Wort Jahwes an Hosea Beerissohn

Wort Jahwes an Hosea Beerissohn[1]

(Hosea I 2) Jahwe sprach zu Hosea: „Nimm dir eine Frau!“ (3) Da nahm er Gomer Diblajimstochter. Sie wurde schwanger und gebar ihm einen Sohn. (4) Und Jahwe sprach zu ihm: „Nenn ihn Jesreel! denn in Kürze ahnde ich den Mord von Jesreel[2] am Haus Jehus und mache ein Ende dem Reiche Israel.“ (6) Und sie wurde abermals schwanger und gebar eine Tochter. Und Jahwe sprach: „Nenn sie Nicht-begnadet! denn ich will dem Hause Israel nicht mehr gnädig sein.“ (8) Als sie die Nicht-begnadet entwöhnt hatte, wurde sie nochmals schwanger und gebar einen Sohn. (9) Und Jahwe sprach: „Nenn ihn Nicht-mein-Volk! denn ihr seid nicht mein Volk und ich nicht euer Gott.“[3]

II Scheltet eure Mutter[4], ja scheltet!

Sie denkt: Ich will zu meinen Buhlen[5] gehn,
die geben mir Brot und Wasser, Wolle und Flachs, Öl und Wein.

Sie merkt nicht daß ich ihr gebe Korn Most und Öl.

Drum will ich wieder an mich nehmen mein Korn und meinen Most,
abreißen meine Wolle und meinen Flachs die ihre Blöße bedecken,

ein Ende machen ihrer Lust: Erntefest Neumond und Sabbat,

verwüsten ihre Reben und Feigenbäume,
zum Fraß sie geben den Tieren des Feldes.

VI Kommt, laßt uns umkehrn zu Jahwe!
Er hat uns zerrissen und wird uns heilen;
Er hat uns verwundet und wird uns verbinden.

Nach zwei Tagen wird er uns neu beleben,
am dritten uns aufrichten, daß wir vor ihm leben.

Wie Winterregen wird er uns kommen,
wie Frühlingsregen der die Erde erquickt.

Was soll ich dir tun, Israel? Was soll ich dir tun, Juda?
Eure Liebe ist wie Morgengewölk, wie Tau der früh verschwindet.

An Liebe hab ich Gefallen und nicht an Schlachtopfern,
an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.

VIII Sie säen Wind und ernten Sturm.

X Ein üppiger Weinstock ist Israel voll reicher Frucht.
Je mehr Frucht er brachte, desto zahlreicher seine Altäre;
je besser es seinem Lande ging, desto schöner seine Malsteine[6].

Aber ihr Herz ist falsch, und nun müssen sies büßen:
Abgebrochen werden die Altäre, die Malsteine zertrümmert,

das Kalb von Betel[7] nach Assur gebracht als Geschenk für den König,
die Höhen[8] zerstört, Dornen und Disteln wuchern auf den Altären.
Da wird man zu den Bergen sagen: Bedeckt uns!
zu den Hügeln: Fallt auf uns!

Sät Gerechtigkeit! so werdet ihr ernten gemäß eurer Einsaat.
Brecht einen Neubruch!

Ihr aber habt Frevel eingepflügt;
so werdet ihr Unheil ernten und die Frucht der Lüge essen.
XI Als Israel jung war, gewann ich es lieb;
Aus Ägypten rief ich meinen Sohn.

Doch je mehr ich sie rief, desto mehr entfernten sie sich:
sie opfern den Baalen und räuchern den Bildern.

XII Mit Lüge umgibt mich Efraim, mit Trug das Haus Israel.

Drum will ich Israel nach seinem Wandel strafen,
Jakob nach seinem Tun vergelten.

Schon im Mutterleib betrog er seinen Bruder,[9]
und in seiner Manneskraft kämpfte er mit Gott;

er kämpfte mit dem Engel und siegte,
(d) er weinte und flehte um Gnade.[10]

XIII Aufgehäuft ist Efraims Schuld, aufbewahrt seine Sünde.

Sollte ich sie aus der Hölle befrein, vom Tod erlösen?
Her mit deinen Seuchen, Tod! her, Hölle, mit deiner Pest!
Mitleid kenn ich nicht mehr.

Erklärungen

[1] Hosea ist der einzige Schriftprofet des Nordreiches. I 4 setzt das Bestehen des Hauses Jehu voraus, ist also vor dem Jahre 746 gesprochen. Den Untergang des Nordreiches kündet Hosea überall als noch bevorstehend an. So muß er spätestens zwischen 746 und 722 gewirkt haben. Das nach ihm benannte Buch gehört zu den am schlechtesten überlieferten und am schwersten verständlichen des israelischen Schrifttums. Es ist offenbar von fremder Hand nachträglich stark überarbeitet worden. Ich sehe alle Heilsweissagungen darin als Zusätze aus der Zeit nach dem Zusammenbruch an. Die von vielen vertretene Auffassung, daß nach Kapitel I – III Hosea auf Jahwes Befehl eine Hure geheiratet habe oder eine Frau, die hinterher zur Hure wurde, infolge seiner starken Liebe aber von ihr nicht habe lassen können, sondern sie nach vorübergehender Verstoßung und ernster Prüfung wieder als Gattin angenommen und nun in seinem Eheerlebnis einen Hinweis Jahwes darauf erblickt habe, daß auch er das ihm untreu gewordene Israel wieder zu Gnaden annehmen werde, halte ich für eine geistvolle, aber allzu gewaltsame Konstruktion. Und so erscheint Hosea in meiner Auswahl nicht als Verkünder der „Botschaft von der unendlichen Liebe Gottes“, sondern als Verkünder des gnadenlosen Strafgerichts, das bald darauf über das Nordreich hereinbrach. Allerdings hat, wie II 7 zeigt, Hosea das Verhältnis Jahwes zu Israel, soweit wir sehen als erster, unter dem Bilde einer Ehe und den Abfall Israels von Jahwe zu andern Göttern als Hurerei dargestellt.

[2] Der Mord von Jesreel ist die 2. Könige IX.X erzählte Ausrottung des Hauses Omri durch Jehu. Was damals im Namen Jahwes geschah (1. Könige XIX 15-18) gilt jetzt als Frevel!

[3] Die seltsamen Namen der Kinder sollen dauernd an den bevorstehnden Untergang des Hauses Jehu und des Reiches Israel erinnern.

[4] Das Gesamtvolk ist die Mutter der einzelnen Volksgenossen.

[5] Als Israel in Kanaan eindrang und aus einem Hirten- zu einem Bauernvolk wurde, übernahm es von den Kanaaniten nicht nur deren Lebensweise, sondern auch Stätten und Formen der Verehrung ihrer Götter, der Baale, die nach dem Volksglauben Spender der Fruchtbarkeit des Bodens waren und blieben. Israels Kriegsgott Jahwe und Kanaans Ackerbaugott Baal wurden mit einander verschmolzen, was um so leichter ging, als das Wort Baal kein Eigenname ist, sondern einfach „Herr“ bedeutet. Es hat aber in Israel nie an Männern gefehlt, die diese Entwicklung und insbesondere die Üppigkeit und Unsittlichkeit der Opferfeste als heidnisch verdammten. Hosea gehört zu ihnen; er nennt deshalb den an den verschiedenen Stätten verehrten Jahwe einfach „die Baale“, so XI 2.

[6] Heilige Steine neben den Altären; vgl. 1. Mose XXVIII 11-22!

[7] Vgl. 1. Könige XII 25-30!

[8] Opferstätten auf den Höhen.

[9] Hier scheint Hosea einer andern Überlieferung als der 1. Mose XXV 21-26 vorliegenden zu folgen; man kann aber statt „betrog“ auch übersetzen „hielt die Ferse (um zu verhüten daß Esau Erstgeborner würde)“.

[10] Vgl. 1. Mose XXXII 23-32!

Israel und Juda. Sage und Geschichte, Weisheit und Hoffnung eines Volkes in Selbstzeugnissen. Hg. u. kommentiert von August Möhle (seit 2017 auch als E-Book)