Das Innerste nach außen gekehrt

Mario Gomes schreibt mit „Gedankenlesemaschinen“ eine andere Geschichte des Inneren Monologs

Von Kathrin FehlbergRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kathrin Fehlberg

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ob der Innere Monolog tatsächlich einen Paradigmenwechsel in der Geschichte des Erzählens markiert, wie Mario Gomes in seinem Buch „Gedankenlesemaschinen“ behauptet, mag dahingestellt bleiben. Dass sich diese besondere Erzähltechnik aber in hochspannenden geistes- und wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhängen entwickelt hat und ein ganz charakteristisches Produkt ihrer Zeit, ein genuin modernes Phänomen ist, daran besteht nach der Lektüre der vorliegenden Arbeit kein Zweifel mehr.

Gomes beginnt mit dem Jahr 1886, als der Innere Monolog seinen ersten viel beachteten Auftritt mit Edouard Dujardins Text „Les Lauriers sont coupés“ hat, der später zum ‚Ursprungstext‘ des Inneren Monologs erklärt werden wird. Erstmals wird darin konsequent eine erzählerische Form verwendet, die dem Leser den scheinbar direkten Zugang zum Innersten einer literarischen Figur ermöglicht. Was sich in ihrem Bewusstsein abspielt, ihre unartikuliert bleibenden Gedanken und Wahrnehmungen werden nicht mehr von einer sichtbaren Erzählinstanz mitgeteilt, sondern in einer Art ‚Gedankenprotokoll‘ unmittelbar wiedergegeben.

Mit Arthur Schnitzlers „Lieutenant Gustl“ und James Joyces „Ulysses“, die zu den bedeutendsten frühen Beispielen Innerer Monologe in der Folge Dujardins zählen und in den Jahren 1900 und 1921 erscheinen, setzt Gomes die anderen beiden Eckpunkte des zeitlichen Rahmens, in dem sich seine Studie bewegt. Denn es ist gerade dieser Zeitraum vom Ausgang des 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts, in dem auf den unterschiedlichsten Gebieten extensiv neue Zugänge zum Innenleben des Menschen erforscht werden und eine historische Situation vorliegt, in der der Innere Monolog entstehen und reüssieren kann. Der Autor begibt sich auf die Spuren der damaligen Entwicklungen und vollzieht an ihnen die Geschichte des Inneren Monologs nach.

Dabei konzentriert sich Gomes auf zwei Kernbereiche. Zum Ersten auf die psychologischen Wissenschaften, die als stärkste Impulsgeber zu Recht besonders hervorgehoben werden. Gomes schlägt den Bogen von der Experimentalpsychologie, die im Laufe des 19. Jahrhunderts den Glauben begründet hatte, selbst das Seelenleben sei mit Hilfe des Experiments erfass- und messbar, über das Konzept des Unbewussten, das gegen Ende des Jahrhunderts wieder aufkommt und rasch eine breite Wirkung entfaltet, bis hin zu alternativen Ansätzen zur Untersuchung psychischer Innenwelten, die an die Seite experimenteller Verfahren treten, also etwa zu Wilhelm Diltheys verstehender Psychologie, zur Psychopathologie als eigenständiger Forschungsrichtung und zu Sigmund Freuds Psychoanalyse.

Als zweiten wichtigen Faktor benennt Gomes die zahlreichen technologischen Errungenschaften jener Zeit. Auf der Basis von physiologischen Messmethoden einerseits und Annahmen über psychologische Gesetzmäßigkeiten andererseits entstehen erste Verfahren und Instrumente zur Lügendetektion, mit denen psychische Inhalte sichtbar gemacht werden. Einer solchen Sichtbarmachung des bisher Unsichtbaren sind auch – wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise – die Hypnose und die Entdeckung der Röntgenstrahlen verpflichtet. Und schließlich geht zeitgleich der Aufschwung der Medien geradezu rasant voran. Schon stehen mit der Fotografie, der Phonografie und der Kinematografie revolutionäre neue Aufzeichnungssysteme zur Verfügung, und so scheint bald auch – und hier kommt die zentrale Denkfigur der Arbeit ins Spiel – die Möglichkeit einer Gedankenlesemaschine nicht mehr fern.

Dies also ist die Situation, die Gomes für die Anfangszeit des Inneren Monologs ausmacht: In diversen Wissenschaftsdisziplinen setzt sich die Auffassung durch, das Innenleben des Menschen sei in mehrere Ebenen und Bewusstseinsschichten gegliedert. Eine Vielzahl innovativer Verfahren ermittelt Zugangswege zu diesem Innenraum und zu dem, was unbewusst und unartikuliert ist. Und die Technik ermöglicht neue Arten der maschinellen Messung und Speicherung. Bemerkenswert ist nun, dass all diese Entwicklungen nicht nur die landläufigen Vorstellungen vom menschlichen Innenleben verändern. Darüber hinaus hinterlassen sie ihre Spuren auch bei den „Lesererwartungen und literarische[n] Konventionen“ und bereiten so, wie Gomes plausibel darlegt, den Boden dafür, dass die neue, ‚erzählerlose‘ Erzählweise des Inneren Monologs von den Lesern angenommen wird, obwohl sie die bisherigen Lesegewohnheiten und das traditionell auktoriale Erzählen massiv unterläuft.

Wie bei der imaginären Gedankenlesemaschine, die das Innerste eines Menschen einsehen kann, werden im Inneren Monolog Bewusstseinsinhalte wiedergegeben, die einem vermuteten Stadium des Vorbewussten und Vorartikulierten nachempfunden sind. Dabei treten Dinge zutage, die sich der Darstellung, insbesondere in ihrer schriftlich fixierten Form, entziehen und vor allem auch entziehen wollen. Dass darin ein gewaltiges Enthüllungspotenzial steckt, das sowohl der Aufklärung wie der Bloßstellung dienen kann, erklärt die enorme suggestive Wirkung, die von dieser Erzählweise ausgeht. Und schließlich ist da noch die außergewöhnliche Art der Präsentation: Kein erkennbarer Erzähler erzählt hier mehr eine Geschichte, sondern der Text erscheint nur noch als Notat, als Protokoll eines neutralen, quasi maschinell-objektiven Aufzeichnungssystems.

Von diesen Parallelen zwischen einer Gedankenlesemaschine und dem Inneren Monolog geht Gomes aus, um seine „Modelle für eine Poetologie des Inneren Monologs“ zu erstellen. Dies gelingt ihm ausgezeichnet überall dort, wo er die Erscheinungs- und Funktionsweise des Inneren Monologs mit der damaligen Wissenschaft, der Mentalitäts- und Technikgeschichte in Bezug setzt und von dort aus immer wieder Brücken zur zeitgenössischen Literatur schlägt. So kommen originelle Verknüpfungen zustande, beispielsweise zwischen der 1882 in Cambridge gegründeten „Society for Psychical Research“, Vampirgestalten wie Bram Stokers „Dracula“, okkultistischen Strömungen und C. G. Jungs Assoziationsexperimenten. Unterschiedliche Aspekte des Inneren Monologs – wie der des Voyeurismus, der potenziellen Übergriffigkeit, einer imaginierten Seelenkommunikation und gleichzeitiger körperlicher Gebundenheit – bekommen durch weitreichende Querverbindungen eine beeindruckende Tiefenschärfe. Besonders deutlich werden vor allem auch jene Merkmale des Inneren Monologs, die ihn als spezifisch moderne Erscheinung ausweisen. Das Flüchtige und Unzusammenhängende der wiedergegebenen Bewusstseinsinhalte, das Fehlen einer erkennbaren Ordnungsinstanz und die Überlagerung verschiedener Ebenen sind nur einige davon. In ihnen zeigt sich nicht nur die problematische Befindlichkeit des Menschen in der Moderne, sondern auch, auf welche Weise sie in die Literatur eingegangen ist und dort eine neue Formsprache geprägt hat.

Die narratologischen und interpretatorischen Schlussfolgerungen, die Gomes aus diesen Beobachtungen zieht, sind dagegen nur teilweise ergiebig. Die von ihm zunächst rekapitulierten erzähltheoretischen Grundlagen fallen mit Erläuterungen zu Franz K. Stanzels Erzählsituationen, zu den Kommunikationsebenen und -instanzen doch sehr allgemein aus und sind teils schon überholt. Verdienstvoll ist aber seine anschließende differenzierte Aufbereitung unterschiedlicher Formen literarischer Gedankendarstellung. Gomes versucht, den Inneren Monolog narratologisch zu bestimmen und ihn von anderen Arten, Figureninnenwelten zu präsentieren, abzugrenzen. Damit schafft er eine Überblicksdarstellung, die die zahlreichen und teilweise irreführenden Begriffsverwendungen – wie erlebte Rede, Psycho-Narration oder Bewusstseinsstromtechnik – sinnvoll systematisiert.

Allerdings fällt schon hier ein Problem auf, das geradezu unvermeidlich scheint, wenn ein metaphorisch so stark besetztes Konzept wie das einer Gedankenlesemaschine zum Leitmotiv einer wissenschaftlichen Untersuchung gemacht wird. Das hat zwar den charmanten Vorteil, den tendenziell eher spröden narratologischen Gegenstand lebendig und anschaulich darstellen zu können. Gleichzeitig besteht aber auch das Risiko, diese Metaphorik über Gebühr zu strapazieren und sie zu stark mit in die Analysesprache zu übernehmen, was nicht eben zur Präzisierung des ohnehin sehr diffizilen Gegenstands beiträgt. Und unter Umständen ist ein solches Konzept auch zu begrenzt, um all die Inhalte, die eigentlich mit ihm erklärt werden sollen, auch tatsächlich erklären zu können.

Am deutlichsten wird das dort, wo Gomes seine Befunde an konkreten Textbeispielen demonstriert. Für das nämlich, was er an James Joyces „Ulysses“ und Arthur Schnitzlers Novellen „Lieutenant Gustl“ und „Fräulein Else“ zeigen will, erweist sich das Prinzip der Gedankenlesemaschine als bei weitem zu enger Rahmen. Das tut den scharf beobachteten und instruktiven Ausführungen zu den Monologen von Stephen Dedalus und Molly Bloom einerseits und denen von Gustl und Else andererseits zwar keinen Abbruch. Sie haben nur eben nicht mehr sehr viel mit dem Inneren Monolog an sich oder mit seiner narratologischen Bedeutung als Gedankenlesemaschine zu tun. Vielmehr legt Gomes in seinen close readings der Texte poetologische Tiefenschichten frei, die ganz grundsätzliche Aspekte von Semiotik, Schriftlichkeit und Kommunikationsverläufen betreffen. Das eröffnet reizvolle neue Perspektiven auf die analysierten Texte, allerdings ist damit nicht zwangsläufig auch ein direkter interpretatorischer Mehrwert verbunden. Um diesen geht es Gomes aber auch viel weniger als darum, anhand der Textbeispiele seine vorher entwickelten Modellierungen weiterzuführen – eine Gewichtung, die für eine Arbeit mit ausdrücklich theoretischem Anspruch keineswegs unüblich ist, wenngleich etwas konkretere Interpretationsbezüge wünschenswert gewesen wären.

Insofern bietet die vorliegende Arbeit keine bahnbrechenden narratologischen Erkenntnisse oder bestimmte Interpretationsverfahren zum Inneren Monolog. Wer aber über die funktionalen und systematischen Aspekte hinaus den Inneren Monolog auch als literarische Erzähltechnik verstehen will, die in mehr als einer Hinsicht ein Abbild ihrer Zeit ist, und die das Wissen und das geistige Klima dieser Epoche in ihren eigenen Voraussetzungen, Mechanismen und Konsequenzen widerspiegelt, der ist mit der Studie von Mario Gomes bestens beraten. Ihr großer Reiz liegt in dieser historischen Perspektivierung, die in kreativen Denkbewegungen neue Seiten am Inneren Monolog, an der Zeit um 1900 und am Selbstverständnis der Moderne sichtbar macht. Auf so illustrative und anregende Weise wie anhand der „Gedankenlesemaschinen“ von Mario Gomes dürfte die Geschichte des Inneren Monologs bisher noch nicht erzählt worden sein.

Titelbild

Mario Gomes: Gedankenlesemaschinen. Modelle für eine Poetologie des Inneres Monologs.
Rombach Verlag, Freiburg 2009.
188 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-13: 9783793095521

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