersteller im ganzen Tal anbot. Jetzt aber tauchte ein neues Problem auf. Der Apfelmarkt schwächelte ebenfalls. Aufgrund seiner Spekulationskäufe von Farmland, hatte der alte Mann die Erträge von achtundzwanzig Obstgärten am Hals – Obst, das ihm bereits Kosten verursacht hatte für das Sprühen und für allgemeine Pflegemaßnahmen während des Jahres. Die Bank hatte ihn schon zu einer aufgeregten Besprechung eingeladen. Es gab Treffen mit anderen Obstbesitzern und Schiffseignern. Zweimal im Laufe eines Monats schloss er sich einer Abordnung an zur Regierung in Halifax.

Es muss dem spöttischen Brockhurst Befriedigung bereitet haben, festzustellen, dass seine Vermutungen sich bewahrheitet hatten, aber es hätte ihn überrascht zu sehen, wie sich Old-Dollar-Bibelfest dazu stellte. Der Mann, der dem Geld nur wenig intensiver huldigte als Gott, verhielt sich angesichts seines möglichen Ruins mit der kühlen Philosophie jener frevelhaften Männer, die hohe Einsätze beim Kartenspiel setzen. Mit eigensinniger Hartnäckigkeit, die Isabel bewunderte, bestand er darauf, die Konservenfabrik weiter auf volle Produktion zu fahren – irgendwie fand er einen Weg, seine Arbeiter und die Farmer zu bezahlen.

„Die Bank nennt das `ein zweifelhaftes Experiment`, sagte er zu ihr mit einem schmalen Lächeln. „Das sehe ich weitgehend auch so; es scheint mir aber die einzig richtige Möglichkeit zu sein, die Marktprobleme im Tal auf faire Weise zu lösen. Ich werde bestimmt nicht lange genug leben, um in jeder Stadt und jedem Dorf eine Konserven- oder Marmeladenfabrik zu sehen, aber zumindest habe ich damit angefangen. Es betrübt mich sehr zu erleben, dass die Fabriken geschlossen werden, bevor sie sich bewährt haben. Das Problem ist, ich bin meiner Zeit dreißig Jahre voraus. Sie sagen, ich sei alt. Du lieber Himmel, ich bin der jüngste Offizier im Regiment.“

„Es steht aber doch allgemein sehr schlecht, oder nicht?“ antwortete Isabel.

„Ja, so ist es; und wenn man in die Welt schaut, wird es mit der Zeit noch schlechter werden. Aber man muss wissen, dass das normal ist. Fortschritt ist keine gerade Treppe steil nach oben. Es gibt Einbrüche und Geschrei und Absagen auf dem Weg dahin. Das gehört dazu. Wir werden wieder herauskommen aus dieser Klemme, wenn nicht zu viele Dummköpfe den Kopf verlieren. Was mir Sorgen macht, ist die spätere Entwicklung, wenn wir diese Schwierigkeiten überwunden haben, und es im Tal im alten Trott weitergeht mit der Sitte, Äpfel in Fässer zu packen, wenn alle anderen geschmackvolle Kisten verwenden, spezielle Sorten für den englischen Markt züchten, anstatt langsam damit anzufangen, auf Sorten zu setzen, die mit etwas Nachdruck hier zu Hause verkauft werden können. Eines Tages kommt wieder ein Flop, der wirklich alles zum Stillstand bringt. Gott sei Dank – und ich sage es in aller Ergebenheit, Miss Jardine – bin ich dann nicht mehr am Leben. Ich hoffe nur, dass sich noch jemand an den alten Jase Markham erinnert und sagt, meine Güte, der alte Markham hat uns gezeigt, wo der Bär den Bach überquert.“

Nie gab es im Tal eine solche Ernte wie in diesem goldenen Herbst des Jahres `21. Im Umkreis von hundert Meilen bogen sich die Äste der Obstbäume unter der Last der glänzenden Früchte. Nie gab es solch üppige Ähren, Kartoffeln, Rüben und Rote Bete. Nie waren die Kürbisse so groß und goldfarben. Nie waren die Pflaumen so saftig und die Birnen so süß. Das Wetter hielt sich gut. Der Westwind trieb lange Federwolken über den sanften hellblauen Himmel, blies Distelflaum über die Felder, wiegte die Quasten der Maisstengel, ließ den Union Jack vor dem Postgebäude flattern, ebenso die Stars und Stripes über dem Eingang zum Boston House, verursachte Staubwolken und Luftwirbel auf der Hauptstraße und wehte die letzten braunen Blätter der Kletterrosen davon.

Nach der Heuernte bewegten sich Rinder langsam im dichten neuen Gras unten am Fluss. In den Obstgärten sah man zwischen den Ästen Horden von Männern, fröhlichen Jungen und kichernden Mädchen, die Früchte in Körbe pflückten und sie vorsichtig in bereitgestellte Fässer leerten. Die Fässer waren neu und sauber und ihre hellen gelblichen Dauben schimmerten in der Sonne. Sie standen ordentlich aufgereiht entlang der Straßen wie Wachtposten zwischen den Bäumen. Oft fuhren Heuwagen die Hauptstraßen entlang, voll beladen mit frischen Fässern aus der Küferei, gezogen von einem Paar riesiger Ochsen. Auf den Köpfen der Ochsen, an ihren Hörnern befestigt, lagen schwere Joche, die leuchtend rot oder blau bemalt und mit Messingornamenten verzieht waren. Die letzten umherziehenden Touristen lenkten ihre Autos auf die Seite, um sie vorbeiziehen zu lassen, lächelten und sagten, wie kurios es sei, so etwas im zwanzigsten Jahrhundert in Kanada zu finden. Und die Ochsenschellen bimmelten und die Fotoapparate klickten.

Entlang der Straßen, der Fußpfade und der Gräben der Felder leuchteten wie Feuer im Gras Goldruten und das buttergelbe Schöllkraut, die Heidekrautastern reichten bis zu den Knien und die wilden weißen Astern standen hoch. An den Wällen den Wiesen glänzten die Hagebutten der wilden Rosen wie Kirschen und die Früchte der Schneeballbüsche hingen rosa und schwarz in Dolden herab. Auf den mit Hartholz bestandenen Höhen hatten ein paar Ahorne ihr rotes Herbstkleid vor den anderen angelegt und erzeugten dichte Farbflecke im Grünen. Die Farne unter den Bäumen waren bereits zu rostfarbenen Wedeln verwelkt und legten sich raschelnd um die Beine der Rebhuhn-Jäger. Die Brombeerblätter zeigten deutlich rötliche Herbstflecken und würden bald blutrot leuchten. 

Mittags war es heiß. Ein blauer Schleier verhüllte die weiter entfernten Höhen der South Mountains und verwandelte sie in gigantische Wellen eines Meeres, das im warmen Schimmer des Talbodens wogte. Die Abende jedoch `zogen sich zusammen`, wie die Farmer sagten. Ende September ging schon die Sonne unter, wenn sie sich zum Abendessen hinsetzten; und wenn das Geschirr gespült und aufgeräumt war, ging das Zwielicht in Dämmerung über. Die Nächte waren kalt und manchmal sah der dichte Tau wie Reif aus. Bereits mehr als einmal flackerten erste Nordlichter über den Himmel und Ende des Monats begannen sie mit ihrer Herbst-Show voll glitzernder Lichtgarben, mit einzelnen Scheinwerfern, die in die Höhe stiegen, dann in sich zusammenfielen und Flächen bildeten, die wie blasses Feuer strahlten, das in Wellenlinien über die Gipfel der North Mountains lief, als ob die Frostriesen aus den Geschichten der Micmacs daran zupften.

In der ersten Oktoberwoche kam die ganze Farbenpracht der Herbstblätter voll zur Geltung, jenes besondere Wunder Nord- Amerikas, das vor allem in Neu England und den Maritimen Provinzen von Kanada zu sehen ist. Zwischen den langgezogenen Hügeln entlang des Tales entfaltete sich ein Quilt aus grünen und braunen quadratisch geformten Flecken, wenn man von einer Anhöhe darauf blickte; und durch dieses Muster wand sich der weinfarbige Fluss in trägen Kurven, als wollte er der altjüngferlichen Decke seine Missachtung zeigen. Unten, vom Tal aus gesehen, dehnten sich die Felder und Obstgärten zu beiden Seiten flach oder in sanften Wellen bis zum Fuß der Hügel. Dort gingen die sanften Farbtöne des Farmlandes plötzlich in einen prächtigen Wald über, der steil in den Himmel emporragte und sich ausdehnte soweit das Auge reichte. Wer einen Blick für Bäume hatte, konnte das starke Rot, das lachsfarbene Pink und das zarte Gelb der Ahornbestände erkennen, die purpurfarbenen Eschen und die gelben Fackeln der Pappeln im Wind, der die Hänge entlang strich, brennen sehen; das Gold der Buchen und Birken, die Weinfarbe der jungen Eichen und die Lichtungen, wo die Heidelbeerbüsche im kräftigen Rot der Royal-Mounted-Police glänzten. Für all das bildete das düstere Grün der Föhren, Tannen und Fichten den kontrastreichen Hintergrund.

In einer Nacht Mitte Oktober lag Isabel wach im Bett und hörte von hoch oben aus der Dunkelheit einen vertrauten Schrei, das Signal der Wildgänse auf ihrem Weg nach Süden. Die alte Warnung, dass der Winter näherkam. Aber ebenso bedeutete es das alte indianische Versprechen, dass vor den Schneefällen, nachmals ein kurzer Sommer einsetzte, eine letzte Glut vor der Kälte. Sie lächelte im Dunkeln. Es war die beste Zeit des Jahres. Alle anderen Monate führten hin zum Oktober, und danach gab es nur das Warten auf das neue Wunder. Wieder und wieder, sagte sie sich: Das sind die Dinge, die zählen. Alle diese wundervollen Dinge, die ich so lange vermisst habe. Nichts anderes. Nichts!

 

KAPITEL 33

 

Das große öffentliche Ereignis in Kingsbridge war die Bezirksausstellung im Herbst, die auf dem Gelände der „Fair Grounds“ am westlichen Ende der Stadt abgehalten wurde. Wie alle Herbstfeste in Kleinstädten, war es eine schlichte Angelegenheit, die eine Woche dauerte und die Leute in einer lockeren Atmosphäre zusammenbrachte. Sie konnten das preisgekrönte Vieh sehen, Pferde, Schweine und Geflügel, die preisgekrönten Früchte, Getreide und Gemüse, die feinsten hausgemachten Gewürzgurken und Marmeladen aus ihrem Distrikt. Die Ausstellungsstücke waren in vier langen kasernenähnlichen Gebäuden aus Holz untergebracht, die um einen rechteckigen Platz standen. Das Ganze umgab ein hoher Zaun aus wettergegerbten Brettern, damit jeder – ausgenommen flinke kleine Jungen, die kein Geld hatten – am Haupteingang eine Karte kaufen musste, bevor der Eintritt gestattet war.

Die Ausstellung wurde von einem Komitee aus Farmern und Kaufleuten organisiert und geleitet, dessen Vorsitzender, so lange man denken konnte, Mr. Markham war. Das bedeutete, dass auf Mr. Markham die gesamte Bürde der Ausstellung lastete, ohne Vergütung oder Dank, Jahr um Jahr. Er wurde verantwortlich gemacht für alles, was schief ging, angefangen beim Diebstahl von Mrs. Hodges preisgekröntem Senf, bis zum undichten Dach des Schweinestalls.

Schon den ganzen Sommer über gab es gelegentliche Briefwechsel in Verbindung mit der Ausstellung und vom ersten September an war Isabel von einem wachsenden Strom an Briefen, Hersteller-Broschüren, Telefonanrufen und Besuchern konfrontiert, alle mit denselben Anliegen. Ihr Arbeitgeber  hatte sich und seine Sekretärin in die Vorbereitungen für die Ausstellung gestürzt mit der rücksichtslosen Energie und Sorgfalt, die er auch seinen eigenen Unternehmungen zukommen ließ. Isabel stellte fest, dass der Oktober ganz und gar der Ausstellung gewidmet war, als gebe es sonst nichts zu tun, als verdüstere nicht der Schatten des Bankrotts, der mit der Geschwindigkeit eines Gewitters von der Bay of Fundy über die Berge rollte, den mentalen Horizont des alten Mannes.

Ende Oktober erhielten die wackeligen Schuppen auf den „Fair Grounds“ ihren jährlichen weißen Anstrich, innen wurden die Wände mit den verblichenen Tüchern des letzten Jahres, die man sorgfältig aufgehoben hatte, ausgelegt und behangen; und dann begannen die Ausstellungsstücke einzutreffen, auf Lastwagen, auf Karren, oder sie trotteten herbei auf ihren vier Füßen. Aus dem Pferdeschuppen hörte man Stampfen und Wiehern, aus dem Rinderschuppen aufgebrachtes Muhen und Glockengeläut, aus dem Geflügelschuppen Glucken und Krähen und aus dem Schweineschuppen das gewöhnliche Quietschen und Grunzen. 

Der Konzessionsinhaber für Faker‘s Row kam mit seiner wilden Horde von Männern und Frauen rätselhaft pünktlich mit der Eisenbahn, das Riesenrad, ein enormer Pilz aus Metall, mit elektrischen Lichtern geschmückt, stand über Nacht da, ebenso das Karussell mit seiner Dampfpfeifenorgel und den abgenutzten, aber munteren Pferdchen. Entlang der Mitte des Platzes scharten sich die braunen Zelte und Buden des Glücksrades, der Lotterie, des Ringspiels, die Schießbude, Jo-Jo, der Junge mit dem Hundekopf und die Zirkustänzerinnen.

Isabel erlebte eine kleine Komödie im inneren Kreis der Show-Vorbereitungen. Es gab eine etwas einfältige und komische Art, wie die Debatte des Komitees, bei der sie als Markhams Sekretärin zugegen war, geführt wurde, wobei es um bestimmte Eigenheiten der Faker’s Row ging. Man wies darauf hin, dass die Geldspielautomaten höchst unmoralisch waren, außerdem – noch wichtiger – entzogen sie der Stadt eine große Geldsumme. Was die Tänzerinnen betraf, würde es bestimmt Klagen der Kirchenältesten geben, und Reverend Palliser würde garantiert am Sonntag nach der Ausstellung eine scharfe Predigt dazu halten. Nachdem alle anderen Stimmen des Komitees gehört worden waren, wobei eine gewisse Ironie fast greifbar wurde, sprach Mr. Markham das Schlusswort.

Er billige solche Dinge auch nicht. Als Diakon der Kirche sei er weit davon entfernt, so etwas gut zu heißen. Aber, fuhr er in sachlichem Ton fort, als Direktor der Ausstellung konnte er nicht umhin, auf die geschäftliche Seite hinzuweisen. Es stimmte, dass Faker’s Row eine Menge Geld abzog, aber sie zahlten eine hohe Gebühr und der größte Teil des Preisgeldes der Ausstellung stammte aus dieser Gebühr. Ohne Preise in Form von Bargeld, liebe Freunde, welche Art Ausstellung sollte das sein? Davon abgesehen, man konnte nicht leugnen, dass die Leute an Faker’s Row Spaß hatten. Sie wollten ein wenig Aufregung nach der Mühe der Erntearbeit. Auch müsse man an die jungen Männer und Frauen denken. Sie wurden nicht wie wir nach den Regeln der alten Religion erzogen. Sie wollen sich vergnügen; und das betraf – so leid es ihm tat, es sagen zu müssen – auch die Tanzmädchen. Er habe beobachtet (noch sachlicher), dass die jungen Damen in ihren Grasröckchen scheinbar keine Probleme damit hatten, ihr Zelt zu füllen; und es sah danach aus, als seien im Publikum eine überraschend große Zahl an älteren Farmern und anderen eifrigen Kirchenmitgliedern. Es war die profitbringendste Nebenschau von Faker’s Row und der Konzessionsinhaber wies immer auf diesen Punkt hin, wenn es um die jährliche Gebühr ging. Nun, meine Herren, diese Angelegenheit wurde bereits in früheren Jahren diskutiert und man war zu dem Schluss gekommen, dass es das Beste war, die Tanz-Vorstellung die ersten drei Tage und Abende zu gestatten und dann den Konzessionsinhaber auf ernste Art zu informieren, die Show müsse geschlossen und beendet werden, weil sie unmoralisch sei. Es war, er gebe es zu, ein Kompromiss – und wie der Reverend Palliser zu sagen pflegte, ein Kompromiss mit dem Teufel und war eine Sünde, – dennoch musste man praktisch denken. Man lebte in einem weltlichen Zeitalter, vor allem seitdem die jungen Männer aus dem Krieg heimgekehrt waren. Er sah darin den einzigen Weg, den Farmern zu gefallen und den Konzessionsinhaber zufrieden zu stellen. Er hoffe, es gab damit keine Schwierigkeiten.

Es gab keinerlei Schwierigkeiten mehr. Die Glücksräder klickten munter, die Lotterie heimste eine Menge Geld ein und verteilte billige indianische Decken und Waren aus Aluminium, ein Spiel namens „Crown-and-Anchor“ kam glänzend an bei den Kriegsveteranen; die jungen Hawaii-Damen zupften heftig ihre Ukulelen, wackelten mit ihren Busen und Hinterteilen und fröstelten in der Luft von drei kühlen kanadischen Nächten.

Es wäre unterhaltsam gewesen, Brockhursts Kommentare zu diesen Vorgängen zu hören. Isabel traf ihn und sprach mehrmals mit ihm im Zusammenhang mit der Kunst-Ausstellung der Schule. Sie begegnete ihm freundlich, aber distanziert, und er versuchte nicht, die Kluft zu überbrücken. Er benahm sich auf seine alte satirische Art. Als sie die Sammlung von Zeichnungen und Aquarellen durchsuchten, machte er deutlich den Eindruck, dass er es bereute, jemals jenes Bekenntnis bourgeoiser Sentimentalität gemacht zu haben.

Am Samstag, als die gesamte Bevölkerung im Umkreis vieler Meilen zum wöchentlichen Einkauf in die Stadt kam, erreichte der Jahrmarkt seinen Höhepunkt. Die Leute wollten die Preisverleihung sehen, die Ausstellungsstücke in Augenschein nehmen, sich zum Schluss noch einmal in Faker’s Row abzocken lassen und dem glitzernden Feuerwerk am Ende der Show applaudieren. Es wurde für alle ein geschäftiger Tag, besonders für den kirchlichen Frauenverein, der in einer Hütte nahe am Eingang einen Speiseraum eingerichtet hatte. Die Einnahmen sollten der Ortskirche zugutekommen, und die Damen waren von Mittag bis zum späten Abend stark beansprucht. Mrs. Hallett, als besonders eifriges Mitglied des Frauenvereins, verbrachte dort den ganzen Tag. Hallett selbst hielt sich vor allem im Hauptgebäude auf, wo er die Feldfrüchte-Ausstellung betreute. Er erschien auf der Farm, um seine Kühe zu melken, als Isabel gerade allein in der Küche ihr Essen vorbereitete.

Er schaute zur Küchentüre herein. „Sie gehen bestimmt hinauf, um sich das Feuerwerk anzuschauen, oder? Soll ich Sie im Einspänner mitnehmen? Ich fahre los, sobald ich mit dem Melken fertig bin.“

„Kümmern Sie sich nicht um mich,“ entgegnete sie, während sie sich Tee eingoss. „Ich muss mich noch umziehen. Außerdem tut es mir gut, wenn ich laufe.“ Sie nahm eine leichte Mahlzeit ein, spülte das Geschirr ab und räumte es auf. Es tat richtig gut, langsam zu hantieren, nach all dieser Hetze. Die Stille des leeren Hauses bedeutete Balsam für die Nerven nach dem lauten Trubel der letzten Wochen, dem heftigen Geklapper der Schreibmaschine und dem ständigen Geklingel des Telefons.

Sie ging nach oben, wusch sich und zog ein neues Tweet-Kostüm an, warme Strümpfe und feste Schuhe. Vor kurzem hatte sie ihre Frisur geändert; zwei dicke Zöpfe lagen als glänzende braune Krone oben auf ihrem Kopf. Wie jede Frau in der Nachkriegszeit, die ihr langes Haar behielt, hatte sie Probleme, einen passenden Hut zu finden. Der modische Trend, die Haare kurz zu tragen, erwies sich als nahezu universell. Die Hutmacher boten enge Filzhelme an, mit denen jedes Frauentreffen einer Parade von Amazonen glich. Sie setzte ihre alte Schottenmütze auf und überlegte, ob sie einen Mantel brauchte.

Hallett war fertig mit dem Melken. Sie hörte ihn in der Küche, die Kübel auswaschen. Als sie den oberen Gang entlang ging und sich der Treppe näherte, rief er von der Eingangstüre her, „Miss Jardine, da ist ein Mann, der nach Ihnen fragt!“ Die Türe schlug zu. Seine Schritte entfernten sich auf dem Kiesweg. Sie lächelte vor sich hin und überlegte, was sie zu Brockhurst sagen sollte, als sie im Licht des unteren Ganges eine hochgewachsene Gestalt sah. Plötzlich blieb sie stehen. Sie rang nach Luft. Es war Skane. Skane in einem gut geschnittenen blauen Anzug, in einem flotten weißen Hemd mit aparter weinroter Krawatte. Skane, der seinen Hut und Mantel schwungvoll auf den Garderobenständer im Gang hängte, sich umdrehte und zu ihr hinauf lächelte. Die weißen Zähne glänzten in seinem dunklen Gesicht. Skane, mit einem ordentlichen Haarschnitt, die schwarzen Haare gescheitelt und gebürstet; ein gutaussehender, weltgewandter unglaublicher Skane stand da im Gang des Hallettschen Hauses, als sei es das Natürlichste in der Welt und als habe er gewusst, dass sie in diesem Augenblick die Treppe herunterkam und direkt in seine Arme lief.

Isabel bekam weiche Knie. Sie umklammerte den Handlauf und blieb stehen, unfähig sich zu bewegen oder zu sprechen. In die quälende Stille drang nur das laute Tick-Tack der Standuhr, vergleichbar dem Hacken eines Holzarbeiters im Wald.

„Es hat Jahre gedauert,“ sagte Skane.

Isabel ging noch zwei Stufen nach unten und blieb wieder stehen. Sie atmete tief und schnell wie bei einer heftigen Anstrengung. Ihre Augen konnten sich nicht lösen von dem Gesicht, das erwartungsvoll zu ihr aufsah. Skane lief zum Treppenanfang und legte seine Hand auf den polierten Eichenknopf des Geländerpfostens. Der Treppenaufgang war, wie in Landhäusern üblich, eng und steil, und plötzlich kam ihr zum Bewusstsein, wie kurz ihr Rock war. Sie befand sich, wie Brockhurst ironisch in Militärsprache gesagt hätte, in einer exponierten unhaltbaren Situation und sie musste sich entweder nach vorn bewegen oder sich zurückziehen. Sie kam bis zur dritten Stufe herunter und blieb erneut stehen, eine Hand hinten auf dem Geländer, als sei sie im Fall der leisesten Berührung zur Flucht bereit.

Skane schüttelte kurz Kopf und lachte leise in sich hinein. Er hatte sie immer besser verstanden als alle anderen und das sonderbare Lächeln auf seinen Lippen zeigte, dass er ihre Bestürzung bemerkt hatte und bereit war, Nachsicht zu üben.

„Und jetzt, Isabel?“

„Greg!“ stieß sie ausatmend hervor. Es klang nicht wie ein Name, sondern wie ein gedehnter nachdrücklicher Vorwurf. „Wie kommst du hierher?“

Er zuckte mit den in elegantes Blau gekleideten Schultern und grinste. „Das ist eine längere Geschichte. Direkt ein Thema für Sherlock Holmes.“ Er warf einen bezeichnenden Blick Richtung Eingangsbereich und auf die Treppe hinter ihr. „Sind wir … ah …ist hier jemand, der interessiert sein könnte?“

„Ich bin allein, wenn du das meinst,“ antwortete sie zögerlich.

„Dann schlage ich vor, dass wir uns irgendwo setzen, wie zivilisierte Leute.“ Es lag darin ein Hauch männlicher Arroganz und in ihr stieg ein Gefühl leichter Entrüstung auf, als sei sie ein Kind, dem indirekt vorgeworfen wurde, dass es auf den Treppenstufen schmollte.

„Also gut,“ entgegnete sie distanziert, ging die restlichen Stufen hinunter und an ihm vorbei ins Wohnzimmer. „Bitte, nimm Platz.“ Sie zeigte auf einen Stuhl und setzte sich selbst auf einen anderen, der weiter weg im Raum stand. Skane setzte sich, die Hände in den Hosentaschen und streckte seine langen Beine aus. Auf seinen Lippen lag immer noch das eigenartige Lächeln und seine Augen hatten den Ausdruck, der ihr nur zu bekannt war und in ihr den verzweifelten Wunsch weckte, selber würdevolle Ruhe auszustrahlen. Hallett hatte die große Messinglampe auf dem Wohnzimmertisch angezündet, bevor er ging und ihr Schirm warf einen warmen gelben Schein über den unteren Teil des Raumes. Als Isabel zu ihrem Stuhl ging, sah sie durch das Westfenster den fernen Lichtschein des Jahrmarkts.

„Lass mich erzählen, wie ich dich gefunden habe,“ sagte Skane kurz angebunden, „und dann, mein Schatz, erzählst du mir vielleicht, warum ich so lange nach dir suchen musste, was noch viel wichtiger ist. Ich beginne am Anfang, d.h. ich verließ Marina auf der Elgin am dreißigsten August – eine Detektivgeschichte muss genau sein – und kam am Abend darauf in Halifax an, voll frohgemuter Erwartungen, wie du dir denken kannst. Am Morgen kaufte ich mir einen gebrauchten Anzug, sorgte dafür, dass ich passabel aussah und begab mich sofort ins Verwaltungsbüro. Hurd empfing mich in allen Ehren – mit dem üblichen kameradschaftlichen Handschlag und überreichte mir mehr oder weniger die Stadtschlüssel. Ich musste ihm zuerst einen ausführlichen Bericht über Marina liefern und mir einen langen Vortrag über die moderne Entwicklung des Radios anhören, bevor ich auf mein Anliegen zu sprechen kam. Bitte, schau nicht so alarmiert – ich war sehr diskret. Ich sagte ganz nebenbei, dass ich eine wichtige Nachricht für Mrs. Carney hätte und ob Hurd mir ihre Adresse geben könnte; dann würde ich mich auf den Weg machen.“

Er machte eine Pause, legte den Kopf zurück und schaute auf die Decke. „Ich hätte mir denken können, was die Antwort war. Die Art wie du dich von mir verabschiedet hast. Man konnte es an diesem Nachmittag am Teich auf deinem Gesicht lesen und an deiner Haltung sehen, als du dich geweigert hast, dich der Entscheidung zwischen Carney und mir zu stellen und mich aufgefordert hast, die Insel zu verlassen. Trotzdem konnte ich es nicht glauben. Als Hurd sagte, dass er nicht wisse, wohin du dich begeben hast, dass du aus dem Krankenhaus verschwunden seist, ohne mitzuteilen wohin, dachte ich, er lüge. Ich war in Versuchung, ihm meine Faust ins glatte Gesicht zu knallen, aber das ging natürlich nicht. Beim Hinausgehen, blieb ich stehen und wechselte ein Wort mit seiner Sekretärin – dem blonden Typ, du kennst sie sicher, die mit dem einladenden Blick – und ich sagte ihr, was ich ihrem Boss gesagt hatte, dass ich eine wichtige Botschaft für dich hätte, dass du dich vermutlich früher oder später im Büro melden würdest und in diesem Fall, sollte sie mich sofort benachrichtigen. Ich würde einen Teil meines Urlaubs bei meinem Vater in Cape Breton verbringen und gab ihr die Adresse.

Bevor ich die Stadt verließ, telefonierte ich mit sämtlichen Hotels und fragte nach einer Mrs. Matthew Carney oder einer Miss Isabel Jardine. Erfolglos. Dann stellte ich aus dem Telefonbuch der Stadt eine Liste der Pensionen zusammen und ging sie durch. Wo es kein Telefon gab, schaute ich persönlich vorbei. Dazu brauchte ich fast eine Woche und ich wurde ein geschätzter Freund bei einem halben Dutzend Taxifahrern. Ich hatte nur Erfolg bei einer Institution am ärmeren Ende der Hollis Street . . .“

„Ah!“

„. . . als eine Frau mit dem Gesicht einer drittklassigen Lady Macbeth mir mitteilte, dass eine Miss Jardine ein Zimmer bei ihr gemietet hatte.“

„Hat sie sonst noch etwas gesagt?“

„Nichts, außer, dass du fast genau vor einem Jahr fortgegangen seist. Dann schlug sie mir die Türe vor der Nase zu. Ich hatte fast den Verdacht, dass du dort warst und ihr gesagt hast, wie sie reagieren sollte, aber etwas in ihrem Betragen . . .

„Ich verstehe,“ entgegnete Isabel kühl. „Und dann?“

Der letzte Ausweg schien das Krankenhaus zu sein, wo ich mit den Schwestern sprach, die dich pflegten, aber sie wussten auch nicht mehr als Hurd. Dann zog ich ab nach Cape Breton. Ich verbrachte eine Woche mit meinem Vater und besuchte ein paar alte Freunde und Verwandte. Mein Vater führt ein ruhiges Leben – er ist ein pensionierter Geistlicher, ich glaube, das habe ich dir erzählt. Meistens ist er tief in Bücher vergraben, übersetzt gälische Poesie und dergleichen. Er arbeitet seit Jahren an einem Sammelband von Dichtungen und Sagen der frühen Immigranten nach Nova Scotia aus den Highlands. Es gibt dort oben noch eine ganze Menge Leute, die Gälisch sprechen, was dir sicher bekannt ist. Aber nach einer Woche konnte ich es nicht mehr aushalten. Ich war zu lange fort gewesen. Alle kamen mir so seltsam vor. Die Gegend erschien mir ebenso einsam wie Marina, bevor du gekommen bist. Aus Halifax hatte ich nichts gehört. Ich hatte zwei Monate Urlaub und ein Viertel davon war vorbei. Hurd wusste, dass ich nicht mehr nach Marina zurückgehen würde und er bot mir eine Station in der oberen Golfregion an – als Cheffunker natürlich. Aber je mehr ich darüber nachdachte, umso weniger gefiel mir die Idee.

Hurds Begeisterung über die Zukunft des Radios macht durchaus Sinn. Ich hatte das Gefühl, dass etwas daran sein könnte. Schließlich wollte ich nicht, dass mein Leben so endete wie das von Carney. Ich wollte nicht bis ans Ende meiner Tage in einem gottverlassenen Nest auf Messing klopfen. Also ging ich nach Montreal und suchte Kontakt zu einem früheren Kollegen namens Hartigan. Er hatte den Job auf See verlassen und ein Geschäft mit Elektrogeräten angefangen, verkaufte Toaster und Bügeleisen und spezielle Lampen, sowas. Es gab eine Art Arbeitsraum im hinteren Teil des Ladens, wo zwei Angestellte Radioapparate zusammenbauten, die er selbst entworfen hatte. Der kleine Raum war vollgestopft mit allem Möglichen, das rückwärtige Fenster ging hinaus auf die Wände hoher Gebäude. Die beiden Helfer sahen aus wie Zwerge in der Höhle eines Zauberers. Aber Hartigan glaubte an seine Sache. Seine Apparate fanden reißenden Absatz. Er sagte, sie hätten eine Zukunft.

Er wollte von Anfang an dabei sein, wir sollten unser technisches Know-How einbringen usw., und es dauerte nicht lange, bis er mich überzeugt hatte, die Funkerei aufzugeben und in sein Geschäft einzusteigen. Etwas Gutes hat der Dienst an einem Ort wie Marina, man kann kein Geld ausgeben und es sammelt sich ein nettes Moospolster auf der Bank an. Ich besaß fast dreitausendvierhundert Dollar und steckte sie in die Firma; mich selbst ebenso und ich arbeitete von da an mit den anderen zusammen. Es ist ein interessantes Gebiet – Science-Fiction a la H.G.Wells17), verglichen mit der antiquierten Ausrüstung auf Marina – und die Grundprinzipien sind dieselben wie in der Telegraphie. Wir hatten bald neue Geschäftsräume mit einem besseren Schaufenster und einem geräumigen Arbeitsraum. Neben uns arbeiten jetzt drei Mann und ein paar Mädchen, die das Löten übernehmen.“

Während dieses Monologs saß Isabel aufrecht und angespannt da, die Hände um die Stuhllehnen gelegt, die Knie zusammengepresst; das Bild einer überraschten Frau, in die Enge getrieben, nach einer Möglichkeit sucht zu entkommen. Aber in ihrem Gesicht stieg die verräterische Röte auf und diese schien ihren ganzen Körper einzubeziehen. Sie hatte das bestürzende Gefühl, von innen her eine Niederlage zu erleiden und Skane war sich darüber völlig im Klaren. Er sprach locker und ungezwungen weiter und suchte ab und zu Augenkontakt mit ihr, als sei er nur für eine gelegentliche Unterhaltung vorbeigekommen; und die ganze Zeit über hingen fast sichtbar jene leidenschaftlichen Erinnerungen von Marina im Raum, die viel realer waren, als alles andere.

„Wir stecken nicht immer nur in Arbeit,“ fuhr Skane in leichtem Ton fort. „Es ist auch ein wenig Spaß dabei. Wenn du Radio-Apparate verkaufen willst, musst du dem Publikum auch etwas zum Hören anbieten. Natürlich haben die Amerikaner eine starke Reichweite mit WGY und KDKA18) und es gibt noch ein paar kleinere Sender, die man hier empfangen kann, aber man braucht auch lokale Angebote für die Hörer der kleinen Kristall-Detektoren-Sender. Also hat sich Hartigan zusammengetan mit zwei oder drei anderen Geschäftspartnern und sie haben eine kleine Sendestation oben auf einem Bürogebäude eingerichtet und dafür eine amtliche Zulassung bekommen. Keine große Sache; im Wesentlichen ein Radio-Transmitter aus Armeebeständen, den sie billig aus einem Warenladen der Armee bekamen, aber er funktioniert. Es gibt keine bezahlten Angestellten. Sie senden am Abend, improvisierte Sachen, Plattenaufnahmen vom Phonographen, Gespräche, Nachrichten, sowas. Ein oder zwei Mädchen kommen zu uns, ich spiele Klavier und wir singen Alouette und En Roulant Ma Boule und Shenandoah und solche Sachen, die kein Copyright haben. Es macht richtig Spaß. Es würde dir gefallen – wie einer dieser Abende bei McBain. Übrigens, es sieht nicht so aus, als würde dich amüsieren, was ich erzähle. Langweile ich dich etwa?“

Isabel reagierte. „Nein, das alles ist sehr interessant. Aber noch hast du nicht erklärt, wie du herausgefunden hast, wo ich mich aufhalte.“ Skane winkte ab.   

Alles zu seiner Zeit. Aber ich werde gleich zu diesem Punkt kommen. Ich musste immer an dich denken. Es machte mich ganz verrückt, nicht zu wissen, wo du warst. In meinem Schlafzimmer hatte ich ein Bild an der Wand hängen, eine billige Reproduktion eines Bildes von Rossetti; du kennst es bestimmt, du hast dich ja mit Kunst beschäftigt – Monna Pomona heißt es. Eine junge blasse Frau, eindrucksvoll, aber nicht hübsch im landläufigen Sinn; sie trägt etwas Grünes. In ihrer Nähe steht ein Korb mit Blumen, in ihrem Schoß liegen ein oder zwei Rosen. Mit der linken Hand spielt sie an ihrer Halskette und unter ihrer rechten Hand hält sie einen Apfel mit einer eigenartigen Geste, als ob sie ihn verstecken wollte. Mein Blick fiel immer auf Monna Pomona, wenn ich ins Zimmer trat. Sie faszinierte mich. Zuerst wusste ich nicht warum, dann aber erkannte ich, dass sie Ähnlichkeit mit dir hatte. Manchmal sah sie genau wie du aus – zum Beispiel, wie du jetzt dasitzt, das Gesicht halb abgewandt mit festem, hoch erhobenem Kinn.

Eigentlich brauchte ich nichts, das mich an dich erinnerte, aber das Bild war eben da. Inzwischen verging Zeit. Hurd würde bald erwarten, dass ich aus dem Urlaub zurückkehrte. Ich setzte mich hin, schrieb einen Kündigungsbrief und schickte ihn am selben Abend weg. Ein paar Tage später hatte ich eine großartige Idee – Old Sherlock Skane! Ich wusste, dass Ende Oktober die Herbstreise der Elgin nach Marina fällig war und dass die Post für Carney ins Verwaltungsbüro kommen und von dort aus weitergeleitet würde. Ich war sicher, du hast dich heimlich fortgemacht, weil du – wie soll ich sagen – hin-und hergerissen warst zwischen der Loyalität gegenüber Carney und deiner Liebe für mich.“ Er schwieg und fragte dann plötzlich, „So war es doch, nicht wahr?“

 

KAPITEL 34

 

Isabel gab ihre starre Haltung auf, ging zum leeren Kamin hinüber und blickte zu den polierten Messingknöpfen der Kaminböcke hinab. Sie zog mit der linken Hand ihre Mütze herunter und ließ den Arm an der Seite nach unten hängen. Die andere Hand legte sie auf den Kaminsims.

„Vermutlich war es so,“ murmelte sie.

„Ich wusste, dass dir die Insel verhasst war und nahm an, du würdest Carney schreiben, dass du nicht zurückkommst. Ich brauchte nur einen Blick auf den Poststempel zu werfen und wusste, woher ein Brief von dir kam. Im Grunde ganz einfach, nicht wahr?“

„Aber es gab keinen Brief, ich habe keinen geschrieben!“ rief Isabel.

„Das habe ich gemerkt.“ Hurd hat mir einen seltsamen Empfang bereitet. Ich hatte schon erwartet, dass er verärgert sein würde. Wie du weißt, hasst er es, nützliche Leute zu verlieren. Ich spürte direkt seine Verärgerung bis hinauf nach Montreal. Nun ja, er war ein wenig steif, aber als ich ihm erzählte, warum ich den Dienst quittierte, hellte sich sein Gesicht auf wie ein chinesischer Papierlampion. Er begann sofort eine seiner langen Ausführungen über die Zukunft von Radiosendern und schließlich teilte er mir etwas mit, was mich völlig überrascht hat. `Ich werde in etwa einem Monat selber meinen Job aufgeben`, sagte er und lächelte wie ein glückliches Kind. `Seit einiger Zeit schon habe ich ein Angebot für einen sehr guten Job in den Staaten in der technischen Abteilung eines Radiounternehmens, und – verdammt nochmal – ich habe mich entschlossen, ihn anzunehmen.`“ Er grinste über das ganze Gesicht, stell dir vor! Hurd! Er geht Ende November nach New York; kann es kaum erwarten. Er schüttelte mir die Hand und klatschte mir auf den Rücken, als hätten wir soeben Öl gefunden, direkt unter dem Boden des Büros. Ich war noch etwas verwirrt, nachdem ich die Türe hinter mir zuzog. Dabei stieß ich mit der blonden Sekretärin zusammen.“

„Miss Benson.“

„Richtig. Sie sagte mir ihren Namen; in der Tat erzählte sie mir noch mehr über sich, bevor ich weitergehen konnte. Ich breitete also meine Netze aus und sie schwamm direkt hinein. Sie machte mir Avancen, also lud ich sie zum Essen ein und zu einer Show. Im Laufe des Abends nannte sie mich sogar einen faszinierenden Mann und dass sie zufällig gehört habe, was ich Mr. Hurd erzählte. Sie meinte ich sei klug, ins Geschäftsleben einzusteigen. `Was hat ein Funker schon zu erwarten?` meinte sie – und es müsse wundervoll sein, in Montreal zu leben. Sie habe bereits ernsthaft daran gedacht, selbst dorthin zu gehen, denn Halifax habe keine Attraktion mehr, seitdem es mit der Schifffahrt bergab ging, und schließlich müsse ein Mädchen ihre Zukunft im Auge haben. Welchen Rat ich ihr geben könnte.

Isabel lächelte ein wenig. Sie konnte Miss Benson reden hören und sie konnte ihre aufgerissenen Augen sehen und wie sie zufällig ihre schönen Beine übereinanderschlug.

„Also,“ fuhr Skane fort. Sie hatte so einiges im Angebot. Es dauerte lange und ich musste sehr sorgfältig abwägen, bis ich das Gespräch auf dich lenken konnte. Ich sagte, es sei wirklich dringend deinen Aufenthaltsort zu erfahren, bevor ich nach Montreal zurückkehrte, denn meine Botschaft an Mrs. Carney sei wichtig. „Schauen Sie, Mrs. Carney muss von Hurd einen Scheck bekommen haben, nachdem sie von Marina hierherkam. Sie hat ihn nicht eingelöst, während sie im Krankenhaus war, denn Hurd hat sich um alles gekümmert und ließ die Rechnungen über Carneys Bankkonto laufen. Wo wurde dieser Scheck eingelöst?“ Miss Benson wusste es nicht, wollte es aber herausfinden.

„Er wurde in Halifax eingelöst, kurz nachdem ich das Krankenhaus verlassen hatte,“ sagte Isabel spitz.

„Richtig, mein Schatz. Aber bei der Durchsicht der eingelösten Schecks am anderen Morgen im Büro, entdeckte die Benson noch einen, einen früheren über siebzig Dollar, datiert vom August letzten Jahres. Sie hatte festgestellt, dass er monatelang nicht eingelöst war, als sie die Berichte über den Bankstatus prüfte. Dann plötzlich im Mai oder Juni war er eingelöst worden. Sie grub das Ding aus und rief mich im Hotel an. Ich begab mich sofort ins Büro. Glücklicherweise war Hurd nicht da. Sie zeigte mir den Scheck und als ich auf den Vermerk schaute . . .“

„Ah! Sehr gescheit!“

„Grundlegend, mein Schatz, absolut grundlegend. Da war deine Unterschrift vor meinen Augen – als ob ich dich berührte – und da war der Stempel der Bank-Filiale in Kingsbridge. Ich habe den Morgenzug genommen und ein Zimmer im Boston Hotel gebucht. Die Bank war geschlossen wegen des halben Feiertags und alle schienen auf den Jahrmarkt zu gehen. Ich habe jemanden gefragt, ob unter den Leuten ein Bankangestellter aus dem Ort war und er zeigte mir einen. Ich erkundigte mich bei ihm nach einer Mrs. Matthew Carney, und ob sie auf der Bank bekannt war. Er überlegte und verneinte. Aber so schnell ließ sich der alte Sherlock Skane nicht täuschen. Ich fragte dann nach einer Miss Isabel Jardine – und die gab es natürlich. Ich erfuhr außerdem, dass du die absolut rechte Hand des hiesigen Rockefeller warst. Monna Pomona! Wo sonst konnte sie sein, als mitten im Apfel-Paradies?“

Er lachte. Im Lampenschein, der nach unten fiel, glänzten seine Zähne weiß im scharf geschnittenen Gesicht.

„Mich stört es, dass du so – zufrieden klingst,“ sagte sie ärgerlich. Es war nicht schwer, sich ihn mit Miss Benson vorzustellen. Skane trat aus dem gelben Lichtschein, kam zum Kamin und lehnte sich dort in voller Länge an; eine Hand in der Hosentasche, die andere auf dem Kaminsims, wo er ihre Hand fast, aber nicht ganz berührte. Isabel hielt den Kopf gesenkt und blickte gedankenvoll in die Feuerstelle, aber sie bemerkte durchaus die zarte Geste und den kurzen Abstand zwischen ihren Fingerspitzen. Sie dachte wieder an das alte Fotoalbum und die herausgerissenen Kapitel in seinem Leben, nachdem er gelernt hatte, mit Frauen umzugehen.

„Du bist dir sehr sicher, was mich betrifft?“ fügte sie, immer noch gereizt, hinzu.

„Nein,“ antwortete er schnell. „Ich wollte, ich wäre es. Du bist ein eigenartiges Wesen, Isabel. Weißt du überhaupt, was du selber willst?“

Sie antwortete nicht. Sie blickte weiterhin in die Feuerstelle und es lag eine gewisse Melancholie in der gebeugten Haltung der schlanken Gestalt im dämmrigen Schein der Lampe. Von Westen her hörte man ein scharfes Zischen und einen Knall hoch über der Stadt. Die Dunkelheit wurde erleuchtet von einer Kaskade fallender Sterne. Sie vernahmen das ferne langgezogene Ahhhh der Menge, die das Feuerwerk bewunderte.

„Weißt du es?“ wollte er wissen.

„Erzähl mir von Marina – von Matthew“, entgegnete sie leise.

Skane wandte sich um und ging durch das Zimmer. Er blieb am Fenster stehen und starrte hinaus. „Was gibt es da schon zu erzählen?“ sagte er über seine Schulter.

„Hat er von uns gewusst?“

Er wandte sich um und kam einige Schritte auf sie zu. „Wer weiß das schon?“ Matt ist kein misstrauischer Mann. Jedenfalls würde er nichts sagen. Matt und ich standen uns sehr nahe, wir waren wie Brüder, bevor du gekommen bist. Und du weißt, wie er zu dir stand. Es war ein Fehler, dich mitzubringen. Er hat es erkannt und du auch. Auf seine Art und Weise und aus Gründen, die ihm durchaus bewusst waren, wurde er genauso unglücklich wie du. Falls er vermutete, was zwischen uns lief, dass wir glücklich waren in diesem einsamen Loch, muss er beschlossen haben, dass er nichts tun konnte, außer schweigen. Jedenfalls hat er nichts gesagt. Zurückhaltend war er immer und ich habe keinerlei Änderung in seinem Verhalten bemerkt. Als ich ihm Anfang August sagte, dass ich rechtzeitig Urlaub beantragt hätte, damit ich das August-Boot nehmen konnte, akzeptierte er es ungerührt. Er murmelte etwas von drei Jahren und einer langen Zeit und dass ich jung sei.“

Er ging weg vom Fenster, dann wieder darauf zu, blieb kurz stehen und ging dann unruhig wieder weiter. Dann ließ er sich auf dem Sofa nieder und zündete eine Zigarette an. Der blaue Rauch ringelte sich um die Lampe. Er richtete seine Augen prüfend auf die reglose Figur am Kamin.

„Ich glaube nicht, dass Matt sich darüber im Klaren ist, wie sehr die Welt sich verändert hat,“ sagte er im Ton der früheren Unterhaltung. „Er hat einen flüchtigen Einblick davon bekommen, als er letztes Jahr an Land war und ist davor geflohen. Aber ganz kann er es nicht vermeiden, etwas mitzubekommen, sogar auf Marina. Der Funkverkehr nimmt schnell ab. Die großen Linienschiffe haben jetzt Apparate mit elektromagnetischen Wellenlängen; sie verlassen den alten sechshundert Meter Kanal und schicken ihre Nachrichten direkt nach New York. Sogar die Frachter können heutzutage das Festland direkt erreichen, ohne über Stationen wie Marina zu gehen. Das alte System, die alten Funkstationen – deren ganze Ausrüstung ist veraltet. Ist dir klar, dass Matts Station 1905 errichtet wurde? Im Reich der Radio-Übertragung ist das so alt wie Methusalem.“

„Was, meinst du, wird geschehen?“ fragte sie.

„Ich meine nicht – ich weiß es. Hurd sagte mir, dass Marina in einem Jahr den Handels-Verkehr nicht mehr bedienen wird. Das war der Grund, warum er Matts Anträge ignorierte, Neues zu installieren und eine Reservemaschine zu liefern. Die Funkstation von Marina ist für alle zukünftigen Bedürfnisse noch gut genug, so wie sie ist.“

„Und welche Bedürfnisse sind das?“

„Sie wird weiterhin zur Verfügung stehen für die Kommunikation zwischen der Insel und dem Festland. Das bedeutet, dass die Mannschaft reduziert wird auf einen Mann – Matthew selbst. Er weiß es noch nicht. Er erfährt es erst, wenn alles entschieden ist. Dazu kommt, dass die gesamte Organisation von Marina verändert werden soll. Die dichte Kette von Rettungsposten entlang der Insel war sinnvoll in der Zeit der Segelschiffe, als Schiffsbrüche am laufenden Band passierten. Heutzutage kommt kaum ein Schiffsbruch vor, außer ein Fischfang-Schoner gerät an der Westbarriere in Not und dann setzt die Mannschaft normalerweise ihre Flachboote aufs Wasser und rudert ans Land. Das alte System besteht schon seit den Tagen der Königin Victoria und niemand hat es in Frage gestellt, aber der Krieg hat alles verändert und jetzt, wo eine Konjunkturflaute einsetzt, wird eine scharfe Zäsur im Budget für die Dienstleistungen der Regierung erwartet. Jemand wird sich sehr kühl die altgewohnten Strukturen ansehen. Natürlich wird es immer eine Bootsmannschaft geben, um die Versorgung sicher zu stellen und grundsätzlichen Rettungsdienst zu leisten. Die beiden Leuchttürme werden bemannt sein. Und Matt wird da sein, um die Station am Laufen zu halten und die Barometerstände und Ähnliches an die Wetterleute weiterzugeben. Der Rest wird verschwinden. Verstehst du, was ich meine?“

„Was?“

„Es war zuvor schon einsam dort. Wie wird es erst in ein paar Jahren sein?“

Seine Frage machte sie sehr nachdenklich.

„Warum erzählst du mir das alles?“ antwortete sie.

Skane sog Rauch ein und blies ihn langsam wieder aus. „Du hast mich wegen Matt gefragt. Ich sage es dir. Und jetzt ist es Zeit, mein Schatz, dass du etwas von dir selbst erzählst. Warum setzt du dich nicht? Deine Haltung ist zwar attraktiv, aber schrecklich distanziert. Du siehst aus wie eine der brütenden Nornen.“

Gehorsam kam sie auf ihn zu. Skane stand auf, nahm ihr die Mütze aus der Hand und legte sie weg. Er deutete auf einen Sessel neben dem Sofa.

„Ich verspreche!“ sagte er mit ironischem Unterton. Sie sank in den Sessel. Ihre Augen blickten nicht mehr wachsam. Sie schaute Skane gedankenvoll an, wie er im Schein der Lampe dasaß, sie hatte jedoch nicht die mindeste Ähnlichkeit mit Monna Pomona. Rossettis Frauenbild war zu blutleer und ihre Züge zu männlich und asketisch. Skane sah ein Gesicht, das einen warmen Ausdruck hatte, leicht gebräunt war und sehr feminin, sogar ein wenig schwach, mit der anziehenden Schwäche einer Frau, die von einer alten Liebe träumt.

„Also?“ sagte er. Isabel senkte ihre Augen und betrachtete ihre zusammengelegten Hände im Schoß.

„Ich wünschte, du wärst nicht gekommen,“ sagte sie bedrückt. „Du bringst alles wieder zurück, alles, was ich vergessen wollte. Du und Matthew, ihr wart es, die mich verletzt haben, nicht die Kugel, nicht das dumme Mädchen mit ihrer Flinte. Oh, ich weiß, ihr konntet nicht anders, keiner von euch. Ich gebe niemandem eine Schuld, außer mir selbst. Du dachtest immer, dass Matthew mich auf irgendeine Weise verführt hat – mich unter falschen Vorgaben auf seine Insel gelockt hat. Damit hast du nicht recht. Du hättest ihn besser kennen können. Es war umgekehrt. Schockiert dich das? Das sollte es auch. Weil ich Matthew nicht wirklich liebte, als ich ihn überredete, mich nach Marina mitzunehmen. Ich war einsam und ich hatte niemanden in der Welt. Das einzige Mal, als ich verliebt war, wurde ich fallen gelassen. Eines Tages geschah etwas, das mir Angst machte – und Matthew war zufällig da. Das war der Auslöser. Innerhalb von achtundvierzig Stunden hab` ich es bereut, aber dann war es zu spät. Als ich auf Marina landete, stand mir alles bis zum Hals, Matthew, ich mir selbst, einfach alles.“

Skane hörte ihrem Bekenntnis, das sie mit leiser Stimme vorbrachte, regungslos zu, um ja nicht zu stören. Sie schwieg eine Weile. „Ich wusste, dass Matthew mich liebte und nach einiger Zeit entschloss ich mich, das Beste aus der Situation zu machen. Ich gab mich ihm hin und liebte ihn zurück. Einen Monat lang waren wir beide sehr glücklich. Ich stellte fest, dass ich ihn wirklich sehr gern hatte und ich fühlte mich zufrieden und ausgeglichen. Aber dann begann er – Ironie des Schicksals – sich von mir zurückzuziehen. Zuerst fast unmerklich, in kleinen Dingen, die aber bedeutungsvoll sind. Ich habe es nicht verstanden, ich konnte es nicht glauben. Als ich ihn damit konfrontierte, sagte er, es habe sich nichts geändert, aber ich wusste, er wollte mich nur nicht verletzen. Verstehst du? Bevor der Winter halb vorbei war, hatte sich die Situation gedreht – er war es jetzt, der mich satthatte. Ich erklärte es mir damit, dass er sein früheres Leben wieder zurückhaben wollte. Wir hatten keinen Streit, musst du wissen. Wir trieben einfach dahin in einem Zustand, so trostlos wie die langen Nächte auf Marina, wenn der Wind in den Drähten stöhnte, und es keine Erleichterung gab, nicht einmal Schlaf. Wir lebten in einem gespenstischen Zustand. In solchen Winternächten begann ich, all die unheimlichen Geschichten zu glauben, die man auf der Insel erzählt. Diese Atmosphäre voller Geheimnisse! Die Melancholie, dieses nahe herzzerreißende Gefühl. Es hat uns zweifellos alle beeinflusst, auch dich und Sargent. War es nicht so?“

„Ja,“ antwortete Skane.

Sie lehnte sich plötzlich nach vorn.

„Was war es eigentlich? Dieses Geheimnis! Du musst es doch wissen!“

Er war überrascht von dieser unerwarteten Frage und wie sie sich verwandelt hatte von einer Frau, die traurig reflektierte, in ein Wesen, das voll lebendiger Anspannung eine entschiedene Antwort forderte. Ihre großen grauen Augen starrten ihn intensiv und neugierig an. Er lehnte sich ein wenig zurück.

„Geheimnis?“ wiederholte er. Dann entgegnete er in zuversichtlichem Ton, „Oh! Ich denke, das Geheimnis lag ganz einfach darin, dass wir drei Männer in dich verliebt waren, jeder auf seine Weise und in einem unterschiedlichen Grad. Du hast das gespürt. Es war unvermeidlich. Es hat uns voneinander getrennt; jeder nährte seine eigenen Gefühle und fragte sich, wie es wohl ausgehen würde. Denn eine Entscheidung lag nahe, bevor der Winter endete. An Weihnachten wussten wir es alle.“

Isabel lehnte sich wieder zurück. Sie schloss die Augen. „Das war alles? Nichts mehr sonst? Sonderbar. Schließlich hatte Matthew zu dieser Zeit aufgehört, mich zu lieben. Und Sargent – Sargent empfand nur jugendliche Schwärmerei, die nicht dazu geeignet ist, die Träume einer Frau zu stören. Du warst der Einzige, der mich wirklich liebte, Greg. Warum hat mich das so erschüttert? Warum war ich so ängstlich und so traurig?“

Sie stand auf und schaute aus dem Fenster nach Westen. Das Feuerwerk war jetzt in vollem Gang. Der gesamte Himmel über dem Jahrmarktsgelände explodierte vor Sternen, Feuerbällen, roten, blauen, grünen, die aufstiegen, in schönen Zirkelkreisen abwärts sanken, plötzlich verschwanden und sich in Fontänen und fallende Vorhänge aus glitzerndem Lametta verwandelten. Gegen diesen Glanz hoben sich die Dächer und Baumkronen von Kingsbridge als scharf umrissene schwarze Silhouetten ab.

Skane zündete sich noch eine Zigarette an. „Mein liebes Mädchen,“ sagte er lebhaft, „schau dich doch an, wie du damals warst; eine hochsensible junge Frau, gewöhnt an die nüchterne Normalität einer Stadt und plötzlich wurdest du versetzt in diese sonderbare Umgebung aus Sand und Meer und Geistergeschichten. Du warst einsam, du hattest das Gefühl nicht geliebt zu werden und die Vorstellung, dass du dein Leben ruiniert hast und es gab kein Entkommen. Warum solltest du nicht verängstigt sein? Natürlich glaubtest du, dass du unwiderruflich verdammt warst. Aber! Meine liebe Isabel, du bist nicht mehr auf Marina. Du hast das alles hinter dir gelassen. Du bist umgeben von guten vernünftigen Dingen und Menschen und brauchst an nichts zu denken als an dein eigenes Glück. Warum willst du das verderben durch solche krankhaften Spekulationen über Vergangenes?“

Er warf die Zigarette in eine von Mrs. Halletts schönste Vasen und lief schnell über den Teppich zu der nachdenklichen Gestalt am Fenster. Isabel fühlte wie seine Arme von hinten ihre Taille umfassten. Seine Lippen waren an ihrem Ohr.

„Wenn du an Marina denkst, mein Schatz, denk an diese wundervollen Nachmittage, die wir beide erlebten, die Ausritte, als wir die Funkstation hinter uns ließen und ganz wir selbst sein konnten und uns lieben. Das kannst du doch nicht alles vergessen haben, oder?“

„Nein.“

„Dann komm mit mir nach Montreal – lass mich für dich sorgen, dich zum Lachen bringen, dich lieben. Wir beide sind keine ahnungslosen Kinder. Wir sind alt genug, zu wissen, was wir wollen und zu wissen, dass das Leben kurz ist. Wir sind in unseren Dreißigern – die schönste Zeit des Lebens. Lass uns das Beste daraus machen. Du wirst doch nicht ernsthaft vorhaben, weiterhin eine Karriere in diesem Nest im Apfelparadies zu verfolgen?“

„Warum nicht?“ erwiderte sie mit fester Stimme und blickte in die Nacht hinaus. „Es ist schön und gut so romantisch daherzureden, Greg. Aber alles, was ich über die Liebe erfahren habe, ist, dass sie mich unglücklich gemacht hat. Und ich war und bin ohne sie recht glücklich hier in diesem Nest, wie du es nennst.“

Skane umfasste sie fester und küsste sie auf die Wange. Sie wandte das Gesicht ab; aber ihr Herz klopfte schnell und wollte einverstanden sein. Sie fühlte das alte verräterische Sehnen, den vertrauten drängenden Wunsch nachzugeben und nicht weiter nachzudenken. Skane liebte sie wirklich, er hatte diesen ganzen langen Weg auf sich genommen, um sie zu finden. Warum ihn länger zurückweisen? Draußen vor der Fensterscheibe wehte der Nachtwind durch die Äste der Obstbäume. Ein welkes Blatt flog gegen das Glas. Das Feuerwerk war zu Ende und sie sah den Lichtschein des Jahrmarktes abklingen. Unwillkürlich schaute sie auf die Straße und erblickte das Flackern der kleinen gelben Wagenlampe.

„Lass mich los,“ sagte sie schnell. „Die Halletts kommen zurück und die Jalousien sind oben.“

„Verdammt!“

Skane ließ sie los und sie setzten sich in weit voneinander entfernte Stühle, begleitet von einem Hauch schlechten Gewissens. Es war ein wenig lächerlich und Skane lachte. Sein Lachen konnte aber nicht seine Enttäuschung verbergen und Isabel konnte nicht umhin, ihm einen schadenfrohen Blick zuzuwerfen. Sie sagte in unsicherem Ton, „Bitte denk daran, ich bin Miss Jardine und ich war nie in meinem Leben woanders als in Halifax.“

„Und dort habe ich dich getroffen?“

„Ja. Und du musst fortgehen, nachdem Mr. Hallett das Pferd versorgt hat. Sie wollen ins Bett und ich auch.“

Skane verzog vorwurfsvoll das Gesicht. „Wann kann ich dich wiedersehen?“

Sie überlegte einen Moment. „Am Sonntag gehe ich immer morgens mit ihnen in die Kirche. Ich werde Mrs. Hallett fragen, ob du nachmittags zum Tee kommen kannst. Ich rufe dich im Hotel an.“

Die Eingangstüre öffnete sich und Mrs. Hallett kam aufgeregt herein, warf einen unschuldig fragenden Blick auf Skane und rief, „Warum haben Sie kein Feuer angezündet? Dieser junge Mann sieht ganz verfroren aus. Es ist ziemlich kühl heute Nacht. Und Sie haben das Feuerwerk verpasst, meine Liebe. Es war ganz wunderbar.“

 

KAPITEL 35

 

Der morgendliche Gottesdienst erwies sich in zweierlei Hinsicht als bemerkenswert. Reverend Palliser sagte – im Gegensatz zu früheren Predigten – kein Wort über die Eitelkeiten und Unsittlichkeiten des Jahrmarktes. Stattdessen widmete er sich den Freuden einer reichen Ernte und der Schönheit des Landes, klare Beweise der Güte Gottes, der damit herablächelte auf ein Volk, welches es zwar nicht verdiente, aber wenigstens deren Großartigkeit zu schätzen wusste. Er zitierte aus der Heiligen Schrift und aus Dichtungen und erwies sich als sehr wortgewandt.

Die andere Besonderheit war die Erscheinung eines großen gutaussehenden Fremden, der den Gang hinunterlief zur Kirchenbank der Halletts und deutlich vernehmbar zu dieser eigenartigen Miss Jardine sagte „Erlauben Sie?“. Sie war rot geworden, aber sie schien ihn zu kennen, denn sie rückte weiter, um ihm Platz zu machen; sie teilten sich ein Gesangsbuch und sie sangen recht hübsch zusammen. Als die Spenden gesammelt wurden, legte er eine fünf-Dollar-Note neben Miss Jardines einfachen Umschlag. Sie waren ein schönes Paar, als sie nebeneinanderstanden und die Lieder sangen, und nach dem Gottesdienst fragten sich alle, wer er wohl war.

Isabel, überrascht von seinem unerwarteten Auftauchen, das sie notgedrungen, so gut sie konnte, akzeptiert hatte – sie wusste welchen Klatsch es geben würde – hatte Skane noch nicht vergeben, als er auf Mrs. Halletts Einladung hin nachmittags zum Tee erschien. Aber er meisterte die Tee-Visite, ebenso wie er den Besuch in der Kirche gemeistert hatte, mit selbstbewusster Sicherheit, vor der sie die Waffen streckte und von der die Halletts entzückt waren. Gregory Skane benahm sich zweifellos äußerst charmant. Er unterhielt sich mit Mrs. Hallett über die Legenden des Tales, vor allem denen, die Kingsbridge betrafen und die er offensichtlich in einem Band History of Duke County im Hotel gelesen hatte. Er sprach mit Hallett über die Probleme eines Obstbauern, als habe er sein ganzes Leben im „Valley“ verbracht, und als sie ihn nach seinem eigenen Leben fragten, worauf sie bereits sehr neugierig waren, verzauberte er sie mit Geschichten aus seiner Zeit auf See – die angenehme Seite natürlich – erzählte außerdem kurze Anekdoten über ferne exotische Häfen, und auch von den erfreulichen und problematischen Seiten seines Radio-Geschäfts in Montreal.

Isabel wurde in die Konversation einbezogen durch Bemerkungen, die besonders für sie gedacht waren, wobei er schnell ein vertrautes Lächeln aufsetzte. Als Skane sich um elf Uhr abends verabschiedete, lange nach der Bettzeit dieses wohlgeordneten Hauses, wandte sich Mrs. Hallett an Isabel und seufzte tief.

„Was für ein interessanter Mann! So nett und höflich – und so gutaussehend. Er scheint von Ihnen sehr angetan zu sein.“

„Ja.“

Mrs. Hallett sah sie fragend an. „Bleibt er länger?“

„Das weiß ich nicht.“

„Mir scheint,“ sagte Mrs. Hallett, „er ist nur nach Kingsbridge gekommen, um Sie zu treffen. Gestehen Sie, sind Sie nicht auch ein wenig angetan von ihm?“

„Ja.“

„Das habe ich gemerkt an der Art, wie sie einander angesehen haben und wie Sie in der Kirche errötet sind. Ich hoffe, Sie verzeihen mir, wenn ich es sage, aber ich habe den Eindruck, es gab ein Missverständnis zwischen ihnen beiden und das war der Grund, warum Sie nach Kingsbridge zurückgekommen sind. Ist es nicht so? Nun ja, ich verstehe. Eine Frau hat ihren Stolz, wenn es um einen Mann geht. Und schließlich ist er ja zu Ihnen gekommen. So muss es sein. Und ich nehme an …“

Isabel ging auf die Treppe zu. Sie rief über ihre Schulter, „Nehmen Sie lieber nicht zu viel an, Mrs. Hallett. Ich bin nicht so romantisch wie Sie meinen.“ Die romantische Mrs. Hallett schwieg. Sie hatte den Eindruck, dass in der vernünftigen Miss Jardine ein ziemlich eigenwilliges Biest steckte und sie war ärgerlich. Man sollte bei einer Dreißigjährigen doch etwas mehr weibliche Klugheit erwarten dürfen. Wenn also ein charmanter und gutsituierter Verehrer wie dieser auftauchte, erwartete man doch von ihr, sich – weiß Gott – ausgesprochen weiblich zu verhalten. 

Am nächsten Morgen hatte das schöne Herbstwetter ein Ende. Ein Hurrikan zog sich im Golf von Mexiko zusammen, griff über auf Florida, peitschte die Bahamas, versetzte die Touristen auf den Bermudas in Angst und Schrecken und folgte nun dem Golfstrom in nördliche Gefilde, wobei er mit seinen Ausläufern New England und Nova Scotia erreichte. Niedrig treibende Wolkenfetzen stiegen hoch in den Himmel und Nieselregen setzte ein. Von Südwesten her wehte stoßweise ein Wind, der die Herbstblätter aufwirbelte. Die Regentropfen wurden schwer und es entwickelte sich ein Wolkenbruch, der auf die Dächer trommelte; aus den Traufen schoss das Wasser. Während dieser Regenguss niederging, blies ein mächtiger Wind das Tal entlang. Die Obstplantagen und die Wälder an den Abhängen der Berge bogen sich vor dem Ansturm wie Gras. Die Bäche, die sich bereits in den ersten Herbstregen gefüllt hatten, wurden zu roten Wasserfällen, die sich in die Felder ergossen. Durch die Luft flogen vielfarbige Blätter in dichten Schwaden wie Farbtropfen, die man von einem riesigen Pinsel abschüttelt. Schindeln machten sich selbständig, es regnete Äpfel, Kamine brachen zusammen, Schuppen fielen um, ein halbes Dutzend schöne alte Ulmen, die seit Generationen gestanden hatten, konnten dem Sturm nicht widerstehen, rissen Rasenflächen auf und zogen ein Gewirr von Telefondrähten mit sich nach unten.

Isabel war durchgeblasen und durchnässt, als sie Markhams Geschäft erreichte. Die anderen angestellten Mädchen hatten sich um den Ofen geschart und schnatterten wie nasse Gänse. Sie nahm ihren Hut ab, zog den Regenmantel aus und stellte sich eine Zeitlang zu den anderen, um ihre nassen Beine zu wärmen. Als sie das kleine Büro betrat, begrüßte Mr. Markham sie wie immer mit einem knappen Guten Morgen, dann erhob er sich und schloss die Türe.

„Nun denn,“ verkündete er mürrisch, „der Wind bläst von Osten.“

„Ja, und zwar sehr nass.“

„Ich meine nicht das Wetter,“ sagte Mr. Markham und ging langsam auf ihren Schreibtisch zu. Die Bank. Sie greifen rigoros durch. Sie rücken kein Geld mehr heraus. Ich muss die Konservenfabrik morgen schließen.“

„So steht es also.“ Sie überlegte kurze Zeit. „Das bedeutet, die Arbeiter müssen entlassen werden, oder?“

Sie blätterte durch ihr Kassenbuch, ob noch Geld da war, um sie zu bezahlen.

„Reicht es noch?“

„Ja. Sie wurden natürlich am Samstag bezahlt. Sie bekommen also noch Lohn für zwei Tage.“

Der alte Mann suchte in einer Briefablage auf ihrem Pult herum. „Es ist bedauerlich, alle diese Leute arbeitslos zu sehen. Aber es macht ja keinen Sinn, dem nachzuhängen. Wenn ich nur das Faserholz verkaufen könnte! Das ist alles totes Kapital. Wenn ich das zu Geld machen könnte, hätte ich kein Problem mit den geernteten Äpfeln, könnte die Konservenfabrik am Laufen halten und die Bank zufriedenstellen – ich wäre aus dem Schneider! Das Problem ist, dass alles gleichzeitig passiert. Ich sitze in der Falle wie eines dieser alten Segelschiffe – mit vollen Segeln in einem Hurrikan. Zu eifrig! Zu eifrig! Aber wie konnte ich – wie konnte irgendwer ahnen, dass ein solcher Sturm ausbrechen würde, aus dem Nichts?“

Isabel dachte an Brockhurst und seine bissige Bemerkung über die Bibel und den Courier.

„Sie wissen, was ich meine?“ fügte Markham hinzu.

„Ich fürchte ja.“

„Ich glaube, den Laden kann ich aus dem Schlamassel heraushalten,“ fuhr er mit alter, müder Stimme fort, „das ist aber auch alles. Ihn und mein Haus. Denken Sie nur! Wieder da, wo ich vor fünfzig Jahren angefangen habe. Kaum zu glauben.“

„Das tut mir furchtbar leid, Mr. Markham.“

„Meine Liebe, der Herr gibt es und der Herr nimmt es. Der Name des Herrn sei gepriesen. Ich wünschte, ich könnte von der Bank dasselbe sagen. Aber vermutlich hat die Bank ihre eigenen Sorgen. Sie können dieses Hauptbuch jetzt schließen. Es wird keine Einträge mehr geben – es gibt nichts mehr zu kontrollieren. Von jetzt an führen wir nur die Bücher für das Ladengeschäft.“ Er schaute in ihr ernstes Gesicht. „Ich möchte Sie wissen lassen, Miss Jardine, dass Sie, was auch geschieht, ihren Job behalten werden. Sie sind ein tüchtiges Mädchen; vertrauenswürdig, bereit, hart zu arbeiten, mit einem klugen Kopf auf den Schultern. Es wird vorübergehen. Das Tal steht noch. Die gute Erde bleibt. Wenn ein Jahr vergangen ist, werden die Papierfabriken wieder Faserholz haben wollen. Die Welt braucht Lebensmittel und Zeitungen. Also!“ Er ging hinüber zu seinem eigenen Arbeitsplatz und ließ sich schwer auf den Stuhl fallen.

Isabel hatte Tränen in den Augen. „Mr. Markham,“ sagte sie, ohne den Kopf zu wenden.

„Ja?“

„Was es jetzt noch für mich zu tun gibt, könnte doch jedes Mädchen im Laden für Sie erledigen, oder?“

„Ich glaube, ja. Aber sehen Sie …“

„Sie sind wirklich sehr freundlich, Mr. Markham. Aber ich muss Ihnen etwas sagen. Auch in meinem Leben gibt es eine Veränderung. Ein Mann möchte mich heiraten.“

„Um Himmels willen, Sie sagen das fast, als ob es ein Unglück sei. Es ist doch nicht dieser Schuldirektor?“

„Nein, ein alter Freund – aus Montreal. Sie haben ihn sicher am Sonntagmorgen in der Kirche gesehen.“

„Ah! Das habe ich. Ein netter anständiger Typ.“

„Mr. Markham, wenn ich mich dazu entschließe, ihn zu heiraten, wird er mich mit nach Montreal nehmen wollen; und wenn ich mit ihm gehe – haben Sie hoffentlich nicht das Gefühl, dass ich mich in dem Moment aus dem Staub mache, wenn die Dinge schlecht laufen?“

Sie wandte sich um und sah ihm in die alten, grauen Augen. Mr. Markham lächelte matt, als spreche sie von Teetassen, während eines Erdbebens. Er machte eine Bewegung. „Meine Liebe, wenn Sie glauben, dass der junge Mann für sie gut genug ist, nehmen Sie ihn. Sie müssen sich nur sicher sein. Wir werden Sie alle sehr vermissen – das versteht sich von selbst – aber hier gibt es nichts, das halb so wichtig wäre wie ein Ehemann. Wann werden Sie es wissen?“

Sie überlegte, als sei es eine Sache, die sorgfältige Kalkulation erforderte. „Morgen Abend.“

Der Sturm verzog sich. Er hinterließ in seinem Kielwasser ein durchnässtes und durchgeschütteltes Tal. Am Dienstag gegen Mittag verzog sich die Wolkendecke im Westen und eine Stunde später fiel dünner Sonnenschein auf das Land. Alle Obstbäume mit noch nicht geernteten Spätäpfeln waren leergefegt von Früchten, aber die augenfälligste Veränderung zeigte sich in der Hügellandschaft, deren fröhliches Herbstblätterbunt der große Sturm ausgelöscht hatte wie farbige Kreide von einer Schultafel. Isabel rief Skane im Hotel an und um 14 Uhr holte sie ihn mit Mr. Markhams Auto ab. Sie trug ihr Tweed-Kostüm und die Mütze, denn trotz des Sonnenscheins war die Luft feuchtkalt. Skane stieg ein und murmelte, „Schönes Auto. Gehört es dir?“

„Natürlich nicht. Es gehört Mr. Markham. Ich brauche es oft für geschäftliche Angelegenheiten. Es ist das erste Mal, dass ich es zum Vergnügen fahre.“

„Danke sehr, Ma’am. Es ist nett, dass Sie das so sehen. Aber warum hast du mich gestern nicht angerufen? Ich bin fast durchgedreht beim Herumsitzen in der Hotel-Lounge Ich habe eine Zigarette nach der anderen geraucht und in den Regen hinausgestarrt.“

Isabel verließ die Hauptstraße und fuhr Richtung Scotch Springs. „Sämtliche Telefonleitungen lagen am Boden – du hättest das wissen können. Außerdem hätten wir nirgends hingehen können. Ich dachte daran, ins Kino zu gehen, aber natürlich gab es keinen Strom. Der Filmvorführer von Kingsbridge sagt immer, wenn er aus irgendeinem Grund keinen Film zeigen kann, er habe ein dunkles Haus. Vergangene Nacht hatte er wirklich eines.“

Skane beobachtete sie, während sie fuhr. „Dein Kostüm gefällt mir. Es sitzt gut. Macht eine hübsche Figur. Mir scheint, das habe ich dir irgendwo schon einmal gesagt. Wohin fahren wir? Es kommt mir vor, als bewegten wir uns direkt auf den North Mountain zu – den wir in Cape Breton einen ziemlich steilen Berg nennen würden. 

Sie antwortete nicht und fuhr weiter. Dann sagte sie ruhig, „Ich glaube, es wird Zeit, dass wir unser Gespräch fortsetzen, das wir an dem Abend, als du gekommen bist, angefangen haben.“

„Aha!“

„Du klingst wie der Schurke im Theaterstück. Ich bringe dich zu einem Ort, wo wir ungehindert reden können, ohne dass uns jemand beobachtet oder überhört und du nicht an etwas gebunden bist, das dir nicht gefällt. Ist dir das recht?“

„Das kommt mir sehr kühl und geschäftsmäßig vor. Warum fahren wir nicht einfach im Auto herum?“

„Weil ich nicht fahren kann und dir gleichzeitig ins Gesicht sehen.“

„Okay. Wie du willst.“

Sie ließen das Auto hinter Scotch Springs am Straßenrand stehen und gingen die Forststraße hinauf zum alten Sägewerk. Der Bach war ein reißender Fluss. Der Teich über dem baufälligen Damm hatte sich ausgedehnt und die Wiese überflutet, auf der Isabel gelegen hatte. Auf seiner Oberfläche drehte sich langsam eine dicke Schicht aus farbigen Blättern wie ein großes bemaltes Rad. Die kahlen Ahornbäume beim Sägewerk sahen winterlich aus, während die dichten Tannen, von denen noch das Wasser tropfte, den heftigen Wind siegreich überstanden hatten.

„Im Sommer war ich oft hier,“ erklärte Isabel. „Es war ruhig und sonnig, ein guter Platz, um zu liegen und zu rauchen.“

Skane blickte auf die durchfeuchteten Ufer des Flüsschens. „Das könnte man jetzt nicht mehr sagen. Ein eigenartiger Platz. Dieses Sägewerk sieht aus, als stammte es noch aus der Zeit von Champlain19). Wo sollen wir uns niederlassen? Auf dem Baumstamm dort drüben?

Er zog eine Packung Zigaretten heraus und sie rauchten eine Zeitlang schweigend, wobei sie Abstand zueinander hielten und jeder darauf wartete, dass der andere zu reden begann.

Was jetzt?“ rief Skane schließlich ungeduldig und betrachtete das überflutete Gras mit einem ironischen Ausdruck. Er hatte keinen Hut auf und trug einen grauen Anzug mit einer modernen blau-gepunkteten Krawatte. Er sah ebenso wenig aus wie der schäbig gekleidete halbwilde Skane von Marina, wie dieser Wildbach dem stillen Teich zwischen den Dünen ähnelte. Er hätte direkt aus einem Büro in der St. James Street treten können.

„Natürlich, sobald du frei bist. Carney wird sich bestimmt von dir scheiden lassen. Wir werden einen Anwalt in Halifax aufsuchen, der die notwendigen Papiere besorgt und sie zu ihm nach Marina schickt, damit er sie unterzeichnet. Die Elgin läuft in zwei Tagen aus – ich habe telefoniert, um sicher zu sein. Du musst einen formellen Brief an Carney schreiben, in dem du ihm mitteilst, dass du nicht zu ihm zurückkehrst. Das sollte als Scheidungsgrund genügen. Falls das Verlassen des Partners vor den Gerichten in Nova Scotia für eine Scheidung nicht genügt, bringen wir die Papiere zu einem anderen Gericht, wo sie anerkannt werden. In der Zwischenzeit, nach allem, was wir einander bedeutet haben, schlage ich vor, dass wir da weitermachen, wo wir aufgehört haben. Warum sollten wir noch mehr von unser Lebenszeit vergeuden wegen einer lästigen Legalität?“

„Greg,“ entgegnete sie vorsichtig, „was wäre, wenn ich dir sagte, dass Matthew und ich gar nicht verheiratet waren?“

Er blickte überrascht auf. „Das meinst du doch nicht ernst!“

     „Doch. Wir besorgten die Lizenz und einen Ehering, aber wir erfuhren, dass wir drei Tage warten mussten – und wir wollten das Schiff erreichen. Also eilten wir los, so wie wir waren, ohne den Segen der Kirche, nicht einmal den eines Friedensrichters.“

„Verdammt nochmal! Ich fasse es nicht! Warum hast du mir das nicht früher gesagt?“

„Macht das wirklich einen Unterschied?“ sagte Isabel trocken.

„Nein – eigentlich nicht. Es – vereinfacht alles, oder?“ Er war immer noch ganz erstaunt.  

„Du siehst also, du kannst wirklich eine ehrenwerte Frau aus mir machen,“ sagte sie ruhig. „Das bedeutet doch etwas, oder nicht? Zumindest ist es bedeutsam für eine Frau, damit sie weiß, ob ein Mann sie als seine Frau und Gefährtin haben möchte, oder ob er nur mit ihr ins Bett gehen will.“

Skane lachte kurz auf. „Du bist sehr offen, nicht wahr?“

„Sollte ich das nicht sein? Wir sprechen gerade offen über unsere Beziehung.“

Skane schaute wieder auf den Wasserlauf, zog kräftig an seiner Zigarette und blies den Rauch langsam durch die Nasenlöcher. Er saß nachdenklich mit gespanntem Unterkiefer da, dann wandte er sich zu ihr und schaute sie an mit seinem gewohnten intensiven blauen Blick.

„Es ist mir egal, du kannst sagen, was du willst. Es hat keine Bedeutung. Nichts hat Bedeutung, außer, dass ich verrückt nach dir bin und ich dich haben muss. Du warst offen, ich bin offen zu dir. Als ich nach dieser erfolglosen Suche Halifax verließ, habe ich dich gründlich verflucht. Ich versuchte mich davon zu überzeugen, dass unsere Affäre auf der Insel eigentlich nur eine Sache des Zufalls war, dass du attraktiv erschienst, weil es keine Vergleichsmöglichkeit gab, und dass es sowieso schäbig gewesen war gegenüber Carney, der mir vertraute, der uns beiden vertraute. Mir kam es vor, als seist du davongelaufen, weil du dich schuldig fühltest. Gut, das sollte ich auch. Einem Mann, der vor irgendetwas davonläuft, kann ich Montreal nur empfehlen. Die Prohibition kümmert sie dort nicht. Man muss nicht hinter einen Zaun kriechen, um vergorenen Apfelwein und Möbelpolitur zu trinken. Und es gibt dort Scharen von hübschen Frauen, die bereit sind, einen einsamen Mann zu trösten.

Ich will damit nicht sagen, dass ich mich verhalten habe wie ein Matrose auf einem vergnüglichen Landgang. Es gab zu viel Arbeit, zu viele interessante Dinge zu lernen im Zusammenhang mit Hartigans Geschäftsabläufen, als dass ich groß Gelegenheit für Dummheiten gehabt hätte. Es gab aber Zeiten, in denen ich entschlossen war, mich davon zu überzeugen, dass du mir absolut nichts bedeutest. Nun, es hat nicht funktioniert. Jedes Mal, wenn ich in mein Zimmer zurückkehrte, erinnerte mich Monna Pomona an unser Idyll auf Marina. Selbst wenn ich das Bild zum Fenster hinausgeworfen hätte, hätte sich nichts geändert. Es war ganz einfach so, dass du etwas hast, das keine andere Frau hatte, und das machte mich unfähig, mich anderen Frauen zuzuwenden. Als ich dir das auf der Insel sagte, glaubtest du, dass ich Süßholz raspelte. Dabei sagte ich nur die Wahrheit. Nur eine Frau unter tausend hat das, was du hast und alle anderen bedeuten mir gar nichts. Isabel, ich weiß nicht, was ich noch sagen könnte. Es gibt nichts mehr zu sagen. Das war’s.“

Er warf die Zigarette in den Fluss mit der Geste eines Mannes, der alles aufs Spiel setzt, was er hat. Mit diesem rasch gesprochenen Bekenntnis hatte er sich plötzlich emotional exponiert. Er war sichtbar erregt. Er betrachtete Isabel mit einer Ungeduld, die fast arrogant wirkte. Sie drückte ihre Zigarette sehr langsam und sorgfältig auf dem Baumstamm aus.

„Und Matthew?“ fragte sie herausfordernd. „Bestimmt hat Matthew diese gewisse Qualität an mir erkannt, was immer sie sein mag. Du darfst nicht vergessen, dass wir uns eine Zeitlang sehr liebten. Er war leidenschaftlich in meinen Armen. Schau nicht so ungläubig. Er liebte mich und ich weiß, dass ich die erste Frau in seinem Leben war. Und als er mich nach all den einsamen Jahren bei sich hatte, glaubst du denn, dass er mich so einfach vergessen kann?“

„Matthew“! stieß Skane hervor. „Um Himmels willen, schlag dir Matthew aus dem Kopf, Isabel. Carney hatte keinerlei Recht auf dich in dieser Welt. Er hat dich ganz bewusst belogen. Er ist dabei zu erblinden und – verdammt nochmal, er war sich dessen voll bewusst.“

 

KAPITEL 36

 

Isabel betrachtete den ausgedrückten Zigarettenstummel, der zwischen ihnen auf dem Baumstamm lag. Sie sagte leise, „Bitte, wiederhole das, – was du zuletzt gesagt hast.“

„Er ist dabei zu erblinden,“ wiederholte Skane verächtlich. „Ich musste ihm versprechen, es niemandem zu sagen, aber so ist es. Im Frühjahr, bevor er aufs Festland ging, hat er es zum ersten Mal bemerkt. Er war immer ein begeisterter Leser – hatte dauernd seine Nase in einem Buch oder in einer Zeitschrift oder in einem anderen Druckerzeugnis, das ihm in die Hände fiel. Und auf einer Kirchhofswache, nachdem er den ganzen Winter beim Licht der Öllampen gelesen hatte, konnte er plötzlich nicht mehr sehen. Er hat mir alles mit blassem Gesicht erzählt. Ein paar Stunden lang saß er an den Instrumenten und bediente sie nur mithilfe von Berührung. Nach ein oder zwei Tagen sah er wieder deutlich. Aber wenn er nachts auf dem Strand herumspazierte, wie er es gerne tat, erschien alles nicht mehr so klar, wie zuvor. Sonst konnte er im Dunkeln sehen wie eine Katze. Plötzlich nicht mehr. Das beunruhigte ihn. Er entschloss sich, im Frühjahr, wenn das Boot kam, aufs Festland zu gehen, um einen Augenarzt aufzusuchen und in dieser Zeit auch seine Mutter zu treffen, die er seit Kindertagen nicht mehr gesehen hatte; so erledigte er gleichzeitig eine unangenehme und eine angenehme Pflicht.

Er ging zu einem Augenarzt in Halifax, der ihm sagte, dass er in einem oder bestenfalls in zwei Jahren blind sein werde und es kein Gegenmittel gab. Offenbar war Carneys Schiff vor Jahren auf einer Fahrt zu den Westindischen Inseln in einen Hafen eingelaufen, wo eine Epidemie grassierte, die bösartige Glaukome hervorrief, und er steckte sich an. Er verbrachte eine schlimme Zeit in irgendeinem miesen Hafen-Hospital, aber schließlich erholte er sich und segelte wieder nach Norden. Seine Augen schienen in Ordnung zu sein und er dachte nicht mehr daran. Aber nach all der Zeit ergaben sich Nachwirkungen. Eine Art Schädigung des Sehnervs hatte eingesetzt, zweifellos verstärkt durch die pralle Sonne auf Marina und seine ständige Leserei in den Winternächten.

Carney ging also nach Neufundland, um seine Mutter zu besuchen, aber sie war offenbar schon viele Jahre zuvor gestorben. Dann begab er sich nach Montreal und besuchte Augenärzte dort; dann nach Toronto – wieder Augenärzte, und immer die gleiche Diagnose. Sie sagten ihm, bei Tageslicht könne er eine Zeitlang alles sehen. Die Schwäche zeige sich erst bei Nacht oder im Dämmerlicht. Er könne Filme sehen oder Ähnliches, aber wenn er im Sternenlicht herumging, werde er es bemerken. Später sei er völlig nachtblind. Und dann beginne auch seine Sehkraft im Tageslicht nachzulassen. Nicht plötzlich, nur nach und nach, immer ein kleines Stück. Er werde es besonders im Winter bemerken, wenn die Tage sehr kurz sind und das Sonnenlicht dünn ist oder meist durch Wolken abgeschirmt.

Es war wie ein Todesurteil. Carney weigerte sich es zu glauben. Schließlich hatte er sich doch erholt nach der Geschichte auf den Westindischen Inseln und dieser Anfall auf Marina war vorbei gegangen. Eine kleine Schwäche bei Nacht, das war alles. Die Ärzte hätten keine Ahnung. Also kehrte er nach Marina zurück – mit dir. Es herrschte noch starkes Sommerlicht. Seinen Augen gehe es gut, – by Jove! – du weißt ja, wie er redet. Aber er musste feststellen, dass er bei Nacht nicht mehr an den Strand gehen konnte. Deshalb hatte er Einwände, wenn du darauf bestanden hast, im Dunkeln von der Hauptstation zurückzulaufen. Damit kam er aber einigermaßen zurecht. Du hast nichts bemerkt. Er hat den Strand der Lagune im Gedächtnis. Dort ändert sich nicht viel und man läuft auf ziemlich glattem Boden. Am Meeresufer hätte er es nicht geschafft, denn bei hoher Tide oder Brandung wird immer viel Strandgut angespült. Allerdings frage ich mich, warum dir nicht aufgefallen ist, wie ungeschickt er sich am Abend bewegte, bevor die Lampen angezündet wurden.

Als der Herbst kam und die Wolken tief hingen, bemerkte er eine Veränderung in seiner Sehkraft bei Tag. Daher hat er die Entenjagd aufgegeben. Eine fliegende Ente ist ein kleines Objekt und bewegt sich schnell. Er konnte sie nicht mehr kommen sehen, bevor sie ganz unten bei den Lockvögeln waren – und dann ist es viel zu spät. Bei der Arbeit merkte er es auch. Seine Handschrift wurde immer größer. Nachts, sogar beim Licht einer hellen Lampe, brauchte er ein Vergrößerungsglas, um kleineren Druck zu lesen. Natürlich ist dir das nicht aufgefallen, denn wenn du in der Nähe warst, hat er so etwas nicht gelesen. Er machte keine Spaziergänge mehr. Eine Zeitlang ritt er noch Ponys und galoppierte sogar in den Dünen herum – denn er konnte sich auf die Augen des Ponys verlassen. Aber schließlich musste er auch das aufgeben.

Man muss es ihm zugutehalten – er hat ein großartiges Täuschungsmanöver abgezogen. Auf der Station wusste er, wo alles zu finden war und er ging geradewegs darauf zu, Tag und Nacht und tat, was getan werden musste. Einen Vogel im Gras oder ein Pony in der Ferne konnte er beschreiben, als ob er jedes Detail sah. Dazu übte er seinen Tastsinn. Ich habe gesehen, wie er mit geschlossenen Augen über die Empfangsapparatur tastete, dies und jenes richtete oder etwas änderte, und dann mit offenen Augen alles überprüfte, manchmal auch mit dem Vergrößerungsglas. Er war überzeugt davon, dass alles das nur ein Anfall von Kurzsichtigkeit sein konnte und er niemals blind werden würde. Damit täuschte er sich absichtlich selbst und vor allem dich.

Im November, als das Wetter zum Rückzug ins Haus zwang und die langen Winternächte anfingen, musste er sich der Wahrheit stellen. Ende des Monats wusste er, dass die Augenärzte recht hatten – er erwartete das Schlimmste. Er war sehr bestürzt. Vor allem deinetwegen. Er hatte das Gefühl, dass er dich getäuscht hatte – was zutraf – und dass du dich in einem Jahr hoffnungslos an einen Mann gebunden finden würdest, der stockblind war. Er sorgte sich nicht so sehr um sich selbst. Blind oder nicht, er hatte das Gefühl – und hat es noch, dass er kein Problem damit hat, die Funkstation am Laufen zu halten. Die alten Apparate kennt er in und auswendig. Er kann die Maschine oder den Generator auseinandernehmen und wieder zusammensetzen, ohne zu sehen; ebenso die anderen Geräte. Was andere Dinge betraf, konnte er sich auf die Loyalität – und die Augen – der anderen Funker verlassen. Er sagte immer wieder, „Ich mach‘ es schon noch etliche Jahre.“ Über seinen späteren Ruhestand äußerte er wiederholt, dass er sich eine kleine Hütte in den Dünen östlich der Funkstation bauen und dort bis ans Ende seiner Tage leben wollte. Ich glaube, das hatte er im Sinn, sobald er wusste, dass er dabei war, ganz blind zu werden. Du warst das einzige Problem.“

Isabel sprach. „Wie wahr!“ Sie fragte mit derselben leisen Stimme, „Gab es sonst noch jemand, der es wusste?“

Skane machte eine fragende Handbewegung. „Ich glaube, O’Dell vermutete, dass etwas nicht stimmte – er kennt Carney länger als einer von uns, wenn auch nicht so nah natürlich. Niemand wusste etwas, außer Sargent, nicht einmal McBain. Hinter Sargents unschuldigem Gesicht verbarg sich ein schlauer junger Kerl. Man konnte vor ihm nicht lange etwas geheim halten. Ich bin fast sicher, dass er wusste, was zwischen dir und mir lief. Ab und zu machte er eine komische Bemerkung – man konnte sie so oder so verstehen. Aber er war ein netter Kerl, ziemlich sorglos. Er war in dich verliebt und er hatte Mitleid mit Carney, aber letzten Endes war es Carneys Problem. Als er die Insel verließ, verhielt er sich wie ein Hund mit zwei Schwänzen – er wusste nicht, welchen er zuerst wedeln sollte. Er war überglücklich wieder zur See zu fahren.

Ich kenne das Gefühl. Es ist wunderbar für eine gewisse Zeit. Dann kommt der Tag, an dem man den Anblick von blauem Wasser zu hassen beginnt und alles ist vorbei. Es kommt nie mehr zurück. Danach will man nur noch auf dem festen Land leben. Man fährt nachts auf einem Dampfer an der Küste entlang, lehnt an der Reling, sieht die Lichter der Städte und denkt an all die Vergnügungen, die die Leute auf dem Festland genießen und man selber nicht. – Man fühlt sich wie ein gefangener Tiger in einem Zirkuskäfig, der an sämtlichen Metzgerläden vorbeifährt. Einige Seeleute heiraten und dann geht es ihnen schlechter als zuvor. Ihre Frauen und Kinder sehen sie nur an wenigen Tagen im Jahr. In jedem Hafen, hocken sie betrübt auf dem Schiff herum und sehen die jungen Kerle an Land gehen, um sich zu amüsieren. Alles, was sie sich selber gönnen dürfen, ist ein Glas Bier außerhalb der Dock-Tore oder eine Flasche schlechten südamerikanischen Wein. Arme Teufel, ich pflegte über sie zu lachen – und warum nicht? Sie waren Dummköpfe. Nur junge Männer und Dummköpfe gehen zur See – oder an Orte wie Marina – die Gescheiten kündigen, bevor es zu spät ist. Jetzt habe ich furchtbar viel geredet, nicht wahr? Vom Hundertsten ins Tausendste! Aber du verstehst sicher, was ich im Grunde sagen will.“

Isabel stand auf, ging langsam an den Rand des Mühlenteichs und streckte einen Fuß aus zum träge kreisenden bunten Blätterteppich.

„Was wird nächstes Jahr sein, wenn die Belegschaft zurückgefahren wird?“

„Carney wird allein auf der Funkstation sein und wird versuchen, zurecht zu kommen so gut es geht. Es wird keinen großen Funkverkehr mehr geben, außer Botschaften zur oder von der Insel, Wetterberichte, Eiswarnungen und dergleichen für vorbeifahrende Schiffe. Der Dienst wird hauptsächlich darin bestehen, zu bestimmten Tages -und Abendstunden Wache zu halten, auf Notrufe zu achten usw. Es wird ziemlich einfach sein. Das Ende wird kommen, wenn er nicht mehr in der Lage ist, die Botschaften aufzuschreiben – nicht einmal mehr die Einträge, die alle fünfzehn Minuten für das Logbuch fällig sind. Dann werden die Autoritäten einschreiten und er muss aufgeben.“

„Und dann?“

Skane zuckte mit den Schultern. „Die kleine Hütte in den Dünen, vermute ich, oder eher ein Zimmer im Haus von McBain. Carney hat eine nette Summe Geld auf der Bank, was du vermutlich weißt. Auf jeden Fall werden ihn die Leute auf der Insel versorgen. Das entspricht ungefähr dem, war er sich selber vorstellt. Marina ist seine Heimat. Er hat sonst keine Verwandten irgendwo und in einem Heim für Blinde würde er bald zugrunde gehen.“

„Und das ist die ganze Geschichte, Greg?“

„Vollkommen.“

Er zündete wieder eine Zigarette an und hielt die hohle Hand davor zum Schutz des Feuers gegen die kühle Winddrift, die vom engen Tal heraufwehte. Eigentlich handelte er gegen seine Prinzipien, indem er diese verbotene Trumpfkarte ausspielte. Er tat es, ohne groß nachzudenken. Jedoch bereute er es jetzt nicht. Sie hatte es ruhig hingenommen, nahezu beiläufig. Früher oder später musste sie die Wahrheit sowieso erfahren und dann besser jetzt, bevor sie ihr Leben noch länger mit Bedauern und überflüssigen Schuldgefühlen belastete. Schließlich war sie nicht die erste Frau, die wegen eines Mannes den Kopf verlor und entdeckte, dass man sie getäuscht hatte. Er löschte das Streichholz, blies gleichzeitig etwas Rauch aus und sah auf. Überrascht sah er, dass Isabel nahe bei ihm stand, die kleinen gebräunten Fäuste an ihrer Seite geballt. Sie blickte auf ihn herab mit einem bitteren ärgerlichen Ausdruck, das Gesicht bis zur Hässlichkeit verzerrt. Sie sprühte vor Wut.

„Also, das war es!“ rief sie mit rauem Wispern. „Das war das Mysterium! Das war das Geheimnis, das ich den ganzen schrecklichen Winter spürte! Etwas, das ich fühlen und berühren konnte. Natürlich! Was war ich doch für eine Närrin, dass ich das nicht erkannte! Ich bemerkte sogar wie sonderbar seine Augen aussahen, aber ich hielt es für den abwesenden Blick, den ihr aus reiner Gewohnheit an den Hörgeräten alle gelegentlich hattet. Er war dabei, blind zu werden. Blind! Ach, ihr Feiglinge! – du und Sargent – ihr schrecklichen Feiglinge! Warum habt ihr mir nichts gesagt?“

Sie wandte sich wieder ab; sie zitterte. Skane sprang auf. Er streckte seine Hände vergeblich nach ihr aus. „Mein liebes Mädchen, nimm doch nicht so tragisch. Vermutlich hätte ich es nicht verraten sollen. Aber Sargent oder ich konnten nichts sagen oder tun. Er hat uns einen Eid schwören lassen. Danach fragten wir uns, wie lange Carney es wohl vor dir verbergen konnte. Er hätte es dir selber sagen sollen, hat es aber nicht geschafft. Warum sollten wir es tun?“

Isabel drehte sich plötzlich um. Die Zigarette fiel Skane aus der Hand. Er hatte erwartet, sie weinen zu sehen, und sie weinte auch, aber der Ausdruck von Ärger in ihrem Gesicht war einem nahezu wahnsinnigen Ausdruck von Glück gewichen, der ihn schockierte. Einen Augenblick dachte er, sie habe den Verstand verloren. Und in diesem seltsam rauen Ton, als ob flinke Füße durch trockenes Gras rascheln rief sie, „Du hast nicht recht! Er hat sich der Tatsache gestellt. Er hat seine Blindheit vor mir verborgen, weil er mich schützen wollte. Verstehst du denn nicht? Er liebte mich – er liebte mich diese ganze Zeit. Er zwang sich dazu, sich von mir abzuwenden in diesen traurigen Wintermonaten, damit ich glauben sollte, er habe genug von mir. Um meinetwillen wollte er auf die einzige Freude verzichten, die er jemals in seinem Leben hatte – nur um meinetwillen! Wer von euch anderen hätte das fertiggebracht? Wer von euch hätte nur halb so viel Mut oder Liebe für mich gehabt?“

„Jetzt gehst du zu weit“! protestierte Skane. „Es ist nicht fair einen solchen Vergleich anzustellen. Ich liebe dich genauso wie Carney es jemals tat – sogar mehr! Ich bin völlig verrückt nach dir, und du weißt es.“

„Blind!“ rief sie aus mit dieser unterdrückten Stimme, als habe sie nicht zugehört, als sei Skane gar nicht anwesend. „Ich war die Blinde – ich! Die, die nicht gesehen hat! Die, die nichts gewusst hat! Und alles das lag allen anderen klar vor Augen, außer mir!“

Skane betrachtete sie prüfend. Ihr strahlendes Gesicht verwirrte ihn. Ein bisschen sentimentale Aufregung bei der vollen Erkenntnis von Carneys Unglück war bei einer Frau verständlich und natürlich, dachte er, aber den Ausdruck ungehemmter Freude, der sie jetzt so verändert hatte, konnte er nicht verstehen.

„Aber,“ sagte er in vernünftigem Ton, „du kannst schließlich nichts daran ändern. Du musst dein eigenes Leben führen. Und was ist mit mir?“

„Ich gehe nach Marina zurück.“

Er reagierte heftig darauf, als habe sie angekündigt, sie wolle sich die Kehle durchschneiden. „Um Himmels Willen, Isabel, reiß dich zusammen. Du kannst nicht dorthin zurück.“

„Oh ja, ich kann, Greg. Und ich werde gehen. Du hast doch gesagt, dass die Elgin in zwei Tagen abfährt? Siehst du denn nicht, wie wunderbar sich alles fügt – als ob es so bestimmt wäre? Matt und ich kamen zuerst auf so sonderbare Weise zusammen; dann die Laune, die mich nach Marina brachte; und mein Wunsch, etwas zu tun – „etwas zu tun zu haben“ – das mich dazu brachte, den Morsecode zu lernen. Erinnerst du dich an den Tag, als wir ihn überredeten, mir eine Wache zu überlassen? Siehst du denn nicht, dass in all dem ein bestimmter Sinn liegt?“

Skane starrte sie an. „Du meinst doch nicht etwa, dass du alles, was das Leben Gutes zu bieten hat, hinwerfen und zurückgehen willst auf diesen unfruchtbaren Haufen Sand, um für Carney – eine Lampe zu sein?“

Sie warf den Kopf zurück und lächelte. „Ja – ja, das ist es. Eine Lampe für Carney! Ich habe immer davon geträumt, dass mich ein Mann ganz und gar liebt – vollkommen – absolut – wie Matthew mich geliebt hat. Aber Liebe allein reicht nicht. Was ich immer wollte – mein ganzes Leben lang, war, dass jemand mich brauchte, unbedingt und vollkommen; das Gefühl, etwas zu tun, das eine Bedeutung hatte, was niemand anders tun konnte; das Gefühl, eine sinnvolle Aufgabe im Leben zu haben und mich nie mehr allein zu fühlen. Das ist es, was ich wirklich wollte. Bisher erschien alles vage und ohne Zusammenhang, ohne Klarheit, lauter Einzelheiten. Aber jetzt wartet das alles für mich auf Marina, trotz meiner Torheit und Ahnungslosigkeit!“

Skane war erstaunt und wandte seine Augen ab von ihrem strahlenden Gesicht. Er kickte einen Zweig in die Strömung des Baches, beobachtete, wie er zuerst ziellos am Rand entlang trieb und dann über die Schwelle des alten Dammes rutschte, und talwärts schwamm bis ins Meer. Von dem Augenblick an, als Isabel ihn hierhergebracht hatte, hatte er überlegt, wann wohl der richtige Zeitpunkt gekommen sei, an dem er sie in die Arme nehmen und ihre zweifelnden Fragen mit seinen Küssen beenden würde. Er war zuversichtlich gewesen, dass sein eigenes starkes Begehren wie ein elektrischer Funke auf sie überspringen würde, sobald er sie berührte. Aber der Augenblick war nie gekommen. Ihr Gesichtsausdruck befremdete ihn jetzt. Er betrachtet sie ungläubig und bestürzt von der Seite, so wie ein Wilder, der im Wald einem Verrückten begegnet, diesen vielleicht als Wesen betrachtet, das die Götter berührt hatten.

„Komm!“ befahl sie und begann, den unebenen Pfad hinunter zum Auto zu eilen.

Als sie beim Hotel anhielt, um ihn aussteigen zu lassen, schloss Skane langsam die Autotüre und legte dann wartend die Hände oben auf die Türe. Der begeisterte Ausdruck lag nicht mehr auf ihrem Gesicht und Vorübergehende erkannten sie wieder als die gefasste junge Frau, die für Old Dollar-Bibelfest arbeitete. In den grauen Augen jedoch sah Skane ein tiefes, helles Glück leuchten, das er nie zuvor darin bemerkt hatte. Es ärgerte ihn. Es war, als habe er nie existiert.

„Sag mir,“ fragte er, „Falls ich den Mund gehalten hätte und Carneys Rätsel nicht für dich gelöst hätte, wäre dann alles anders gekommen?“

Sie reichte ihm die Hand und lächelte ihn strahlend an. „Leb‘ wohl, Greg. Ich werde immer dankbar sein.“

„Was wäre gewesen, wenn?“ wiederholte er und hielt ihre Hand fest. Sie entzog sie ihm mit einem festen kleinen Ruck und legt sie entschlossen auf das Steuerrad. Ihre Lippen zuckten und verzogen sich zu einem schwer lesbaren Ausdruck.

In diesem Moment kam sie Skane vor wie eine Verkörperung Evas, weich und entschlossen zugleich, weise und töricht, prüde und kühn, ein impulsgesteuertes Wesen und trotzdem seltsam rational, natürliche Beute des Mannes, seiner Täuschungsmanöver und seines Begehrens und trotzdem seine Meisterin in diesen und allen Dingen, unergründlich und ewig. Amen. Seine Küsse, seine Umarmungen, alle die heißen intimen Zärtlichkeiten am Inselteich waren über sie hinweggegangen wie ein Sommersturm in den Dünen, ohne eine Spur zu hinterlassen.

„Das ist ein Rätsel, Greg, das du selber lösen musst,“ sagte sie, trat auf die Kupplung und legte den Gang ein.

Das Auto fuhr schnell davon in die Richtung von Halletts Haus. Er stand vor dem Hotel auf matschigem Boden zwischen abgefallenen Blättern.

 

KAPITEL 37

 

Der Zug rollte zuckelnd durch das Tal, vorbei an Landstädten, die Kingsbridge glichen. Kleine rote Bahnhäuschen, weiße Farmhäuser, geschindelt oder bretterverkleidet, glänzten in der Sonne und Meile um Meile standen Obstbäume wie Marscheinheiten auf den Feldern. Meistens waren sie kahl und machten – ebenso die Büsche entlang der Straßen – nach dem Sturm einen zerzausten Eindruck. Die Herbstsonne tauchte alles in ein bernsteinfarbenes Licht, doch die Luft war klar und die Berge erschienen so nahegerückt, als könnte man einen Kieselstein nach ihnen werfen und sie treffen.  

In Windsor rumpelte der Zug über eine tiefe Schlucht aus rotem Schlamm und schickte Rauch durch die Hauptstraße der Stadt. Hier war das Anbaugebiet für Obst zu Ende. Der Zug stieß ein trauriges Heulsignal aus und fuhr in einen düsteren Fichten- und Föhrenwald. Es gab plötzliche Lücken, wo kleine Flüsse zwischen kahlen Ahornzweigen durchschimmerten und manchmal erschien eine steinbedeckte Lichtung, eine baufällige Hütte tauchte auf und verschwand wieder. Mitunter kamen die Schienen aus dem Wald und verliefen neben der Autostraße, wo man Felder und am Wege liegende Farmhäuser sah und gelegentlich befanden sich an den Kreuzungen kleine Weiler mit einem Geschäft, einer roten Benzinpumpe, einer Kirche oder einer kleinen Sägemühle mit ihrem gelben Haufen Späne und dem hohen Kamin, der den Rauch brennender Holzschwarten heraushustete.  

Als der Schaffner durch die Wagen ging und „Nächste Station Bedford! Bedford!“ ankündigte, setzte sich Isabel aufrecht hin und ihr Herz tat einen kleinen Sprung. Nach Monaten auf dem Land ist der erste Anblick von Salzwasser immer aufregend, aber jetzt – jetzt bedeutete er alles. Der Zug eilte neben einem kleinen Fluss dahin, vorbei an den Schießplätzen der Garnisonstruppen und plötzlich war es da, das friedliche Wasser von Bedford Basin, rötlich beleuchtet von der untergehenden Sonne; und weit jenseits seiner glatten Oberfläche lagen die Außenbezirke von Halifax, das sich hinter einer rauchigen Wolke verbarg. Sie erinnerte sich noch an die Zeit, als auf dieser großen Ankerfläche viele Schiffe lagen und auf Eskorte warteten, und von den Transportschiffen ertönte die Musik von Militärkapellen, die „Lancelot“ in den Krieg begleiteten. Jetzt war alles leer, bis auf ein paar Vergnügungsboote. Ringsum von Hügeln eingeschlossen, gleich einem Schüsselrand, schien das Basin kein Teil des Hafens oder des Meeres zu sein.

Die Lokomotive zog ihre Rauchfahne über den kurvigen Uferbereich. Dann heulte sie wieder und fuhr schnell zwischen steilen Felswänden durch, die das Abendlicht verdunkelten und den Reisenden die Sicht nahmen, so dass sie nur noch einander sehen konnten, wie sie in plötzlichem Dämmerlicht Mäntel, Hüte und Handgepäck zusammensuchten. Aus Rauch und Dampf gemischte Schwaden zogen an den Fenstern vorbei; erneut Tageslicht, letzter Lichtschein eines Herbstabends, rote und grüne Lichtpunkte von Schaltstellen glitten vorbei, dann wurde der Zug langsamer und schwenkte ein in eine Vielzahl von Schienensträngen, die sich verzweigten wie das Delta eines Mississippi aus Stahl, der zum Meer hinabfloss und immer breiter wurde. Isabel konnte Schiffsmasten sehen. Dann kam schließlich das Eintauchen in die weite rußige Höhle des Bahnhofs von Halifax. Elektrische Lichter glänzten von oben aus dem rauchigen Dampf wie Reihen kleiner Monde, Gepäckwagen rumpelten, Zeitungsjungen schrien, Menschen rannten, riefen, umarmten und küssten sich; gestiefelte Soldaten, dicht gereiht, und das beste von allem, der vertraute Anblick von lachenden pfeifenden Seeleuten mit ihren Seesäcken auf den Bahnsteigen.

Auf die Frage des Taxifahrers, „Wohin, Miss?“ zögerte sie. Sie hatte immer in Pensionen übernachtet oder in privaten Unterkünften und sie stellte verärgert fest, dass ihre einzige Bekanntschaft mit Hotels das Boston House in Kingsbridge war und jene eine Nacht im schäbigen Travelers Arms. Jedoch auf dieser jetzigen entscheidenden Reise wollte sie nur das Allerbeste für sich. Das Queen Hotel war, wenn die Legislaturperiode lief, die Unterkunft für die Regierungsmitglieder. Sie hatte gehört, dass jedes Zimmer ein Telefon hatte. Es erschien ihr als die vornehmste Bleibe mit dem größten Luxus. „Zum Queen“, antwortete sie.

Eine halbe Stunde später saß sie bestens angezogen beim Abendessen im Zentrum der politischen Elite von Nova Scotia. Zurück in ihrem Zimmer ging sie zum Telefon, zögerte aber. Natürlich war Hurds Büro jetzt geschlossen. Sie überlegte, ob sie ihn zu Hause anrufen sollte, dachte aber daran, wie sehr er es hasste, nach Büroschluss gestört zu werden und gab es nach kurzem Zweifel auf. Sie brannte jedoch vor Ungeduld und fürchtete, dass Skane über das Datum von O’Dells Abreise nach Marina falsch informiert war. Angenommen, die Lord Elgin war bereits aufgebrochen? Dann musste sie bis zum Frühjahr warten. Ein schrecklicher Gedanke! Mehrmals ging sie zum Telefon, entschlossen, Hurd aus seinen abendlichen Vergnügungen zu reißen, wenn nötig aus dem Bett – und jedes Mal ließ sie es bleiben.

Leider hatte sie nichts zum Lesen mitgebracht und zu einer Show wollte sie auch nicht gehen. Nichts das auf einer Bühne oder einer Filmleinwand gezeigt wurde, konnte so bedeutsam sein wie ihr eigenes kleinen Drama. Sie dachte an die Insel weit draußen in der Nacht mit ihren Lebenden und ihren Toten, alle umgeben und eingeschlossen vom Meer, und dabei kamen ihr die Lichter, der Lärm und das menschliche Gewimmel der Stadt nahezu widerwärtig vor. Wie selbstbezogen und bedeutungslos alle diese Leute wirkten. Sie lebten vom Meer und bekannten sich auch dazu im Wahlspruch des Hafens15) und doch strebten sie jeden Tag aus ihren Geschäften und Büros, ihren Docks und Anlegestellen, ohne einen Gedanken an das, was jenseits des Hafens geschah. Mitunter lasen sie in den Zeitungen, dass ein Dampfer einen anderen im Nebel gerammt hatte, dass ein Schoner im Sturm gesunken sei, dass man Fischer in einem Flachboot auf den „Banks“ vermisste oder ein Hummerfangboot auf Nimmerwiedersehen von der Küste weggetrieben worden sei; und immer ging es um den Tod von Männern, die noch vor wenigen Nächten auf der Water Street der Mädchen pfeifend nachgewunken hatten. Aber keinen kümmerte es.

Isabel wusste nichts von den Phrasen, die in den kommenden Zeiten so abgenutzt und fadenscheinig werden würden. Als sie vom Hotelfenster auf die Straße hinuntersah, kam ihr nicht einmal andeutungsweise der Gedanke, dass sie auf die schöne neue Welt blickte, in der Helden lebten, die Welt der verlorenen Generation, demokratisch geprägt im Sinne von Jazz, illegalem Whiskey und Geld, das auf den Bäumen wuchs, eine Ära voll wunderbaren Unsinns, die den Abwärtstrend von 1921 ignorieren und weitermachen konnte, bis zum Zusammenbruch von 1929. Auf und ab, die Bürgersteige entlang, sah sie die Köpfe von Männern und Frauen und sie schaute mit Unmut und Verachtung auf sie herab. Wieder kam ihr Carneys Gestalt in den Sinn, wie sie auf diesen Straßen wanderte, der blonde bärtige Mann vom Meer voll einfacher Würde, eine verlorene, einsame Figur im Gedränge der Menschenmenge. Sie sah ihn vor sich, wie er vor dem Postamt stand und ernst aufblickte zu jenem absurden Soldaten auf dem südafrikanischen Denkmal und auf die blasse junge Frau aus Hurds Büro wartete. Jetzt konnte sie lächeln, wenn sie an sich selbst dachte, wie sie sich ihm unsicher anschloss und hoffte, dass keiner ihrer Bekannten sie mit diesem eigenartigen Menschen sah, wobei sie inständig hoffte, dass der Abend schnell vorbei sein werde.

Mit diesen Erinnerungen an ihre zunächst missliche Freundschaft und deren Höhepunkt füllte sie die schlaflosen Momente der Nacht, denn ihre Aufregung hinderte sie daran, richtig zu schlafen. Die kleinen gelben Förderwagen des Hafens rumpelten dröhnend am Hotel vorbei, die Reklamelichter warfen einen blau-weißen Schein in das Zimmer und die Stimmen von Vorübergehenden drangen bis in die frühen Morgenstunden zu ihrem Zimmer herauf. Als die Stadt endlich ruhig dalag – ein großer toter aufgebahrter Riese, dachte sie nur noch an den Morgen, lag ausgestreckt auf dem Rücken im großen Hotelbett und betete inständig darum, dass die Lord Elgin war, wo sie sein sollte und an ihrem Ladeplatz in Dartmouth Waren lud.

Morgens um Viertel vor neun lief sie inmitten der täglichen Menschenmenge zum Büro, als sei in den vergangenen vierzehn Monaten nichts weiter geschehen und sie wie alle anderen auf dem Weg zur Arbeit. Beim Eintritt ins Büro fand sie das Vorzimmer und den Diktierraum verlassen vor. Offenbar hielten sich Miss Benson und das neue Mädchen noch auf dem Postamt auf, um die Post mitzunehmen. In Hurds Sanctum hörte sie ein Geräusch. Sie klopfte an die Türe und trat ein. Er hängte gerade seinen Bowlerhut und den Mantel auf den Ständer hinter seinem Schreibtisch. Als er zufällig aufsah, machte er ziemlich große Augen.

„Miss Jardine – Mrs. Carney, wollte ich sagen! Ich war so daran gewöhnt, Sie hier stehen zu sehen, dass ich für einen Augenblick ganz verwirrt war. Wo um Himmels Willen sind sie gewesen?“

„Ich habe mich auf dem Land erholt,“ entgegnete Isabel ruhig. Er korrigierte den Sitz seines Zwickers und sah sie von oben bis unten prüfend an.

„Sie sehen sehr gut aus. Sind Sie wieder völlig hergestellt?“

„Oh ja; und jetzt bin ich auf dem Weg zurück nach Marina,“ sagte sie leichthin, aber sie hielt den Atem an, bis er antwortete.

„Also dann. Nun, Sie brauchen nicht zu eilen. Die Elgin hat soeben erst damit begonnen, die Winterversorgung für die Insel zu laden und es wird noch zwei Tage dauern – mit der vielen Kohle und so weiter. Es ist Post da für die Funker. Möchten Sie sie mitnehmen, oder soll ich sie in den Postsack legen? Es sind auch ein oder zwei Pakete mit Bestellungen dabei.“

„In dem Fall legen sie sie besser in den Postsack – bis auf Matthews Post. Die nehme ich mit. Ich muss noch einkaufen gehen. Wären Sie so freundlich, Kapitän O`Dell zu benachrichtigen und eine Kabine für mich zu buchen?“

„Ja, natürlich.“ Hurd saß am Schreibtisch und richtete seine Krawatte. „Und Sie wollen diesmal bleiben? Mögen Sie denn das Leben dort draußen wirklich, wenn ich fragen darf?“

„Wenn ich die Wahl habe, lebe ich lieber dort als hier.“

„Haben Sie denn diesen Skane getroffen? Er hatte eine Botschaft für Sie und wollte sie Ihnen unbedingt überbringen.“

„Ja. Es war schließlich nicht so wichtig.“

Sie hörte Miss Benson hereinkommen, begab sich in den vorderen Teil des Büros und schloss Hurds Türe hinter sich. Die neue Schreibkraft, eine kleine Brünette, deren Rock genauso kurz war wie der von Miss Benson, sprach gerade im Vorzimmer lebhaft mit einem jungen Schiffsfunker in einer messing-glänzenden Uniform. Miss Benson saß an ihrem Pult und schaute ein wenig betreten.

„Halloo!“ sagte sie genauso erstaunt wie Hurd. Sie gehen nach Marina zurück? Tatsächlich?“

„Tatsächlich.“

„Wie geht es Ihnen?“

„Wunderbar.“

„Ich muss sagen,“ entgegnete Miss Benson neugierig, „So sehen Sie auch aus – als ob Sie dort unten bei der Fähre in Dartmouth einen Liebhaber treffen. Setzen Sie sich doch und erzählen Sie.“

„Es tut mir leid, ich kann nicht. Ich muss noch so viele Dinge erledigen. Ich versuche, nochmals vorbeizukommen, bevor ich mich auf das Schiff begebe; aber falls ich es nicht mehr schaffe – Leben Sie wohl!“

„Das bedeutet, dass Sie nicht mehr kommen.“ Miss Benson nahm die ausgestreckte Hand, drückte sie und dachte Sie sieht überhaupt nicht gut aus, aber warum strahlt ihr Gesicht denn so? Sie wunderte sich immer noch, während Isabel hinaus auf die Straße trat.

Dieses Mal hatte sie mehr Zeit für ihre Einkäufe als damals, bei jenem plötzlichen Aufbruch, und es war gut so, denn es gab viel zu besorgen. Abgesehen von den Sachen, die sie selbst für den Winter brauchte, suchte sie im Geschäft für Männerbekleidung sorgfältig einiges für Matthew aus. Sie kaufte zwei teure Briar-Pfeifen und seine Lieblingssorte Tabak als – vorerst verheimlichtes – Weihnachtsgeschenk; weitere Einkäufe waren Zigaretten für die anderen Funker und verschiedene kleine Geschenke für die MacBains, die Kahns und die Lermonts. Sie ging zu einem Optiker und kaufte das größte und stärkste Vergrößerungsglas zum Lesen, das er hatte. Der Optiker schaute sie neugierig an. „Jemand, der so etwas braucht, sollte eine passende Brille tragen,“ schlug er vor.

„In diesem Fall,“ entgegnete sie, „handelt es sich um jemanden, dessen Sehvermögen sich schnell verschlechtert und dort, wo er lebt, ist es unmöglich alle zwei Monate ein neues Rezept zu besorgen. Bitte wickeln sie es sorgfältig ein, damit es nicht zerbricht. Mein Gepäck wird zuerst auf ein Schiff geladen und dann in ein offenes Boot.“ Er starrte sie an und nickte.

Zuletzt ging sie in das Verwaltungsbüro des Schulministeriums. Ein Mann mit glatt nach hinten gekämmten weißen Haaren und klugen braunen Augen saß hinter einem Schreibtisch und hörte sich mit ernster Miene an, was sie zu sagen hatte. Der Raum war düster und von der Wand schauten gerahmte Fotographien früherer Direktoren der Schulaufsicht auf sie herunter.

„Marina!“ murmelte er. „Das ist doch die Insel, die man den Friedhof des Atlantiks nennt? Ein abenteuerlicher Ort – mit all diesen Wracks. Recht aufregend, würde ich sagen.“

Isabel lächelte verständnisvoll. Das sagten die Leute immer, wenn man Marina erwähnte. Sie stellten sich eine Sandbank vor, gespickt mit malerischen Schiffsruinen, wo die Inselbewohner ununterbrochen damit beschäftigt sind, wagemutige Aktionen mithilfe von Rettungsbooten auszuführen.  

„Ich fürchte, es ist nicht so, wie Sie denken,“ sagte sie. „Heutzutage nicht mehr. Das alles fand ein Ende mit den Segelschiffen. Marina ist lang und niedrig mit seichten Ausläufern an beiden Enden. Man kann es nicht sehen, bis man sich direkt davor befindet. Die Windjammerschiffe scheiterten oft an der Leeseite des Ufers und waren rettungslos verloren. Mit Dampfschiffen ist es etwas ganz anderes.“

„Aber bei Nebel – es gibt doch viel Nebel dort draußen, oder?“

„Ja, natürlich gibt es immer mal Gefahren. Aber heute haben die meisten Schiffe ein modernes Funk-Peilsystem und seit dem Krieg können sie von den Radio-Richtstationen auf dem Festland jederzeit Informationen bekommen. Viele Passagierschiffe haben jetzt ihren eigenen Funkpeiler. Mein Mann sagt, es sei bald soweit, dass sogar das kleinste Lastschiff ihn hat. In der Navigation bleibt bald nichts mehr dem Zufall überlassen.“

Er betrachtete Isabel aufmerksam. Diese nautische Thematik floss ihr leicht von den Lippen. Sie sah weder aus wie eine frühere Lehrerin, noch redete sie so.

„Wie verbringen denn die Inselbewohner ihre Tage?“

„Ja, darauf wollte ich hinaus. Sie betreuen die Leuchttürme und kontrollieren bei schlechtem Wetter die Strände; sie üben Einsätze mit den Rettungsbooten und den Hosenbojen, um auf alle Fälle gerüstet zu sein. Aber die übrige Zeit existieren sie einfach auf Stationen, die meilenweit voneinander entfernt liegen, Monat für Monat, Sommer und Winter, schauen aufs Meer hinaus und warten auf etwas, das fast nie passiert. Und doch müssen sie da sein, im Falle, dass etwas passiert. Stellen Sie sich die Monotonie vor! Diese Monotonie! Man kann nirgends hingehen, nichts lesen – viele von ihnen können nicht lesen – nichts Neues sehen, außer der Dünenabschnitt vor ihrer Nase und die Brandung, die sich weit draußen an den Barrieren bricht. Ein Leben in äußerster Trübsinnigkeit auf einem Ort, der weder Land noch Meer ist; man könnte sagen – ein Halt mitten in einer Sintflut und drei- oder viermal im Jahr taucht eine Arche mit Versorgungsgütern auf!“  

„Und die Menschen,“ fragte er. „Wie sind sie?“

Sie dachte nach, bevor sie antwortete. „In der Mannschaft der Rettungsboote finden sich die unterschiedlichsten Leute, meist sind es unverheiratete Männer, jedenfalls Männer ohne Frauen. Sie kommen und gehen. Die anderen sind echte Inselbewohner, die meisten sind dort geboren. Manchmal ging der jeweilige Posten vom Vater auf den Sohn über oder auf den Mann der Tochter – seit Generationen. Sie sind sehr abergläubisch, was Sie sicher verstehen können, aber sie sind gute Menschen, die treu ihre Pflicht erledigen und immer bereit sind, ihr Leben zu riskieren, falls ein Notfall eintritt. Marina ist ganz entschieden ihre Heimat. Sie kriegen nur wenig Geld, aber Geld bedeutet dort draußen sowieso nicht viel. Sie bekommen ein Haus gestellt, bekommen Lebensmitteln und Brennmaterial geliefert – für ihre Existenz wird also gesorgt. Sie sind zufrieden. Das ist aber das Problem, die echte Gefahr – Nicht-Ausgelastet-Sein in einem Leben, in dem nicht wirklich etwas passiert, außer einer Entenjagd oder einem Reitausflug auf einem Pony. Darüber möchte ich gern mit Ihnen sprechen. Die älteren Leute haben sich damit abgefunden, daran kann man nichts ändern, für sie ist es in Ordnung. Aber ich glaube, die Kinder sollten eine Chance bekommen.“

Er klopfte mit dem Schreibstift auf das Pult. „Wenn ich recht verstehe, schlagen Sie vor, an bestimmten Wochentagen von April bis November, in der Schönwetterperiode, für die Kinder Unterricht anzubieten. Wie kommen die Kinder zum Unterricht? Sie sagten, die Stationen liegen zum Teil weit auseinander und die Insel ist von Osten nach Westen gerechnet etwa zwanzig Meilen lang.“

„Auf den Rücken von Ponys. Für die vom östlichen Ende wird es ein langer Ritt sein. Aber im Fall eines plötzlichen Wetterumschwungs können sie über Nacht bei uns bleiben oder auf der Hauptstation – nur eine Meile entfernt. Die McBains wäre gerne bereit, dabei zu helfen.“

„Haben Sie selbst Kinder?“

„Noch nicht.“

„Ja dann. Natürlich werden Sie verstehen, dass das sehr ungewöhnlich ist. Sie sagten, Sie könnten wohl nur drei oder viermal in der Woche Unterricht geben und in den Wintermonaten überhaupt nicht. Ich fürchte, die Schulkommission wird aufgrund dieser Basis kein Lehrergehalt zahlen.“

„Oh, ich will keine Bezahlung!“ rief sie aus. „Alles was ich gerne hätte, sind ein paar Schulbücher, Schreibstifte, Schreibpapier – solche Dinge – für ungefähr ein Dutzend Schüler.“  

„Wenn das so ist.“ Hinter dem Schreibtisch leuchteten freundliche Augen. „Das können wir ohne weiteres veranlassen. Ich werde mich darum kümmern, dass die Sachen rechtzeitig vor Abfahrt des Schiffes geliefert werden.“ Er erhob sich und streckte seine Hand aus. „Ich muss sagen, das ist nicht nur eine ungewöhnliche, sondern eine herzerwärmende Erfahrung. Es ist wunderbar!“

Isabel errötete. „Ich denke dabei in erster Linie an mich selbst,“ erklärte sie. „Ich habe meine Haushaltpflichten – und muss mich um meinen sehr lieben Mann kümmern – aber mitunter brauche ich, wie jeder auf Marina, auch noch etwas anderes zu tun.“

Sie verließ den Raum, während ihr die eigenen Worte mit einem leicht spöttischen Hauch in den Ohren klangen. Schon wieder dieser schreckliche Ausdruck!

 

KAPITEL 38

 

An einem grauen Novembernachmittag mit kaltem Nieselregen löste die Lord Elgin die Leinen und legte vom Ladeplatz ab. Kapitän O’Dell lud Isabel auf die Brücke ein, um das Manöver zu beobachten. Sie stand an der Steuerbordseite in ihrem einfachen Khaki-Regenmantel, die braune Mütze auf dem Kopf. Rauch hing tief über den Dächern, die langegezogene Hafenanlage glitt vorüber mit ihren vielen Anlegeplätzen für kleine Boote und den dicken runden Hecks der Schiffe, die fast lebendigen Wesen glichen, wie in den Pferdeställen des Jahrmarkts von Kingsbridge.

„Deprimierend, nicht wahr?“ sagte O’Dells Stimme neben ihr. „Ich liebe Halifax, müssen Sie wissen, aber wenn man an einem Tag wie diesem in See sticht, schaut es gottverlassen aus. Der Krieg, vermute ich. Die große Explosion von 1917 ließ die Hafenanlagen und Lagerhäuser zusammenfallen wie einen Haufen Kegel und danach wurden sie planlos aufgerichtet, wie es gerade passte. Jetzt hat ein Wirtschaftseinbruch eine Krise im Schiffsverkehr ausgelöst und ich bin sicher, dass an der Water Street für Jahre kein einziger Farbanstrich mehr getätigt und kein einziger neuer Nagel eingeschlagen wird. Aber alle Häfen sehen mehr oder weniger so aus. Die Bewohner der Stadt schauen hinaus auf das Wasser und alles, was auf ihrer Seite der Stadt liegt, wird in guter Ordnung gehalten. Keinen kümmert es, was Jack denkt, wenn er zur Hintertüre reinkommt. So leben alle auf dieser Welt, wenn man es näher betrachtet; zur Straßenseite hin ist alles sauber gestrichen und mit Glasscheiben ausgestattet, aber der Müll und die toten Katzen liegen auf der Rückseite. Wie gefällt Ihnen die Kabine auf der Steuerbordseite? Sind Sie damit zufrieden?“

Oh ja. Sie ist sehr schön.“

„Tut mir leid, dass ich Ihnen die, die Sie das letzte Mal hatten, nicht geben konnte. Sie wurde von einem Leuchtturm-Inspektor gebucht, der seine Runde macht.

Sie lachte. „Ich hätte sie keinesfalls haben wollen. Ich erinnere mich mit Grauen daran. Sie haben bestimmt nicht vergessen, wie übel mir damals war. Ich hoffe, dass ich mich dieses Mal besser benehme.“

„Halten Sie einfach den Kopf hoch, dann geht alles gut. Das Meer ist seit Tagen friedlich – eine herbstliche Windruhe, wie sie manchmal vorkommt. Ich habe den Wetterbericht gehört, kurz bevor wir ausgelaufen sind. Von Südwesten her zieht eine Front mit Indian-Summer-Wetter auf. In Boston vergehen sie vor Hitze. Auf Marina wartet schweißtreibende Arbeit, bis diese ganze Ladung auf dem Strand liegt, vor allem die Kohle.“

„Wann kommen wir an?“ fragte Isabel gespannt.

„Also, morgen beim ersten Tageslicht umfahren wir die West-Barriere, wenn alles gut geht. Dann hat McBain volle zehn Stunden, alles unter Dach und Fach zu bringen. Freuen Sie sich auf die Rückkehr?“

„Sehr“.

„Aber in Zukunft nehmen Sie sich acht vor Schießgewehren. Dieser Unfall war wirklich eine üble Sache. Ich hörte, dass Carney die Entenjagd aufgegeben hat.“ Die kühlen blauen Augen sahen sie bohrend an. „Ist er plötzlich empfindlich geworden, was seine gefiederten Freunde angeht?“

„Er ist zivilisierter geworden,“ sagte Isabel ruhig. Das kommt davon, wenn man eine empfindliche Frau hat. Ich werde auch eine Gesellschaft gründen zum Schutz der Ponys vor grausamer Behandlung.“

„Gut! Können Sie nicht auch etwas tun zum Schutz für seefahrende alte Burschen, wie McIntyre und mich?“

Vor ihnen im Regen tauchte ein Dampfer in Gegenrichtung auf, und O’Dell entfernte sich und sprach mit seiner hohen Stimme mit dem Steuermann.

Auf der Steuerbordseite erschien ein Yachtclub-Fahrzeug, hochbeladen mit Booten, umhüllt von einer Persenning gegen den Winter. Dann traten der lange steinerne Wellenschutzwall und die dunklen Kiefern von Point Pleasant ins Blickfeld. Isabel hielt intensiv Ausschau nach dem Platz, an dem sie sich so oft allein, in Gedanken versunken, aufgehalten hatte, und wo das erste unvermutete Treffen mit Carney stattfand. Aber der Regen verdarb die Sicht und nur die seeseitige Mauer der alten Geschützstellung hob sich ab gegen die düstere Phalanx der Föhren. Jenseits davon gähnte die Mündung des Northwest Arm, ein nasses Tor ins Nirgendwo, umrahmt von grauen Hängeweiden, die in der östlichen Brise auf geheimnisvolle Weise schmaler oder dichter aussahen, je nachdem wie stark der Wind wehte. Dann kam der hohe massige York Hill in Sicht mit der steilen Straße und der weißen Kirche auf halber Höhe und ganz oben die Festung und die niedrigen Mauern mit den Schießluken. Ein Nebelhorn plärrte vom Hafen her, wo sich nahe und klar die gedrungene runde Form des Leuchtturms zeigte. Jenseits davon lag der langgezogene bewaldete Rumpf von McNabs Island.

Das Schiff hob und senkte sich mühelos in der leichten Strömung, die es – vorbei an Chebucto Head - begleitete. Kurz darauf konnte Isabel an der Steuerbordseite den niederen Hügel von Camperdown sehen: oben der alte Militärsignalturm, weiter unterhalb, der graue hölzerne Flachbau der Funkstation. Nach ein paar Minuten vernahm sie das heisere Funksignal der Lord Elgin durch die Schiffswand. Sofort verwandelte sich der Ton in ihrem Kopf automatisch in eine vertraute Sprache, mühelos, ohne bewusstes Nachdenken. O’Dells Funker rief VCS, jenes graue Gebäude am Hügel, und fragte QRU? – „Hast du was für mich?“

Offenbar hatte VCS nichts, denn in wenigen Augenblicken verschickte das Schiffs-Signal ein paar Punkte, die lockere Art des Funkers zu sagen, „Alles gut“ oder „Ende des Kontakts“, worauf sie einen Motor kurz wimmern hörte, bevor er ganz abgeschaltet wurde. Zufrieden stellt sie fest, dass ihr dieses kleine Stückchen Signalsprache ohne weiteres verständlich war und sie nichts vergessen hatte von all den geduldig absolvierten Unterrichtsstunden und den langen Sitzungen an den Kopfhörern auf Marina. Sie erinnerte sich an Carneys tiefe Stimme: „Sobald du eine oder zwei arbeitsintensive Wachen überstanden hast, gehört dir der Code für immer. Dann ist es einfach eine Sprache, die du beherrschst und nie mehr vergisst, selbst wenn du es versuchst. Du denkst dann – by Jove! – dein ganzes Leben lang in Punkten und Strichen; und sie hörte Skane mit seinem dunklen Grinsen hinzufügen, „Ein schrecklicher Gedanke, nicht wahr?“

Der satte Geruch des Valley, der von abgeernteten Feldern kam und von der feuchten Schärfe der Bergwälder, war verdrängt worden von den abgestandenen Dünsten der Farbanstriche und der Kohlendämpfe des Zuges; diese wurden dann überlagert von den Gerüchen der Stadt, in denen sich Ruß, Schweiß und Benzin mischten, zusammen mit den Ausdünstungen von Tuch, Parfüm und Papier, heißem Essen, warmem menschlichem Fleisch und schalem Atem, die in den Straßen hingen und aus den Türen der Geschäfte und Büros drangen. Aber jetzt war auch das vorbei. Es gab nur noch den Atem des Meeres, den scharfen klaren Geruch von Salz und Seetang, eine ganz besondere Mischung, die erzeugt wurde von den tausenden Quadratkilometern an unverdorbenem Ozeanwasser, das die Luftzufuhr der ganzen Welt beeinflusste.

Der Nordatlantik zeigte sich dieses Mal von seiner ruhigen Seite. Unter dem strömenden Schleier der Regenwolken hob und senkte sich seine Oberfläche bei leichtem Seegang mit majestätischem Gleichmaß wie die Brust einer stürmischen Frau, die schlief und neue Kräfte sammelt für die Leidenschaften des kommenden Tages. Das Schlimme und das Grausame, das Helle und das Schöne des Ozeans, lagen nun verborgen unter dieser riesigen atmenden Haut. Himmel und Horizont verschwammen. Das Schiff, alt und müde wie O’Dell selbst, bewegte sich vorwärts in eine trübe Düsternis hinein und zog eine breite weiße Schleppe hinter sich her, die sich dann in der Dunkelheit hinter dem Schiff verlor. Dieses besaß eine gewisse Eleganz, war auf seine Art schön geformt und hatte einen altmodisch geschnittenen Bug mit einer deutlichen Vorwärtsneigung. Wer es vom Dock her näherkommen sah, hatte immer den Eindruck großer Geschwindigkeit, dabei machte es bestenfalls zehn Knoten, meistens viel weniger. Jetzt, in diesem trüben Wetter, schien es zu kriechen, wobei es ab und zu ein nervöses Muh ausstieß.      

Aber es bewegte sich, und dabei verschwand der undeutliche Strich Land hinter der Regenwand wie ein Schatten, fast wie eine Illusion. Gleichzeitig schwanden all die anderen Illusionen: das Scharren nach Geld, mit dem man keine Sicherheit kaufen konnte, die Sucht nach Vergnügen, die nicht glücklich machte, die mahnenden Predigten, die keine Tugendhaftigkeit erzeugten, der Temperance Act, der Mäßigung verhinderte, der Synkopenlärm, der keine Musik war, die dummen Schmierereien, die keine Kunst waren, die Sprüche an den Toilettenwänden, die keine Literatur waren, das Geflacker  kalifornischer Hurerei, das kein Drama war, die Vermögen, die mit Börsenpapieren gemacht wurden, das staatsmännische Getue, das nur Politik war, der Friede, der nur zu weiteren blutigen Kriegen führte, die ganze schöne neue Welt von 1921, die nur das alte Übel in neuem Gesicht verkörperte. Das Schiff wandte sich ab vom Kontinent gleich einer alternden Herrscherin, die voller Würde einen Palast verlässt, der an aufständische Bauern fällt, und ihr langes weißes Gewand über die grünen Gefilde des Meeres schleppt.  

Am späten Nachmittag hörte der Regen auf. Von der Steuerbordseite her wehte ein warmer, angenehmer Luftzug und eine halbe Stunde später öffnete sich die Wolkendecke im Westen und die Sonne stand am Meeresrand wie ein dicker runder Ball, der einen breiten rötlichen Schimmer über die sanft bewegte Fläche warf. Einen Augenblick später rollte er über den Rand der Welt und verschwand, aber der gesamte westliche Himmel war überzogen von einem blutroten Schwall, dessen  rotgoldene Ausläufer sich am nördlichen und südlichen Horizont festsetzten. Dieses Schauspiel blieb noch lange hoch am westlichen Himmel sichtbar, selbst als rundum bereits Dämmerung herrschte. Im Osten, Richtung Marina, wo bereits die Nacht den hohen Himmel verdunkelte, erschien als Widerschein ein wunderbarer purpurroter Fleck, der sich langsam in der Dunkelheit verlor.  

Isabel verließ widerstrebend dieses großartige Schauspiel, um vor dem Dinner (auf der Lord Elgin ganz einfach Abendessen genannt) zu baden und sich umzuziehen. Es war bereits Nacht, als der Stewart seine Glocke läutete; und wieder fand sich Isabel als einzige Frau im Salon. O’Dell trug seine beste Uniform und sein Blick verriet seine übliche Vorfreude auf das Essen. An ihren Plätzen standen: der erste Offizier, gutaussehend und streng; der schwermütige McIntyre; der Zahlmeister mit seinen grauen verlebten Gesichtszügen, die bei einem so jungen Mann merkwürdig wirkten; und der zweite Offizier mit seiner gesunden Ausstrahlung. Der andere Passagier, ein Mr. Forbes, folgte Isabel auf dem Fuß. Man machte sich bekannt, alle setzten sich und der Stewart servierte die Suppe.

Erneut richtete sich das Interesse der Anwesenden vor allem auf Isabel, aber diesmal konnte sie eine eigene glamouröse Geschichte vorweisen. Als sie das Schiff betrat, hörte sie einen aus der Mannschaft sagen, „die Frau aus Marina ist hier, die Lady, die damals in einer Rettungsschlinge an Bord kam.“ Sie stellte sich der Aufmerksamkeit ihrer Tischgenossen mit ruhiger Gelassenheit. In deren Augen konnte sie eine respektvolle Bewunderung lesen, als sei die Fähigkeit, angeschossen zu werden und davon wieder zu genesen, höchster Auszeichnung wert. Eine Zeitlang zog sich die Unterhaltung etwas hin und stockte dann. Isabel entdeckte jedoch, dass Mr. Forbes, wie so viel andere, die beruflich oft an der Küste entlangfahren mussten, von dem Tag träumte, an dem er sich auf eine schmucke kleine Farm am Festland zurückziehen konnte. Er war ein großer schwerer Mann mit dichten grauen Haaren und haselnussbraunen Augen, die hinter seinen stahlumrahmten Brillengläsern funkelten, als Isabel auf seinen Vorschlag hin, von der Erntezeit im Valley zu erzählen begann. 

Er war begeistert. Sein Essen ließ er links liegen. Er sah aus, als höre er himmlische Musik. Schließlich sagte er mit hochgezogenen Brauen, „Ich verstehe nicht, wie Sie alles das so einfach verlassen können und dem Winter auf Marina entgegensehen. Welch ein Gegensatz!“

„Sie dürfen nicht vergessen, mein Mann lebt dort.“

„Warum überreden Sie ihn nicht, Sie aufs Festland zu begleiten und ein solides Haus auf dem Land zu kaufen?“ Isabel wusste, was er meinte. Überall an der Küste herrschte allgemein die Überzeugung, dass Funker, besonders wenn sie einen Chefposten hatten wie Carney, fantastisch gut verdienten und, nachdem sie ein paar Jahre an einem einsamen Ort verbracht hatten, sich für den Rest ihres Lebens bequem zurückziehen konnten.

„Eines Tages vielleicht,“ antwortete sie bedächtig. „In der Zwischenzeit werde ich völlig zufrieden auf Marina leben. Sobald Sie einen Ort kennen, wissen Sie mit ihm umzugehen. Das Leben ist überall das, was man daraus macht – das Leben auf Marina kann wundervoll sein.“ Forbes blickte auf und erwartete, dem verständnisvollen Ausdruck zu begegnen, mit dem solche Worte über einen solchen Ort gewöhnlich begleitet werden, und sah das Strahlen, das Skane so erstaunt hatte und ihr unscheinbares Gesicht schön erscheinen ließ.  

Später, als die Offiziere gegangen waren und der Stewart den Tisch abgeräumt hatte, saß sie mit Forbes und O’Dell auf dem roten Plüschsofa. Forbes offerierte Zigarren, Isabel zündete sich eine Zigarette an. Der Stewart setzte das Grammophon in Bewegung. Es war ein sehr gutes Modell und stand sicher befestigt auf einem eigenen Regal neben der Anrichte. In die Stille des Salons platzt die Musik des neuesten Foxtrotts. Der warme Südwestwind, der immer noch draußen in der Dunkelheit wehte, hatte sich gedreht und mit ihm die Richtung des Wellengangs. Als sich die Lord Elgin in eine langgezogene leichte Kurve legte, sprang der Arm mit der Grammophon-Nadel ab und zu aus der Rille und glitt über die Schallplatte, wobei Geräusche zu hören waren, die sogar die  afrikanischen Rhythmen der Band an Wildheit übertrafen. Daraufhin trat der Stewart heran und stabilisierte den Nadelbaum mit der Hand.

O’Dell fragte Isabel. „Mögen Sie dieses moderne Zeug? Musik würde ich es nicht nennen.“

„Nein.“

Er winkte den Stewart heran. „Stellen Sie das Ding ab.“ Die Jazzmusik hörte auf.

„Brauchen Sie mich noch, Sir?“

„Nein, Sie können gehen.“

Das Trio auf dem Sofa plauderte noch eine Weile unverbindlich, dann erhob sich Forbes, unterdrückte ein Gähnen und murmelte etwas über den morgigen langen Tag und alle diese verdammten Stufen, die zu bewältigen waren. Er wünschte eine gute Nacht und ging dann mit schweren Schritten zu Bett. Die Vorhänge an den Bullaugen bewegten sich leicht und die Gläser über der Anrichte klickten in ihren Vertiefungen.

„Geht es Ihnen gut?“ fragte O’Dell.

„Alles in Ordnung. Bei dieser ersten Fahrt war ich von Anfang an ganz durcheinander – wir sind so schnell aufgebrochen; auch das Wetter war alles andere als mild, nicht so, wie jetzt.“

O’Dell nickte abwesend. „Es wird am Morgen wohl ein bisschen Brandung am Strand geben. Sie sollten besser an Bord bleiben, bis wir den Großteil der schweren Ladung an Land gebracht haben. Ein Brandungsboot mit leichter Ladung landet problemloser.“

Er blickte dem grauen Rauchfähnchen nach, das von der Zigarre aufstieg, die er in seinen feingliedrigen Fingern hielt.

„Jetzt, wo wir allein sind, würde ich gern mit Ihnen etwas besprechen, aber ich weiß nicht recht, wie ich anfangen soll. Es betrifft Carney. Ich kenne ihn schon sehr lange und ich halte viel von ihm. Ich hatte immer den Eindruck, dass Carney – mehr als jeder andere, den ich kannte – der Vorstellung Gottes entsprach, wie ein Mann sein sollte. Seit kurzem, genauer, seitdem er im Frühjahr ’20 die Insel verließ, hat er sich irgendwie verändert, warum weiß ich nicht. Leute, die ihn nicht gut kannten, sagten manchmal, dass Carney in einem Schneckenhaus lebte, bis jetzt. Das Schneckenhaus gibt es; und drinnen ist er auch.“

„Ja und?“ Isabel hielt den Blick auf den Serviertisch und sein glänzendes Messinggeländer gerichtet.

„Ich nehme an, Sie fragen sich, warum ich das angesprochen habe. Zum Teil, weil ich ahne, dass zwischen Ihnen und Carney eine Entfremdung entstanden war. Ich weiß, das geht mich nichts an, aber wenn ich schon dabei bin, kann ich wohl auch sagen, was ich denke. Da ist aber noch etwas anderes. Als ich im vergangenen Frühling an der Insel vor Anker ging, kam er nicht zum Schiff heraus. Das wunderte mich. Er steuerte immer eines der Surfboote, wenn das Entladen im Gange war. Je rauer das Meer, umso lieber war es ihm. Er und ein paar von den eher wilden jungen Lebensrettern legten mit einem Boot vom Strand ab, wenn die Brandung so heftig war, dass selbst McBain seine Zweifel hatte – und McBain ist ein tüchtiger kleiner Mann. Jetzt hat Carney plötzlich jede Freude an so etwas verloren.

Als ich mich im August an den Stand begab, war er damit beschäftigt, Ladungsgüter aus den Booten an das Ufer hinaufzuschaffen. Er wollte offenbar nicht mit mir reden. Er wollte mir nicht in die Augen schauen – beförderte nur immer Waren hinauf und hinunter. Ich blieb bis zuletzt, unterhielt mich mit anderen Leuten und erst als wir dabei waren, abzuschieben, sprach er mich an, wobei er über meine Schulter irgendwohin schaute. Er fragte dumpf, „Keine anderen Passagiere?“ Ich verneinte, Dann fragte er, „Kein Brief für mich?“ Wieder verneinte ich. Er drehte sich um und sah sehr müde aus. Natürlich hatte er den ganzen Tag wie ein Sklave geschuftet. Da bemerkte ich einen kleinen Goldring an einer Schnur um seinen Hals. Ich habe ihn oft bei schwerer Arbeit mit nacktem Oberkörper gesehen, aber den Ring habe ich nie zuvor bemerkt. Ich dachte mir zunächst nichts dabei, aber nachts in meiner Koje erinnerte ich mich an etwas und ich wurde nachdenklich.

An jenem Morgen war der dritte Offizier mit mir an Land gegangen. Wir stiegen an entgegengesetzten Seiten aus dem Boot  und liefen den Strand hoch, Carney entgegen. Wir gingen etwa in einem Abstand von drei bis vier Meter. Beide trugen wir Uniform und waren ungefähr gleich groß. Sonst sehen wir uns überhaupt nicht ähnlich. Carney stand mit einem seiner Funker am oberen Strand und ich rief Hallo. Er richtete sich auf,  schaute zum Strand hinunter und wandte langsam den Kopf zwischen mir und dem dritten Offizier hin und her. Dann sprach er den letzteren an, rief etwas von leeren Gasfässern, die mitgenommen werden sollten. Sie würden von der Funkstation auf dem Wagen hergebracht und man sollte sie nicht vergessen, und so weiter. Ich fand es seltsam, dass er es zum dritten Offizier sagte und nicht zu mir. Er redete noch, als wir etwa drei Meter vor ihm standen, verstummte plötzlich mit einem verdutzten Ausdruck im Gesicht und wandte seine Augen zu mir. Einen Moment schwieg er, dann fuhr er fort mit dem, was er zu sagen hatte – und verhielt sich so, als ob er die ganze Zeit mich angesprochen hätte.

Danach, wie ich schon sagte, hatte er offenbar keine Lust weiterzusprechen, kein persönliches Wort, keinen kameradschaftlichen Witz, wie wir ihn sonst am Strand immer ausgetauscht haben. Gerade landete ein anderes Boot und einer von den Lebensrettern, der im Frühjahr mit uns, nach Halifax gegangen war, sprang heraus, ein gewisser Blackburn. Er rief laut „Carney Boy!“, Sie wissen schon, wie das alle tun, wenn sie ihn sehen. Er lief den Strand hoch, wie wir zuvor. Carney antwortete mit einem nebensächlichen Hallo, aber als der Bursche etwa drei Meter entfernt war – diesmal achtete ich auf die Entfernung, um sicher zu gehen – grinste Carney plötzlich und rief aus „Blackie!“, als sei ihm der Name nur kurz entfallen. Später in meiner Koje auf dem Schiff, kamen mir diese Dinge wieder in den Sinn. Was meinen Sie dazu?“ 

Isabel wandte den Kopf und schaute in seine tiefliegenden kleinen blauen Augen, die so scharf und lebendig aus diesem müden zynischen Gesicht schauten.

„Ja, ich weiß, was Sie sagen wollen; dass Matthew sein Augenblicht verliert. Die Ärzte meinen, er wird spätestens in einem Jahr blind sein.“

„Dann wussten Sie also Bescheid! Ich war nicht sicher.“

„Ich weiß es jetzt. Ich wusste es nicht, als Sie mich letztes Frühjahr wegbrachten. Er hat es vor mir geheim gehalten. Für ein paar Monate, wollte er nicht glauben, was die Ärzte sagten. Es meinte, es war nur ein plötzlicher Anfall von Kurzsichtigkeit. Erst im Laufe des letzten Winters, wusste er, dass die Ärzte recht hatten. Letztes Frühjahr ritt ich mit ihm im vollen Sonnenlicht über die Insel. Damals konnte er noch auf eine ziemlich weite Distanz Menschen erkennen. Aber das war vor fast sieben Monaten.“

„Aha!“ nickte O’Dell langsam. „Das erklärt vieles.“ Er drückte seine Zigarre im Aschenbecher, der vor ihm stand, aus. „Als Sie im August nicht auftauchten, dachte ich, Sie hätten genug und dass Sie die Insel für immer verlassen hätten. Ich rief ab und zu im Krankenhaus an, wenn wir im Hafen lagen, um nachzufragen, wie es Ihnen geht. Daher wusste ich, dass Sie im August hätten zurückkehren können, wenn Sie gewollt hätten. Carney wusste es auch. Ich konnte es erkennen, wie er sich verhielt, dort am Strand, wenn er nach den Passagieren fragte und nach der Post. Er wirkte sehr einsam. Und später, als ich erkannte, dass er sein Sehvermögen verlor – und wie schnell es ging – war ich noch mehr erschüttert. Mir kam etwas in den Sinn, was er mir früher einmal erzählte.

Sie wissen ja, welch ein begeisterter Leser er war, wie oft er Byron zitierte und andere. Immer fragte er mich nach alten Büchern oder Zeitschriften, die vielleicht im Schiff herumlagen. Es muss um 1917 oder ’18 gewesen sein, als ziemlich viele Leute aus der Navy mit uns die Küste entlang reisten, und einer von ihnen hatte ein Buch über die alten nordischen Könige dagelassen. In englischer Sprache natürlich. Von Zeit zu Zeit nahm ich es zur Hand und las ein wenig darin. Dann gab ich es Carney und sie können sich vorstellen, wie er es verschlang. Das nächste Mal, als ich kam, war er ganz begeistert davon und bestellte ein Buch über nordische Mythologie. Sie wissen ja, dass er selber wie ein Wikinger aussieht. Nicht nur, weil er groß und blond ist, sondern auch seine Art, wie er sich gibt; er wirkt irgendwie vornehm und furchtlos, wie einer dieser alten Meereskönige. Ich habe ihn oft damit aufgezogen und gesagt, er sei der lebende Beweis dafür, dass die Wikinger in Neufundland gelandet sind. Er mochte das nicht und begann, über etwas anderes zu sprechen.

Einmal – wir standen am Strand – erzählte er mir von den alten nordischen Glaubensvorstellungen. Es muss im Frühjahr `20 gewesen sein, die Zeit in der er sich aufmachte, die Augenärzte zu konsultieren. Er sprach über Ran, die Göttin des Meeres. Sie hatte Höhlen am Grunde des Ozeans, eine Art Fiddler’s Green für ertrunkene Seeleute mit Unterhaltung und Speis und Trank und jeder fand eine Nymphe, die der Frau glich, die er im Leben am liebsten hatte. Eine ganz wunderbare Sache. Aber es gab einen Haken. Die Lady Ran erwies sich als profitgieriges Wesen. Kein Seemann durfte hinein, der nicht ein wenig Gold besaß, um für die Unterkunft zu bezahlen. Ein wenig von dem echten gelben Zeug – nichts anderes wurde akzeptiert. Deshalb trugen die alten nordischen Seeräuber immer ein goldenes Armband, einen Ring, ein Amulett oder etwas Ähnliches auf ihren Fahrten. Damit sie notfalls gerüstet waren; eine Art Lebensversicherung für das Jenseits. Carney und ich lachten darüber, als er mir das erzählte. Aber dann sagte er ganz im Ernst. ‘Das ist natürlich Quatsch, aber die Idee ist irgendwie grandios. Wenn das Schiff unterging, oder der Kampf verloren war, wenn es keine Hoffnung mehr gab, konnte ein Mann sich sinken lassen mit dem Gefühl, alles werde gut sein.‘ Dabei zeigte er mit seinem starken rechten Arm zu den Untiefen weiter draußen, wo sich die Wellen brechen und wo er oft schwimmen ging.“

Isabel erhob sich und starrte ihn mit großen aufgerissenen Augen an. „Was wollen Sie damit sagen?“

„Ich versuche nur zu erklären,“ antwortete O’Dell ruhig, „warum ich keine Worte dafür fand, wie froh ich war, als ich Sie heute Morgen die Gangway heraufkommen sah. Meine Liebe, Sie waren der erfreulichste Anblick, den ich mir vorstellen konnte.“   

 

KAPITEL 39

 

Sie war schon lange vor Tagesanbruch wach. Als die Lord Elgin die Westbarriere umrundete, hatte sie sich bereits gewaschen und angezogen und war damit beschäftigt, ihre Sachen zu packen und die vielen Pakete zu kontrollieren, die fast die halbe Kabine ausfüllten. Sie legte gerade ihr Nachthemd in den Koffer, da berührten ihre Finger ein Stück Papier und sie zog die alte Heiratserlaubnis hervor. Eine Zeitlang stand sie nachdenklich da. Das Dokument war hier wertlos. Sie hatte es nur aus sentimentalen Gründen behalten und aus dem Gefühl heraus, dass damit ihre Beziehung zu Carney einen ehrenhaften Anstrich bekam. Lächerlich! Ihre Verbindung stellte eine Form von Bestimmung und Vollkommenheit dar, die aus sich selbst heraus Geltung besaß. Das Leben hatte sie beide auf diese ferne Insel verschlagen, auf der die übliche Bürokratie nichts wert war. Eine Ehe zwischen Gestrandeten. Was dieses Stück Legitimation anging, ein gedrucktes, mit Tinte bekritzeltes Papier, hatte es seine Bedeutung verloren, zusammen mit der Welt, zu der es gehörte, und die sie hinter sich gelassen hatten. Langsam und entschlossen zerriss sie das Ding in Stücke und ließ sie aus dem Bullauge flattern.

Mit ruhigem, gefasstem Gesicht erschien sie zum Frühstück, schaute zu, wie die Luken geöffnet wurden, die Boote längsseits anlegten, die Ladebäume vor und zurückschwenkten – im Hintergrund die weiße Brandungsgischt am fernen Ufer.  

Für die Männer aus der Besatzung wirkte sie wie eine Frau, die zufrieden von einem Urlaub auf dem Festland zurückkehrt. Die schwere Ladung kam zuerst, die Fässer mit Benzin, Kerosin und Schmieröl, die Kohle, aufgeteilt in Portionen von je hundert Pfund, damit man die Säcke in den Booten besser handhaben konnte, die kleinen harmlos wirkenden Zylinder mit Quecksilber, die so unbedeutend aussahen, aber ausgesprochen schwer waren, die Ballen mit gepresstem Heu, die Fässer mit gesalzenem Rind- und Schweinefleisch, mit Mehl, Zucker und festem Sirup, die Salzfässer und die Maschinenteile.

Die Mittagszeit war nahe, als sie sich von den Offizieren verabschiedete und die Strickleiter zum Boot hinunterkletterte. Forbes und O’Dell folgten ihr. Der Kapitän hatte auf diesen Moment gewartet und seine übliche Staatsvisite am Ufer hintangestellt. Er brannte vor Neugier. Während der Fahrt zum Strand richtete er immer wieder schräge Blicke auf das gefasste Gesicht der jungen Frau im Heck. Wie er vorausgesagt hatte, gab es ein wenig Seegang am Strand. Nichts, worüber man sich Sorgen machen musste, aber er betrachtete etwas zweifelnd Isabels elegantes Kleid und ihre Beine in Seidenstrümpfen. Er lehnte sich zu ihr hin.

„Wenn wir einfahren, sollten Sie sich besser von einem der Bootsleute aus der Brandung tragen lassen.“

„Ich komme schon zurecht.“

„Sie hätten Stiefel und Hosen anziehen sollen,“ sagte er streng. Der Mann am Steuer wartete auf den richtigen Moment. Auf der Höhe einer langen grünen Woge feuerte er seine Ruderer an. Das Boot fuhr ein. Fast so gut, wie Carney es immer meisterte, als seine Augen noch in Ordnung waren, dachte O’Dell. Kein Tropfen lief über den gedeckten Bootsteil, bis der Kiel den Sand berührte und die Welle brach. Eilige Inselbewohner tauchten neben dem Boot auf. Sie hielten es am verschalten oberen Teil fest oder griffen nach den empfindlichsten Teilen der Ladung. O’Dell wandte sich umgehend an den Steuermann und befahl ihm, Mrs. Carney hinaus aufs Trockene zu tragen. Aber es war verschwendete Liebesmüh.

Er hatte kaum ausgesprochen, als Isabel auf die Sitzbank trat und von da auf die Bootsbedeckung. Im nächsten Augenblick stand sie bis zu den Knien im Wasser und watete eilig ans Ufer. Der Kapitän sprang aus dem Boot und folgte ihr, blieb aber auf dem trockenen von Fußspuren durchzogenen Sand stehen. Die heiße Mittagssonne fiel nun voll auf den Strand und die warme Luft bildete einen angenehmen Gegensatz zum schneidend kalten Wasser. Der Zauber des Indian Summer, der in nördlichen Ländern nach den ersten Frösten einsetzt, hatte eine nahezu tropische Hitze auf der Sandinsel Marina ausgelöst. Die Dünen waberten wie im Juli. In der Fata Morgana Richtung Osten neigte sich die Spitze des Funkmastes in einem schiefen Bogen nach unten, die Brandung an der langen Kurve vor Nummer Zwei schien direkt in die Luft zu springen wie die Fontäne großer Wale, und der West-Leuchtturm bewegte sich auf und ab gleich einem verrückten phallischen Monument.

Die sonnverbrannten Männer am Strand starrten auf die schlanke Gestalt, die mit nassem Kleid, das an ihren Beinen klebte, aus dem Meer stieg. Kapitän O’Dell aber schaute an ihr vorbei. Carney stand bei einem Haufen Waren am oberen Teil des Strandes, wo sich, wie es Brauch war, auch die kleine Gruppe der Inselfrauen aufhielt. Wie die meisten Männer von der Insel trug er bei dieser Arbeit nur Hosen und Stiefel. Seine Haut glänzte nach den sommerlichen Aufenthalten an der freien Luft wie frische Bronze. Er überragte die Gestalten der Frauen beträchtlich, als habe ein Bildhauer weniger wichtige Figuren einer symbolischen Gruppe neben sein zentrales Studienobjekt gestellt. Von dem Mädchen, das den Strand hinaufrannte, hörte man nur einen einzigen Ruf:

„Matthew!“

O’Dell sah, wie Matthew zusammenfuhr und seine Augen mit der Hand abschirmte gegen den blendenden Glanz des Wassers. In dieser Haltung, dem kurzen Bart und dem in der Sonne schimmernden Haar sah er – by Jove! – wie einer dieser nordischen Könige aus, direkt der Heimskringla entsprungen! Man suchte den geflügelten Helm und die lange Kriegsaxt, erblickte aber nur ein Stückchen Gold, den Tribut für Ran, an einer Schnur auf seiner Brust. Er schaute verständnislos in Richtung der heraneilenden weiblichen Gestalt. Als sie ihn fast erreicht hatte, verschwand auf einmal der finstere Ausdruck und verwandelte sich in ein staunendes Lächeln, das immer strahlender wurde. Sie lag schluchzend an seiner Brust, umschlungen von seinen starken bronzefarbenen Armen, als fürchte er, das Meer könnte sie wieder zurückfordern.

„Lotgenau getroffen“, murmelte Kapitän O‘Dell – „kein Inch daneben,“ als handelte es sich um ein wichtiges Ereignis, das auf der Karte vermerkt gehörte. „Mittagszeit – volle Beleuchtung!“ Er wandte sich ab und schluckte. An und für sich verabscheute er Emotionen und er sammelte all seinen Zynismus, um ein abschließendes Urteil über diese Angelegenheit zu fällen. Frauen! Was für seltsame Kreaturen! Einerseits Leidenschaft, Tränen und Küsse, gierig nach leichtem Leben und Vergnügen, andererseits auf makabere Art und Weise bereit zu Opfer und Martyrium. Und doch – wer wusste schon, was auf dem Grunde ihres Herzens vor sich ging? – Isabel Carney war zwar nicht hübsch im landläufigen Sinn, aber sie hatte eine recht gute Figur. Sie besaß die reife Attraktivität schlanker Frauen Anfang dreißig; sie war auf dem Höhepunkt, könnte man sagen und sie wusste es. Vermutlich war sich diese intelligente junge Frau völlig darüber im Klaren, dass in Zukunft, wenn Carney sie nicht mehr sehen konnte, sie in seiner Vorstellung immer so sein würde, wie sie jetzt war, dass sie für ihn immer jung sein würde; ihr Haar immer weich und glänzend braun, ihre Haut klar, ihre Augen hellgrau, ihre Gestalt, die einer Nymphe, die aus dem Meer auftaucht. By Jove! Welche Frau würde nicht um der Liebe willen und unter solchen Aussichten, die Welt hinter sich lassen, sogar für eine Wüste wie diese?

Nachdem seine Überlegungen ein Ende gefunden hatten, erschreckte Kapitän O’Dell die gaffenden Bootsmänner mit einem plötzlichen Ausruf.

„Setzt euch in Bewegung! Meint ihr, ich will hier am Strand Wurzeln schlagen, bis der Winter kommt?“

 ENDE

November, 1948 – April, 1950

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Anmerkungen

1) Ballade (1832) von Alfred Tennyson, in der er Themen aus dem Artusroman aufgreift. Die schöne Elaine ist durch Zauber in einen Turm verbannt, wo sie einen Phantasie-Teppich webt. Sie darf nicht aus dem Fenster sehen. In einem Spiegel sieht sie Sir Lancelot vorbeireiten und verliebt sich in ihn, schaut aus dem Fenster und der Spiegel zerbricht. Sie besteigt ein Boot, das nach Camelot treibt. Ihre Kräfte schwinden. Die Artusritter finden sie tot und staunen über ihre große Schönheit.

2) Kanada war bis 1768 eine britische Kolonie und die britische Monarchie ist (bis heute) Staatsoberhaupt von Kanada.

3) Kinderreim / Bezug zur englischen Stadt Banbury in Oxfordshire: Ride a cock-horse to Banbury cross/To see a fine lady upon a white horse/Rings on her fingers and bells on her toes/And she shall have music wherever she goes.

4) Anspielung auf das Bethlem Royal Hospital; traditionsreiche psychiatrische Klinik in England

5) Percy Bysshe Shelley

The Waning Moon

And like a dying lady, lean and pale,
Who totters forth, wrapped in a gauzy veil,
Out of her chamber, led by the insane
And feeble wanderings of her fading brain,
The moon arose up in the murky East,
A white and shapeless mass.

Abnehmender Mond („moon“ ist im Englischen weiblich)

Und einer todgeweihten Dame gleich,
Die blass und schmal
Aus ihrem Zimmer taumelt,
Angetan mit einem dünnen Schal,
Von matten kraftlosen Impulsen
Ihres kranken Hirns getrieben,
Erschien ostwärts im Trüben
Der Mond in bleicher Ungestalt.

(deutsche Übersetzung Heide Fruth-Sachs)

6) Sir Humphrey Gilbert (1539-1583), englischer Abenteurer, Parlamentarier, Entdecker, Soldat während der Regentschaft von Königin Elizabeth I.- Pionier der Kolonisierung in Nordamerika. Delight war der Name seines Schiffes.

7) Solitude / Einsamkeit von George Gordon Noel (Lord) Byron (1788-1824)

(Es handelt sich hier um eine Verwechslung. Das Zitat stammt nicht aus Byrons Gedicht Solitude, sondern aus Byrons Langgedicht Childe Harold’s Pilgrimage, Canto IV, Stanze XXVIII)

Welch ein Entzücken dieser leere Strand erregt,
in Gemeinschaft mit der tiefen See, wo keiner stört;
Wie Musik tost das brausende Meer;
Die Menschen liebe ich durchaus, doch die Natur noch mehr.

(deutsche Übersetzung Heide Fruth-Sachs)

8) Lord Byron

The Eve of Waterloo (Langgedicht) 

There was a sound of revelry by night,
And Belgium’s capital had gathered then
Her beauty and her chivalry, and bright
The lamps shone o’er fair women and brave men.
A thousand hearts beat happily, and when
Music arose with its voluptuous swell,
Soft eyes looked love to eyes which spark again,
And all went merry as a marriage bell;
But hush! hark! A deep sound strikes like a rising knell! …

Am Vorabend von Waterloo

Es gab ein rauschendes nächtliches Fest,
Auf dem sich die Schönen und Edlen
Aus Belgiens Hauptstadt versammelt hatten.
Im Glanz der Lichter saßen reizende Frauen und tapfere Männer.
Tausend Herzen schlugen glücklich; und als
Musik mit ihrem vollen Klang ertönte,
Blickten liebevolle Augen in Augen, die wiederum glänzten,
Und alle freuten sich, als läuteten Hochzeitsglocken;
Aber, still! Horcht! Ein tiefer Ton schlägt an gleich einer Totenglocke! …

(deutsche Übersetzung: Heide Fruth-Sachs)

9) Lord Byron aus Childe Harold’s Pilgrimage, Stanze XXVII

Oh, wäre doch die Wüste meine Heimat,
und ein lieblicher Geist an meiner Seite …

10) Morse-Rufzeichen (lizenziert auf eine bestimmte Frequenz) für die Olympic, UK

11) Math.10, 29-31

12) Idiom für „Grund des Meeres“. Letzte Ruhestätte für ertrunkene Seeleute. Davy Jones: Spitzname für den Teufel des Meeres;

13) Lily Langtry, britische Gesellschaftsdame (1853-1929)

14) Little Eva, The Flower of the South, anonymes Kinderbuch, 1853

15) militärisches Geschoß, das schwere Verletzungen zufügt.

16) Evangeline: poetische Gestalt in einem Versepos (1847) von H.W. Longfellow

17) Great War Veteran’s Association / Verband der Kriegveteranen des 1.Weltkriegs

18) englische Symbolfigur

19) H.G.Wells (1866-1946), englischer Schriftsteller; Pionier der Science-Fiction-Literatur

20) Hörfunksender New York und Pittsburg

21) Samuel de Champlain (1574-1635) gründete die erste französische Siedlung in Kanada aus der später Quebec wurde.